Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Max Brand >

Der siebente Mann

Max Brand: Der siebente Mann - Kapitel 22
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDer siebente Mann
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
printrun
translatorHellmuth Wetzel
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180215
projectid281479f7
Schließen

Navigation:

Einundzwanzigstes Kapitel.
Eine Scheidewasserprobe

Mrs. Jonny Sommers brachte es fertig, ihre Fassung zu behaupten, als sie den Besuch in die gute Stube führte, ja sogar noch, als sie ihn ersuchte, sich niederzulassen und ein wenig zu warten. Aber als sich die Tür hinter ihr geschlossen hatte, warf sie alle Würde beiseite und nahm immer zwei Stufen der Treppe auf einmal. Das führte nur dazu, daß sie vollständig den Atem verloren hatte, als sie Betty Neals Zimmertür erreichte. Überstürzung ist nicht das Richtige für eine gutmütige runde Witwe von zweihundert Pfund Gewicht. Sie stieß die Tür auf, ohne anzuklopfen. Japsend blieb sie auf der Schwelle stehen. Ihr Gesicht war feuerrot, nur auf ihren Backen zeigten sich zwei abgezirkelte weiße Kreise. Zunächst hörte man nichts als ihr Schnaufen. Betty Neal, die gelesen hatte, starrte sie entsetzt an.

»Er ist gekommen!« würgte Mrs. Sommers heraus.

»Wer?«

»Er!«

Als ob diese merkwürdige Erläuterung alles klargestellt hätte, fuhr Betty Neal vom Stuhle auf. Sie wurde so bleich, daß man jede einzelne Sommersprosse sah.

»Er?« wiederholte sie. »Wo ist er denn? Laßt mich doch hinunter!«

Aber die Witwe schloß schleunigst die Tür und stemmte ihre imposante Gestalt dagegen.

»Liebling, um Gottes willen, denk 'ne Minute nach, bevor du hinuntergehst und dem Mann gegenübertrittst. Das ist ja ein gefährlicher Kerl. Wie ich die Tür aufgemacht hab' und seh' ihn vor mir stehn, hat es mich richtig überlaufen.«

»Ist er dünn? Ist er bleich?« rief Betty Neal. »Wieso ist er entronnen? Hat er flüchten können? Haben sie ihn auf Ehrenwort freigelassen? Haben sie ihn freigesprochen? Hat er ... Laßt mich doch endlich hinunter!« rief sie.

Mrs. Sommers rauschte empört von der Tür weg. »Dann geh und heirat' deinen Totschläger!«

Aber Betty Neal hörte sie nicht mehr. Sie raste bereits die Treppe hinunter. Aber noch vor der letzten Stufe verließ sie alle Kraft und aller Mut. Langsam schlich sie weiter. Als sie endlich die Tür der guten Stube hinter sich ins Schloß drückte, starrte sie den Besucher an, als stehe ein Gespenst vor ihr.

Dabei hatte sich Vic gar nicht sehr verändert – vielleicht war er ein wenig dünner geworden, und gewiß war sein Gesicht nicht immer so bleich gewesen wie jetzt. Sobald sie ins Zimmer trat, fuhr er in die Höhe, als sei draußen ein Schuß gefallen. Seine Beine schraubten sich in den Boden, als erwarte er den Anprall eines Gegners. Seine nervösen Hände zerknüllten unbarmherzig die gestickte Tischdecke. Betty konnte nicht sprechen. Ihre Finger klammerten sich um die Türklinke. Sie schien bereit, im nächsten Augenblick hinauszustürzen.

»Miss Neal«, sagte Gregg. Seine Stimme bebte. Dann faßte er sich mühsam. Er erinnerte Betty an einen der großen Jungen in ihrer Klasse. Genau so sahen sie aus, wenn sie ihre Aufgabe vergessen hatten und in gräßlicher Angst vor dem Gespenst des Nachsitzens ihr Gedächtnis nach der entflohenen Weisheit durchwühlten. Sie empfand eine irrsinnige Lust, laut herauszulachen.

»Miss Neal, ich bin nicht hier, um Fäden wieder anzuknüpfen, die nicht mehr angeknüpft werden dürfen –« Anscheinend hatte er sich alles, was er sagen wollte, sorgfältig zurechtgelegt, und das Fortfahren fiel ihm jetzt leichter. »Ich bin im Begriff, diese Gegend zu verlassen und ins Unbekannte hinauszuziehen. Bevor ich gehe, habe ich nur den einen Wunsch, Ihnen zu sagen, daß ich von Anfang an im Unrecht war. Alles, was ich sagen wollte, ist, daß ich gar nicht mehr aus und ein wußte, und als ich Sie mit ihm zusammen ...« er stockte, »ich hoffe, Sie werden einen Mann heiraten, der Ihrer würdig ist. Bloß gibt's so einen nicht – und – ich möcht' Euch alles Gute wünschen und Euch Lebewohl sagen.«

Er wischte sich die glitzernden Schweißtropfen von der Stirn und griff nach seinem Hut. Er hatte eben alle Qualen der Hölle durchgemacht.

»Vic, Lieber!« rief da eine Stimme, die er nie zuvor vernommen hatte. Dann ein Rascheln von Röcken, Arme, die sich um seinen Hals preßten, Tränen, Gelächter und Augen, die verlangend sein Gesicht durchforschten.

