Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Max Brand >

Der siebente Mann

Max Brand: Der siebente Mann - Kapitel 16
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDer siebente Mann
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
printrun
translatorHellmuth Wetzel
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180215
projectid281479f7
Schließen

Navigation:

Fünfzehntes Kapitel.
Sieben für einen

Lee Haines redete noch immer. Irgendwo im Norden gab es eine goldführende Ader in den Bergen, zu deren Auffindung man ein Gebiet von gut zehntausend Quadratmeilen hätte durchsuchen müssen. Er entrollte eine lange Liste von Landmarken und Anhaltspunkten, von denen einer so unbestimmt war wie der andere – er beschwor Dan, ihnen suchen zu helfen, und Barry war gezwungen, ihm zuzuhören. Dabei sah er aus, als werde er jeden Augenblick hinauseilen. Black Bart lag so, daß er seinen Herrn im Gesicht behielt. Seine Augen folgten jeder Bewegung. Kate saß, wo gerade noch der letzte schwache Feuerschein auf sie fiel. Sie hielt Joan in den Armen. Die großen, glänzenden Augen des Kindes waren unverwandt auf Daddy Dan gerichtet. Alles schien den Mann dort drüben an der Wand zum Mittelpunkt zu haben. Gregg spürte, daß etwas Besonderes unmittelbar bevorstand. Dann packte ihn wilde Furcht – wußten sie hier schon von der Gefahr, die draußen heranschlich? Er mußte sich zwingen, ein Gespräch im Gang zu halten. Er wandte sich zu Kate. Im selben Augenblick hörte er dicht neben sich Buck Daniels Stimme:

»Ich weiß, wie es Euch jetzt zumute ist, Partner. Ich erinnere mich, ich hatte mal früher 'nen Braunen, wie der gestorben ist, hab' ich beinah ein Jahr lang den Kopf hängen lassen. So 'n guter Gaul war das. Wie der vier Jahre alt war, nahm ich ihn eines Tages mal auf die Viehkoppel mit hinaus und ...«

Bucks lautes, gemütliches Geplauder senkte sich zu vertraulichem Raunen. Daniels beugte sich dichter zu Vic hinüber, sein Lächeln schien anzudeuten, daß jetzt etwas besonders Lustiges kommen würde. Aber die Worte, die an Greggs Ohr drangen, lauteten: »Partner, wenn ich an Eurer Stelle wäre, würde ich aufstehn und mich auf die Socken machen und nicht haltmachen, bis nicht ein höllisches Stück Weg zwischen mir und dieser Bude hier läge.«

Es zeugte für Greggs Kaltblütigkeit, daß er nicht zusammenzuckte und sich in keiner Weise verriet. Er senkte ein wenig den Kopf, als brenne er darauf, den Schluß von Bucks Anekdote zu hören. Er nickte.

»Was ist denn los?« raunte er leise zurück.

»Barry sitzt drüben im Dunkeln und beobachtet Euch.« Dann: »Narr, starrt doch nicht hinüber!«

Aber die Mahnung war überflüssig. Wenn Vic den Kopf hob, so hatte er sich schon einen bestimmten kleinen Aktionsplan zurechtgelegt. Er warf sich zurück und lachte laut heraus, aber seine Augen drangen heimlich spähend in das Dunkel drüben, wo Dan stand. Er spürte, daß die glimmenden Augen fest und unverwandt auf ihn gerichtet waren. Er ließ den Kopf wieder sinken, als wünsche er noch mehr von Bucks Geschichte zu hören.

»Was hat's zu bedeuten, Daniels?« sagte er gedämpft.

»Das müßt Ihr selbst wissen. Ich weiß es nicht. Aber er ist Euch nicht gut gesinnt. Mir gefällt's nicht, daß er Euch ständig so anstarrt. Wenn ich an Eurer Stelle wär' ...«

Bucks Flüstern ebenso übertönend wie Lee Haines' unverdrossenes lautes Geschwätz, schnitt plötzlich Barrys Stimme durch die Luft.

»Vic!«

Gregg blickte auf. Barry war näher gekommen, er stand jetzt gerade innerhalb des Kreises, den die Herdglut auf den Boden zeichnete. Vics Herz krampfte sich zusammen, als er ihn genauer betrachtete.

»Vic, wieviel haben sie dir gezahlt?«

Er versuchte zu antworten. Zehn Jahre seines Lebens hätte er dafür gegeben, wenn seine Stimme ihm gehorcht hätte. Aber seine Zunge schien am Gaumen angefroren. Er spürte, daß alle Gesichter sich ihm zugekehrt hatten. Er versuchte zu lächeln; ein harmloses Gesicht aufzusetzen. Aber seine Augen blieben weit und starr aufgerissen. Er fühlte, alle konnten jetzt auf den Grund seiner Seele blicken und darin lesen, daß er schuldig war.

