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Der siebente Mann

Max Brand: Der siebente Mann - Kapitel 18
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDer siebente Mann
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
printrun
translatorHellmuth Wetzel
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180215
projectid281479f7
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Siebzehntes Kapitel.
Der zweite Mann

Der Sheriff war aufgesprungen. Er winselte förmlich vor Aufregung. Er und seine Leute sandten einen wahren Hagel von Geschossen in die Dunkelheit, dahin, wo der Weg talabwärts führte. Es war vergeblich. Man hörte, wie das Blei an den Felsen zerspritzte.

»Es ist alles vorbei! Hört auf, Boys!« rief Pete Glass. »Er hat uns 'ne Nase gedreht!«

Das Feuern hörte auf. Von weit unten kam das Prasseln der Hufschläge auf dem steinigen Abhang und das Klirren der Eisen, wenn sie auf einen Felsbrocken trafen.

»Es ist alles vorbei!« wiederholte der Sheriff. »Wie steht's bei uns?«

Sein Blick wurde plötzlich starr. Schrecken malte sich auf seinem Gesicht.

»Großer Gott, Mat hat was abgekriegt.«

»Wer?«

»Glatt durch den Kopf.«

Mat lag merkwürdig verkrümmt an seinem Platz, als sei jeder einzelne Knochen in seinem Körper zertrümmert. Als sie ihn auf den Rücken wälzten, sahen sie ein kleines rotes Loch auf seiner Stirn. Das starre Gesicht zeigte noch immer einen Ausdruck dumpfer Bestürzung.

»Wo sind die anderen zwei?« fragte der Sheriff, mehr sich selbst als Vic, der neben ihm stand.

»Ruhig Blut, Pete!« warnte der. »Gegen Haines und Daniels liegt nichts vor.«

Der Sheriff warf ihm einen seltsamen, hungrigen und verstörten Blick zu.

»Kann sein, es läßt sich was finden, Gregg! – Ich denk', Ihr haltet besser den Mund und bleibt im Hintergrund! – Hallooo!« Er stieß einen langgezogenen Ruf aus, der zitternd zwischen den Bergen dahinstarb.

»Ihr da drüben – Lee Haines! Im Namen des Gesetzes, ergebt Ihr Euch?«

Ein wildes Lachen gab Antwort. »Warum in Dreiteufelsnamen soll ich mich ergeben?«

»Haines, ich warne Euch! Das ist Widerstand gegen die Staatsgewalt und Einmischung in eine Amtshandlung. Ich frage nochmals: ergebt Ihr Euch?«

»Wer seid Ihr eigentlich?«

Die schrille Stimme des Sheriffs ertrank beinahe in dem mächtigen Dröhnen. –

»Ich bin Sheriff Pete Glass.«

»Das ist gelogen. Wer hat je gehört, daß ein Sheriff sich heranschleicht wie ein dreckiger Koyote, der auf Aas Jagd macht?«

Pete Glass' Gesicht verzerrte sich vor Wut.

»Haines, wenn Ihr noch lange dort hinten steckt, seid Ihr auch bald nicht mehr als ein bißchen faules Fleisch für die Koyoten. Ich zähl' jetzt bis zehn ...«

»Na, Ihr stummelschwänziges Stinktier«, brüllte jetzt eine andere Stimme. »Ihr krummknochiger, rotäugiger Rattenfänger! Was habt Ihr gegen uns vorzubringen? Kommt 'raus und quasselt Euch aus. Wir sind bereit, Euch entgegenzukommen!«

Der Sheriff stieß einen langen tiefen Seufzer aus.

»Ich hatte schon gehofft, daß sich die Kerle auf keine Verhandlungen einlassen würden!« murmelte er. Aber da die letzte Aussicht auf einen Kampf jetzt dahin war, verließ er die Deckung und trat furchtlos ins Freie. Zwei riesige Gestalten kamen ihm entgegen.

