Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Max Brand >

Der siebente Mann

Max Brand: Der siebente Mann - Kapitel 24
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDer siebente Mann
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
printrun
translatorHellmuth Wetzel
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180215
projectid281479f7
Schließen

Navigation:

Dreiundzwanzigstes Kapitel.
Schlimme Nachrichten

Die Nachricht von dem Blutbad in Alder – noch heute wird es in den Bergen so genannt – verbreitete sich rasch. Man kann auch nicht behaupten, daß sie auf dem langen Weg an Umfang und Bedeutung eingebüßt hätte. Im Gegenteil. Zwei Tage später hörte Lee Haines, der zu dem armseligen kleinen Weiler im Talgrund hinuntergeritten war, um die Post zu holen, mit eigenen Ohren, wie der Dorfkrämer sie einer Gruppe von Zuhörern zum besten gab. Unmöglich zu erklären, wie die Nachricht in der kurzen Zeit über die unwegsamen Berge gedrungen war. Zuerst ging ein Flüstern von Mund zu Mund, dann ein Raunen. Dann kamen zugleich ein halbes Dutzend Leute an, von denen jeder seine eigene Darstellung der Angelegenheit mitbrachte, und jede neue war immer grausiger als die vorhergehende. Der Dorfkrämer hatte liebevoll aus jeder Lesart die schaurigsten Einzelheiten ausgesucht, sie an dem Faden einer Erzählung aufgereiht, die ihr Dasein lediglich seiner eigenen fruchtbaren Phantasie verdankte, hatte dem Ganzen, bei Gelegenheit verschiedener Probevorträge im Schoße seiner Familie, den letzten Schliff gegeben und brachte jetzt sein Produkt auf den offenen Markt. Am ersten Tag schon hatte er erreicht, daß sich die Leute vom Morgen bis in die Nacht in seinen Laden drängten.

Und folgendes kündete er seinem Publikum, während Lee Haines, der zuhören mußte, vor innerer Ungeduld zitterte und sich fieberhaft bemühte, die wenigen Körnchen Wahrheit von der Spreu zu sondern: Mit dem Glockenschlag Mitternacht war ein Trupp Reiter unter der Führung des berüchtigten halblegendären Raufbolds und Totschlägers, Dan Barry, genannt der Pfeifende Dan, über Alder hergefallen. Während seine Bande – verrufene Banditen allesamt –, mit dem Gewehr in Anschlag, Fenster und Türen bewachte, war Barry mit dem Revolver in der Hand und begleitet von einem Wolf, einem richtiggehenden wilden Wolf, in ein Haus gestürmt und hatte zehn Menschen ohne Grund und Anlaß hingeschlachtet. Was die Sache noch geheimnisvoller machte –: es hatte sich nicht um einen Raubzug gehandelt. Nachdem ihr Blutdurst gestillt war, waren die Banditen verschwunden, wie sie gekommen waren. Aber das war noch nicht alles. Sheriff Pete Glass war auf die Nachricht von dem blutigen Drama nach Rickett, dem Hauptort des Distrikts geritten und erließ jetzt von diesem strategischen Punkt aus einen Aufruf an alle im Kampf erprobten Männer der Berge. Er brauchte zwanzig Mann, deren Mut, Ausdauer, Raschheit und Sicherheit über jeden Zweifel erhaben sein müßte.

»Und«, schloß der Krämer, während sein Blick auf Lee Haines hängenblieb, »wenn einer Lust auf 'nen langen Ritt hat, der ihn nicht 'nen Pfennig kostet, zehn Dollar pro Tag extra und das Futter, so empfehl' ich ihm nur, nach Rickett zu gehen und mit Pete Glass ein Wörtchen zu reden.«

Haines hatte genug gehört und blieb nicht länger. Er vergaß sogar nach den Briefen zu fragen, derentwegen er gekommen war. Er schwang sich in den Sattel. Blut troff von seinen Sporen, als er wieder vor dem einsamen Blockhaus in den Bergen hielt. Er zog Buck Daniels beiseite. Draußen zwischen den Felsen liefen sie auf und ab, während er seine Geschichte erzählte. Als der Bericht zu Ende war, setzten sie sich nebeneinander auf einen der herumliegenden Blöcke. Sie schwiegen und vertrieben sich die Zeit damit, Kiesel in den gähnenden Abgrund zu ihren Füßen zu schleudern.

»Vielleicht,« sagte Buck plötzlich, »ist es gar nicht Dan gewesen. Dan wird doch gewiß nicht mit 'ner ganzen Bande herumziehn.«

»Ein Idiot, wie der Krämer dort unten, macht dir im Handumdrehn aus einem Indianerbaby einen ganzen Stamm von Rothäuten«, antwortete Haines. »Gewiß war es Dan. Kein anderer gondelt in der Welt herum mit 'nem Hund, der wie 'n Wolf aussieht und Menschen jagt.« Haines wartete eine Weile, dann fragte er: »Wann willst du Kate die Sache beibringen?«

Buck Daniels starrte ihn erstaunt und wütend an.

