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Der siebente Mann

Max Brand: Der siebente Mann - Kapitel 2
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDer siebente Mann
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
printrun
translatorHellmuth Wetzel
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180215
projectid281479f7
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Erstes Kapitel.
Frühling

Ein Mann unter Dreißig braucht Verkehr. Es tut nicht gut, wenn das lebendige Strömen seines Lebens von einem langen Stillschweigen aufgestaut wird wie von einem Damm – es kommt der Tag, wo der Strom entweder den Damm durchbricht oder ihn überflutet, und je stärker das Hindernis war, desto verhängnisvoller und zerstörender ist schließlich der Augenblick, in dem die gestauten Wasser sich ihre Freiheit erkämpfen. Vic Gregg war noch auf der gefährlichen Seite der Dreißig und diesen ganzen Winter über hatte er allein oben in den Bergen leben müssen. Er wollte Betty Neal heiraten, aber zum Heiraten braucht man Geld und deshalb hatte Vic sich den Duncans als Goldgräber verdingt. Sie zahlten ihm fünfzehnhundert Dollar dafür. Aber anstatt sich einen Partner zu nehmen, wollte er das ganze Geld allein verdienen. Es muß schon ein Kerl von besonderem Schrot und Korn sein, der in ein paar Monaten für fünfzehnhundert Dollar Minenarbeit tut, ohne eine Hilfe zu haben, aber Gregg bildete tatsächlich eine von jenen Ausnahmen, die die Regel bestätigen. Er erledigte die Probebohrungen an vierzehn Plätzen, wo die Duncans Schürfrechte erworben hatten, und war jetzt mit dem fünfzehnten »Claim« auch beinahe zu Ende. Aber er zahlte auch dafür. Die Einsamkeit fraß sich in ihn wie eine Säure. Gewiß war ihm von klein auf das tiefe Schweigen der Einöde, die Stille inmitten der ragenden Gipfel vertraut, die nur manchmal von einem feierlich dahinrollenden Echo unterbrochen wird, aber trotzdem lastete gegen Ende dieser langen Einsiedlerzeit jeden Abend, wenn er von der Arbeit heimkehrte, das Gefühl der Beklemmung schwerer und schwerer auf ihm. Noch ein paar Tage und er war so weit, daß er anfing, mit sich selbst zu sprechen. Es ging ein Wandel mit ihm vor, aber so langsam und unmerklich, daß er sich selbst der Gefahr nicht bewußt wurde. Hätte er einen Spiegel besessen, so hätte er es an diesem Morgen sehen können. Er stand an der Tür seines selbst gezimmerten Unterschlupfs. Es war noch beinah Nacht, der Wind zerrte an dem Hemd, das faltig um seinen von der Arbeit ausgedörrten Körper hing. Seine Stirn war gerunzelt. Auch dieses angestrengte Zusammenziehen der Augenbrauen war ihm allmählich zur Gewohnheit geworden. Ein hageres Gesicht, Augen, die dicht beieinander saßen und eine zurückweichende Stirn, die davon sprach, daß man es mit einer einschichtigen Natur zu tun hatte, einem Mann, der immer nur einen einzigen Zweck im Leben kennt und der über hundertundachtzig Pfund eiserner Muskeln und stählerner Sehnen verfügt, die seinen Wünschen Nachdruck verleihen. So sah Vic Gregg aus, als er vor der Tür stand und wartete, bis der starke Kaffee, den er eben getrunken hatte, die letzten Spinnweben des Schlafs aus seinem Gehirn verjagt hatte.

In diesem Augenblick hörte er einen Adler schreien.

Der Ton schnitt wie ein Messer durch die Nacht der Schlucht. Vic fuhr zusammen und warf einen Blick hinter sich. Infolge der vielfältigen Echos hatte es geklungen, als schreie es dicht an seiner Seite. Dann aber blickte er auf und sah, wie dort oben, im ersten Morgenlicht, zwei Adler miteinander im Kampfe lagen. Er wußte, was es bedeutete. Die Paarungszeit begann und die Schlacht der beiden dort oben galt einer besonderen Beute. Sie schossen davon, sie stürmten gegeneinander mit gezückten Krallen und grimmig geöffneten Schnäbeln, sie stürzten in einem wilden Getümmel schlagender Flügel erdwärts, schwangen sich wieder zur Höhe und stießen oben erneut zusammen, bis einer plötzlich die Schwingen einzog und, wie ein Stein fallend, aus dem Morgenlicht dort oben in die Nacht hinunterschoß.

