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Der siebente Mann

Max Brand: Der siebente Mann - Kapitel 25
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDer siebente Mann
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
printrun
translatorHellmuth Wetzel
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180215
projectid281479f7
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Vierundzwanzigstes Kapitel.
Das Lied der Wildnis

Kates Pferd trug sie mühelos bis zum Fuß des letzten Abhangs, den es zu erklimmen galt. Darüber hinaus vermochte höchstens ein Tier von der unheimlichen Kraft und Anpassungsfähigkeit Satans vorzudringen. Deshalb ließ Kate ihr Reittier unten in der Schlucht und kletterte zu Fuß weiter.

Obwohl sie ungefähr wußte, wo die Höhle lag, war der Weg nicht leicht zu finden. Die Bergwand war wie von riesigen Krallen zerrissen. Ein verwirrendes Netzwerk von Schluchten, die nirgendwohin führten. Hier und da duckte sich kümmerliches Latschenkiefergestrüpp im Schatten eines Felsblocks, der jeden Moment das Gleichgewicht zu verlieren und krachend talabwärts zu stürzen drohte. Lange suchte sie vergebens. Ein scharfer, eisiger Wind, der den Frosthauch der Schneegipfel mit sich trug, riß und zerrte an ihren Kleidern und trieb ihr scharfe Sandkörner ins Gesicht. Er pfiff und heulte ihr in den Ohren, und es dauerte lange, bis sie darunter noch einen anderen Ton vernahm, ein dünnes, schrilles Pfeifen, das mit der Stimme des Windes beinahe verschmolz.

Erschrocken machte sie im Schutz eines Felsblockes halt und blickte sich um. Rechts und links zogen sich gewaltige Bergrücken in die Ferne. Der Anblick ihrer wuchtigen Massen gab ihr neuen Mut. Sie horchte hinaus. Der Felsen schützte sie gegen den Wind. Sie konnte nun das Pfeifen deutlicher hören. Es war dünn und scharf wie ein nadelfeiner Lichtstrahl, der in ein dunkles Zimmer fällt, und brachte Kate zum Zittern. Sie stand lauschend hinter dem Felsen. Das Pfeifen brach plötzlich ab. Kate raffte alle Energie zusammen und eilte auf die Stelle zu, wo es hergekommen war. Sie hatte nicht weit zu gehen. Der Wind hatte sie über die Entfernung getäuscht. Vor ihr öffnete sich der schmale hohe Felsspalt, der in die Höhle führte. An dem Eingang lag ein Felsbrocken. Joan saß darauf. Ihr blaues Mäntelchen war nirgends zu sehen, statt dessen war ein dunkles Tierfell um sie gewickelt. Der Kopf war unbedeckt, und der Wind zerrte an ihren goldenen Locken. So einsam und verloren wirkte die kleine Gestalt in der wilden Umgebung, daß es Kate einen Stich ins Herz gab. Ihr Fuß stockte. Joans Kopf sank nach rückwärts gegen die Felswand. Ihre Augen schlossen sich halb, ihre Lippen spitzten sich. Sie pfiff die schrille, geisterhafte Melodie, die Kate eben gehört hatte. Mit einem Sprung war die Mutter bei ihrem Kind.

»Joan!« rief sie. »Armes Kleines!«

Ihre Arme breiteten sich aus, um das Kind an die Brust zu drücken, aber Joan glitt ihr unter den Fingern weg. Ein paar Schritte weiter blieb sie stehen, die Hände hinter sich gegen die Felswand gestemmt, jeden Augenblick bereit, die Flucht zu ergreifen. Ihre Haltung verriet keine Angst, eher den entschlossenen Willen, bis zum letzten ihre Freiheit zu verteidigen. Kate lag auf den Knien, die Arme weit ausgebreitet.

»Joan, Kind, hast du denn Mutter ganz vergessen?«

Nach und nach verflackerte der Ausdruck wilder Scheu in Joans Blick.

»Mutter?« kam es in zweifelndem Ton.

Aber sie stieß keinen Jubelschrei aus. Sie kam nicht auf ihre Mutter zugelaufen, um sie mit ihren Ärmchen zu umschlingen. Kate empfand ein seltsames Gefühl der Trockenheit im Mund. Ihre Kehle war wie zugeschnürt. Trotzdem – ihrer Stimme durfte man nichts anmerken!

