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Der siebente Mann

Max Brand: Der siebente Mann - Kapitel 13
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDer siebente Mann
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
printrun
translatorHellmuth Wetzel
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180215
projectid281479f7
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Zwölftes Kapitel.
Die Krisis

Die Berge, die über Dan Barrys Blockhaus hingen, waren – wie Dan selbst zu Vic gesagt hatte – unzugänglich für jeden Reiter, mit Ausnahme eines einzigen Pfades. Aber es gab in der Einöde da droben Wanderer, die nach Lust und Gefallen noch weit schwierigeres Gelände durchstreiften. Wo ein Mann Fußhalt findet, kann auch ein Esel noch klettern, und wo ein Esel noch vorwärtskommt, bringt er es in der Regel auch fertig, seine Traglast mitzuschleppen. Er kriecht an einer zerklüfteten Felswand hinauf, die sich von einer senkrechten Mauer gefährlich wenig unterscheidet. Er wandert sicheren Fußes auf einer bröckelnden Felswand entlang, die so schmal ist, daß sein Körper zur Hälfte in die leere Luft hinausragt, wo es Tausende von Metern senkrecht hinuntergeht. Die Goldsucher mit ihren Packeseln haben jeden Winkel in den berüchtigsten Bergen des Westens durchstreift. Deshalb war es kaum eine Überraschung für Kate Barry, als sie auf dem jähesten Hang, senkrecht über der Hütte, zwei Männer im Abstieg erblickte. Zwei kleine Packesel kletterten rutschend und stolpernd voraus. Es war noch einige Zeit bis zum Hereinbruch der Nacht, aber die Sonne war schon eine volle Stunde vorher untergegangen. Die Berge im Westen hoben sich immer schwärzer ab von einem Himmel, dessen dünnes, klares Blau sich gegen die Abendseite hin gelb färbte.

Gegen den dunklen Hintergrund der Bergflanke sah Kate die beiden dort oben nur undeutlich. Sie legte die Hand über die Augen und spähte hinauf. Der Absturz war unheimlich steil. Hätte eines der vier winzigen Lebewesen dort oben den Grund unter den Füßen verloren, wäre es unmittelbar vor Kates Füßen niedergestürzt. Jetzt hatten die da oben sie erblickt und riefen ihr etwas zu. Der Schall trug weit in der dünnen Luft. Es klang, als riefe jemand vom Haus her. Trotzdem mußten sich die beiden Kletterer noch eine gute halbe Stunde abmühen, bis sie endlich auf ebenem Boden standen. Kate war in dem Augenblick, als der Ruf sie erreicht hatte, nachdenklich geworden. Aber jetzt, als die beiden zwischen den Felsen sichtbar wurden, rief sie fröhlich: »Buck, oh, Buck!« und rannte ihnen entgegen. Die Männer standen still wie Bildsäulen. Sogar die Packesel machten halt. Es ist selten genug, daß man in den Bergen einem menschlichen Wesen begegnet, es erfordert beinahe einen besonderen Akt der Vorsehung, daß man eine menschliche Wohnstätte findet, und es ist nahezu ein Wunder, wenn sich die eigene Fährte mit dem Pfade eines Freundes kreuzt. Die beiden Goldsucher erholten sich von ihrer Betäubung und stürmten Kate mit lauten Rufen entgegen. Sie packten ihre Hände und schüttelten sie ihr fast aus den Gelenken. Alle drei sprachen zugleich. Es war ein wildes Durcheinander.

»Kate, ich glaub', ich träum'!« – »Lieber alter Buck!« »Habt Ihr mich vergessen?« – »Lee Haines vergessen? Weiß Gott nicht!« – »Hört nicht auf den. Fünf Jahre! Und die ganze Zeit hab' ich danach gehungert, Euch zu ...« – »Wo seid Ihr denn gewesen?« – »So ziemlich' überall! Aber das Schönste, was ich je erlebt hab' ...« – »Kommt doch rein!« – »Wartet mal, die armen kleinen Biester müssen erst ihren Packen loswerden.« – »Nein, wie ich mich freue, daß wir uns wiedersehen.« – »Wie lange seid ihr unterwegs?« – »Fünf Monate.« – »Dann habt ihr Hunger?« – »Wir haben erst gegessen.« – »Und ein Stück Pastete?« – »Pastete? Von Pastete hab' ich die ganze Zeit geträumt.« –

