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Der seltzame Springinsfeld

Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Der seltzame Springinsfeld - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorGrimmelshausen
year1969
publisherMax Niemeyer Verlag
addressTbingen
isbn3-484-10113-X
titleDer seltzame Springinsfeld
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1670
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Das XII. Capitel.

Springinsfeld wird ein Trommel=
schlager / darnach ein Musquedirer / item wie ihn ein
Baur zaubern lernet.

ALs Springinsfeld obiges von disen dreyen namhafften Verschwendern erzehlt hatte / und nun ein wenig pausirte / sagte Simplicissimus, diser letzte thät zwar thörlich genug aber gleichwol wißlicher als die zwen erstere; und ich kan mit keine grössere Thorheit under den Menschen einbilden als der jenige eine begehet der vil Gelds hat und mit einem anfahet zuspilen der wenig vermag; aber mit diser Erzehlung bistu auß dem Glaiß deines aignen Lebenslauffs gefahren / welchen ich so hertzlich zuvernemmen verlange; wir verblieben bey den spannischen in Niderland / wie gieng dirs da selbst weitters?

Springinsfeld antwortet / ich kan nit anders sagen: Als wohl; dann wann ich denselben Krieg gegen den lesteren vergleichen soll / so war jener gülden und diser eysern / in jenem wurden die Soldaten außbezalt und gebraucht / doch aber ihr Leben nicht leichtlich hazzardirt, in disem aber wurden sie ohnbezalt gelassen / die Länder ruinirt und beydes Bauern und Soldaten durch Schwerd und Hunger auffgeopffert; also daß man auff die letzte schier nicht mehr krigen konte; Simp: fiele ihm in die Rede und sagte / entweder redestu im Schlaf oder wilst wieder aus dem Weg tretten / du wilst den Krieg underscheiden und vergist abermal deiner eignen Person / sage darvor wie es dir selbst gangen? Jch muß ja wol antwort Springinsfeld / ein wenig Umstände machen / wann ich der vorigen guten Täge gedencke und mich zugleich des nachfolgenden Ellends erinnere; aber die Folge meiner Histori ist diese; ich kam mit den Spanischen in die undere Pfaltz / als Ambrosius Spinola dasselbige glückselige Land gleichwie mit einer Sündflut überfiele / und in kurtzer Zeit wunder viele Städte under seine Gewalt brachte; da machte ichs mit unordenlichem Leben so grob / daß ich darüber erkranckte / und zu Worms (allwohin sich don Gonsales de Cordua retirirt / nach dem er die Franckenthalische Belägerung wegen Ankunft des Mannsfelders / welchen Tylli zu Mannheim über den Rhein gejagt / aufheben müssen) kranck zuruck gebliben; allwo ich den ersten Tuck empfand / den mir das Glück im Krig erwisen; dann ich muste mich mit bettlen behelffen und vil schmähliche Reden hören weil ich nichts zu verzehren hatte; so bald ich aber wieder ein wenig erstarckte / liesse ich mich durch zween andere Kerl überreden / daß ich mit ihnen gegen der Tyllischen Armee gieng / welche wir durch Abweg erreichten / eben als sie auf Wiseloch zugleich dem Mansfelder und ihrem Unglück entgegen marchirte.

Jch war damals ein aufgeschossen Bürschlin von 17. Jahren / und gleichwol wurde ich noch nicht vor capabl gehalten mich under die Tyrones aufzunehmen / aber zu einem Tambour hätte man keinen ärgern Ausbund kriegen könden; massen ich auch vor einen solchen aufgenommen / und so lang ich mich darzu gebrauchen liesse / auch darvor gehalten wurde; wir bekamen damal zwar ein wenig Stösse / es war aber nichts gegen denen zurechnen / die wir hernach vor Wimpfen wieder austheileten / hier kam unser Regiment nicht einmal zum Treffen / weil es sich in dem Nachzug befande / dort aber erwise es seinen Valor desto tapferer / ich selbst thät damals etwas ohngewöhnlichs; ich henckte meine Trommel auf den Buckel und nahm hingegen eines todbliebenen Musquet und Bandelier / und gebrauchte mich damit im allerfördersten Glied dermassen / daß es mein Hauptmann nicht allein geschehen: sonder ihm auch mein Obrister selbst gefallen lassen muste; und damit erlangte ich dasselbig mal nicht allein Beuten / sonder auch ein zimlich ansehen und daß ich meine Trommel gar ablegen und fürderhin eine Musquete tragen dörfte.

