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Der siebente Mann

Max Brand: Der siebente Mann - Kapitel 10
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDer siebente Mann
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
printrun
translatorHellmuth Wetzel
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180215
projectid281479f7
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Neuntes Kapitel.
Der lange Arm des Gesetzes

Vics Wunde heilte von Anfang an rasch. Sein Blut war rein. Die Gebirgsluft war ein prachtvolles Kräftigungsmittel. Die Pflege und die Kost konnten nicht besser sein. Das Geschoß hatte seine Schulter glatt durchschlagen, ohne einen Knochen zu verletzen, ohne eine Sehne anzukratzen. Es war eine reine Fleischwunde, die sich rasch schloß. Und auch Vics Gewissen schien keine Bürde zu tragen, die ihn mit Sorge vor der Zukunft belastete. Erinnerte er sich gelegentlich wieder an den Augenblick, als Hansen entseelt vor ihm auf dem Boden lag, dann genügte ein Achselzucken, um die unangenehme Erinnerung wieder ins Meer der Vergessenheit zu versenken. Schließlich war es doch ein ehrlicher und offener Kampf gewesen, Mann gegen Mann. Blondy hatte sogar die bessere Chance gehabt. Vic hatte ihm erlaubt, zuerst zu ziehen. Wenn Vic überhaupt der Zukunft einen Gedanken schenkte, dann geschah es mit der blinden Zuversicht, eines Tages werde er auf irgendeine, bis jetzt noch schleierhafte Weise wieder nach Alder zurückkommen und Betty Neal heiraten. Inzwischen ging ein milder Frühlingstag nach dem anderen ins Land. Bald war Vic so weit, daß er aufstand und umherging. Wenig später erinnerte nur noch eine leichte Steifheit seines rechten Armes ihn gelegentlich an Sheriff Pete Glass auf seiner staubfarbenen Stute.

Vielleicht wäre er noch geraume Zeit in der kleinen Hütte oben in den Bergen geblieben. Es war ein Paradies für ihn. Aber er fühlte sich mehr und mehr als Eindringling. Kein Wort, kein Blick deutete es je an. Trotzdem aber sah Vic immer klarer, daß die drei Menschen, bei denen er lebte, einen geschlossenen Kreis bildeten. Sie genügten einander, und ihr Leben war von einem inneren Glück erfüllt, in dem für einen Fremden weder Platz noch Interesse vorhanden war. Ein Blick genügte Vic, um zu sehen, daß diese Frau mit dem goldblonden Haar sich ehrlich und von ganzem Herzen glücklich fühlte, wie fremd sie auch in der Umgebung der rauhen und wilden Berge wirken mochte. Um ihretwillen raffte er sich schließlich auch zu dem Entschluß auf, sich zu verabschieden, sobald seine Armmuskeln wieder einwandfrei funktionierten. Denn mit jedem Tag, der verging, fühlte er, wie sie unruhiger und unruhiger wurde. Er beobachtete, wie ihre Augen zwischen ihm und Barry hin und her gingen, als sei sie überzeugt, daß der Gast eine Gefahr für ihren Mann bedeutete. Und in einem gewissen Grade traf das ja auch zu. Man ging nicht zart mit Leuten um, die einen Flüchtling dem langen Arm des Gesetzes entzogen.

Schweren Herzens entschloß sich Vic eines Tages, am übernächsten Morgen von seinen Wirten Abschied zu nehmen. Die Ironie des Schicksals gönnte ihm aber noch nicht einmal diese kurze Gnadenfrist. Pete Glass und die Justiz hatten Vic durchaus nicht so gründlich vergessen, wie Vic den Sheriff Pete Glass und die Justiz. Er saß morgens noch im Zimmer, beschäftigt, eine Pfeife zu stopfen, als Barrys Stimme von draußen nach ihm rief. Vic fand seinen Wirt zwischen den Felsen an der Südkante des Plateaus, auf dem das Haus stand. Nach Norden zu fiel der Boden sanfter ab, senkte sich als hügeliger Abhang allmählich gegen die Flanke des angrenzenden Gebirgszuges und glitt von dort in sanfter Neigung ins Tal hinunter – das war der einzige Weg, auf dem von unten her Dan Barrys Haus überhaupt erreichbar war. Hier war es sogar möglich, mit einem leichten Wagen hinaufzugelangen. Nach Süden zu aber endete das Plateau in einem jähen Absturz, fiel zum Teil sogar als senkrechte Felswand ab, und vom Rand dieses Abgrundes konnte man das Flußtal unten meilenweit überblicken.

