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Der siebente Mann

Max Brand: Der siebente Mann - Kapitel 17
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDer siebente Mann
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
printrun
translatorHellmuth Wetzel
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180215
projectid281479f7
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Sechzehntes Kapitel.
Menschenjagd

Draußen stand der junge Mond über einem der schwarzen Gipfel und starrte hinunter wie ein gespenstischer Zuschauer der kommenden Tragödie. Als Vic zwischen die Felsen stolperte, rief der Sheriff ihn leise an.

»Gregg, Ihr habt Euren Kontrakt gebrochen. Ihr habt Dan nicht mit 'rausgebracht.«

Vic warf seinen Revolver auf den Boden.

»Schön, und ich brech' auch, was wir sonst noch abgemacht haben. Ich mach' jetzt Schluß mit allem. Legt mir meinetwegen die Handfesseln an und schleppt mich mit. Hängt mich, und der Teufel kann Euch holen. Aber ich will meine Hand nicht mehr dazu bieten, ihn in die Falle zu locken!«

Sliver Waldron fuhr mit der Hand in die Tasche. Es klirrte. Aber ein Wort des Sheriffs ließ ihn innehalten. Pete Glass richtete sich hinter dem Felsen, der ihm als Deckung diente, in sitzende Haltung auf.

»Mir ist just so, Gregg, als hättet Ihr Eure Sache gründlich besorgt und diesmal uns hereingelegt. Weiß er da drin, daß wir ihm hier auflauern? Hockt Euch hin, daß man Euch nicht sieht!«

Gregg gehorchte. »Schön, ich' hock' mich hin. Ihr habt das Recht, mir zu befehlen. Aber Ihr habt nicht das Recht, mich zum Reden zu bringen. Zwischen hier und der Hölle gibt's nichts, Mann, das mir den Mund öffnen wird.«

Der Sheriff zog die Brauen zusammen. Die Augen verschwanden in den dunklen Höhlen. Seine Hand strich liebkosend über den Kolben der Büchse, die über seinen Knien lag. Im ganzen Land gab es keinen Menschen, der je so allen Hochmuts bar, so schlicht und menschlich war wie Sheriff Pete Glass in diesem Augenblick.

»Vic,« sagte er, »ich dacht' schon, es steckt in Euch das Zeug zu einem überlebensgroßen Schweinehund. Aber ich bin mächtig froh darüber, daß ich Euch falsch beurteilt hab'. Bleibt in aller Ruhe da sitzen. Ich werd' Euch keine Handschellen anlegen, wenn Ihr mir Euer Wort gebt.«

»Da könnt Ihr warten, bis Ihr zum Teufel fahrt, eh ich Euch das gebe. Ich war ein Mann, oder wenigstens halbwegs ein Mann, eh ich heute abend an Euch geraten bin – was bin ich jetzt? Ein niederträchtiger Hund, der seinen Kameraden ans Messer geliefert hat. Großer Gott, wie hab' ich's bloß fertiggebracht?«

Er schlug sich mit der geballten Faust vor die Stirn.

»Was Ihr getan habt, könnt Ihr nicht ungeschehen machen«, antwortete der Sheriff. »Vic, ich hab's miterlebt, daß Leute noch tiefer in den Sumpf geraten sind, und doch haben sie sich schließlich wieder herausgearbeitet. Ich denk', in der Sache mit Blondy werdet Ihr loskommen, und in Zukunft werdet Ihr Euch auf der geraden Bahn halten. Ihr werdet Euch verheiraten und werdet Euch wie 'n anständiger Kerl betragen. Du lieber Himmel, Mann, ich mußt' Euch benutzen, soweit's ging, aber meint Ihr, ich hab's wirklich gewünscht, daß Ihr Barry mitbringt? Ihr hättet ja niemals wieder Betty gerade ins Gesicht sehen dürfen! Nein, weiß Gott, ich dräng' Euch nicht. Aber in der Zeit, da Ihr weg wart, hab' ich auf eigene Rechnung ein wenig umhergespürt. Ich habe vier Männer drinnen im Haus reden hören. Könnt Ihr mir sagen, wer drin ist?«

