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Der siebente Mann

Max Brand: Der siebente Mann - Kapitel 26
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDer siebente Mann
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
printrun
translatorHellmuth Wetzel
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180215
projectid281479f7
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Fünfundzwanzigstes Kapitel.
Der Kampf

»Das ist Dan!« flüsterte Kate. »Er ist gekommen.«

»Kann sein, Daddy Dan hat Bart allein nach Hause geschickt, Mutter.«

»Tut er das oft? Komm schnell, Joan, lauf!«

Sie rannte dem Ausgang zu. Sie stolperte oft auf dem unebenen Boden. Joan zog sie hinter sich her. Aber kaum waren sie in die Nähe des Hundes gekommen, als er das Fell sträubte und ein Knurren ausstieß, das Kate zum Halten brachte wie eine unsichtbare Schranke. Kate und Joan wußten sofort, daß dieses bösartige Grollen sein Ultimatum darstellte. Wenn Kate ihren Revolver bei sich gehabt hätte, einen leichten, prachtvoll montierten 3,2-kalibrigen, den Dan ihr geschenkt hatte, hätte sie den Wolf niedergeschossen und wäre über seine Leiche weg geflüchtet. Dan hatte ihr Unterricht gegeben, sie schoß schnell und sicher. Sogar jetzt, da sie mit bloßen Händen dastand, blickte sie sich verzweifelt nach irgendeiner Waffe um. Sie sah das Tageslicht, das lockend durch den Höhleneingang fiel, und nur die stumme Kreatur stand zwischen ihr und ihrer Freiheit.

Einmal schon, vor vielen Jahren, war sie mit leeren Händen, ohne jede Waffe, Black Bart entgegengetreten und hatte ihn durch die bloße Kraft ihres Willens und ihrer Augen zur Unterwerfung gezwungen. Sie entschloß sich, den Versuch noch einmal zu wagen.

»Bleib ruhig hier stehen, Joan. Rühr' dich nicht, eh ich dir's sage.«

Festen Schrittes trat sie auf den Hund zu.

»Mutter, er wird dich beißen!«

»Still, Joan, sprich nicht!«

Als sie sich näherte, drückte sich der Wolfshund dicht an den Boden. Sie sah, wie sich seine riesigen Vordertatzen – sie waren groß wie eine Männerhand – in den Boden gruben, wie das Tier einen Stützpunkt suchte, um ihr an die Kehle zu springen.

»Ruhig, Bart!«

Das Tier gab keinen Laut von sich, und dies Schweigen war fürchterlicher als sein zähnefletschendes Knurren; trotzdem streckte Kate die Hand aus und machte einen zweiten Schritt. Barts Körper straffte sich, die Zotteln um seinen Hals sträubten sich wie die Mähne eines Löwen, und in seinen Augen glomm ein teuflisches grünes Licht. Kate behauptete ihren Platz, aber dann erinnerte sie sich an das, was Haines erzählt hatte – Bart war an dem blutigen Tag von Alder bei seinem Herrn gewesen! Einmal schon hatte er Menschenblut vergossen, und deshalb würde er es wieder tun. Gewiß war er wild gewesen auch zu der Zeit, wo sie ihn schon einmal zur Unterwerfung gebracht hatte, aber niemals war er so furchtbar gewesen wie jetzt. Ihr Mut schmolz dahin. Sie vergaß das lockende Sonnenlicht draußen, sie sah nichts als diese wutentflammten Augen, die auf sie gerichtet waren, und wich zögernd in den Hintergrund der Höhle zurück. Die Muskeln des Hundes entspannten sich – es war so deutlich, daß man es von weitem sah – und erst jetzt begriff Kate ganz, wie nahe sie der äußersten Gefahr gewesen war.

»Garstiger Bart!« rief Joan und stürzte sich zwischen den Hund und ihre Mutter. »Böser, böser Hund!«

»Bleib, Joan! Komm ihm nicht nah!«

Aber Joan hatte das Tier fast erreicht. Kate wollte nachlaufen und sie zurückreißen. Ein teuflisches Knurren brachte sie zum Halten. Und jetzt sah sie, daß Joan nicht die geringste Gefahr lief. Sie stand neben dem Hund und hob ihre geballte kleine Faust.

