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Gutenberg > Eduard Bauernfeld >

Der Selbstquäler

Eduard Bauernfeld: Der Selbstquäler - Kapitel 4
Quellenangabe
typecomedy
booktitleGesammelte Schriften Band 4
authorEduard v. Bauernfeld
firstpub1837
year1871
publisherWilhelm Braumüller
addressWien
titleDer Selbstquäler
pages131-240
created20060806
sendergerd.bouillon
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Dritter Act.

Erste Scene.

Malrepos (tritt auf).
So ist der Augenblick nun angekommen;
Ich schnitt in ihre Seele mit dem Messer
Des scharfen Worts, da quoll der Balsam, Thränen,
Der brennend fiel auf meine wunde Brust.
Was aber reg' ich uns so bitt're Schmerzen?
Dies Lieblichste der Wesen ist ja mein! –
Mein – und auch nicht. Das waren schöne Tage,
Als ich sie kennen lernte, jede Stunde
Mir ihre Seele zeigt' im neuen Reiz!
Ich warb um ihre Schwester, doch ich sah
Nur sie, ich fühlte, lebte nur in ihr,
Mit ihr, in süßer Ruhe, neben ihr;
Was Jahre lang in meinem Busen schlief,
Ergoß sich da, in trauliches Gespräch;
Ich war ein neuer Mensch: der Morgensonne
Lacht' ich entgegen wie ein froher Knabe,
Und schalt den Schlaf, weil er mein Glück zerschnitt.
Wie ist das anders nun! Und das warum?
Hab' ich nicht mehr als damals? Hatt' ich damals
Denn mehr als nichts, und hab' ich jetzt nicht Alles?
Ist die Erfüllung des Genusses Grab?
Und muß uns etwas fehlen? Können wir
Kein volles Glück ertragen? Ist die Sehnsucht,
Der schöne Bürge einer andern Welt,
Denn wirklich dieser Erde bestes Gut?
Pfui solchem Gut! Ich will entbehren, leiden,
Doch will ich auch mich freuen und genießen
Vollauf, im reichsten Maße, gränzenlos!
Und gibt es anderen Genuß als Liebe?
Die Liebe, die zwei Wesen in einander
Verschmilzt, ein neues Doppelleben gründend? –
Liebt sie mich so? Liebt sie mich überhaupt? –
Ergeben ist sie, duldsam, und voll Nachsicht
Mit meinen Fehlern – aber ist das Liebe?
Gibt es nicht solche Liebe, wie ich suche,
Wie ich für sie in tiefster Brust empfinde,
Und doch zu zeigen immer zweifeln muß?
Wer löst mir diesen Widerspruch des Herzens?
Bin ich allein für solche Qual geschaffen?
Doch nein! Das Leben selbst ist eine Qual,
Wie wilde Thiere rennen wir herum
In diesem engen Käfig, Welt genannt,
Und brüllen laut nach Freiheit. Doch wo ist sie?
Wo bin ich frei, wenn eines Gottes Finger
Den Weg mir weiset, den ich wandeln muß?
Gab ich mir diese Augen? Diese Glieder?
Ich mir die Sinne und die Leidenschaften?
Hab' ich den Vater mir gewählt, die Mutter,
Und haben sie nicht schon in zarter Jugend
Mir ihres Willens Stempel aufgedrückt?
Wir sind, was And're aus uns machen wollen,
Und reiften uns die Jahre zum Bewußtsein,
Fehlt uns die Kraft, ein neues Sein zu gründen. –
Doch sei's! Am Ende will doch Jeder leben,
Und wenn nicht glücklich, doch erträglich leben.
Wozu die Selbstqual? Mag denn Laune, Zufall,
Vollenden helfen, was die größte Weisheit
Doch nie allein zu Stande bringt. Das Leben
Ist ein Gemisch von Freiheit und von Zwang.

Zweite Scene.

Malrepos. Annette (geschmückt).

Malrepos. Sie kommt – sei weich, Du schroffes Herz! Ich will sie
Freundlich empfangen.

Annette (eilt heiter auf ihn zu, will ihn umarmen).
                                    Mein Gemahl, mein Bester!
Nun, wie gefall' ich Ihnen?

Malrepos (tritt zurück).             Was ist das?

Annette. Nicht wahr, Sie sind erstaunt? Ich putzte mich
Mit Ihrer jungen Liebe schönsten Gaben.