»Ihr habt Euch als anständiger Kerl gezeigt, Pete,« entgegnete Vic heiser, »und ich will Euch nichts schuldig bleiben. Ich geb' Euch 'nen Rat. Macht, daß Ihr wegkommt! Setzt euch auf eure Gäule und reitet, als ob ihr den Teufel im Nacken hättet, denn wenn ihr noch zehn Minuten hierbleibt, habt ihr drei ganz üble Nummern auf dem Hals.«

Ein Murmeln antwortete. Das Aufgebot hatte zugehört. Es stand mehr in Aussicht, als sie sich gewünscht hatten. Der Sheriff aber tat nur einen tiefen Atemzug. Das Mondlicht war jetzt heller. Vic konnte ihm am Gesicht ablesen, daß er von tiefer, kindlicher Zufriedenheit erfüllt war. In der Brust des kleinen, verstaubten Männleins glühte ewig die Kampflust wie der Funke unter der Asche.

»Drei gegen fünf«, sagte der Sheriff. »Die Sache wird interessanter, als ich angenommen habe, Vic.«

Die ruhige Zuversicht mißfiel Vic. Er nahm sich vor, sie zu erschüttern. Er warf dem Sheriff einen wütenden Blick zu.

»Wenn's drei gewöhnliche Menschen wären, wär's vielleicht 'ne Partie für Euch«, sagte er. »Aber die sind nicht von der gewöhnlichen Sorte. Den einen kenn' ich nicht, aber es scheint ihm verdammt in der Hand zu kribbeln. Der andere heißt Lee Haines!«

Zum Teil wenigstens schien es geglückt. Der Sheriff war aufgefahren. Er legte den Kopf auf die Achsel, als höre er rauschende Musik in der Ferne.

»Lee Haines,« murmelte er verzückt, »das war doch Jim Silents Leutnant? Man erzählt sich, er wäre so flink mit dem Revolver wie Jim selbst.« Er seufzte wieder. »Es gibt nichts Feineres, Vic, als so 'nen richtigen klotzigen Kerl aufs Korn zu nehmen.«

»Denke, Ihr rechnet besser mit Daniels und Haines als Gegner für die anderen hier. Für Euch bleibt Barry.« Vic grinste boshaft. »Wißt Ihr, was Barry bedeutet?«

»'s ist ein recht häufiger Name, Vic.«

»Pete, habt Ihr je vom Pfeifenden Dan gehört?«

Jetzt war's erreicht. Vic konnte nicht mehr zweifeln. Die Siegeszuversicht des Sheriffs lag in tausend Scherben. Der kleine Mann begann zu schnaufen. Im trüben Mondlicht sah Vic, wie es in seinem Gesicht arbeitete.

»Der?!« sagte er schließlich. Und dann: »Ich hätt's schließlich wissen können! Der!« Er beugte sich vor. »Behaltet's für Euch, Vic, oder die Boys hier verkriechen sich in ein Mauseloch, noch eh der Tanz überhaupt beginnt.«

Er schmiegte sich dichter an die Felsen und blickte nach dem Haus hinüber.

»Der?!« sagte er wieder. »Wenn's nur 'n bißchen heller wär'«, murmelte er dann. »Ach Gott, Vic, warum ist's nicht Tag statt nur Vollmond.«

Dann sprach niemand mehr. Plötzlich gingen in der Hütte die Lichter aus.

»Damit sie nicht gegen die hellen Fenster sichtbar sind, wenn sie ausbrechen«, murmelte der Sheriff. Er schob den Hut zurecht. »Boys, haltet Euch bereit. Sie kommen!«

Mat Henshaw nahm die Weisung auf und gab sie weiter. Ein Flüstern lief hinter den Felsen die lange, unregelmäßige Kette der Männer entlang. Es endete mit einem tiefen Brummen. Sliver Waldron hatte noch nie seinen dröhnenden Baß zum Flüstern dämpfen können. Drüben am Hause knirschte eine Tür. Man sah förmlich, wie sie sich langsam und vorsichtig öffnete, so deutlich sprachen die Geräusche.

Der Sheriff verdolmetschte: »Sie gehen durch die Hintertür und drücken sich ums Haus herum nach vorne. Sie müssen vorne herum, 's gibt keinen anderen Weg. Gib das weiter, Mat.«

Wieder lief die geflüsterte Weisung die Schützenkette hinunter – nur bis zur Hälfte – aus der Hütte kam ein gellender Schrei. – Er ging wie ein zackiger Blitz durch Vics Hirn. Das war eine Frau! – Er sprang auf die Füße.