»Ein niederträchtiger Hund bin ich gewesen! Mein Gott, Betty, soll das heißen, daß du? ...«

»Daß ich dich lieb habe, Vic. Niemals hab' ich gewußt, wie lieb ich dich habe.«

»Nachdem ich bewiesen hab', was für ein mörderischer, hinterhältiger, verlogener ...«

»Kein Wort mehr, Vic, ich war an allem schuld.«

Nun kam eine lange, lange Zeit, in der nichts als Unsinn geredet wurde, und dann, als der Nachmittag allmählich in den Abend hinüberdämmerte und der Abend in die Nacht, erzählte er ihr die Geschichte seiner Abenteuer. Er erzählte alles, er ließ keine Einzelheit aus, die gegen ihn sprach. Schließlich klopfte es leise an die Tür. Mrs. Sommers erschien mit einem Servierbrett.

»Ihr jungen Leute habt wohl das Abendessen ganz und gar vergessen?« sagte sie. »Ich dacht' just, ich sollt' euch einen Happen hereinbringen.«

Sie stellte alles auf den Tisch und blieb dann zögernd stehen. Sie verschlang die beiden einzeln und zusammen begeistert mit den Augen. Vielleicht war Betty Neal eine Närrin, sich einem Revolverhelden an den Hals zu schmeißen, aber auf alle Fälle war nun Mrs. Sommers mit einer Geschichte versorgt, an der sich morgen ganz Alder ergötzen konnte. Die Wände in Mrs. Sommers' Haus waren nicht gerade schalldicht. Außerdem war ihr Gehör bemerkenswert scharf.

»Es war einer hier, der nach Euch gefragt hat, Vic,« sagte sie, »aber ich dachte, 's ist Euch nicht recht, wenn Ihr gestört werdet. So hab' ich einfach gesagt, Ihr seid nicht da.«

Ihr lachendes Gesicht glühte förmlich vor Stolz.

»Vielen Dank,« sagte Gregg, »aber wer war's denn?«

»Ich hab' ihn noch nie gesehen. Aber das ist ja auch gleichgültig. Es war ihm übrigens furchtbar drum zu tun, auch jemand von den anderen Boys zu sehen: Pete Glass und Ronicky Joe und Sliver Waldron und Gus Reeve. 's schien ihm ganz fürchterlich drum zu tun, mit ihnen zusammenzutreffen.«

»Pete Glass und Ronicky und – das Aufgebot!« murmelte Vic. Er wurde nachdenklich. »Mich wollte er auch sprechen?«

»Und wie! Richtig niedergeschlagen war er, als ich ihm erzählte, daß Pete gar nicht im Ort ist. Er wollte wissen, wann Pete zurückkommt.«

»Wie sah denn der Mann aus?« fragte Vic. Seine Stimme war scharf.

»Der? Oh, ich hab' ihn für ein Greenhorn gehalten. Mächtig höflich war er und hat 'ne Stimme, beinah so sanft wie 'n Mädel. Direkt verlegen ist er gewesen, wie er mit mir gesprochen hat.« Sie schmunzelte, als sie daran dachte. Aber Gregg war mit einemmal aufgesprungen und hatte die stattliche Dame bei den Schultern gepackt, als müsse er aus ihr herausschütteln, was er zu wissen wünschte.

»Macht 'n bißchen fix jetzt«, sagte er. »Wo habt Ihr ihn hingeschickt?«

»Wie komisch Ihr redet. Wo soll ich ihn denn schon hinschicken? Ich sagte ihm, so sicher wie etwas könne er Ronicky, Sliver und Gus Reeve bei Lorrimer in der Kneipe ...«

Vic stöhnte so laut, daß sie innehielt und ihn mit offenem Munde anstarrte.

»Wie sah er aus?«

Mrs. Sommers war jetzt ernüchtert. Ihr gemütliches Schmunzeln gefror.

»Schwarzes Haar und jung und mächtig hübsch und b-b-braune Augen und ...«

»Großer Gott!«

»Vic, was ist denn?« Betty war so erschrocken, daß sie sich im Zimmer nach einer drohenden Gefahr umsah.

»Das war Barry!«

Er sprang zur Tür. Dann blieb er stehen. Er wußte nicht, was er tun sollte. Die Unschlüssigkeit folterte ihn. Betty Neal stand vor ihm. Sie streckte die Arme aus und verlegte ihm den Weg.

»Vic, du sollst nicht weg! Nein, du sollst nicht weg! Du hast mir selbst erzählt, daß mit ihm zusammenzutreffen sicheren Tod bedeutet.«

»Das weiß der Himmel!«

»Du darfst nicht gehen, Vic!«

»Aber die anderen? Ronicky – Gus ...«

Sie stotterte vor Furcht.

»Das ist ihre Sache. Sie sind drei gegen einen.«

»Aber sie kennen Barry ja gar nicht. Sie sind niemals dicht genug an ihn herangekommen, um sein Gesicht zu sehen. Außerdem – selbst drei Männer – ich – er – bei allen Heiligen, sag' mir, was ich tun soll.«

»Bleib hier – wenn du mich liebst – ich laß dich nicht weg. Ich laß dich nicht!«

»Ich muß sie warnen.«

»Du wirst umgebracht!«

Er befreite sich aus ihren Armen.

»Ich muß sie warnen – aber mit wem soll ich's dann halten? Drei Mann gegen Dan allein? Er hat mich gerettet – zweimal! Aber – ich muß hinunter!«

»Kämpf' nicht für ihn. Zu guter Letzt fällt er auch über dich her. Vic, bleibe hier!«

»Wofür soll ich leben? Was ist mir das Leben wert, wenn ich mich wieder wie ein niederträchtiger Schurke betrage? Lieber handle ich wie ein Mann – und geh hinunter!«

 << Kapitel 21  Kapitel 23 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.