Malrepos. Sie sind ja übermäßig munter heute!

Annette. So will ich immer sein.

Malrepos.                                 Das ist Verstellung!

Annette. Wieso?

Malrepos.           Wie so? Sie scheinen sehr vergnügt.
Was hat Sie, seit ich weg bin, so ermuntert?

Annette. Die Hoffnung, bald Sie wieder hier zu seh'n.

Malrepos. Ich bitte, keine Phrasen!

Annette.                                         Aber, Liebster –

Malrepos. Was, Liebster, Bester! Bin ich Ihnen lieb,
So zeigen Sie's durch Thaten, nicht durch Worte.
Von allen Lastern, die die Welt gebiert,
Ist keines mir verhaßter, als die Falschheit,
Und Ihre ganze Lustigkeit ist falsch.
Ei, hätten Sie wohl Grund zu frohen Mienen?
Nein, nein! Denn ich behandle Sie ja übel –
Zum mind'sten glauben Sie es und der Schwager;
Was also diese Flagge ausgehängt
Von süßem Lächeln und erzwung'ner Freude?
Ho, ho! Mich täuscht man nicht mit solchem Köder!

Annette. Beim Himmel, Sie verkennen mich –

Malrepos.                                                     Beim Himmel!
Was hat der Himmel hier zu thun! – Ihr Bruder
Versprach mir viel, Sie aber leisten nichts.
Sie sind seit uns'rer Ehe ganz verändert.

Annette. Ich weiß wahrhaftig nicht, wie ich verdiene –

Malrepos. Sie wissen nicht? Warum denn sind Sie lustig?
Lustig! Es ist abscheulich!

Annette.                                 Weil ich weiß,
Daß trübe Mienen Ihnen widersteh'n.

Malrepos. So können Sie nach Willkür weinen, lachen,
Und warm und kalt, wie in der Fabel, blasen?
Schad' um ein solch' Talent! Sie ließen herrlich
In Molière's Lustspiel sich verwenden.
Nein, diese Lustigkeit ist unerträglich!

Annette. Erklären wollt' ich Ihnen, wenn Sie ruhig
Mich hören möchten –

Malrepos.                         Nichts! Ich bin nicht ruhig!
Ich werde nimmer ruhig werden, niemals!
Sie aber sollen auch nicht ruhig sein,
Noch minder lachen.

Annette.                         Nun – ich lache nicht mehr.

Malrepos. So muß denn stets der Schein die Welt regieren!
Sie sind die Dulderin, ich der Tirann;
Warum? Weil ich ein hartes Wort gesprochen.
Allein wie hart mir selbst die Härte wird,
Weiß Niemand; Niemand weiß, wie liebevolle
Gedanken Ihre Lustigkeit in mir
So eben unterbrach und tödtete.

Annette. Sind Sie nicht ungerecht? und konnt' ich wissen,
Was unbehorcht in Ihrem Innern vorging?

Malrepos. Nicht wissen, aber ahnen, glauben, theilen,
Die Zweifel theilen, die mein Herz bestürmen;
Sie aber ahnen nichts, sind wohlbehaglich
Und putzen sich, indeß mein Herz zerreißt.

Annette. Mein Freund, gewiß, Sie schaffen sich Gespenster;
Sie mißtrau'n Andern, zweifeln an sich selbst,
Das Zutrau'n aber einzig macht das Leben;
Man wühle nicht im finstern Schacht der Brust:
Das ist der Weg, um krank zu werden.

Malrepos.                                               Krank?
So sagt auch St. Amand! Ja, ja, sie ließen
Mich gerne gelten für verrückt und hirntoll,
Und darum werd' ich wie ein Kind behandelt,
Dem man mit Scherz und Lachen Spielzeug weist;
Ich aber bin gesund an Leib und Seele,
Ein Mann, und ich durchschaue Euer Treiben.

Annette. Doch seh'n Sie nicht, wie man Sie ehrt und liebt.

Malrepos. Mich liebt?

Annette.                     Der Bruder und Celine.

Malrepos.                                                       Hm!

Annette. Und zweifeln Sie an meiner Liebe?

Malrepos.                                                   Zweifeln?
Wer könnte zweifeln!

Annette.                         Nein, nicht diese Kälte!
Nicht diesen Hohn, der mich zurückschreckt.