»Wo ist Daddy Dan?«

»Er ist weggegangen.«

»Wohin denn?«

»Oh – da drüben hin!«

Die Mutter stand langsam vom Boden auf. Ihre Augen irrten hilfeflehend über die Berge im Umkreis. – Da drüben hin! – Ihre Erinnerung schweifte zurück in die Vergangenheit. Ihr Vater hatte ihr einst erzählt, wie Dan Barry auf die Cumberland Ranch gekommen war. Es war am Abend gewesen, auf dem Heimritt, mitten in den öden Bergen, als der alte Cumberland gegen den vom Sonnenuntergang geröteten Himmel einen zerlumpten kleinen Kerl erblickte, der fröhlich ausschritt und im Wandern eine seltsame Melodie vor sich hinpfiff. »Wohin geht die Reise?« hatte der Alte gefragt. Und der Kleine – Dan war es gewesen – hatte mit einer flüchtigen Handbewegung gen Norden gewiesen und geantwortet: »Oh – da drüben hin.« Sonst nichts. Das unbestimmte Ziel schien ihm zu genügen. Jetzt hörte Kate dieselben Worte aus dem Munde ihres Kindes. Sie mußte daran denken, wie sie, damals selbst noch ein Kind, an ihres Vaters Tisch gesessen und gebannt dem fremden Jungen in das braune Gesicht gestarrt hatte. Sie erinnerte sich noch genau; seine raschen, wilden Augen waren rastlos umhergeschweift, ohne irgendwo zu haften. Ah, es waren dieselben Augen, die sie jetzt aus Joans Gesicht anstarrten. Es war ihr, als sei dies Kind nicht ihr Kind, als sei Joans Blut nur Vaters Blut.

»Hat er dich hier ganz allein gelassen?« murmelte sie.

Das Kind betrachtete sie mit neugierigem Erstaunen.

»Joan ist nicht allein.«

Sie stieß einen leisen Pfiff aus. Um eine Ecke des Felsens spähten die funkelnden Knopfäuglein und die scharfe Nase eines jungen Koyoten. Aber kaum hatte er die fremde Frau erblickt, als er schleunigst wieder verschwand. Kate fühlte, wie ihre Energie sie im Stich ließ. Hilflos sank sie auf einem der herumliegenden Steine nieder und versuchte, ihre Gedanken zu ordnen und des eisigen Schreckens Herr zu werden. Sie dachte an den Tag auf der Cumberland Ranch, an dem Dan den verwundeten Wolfshund, Black Bart, mit nach Hause gebracht hatte.

Aber noch andere Ohren hatten Joans Lockruf vernommen. Ein Eichhörnchen kam angehüpft, daß der buschige Schweif tanzte, war mit zwei Sätzen an der Felswand hoch und auf Joans Schulter. Von dieser luftigen Warte aus entdeckte es plötzlich Kate. Augenblicklich war es wieder zu Boden geglitten und fegte, erbost schnatternd, ins schützende Dunkel der Höhle hinein.

Die Tiere der Wildnis kamen zu Joan, wie sie zu ihrem Vater kamen. Die Augen des Kindes waren Dan Barrys Augen. Die Binde fiel von Kates Augen, zum erstenmal begriff sie. Sie hatte gekämpft, um Dan seinem früheren Leben abspenstig zu machen, aber jetzt wußte sie, daß es sich nicht nur um eine Gewohnheit handelte, der er unterlag, sondern daß er seiner Natur und seiner ganzen Veranlagung nach ein Geschöpf der Wildnis war. Und es war, als ob sein Blut, das Blut des Unbezähmbaren, das unheilvolle Erbe weitertrage. Schon hatte es ihr Kind verwandelt, das sie vor sich sah. Noch ein paar Tage und Joan war für immer dem Bann verfallen.

»Er hat dich hier allein gelassen!« wiederholte sie. »Hier, wo dir tausenderlei Unheil zustoßen kann. Gott sei Dank, daß ich dich gefunden habe.«

Joan verstand schwerlich, was die Worte bedeuteten, aber der Ton, in dem sie gesprochen wurden, enthielt etwas, das sie augenblicklich begriff.

