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Der siebente Mann

Max Brand: Der siebente Mann - Kapitel 14
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDer siebente Mann
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
printrun
translatorHellmuth Wetzel
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180215
projectid281479f7
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Dreizehntes Kapitel.
Gleich um gleich

Von allen Dingen, die das Herz mit Melancholie erfüllen, von allen, die wie die Stimme der Öde und Einsamkeit selbst wirken, von allen Dingen, die geradeswegs aus der Hölle zu kommen scheinen, ist das Heulen eines Wolfes das schlimmste. Lee Haines griff nach dem Revolver. Die kleine Joan blieb schweigend vor dem Feuer stehen. Aber Kate und Buck Daniels saßen wie angenagelt auf ihren Stühlen. Sie horchten hinaus, gierig und angstvoll zugleich, während der melancholische Ruf schluchzend in der Stille verebbte. Dann kam aus der Tiefe der Berge, aus den Schatten der Nacht, eine Antwort, so dünn, so überirdisch, als wäre es die Stimme der Gletscher und der Sterne, selbst, ein Vibrieren, das sich unmerklich ins Gehör stahl, das man hörte, wie man plötzlich den eigenen Herzschlag hört.

Der seltsame Laut war die rechte Antwort auf den Ruf des Wolfshundes. So dünn er auch war, es schwang doch dieselbe düstere Melancholie darin und dieselbe Gespenstigkeit. Und doch bestand ein Unterschied. Denn in die düsteren Töne mischte sich ein überschwenglicher Jubel, als wandere dort oben jemand durch die Berge und schwelge frohlockend in ihrem nächtlichen Grauen. Ein Schluchzen stahl sich aus Kates Kehle. Der Hund wandte den Kopf und blickte sie an. Gelbgrün flackerten seine Augen, gelbgrün wie die Augen der Wesen, die in der Nacht wie am Tage sehen. Lee Haines packte Buck Daniels am Arm.

»Buck, mach', daß wir 'rauskommen! Wir wollen weg. Er kommt!« flüsterte er.

Buck kehrte ihm ein wachsbleiches Gesicht zu. Man konnte sehen, wie er sich innerlich zusammenraffte.

»Ich bleibe!« würgte er heraus, als wären seine Lippen gefroren. »Kate braucht mich jetzt.«

Lee Haines blieb unschlüssig stehen. Dann ließ er sich wieder auf seinen Stuhl fallen. Seine Finger schoben sich krampfhaft ineinander. So saßen sie beide und betrachteten die dunkle Türöffnung, als sei sie ein Magnet, der ihre Blicke unwiderstehlich anzog und als ob doch unentrinnbares Grauen dahinter lauere. Von allen in der Stube zeigte nur Joan keine Spur von Furcht. Auch ihr Gesicht war blaß geworden, aber jetzt warf sie das Köpfchen in den Nacken und lächelte. Sie stahl sich zur Tür hin, Kate aber faßte sie am Kleid, zog sie an sich und schlang die Arme um sie, als wolle sie sie erdrücken. Joan machte keinen Versuch, sich zu befreien.

»Pst!« machte sie und hob mahnend ihren drolligen kleinen Zeigefinger. »Mutter, hörst du das? Gefällt dir's nicht?«

Mit einem Male war das Klingen über ihnen, laut und deutlich. Wie die stürmenden Tropfen eines Regenschauers strömten die Töne auf sie nieder. Da draußen pfiff ein Mann. Die Melodie schmolz, verstummte, und dann kehrte sie in mächtigeren Wellen zurück und flutete durchs Zimmer wie ein prachtvolles, eisiges Höhenlicht. Stille. Die drei in der Hütte spürten mehr, als sie hörten, einen leichten, raschen, gedämpften Schritt. Dan Barry stand in der Tür. Er befand sich im Schatten, aber seine Augen schienen von selbst zu leuchten. Er pfiff nicht mehr, aber es ging von ihm ein Strahlen aus, das ebenso wirkte wie seine Melodien, der Geist der Unbezähmbarkeit, eines unerklärlichen wilden Triumphs, der jetzt langsam mit seinem Lächeln dahinstarb, während er sich in der Stube umblickte. Die Krempe seines Hutes war vom Wind hochgedrückt, das Tuch um seinen Hals schien immer noch zu flattern. Mit einem Satz war der Wolfshund an der Tür. Er starrte unverwandt in das Gesicht seines Herrn hinauf.

