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Der siebente Mann

Max Brand: Der siebente Mann - Kapitel 20
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDer siebente Mann
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
printrun
translatorHellmuth Wetzel
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180215
projectid281479f7
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Neunzehntes Kapitel.
Joans Abenteuer

Seit Joan Daddy Dans Namen genannt hatte, schoß der Wolfshund dahin wie ein Pfeil. Felsen und Bäume glitten rechts und links vorbei. Wenn der Weg ein Stück abwärts führte, galoppierte er in langen Sprüngen, daß der Wind raschelnd durch die Blüten um Joans Häubchen pfiff. Und gleich darauf trabte er jenseits den Hang hinauf, als gäbe es nichts, was ihn ermüden könne. Black Bart ließ diesmal nicht mit sich spaßen. Als er eine plötzliche Wendung um einen Felsvorsprung machte und Joan ein bißchen das Gleichgewicht verlor, wartete er nicht, bis sie sich wieder zurechtgesetzt hatte, sondern sein Kopf fuhr herum und ein drohendes Knurren schreckte sie wieder an den richtigen Platz. Kaum hatte sie ihre Überraschung ein wenig überwunden, da erblickte sie etwas abseits einen Grasfleck, der im Schmucke vieler bunter Blumen prangte. Sie zerrte ihr Reittier heftig am Ohr. Aber Bart stieß mit einer scharfen Kopfbewegung ihre Hand weg. Sie sah seine Zähne blinken. Seine Augen funkelten sie drohend an. Joan wurde ernst. Die Sache kam ihr seltsam vor. Sie traute Bart von ganzem Herzen, so wie nur ein Kind Zutrauen zu stummen Tieren haben kann, aber sie spürte, daß eine Veränderung mit ihm vorgegangen war.

Bevor sie noch herausgefunden hatte, was es bedeuten könnte, hatte Black Bart eine neue Wendung gemacht, war einen steilen Berghang hinaufgeklettert und verschwand mit ihr im Dunkel einer Höhle. Wo die Finsternis am dichtesten war, machte er plötzlich halt.

»Daddy Dan!« rief Joan.

Eine Sekunde blieb alles still, dann kam ein schwaches Echo aus den Tiefen des Berges. Das war die einzige Antwort.

»Bart!« flüsterte sie. Das letzte ersterbende Raunen des Echos hatte sie plötzlich erschreckt. »Daddy Dan is nich hier! Komm zurück!«

Sie zerrte an seinem Ohr, aber er schüttelte ihre Faust ab. Seine Zähne faßten ihr Mäntelchen, dann duckte er sich unter ihr und mit einemmal saß sie auf dem kiesbedeckten Boden der Höhle. Der Hund stand vor ihr.

»Böser Bart!« sagte sie und strampelte sich hoch. »Nichtsnutziger Hund!«

Sie sagte es mit leiser Stimme. Das Schweigen und die Dunkelheit waren ihr unheimlich. Sie sah sich um. Allerlei unbestimmte Formen zeigten sich verschwommen in der Dunkelheit. Vielleicht waren es nur die rauhen Felswände der Höhle, vielleicht waren es Nachtgespenster, die sie belauerten.

»Bring' mich nach Hause!«

Ein Knurren, das dröhnend durch die Höhle rollte, brachte sie zum Schweigen. Wie Black Barts Augen plötzlich funkelten! Grün und gelb! Trotzdem wollte sie es noch immer nicht glauben, was sie sah. Bart tat ihr doch nichts. Sie streckte zaghaft die Hand nach ihm aus. Da sah sie, wie er die Zähne nach ihr fletschte. Bart war nicht mehr der Bart, mit dem sie zu Hause gespielt hatte, sondern ein seltsames wildes Tier. Sie schrie auf und ergriff die Flucht, an ihm vorbei, dem Ausgang der Höhle zu. Niemals waren ihre kleinen runden Beinchen so rasch geflogen. Schon glänzten die Felswände um sie her von dem Licht, das durch die Öffnung hereinfiel, da hörte sie den Kies hinter sich knirschen. Etwas packte ihren Mantel und riß sie zurück. Sie stolperte, fiel und streckte hilflos Hände und Füße in die Luft. Und als sie aufblickte, saß Bart vor ihr, den Mantel immer noch zwischen den Zähnen und knurrte sie an. Jetzt war es klar. Black Bart ließ sie nicht hinaus. Noch einen Schritt und sie bekam seine Zähne zu spüren.

Dann waren die funkelnden Augen auf einmal verschwunden. Sie blickte sich vorsichtig um. Bart hatte sich am Eingang der Höhle hingestreckt. Da draußen fielen jetzt die langen Abendschatten über die Berge. Langsam, Zoll um Zoll, arbeitete Joan sich auf. Bart sah sich nach ihr um und knurrte warnend, aber er rührte sich nicht. Es war so gut, als ob er sprechen konnte. Es hieß: Bleib, wo du bist, und ich kümmere mich nicht im geringsten darum, was du treibst. Aber wenn du vor meinen langen weißen Fangzähnen Angst hast, dann versuche nicht, die Schwelle dieser Höhle zu überschreiten.

Nach einer Weile faßte Joan wieder ein bißchen Mut. Ein Erwachsener empfindet Furcht und Trauer vielleicht ebenso lebhaft wie ein Kind, aber ein Kind vergißt beides zehnmal rascher als ein Erwachsener. Sie wußte jetzt, daß es ihr erlaubt war, nach Gefallen in der Höhle herumzustrolchen. Das dämmernde Zwielicht hatte keinen Schrecken mehr für sie. Sie machte sich kühn auf ihre Entdeckungsreise.