»Sind das Freunde von Euch?« fragte Dan Barry, als Vic neben ihm zwischen den Felsen stand. »Seht mal genau hinunter!« Und damit reichte er ihm einen vorzüglichen Feldstecher.

Vic spähte in den schwindelerregenden Abgrund hinab. Er sah fünf Reiter, die vom jenseitigen Ufer her eine Furt im Fluß durchquerten. – Nein! – Es waren sechs Reiter! Beinahe hätte er den Führer übersehen, dessen staubfarbener Anzug mit der Umgebung verschmolz. Der Anblick war ein Donnerschlag für Vic. Mit einemmal war er wieder der gehetzte Flüchtling von ehemals. Er stand wie gelähmt. Die Gefahr, dem Aufgebot dort unten in die Hände zu fallen, war nicht das Schlimmste. Das Schlimmste war die Gewißheit, daß man noch immer hinter ihm her war.

»Da gibt's nur noch eins,« stammelte er schließlich, »ich will ... Dan, helft mir Grey Molly satteln, und ich will den Kerlen noch ein Schnippchen schlagen. Soll sie der Teufel holen!«

»Was habt Ihr vor?« Es war dieselbe lässige und ruhige Stimme, die zu Vic gesprochen hatte an dem Tag, als er verwundet wurde, und genau wie damals ging sie ihm auch jetzt auf die Nerven. Kate kam vom Haus her gelaufen, daß ihre Schürze flog.

»Ich will den Abhang nordwärts hinunter«, sagte Vic. »Wenn ich reite, als hätte ich den Teufel im Genick, kommen sie immer noch zu spät, um mir den Weg zu verlegen. Nur soviel Vorsprung, daß ich ihnen die Eisen meines Pferdes zeigen kann, und sie haben das Nachsehen!«

Er sagte es, um sich Mut zu machen, nicht aus wirklicher Zuversicht. Wenn das Aufgebot ihn sichtete, solange er das Tal noch nicht erreicht hatte, dann brauchte es wahre Wunder an Reitkunst und ein wahres Fabeltier von Pferd, um durch die einzige offene Lücke zu entrinnen, ehe das Aufgebot sie schloß. Barry schien über Vics Lage nachzudenken. Ein merkwürdiges Funkeln glimmte in seinen Augen auf.

»Wartet einen Augenblick«, sagte er, als Vic nach der Pferdekoppel hinüberlaufen wollte. »Der Plan, den Ihr Euch ausgeheckt habt, ist ein guter Plan – wenn Ihr bald eine Leiche sein wollt. Jetzt hört mal zu.«

Aber da mischte sich Kate ein: »Dan, was hast du vor?«

»Ich werde Vics Grauen nehmen und den Hang hinunterreiten. Ich werde die Burschen von Vics Fährte weglocken«, sagte Barry, gelassen wie immer. Aber Vic schien es, als ob er vermeide, dabei seiner Frau in die Augen zu sehen.