Malrepos.                                                         Lieben
Sie mich denn wirklich?

Annette (ergreift seine Hand).   Können's Worte sagen?

Malrepos (macht sich los).
Geberden auch nicht.

Annette.                         Nun, was überzeugt Sie?

Malrepos. O Ihr seid falsch!

Annette.                             Gewiß nicht.

Malrepos.                                               Schlau und listig!

Annette. O könnten in mein Herz Sie seh'n!

Malrepos.                                                 Dann säh' ich
Den Sitz der Eitelkeit.

Annette.                           Vielmehr – der Leiden.

Malrepos. Leiden? Ganz recht!

Annette (nähert sich ihm).           Nein, nein! Ich will nicht klagen!

Malrepos. Lassen Sie mich!

Annette.                               Sie sollen mich nicht länger
Verkennen –

Malrepos.           O, ich kenne Sie!

Annette (ergreift wieder seine Hand).   Nicht ganz!
Nicht meine Liebe –

Malrepos (stößt sie von sich).   Sie sind unerträglich!
(Wie vor sich selbst erschreckend, hält die Hand vor die Augen, und eilt fort.)

Dritte Scene.

Annette. Dann Celine und St. Amand.

Annette (nach einer Pause).
Es ist vorbei – die letzte Hoffnung schwand,
Und dunkle Nacht umhüllt mein junges Leben.

(Celine und St. Amand kommen.)

Celine. Schwester, wir sind bereit zu den Besuchen,
Die länger sich nicht mehr verschieben lassen.

Annette. Besuche?

Celine.                   Ja. Der Bruder geht mit uns,
Vielleicht auch Malrepos.

Annette.                               Ich glaube schwerlich.

Celine. So? Ist er übler Laune? (Leise zu St. Amand.)
                                        Ei, mir scheint,
Es ging hier etwas vor.

St. Amand (ebenso).           Ich fürchte fast.

Vierte Scene.

Vorige. Dubois. Dann Malrepos.

Dubois. Der Wagen steht bereit.

Annette.                                   Wo ist mein Mann?

Dubois. Er hat auf seinem Zimmer sich verschlossen.

Celine. Wir brauchen ihn just nicht.

(Malrepos erscheint und zögert vorzutreten, da er die Anwesenden sieht.)

Annette.                                         Ich möchte lieber
Zu Hause bleiben.

Celine.                       Und weßhalb?

Annette.                                           Mein Kopfschmerz –
Auch ging ich ungern ohne Malrepos.

Celine. Was Malrepos! Komm' Du nur mit!

Annette.                                                   Ich bitte,
Laßt mich zu Haus.

St. Amand.                   Laß ihr den Willen, Schwester.

Annette. Ich geh', auf meinem Zimmer auszuruh'n,
Und diese engen Kleider abzulegen.

Celine. Gut, ich begleite Dich.

(Malrepos geht leise fort.)

Celine (leise zu St. Amand).       Nun wird's mir fast zu viel!
Nicht länger werd' ich ruhig das mit anseh'n.
(Ab mit Annetten.)

Fünfte Scene.

St. Amand. Dubois.

St. Amand (zu Dubois).
Mein Schwager ist auf seinem Zimmer?

Dubois.                                                     Ja, Herr;
Doch hat er zugeschlossen, will für Niemand
Zu Hause sein.

St. Amand.             Schon gut!
(Für sich.)                     So dacht' ich mir ihn nicht!
Hab' ich in seiner Güte mich getäuscht,
Und Annen wirklich schlimmes Los bereitet?
Ich schwieg bis jetzt – denn Leuten seiner Art
Darf man nicht zeigen, daß man sie durchschaut;
Doch seh' ich, daß er dieses zarte Wesen
Durch Härte, Rohheit kränkt, dann will ich reden
Und handeln, wie's die Pflicht des Bruders heischt. –
Dubois, ich gehe in den Garten; siehst Du
Den Herrn, so sag': ich hab' mit ihm zu sprechen.

Dubois. Sehr wohl, Herr Capitän.

St. Amand.                                 Im Garten bin ich. (Ab.)

Sechste Scene.