»Daddy Dan!« rief Joan.

Sie war aus Kates kraftlosen Armen geglitten und rannte auf ihren Vater zu. Plötzlich wurde sie unsicher, blieb stehen, und ihre ausgestreckten Ärmchen sanken langsam herunter. Dan schien sie nicht zu sehen. Sein Blick war über das Kind, über alle anderen hinweg, in irgendeine unergründliche Ferne gerichtet. Er ging an die Wand hinüber und nahm das Zaumzeug herunter, das dort an einem Pflock hing. Kate stützte die Hände auf die Seitenlehnen ihres Stuhls, aber ihre Kräfte versagten. Sie vermochte nicht aufzustehen.

»Dan!« sagte sie. Es war nur ein Flüstern; ein Ton, der den Herzschlag zum Aussetzen brachte; und dann kam ihre Stimme wie ein Aufschrei: »Dan!« Sie tastete nach Joan, die vor ihrem Vater zurückgewichen war und zog sie an sich: »Was ist geschehen?«

»Molly ist tot.«

»Tot?«

»Sie haben ihr das Bein zerschmettert.«

»Das Aufgebot?«

»Mit einem Büchsenschuß.«

»Was tust du jetzt?«

»Ich nehme Satan. Ich habe noch einen Ritt vor.«

»Wohin willst du?«

Er warf einen verwirrten Blick um sich und dann runzelte er die Stirn.

»Ich weiß nicht«, mit einer unbestimmten Handbewegung. »Da hinaus.«

Er hatte eine halbe Wendung gemacht. Black Bart glitt an ihm vorbei, machte vor ihm halt und starrte weiter unablässig zum Gesicht seines Herrn empor.

»Du willst dem Aufgebot nach?«

»Nein. Mit denen hab' ich abgerechnet.«

»Was willst du damit sagen?«

»Sie haben schon für Grey Molly gezahlt.«

»Du hast einen von ihren Gäulen erschossen?«

»Einen Menschen.«

»Gott sei uns gnädig!«

Dann kam Leben in sie. Sie sprang auf und rannte zu ihm hinüber, schob sich zwischen ihn und die Tür:

»Du darfst nicht gehen! Du darfst nicht, wenn du mich liebst!« Sie war kaum eine Spanne von Black Bart entfernt, und das riesige Tier zeigte ihr in stummem Haß die Zähne.

»Kate, ich muß weg. Stell' dich nicht in die Tür.«

Joan glitt um den Hund herum, lief zu ihrer Mutter hin und hielt sich an ihren Röcken fest. Sie starrte ihrem Vater ins Gesicht wie behext, ohne einen Laut.

»Sag' mir, wohin du gehst. Sag' mir, wann du zurückkommst. Dan, hab' Erbarmen mit mir!«

Draußen im Pferch wieherte ein Pferd. Es klang wie ein heller Fanfarenruf. Dan hatte unschlüssig vor sich hingestarrt, jetzt lächelte er.

»Hörst du nicht? Ich muß weg!«

»Satan hat gewiehert! Ist das etwas Besonderes? Warum mußt du deshalb weg?«

»Irgendwo«, murmelte er, »geschieht etwas. Ich hab' es im Wind gespürt, als ich den Paß heraufkam.«

»Wenn du ... oh, Dan, du brichst mir das Herz!«

»Gib die Tür frei!«

»Warte bis zum Morgen.«

»Siehst du nicht, daß ich nicht warten kann?«

»Eine Stunde wenigstens – zehn Minuten – Buck – Lee Haines – .«

Sie konnte nicht weitersprechen. Buck Daniels schob sich heran. Sein Gesicht war aschgrau, aber er versuchte sich zum Lächeln zu zwingen.

»Ich glaub' gar, Dan, du hast mich ganz vergessen.«

Barry schoß auf dem Absatz herum, als sei es ihm unbehaglich, jemand in seinem Rücken zu wissen. Es geschah so plötzlich, daß Daniels zusammenfuhr.

