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Der siebente Mann

Max Brand: Der siebente Mann - Kapitel 15
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDer siebente Mann
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
printrun
translatorHellmuth Wetzel
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180215
projectid281479f7
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Vierzehntes Kapitel.
Bange Erwartung

Welche Hilfe erwartete Lee Haines von Dan Barry? Wie es sich herausstellte, brauchte er einen Führer durch eine besonders schwierige Stelle des Gebirges, wo er und Buck Daniels nach Gold suchen wollten. Er sprach und sprach. Dan Barry hörte zu. Er schien von widersprechenden Entschlüssen hin und her gerissen. Es war eine Eigentümlichkeit von ihm, daß er niemals nein sagen konnte, wenn seine Hilfe verlangt wurde. Haines hatte damit gerechnet. Black Bart lag wieder vor dem Feuer. Seine melancholischen Augen ließen seinen Herrn keinen Augenblick los. Buck Daniels schlich zu Kate auf die andere Seite des Zimmers hinüber. Sie saß da und bebte, sie erstickte beinahe Joan, die sie in den Armen hielt, mit ihren Liebkosungen, dann wurde das Kind unruhig, und sie mußte es wieder besänftigen. Buck zog einen Stuhl neben sie hin, er kehrte dem Feuer halb den Rücken.

»Dreht Euch ein wenig herum, Kate«, sagte er warnend. »Dan darf Euer Gesicht nicht sehen.«

Sie gehorchte automatisch.

»Ist noch Hoffnung, Buck? Was hab' ich getan, um das zu verdienen? Ich möchte nicht mehr leben. Ich möchte sterben. Ich möchte sterben.«

»Ruhig Blut! Ruhig Blut!« unterbrach er sie. Es arbeitete in seinem Gesicht. »Wenn Ihr so weitermacht, brecht Ihr in ein oder zwei Minuten ganz zusammen, und Ihr wißt, wie Tränen auf Dan wirken. Im selben Augenblick wird er zum Hause hinaus sein wie ein erschreckter Koyote. Faßt Euch!«

Sie atmete schwer und gewann ein wenig die Herrschaft über sich zurück.

»Ich kämpfe dagegen an, so sehr ich kann, Buck.«

»Dann gebt Euch noch mehr Mühe. Ihr solltet Dan besser kennen als ich. Wenn er in der Verfassung ist wie jetzt, dann treibt es ihn zum Wahnsinn, daß andere Menschen sich um ihn Sorgen machen.«

Er blickte zu Dan hinüber. Der saß gebeugten Kopfs und schien nur auf Lee Haines' breit ausgesponnene Redereien zu horchen. Trotzdem hatte man das Gefühl, daß ein geheimnisvoller Strom ihm alles zutrug, was im Zimmer vorging.

»Redet leise!« flüsterte Buck. »Kann sein, er hat schon wieder heraus, daß wir über ihn reden.«

Er hob plötzlich die Stimme und sagte etwas über Joan, als hätten sie bis jetzt sich über das Kind unterhalten, dann fuhr er halblaut fort:

»Denkt rasch. Redet leise! Wollt Ihr, daß Dan hierbleibt?«

»Um aller Heiligen willen: Ja!«

»Und wenn das Aufgebot ihn hier erwischt?«

»Man darf der Justiz nicht aus dem Wege gehen.«

Sie senkten ihre Stimmen, sosehr es irgend ging. Das verstohlene Gespräch in Dans unmittelbarer Nähe war wie ein Tanz zwischen Nitroglyzerinflaschen. Einmal, nur einmal warf Lee Haines einen hilfeflehenden Blick zu ihnen hinüber. Dann machte er sich willig wieder an die Aufgabe, Dan mit seinen Redereien festzuhalten. Er sprach laut, um die Unterhaltung der beiden anderen zu übertönen.