Dubois (allein).
Nun, nun, ich dacht' es gleich! Es mußte kommen!
Das Donnerwetter hat schon eingeschlagen.
Der Herr schleicht so beschämt herum, wie damals,
Als er den Hauswirth fliegen lehren wollte.
Solch einen Engel, solche Frau zu kränken!
Ich kann ihn gar nicht anseh'n; ich bin so
Erbittert gegen ihn – er soll nur warten,
Bis ich ihm eine gute Miene zeige.
Da kommt er hergeschlichen – wie ein Dieb!
O wär' ich jetzt der Herr, und er der Diener!

Siebente Scene.

Malrepos. Dubois.

Malrepos. Dubois, was machst Du da?

Dubois (verdrießlich).                           Ich reflectire.

Malrepos. Wo ist denn –? (Stockt.)

Dubois.                             Wer?

Malrepos.                                   Der Schwager.

Dubois.                                                             Der? Im Garten.
Er will mit Ihnen sprechen.

Malrepos.                               So?

Dubois.                                         Ich hol' ihn.

Malrepos. Nein, laß! – Doch geh'.

Dubois.                                         Ei, ich soll geh'n?

Malrepos.                                                                 So mein' ich. –
Herr Dubois hat heut' üble Laune?

Dubois.                                             Freilich!
Es ist darnach! – Die gnäd'ge Frau hat Kopfweh.

Malrepos. Das thut mir leid.

Dubois.                               Doch warum hat sie Kopfweh?
Weil sie 'nen Mann hat.

Malrepos.                           Besser, denn sie machte
Dem Manne Kopfschmerz.

Dubois (mit zorniger Miene gegen ihn).   Solche liebe Frau!

Malrepos. Geh', sag' ich.

Dubois.                           Solche Frau muß Kopfweh haben!

Malrepos. Wirst Du bald geh'n?

Dubois.                                     Gut! Doch das sag' ich noch:
Ich geh' aus Ihrem Dienst –

Malrepos.                                 Aus meinem –?

Dubois.                                                             Ja.
Und trete über in den Dienst der Frau.

Malrepos. Dummkopf! Geh' fort!

Dubois (für sich).                           Dem Himmel sei's gedankt:
Nun hat er einen Dummkopf losgelassen. (Ab.)

Achte Scene.

Malrepos. Dann Celine.

Malrepos (allein).
O welche Qualen, welche bittern Schmerzen
Durchwühlen mir die Brust! Und Niemand, Niemand,
Dem ich mich anvertrauen kann – –
(Erblickt die Eintretende, ihr entgegen.)   Celine!

Celine (spitz).
Herr Schwager! (Für sich.)
                        Wart! Du kommst mir just zurecht!

Malrepos. Celine, liebe Schwägerin –

Celine (für sich).                                 Aha!
Er kriecht zu Kreuz. – Mein Herr, wir zählten d'rauf,
Sie würden uns begleiten.

Malrepos (pikirt über ihren Ton).   Zählten Sie?

Celine. Annette wollte nicht Besuche machen
Ohn' ihren Mann.

Malrepos.                   Da hat sie Recht.

Celine.                                                   Nicht ganz.
Es kommt d'rauf an, wie sich der Mann benimmt.

Malrepos. Das Häubchen kleidet Sie vortrefflich, Fräulein.

Celine. O lassen Sie mein Häubchen! – Wie gesagt:
Ein Mann, der mürrisch ist –

Malrepos.                                   Und wie die Locken
So schelmisch über dem Gesichtchen hängen!

Celine. Ein Mann, der immer zankt und keift, ein Griesgram –

Malrepos. Ich habe nie so reizend Sie geseh'n.

Celine. Ein solcher Misanthrop und Haustirann –

Malrepos. Wird zahm und artig, lächeln Sie ihm zu.

Celine. Ich aber lächle nicht, mein Herr.

Malrepos.                                             Wie schade,
Wenn Sie des schönsten Reizes sich berauben!

Celine. Wär' meine Schwester nur ein Weib, wie And're,
Begreiflich fänd' ich's, wenn auch nicht verzeihlich,
Daß man in böser Stunde sie verletzt;
Allein sie ist vollendet, fehlerlos,
Sie ist ein himmlisches Gemüth, ein Engel,
Und nur ein Cherub wär' ein Mann für sie.

Malrepos. Der Zorn macht Sie poetisch, und Sie sprechen
Das Lob der Sanftmuth aus voll Grimm und Aerger.

Celine. Man muß mit Jedem seine Sprache reden.