»Hallo, Buck! Ich hab' dich gar nicht gesehen. Lee Haines? Lee, das ist ja großartig!«

Er ging von einem zum anderen und schüttelte ihnen die Hand, aber seine Finger entzogen sich der Berührung so rasch als möglich. Haines zuckte die Achseln, als müsse er eine Last abwerfen. Ein wenig Farbe kam in sein Gesicht zurück.

»Hör' mal, Dan, wenn du besorgst, daß die Kerle deiner Fährte gefolgt sind und dir hier auf den Hals kommen werden – wie viele sind's denn?«

»Fünf.«

»Ich kann noch mit einem Revolver umgehen, genau wie in den alten Tagen. Buck auch! Partner, wir wollen das Spiel zusammen spielen. Bleib mit Kate und Joan ruhig hier. Buck und ich, wir werden Euch helfen, die Festung zu halten. Schaut mich nicht so an, es ist mir ernst damit. Meint Ihr, ich hab' vergessen, was Ihr damals in Elkhead für mich getan habt? In tausend Jahren werd' ich das nicht vergessen! Dan, wenn's sein muß, tu' ich lieber hier meinen letzten Atemzug als irgendwo in der Welt. Laß sie doch kommen!«

Buck Daniels trat neben ihn. Er sprach kein Wort, aber seine Haltung zeigte, daß auch er dem Bündnis angehören wollte. Dan sah die beiden an. Das gelbe Flackern in seinen Augen setzte aus.

»Nanu?« murmelte er. »Braucht euch nicht zu beunruhigen. Das Aufgebot? Was haben sie mit mir zu schaffen? Unsere Rechnung ist ausgeglichen.«

Die beiden starrten ihn verständnislos an.

»Sie haben Grey Molly umgebracht, dafür hab' ich einen von ihnen umgebracht.«

»Ein Menschenleben für ein Pferd?« wiederholte Lee Haines. Sein Atem ging schwer.

»Leben um Leben!« sagte Dan gelassen. »Die brauchen sich nicht zu beklagen.«

Ein Blick des Staunens, ein Blick voller Bedeutung zuckte von Buck zu Lee, von Lee zu Buck.

»Schön«, sagte Buck und warf Kate einen beschwörenden Seitenblick zu. »Wenn's so steht, wollen wir uns hinsetzen und 'nen kleinen Schwatz halten.«

Dan senkte den Kopf. Seine Stirn war gerunzelt. Zwei Mächte schienen um ihn zu kämpfen. Tief im Schatten lehnte Kate an der Wand. Die Augen hatte sie geschlossen. Sie wartete, wartete, wartete. Wann war die Krisis endlich überstanden?

»Ich würde ganz gern 'nen kleinen Schwatz mit dir halten, Buck – aber ich muß weg. Draußen – in der Nacht draußen – 's kann sein, daß vor dem Morgen irgend was geschieht.« Black Bart leckte winselnd seinem Herrn die Hand. »Ruhig, Bart, wir gehn schon!«

»Aber die Nacht fängt ja erst an«, sagte Buck Daniels gemütlich. »Du hast noch 'ne Menge Zeit. Du hast ja Satan. Mit einem solchen Gaul brauchst du mit den Minuten nicht geizig zu sein. Zieh dir 'nen Stuhl heran, Dan, und ...«

Dan schüttelte verneinend den Kopf. Er schien einen Entschluß gefaßt zu haben. »Buck, ich kann's nicht. Wenn ich hier sitz' –« er sah sich um –, »ist mir's zumute, als müßt' ich ersticken. Es ist so eng zwischen den Wänden hier, wie in einem Sarg.«

Er war im Begriff, sich umzuwenden. Im Dunkeln drüben richtete Kate sich auf. Sie schien zu allem entschlossen.

»Weißt du übrigens, Dan,« griff Lee Haines plötzlich ein, »daß wir deine Hilfe bitter nötig haben?«

»Hilfe?«

Kate blickte zu Lee Haines hinüber, die Herzensnot sprach aus ihren Augen.

»Setz' dich doch 'nen Augenblick, Dan. Ich werde dir alles erklären.«

Barry glitt in einen Stuhl. Er hatte ihn zur Seite gezogen, so daß er mit dem Rücken gegen die Wand gelehnt saß und alle, die im Zimmer waren, unter den Augen hatte.

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