In dem großen Wohnzimmer des Blockhauses brannte bereits ein Feuer. Zu dieser Jahreszeit und in solcher Höhe brachten die Schatten des Abends noch empfindliche Kälte mit sich. Rund um das Feuer versammelten sich die drei. Jeder der beiden Männer hatte ein mächtiges Stück Pastete vor sich. Es waren Leute, wie ein solches Gebirgsland sie hervorbringt, riesig an Wuchs, ein wenig hager, mit stählernen Muskeln. Sie hatten so lange kein Rasiermesser gesehen, daß ihre Gesichter statt der entstellenden Stoppeln von dichten, kurzen Bärten bedeckt waren, die ihnen eine gewisse grimmige Würde verliehen, die Augen schienen sehr tief in den Höhlen zu liegen. Es waren zwei gänzlich voneinander verschiedene Menschenkinder, wie es gewöhnlich der Fall ist, wenn zwei Männer aneinander Gefallen finden. Buck Daniels war schwarzhaarig. Sein häßliches, pfiffiges Gesicht verriet eine gefährlich rasche Entschlußkraft. Dagegen war Lee Haines ein Koloß von einem Mann, wie geschaffen, um einen Gegner unter sich zu erdrücken, mit goldblondem Haar und Bart und einer dazu passenden, gewissermaßen löwenähnlichen Schönheit der Züge. Er hatte mehr Haltung als Daniels.

Bucks scharfer Blick flitzte unermüdlich hierhin und dorthin. In zehn Sekunden kannte er jedes Stück im ganzen Raum; Lee Haines kluge, verläßlich blickende Augen schweiften gemächlich von Ort zu Ort und blieben an diesem und jenem haften. Beide aber starrten immer wieder Kate an, als könnten sie von ihrem Anblick nicht genug haben. Sie aßen, und während sie aßen, plauderten sie. Ein einziger Fremder im Zimmer hätte genügt, um das Siegel unverbrüchlichen Schweigens auf ihre Lippen zu drücken, aber jetzt saßen sie mit einer Frau zusammen, die sie aus alten Tagen kannten. Fünf Monate der Einsamkeit und schweren Arbeit lagen hinter ihnen, und sie schwatzten wie Schulmädchen.

In den verworrenen Lärm schnitt ein dünnes, kleines Stimmchen von draußen. Ein lautes Lachen. Dann: »Bart, du dummer, dummer Hund!« Joan stand in der Türöffnung. Ihre kleine Faust hatte sich tief in die dicke Mähne des Wolfshundes vergraben. Bucks Gabel blieb auf halbem Weg zum Mund in der Luft schweben, als er den Hund sah, und Lee Haines straffte die Rückenmuskeln, daß der Stuhl ächzte.

Sie sprachen beide zugleich. Plötzlich waren ihre Stimmen ganz gedämpft: »Kate!«

»Komm her, Joan!« Kates Gesicht strahlte vor Stolz. Joan marschierte mit weiten runden Augen ins Zimmer und zerrte den sich sträubenden Hund hinterher.

»Es ist nicht möglich!« flüsterte Buck Daniels. »Goldenes, komm her und gib deinem Onkel Buck die Hand!« Die Bewegung entlockte dem Hund ein tiefes Knurren. Buck riß blitzschnell die Hand zurück.

»So ist's immer«, sagte Kate, halb' belustigt, halb geärgert. »Bart läßt keine Menschenseele an die Kleine heran, wenn Dan nicht zu Hause ist. Braver alter Bart! Geh weg, dummer Hund! Siehst du nicht, daß das Freunde sind?«

Er duckte sich ein wenig zusammen, als der Schatten ihrer erhobenen Hand auf ihn fiel, aber seine einzige Antwort war, daß er geräuschlos die Zähne bleckte.

»Da seht ihr, wie es ist. Ich selbst habe beinahe Angst, die Kleine anzurühren, wenn Dan nicht zu Hause ist. Sie und Bart, die beiden tyrannisieren mich den lieben langen Tag.«

»Wann kommt Dan zurück?« erkundigte sich Buck höflich und interessiert.