Malrepos. Nicht kleidet solche Sprach' ein zartes Mädchen.

Celine. Es spricht durch mich Ihr eigenes Gewissen.

Malrepos. Ei, mein Gewissen macht nicht so viel Worte.

Celine. O hätt' ich tausend Zungen, um mit jeder
Ihr Unrecht tausend Mal zu wiederholen!

Malrepos. Ich wünschte Ihnen lieber tausend Augen,
Denn schön sind diese zwei – doch g'nügt die Eine Zunge.

Celine. Wär' ich ein Mann, ich brauchte keine Zunge,
Und handelte, wie's in dem Fall sich ziemt.

Malrepos. Sie fordern mich heraus? Wär' ich ein Weib,
Ich nähme das Duell mit Freuden an.

Celine. Nichts wünsch' ich mehr, als daß Sie mich beleid'gen;
Ich werde, denk' ich, einen Ritter finden.

Neunte Scene.

Vorige. St. Amand.

Malrepos. Da kommt Succurs!

St. Amand.                               Schwester, laß uns allein.

Celine. Warum? Ich hab' ein Wörtchen mitzureden.

Malrepos. Was wünschen Sie, mein Herr? Und sind Sie gleichfalls
Gekommen, meiner Pflicht mich zu belehren?

St. Amand. Von Malrepos, Sie sind mein Freund und Schwager,
Uns bindet gegenseitig Lieb' und Achtung,
D'rum bleibe zwischen uns nichts unbesprochen,
Was ein Verhältniß stören kann und trüben.
In Thränen fand ich meine gute Schwester,
Und schweigt sie auch, so ahn' ich doch den Grund.
Hat irgend etwas sie gethan, verbrochen,
Was ihres Gatten Zorn mit Recht hervorruft,
So soll auch nicht des Bruders Tadel fehlen;
Doch ist sie schuldlos, wie ich glauben darf,
Dann wird es Pflicht des Bruders, wie des Freundes,
Zu mahnen, aufzuklären, zu vermitteln.

Malrepos (nicht heftig).
Herr Capitän, ich bin in meinem Hause,
Und alt genug, zu wissen, was mir frommt.

St. Amand. Die Antwort zeigt mir an: Sie wissen's nicht,
Und spricht auch über meine Schwester das
»Nicht schuldig« aus; denn wer mit rauhem Wort
Des Freundes Rath und Warnung mag erwidern,
Der hat gewiß ein zarteres Gemüth,
Wie eines Weibes oft, und schwer verletzt.

Malrepos. Man spricht nur stets von dem, was ich begangen;
Was gegen mich geschieht, darüber schweigt man.

St. Amand. Ich frage ja: wie wurden Sie beleidigt?

Malrepos. Es läßt sich eben nicht in Worten nennen.

St. Amand. So wenig, als ein and'res Hirngespinnst.

Malrepos. Soll ich für toll und unvernünftig gelten?

St. Amand. Ein Jeder gilt für das, wie er sich gibt.

Malrepos. D'rum sei ein Jeder nur für sich besorgt.

St. Amand. Mein ganzer Lebenskreis – das ist mein Ich.

Malrepos. Doch ich bin ich allein, und will für mich sein.

St. Amand. So spricht nur, wer des Menschen Werth nicht kennt.

Malrepos. So Mancher schlägt zu hoch an Werth sich an.

St. Amand. Und Mancher wird durch Nachsicht nur erträglich.

Malrepos. Mann gegen Mann, bedarf es keiner Nachsicht.

St. Amand. Die fordr' ich nicht, und kann sie auch versagen.

Celine. Sei ruhig, Bruder, Malrepos, Ihr Beide;
Verständigt Euch, wie's klugen Männern ziemt.

Malrepos. Sie ließen, Fräulein, besser uns allein;
Ich ehre St. Amand, er ist ein Mann,
Der auch im Widersprechen edel bleibt;
Allein mit Weibern weiß ich nicht zu streiten.

Celine. So bricht Ihr Widerwillen gegen mich
Denn endlich aus! Doch lenken Sie den Zorn
Von meiner armen Schwester nur auf mich.