»Kannst du Daddy Dan nicht leiden?«

»Joan, Joan! Ich hab' ihn schrecklich gern! Das ist doch klar!«

Aber Joan musterte ihre Mutter mit zweifelndem Blick. Sehr rasch kam ein unbestimmter Ausdruck von Furcht in ihre Augen.

»O Mutter, du darfst mich nicht mit zurücknehmen.«

Wieviel Trauer und Furcht und Abscheu lagen in diesen Worten! Kate traten die Tränen in die Augen.

»Willst du denn immer hierbleiben, Liebling?«

»Ja, Mutter.«

»Ohne mich?«

Joan schüttelte entschieden den Kopf, aber dann wurde sie rasch nachdenklich.

»Nein, bloß wenn wir essen, nicht.«

»Du willst mich zum Essen nicht haben? Die arme Mutter wird solchen Hunger leiden.«

Ein gewaltiges Zugeständnis war im Begriff, sich Joans reuigen Lippen zu entringen. Dann besann sie sich wieder. Von tausend Zweifeln hin und her gerissen, wagte sie nicht den Mund zu öffnen.

»Willst du mich auch nicht haben, wenn du nachts aufwachst?«

»Warum?«

»Weil du dich im Dunkeln fürchtest.«

»Joan hat keine Angst. O nein, Joan mag, wenn's dunkel ist.«

Wenn es Kate gelang, ihr Lächeln zu bewahren, so war es doch nicht viel mehr als eine erstarrte Grimasse. Es war erst ein paar Tage her, daß Joan sie verlassen hatte – es schien erst gestern geschehen zu sein – und schon war sie ihr völlig fremd geworden. Wenn Dan sich nun weigerte, mit ihr zurückzukehren? Wenn er sich sogar weigerte, Joan herauszugeben? Kate fuhr auf und packte Joans Hand.

»Schnell, Joan, wir müssen weg!«

»Joan will nicht weg!«

»Wir gehn nicht weit – bloß ein bißchen spazieren – wir – wir wollen Daddy Dan überraschen.«

»Aber Daddy kommt noch lange, lange nicht zurück. Erst wenn die Sonne da hinter dem Berg ist.«

Das waren noch mindestens zwei Stunden, dachte Kate. Sie konnte sich Zeit nehmen.

»Joan, wer hat dich gelehrt, dich im Finstern nicht zu fürchten?«

Das war eine Frage, die Joan nicht gleich beantworten konnte. Sie blickte sich ratlos um. Leise rief sie: »Jackie!«

Sie wartete. Dann stieß sie einen Pfiff aus. Prompt erschienen die glänzenden Augen des jungen Koyoten. Er lugte vorsichtig um die Ecke des Felsens.

»Komm her!« befahl Joan.

Er kroch mißtrauisch näher. Seine Augen waren scheu auf Kate gerichtet. Dann duckte er sich zu Joans Füßen. Kate drehte der Anblick das Herz im Leibe um. Alle Wesen der Wildnis, die den Menschen haßten und fürchteten, waren von je die Verbündeten und Freunde des Pfeifenden Dan gewesen. Schon handelte Joan wie ihr Vater. Noch kurze Zeit, und die Umwandlung war vollzogen, und Joan folgte, wie Dan Barry, dem geheimnisvollen Ruf der Wildnis, den lockenden Stimmen, für die ein Menschenohr sonst taub ist. Es blieb nur eines übrig: sie mußte Joan von Dan wegnehmen und auch in Zukunft von ihm fernhalten.

»Jackie schläft bei mir«, sagte Joan. »Wir beide können im Dunkeln sehen. Nicht wahr, Jackie?«

Sie sah ihre Mutter an. Jackie, den ihre Augen nicht mehr im Bann hielten, schlüpfte schleunigst davon. Joans Scheu verlor sich ein wenig. Sie schwatzte munter drauflos und berichtete von den Freuden des Lebens in der Höhle. Wie Satan abends im Schein des Feuers mit Black Bart spielte und wie manchmal – wundervolles Erlebnis – Daddy Dan an ihrem Spiel teilnahm. Es war ein endloser Bericht. Sie zog ihre Mutter ins Innere der Höhle hinein. Kate mochte das düstere, beklommene Zwielicht nicht. Sie wurde unruhig und entschied, daß die Zeit gekommen sei, den Heimweg anzutreten.