»Vielleicht jeden Augenblick, ich weiß nicht genau, wann. Aber er ist immer zu Hause, ehe es völlig finster ist.«

Bucks Blick schoß zu Lee Haines hinüber, hielt stumme Zwiesprache mit ihm und kehrte zu Kate zurück.

»Es ist eigentlich schrecklich schade,« sagte er, »aber ich glaub', wir müssen uns wieder auf den Weg machen, bevor's draußen völlig Nacht ist.«

»So bald? Ach was, ich lass' euch nicht weg!«

»Ich –« begann Haines und suchte nach Worten.

Buck sprang ein: »Wir müssen noch ins Tal hinunter, eh' es finster wird.«

Plötzlich lachte sie hell und fröhlich auf.

»Ich weiß, was ihr denkt. Aber Dan hat sich geändert. Er ist nicht mehr derselbe Mensch wie früher.«

»So?« meinte Buck ohne alle Überzeugung.

»Ihr werdet's nicht glauben, bevor ihr ihn selbst gesehen habt. Buck, er hat sogar aufgehört zu pfeifen.«

»Was? Wirklich?«

»Gewiß. Höchstens, daß er vor sich hinträllert.«

Die beiden Männer tauschten einen Blick, in dem sich ein solches Erstaunen verriet, daß Kate es merkte und unwillkürlich ein wenig errötete.

»Schön,« knurrte Buck, »Bart scheint sich jedenfalls nicht sehr geändert zu haben seit den alten Tagen.

Sie lachte leise und versonnen vor sich hin. Ihre Erinnerung durchlief eine lange Reihe von Tagen der Glückseligkeit, einer Glückseligkeit, die diese beiden Männer niemals verstehen konnten. Dann blickte sie auf. Sie schien mit sich selbst noch nicht im reinen, ob es der Mühe wert sei, die beiden einen Blick in das Geheimnis ihres Glücks tun zu lassen.

»Wenn ihr heute hier gewesen wäret,« sagte sie, »hättet ihr selbst gesehen, wie sehr sich Dan geändert hat. Wir hatten einen Mann hier wohnen, den Dan verwundet aufgelesen hat, als ihm das Aufgebot auf den Fersen war. Er hat ihn hierbehalten, bis er wieder hergestellt war und ...«

»Das ist echt Dan«, murmelte Lee Haines. »Er ist treu wie Gold, wenn einer in der Patsche sitzt.«

»Halt den Mund, Lee«, fuhr Buck dazwischen. Er rutschte auf seinem Stuhl nach vorne. Er trank Kates Erzählung förmlich in sich hinein: »Weiter! Weiter!«

»Heute morgen haben wir gesehen, daß das Aufgebot wieder unten im Tal herumstrich. Wir wußten gleich, daß sie wieder auf der alten Fährte jagten. Da hat Dan diesen Gregg auf den Weg über die Berge geschickt. Er selbst hat Greggs Gaul genommen und ist hinunter geritten, um das Aufgebot von ihm wegzulocken. Ich hatte schreckliche Angst. Ich hatte Angst – wenn das Aufgebot Dan zu dicht auf den Fersen sitzt und anfängt, auf ihn zu schießen – daß dann Dan ...«

Sie stockte. Ihre Augen forderten die beiden auf, auch ohne Worte zu verstehen, was sie meinte.

»Nur weiter«, sagte Lee Haines. Es lief ein leichter Schauer über ihn hin. »Ich weiß, was Ihr sagen wollt.«

»Ich hab' ihm nachgesehen, als er den Hang hinunterritt«, rief Kate jetzt fröhlich. »Ich hab' gesehen, daß das Aufgebot dicht hinter ihm her war. Sie hatten ihn fast erreicht, eh' er ins Tal hinunterkam. Ich sah die Revolverläufe blitzen, ich sah, daß sie nach ihm schossen. Ich' hatte keine Angst, daß Dan getroffen werden würde. Es war ja immer so, als sei er gegen Kugeln gefeit – nein, davor hatt' ich keine Angst. Aber ich fürchtete, er würde plötzlich kehrtmachen und über das Aufgebot herfallen wie ein Gewitter. Aber –« sie legte beide Hände an die Brust, ihr strahlendes Gesicht war ein wenig nach oben gerichtet, »– er warf keinen Blick zurück, selbst dann nicht, als die Kugeln dicht um ihn her pfiffen. Er ritt schnurstracks weiter und verschwand. Und da wußte ich –« die innere Bewegung raubte ihr fast die Stimme,,, – oh, Buck, da wußte ich, daß er gesiegt hatte und daß ich gesiegt hatte; daß wir für alle Zukunft Ruhe haben würden. – Ich brauche keine Angst mehr zu haben, daß er sich plötzlich wieder in sein zweites, schreckenerregendes Ich zurückverwandelt. Ich weiß, daß ich niemals mehr von dem entsetzlichen Pfeifen träumen muß, das mit dem Wind durch die Nacht geweht kam. Ich wußte, daß er von jetzt ab uns beiden gehörte – mir und Joan ...«