Malrepos. Das ist zu viel! Das duld' ich nun und nimmer!
Soll ich in meinem Hause nicht mehr Herr sein?
Es preise sich der Einsame! Er ist
Der Meister seines Wollens, seines Handelns;
Der aber kennt die Bitterkeit des Lebens,
An den sich Schwäger und Verwandte ketten,
Die, was er thut, begeifern und bekritteln.
Das sollt Ihr nicht, bei Gott, das sollt Ihr nicht!
Frei will ich sein und meiner Thaten Herr,
Und kostet's mich mein Glück, ja selbst mein Leben;
Feind nenn' ich den, der mich daran verhindert –
Und wär's mein nächster Freund, ja wär's mein Bruder,
Ich wär' versucht, 'gen ihn das Schwert zu zieh'n.

Zehnte Scene.

Vorige. Annette (im Hauskleide, die bei den letzten Worten eingetreten).

Annette. Gott! Was geschieht?

St. Amand.                             An meine Seite, Schwester!
Hier magst Du Schutz und treue Liebe finden.

Annette. Schutz? Gegen wen?

Malrepos.                               Nun, gegen Ihren Gatten.

Annette. Du irrst, mein Bruder, und Du kränkst mich sehr,
Wenn Herrn von Malrepos Du glauben machtest,
Ich klagte über ihn. Der Bruderliebe
Mag er Dein unbedachtes Wort verzeih'n.

St. Amand. O zweifeln Sie noch, daß Sie schuldig sind?

Celine. Wo ist die Frau, die sich mit ihr vergliche?

Malrepos. Und solche Frau – bedarf sie Eures Schutzes?
Geht, geht, und schämt Euch Eurer hohlen Worte!
Ihr werft Euch auf zu meinen Richtern, Ihr?
Kennt Ihr denn meine Schuld? Und welche Strafe
Wollt Ihr verhängen über mich? Hier kann
Nur Einer strafen, und das bin ich selbst,
Und ich will härter sein mit mir, als Alle.

Celine. Muß man denn immer zu Extremen greifen?
Ihr habt so gute Eigenschaften, Schwager,
Vergrabt sie nicht im Eigensinn und macht
Vor Allem, daß man mit Euch leben kann.

Malrepos (betroffen).
Man kann mit mir nicht leben – Recht, Celine! –
Man kann mit mir nicht leben – nein, gewiß nicht! –
Laßt uns allein, ich bitte.

St. Amand.                           Jetzt? Allein?

Malrepos. Der Zwiespalt schlichtet nur sich zwischen uns –
Euch steh' ich später Rede.

St. Amand.                             Komm', Celine.

Celine. Gleich, gleich! – Nur nicht so ernste Miene, Bruder!
Hörst Du? – Und sagt, seid Ihr noch böse, Schwager?
Ich schalt Euch tüchtig – doch Ihr habt's verdient.
Seid wieder liebenswürdig, wie sich's ziemt –
Ihr könnt das, wenn Ihr wollt – dann soll Euch auch
Celinens böse Zunge nicht mehr treffen.
(Ab mit St. Amand.)

Eilfte Scene.

Malrepos. Annette.

Malrepos. Annette, hören Sie mich an: ich weiß,
Was vorfiel zwischen uns, hat ein Verhältniß,
Das kaum geknüpft, für immer abgeschnitten;
Ich strafe mich, und ich befreie Sie
Von kurzer, aber harter Tirannei.
Noch diese Nacht will ich Paris verlassen,
Auf meine Ländereien wieder kehrend,
Die längst schon meine Gegenwart verlangen;
Sie selber sind die Herrin dieses Hauses,
Wie Ihrer Zukunft.

Annette.                     Hab' ich das verdient?
Wie? Trennung also? Trennung? Nimmermehr!

Malrepos. Sie hörten's ja: man kann mit mir nicht leben –
O sie hat Recht!

Annette.                 Ich aber will und soll –
Denn unauflöslich ist der Ehe Band.
Sie werfen mir kein Unrecht vor? Wohlan!
Dann ist's auch Ihre Pflicht, an mir zu halten;
Ich aber will mein ganzes Wesen ändern.
Sie dulden nicht, daß sich ein zweites Sein
Frei und harmonisch an das Ihre schließe:
So will ich denn das Beste, was ich habe,
Mein eigen Selbst verläugnen, und die Sklavin
Des Mannes sein, der keine Freiheit ehrt.