Der Sieger krächzte eine lange Beschimpfung ins Dunkel der Schlucht hinunter. Eine Weile noch kreiste er hoch oben, den kahlen Kopf auf die Seite gelegt, als erwarte er Beifall von dem einsamen Zuschauer dort unten, dann segelte er, ohne einen Flügelschlag, über die Gipfel davon. Eine Feder tanzte langsam durch die Luft und sank dicht vor Vic zu Boden.

Er starrte hin und rieb sich den steifen, schmerzenden Nacken. Er dehnte die Arme. Die von harter Arbeit verkrampften Muskeln lockerten sich. Das Blut floß wieder rasch und warm durch die Adern. Genießerisch schloß er die Augen und tat einen langen wollüstigen Atemzug. Er trat ins Freie hinaus. Jetzt trug er den Kopf höher, sein Herz schien leichter, und als sein schwer genagelter Schuh klirrend auf den Hammer traf, der dort im Grase lag, gab er dem altvertrauten Werkzeug einen Tritt, daß es trotz seines Gewichts sich überschlagend davonflog. Darüber lächelte er still vor sich hin. Er schlenderte an den Rand des kleinen Plateaus und blickte in die tiefeingerissene Schlucht hinab, in der der Asper floß.

In der gähnenden Tiefe fluteten noch blauschwarze Schatten wie ein Meer, obwohl um Vic herum bereits alles im Morgenlicht erglänzte. Zweitausend Fuß tief blickte man hinab, wo in dem Blockhaus eines Trappers ein einsames Licht durch die Nacht blinkte. Aber rasch hielt jetzt die Morgendämmerung auch dort unten ihren Einzug. Noch während Gregg hinunter starrte, verfärbte sich das Blauschwarz, wurde dünner, violett und purpurn. Gregg sah scharfe, schwarze Spitzen daraus auftauchen und er wußte, daß es die Wipfel der Fichten waren. Schließlich sah er auch noch einen Streifen Grasland im Morgenlicht erglänzen.

Auf ihm lag die Stille wie ein dickes Tuch; das Schweigen der Nacht reichte noch weit hinein in den jungen Tag. Trotzdem warf er plötzlich einen Blick über die Schulter, als höre er einen Schritt, auf den er schon lang gewartet hatte. Doch die Resignation kam fast zugleich mit der Erwartung. Es war nichts als sein Heimweh, oder er wußte nicht Bescheid mit sich.

»Ach, der Teufel«, sagte Vic Gregg. »Es ist Frühling!«

Das Echo gab ihm die Worte in dröhnendem Baß zurück und rollte dann dreimal widerhallend die Wände der Schlucht entlang.

»Frühling!« wiederholte Gregg, diesmal leiser, als fürchte er das Echo noch einmal zu wecken. »Verdammt will ich sein, wenn's nicht Frühling ist!«

Seine Gedanken und Wünsche waren in diesem Augenblick anderswo. Sie galoppierten auf Grey Mollys Rücken an den grasigen Ufern des Asper hinunter. Es kostete ihn bitteren Zwang, sich wieder in die Stimmung des geduldigen Goldschürfers zurückzufinden. Er blickte in die Hütte. Da lagen noch seine Decken, zerwühlt, braun von Schmutz. Ihn schauderte, als sein Blick darauf fiel; die Nacht war bitter kalt gewesen. Ehe er einschlief, hatte er das Magazin, in dem er las, in eine Ecke geschleudert. Jetzt spielte der Wind mit den zerfetzten, vergilbten Blättern, und ihr Flüstern sprach zu Gregg von den zehnmal gelesenen Abenteurergeschichten, die sie enthielten. Er sah die Spielhöllen vor sich, in denen der Rauch in dicken Schwaden hing, er hörte den Singsang des Croupiers hinter der Roulette, tiefe Männerstimmen, das Lachen hübscher Mädchen, den Trommelwirbel galoppierender Hufe, Gebrüll, wie es nur der brennende Whisky des Westens auslösen kann. Er schnüffelte, die Luft in seinem Verschlag war nur vom Geruch verbrannten Specks und eben gebrauten Kaffees erfüllt. Er blickte rechts hinüber und sah seine außer Dienst gestellten ausgefransten Arbeitshosen mit den Löchern an den Knien. Er blickte nach links und starrte seinem verrosteten alten Wecker ins Gesicht. Das rasche, leise Ticken verursachte ihm ein plötzliches Gefühl des Überdrusses und der Müdigkeit, das ihm wie ein Schmerz durch die Glieder schoß.

