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Der siebente Mann

Max Brand: Der siebente Mann - Kapitel 21
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDer siebente Mann
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
printrun
translatorHellmuth Wetzel
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180215
projectid281479f7
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Zwanzigstes Kapitel.
Tischsitten

Die Vorbereitungen zum Abendbrot gingen Daddy Dan so rasch und leicht von der Hand, als wäre Zauberei dabei. Wenn Joans Mutter kochte, dann wurde erst lange am Ofen gerasselt, dann dauerte es ewig, bis das Feuer in Gang war, und wenn alle langwierigen Vorbereitungen beendet waren, dann verging eine geraume Zeit, in der es in den Töpfen über dem Feuer zischte und brodelte. Schließlich mußte erst noch der Tisch gedeckt werden, und wenn das glücklich beendet war, kam noch eine lange gräßliche Pause, in der man so hungrig dasaß und das Essen in Sicht war, aber man konnte nicht essen, weil erst noch Mutter oder Daddy Dan dies oder jenes zu tun hatten. Wenn man aber endlich essen durfte, wurde einem der Geschmack an all den guten Dingen zur Hälfte verdorben, weil man so schwierige Manöver mit Messer und Gabel auszuführen hatte. Und das schlimmste war: man konnte sich Mühe geben, soviel man wollte, irgendwas passierte doch immer, und dann hieß es: »Aber Joan, was treibst du da? So muß man's machen!«

Wie ganz anders war es doch in Daddy Dans wundervollem neuen Haus.

In unglaublich kurzer Zeit steckten drei hellbrennende Fackeln an der Wand. Ein paar Handbewegungen, und die Holzscheite, die plötzlich zwischen den Herdsteinen aufgehäuft lagen, standen schon in voller Glut, während eine lange blauweiße Rauchsäule in die Höhe stieg und oben im Dunkel der Felsspalten verschwand. Danach zeigte ihr der Vater hinten in der Höhle eine Quelle. Das glucksende Wasser blinkte so klar und rein, daß es eine Wonne war, sich darin zu waschen, obwohl es schrecklich kalt war.

Und siehe da, kaum hatte man sich Hände und Gesicht richtig gesäubert, da war schon, wie durch ein Wunder, auf einem flachen Felsblock der Tisch gedeckt. Andere Steine waren als Stühle herangerückt, und auf dem Tisch dampften Pfannkuchen, Kaffee mit Milch drin – Kaffee, der ihr zu Hause streng verboten war! – herrliche dünne, goldbraun und knusperig geröstete Kartoffelscheiben und eine mächtige Scheibe Fleisch. Das Wasser lief im Mund zusammen, wenn man sie nur ansah.

So weit, so gut. Aber besser als alle Erwartungen war noch die Erfüllung. An diesem zauberhaften Tisch mußte man sich nicht damit plagen, selbst sein Fleisch zu schneiden. Daddy Dans glänzendes Messer zerteilte es mit Blitzesgeschwindigkeit in herrliche kleine Bissen. Und wenn man nur ein bißchen vorsichtig war und verstohlen nach Daddy Dan hinschielte, dann fand man bald heraus, daß man unbedenklich seine Gabel mit der ganzen Faust wie einen Dolch handhaben konnte, ja, in Zweifelsfällen konnte man sogar einen widerspenstigen Bissen mit der Hand erwischen und nachher die Finger einfach an ein bißchen trockenem Gras putzen, ohne den geringsten Vorwurf zu riskieren. Man konnte seine Tasse in beide Hände nehmen und den lächerlichen dummen Henkel verschmähen, und wenn man gelegentlich seinen Kaffee ein bißchen geräuschvoll schlürfte – was den Geschmack in verblüffender Weise verbesserte –, gab es keine scharfe Verwarnung und keinen bösen Blick.