»Ich?« rief er. »Eher beiß ich' mir die Zunge ab!« Er tat einen tiefen Atemzug. »Es ist mir zumut, als wär' Dan schon tot.«

»Wenn er's bloß wäre, es wär' das beste für Kate.«

»Du sagst seltsame Sachen, Lee. Dir wär' schon seit sechs Jahren unten in Elkhead das Fleisch auf den Knochen gefault, wenn der Pfeifende Dan nicht gewesen wär'.«

»Ich weiß es, Buck. Aber ich will aufrichtig sein: ich hab' nie das Gefühl überwinden können, daß Dan kein Mensch ist, sondern ein Wolf in Menschengestalt! Immer wenn ich ihn gesehen hab', ist mir das Blut in den Adern zu Eis erstarrt.«

Buck Daniels stöhnte laut. Die Gedanken, die auf ihn einstürmten, überwältigten ihn.

»Nie hat ein Mensch je einen Kameraden gehabt,« sagte er schließlich traurig, »wie der Pfeifende Dan einer sein konnte. So einen gibt's nicht so leicht wieder, der für dich durch die Hölle geht, bloß weil du mit ihm Salz und Brot gegessen hast. Wie ich Dan kennenlernte, hab' ich versucht, ihm einen heimtückischen Streich zu spielen. Silent hatte es so befohlen, aber Dan hat sich trotzdem benommen wie ein anständiger Kerl. So wahr ich lebe, er hat mir die Hand geschüttelt, eh er wieder wegritt.«

Er straffte sich.

»So wahr ein Gott im Himmel lebt, Lee, von dem Tag an, an dem er mir die Hand geschüttelt hat, habe ich nie mehr was getan, was das Tageslicht zu scheuen hatte.« Er schwieg. Sein Atem ging und kam in kurzen Stößen. »Aber mit dem Pfeifenden Dan ist's jetzt so gut wie vorbei. Jetzt gibt's keine Ruhe, bis die Justiz ihn in den Krallen hat. Und doch, ich kann dir nur sagen, Haines, es wird mir schlecht, wenn ich bloß daran denke. Ich würde glatt meine rechte Hand darum geben, wenn die Sache in Ordnung zu bringen wäre – wenn ich ihn zu Kate zurückholen könnte. Geh hinein und erzähl's ihr, Lee. Ich – ich warte, hier auf dich.«

»Der Teufel soll dich holen!« rief Haines. »Ich hab' die Geschichte hier heraufgeschleppt, und das ist genug für mich. Jetzt kannst du dich auch einmal bemühen.«

Buck Daniels zog schweigend einen Silberdollar aus der Tasche.

»Kopf oder Schrift?«

»Schrift«, sagte Haines.

Der Dollar schwirrte blitzend in die Luft und fiel klirrend auf den Felsboden. Die Schrift lag oben. Haines starrte das Geldstück an.

»Großer Gott!« stotterte er totenbleich. »Was soll ich tun, Buck, wenn sie mir ohnmächtig wird?«

»Ohnmächtig?« entgegnete Daniels. »Da hab' mal keine Angst. Das erste, was du zu tun haben wirst, ist, daß du ihr Pferd sattelst.«

»In Dreiteufelsnamen, was soll das heißen?«

»Ihr erster Gedanke wird Joan sein. Sie hat sich weiß Gott genug darüber gegrämt, daß Dan das Kleine nicht schon längst zurückgebracht hat. Wenn sie aber hört, was Dan angestellt hat, dann weiß sie, daß er für alle Zeiten verloren ist. Sie wird sich auf den Weg machen, um die Kleine nach Haus zu holen.«

Er drehte dem Haus entschlossen den Rücken. Seine Schultern strafften sich.

»Mach' voran, Lee! Sei ein Mann!«

Er hörte, wie Haines sich in Bewegung setzte. Zuerst rasch. Dann wurde sein Schritt schleppender und immer schleppender. Schließlich hörte man lange Zeit gar nichts mehr.

»Er ist vor der Tür stehengeblieben«, murmelte Buck. »Gott sei Dank, daß ich nicht in seiner Haut stecke.«

Er zog hastig Tabak und Zigarettenpapier aus der Tasche. Aber in dem Augenblick, da er die Zigarette fertigrollen wollte, fiel die Haustür krachend ins Schloß. Das Papier zerriß in seinen Fingern und der Tabak krümelte heraus. Er versuchte ein neues Papier abzureißen. Seine Finger zitterten derart, daß es ihm nicht gelang. Mit einemmal erstarrte er zu Stein.