»Wenn sie kommen, wird er kämpfen!«

»Nein, so weit ist es mit ihm noch nicht. Das weiß ich.«

»Wenn Ihr Euch täuscht, wird es hier in kurzer Zeit Tote geben!«

»Er sieht keinen Unterschied zwischen dem Tod eines Pferdes und dem eines Menschen. Er lebt jetzt in dem Gefühl, daß er im Recht ist. Er wird ruhig mitgehen.«

»Und wir müssen dann einen Weg finden, um mit der Justiz fertig zu werden?«

»Ja. Aber man braucht Geld dazu.«

»Ich hab' was auf die hohe Kante gelegt.«

»Gott segne Euch, Buck!«

»Laßt Euch von mir 'nen Rat geben.«

»Welchen?«

»Laßt ihn jetzt ruhig gehen.«

Sie blickte ihn irr an.

»Kate, er ist schon gegangen!«

»Nein, nein, nein!«

»Und wenn ich's Euch sage! Der ist längst nicht mehr da. Beobachtet mal seine Augen.«

»Ich trau' mich nicht.«

»Es schießt wieder Gelb darin auf. Er ist wieder in seiner wilden Stimmung.«

Sie schüttelte den Kopf, stumm, verzweifelt, unfähig, dem Rat zu folgen. Buck Daniels stöhnte leise.

»Dann könnt Ihr darauf rechnen! Vor morgen früh ist hier die Hölle los!«

Er stand auf und ging langsam zum Feuer zurück. Lee Haines schwatzte unermüdlich. Er nahm sich Zeit, fing sein Thema immer wieder von vorne an und haspelte es ab. Barry hörte gesenkten Kopfes zu, aber seine Augen waren starr auf die des wilden Hundes zu seinen Füßen gerichtet. Wenn er auf seinem Stuhl unruhig wurde, nagelte ihn Haines mit irgendeiner direkten Frage wieder fest. Trotzdem war es ein schweres Spiel. Vielleicht war das Aufgebot schon da, die Hütte schon umzingelt. Haines' Stirn war bleich. Schweißtropfen perlten darauf. Seine Stimme war das einzige, was in dem starren Schweigen noch lebendig schien, seine Stimme, die weiter und weiter über seine angeblichen Pläne fabelte, und die scheuen Augen Joans, die keinen Blick von Daddy Dan wenden konnte. Irgend etwas war geschehen, eine Wand hatte sich zwischen ihr und Daddy aufgerichtet. Sie konnte es nicht begreifen. Ihr Kinderherz quälte sich grübelnd damit ab. Es tat so weh.

Wieder fuhr der Wolfshund plötzlich in die Höhe. Dan war schon von seinem Stuhl geschnellt und stand dicht an die Wand gedrückt, wo die Schatten ihn verschlangen. Lee Haines saß bewegungslos. Das Wort, das er auf den Lippen hatte, schien festgefroren. Jetzt glitten zwei Schatten geräuschlos zur Tür – Black Bart und Dan – und spähten in die Nacht hinaus. Dann kam Barry zurück, Schritt um Schritt, bis sein Rücken wieder die Wand berührte. Jetzt hörten es auch die anderen: Schritte näherten sich der Rückseite des Hauses. Es klopfte laut an der hinteren Tür.

Ein verstohlenes Pochen hätte Kate zum Aufschreien gebracht. Jetzt aber stieß sie einen Seufzer der Erleichterung aus. Der Mann, der geklopft hatte, wartete nicht auf Antwort. Sie hörten eine Tür in den Angeln kreischen, einen schweren Schritt.

»Das ist Vic«, sagte Dan ruhig, und gleich danach öffnete sich die Tür in die Küche. Greggs große Gestalt schob sich herein. Er blieb stehen.

»Da bin ich wieder, Madam.«

»Guten Abend!« antwortete sie mit schwacher Stimme. Er räusperte sich, schien verlegen.

»Verdammt will ich sein, wenn ich mich heute nicht angestellt hab' wie ein Narr – hallo, Dan!«

Dan nickte nur.

»Bin glatt im Kreis herumgeritten und wieder dahin geraten, wo ich weggegangen bin.«

Er lachte. Das Lachen brach etwas zu unvermittelt ab. Er ging zur Wand hinüber und hängte seinen Zügel an einen der Pflöcke. Seit unvordenklichen Zeiten ist das die Art, in der man in den Bergen um Gastfreundschaft bittet. »Hoffe, ich fall' Euch nicht gar zu sehr zur Last, Kate. Sehe, daß Ihr Gesellschaft hier habt.«

Sie war in Gedanken versunken und fuhr zusammen.