In Daddy Dans Haus war eben alles geordnet, wie es sich gehörte. Niemand öffnete den Mund und störte Joan beim Essen. Kein kritischer Blick ruhte auf ihr. Als sie ihren Blechteller ausgekratzt hatte, behauptete niemand, sie habe ihr Essen zu gierig hinuntergeschlungen, sondern der Teller wurde mit all den guten Dingen neu gefüllt, die auf dem Felsen aufgetischt waren. Statt störender Unterhaltung gab es andere Dinge, die den Geist während des Essens angenehm beschäftigt hielten. Zum Beispiel tauchte jetzt Satans prachtvoller Kopf dicht hinter seinem Herrn auf – Satan verstand es, sich auch über knirschenden Kies so geräuschlos hinzustehlen wie eine Katze. Zoll um Zoll, die Ohren argwöhnisch aufgestellt, senkte Satan mit unendlicher Vorsicht den Kopf. Seine samtige, bebende Schnauze stahl sich immer näher und näher an ein Stück Pfannkuchen auf dem Tisch. Joan beobachtete den Vorgang mit atemloser Spannung. Dann sah sie, daß, trotz aller Vorsicht Satans, ihr Vater ganz genau wußte, was vorging – mit seinen Augen zwinkerte er verstohlen ein kleines, kleines bißchen, und um die Mundwinkel zuckte es. Joan begriff, daß ihr Vater sich so herrlich amüsierte wie ein Schuljunge bei einem Knabenstreich. Gerade noch im letzten Augenblick öffnete er den Mund zu einem Verweis. Satans Kopf fuhr erschrocken in die Höhe. Er ließ den Pfannkuchen in Frieden. Aber er hatte noch nicht alle Hoffnung aufgegeben. Da es ihm nicht gelungen war, zu stehlen, so versuchte er es mit Betteln. Joans eifrige Kinnbacken hielten einen Augenblick inne. Sie mußte ganz einfach sehen, was Satan trieb. Sie tat es nur verstohlen. Sie hatte schon viel gelernt. Sie begriff, daß man solche kleinen Episoden nur flüchtig aus dem Augenwinkel beobachtete, wie ihr Vater es tat, und daß man das Lachen, das einem kitzelnd in die Kehle stieg, mit aller Macht zurückhielt. Joan wußte ganz genau, daß Satan zu guter Letzt ja doch das Stückchen Pfannkuchen erhielt. Sogar Mutter vermochte nicht so viel auf Daddy, wie der Rappe. Satan manövrierte sehr geschickt. Erst lief er um den Tisch und stellte sich seinem Herrn gegenüber. Er bettelte mit den Augen. Aber Dans Blick haftete wie festgenagelt am Erdboden, bis ein ungeduldiges, leises Wiehern ihn ermahnte, aufzublicken. Jetzt tat er, als wäre er gewaltig überrascht.

»Nanu, Satan, du alter Schurke, was tust du denn da drüben? Wirst du dich gleich hinscheren, wo du hingehörst?«

Er deutete mit dem Daumen über die Schulter. Satan glitt um den Tisch. Aber hinter seinem Herrn machte er wieder halt.

»Manieren?« fuhr Dan fort. »Nein, Manieren hast du nicht. Es wird nicht lang dauern, dann wirst du versuchen, dich mit mir an den Tisch zu setzen. Aber 's dauert nicht lang, da werd' ich dich unter die Fuchtel nehmen, daß du es noch acht Tage lang spüren wirst.«

Joan wußte wohl, daß alles nur Spaß war, trotzdem zuckte sie ein bißchen zusammen. Satan dagegen nahm zu ihrem Erstaunen die Sache nicht im geringsten ernst. Dan saß mit dem Hut auf dem Kopf – auch das war für Joan ein neues und begeisterndes Erlebnis – jetzt faßte Satan den Hutrand geschickt mit den Zähnen, hob den Hut ein bißchen und ließ ihn wieder fallen. Black Bart kam aus dem Dunkel gekrochen und ließ sich neben Joan nieder. Seine rote Zunge hing ihm lang aus dem Hals. Satans Beginnen entlockte ihm ein Knurren. Aber der Herr setzte seine Mahlzeit fort, ohne sich im geringsten um Satans Unverschämtheit zu kümmern.

Jetzt legte sich eine samtene Schnauze fest auf Dans Schulter, ein paar bettelnde Augen leuchteten darüber. Ein leises Wiehern, so sanft, daß es beinahe wie das Flüstern eines Menschen klang. Und es war auch kaum weniger beredt.