Malrepos. Das wollten Sie? Und ich verlangte das?
So bin ich denn kein Mensch? Bin ich ein Unmensch,
Den man von der Gesellschaft weit entferne? –
Es geht ein dunkler Ruf – Sie sprachen's aus –
Man kann mit mir auf keine Weise leben.
Es ist der ärgste Vorwurf, der uns trifft:
Du kannst nicht Mensch mit Menschen sein. Das Wort,
Das göttliche Geschenk, das mild und lieblich
Von Mund zu Munde flattert, den Gestalten
Des Herzens und des Geistes Körper gibt,
Das Wort, das Leben ist, in meinem Munde
Wird's zum Verderben und zum Fluch, zum Tode.
D'rum will ich schweigen – schweigen, immer schweigen,
In meiner Tannen schwarzer Einsamkeit
Weit ab von Welt und Menschen mich verbergen.
Du aber, die ich quälte und verletzte,
Der meine Liebe nichts als Schmerz gebracht, –
Du kehre wieder in den Kreis der Frohen,
Vergib mir, wenn Du kannst, und überlaß mich
Den quälenden Gedanken meiner Brust.

Annette (nach einer Pause).
Ich Dich verlassen? Ich Dich jetzt verlassen,
Jetzt, wo ich freudig ahne, welcher Zweifel
Dein Herz betrübt? Jetzt, wo Du mein bedarfst? –
Du darfst mich nicht, ich darf Dich nicht verlassen;
Vergib, was ich in Schmerz und Unmuth sprach,
Allein vergiß nicht, was ich bin: Dein Weib –
Dein Weib, das heißt: die Hälfte Deiner Seele –
Nein, Deine Seele ganz! Ich leb' in Dir,
Wie Du in mir; wir sind nicht zwei, sind Ein's,
Und keine Trennung gibt es, keine, keine!

Malrepos. Umsonst! Es ist zu spät! Was ich verschuldet,
Vergibt, vergißt sich nicht – Du weißt nicht Alles.
Wir sind verschieden, mehr wie Frost und Wärme,
Wie Nacht und Tag, wie Laster von der Tugend.

Annette. Wir sind verschieden? Ja! Dein Geist ist reicher,
Ist tiefer, ist gewalt'ger als der meine,
Und mein Gemüth ist weicher als das Deine.
Doch glaubst Du, Stolzer, daß Dein Geist genügt?
Der schärfste Geist fühlt des Gemüthes Leere,
Und sucht ein Herz, in dem sich der Gedanke
Erst zum lebendigen Gefühl entzünde;
So rankt das allzu weiche Herz des Weibes
Sich an des Mannes kräft'gem Geist empor,
Und Weib und Mann bedarf sich, Mann und Weib.
Sag' nicht: Du brauchst mich nicht; ich will's nicht glauben.
Du brauchst mich wahrhaft – Du bedarfst mich sehr.
Du herrschest über Tausende von Menschen,
Die zu beglücken Dir der Busen brennt;
Du sprichst nicht gern von dem, was Du gethan –
Mit mir doch wirst Du sprechen, mußt Du sprechen;
Mein Lob wird Dich erwärmen, wie mein Tadel.
Im Keim erstickt so mancher gute Vorsatz,
Der, mitgetheilt, lebendig wirksam wird.
Und lebt der Mensch denn immer nur im Geiste?
Er braucht auch Aeußeres, mehr als man glaubt;
Wir Weiber aber sind für's Aeußerliche.
Wenn Du des Abends wiederkehrst und findest
Zu Hause immer nur den alten Diener,
Wie kannst Du des vollbrachten Tags Dich freu'n?
Allein wenn Dich die Frau erwartet, die
Schon zwanzig Mal nach allen Uhren schaute,
Und über ihres Mannes Zögern schalt,
Wenn Du mit ihr zum Abendmahl Dich setzest,
Gleich hungerig zum Essen wie zum Reden –
Das ist ein And'res – nicht –? Du denkst an Vieles,
Doch, wie Ihr Männer seid, nicht an das Nöth'ge.
Dir fehlt das Winterkleid zur rechten Zeit,
Du ißt und trinkest, was Dir schaden kann,
Du scheuest weder Frost noch Sonnengluth –
Nun wirst du krank – wer aber soll Dich pflegen?
Ihr könnt wohl Bücher schreiben, Schlachten kämpfen,
Wollt für die Welt, für das Jahrhundert wirken,
Doch And're warten – das versteht Ihr nicht;
Es haßt der Mann den Mann am Krankenbett.
Du lächelst? Ist's nicht wahr? Du denkst an Dubois,
Der schon in solcher Lage Dir zuwider,
Ja, unerträglich war. Werde nur krank –
Dann sollst Du mich erst kennen lernen. Nun,
Sagst Du noch immer, daß Du mich nicht brauchst?
Du brauchst mich doch: zu Allem und zu Nichts,
Zu so viel Nichts, daß es fast Alles ist.