Vic wußte: in einem Augenblick wie diesem wäre Betty Neals Stimme schrill und scharf geworden. Kate sprach eher leiser als gewöhnlich, aber es war ein Ton in ihrer Stimme, der Vics Herz zum Erbeben brachte. »Für Vic wär' es der Tod! – Und für dich?«

»Nicht für mich! Wenn sie mich sehen und mir nachjagen, ehe der Weg frei ist, dann warte ich, bis sie mich eingeholt und gesehen haben, daß sie den Falschen erwischten. Wenn sich eine Chance bietet, werde ich sie aus der Gegend weglocken. Vic, Ihr müßt dort zwischen den beiden Bergen durch – seht Ihr sie? – und dann Volldampf querfeldein. Es gibt keinen Gaul, der Euch auf diesem Weg tragen könnte – außer Satan – und den könnt Ihr nicht reiten. Ihr müßt zu Fuß über das Gebirge, aber das Aufgebot wird auf dieser Seite niemals nach Euch suchen. Wenn Ihr wieder auf gebahnten Wegen seid, im Tal drüben, kauft Euch einen Gaul und reitet auf die Eisenbahn zu.«

Kate wandte sich zu Vic. Sie zitterte. »Werdet Ihr zulassen, daß er's tut?« fragte sie. »Werdet Ihr zulassen, daß er das noch einmal für Euch tut?«

Eben noch hatte sich vor Vic das Tor der Hoffnung aufgetan, jetzt wies er alles zurück. Kate hatte seinen Stolz getroffen.

»Nicht um alles in der Welt«, antwortete er. »Ich ...«

»Ihr werdet tun, was ich sage, und Ihr werdet Euch jetzt auf den Weg machen. Mir ist noch etwas Besseres eingefallen. Wenn Ihr Euch hier nördlich haltet, ins Gebirge hinein, werdet Ihr auf einen Pfad stoßen, auf dem man zur Not reiten kann. Ihr kommt denen da unten nicht ganz aus dem Wege, aber die Gefahr ist gering, daß das Aufgebot sich gerade dorthin verirrt. Ihr könnt meinen alten Braunen mit der weißen Blesse nehmen, der wird Euch sicher tragen.«

Vic zögerte. Kates flammende Augen waren auf ihn gerichtet. Viel hätte er darum gegeben, sich jetzt als Mann zu zeigen. Aber Freiheit war süß, süßer jetzt als je zuvor. Die Kehle war ihm wie zugeschnürt. Kate schien ihn als hoffnungslos aufzugeben. Sie wandte sich zu Barry.

»Dan!« flehte sie.

Sie hatte ihn nicht berührt, trotzdem machte er eine unbestimmte Bewegung wie jemand, der eine Hand abstreift, die ihn zurückhalten will. Sie rief: »Wenn du zu dicht an sie herankommst – wenn sie auf dich schießen – womöglich versuchst du dann, es ihnen heimzuzahlen ...«

»Sie haben schon das vorigemal auf mich geschossen, und ich habe nicht einmal geantwortet.«

»Aber das zweitemal?«

Gewiß, gefährlich war das Abenteuer. Aber wenn das Aufgebot Barry den Weg verlegte, was konnte geschehen? Barry ergab sich einfach, wie er ja selbst gesagt hatte, und sie hatten kein Recht, ihm etwas zuzufügen. Vic mühte sich vergebens, die Gründe der entsetzlichen Angst zu entdecken, von der Kate gepeinigt war. Eines vor allem war unerklärlich! Sie fürchtete anscheinend mehr, daß Dan dem Aufgebot etwas zuleide tat, als die Gefahren, die ihrem Mann von dem Aufgebot drohen konnten.

»Das ist kein Tag zum Kämpfen«, sagte Dan und wies mit einer Handbewegung nach den Bergen hinüber. Es war einer der verschleierten Frühlingstage, an denen die Sonne den Dunst aus dem Boden zieht und die Wolken niedrig um die hohen Berggipfel treiben. Jede Schlucht ertrank in blauen Schatten, und selbst ganz oben auf den Hängen, wo schon hier und da ein Schneefeld getaut war, sah man das zarte Grün sprießenden Grases zwischen dem winterlichen Weiß schimmern. »Das ist kein Tag zum Kämpfen«, wiederholte Dan.