Under diesem Regiment half ich den Braunschweiger bey dem Main schlagen / Jtem bey Stattlo / und kam auch endlich mit demselbigen in Dennemärckischen Krieg in Holstein / ohne daß ich noch ein eintzig Härlein Bart oder eine empfangne Wunden aufzuweisen gehabt hätte; und nachdem ich bey Lutter den König selbst besigen helffen / wurde ich kurtz hernach in eben solcher Jugend gebraucht Steinbruck / Verden / Langwedel / Rothenburg / Ottersberg und andere Ort mehr einnehmen zu helffen; und endlich um meines wolverhaltens: auch meiner Officier Gunst willen ein lange Zeit an ein fettes Ort auf Salva Quardi gelegt / allwo ich beydes meinen Leib erquickte und meinen Beutel spickte; so kriegte ich auch under diesem Regiment drey seltzame Nachnamen; in der erste nante man mich den General Farzer / weil ich / da ich noch ein Trommelschlager war / auf einer Bank ligend / den Zapfenstreich ein gantze Stund lang auch wol länger / mit dem Hindern verrichten oder hören lassen konte; zum andern wurde ich der hürnen Seyfrid genant / weil ich mich einsmals allein mit einem breiten Band=Degen / den ich in beyden Händen führte / dreyer Kerl erwehrete und sie übel zu schanden hauete / den dritten brachte mir ein Diebs=Baur auf / als welcher verursachte / daß man der ersten beyden Namen vergaß / und mich wegen eines lächerlichen Possens den ich mit ihm anstellete / forthin den Teufelsbanner nennete; das fügte sich also / demnach ich einsmals etliche Roßhändler mit Frißländischen Pferden aus unserm Quartier in ein anders convoirte / und selbigen Tag nicht wieder heim kommen konte; übernachtet ich bey gedachtem Bauren / der auch ein par Kerl von unserm Regiment bey sich im Quartier ligen: und eben denselbigen Tag ein par feister Schwein gemetzget hatte; er war nit wol mit übrigem Bethwerck versehen / und hatte auch keine warme Stub / wie dann selbiger Orten der gemeine Brauch auf dem Land ist / und derowegen logirte ich im Heu / nachdem er mich zuvor mit allerhand Sorten guter neugebachener Würste abgespeiset hatte; dieselbe schmeckten mir so wol / daß ich nicht darvor schlaffen konte / sonder lag und spintisirte / wie ich auch der Schweine selbst theilhaftig werden möchte; und weil ich wol wuste wo sie hiengen / nahm ich die Mühe / stunde auf und trug ein halb Schwein nach dem andern in einen Nebenbau / und verbarg sie daselbst under das Stroh / der Meinung solche die künftige Nacht mit Hülf meiner Cammerrathen zu holen; des Morgens aber als es tagen wolte / nahm ich beydes von dem Bauren und seinen Söhnen / das ist / den Soldaten die bey ihm lagen / einen freundlichen Abschied / und gieng meines Wegs / aber der Baur war so bald in meinem Quartier als ich selbsten / und klagte mir / daß ihm die verwichne Nacht zwey Schwein gestohlen worden wären; Was? sagte ich / du schlimmer Vogel / wilstu mich mit Diebs=Augen ansehen? ich machte auch so gräßliche Minen / daß dem Tropfen angst und bang bey mir wurde / sonderlich als ich ihn fragte / ob er Stösse von mir haben wolte? weil er ihm nun leicht die Rechnung machen konte / wo es hinaus lauffen wurde / wann er mich des jenigen so ich verrichtet / bezüchtigte / das zwar auch sonst niemand als eben ich gethan haben: Er aber gleichwol nicht auf mich erweisen könte; da kam der schlaue Vocativus auf ein andern Schlag / und sagte / min Heer, ik vertruvve ju nichtes böese, maer iken hebbe mi segen laten, dat welche Kriegers watt Künste konden macken derlichen Sachen weder bytobrengen; wan gij dat Küsten, ik fall ku twen Rixtaler geuent; ich überschlug die Sach / weil wir gleichwol als in unsern Quartirn ordre halten musten / und ersanne bald wie ihm zuthun wäre / damit ich die zween Thaler mit Manier bekommen möchte / sagte derohalben zu dem Bauern / mein Vatter daß wäre ein anders? Er bitte meinen Officier, daß er mich erlaube mit dir heim zugehen / so will ich sehen was ich kan ausrichten; dessen war er zufriden / und gieng alsobalden mit mir zu meinem Corporal, der mir umb sovil desto ehender erlaubte mitzugehen / weil er mir an dem Wincken meiner Augen ansahe / daß ich den Bauren betriegen wolte; dann wir hatte in den Quartirn sonst nichts zuthun als zu kurtzweilen / seitemahl wie den König von Dennemarck aus dem Feld gejagt und alle Belägerung geendigt hatten; massen wir damahls der Cimbrier gantzen Chersonesum: alles was zwischen dem Baltischen Meer und grossen Oceano zwischen Norwegen / der Elb und Wesser lag / geruhiglich beherrschten.