»Ich sag' Daddy Dan alles über dich!« schrillte ihr Stimmchen.

Black Bart duckte sich scheu. Aber gleich darauf stand er wieder drohend aufgerichtet und sandte sein bösartiges Knurren zu Kate hinüber. Dann glitt ein Schatten über den Höhlenmund, und Dan stand im Eingang. Sein Blick wanderte von dem Hund, der mit gesträubtem Fell dastand, zu Kate hinüber, die sich zaghaft tiefer in die Schatten drückte. Kein Funke des Erkennens blitzte in seinen Augen.

»Satan,« befahl er, »geh an deinen Platz!«

Der Rappe glitt an seinem Herrn vorbei und lief vorwärts, bis er zu Kate kam. Er machte halt, schnaubte, warf den Kopf hoch und legte mit einem bösartigen Ausdruck die Ohren zurück. Dann machte er einen Bogen um die Stelle, wo sie stand, lief an den Platz, wo gewöhnlich sein Sattel aufgehängt wurde, und blieb wartend stehen. Kate spürte, wie die Augen des Pferdes, des Mannes, des Hundes, ja sogar Joans Augen, sie scharf beobachteten.

»'n Abend,« nickte Dan, »bist zum Abendessen 'raufgekommen?«

Nichts sonst. Er kam nicht näher, hatte kein Lächeln, keinen Gruß für sie. Zwischen den beiden stand Joan. Sie hatte die Händchen auf den Rücken gelegt. Ihr Blick wanderte von Gesicht zu Gesicht. Sie bemühte sich zu verstehen, was vorging. Alles, was eine Frau von ihren Mädchentagen bis ins Greisenalter an Schmerz erdulden kann, preßte sich glühend in Kates Brust zusammen – einen Atemzug lang – dann war sie kalt und gefaßt. Sie sah sich und die anderen mit klarem unbeirrbaren Blick.

»Ich bin nicht zum Abendbrot gekommen, ich bin gekommen, um dich zurückzuholen, Dan.«

Sie hatte nicht die leiseste Hoffnung, als sie es sagte. Aber sie beobachtete ihn gespannt – beinahe als sei er ein ihr völlig Fremder – . Sie wollte sehen, was er ihr zur Antwort gab.

»Mitkommen?« wiederholte er. »Nach dem Haus hinunter?«

»Wohin sonst?«

»Ich fühl' mich da nicht wohl.« Er zuckte zusammen. »Komm du doch ganz herauf, Kate, und bleib' bei uns.«

»Und Joan soll wie ein junges Tier in einer Höhle groß werden?«

Er blickte sie erstaunt an, dann Joan.

»Gefällt dir's hier nicht, Joan?«

»Oh, Daddy Dan, Joan gefällt's so gut hier.«

»Da hörst du's selbst,« sagte er zu Kate, »es gefällt ihr schrecklich gut.«

Kate sah, daß er sie nicht im geringsten verstand. Sie begriff, daß alle Bitten, alle Überzeugungsversuche zwecklos waren. Sie beherrschte sich eisern, aber unter ihrer äußerlichen Gefaßtheit lauerte wildeste Verzweiflung. Sie liebte ihn ja noch. Wenn die Gespanntheit ihres Willens nur einen Augenblick nachließ, war sie ihm verfallen. Mit furchtbarer Anstrengung zwang sie sich, klar und gefaßt zu bleiben; es war, als reiße sie sich gewaltsam los von ihrem eigenen Ich, und als sie den Mund öffnete, war es ihr, als stünde dieses andere Ich neben ihr und wundere sich über das, was es hörte:

»Du hast dir dieses Leben selbst gewählt, Dan. Ich will dir keinen Vorwurf daraus machen, ebensowenig, wie ich dir vor Jahren einen Vorwurf daraus gemacht habe. Ich denke, es ist gar nicht dein eigener Wille, der dich dazu zwingt. Es ist derselbe Trieb, der dich damals südwärts gejagt hat – den Wildgänsen nach. Aber mag es nun deine Schwäche sein oder eine Gewalt, die außerhalb deines Willens steht, und über die du nichts vermagst, eines seh' ich klar: so kann es zwischen uns nicht weitergehen. Das Ende ist da.«

Er schien aus der Fassung gebracht zu sein, aber es war nur eine dumpfe, verständnislose Beunruhigung, wie etwa ein Hund besorgt ist, wenn er ein Kind weinen sieht und nicht versteht, warum.