Vom Haus herüber kam ein schriller Schrei. Das Wiehern eines galoppierenden Pferdes. Vic sah Dans Rappen in seinem Gehege hin und her rasen. Dann nahm das Tier einen kurzen Anlauf, schnellte über die mannshohe Barriere, die es einschloß, und stand frei, diesseits der Umzäunung, während das Sonnenlicht auf seinem schwarzen Fell zitterte. Satan zögerte einen Augenblick, als überlege er, was er mit der neugewonnenen Freiheit beginnen könne, dann kam er in leichtem Galopp zu seinem Herrn gelaufen. Plötzlich glitt auch Black Bart wie ein schwarzer Schatten über das Plateau, verschwand hin und her laufend zwischen den gewaltigen Felsblöcken, tauchte wieder auf und schoß dann geradeswegs auf Barry zu. Vic selbst spürte, wie eine Wandlung mit ihm vorging, wie eine sonderbare und unbegründete Heiterkeit sich seiner bemächtigte. Es war, wie wenn die Luft ihn berauschte, wie wenn das Sonnenlicht eine elektrische Wirkung ausübte. Er sah, wie Kate sich dicht an Barry drängte.

»Wenn du diesmal gehst, Dan, wirst du nie mehr zurückkommen!«

Der Rappe fegte heran und machte neben den beiden halt. Seine Hufe, die sich plötzlich in den Boden stemmten, jagten einen prasselnden Schauer kleiner Kiesel auf. Auf der anderen Seite rannte der Wolfshund unruhig hin und her und versuchte das Gesicht seines Herrn zu erspähen, das ihm von Kate verdeckt wurde.

»Ich geh' nicht weit weg. Ich möchte bloß einmal wieder ein Pferd zwischen den Beinen haben und wieder einmal spüren, wie mir beim Reiten der Wind um die Schläfen pfeift.«

»Selbst Satan und Bart fühlen, was ich fühle. Siehst du nicht? Sie sind gekommen, ohne daß du sie gerufen hast! Das tun sie nur, wenn sie Gefahr wittern. Was soll ich bloß tun, um dich umzustimmen? Dan, du treibst mich noch zum Wahnsinn!«

Er gab keine Antwort. Vielleicht war gerade jetzt der Augenblick gekommen, alle Überredungskünste aufzubieten. Kate aber gab plötzlich den Kampf auf. Sie wandte sich ab. Vic konnte ihr Gesicht sehen. Es trug denselben Ausdruck verzweifelter Hilflosigkeit wie das eines Knaben, der nicht schwimmen kann und im Fluß plötzlich den Boden unter den Füßen verliert. Keine Spur von Tränen – vielleicht kamen sie erst später.

Was war über sie alle gekommen? Warum war Kate so verzweifelt? Warum waren sogar die unvernünftigen Geschöpfe unruhig, das Pferd und der Hund? Vic vergaß seine eigene Gefahr. Er starrte hilflos um sich und entdeckte schließlich, daß diese seltsame Veränderung von Barry ausgegangen sein mußte. In seine Augen war ein Ausdruck gekommen, so daß Vic ihnen nur mit äußerster Willenskraft zu begegnen vermochte.

»Ich hab' es gleich gewußt, Gregg, wie Ihr kamt, daß Ihr uns Unheil ins Haus bringt!« rief Kate. »Er hat Euch in Blut gebadet heimgebracht. Er hat Euch gerettet, und er kam mit roten Händen nach Hause. Da ahnte ich, wie es enden würde. Ah, ich wünschte, Ihr ...«

»Kate!« fiel ihr Barry ins Wort.

Sie sank zusammenbrechend auf einen der Felsen und vergrub das Gesicht in den Händen. Dan beachtete sie nicht mehr.

»Macht schnell!« sagte er. »Sie sind schon über den Fluß.«

Vic gab den Kampf gegen die Versuchung auf. Kates Tränen hatten ihn an Betty Neal erinnert. Er folgte Dan, der zur Pferdekoppel hinüberging. Um sie beide kreiste der Rappe wie ein Jagdhund, der ungeduldig den Aufbruch herbeisehnt.

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