Das erste, was sie fand, war ein großer Haufen trockenes Gras in einer Ecke. Das war ganz gewiß Satans Lagerstatt. Die Höhle sah von diesem Augenblick an gleich viel vertrauter und bekannter aus. Dann fand sie einen Kreis von Steinen, in dessen Innerem noch die weiße Asche lag. Daneben war trockenes Holz aufgestapelt. Das war die Stelle, wo man Feuer anmachte. Hier wölbte sich die Decke der Höhle höher und man konnte die natürliche Öffnung sehen, durch die der Rauch nach oben entwich. Zu guter Letzt entdeckte Joan auch das Bett. Elastische Zweige waren beinahe einen Fuß hoch aufgehäuft, darüber lag eine Wolldecke sauber ausgebreitet, und eine Zeltbahn deckte das Ganze zu. Es war ein Lager, das weich war wie Daunenkissen, und die Zweige strömten einen wunderbaren reinen Wohlgeruch aus.

Joan probierte das Bett aus. Sie setzte ihren kleinen Fuß darauf und er sank bis zum Knöchel ein. Dann versuchte sie es mit der Hand. Schließlich ließ sie sich nieder und versank in tiefes Nachdenken. Ihre Furcht hatte sich beinahe ganz verloren. Sie verstand, daß Bart sie bewachte, bis Daddy Dan nach Hause kam. Man fürchtet sich nicht, wenn man versteht, um was sich's handelt. Sie wunderte sich nur, warum Daddy Dan jetzt auf einmal in einer wilden Höhle wohnte, statt in der behaglichen Blockhütte zu Hause. Und warum er so weit weg von ihrer Mutter lebte. Aber langes Nachdenken macht so ein kleines Köpfchen schläfrig und kaum fünf Minuten später hatte Joan ihr Ärmchen unter den Kopf geschoben und schlief sanft und fest.

Als sie aufwachte, hatte in der Höhle die graue Dämmerung dem furchteinflößenden, dichten Dunkel der Nacht Platz gemacht. Joan fuhr erschreckt in die Höhe. Sie wußte nicht, wo sie war. Schon wollte sie laut herausweinen, da hörte sie Schritte auf dem Kies. Sie drehte sich um und sah, wie Daddy Dan gerade die Höhle betrat. Hinter ihm her kam Satan. Man konnte die beiden ganz deutlich erkennen, denn im Eingang der Höhle schimmerte noch das Abendrot. Black Bart lief vor den beiden her und schaute sich eifrig um, als müsse er den Weg zeigen.

Joan lief ihrem Vater nicht entgegen. Teils hatte sie ein bißchen Angst vor ihm, teils wollte sie sich die Überraschung aufsparen. Sie hörte im Dunkeln, wie Satans Zähne zufrieden das trockene Heu zermahlten, sie hörte das Leder knirschen und die Beschläge rasseln, als man ihm den Sattel abnahm und an die Felswand hängte.

»Was hast du denn angestellt, Bart?« hörte man jetzt Daddy Dan fragen. Als sie die Stimme hörte, verlor Joan auch den letzten Rest von Furcht. »Du bist ja so seltsam! Warst du wieder hinter den Kaninchen her? Hast du dir wieder lauter Dornen in die Pfoten getreten? Geht dir's schlecht?«

Der Hund winselte.

»Well, heraus mit der Sprache! Was willst du von mir? Da 'rüber soll ich?«

Joan kuschelte sich auf das Lager. Sie bebte vor Freude. Sie hörte Daddy Dans Schritte näherkommen. Dann kratzte ein Zündholz, ein blaues Flämmchen flackerte auf. Sie blinzelte. Daddy Dan zündete eine Fackel an und schwang sie hin und her, bis die Flamme das harzige Holz sicher erfaßt hatte. Dann hob er sie hoch über den Kopf. Das Licht strömte über ihn hin.

Im Handumdrehen war Joan auf den Beinen und stürzte mit einem Freudenruf auf ihn los. Aber da fiel ihr ein, daß sie Daddy Dan nicht begrüßen durfte wie ihre Mutter. Von Daddy Dan wurde man nie ans Herz gepreßt, daß es einem weh tat, er streichelte einen nicht, er lachte nicht viel mit einem. Im letzten Augenblick machte sie halt, faltete die Händchen und starrte zu ihm hinauf, voller Entzücken, und doch mit ein bißchen Angst. Sie las in seinem Gesicht wie in einem Buch. Nicht die kleinste Bewegung um die Augenlider und um die Lippen entging ihr.

»Mutter schickt mich.«

Das war nicht das Richtige. Sie sah es sofort.

»Und Bart hat mich gebracht.« Das war jetzt viel besser. »Und, Daddy Dan, ich hab' so viel Wehweh gehabt nach dir.«

Er starrte sie lange an. Selbst Joan konnte nicht herausfinden, ob er böse auf sie war, oder ob es ihn kalt ließ, oder ob es ihm Freude machte.

»Well,« murmelte er schließlich, »du wirst hungrig sein, Joan?«

Sie wußte, sie war jetzt in aller Form zugelassen, und hätte laut jubeln mögen vor Begeisterung. Aber Daddy Dan hatte eine ausgesprochene Abneigung gegen laute Gefühlsausbrüche.

»Und ob ich Hunger hab'!« sagte Joan.

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