»Bei Gott,« platzte Buck heraus, »ich bin froher, als wenn ich eine Goldmine entdeckt hätte, Kate. Es ist ja gar nicht möglich, aber wenn Ihr's mit Euern eigenen Augen gesehen habt, dann muß es wahr sein, daß er sich geändert hat.«

»All die Jahre hab' ich immer 'n bißchen Angst gehabt, mich meinem Glück zu überlassen,« sagte sie, »aber jetzt könnt' ich jubeln und weinen zu gleicher Zeit. Mein Herz ist so voll, Buck, daß es überfließt.«

Sie wischte die Tränen aus den Wimpern und lächelte den beiden zu. »Erzählt mir, wie es euch ergangen ist. Alles will ich wissen! Ihr zuerst, Lee. Ihr seid länger weggewesen.«

Lee gab nicht gleich Antwort. Er saß gesenkten Hauptes, seine Augen ruhten nachdenklich auf Kate. Frauen waren der besondere Fluch gewesen, der sein Leben zerstört hatte. Frauen hatten ihn zu dem Verbrechen gebracht, das ihn vor langen Jahren in den wilden Westen und in die Brüderschaft mit Banditen getrieben hatte. Und er selbst pflegte manchmal zu prophezeien, daß einmal sein Leben ein schimpfliches und schäbiges Ende nehmen würde wegen der Frauen. Aber jetzt saß vor ihm die eine Frau, die er wirklich geliebt hatte – ohne Schwanken, ohne Bedauern, rein und tief! Als er sie vor sich sitzen sah, vielleicht schöner noch als in ihren Mädchenjahren, als er von draußen Joan jubeln und toben hörte, kam das Bewußtsein dessen, was er verloren hatte, und die alte verzehrende Wehmut wieder über ihn.

»Was ich getan habe?« murmelte er schließlich und scheuchte mit einem Achselzucken all diese Gedanken hinweg. »Als der Gouverneur mich begnadigt hatte, trieb ich eine Weile ziellos herum. Die Leute kannten mich – nicht wahr? – und was sie von mir kannten, gefiel ihnen nicht. Selbst heutzutage sind Jim Silent und seine Bande nicht vergessen. Da – Ihr braucht mich nicht so anzusehen, Kate – nein, ich bin die ganze Zeit auf dem geraden Weg geblieben – da geriet ich an Buck. Wir kannten einander bis zum letzten, und es gab wenigstens eine einzige Sache, die wir beide gemeinsam hatten –«, hier warf er Buck einen Blick zu, beide wurden ein wenig rot – »so haben wir uns zusammengetan. Wir sind jetzt fünf Jahre zusammen.«

»Ich wußte, daß Ihr noch auf den richtigen Weg finden würdet, Lee. Ich hab' Euch das damals oft gesagt.«

»Ihr habt mir mehr dabei geholfen, als Ihr vielleicht wißt«, sagte er mit leiser Stimme.

Sie lächelte, und um ihm auszuweichen, wandte sie sich zu Buck. »Und jetzt Ihr, Buck.«

»Seit damals haben wir ein bißchen Geld verdient, indem wir uns als Cowboys verdingten. Dann haben wir es wieder durchgebracht, indem wir uns daran machten, nach Gold zu schürfen. Buchstäblich verpulvert hab'n wir den ganzen Kram, Kate. Wir haben genug Pulver verknallt, um das Gebirge hier aus den Angeln zu heben. Aber alles, was wir fanden, war ein wenig Glimmer. Man könnte den Himmel vergolden mit all dem glitzernden Zeug, das wir gesehen haben, aber wir haben nicht so viel wirklichen Goldstaub zusammengebracht, daß sein Gewicht ein Loch in eine Seidenpapiertüte machen könnte. Ich will Euch sagen, woran es liegt. Lee is 'n Pechvogel. Lee kommt aus seiner Pechsträhne nicht 'raus.«

Sie wurden unterbrochen. Joan kam ins Zimmer, denn draußen war es völlig dunkel geworden. Black Bart lief schnurstracks in seinen Winkel am Feuer und rollte sich, den Kopf auf den Pfoten, zusammen. Die Kleine setzte sich neben ihn, lehnte den müden Kopf an seine Schulter und starrte in die Glut.