»Oh, Dan,« brach es aus ihr hervor, »ich liebe dich mehr als jemals. Wenn ich allein wäre, ich folgte dir bis zum Ende der Welt. Ich würde leben, wie du lebst, und tun, was du tust. Aber da ist Joan. Sie muß aufgezogen werden, wie ein Kind aufgezogen werden soll. Sie kann nicht ihr ganzes Leben in der Gesellschaft wilder Pferde und wilder Wölfe verbringen. Siehst du denn nicht, was geschieht, wenn sie noch länger hierbleibt? – Daß dasselbe Etwas, das der Fluch deines Lebens ist, in ihr erstarken und wachsen wird, bis es auch der Fluch ihres Lebens ist? Siehst du denn nicht, wie es jetzt schon wächst? Es malt sich schon in ihren Augen. Ihr Schritt ist zu leicht, sie fürchtet sich nicht mehr im Dunkeln. Sie wird langsam, rettungslos, zum wilden Tier. Dan, sie muß mit mir nach Hause zurück!«

Sie sah, wie er zum zweitenmal zusammenzuckte. Seine Hand streckte sich mit einer raschen Bewegung nach Joan aus.

»Laß sie mir hier! Ich muß sie bei mir haben! Sie gehört mir!« Dann sanfter: »Du kannst herkommen und sie besuchen, sooft es dir gefällt. Und will's Gott, vielleicht kommst du schließlich ganz herauf und bleibst bei uns.«

Er war zu Joan getreten. Seine Hand machte eine rasche liebkosende Bewegung über ihren goldenen Scheitel, ohne das Haar zu berühren. Zum erstenmal in ihrem Leben und zum letztenmal, sah Kate etwas in seinen Augen, das der Furcht glich.

»Kate, ich kann nicht mit zurück! Ich hab' hier was zu tun – hier draußen.«

»Dann laß sie mitkommen.«

Sie beobachtete gespannt, wie es in ihm kämpfte.

»Es ist so leer hier, wenn sie weg ist, Kate.«

»Wieso?« fragte sie bitter. »Du sagst doch selbst, du hast hier zu tun.«

Er dachte lange und ernsthaft über diesen Einwand nach.

»Ich weiß es auch nicht! Bloß sie fehlt mir so!«

Sie wußte von früher her, daß solche Fragen ihn nur verwirrten, daß er bald des Nachdenkens müde sein und einfach handeln würde. Handeln, das war etwas, worin er sich zu Hause fühlte! Aber es gab noch ein Gebiet, auf dem er ohne Fehl und ohne Wanken sich selbst treu blieb: sein Gerechtigkeitsgefühl. Sie entschloß sich zu einem letzten Versuch.

»Dan, ich kann sie nicht einfach mit wegnehmen. Ich bitte dich, sieh doch ein, daß ich im Recht bin. Das Kind gehört zu mir. Ich habe es mit Schmerzen erkauft.«

Dies traf den Pfeifenden Dan wie ein Keulenschlag. Er nahm den Hut ab und fuhr sich langsam mit der Hand über die Stirn. Dann starrte er sie dumpf und flehend an.

»Ich will ja nur, daß du tust, Dan, was recht und billig ist.«

Wieder zuckte er zusammen.