»Nun hört mal zu da drüben«, sagte Lee Haines und machte noch einen Schritt nach vorwärts. »Eine mißverständliche Bewegung von einem von euch anderen Kerlen – 's braucht just bloß der Mond auf 'nen Büchsenlauf zu blinken – und ich mach' euren geliebten Sheriff still und zahm und schick' ihn zur Hölle, damit sie dort auch ein Muster von der Sorte haben ...«

Die drei machten halt. Auf der einen Seite die beiden Männer, Haines etwas weiter vorne, auf der anderen der Sheriff.

»Ihr seid Lee Haines?«

»Ihr habt den richtigen Namen genannt.«

»Und Ihr seid Buck Daniels.«

»Stimmt schon.«

»Leute, ihr habt einem Vertreter der Polizeigewalt bei der Durchführung einer Verhaftung Widerstand geleistet. Ich denk', ihr wißt, was das bedeutet.«

Lee Haines mächtige Gestalt wurde von einem Lachen erschüttert.

»Fangt nicht an zu bluffen, Sheriff. Ich weiß halbwegs mit den Gesetzen Bescheid.«

»Soso? Habt wohl persönlich damit zu tun gehabt?«

»Was wir vielleicht getan hätten, wenn's drauf und dran gegangen wär', das ist 'ne Frage für sich. Was wir wirklich getan haben, ist eine andere. Barry war weg, eh wir die geringste Aussicht hatten, Euch die Zähne zu zeigen, mein Freund. Ihr könnt nicht mal behaupten, daß wir gefeuert haben. Wenn Barry gewartet hätte – aber er hat's ja nicht. Für uns ist hier nichts weiter mehr zu tun, als Euch gute Nacht zu wünschen.«

Der Sheriff strich sich nachdenklich den Schnurrbart. Er war nicht ohne eine letzte Hoffnung den beiden entgegengegangen. Bis jetzt noch hatte er geglaubt, daß sich ihm irgendeine Chance bieten würde – vielleicht gelang es, die beiden zu Gewalttätigkeiten zu verleiten, vielleicht fand sich doch noch ein Vorwand, um sie zu verhaften. Um Gründe war er nicht verlegen. Er kannte sein Aufgebot. Sie beschworen, was er wollte. Aber Pete Glass war ein umsichtiger Mann. Er hatte inzwischen die beiden genauer gemustert. Mit einem von ihnen wäre er vielleicht fertig geworden, mit beiden zugleich anzubinden, war sicherer Tod für ihn.

»Leute,« sagte er, »denke, ihr habt euch zur Genüge gerechtfertigt. Ihr seid kein jagdbares Wild für mich, und ich denk' nicht dran, euch länger im Weg 'rumzustehen. – Boys,« fuhr er fort, »Sliver, Ronicky, kommt 'ran, wir woll'n uns das Haus mal von innen ansehn.«

»Ruhig Blut!« unterbrach Haines. Er verlegte ihnen den Weg, der zur Vordertür des Hauses führte. »Sheriff, Ihr kennt mich zwar erst seit jetzt, aber ich verlang' von Euch, daß es Euch genügt, wenn ich Euch sag', was im Haus ist.«

Glass' Blick glitt über ihn hin. Er hatte einen ganz neuen Ausdruck.

»Ist mir just so, als könnt' ich mich mit Eurem Wort begnügen. Also, was ist dort im Haus?«

»Ein kleines, fünf Jahre altes Mädel mit ihrer Mutter. Nichts, was der Mühe wert wäre, anzusehen.«

»Nichts sonst?« antwortete der Sheriff nachdenklich. »Aber das ist ja eine ganze Masse. Kann sein, ich könnte aus seiner Frau herausbekommen, wo er hin ist? Sie könnte mir vielleicht 'nen Wink geben, wo ich ihm meine Aufwartung machen kann?«

»Partner, Ihr könnt sie nicht sprechen.«

»Ich kann nicht?«

»Nein, bei Gott nicht!«

»H–m–m–m!« murmelte der Sheriff. Er sah ganz genau, daß Haines mächtige Gestalt sich angriffslustig straffte, wie seine Beine sich fester in den Boden stemmten. Der andere, der neben ihm Posten faßte, schien nicht weniger entschlossen.