»Entschuldigt, Vic.« Sie machte die Männer miteinander bekannt. Vic hielt Haines' Hand einen Augenblick länger fest.

»Mir ist's doch, als hätt' ich von Euch gehört, Haines.«

»Kann schon sein.«

Gregg kniff die Augen zusammen und musterte den Riesen, dann wandte er sich wieder zu Dan. Er war plötzlich um vieles klüger. Lee Haines – jawohl – das war der Name. Einer von der Bande, mit der Jim Silent herumzog – und Dan Barry? Wie dumm von ihm, daß es ihm nicht längst eingefallen war. Dan Barry war der Mann, der sich Jim Silents Bande an die Fersen geheftet und sie in den Tod gejagt hatte. Lee Haines allein war verschont worden. Jawohl, vor rund einem halben Dutzend Jahren hatte man die Sache überall erzählt, und eine wilde und unwahrscheinliche Geschichte war es gewesen. Aber es paßte gut zu allem, was Pete Glass über Harry Fishers Ende berichtet hatte. Viel von dem, was Vics Neugier erregte, seitdem er Barry zum erstenmal erblickt hatte, war jetzt mit einemmal erklärt. Vic begrüßte es. Seine Aufgabe schien ihm jetzt in mancher Beziehung leichter. Aber er mußte sich gestehen, daß sie andererseits auch wieder schwerer geworden war.

»Ich denke, Grey Molly ist dem Aufgebot rasch genug aus den Augen gekommen«, sagte er zu Dan.

»Grey Molly ist tot.«

»Tot?« Sein Erstaunen war nicht schlecht gespielt. »Großer Gott, Dan. Grey Molly? Mein Gaul?«

»Tot! Ich hab' sie selbst erschossen.«

Vic riß den Mund auf. »Ihr?«

»Sie hatte sich ein Bein gebrochen. Ich' hab' sie von ihren Qualen erlöst.«

Vic Gregg ließ sich in einen Stuhl fallen. Sein Schmerz war nicht nur geheuchelt. Der Sheriff hatte ihm zwar alles erzählt, aber jetzt erst begriff er, was Grey Mollys Tod für ihn selbst bedeutete. Er dachte an ihre kleinen Launen und Teufeleien, die ihn belustigt hatten, an die langen Jahre, in denen er und das Tier treue Gefährten gewesen waren. Sein Kopf sank herab.

Niemand lächelte über ihn. Stille. Alle schienen seinen Schmerz zu ehren. Die Gestalt im Schatten drüben löste sich von der Wand, glitt zu ihm hinüber. Eine leichte Hand fiel auf seine Schulter. Vic blickte auf. Sein Gesicht war schmerzzerwühlt.

»Grey Molly ist dahin,« sagte Dan sanft und tröstend, »aber sie ist bezahlt.«

»Bezahlt? Dan, es gibt kein Geld, das mir den Verlust ersetzen könnte.«

»Ich weiß, ich weiß! So meint' ich's nicht. Nein, ihr Leben ist mit einem anderen Leben bezahlt worden.«

»Was?«

»Ein Mann hat dafür ins Gras beißen müssen.«

Vic begriff nur langsam. Er blinzelte hilflos. Sein Blick traf zufällig Dans Augen. Es war eine Wandlung in ihnen vorgegangen. Sie leuchteten von innen heraus in einem unheimlichen, kalten Licht, und ihr Blick drang wie eine Sonde in Vics Seele. Es dauerte nur einen Augenblick. Vic wußte nicht recht, was mit ihm geschah. Schon war Dan an seinen alten Platz im Schatten an der Wand zurückgeglitten. Vic lief es kalt über den Rücken. Sein Schuldbewußtsein raunte ihm das Wort: »Gefahr!« zu. Er fühlte, wie seine Handflächen feucht wurden.

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