Langsam und stammelnd antwortete er: »Ich versuch' ja, gerecht zu sein. Ich geb' mir alle Müh'. Ich weiß, du hast ein Recht auf sie. Aber mir ist so, als hätt' ich auch ein Recht auf das Kleine. Kommt mir manchmal just so vor, als wär' sie ein Stück von mir. Wenn sie vergnügt ist, ist mir's immer, als müßt' ich auch lachen, wenn sie weint, tut mir's weh, daß ich's kaum aushalten kann.«

Er stockte und sah gequält von ihr nach dem Kind, das sie beide anstarrte.

Und dann schien er plötzlich einen Einfall zu haben. »Laß sie doch selbst entscheiden! Du sollst sie fragen, ob sie mit dir kommen will, und ich frag' sie, ob sie bei mir bleibt. Ist das nicht gerecht?«

Kate zauderte, aber dann blickte sie Joan an. Es war doch ihr Kind. Eine Mutter brauchte ihrem eigenen Kind doch nur die Arme hinzustrecken, und dann gäbe es keine Macht der Erde, die sie trennen könnte.

»Es ist nur gerecht«, antwortete sie. Dan ließ sich auf ein Knie nieder.

»Joan, pass' auf! Wenn du hierbleiben willst bei – bei Satan – Heraus mit der Sprache, Satan!« –

Der Rappe stieß ein leises Wiehern aus, und Joan lächelte.

»– bei Satan und Black Bart –« Der Wolfshund war näher herangeglitten und beobachtete genau, was vorging, »und bei Daddy Dan, dann komm her zu mir, aber wenn du meinst, du willst zu – zu Mutter gehen, dann geh.« Man konnte auf seinem Gesicht lesen, wie er darum kämpfte, bis zum letzten gerecht zu bleiben. »Wenn du hierbleibst – 's kann sein, 's wird manchmal grimmig kalt werden, wenn der Winterwind bläst, kann sein, 's werden auch sonst manchmal harte Zeiten sein. Und wenn du mit Mutter gehst – Mutter wird sich immer um dich sorgen, und niemals wird sie dir ein Leid geschehen lassen, und du wirst sanft in weichen Kissen schlafen. Und wenn du in der Nacht aufwachst, wird sie da sein, um dich zu trösten. Und du wirst hübsche Kleidchen bekommen in allen Farben – denk' ich. Joan, willst du zu Mutter oder willst du hier bei mir bleiben?«

Es war für Joans Fassungsvermögen vielleicht eine zu lange Rede, aber der Schluß war leicht genug verständlich; und da war Kate, auch sie auf den Knien, die Arme weit ausgestreckt.

»Joan, mein Kind, mein Liebling!«

»Mutter!« flüsterte das Kind und rannte auf sie zu.

Ein Knurren grollte in Black Barts Kehle und starb in einem Winseln dahin; Joan blieb stehen und wandte den Kopf.

»Joan!« rief Kate.

Es war ein gellender Schrei tiefster Herzensangst. Vor dieser lauten Stimme zuckte Joan zurück. Niemals hörte man in der Höhle einen rauhen Laut, außer wenn Barts drohendes Knurren eine Gefahr von der Schwelle vertrieb. Sie kehrte ihrer Mutter den Rücken. Da stand Daddy Dan, hoch aufgerichtet – allem Anschein nach gänzlich gleichgültig dagegen, auf wen ihre Wahl fiel. Sie stürzte auf ihn zu und haschte nach seinen Händen:

»Oh, Daddy Dan, ich will nicht weg. Willst du Joan nicht mehr haben?«

Er legte eine Hand auf ihren Kopf. Sie spürte, wie seine Finger zitterten. Der Wolfshund ließ sich zufrieden zu ihren Füßen nieder und blickte ihr ins Gesicht. Aus dem Dunkel kam Satans leises Wiehern.

Danach sprach niemand mehr ein Wort. Kate betrachtete die Gruppe. Sie sah, wie in den Augen des Pfeifenden Dans sich ein dumpfes Mitleid mit ihr malte, sie sah die hilflose Verwunderung in Joans Kinderaugen, und sie begriff in vollem Umfang, was sie verloren hatte. Sie machte kehrt und lief hinaus. Ihr Kopf sank auf die Brust, und ihre Füße stolperten über die Kiesel, die ihr im Weg lagen.

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