»Duckt Euch,« kommandierte der Sheriff, »oder Ihr kriegt 'n Loch in den Kopf!«

»Um's Himmels willen, Pete, er bringt seine Frau um – Kate – er ist verrückt geworden – ich hab's ihm an den Augen angesehen – ich hab's kommen sehen!«

»Maul halten!« knurrte Glass. »Horcht!«

Ein leises pulsierendes Geräusch. Drinnen im Haus. Vics Herzschlag stockte. Das war ein ersticktes, herzzerreißendes Schluchzen.

»Sie hat ihn angefleht, bei ihr zu bleiben, aber er hat sich von ihr losgemacht«, sagte der Sheriff. »Nun wird's gleich losgehn.«

Aber anscheinend hatte der Sheriff sich getäuscht. Kein Laut, nicht das geringste Anzeichen eines plötzlichen Angriffs.

»Was für 'ne Sorte Frauenzimmer ist sie, Gregg?« fragte er dann.

»Lauter blondes Haar, Pete, und die sanftesten blauen Augen, die Ihr je gesehen habt.«

Der Sheriff gab keine Antwort, aber Vic sah, wie die knochige Hand des Mannes sich fester um den Büchsenlauf schloß.

Vom anderen Flügel der Schützenkette kam es flüsternd, erregt, stammelnd vor Überstürzung: »Achtung! Rechts!«

Ja, wahrhaftig! Da drüben glitt eine dunkle Gestalt von der Hausecke nach den Felsen hinüber und verschwand. Beinahe im selben Augenblick folgte eine zweite. Selbst für einen Schuß aufs Geratewohl hatte sich kein genügendes Ziel geboten.

»Visier tief!« befahl der Sheriff, und der Befehl wurde die Linie hinunter wiederholt.

Vic hörte ein gedämpftes Trappeln. Es klang harmlos, wie wenn unzählige kleine Kinder über einen dicken Teppich laufen. Dann fegten zwei Schatten hinter dem Haus hervor, einer klein, dicht über dem Boden hinjagend, der andere weitaus größer – ein Mann zu Pferde. Aber der Reiter war so dicht an sein Tier geschmiegt, daß man zweimal hinsehen mußte, um zu bemerken, daß der Sattel nicht leer war. Ehe Vic begriffen hatte, was geschah, war das reitende Gespenst schon fast mitten unter ihnen. Noch war kein Schuß gefallen! Es gab dafür verschiedene Gründe. Vor allem hatte der erste Alarm die Aufmerksamkeit nach der entgegengesetzten Hausecke gelenkt. Zudem gab der Mond nur ein mattes, trügerisches Licht, in dem das schwarze Pferd mit der Umgebung verschmolz, während das dichte Berggras das Geräusch der galoppierenden Hufe dämpfte.

Wie ein Schiff unvermutet unter vollen Segeln daherbrausend aus dem Nebel auftaucht, kamen Roß und Reiter angestürmt, Black Bart vorneweg. Alles war überrumpelt. Vic sah, daß selbst der Sheriff die Fassung verlor. Er hatte rechts hinübervisiert, jetzt riß er mit einem kurzen Fluch den Gewehrlauf herum und jagte Schuß auf Schuß nach dem plötzlich sich bietenden Ziel. Endlich eröffnete auch der Rest der Kette das Feuer. Aber ehe noch das Knattern der Schüsse in Vics Ohr verhallt war, ehe noch das Echo der fernen Talwände das Rollen der Salven dröhnend zurückgesandt hatte, bäumte Satan sich zu einem gewaltigen Sprung. Vic sah die schwarze Silhouette über die mattschimmernde Mondscheibe hinwegsegeln – weit streckte das Tier den Hals, die Beine waren im Sprung unter dem Leib zusammengezogen – ein Flügelpferd, das seinen Reiter wie eine Feder trug! Mit einem Sprung setzte es über einen fünf Fuß hohen Felsen hinweg und war gleich darauf im Labyrinth der Steinblöcke verschwunden. Der Reiter hatte nur einen Schuß abgefeuert, und diesen einen in dem Augenblick, in dem das Pferd den höchsten Punkt seines Sprunges erreicht hatte.

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