»Die Frau da, das ist die Tochter vom alten Cumberland«, sagte Daniels. »Gleichgültig, was Ihr – was – Dan Barry ist – Kate Cumberland ist einwandfrei.«

Der Sheriff erinnerte sich an das, was Vic von blauen Augen und seidigem Haar erzählt hatte.

»Mindestens«, meinte er, »scheint sie zu wissen, wie man mit Männern umgeht.«

»Sheriff, Ihr seid auf 'ner falschen Fährte«, sagte Haines. »Da drin findet Ihr nichts als eine Frau, der das Herz gebrochen ist und ihr Kleines. Wenn Ihr sie unbedingt sehen müßt – geht doch!«

»Könnte sein, sie weiß was,« überlegte der Sheriff halblaut, »und ich denk', ich wär' eigentlich verpflichtet, es jetzt aus ihr herauszuquetschen. Aber 's ist just nicht die Sorte Beschäftigung, von der ich entzückt bin.« Er wiederholte sanft: »'ne Frau mit ihrem Baby!« Und machte auf dem Absatz kehrt. »Also gut, Boys, macht, daß ihr in eure Sättel klettert. Zwei Mann müssen Mat mitnehmen. Wir begraben ihn, wo wir Harry begraben haben. Denke, so weit werden wir ihn noch schleppen können.«

»Was ist denn los?« Das war Haines. »Hat einer von Euern Leuten ins Gras gebissen?«

»Jawohl.«

Sie folgten dem Sheriff und blieben vor der Leiche stehen. Wenn das rote Mal auf seiner Stirne nicht gewesen wäre, hätte man meinen können, der Tote liege nur in tiefem Schlaf. Er schien zu lächeln, als träume er einen angenehmen Traum. Es war ein hübscher Bursche in der Blüte junger männlicher Kraft, dieser zweite Mensch, der für Grey Molly hatte sterben müssen.

»Das ist Dan Barrys Ende«, sagte Buck. »Lee, unsere Freundschaft mit dem Pfeifenden Dan ist aus. Wir werden ihn nie wiedersehen. Er ist wieder wild geworden. Jetzt gibt's für ihn kein Zurück.«

Der Sheriff drehte sich nach ihm um und betrachtete ihn interessiert.

»Er muß doch zurückkommen«, sagte Haines. »Er muß zurückkommen, schon um Kates willen.«

»Um Kates willen! Es wäre besser für sie, er wär' tot«, antwortete Buck.

»Aber Mann, es ist nicht zum erstenmal, daß er Amok gelaufen ist.«

»Verstehst du's denn noch immer nicht, Lee?«

»Was?«

»Diesmal kämpft er, um zu töten. Das hat er noch niemals getan. Früher hat er seine Leute kampfunfähig gemacht. Er hat ihnen einen Arm zerschossen oder ihnen eine Kugel in die Schulter gejagt und hat sie sich trollen lassen. Aber jetzt macht er ihnen den Garaus. Lee, Dan kommt nie mehr zurück.«

Vic Gregg stand neben ihnen. Buck blickte ihm in das bleiche Gesicht und sagte ohne jede Spur von Zorn: »Vielleicht könnt Ihr nichts dafür, Mann, aber Ihr wißt selbst nicht, wieviel Unheil Ihr angerichtet habt. Seht Euch um. Der Sheriff und die anderen, sie alle sind heute schon so gut wie tot. Und all das, Gregg, ist Eure Schuld. Barry ist hinter euch allen her. Seht Euch das Haus da drüben an. Das ist jetzt voll Jammer bis unters Dach! Daran seid Ihr schuld! Lee, wir woll'n uns trollen. Mir ist weh und übel zumut.«

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