Zu unserer Hinkunfft ins Bauren Haus fanden wir den Tisch schon gedeckt und mit einem Botthast / einem stück kalten Rindfleisch aus dem Saltz / mit trögen Schuncken / Knackwürsten und dergleichen Dings: wie auch mit einem guten Trunck Hamburger Bier geziert; mir aber beliebte zuvor die Kunst zubrauchen / und alsdann erst zu schlampampen; zu solchem Ende machte ich mit meinem blossen Degen en mits oper deelen zween Ring ineinander / und zwischen dieselbige etliche Pentalpes und ander närrisch gribes grabes wie mirs einfiele / und als ich fertig damit war / sagte ich zum Umstand / wer sich förchte oder zum erschröcken genaigt sey / und derohalben den leibhafftigen Teuffel und sein Mutter selbst in grausamer Gestalt nicht anzusehen getraue / der möge wohl abtretten; darauff gieng alles von mir weg / bis auff einen Böhmen / der auch bey dem Bauren in Quartier lag; welcher bey mir verblieb mehr weil er auch gern zaubern gelernet / wann er nur einen Lehrmaister gehabt / alß daß er vor anderen behertzter gewesen wäre; Wir wurden beyde verschlossen und verrigelt / damit ja niemand das Werck verhinderte / und nach dem ich dem Böhmen bey Leib und Lebens=Gefahr still zuschweigen aufferlegt / tratte ich mit ihm in den Ring / wie er eben anfing wie ein Espen=Laub zuzittern / weil ich dann nun einen Zuseher hatte / so muste ich der Sach auch ein ansehen machen / und eine Beschwerung brauchen; so in einer fremden Sprach geschehen muste / derowegen thät ich solche auff Sclavonisch / und sagte mit verkehrten Augen und seltzamen Geberden / hier stehe ich zwischen den Zeichen welche die Einfältige bethören und Narren den Kolben laussen; derohalben / so sag du mir / du General Fartzer / wohin der Hürnen Seufrid die vier halbe Schwein versteckt / welche er verwichne Nacht disen närrischen Bauren gestohlen / und solche künfftige Nacht mit seinen guten Brüdern vollends abzuhollen; und nach dem ich solche Beschwerung ein baar mahl widerhollet / machte ich so seltzame Gauckler=Spring in meinem Ring und liesse so vilerley Thierer Stimme mithin hören / daß der Böhm / wie er mir hernach selbst bekant / vor angst in die Hosen gethan hette / wann er meine Schnackische Beschwerung nicht verstanden; wie ich nun des Dings bald müd wurde / antwortet ich mir selber mit einer hollen dümpern Stimme / gleichsam alß wann sie von fernen gehöret würde / die 4. halbe Schwein ligen im Nebenbau auff dem Stahl unterm Stroh verborgen; und damit hatte das gantze Werck meiner Zauberey ein Ende / der Böhm aber kondte das Lachen kaum verhalten bis wir aus dem Ring kamen; O Bruder sagte er auff Böhmisch zu mir / du bist wohl ein Schalck die Leuthe zuäffen; ich aber antwortet ihm in gleicher Sprach / und du bist wohl ein Schelm wann du die Geheimnus dises Stücks nicht verschweigest / bis wir aus diesen Quartiren kommen / dann solcher gestalt muß man den Bauren kratzen / wo sie es bedörffen; er versprach reinen Mund zuhalten / und hielte es nicht nur schlecht hinweg / sonder log noch einen solchen Hauffen Dings darzu / was er nemblich in wehrender action vor Spectra gesehen / daß die so mich vorm Hause nur gehöret hatten / alles glaubten und mit ihrer authorität so vil bezeugten / daß man mich vor ein Schwartz=Künstler hielte und mich beydes Baurn und Soldaten den Teuffelsbanner nenneten; ich bekam auch bald mehr Kunden Arbeit / und glaube / wann ich noch länger bey demselbigen Regiment verblieben wäre / es hätten mir etliche auch zugemuthet ich solte Reuter in Feld: und hingegen gantze Parteyen und Esquatronen unsichbar machen; der Baur / nach dem er sein Schweinen Fleisch wider / gab mir die zween Reichsthaler mit grossem Danck / und samt seinen Soldaten den gantzen Tag fressen und sauffen vollauff.

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