»Jetzt gehn wir ein bißchen spazieren«, sagte sie.

»Nicht heim! Nicht weg von hier!« rief Joan.

Kate zuckte zusammen.

»Es ist viel, viel netter hier, Mutter. Du solltest mal sehen, was wir zu essen ha'm. Und, Mutter, Daddy Dan kann alles so schön zurechtmachen!«

»Natürlich! Natürlich! Jetzt zieh deinen Mantel an und setz' dein Häubchen auf, Joan.«

»Das hier ist viel, viel wärmer, Mutter.« Und dann: »Magst du's nicht?« Sie war tief bestürzt und streichelte das zarte Pelzwerk.

»Nimm's 'runter!«

Mit einem Ruck hatte Kate das Fell aufgerissen und weit weggeschleudert.

»Oh!« machte Joan atemlos.

»Es ist nicht rein! Es ist nicht rein!« rief Kate. »Oh, mein armes, kleines, goldenes Baby! Komm, Joan, mach' rasch! Hol' dein Mäntelchen und deine Kappe!«

»Kommen wir auch wirklich zurück?«

»Natürlich.«

Gehorsam trottete Joan zur Höhlenwand hinüber und brachte Kappe und Mantel in traurig zerknülltem Zustand zum Vorschein. Kate kleidete sie mit fliegenden Fingern an. Eine Art Frostschauer rüttelte an ihr. Es war finster um sie her. Sie hatte Angst.

Aber als sie sich dem Ausgang zuwandte und Joan an der Hand faßte, riß sich das Kind mit einem Ruck los.

»Wir kommen sicher nicht wieder!« wimmerte sie. »Mutter, ich will nicht gehen!«

»Joan, augenblicklich kommst du hierher!«

Das Kind zitterte vor Kummer und Trotz. Seine Mutter sah es nicht, denn schlimmer noch war das Glitzern in Joans Augen, die gedrückte, scheue und listige Art, in der ihr Blick dem ihrer Mutter auswich. Kates Blut wurde zu Eis. Sie wußte jetzt – wußte es mit voller Klarheit und tiefer Wehmut –, daß Dan für immer verloren war und daß es nur eine Macht gab, die Joan noch retten konnte: ihre Mutter.

»Ich will nicht weg!«

»Joan!«

Keine Antwort. Verstocktes Schweigen. Als sie drohend auf sie zuschritt, duckte sich Joan trotzig in den Schatten der Felswand. Ein schräger Lichtstrahl vom Höhleneingang traf ihre Augen. Ein gelber Funke flackerte leise darin. War es Täuschung, ein Spiel des Lichts? Kate glaubte es deutlich gesehen zu haben. Unwillkürlich stockte ihr Fuß. Dieser neue Schreck hatte ihr den Atem genommen. Dan Barry – Dan Barry hatte einst ein Leben gelebt, das friedlich war wie ein heiterer Sommertag, bis der Banditenführer Jim Silent ihn in der Kneipe niedergeschlagen hatte. Sie erinnerte sich, wie Black Bart sie zu dem Verwundeten geholt hatte, wie Dan bleich und blutüberströmt auf dem Boden ausgestreckt lag. In höchster Besorgnis war sie neben ihm niedergekniet – seine Augen hatten sich geöffnet und sie angestarrt, ohne ihrem Blick Antwort zu geben – und ein gelbes, unheimliches Licht war darin aufgeflackert, das Kate vom Boden auf und aus der Tür getrieben hatte. In wilder Flucht war sie nach Hause gestürmt. Dieser Tag war für Dan Barry der Anfang vom Ende gewesen. Und nun Joan! – Sie lief rasch auf das Kind zu, nahm es in die Arme und riß es hoch. Zunächst setzte sich Joan wie wild zur Wehr. Dann blieb sie starr in Kates Armen liegen. Ein schriller Pfiff gellte durch die Höhle.

Kate erstickte den gellenden Alarmruf mit ihrer Hand, aber als sie kehrtmachte, um zu fliehen, stand der riesige Wolfshund auf der Schwelle der Höhle.

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