Er hatte ein leises Klopfen im Innern des Hauses gehört.

»Er – er – er klopft an ihrer Tür«, flüsterte Buck und rührte sich nicht vom Fleck. Seine Augen starrten ins Leere.

Augenblick um Augenblick verging.

»Er ist zu feig gewesen«, murmelte Buck. »Er hat's nicht fertiggebracht. Jetzt werd' ich selbst 'ranmüssen!«

Aber kaum hatte er ausgesprochen, als im Haus jemand dumpf aufschrie. Dann war wieder alles still. Buck Daniels trocknete sich die Schweißperlen von der Stirn.

Einmal, zweimal, zum drittenmal hob er den Fuß. Er tat sich Gewalt an, um den Weg nach dem Haus hinunter einzuschlagen, aber es dauerte mehrere Minuten, bis er es wirklich über sich gewann. Lee Haines führte ein gesatteltes Pferd aus dem Gehege. Kate stand vor der Tür und wartete. Ehe Buck heran war, saß sie schon im Sattel. Er stürzte hin. Seine Hand legte sich auf ihre Zügel. Sein Atem ging schnell und ruckweise.

»Laßt es bleiben, Kate!« flehte er. »Wenigstens laßt mich mitkommen. Laßt mich mitkommen! Vielleicht kann ich Euch helfen.«

Der scharfe Wind, der das Tal heraufkam, zerrte an ihren Kleidern und spielte mit den goldenen Haaren, die unter dem Hutrand hervorquollen. Buck hatte sie niemals so jung und so schön gesehen. Aber ihr Gesicht war wie aus Stein gehauen.

»Ihr könnt mir nicht helfen,« antwortete sie, »wenn ich hinkomme, werde ich – ihn wohl dort antreffen. Hast du Lust, ihm unter die Augen zu kommen, Buck?«

Wortlos ließ er die Zügel los. Nicht ihre Worte, aber die eisige, gelassene Stimme, mit der sie sprach, hatten ihm allen Mut und alle Fassung geraubt. Ohne ein Wort des Abschieds warf sie ihr Pferd herum und galoppierte über die Wiese davon. Buck drehte sich herum und blickte in Lee Haines leichenblasses Gesicht.

»Nun?« sagte er.

»Gib mir mal deine Flasche.«

Buck zog einen »Lebensretter« aus Metall aus der Tasche. Mit zitternden Händen schraubte Haines den Deckel ab und preßte die Flasche an die Lippen. Nach langer Zeit erst setzte er sie ab und lehnte sich kraftlos gegen die Hauswand.

»Es war die reine Hölle, Buck. Gott steh mir bei, wenn ich so was nochmal durchmachen muß.«

»Du hast was Schönes angerichtet«, sagte Buck wütend. »Du bist einfach ins Zimmer gestolpert und hast ihr deine Geschichte wie 'nen Stein an den Kopf geworfen, Haines! Von allen hundsgemeinen dickköpfigen Vierfüßlern, die ich je gesehen habe, bist du die schlimmste Nummer.«

»Es ging nicht anders.«

»Warum nicht?«

»Wie ich ins Zimmer komm, schaut sie mich bloß an, und da springt sie schon vom Stuhl auf und steht so bolzengerade da wie ein Pfahl. ›Lee,‹ sagt sie, ›was habt Ihr gehört?‹ – ›Gehört?‹ frag' ich. ›Von was gehört?‹ Und mach' ein Gesicht, als wüßt' ich nicht, was los ist.«

»Bah«, schnaufte Buck. »Ich kann mir dein Gesicht schon vorstellen. Wahrscheinlich hat man gleich auf den ersten Blick Tod und Verdammnis drauf lesen können.«

»Vielleicht!« stotterte Haines. »Ich – richtig krank war mir zumut. Und sie tritt dicht an mich heran. ›Erzählt alles‹, sagt sie. – ›Er ist wieder wild geworden.‹ Das war just das einzige, was ich herauswürgen konnte, und dann platzte ich mit dem ganzen Kram heraus. Ich mußte die ganze verdammte Geschichte so oder so loswerden und ich dacht', der schnellste Weg ist der beste – ich erzähle also, wie Dan nach Alder hineingeritten ist und wie er die Leute umgebracht hat. Wie ich das 'raus hatte, schreit sie auf.«

»Ich hab's gehört«, sagte Buck und schauerte zusammen. – »Wie jemand, der im Sterben liegt.«

»Dann sagte sie, ich soll ihr Pferd satteln. Ich bettelte, sie soll mich mitreiten lassen. Sie hat mir dasselbe gesagt, was sie dir eben geantwortet hat. Da bin ich eben hier geblieben. Was können wir beide auch gegen diesen Teufel in Menschengestalt ausrichten?«

 << Kapitel 23  Kapitel 25 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.