»Oh,« sagte Dan und tat ganz so, als ob er jetzt erst aufmerksam geworden sei, »hast du Hunger, alter Knabe?«

Er nahm den Bissen fest zwischen Daumen und Zeigefinger und hielt ihn vor Satans Schnauze. Jetzt war es erst recht lustig, was Satan anstellte. Er versuchte seinem Herrn den ganzen Brocken aus der Hand zu reißen, aber nur ein Stückchen brach ab. Der Rappe stampfte ungeduldig mit den Hufen. Dann machte er sich daran, das Stück rund um Dans Finger herum vorsichtig abzuknabbern. Es war eine knifflige Arbeit, wenn man so prachtvoll breite stählerne Meißel von Zähnen hatte wie Satan, aber lange Übung hatte ihn geschickt gemacht. Ein Ohr ließ er baumeln, das andere war spitz aufgerichtet, und während er den Hals wand und drehte, um die Bissen zu erhaschen, schielten seine Augen pfiffig nach dem Gesicht seines Herrn. Schließlich öffnete der die fest zusammengeballte Faust, und Satan leckte die letzten Krumen von der Handfläche.

Während dieser Szene saß Black Bart auf den Hinterpfoten und sah zu. Zwei- oder dreimal war er im Begriff, aufzuspringen. Ein gewaltiges Knurren erstickte in seiner Kehle. Schließlich stolzierte er rund um den Tisch und schob seinen langen platten Schädel zwischen Dans Schulter und das Pferd. Ein fürchterliches Knurren veranlaßte Satan, den Kopf nach ihm zu drehen, aber er verriet nicht die leiseste Furcht. Eine Sekunde lang standen sie sich Nase an Nase gegenüber. Black Bart mit klaffendem Rachen, Satan mit neugierig gespitzten Ohren und einem merkwürdigen Glanz in den Augen. Das Knurren schwoll und schwoll. Es wurde zu einem Laut, der einem das Blut in den Adern gefrieren ließ. Dann plötzlich schoß eine schlanke Hand zwischen die beiden – mit unbegreiflicher Schnelligkeit – und die Finger schlossen sich um Barts Schnauze.

»Von allen nichtsnutzigen Kötern«, erklärte Dan, »bist du der schlimmste und der eifersüchtigste! Kusch!«

Bart gehorchte zögernd. Seine Augen konnten sich nicht von Satan losreißen.

Später – die Teller waren mit ebenso wunderbarer Schnelligkeit weggeräumt und gereinigt worden, wie das Essen auf dem Tisch erschienen war – erinnerte sich Joan zusammenzuckend an den Brief, den sie Daddy Dan zu übergeben hatte. Schuldbewußt wirtschaftete sie in ihrer Tasche und zog ihn, reichlich zerknüllt, ans Licht.

Dan trat ans Feuer, um ihn zu lesen.

»Dan, komm zu uns zurück. Das Haus ist so schrecklich leer. Joan sitzt den ganzen Tag und trauert Dir nach, und mir bricht das Herz. Oh, Dan, was Du getan hast, schmerzt mich nicht so sehr wie der Gedanke an das, was Du womöglich in Zukunft noch tun wirst.«

Mit dem Brief in der Hand ging Dan nachdenklich zu Satan hin und nahm seinen schlanken Kopf zwischen die Hände.

»Denke einmal, Satan, es kommt ein Kerl und schießt dich nieder«, murmelte er. »Denk' mal, daß er dich über den Haufen knallt, während du dein Bestes tust, um mich getreulich dahin zu tragen, wohin ich reiten will. Stell' dir mal vor, er erschießt dich, nicht weil du ihm was getan hast, sondern weil er etwas gegen mich hat, und wenn er dir den Garaus gemacht hat, dann schleicht er um mich herum mit anderen Kerlen vom selben Schlag und versucht mir heimtückisch das Lebenslicht auszublasen, ehe ich mich wehren kann. Satan, hätte ich da nicht recht, wenn ich die Kerle aufspüre und sie einen nach dem anderen umbringe? Darf ich das nicht?«

Joan verstand von all dem nicht das geringste. Sie hörte lediglich ein leises Raunen und sah, daß Daddy Dan sehr nachdenklich gestimmt war. Satan schnappte nach Daddys Hutkrempe – Daddy zog den Kopf zurück – und das Pferd nickte, als gäbe es Antwort auf eine Frage.

»Nun, sogar Satan sieht ein, daß ich im Recht bin«, murmelte Dan. Er zerriß den Brief in tausend Fetzen. Sie flatterten ins Feuer und brannten lichterloh.

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