Kate ging zur Tür.

»Es ist beinah Nacht«, sagte sie. »Warum ist er noch nicht zurück?« Sie fuhr zusammen. »Buck, es ist doch nicht möglich, daß sie Dan doch noch eingeholt haben?«

Buck lächelte ihr beschwichtigend zu.

»Wenn sein Gaul nicht bloß noch ein wanderndes Knochengerüst ist, gewiß nicht. Wenn das Biest nur noch 'nen Funken Leben in sich hat, genügt es Dan, um alles zu schlagen, was vier Beine hat. Kein Grund, sich Sorge zu machen, Kate. Er hat die Kerle einfach recht weit weggelockt, und wartet, bis es dunkel ist, ehe er einen Haken schlägt und nach Hause kommt. Aber kommen wird er gewiß. Wenn sie ihn nicht gleich im Anfang erwischt haben, werden sie nicht mal Witterung von ihm bekommen.«

Das beruhigte Kate für eine Weile. Aber die Minuten glitten eine um die andere dahin. Die Nacht wurde dichter und dunkler, bis sie wie ein schwarzer Samtvorhang vor der offenen Tür hing. Die beiden Männer sahen, wie Kate kämpfte, um ihre Unruhe zu bemeistern, wie sie bei dem leisesten Geräusch draußen aufhorchte. Lee Haines redete tapfer drauflos, damit die Zeit rascher verginge. Auch Buck Daniels steuerte seinen Anteil bei, indem er Erlebnisse aus ihrem Goldsucherleben erzählte. Aber schließlich traten immer größere Pausen ein. Beklemmendes Schweigen. Die drei fingen an ins Feuer zu starren, und wenn ein Scheit knisterte oder der Saft in einem grüngebliebenen Stück Holz zischte, fuhren alle zusammen. Nach und nach schoben die beiden Männer ihre Stühle weiter und weiter aus dem Lichtkreis des Feuers zurück. Es war ihnen peinlich geworden, wenn ihre Augen sich trafen.

Nur Joan war unbekümmert und vergnügt. Eine Zeitlang spielte sie mit Black Barts Ohren, zwängte ihm das Maul auf, um seine großen weißen Fangzähne zu betrachten, oder kritzelte mit einem Stück Holzkohle auf den Herdsteinen. Aber schließlich verlor sie den Geschmack an all diesen Unterhaltungen, ließ ihren Kopf auf den rauhen Pelz des Wolfshundes sinken und lag bald in gesundem Schlaf. Ihr Haar leuchtete im Feuerschein wie gesponnenes Gold.

Auch Black Bart schlief fest – so fest, wie ein Wesen seiner Art zu schlafen vermag, das heißt, er zuckte hier und da mit einem Ohr oder bewegte eine Pfote und manchmal öffnete er blinzelnd ein Auge. Plötzlich fuhr die ganze Gesellschaft zusammen – der Hund war aufgeschnellt, mit einem Schlag völlig wach. Die Bewegung hatte auch Joan geweckt. Sie richtete sich auf und rieb sich schläfrig die Augen. Black Bart glitt geräuschlos in die Mitte der Stube. Dort blieb er stehen, lautlos, den Kopf nach der Tür gerichtet.

»Das ist Dan!« rief Kate. »Bart hört ihn. Braver, alter Bart!«

Der Hund streckte seine spitze Schnauze hoch in die Luft, sein Nackenhaar sträubte sich wie eine Halskrause und aus seiner bebenden Brust kam ein Ton, der erst wie ein Ächzen und Wimmern aus weiter Ferne klang, dann lauter wurde, näherzukommen schien und schließlich den ganzen Raum mit einem Laut erfüllte, der das Blut in den Adern erstarren ließ – es war das langgezogene Heulen eines Wolfes.

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