»Was ist bloß mit mir los?« murmelte er. Selbst diese leisen Worte dröhnten gespenstisch laut durch die Hütte und ein neuer Schauer überlief ihn. »Ich glaube, bei mir geht bald 'ne Schraube los.«

Als müsse er seinen eigenen Gedanken entrinnen, trat er wieder in die Sonne hinaus. Das warme Licht war nach der eisigen Dunkelheit der Baracke so wohltuend, daß er lächelnd zum Himmel hinaufblickte. Ein Westwind wehte und trieb geschäftig eine zersprengte Herde dicker weißer Wolken über die Gipfel herein, geballte Kissen, deren Ränder wie durchsichtiges Silber leuchteten und hinter denen lange, weiße Dunstschleier den Weg bezeichneten, den sie gekommen waren. So tauchten sie weißschimmernd tief unten am blauen Himmel auf und zogen in lockerer Formation ins Tal des Asper hinunter, wo ein Teil von ihnen liegenblieb, wie mächtige Eisgipfel emporragend, während andere Wolken sich wie Vorberge um ihren Fuß gruppierten. Die Hauptmasse des Wolkengebirges aber wich dem Tale aus und entschwand langsam seinem Blick, ostwärts, wo – wie er wußte – das Städtchen Alder lag.

Für Vic Gregg war Alder Athen und Rom zugleich, das Schulhaus war seine Akropolis und Captain Lorrimers Kneipe sein Forum. Mochten andere Leute von größeren Städten zu erzählen haben, Alder genügte, um Vics Phantasie zu beflügeln; außerdem war Grey Molly jetzt dort unten beim Grobschmied auf der Weide, und Betty Neal gab Unterricht in der Schule. Sein Blick folgte den Gebirgszügen, die dort hinüberliefen, folgte den Wolken, die nach Alder hintrieben. Und die lang angestaute Flut in ihm rüttelte am Damm, sprengte ihn in Stücke und brauste in die Freiheit hinaus. Er mußte ganz einfach nach Alder hinunter, endlich einmal einen Schluck trinken, einem Freund die Hand schütteln, Betty Neal küssen! Dann konnte er wieder zurückkommen! Zwei Tage hinunter, zwei Tage herauf und drei Tage, um sich auszutoben – es kostete ihn schließlich nur eine einzige Woche.

Nicht zwei Stunden vergingen, da hatte Vic Gregg seine gewichtigeren Ausrüstungsgegenstände sorgfältig versteckt, das Allernotwendigste auf einen Esel geladen und war unterwegs.

Um Mittag war er bereits unterhalb der Schneelinie und in den Randbergen. Hinter ihm stiegen die Gipfel fast bis zum Firmament, in kaltes, winterliches Weiß gekleidet, aber hier unten war es nicht mehr zu bezweifeln, daß der Frühling gekommen war. Hier und da mußte er über geschwätzige kleine Wasserläufe, die den größten Teil des Jahres über trocken lagen, jetzt aber von der Schneeschmelze gespeist wurden. Wo das Wasser kleine ruhige Kessel bildete oder wo eine flachere Stelle war, streckte frischgrüne Wasserkresse lange Zungen bis in die Strömung vor, und manchmal entdeckte Vic auf dem feuchten Grund, unter einer schützenden Erdwelle, Rasenflecke, die dick mit Veilchen übersät waren.

»Voran, Mame,« rief er, »'s ist höchste Zeit, daß wir nach Alder kommen.« Er packte seinen Knüttel und versetzte dem Esel in überströmender guter Laune ein paar Klapse. Mame, der Esel, bewegte unwillig den Schwanz und legte eins seiner langen Ohren zurück, um zu hören, was sein Herr ihm zu sagen hatte, aber er beschleunigte sein Tempo nicht. Er hatte von je nur eine einzige Gangart gekannt, und wenn Vic ihm Püffe versetzte, so war es mehr, um eine Art gemeinsamer Unterhaltung zustande zu bringen, als in der Erwartung, die Reise zu beschleunigen.

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