»Wieviel?« fragte Barry.

Jetzt fand Vic die Stimme wieder. Aber er hätte laut aufstöhnen mögen, als er hörte, wie schrill und falsch sie klang.

»Was meint Ihr damit, Dan?«

Dan lächelte. Gregg fügte hastig hinzu: »Wenn Ihr mich lieber los sein möchtet, Dan, braucht Ihr natürlich nur 'n Wort zu sagen.«

»Wieviel haben sie bezahlt?« wiederholte die gelassene, unerbittliche Stimme.

Es wäre vielleicht noch zu ertragen gewesen, sogar die Angst war vielleicht noch zu überwinden. So furchtbar dieser Mann auch sein mochte, innerhalb seiner vier Wände banden ihm Brauch und Herkommen die Hände. Aber jetzt mischte sich auch Kate ein:

»Vic, was habt Ihr getan?«

Da schoß es heraus wie ein Sturzbach. Brennende Scham überlief ihn, und die Worte brachen sich gewaltsam Bahn.

»Ein feiger, verkommener Hund bin ich, ein nichtsnutziger, schleichender Köter. Dan, Ihr habt recht, ich hab' Euch verkauft! Draußen in den Felsen liegen sie und warten. Die ganze Bande. Hier habt Ihr meinen Revolver, Ihr könnt mich mit Blei spicken. Ich dank's Euch noch.«

Er warf die Arme hoch und stellte sich so, daß Dan ihm den Revolver aus dem Halfter ziehen konnte. Undeutlich sah er, wie Buck Daniels und Lee Haines sich rechts und links dicht an ihn heranschoben, verschwommen hörte er Kate aufschreien. Nur eines hob sich deutlich und klar aus den Nebeln halber Bewußtlosigkeit: das erbarmungslose, steinerne Gesicht Dan Barrys. Niemals hatte Vic den Tod sehnsüchtiger herbeigesehnt! Aber Dan hob nicht die Hand. Verzweifelt wandte sich Vic zu den anderen.

»Nehmt ihm die Arbeit ab. Er hat mir das Leben gerettet, und ich hab' es benutzt, um ihn zu verkaufen. Daniels! Haines! Ich verdien' nicht mehr, weiterzuleben.«

Haines hielt ihm mit einer verächtlichen Geste den Revolver hin. »Vic,« sagte er, »da nehmt und trollt Euch zu Euren Freunden draußen. Und wenn sie Euch durchlassen, dann pflanzt Euch 'ne Kugel in Euer dreckiges Herz. Ihr seid das richtige Futter für die Geier.«

Aber Kate schob sich vor Haines. Ihr Gesicht war kalkweiß und voll tiefer Angst.

»War's wegen des Mädels, von dem Ihr mir erzählt habt, Vic?« fragte sie. »Ihr habt's getan, um zu ihr zu können?«

Er ließ wortlos den Kopf sinken.

»Dan, laß ihn laufen!«

»Ich hab' nichts mit ihm vor.«

»Warum nicht?« rief Vic plötzlich. »Ich will tun, was Haines sagt, oder besser, ich will hierbleiben und mit Euch zusammen kämpfen. Dan, um's Himmels willen, laßt mich's wieder gutmachen.«

Es war, als ob er einen Stein angefleht hätte.

»Die Tür ist offen, sie wartet nur auf Euch. Eines noch, bevor Ihr geht. Sind das dieselben Kerle, von denen Ihr mir früher schon erzählt habt? Ronicky Joe, Harry Fisher, Gus Reeve, Mat Henshaw, Sliver Waldron und Pete Glass?«

»Harry Fisher ist tot, Dan. Wenn Ihr mir 'ne Chance gebt, für Euch zu kämpfen und zu zeigen, daß ich jetzt ehrliches Spiel treibe ...«

»Sagt ihnen, daß ich sie kenne, und sagt ihnen noch eins: ich dachte, Grey Molly sei bloß ein einziges Menschenleben wert. Ich hab' mich geirrt. Die da draußen haben mir einen Schurkenstreich gespielt. Sie haben auf mich Jagd gemacht – mit 'nem Lockvogel. Jetzt sagt ihnen von mir, daß Grey Molly sieben Menschenleben wert ist. Und die Schuld wird bezahlt werden!«

Er trat zur Wand hinüber und nahm den Zügel, den Vic dort hingehängt hatte, wieder vom Pflock.

»Denke, Ihr werdet das Ding da brauchen.«

Das machte allen Worten ein Ende. Ja, Gregg hatte, als seine Finger den Zaum umklammerten, das Gefühl, als sei jetzt jeglicher Waffenstillstand zu Ende und der Krieg beginne. Langsam machte er kehrt und schlich hinaus.

 << Kapitel 15  Kapitel 17 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.