Malrepos. Annette – lebt denn wirklich so viel Liebe
In einem Busen – und für mich? Für mich?
Ach, wenn Du wüßtest –! Nein, Du kannst, Du darfst
Mir nicht verzeih'n – ich kann mir nicht verzeihen.

Annette. So sprich! Was hast Du gegen mich verbrochen?

Malrepos. Du sollst es wissen, ja, sollst Alles wissen!
Ich habe Dich geliebt – Dich angebetet –
Doch schämt' ich mich, von Dir beherrscht zu werden,
D'rum zwang ich mich zu rauhem Ton, und barg
Mein Inneres vor Dir, da überraschte
Mich dieser Augenblick – nun weißt Du Alles.
Geh' jetzt, verrathe mich den beiden Schwägern,
Lacht, spottet über mich, beherrscht mich Alle,
Erzählt dem ganzen Haus von meiner Schwäche,
Daß man, wo dieser Tropf sich sehen läßt,
Auf ihn mit Fingern in den Straßen weise.

Annette. Und glaubst Du, daß ich Dich verrathen werde?

Malrepos. Thu's oder thu' es nicht – ich will bekennen,
Daß Deine Liebe, gleich dem Morgenstern,
Im ungetrübten, reinsten Lichte funkelt;
Doch meine Liebe gleicht dem bleichen Mond,
Und ist verunziert mit der Selbstsucht Flecken.

Annette. Die Liebe rechnet nicht. Sei, wie Du bist;
Lieb' mich nach Deiner Art, und ich Dich nach der meinen.

Malrepos. So willst Du mit dem rauhen Mann es wagen?

Annette. Manch süße Frucht hat eine rauhe Hülle.

Malrepos. O könnt' ich mich in dieser Stunde ändern!

Annette. Frag' erst, ob ich Dich anders haben wollte.

Malrepos. Und wenn ich künftig wieder Dich verletze?

Annette. Ich blickt' in Deine Brust, und fürchte nichts.

Malrepos. So schwör' ich denn bei Allem, was mir heilig –

Annette (schmiegt sich an ihn).
Schwör' nicht, und liebe mich. Das ist genug.

Zwölfte Scene.

Vorige. Dubois.

Annette (macht sich los).
Dubois!

Dubois.       Was seh' ich?

Malrepos.                         Dubois – schweige!

Dubois (freudig).                                             Herr!
(Küßt Beiden die Hände.)

Malrepos. Was ist's? Was machst Du da?

Dubois.                                                   Ich freue mich.

Malrepos. Man kommt –

Dubois.                           Der Capitän, das Fräulein –

Malrepos (legt den Finger an den Mund).                         Still!

Dreizehnte Scene.

Vorige. Celine. St. Amand.

Celine (welcher Dubois ein Zeichen gab).
Nun, Schwesterchen, der Kopfschmerz ist vorüber?

Annette. Vorüber.

Dubois.                 Ganz vorüber. Ganz vorüber.

St. Amand. Ich sehe feuchte, aber frohe Augen –

Malrepos. Mein Freund und Bruder, kannst Du mir verzeih'n?
Viel der Dämonen leben mir im Busen.
Helft mir im Kampfe mit der dunklen Macht:
Stark ist der Haß, doch stärker ist die Liebe.
(Umarmt Annette.)

 


 

Anmerkung zu »Der Selbstquäler«.

Die Idee zu diesem Stücke ist gleichfalls [wie »Der Vater«] aus Bülow und Retif de la Bretonne geschöpft. Die französische Novelle, nach welcher ich mich zum Theil hielt, betitelt sich: »Le bourru vaincu par l'amour«; in der deutschen Bearbeitung nennt sie sich: »Die beste Frau«. – Das einfache Stück, welches als eine Studie nach Molière gelten kann, gefiel damals (im Jahre 1837), doch dürfte die psychologische Charakter-Entwicklung den Mangel einer lebhaft fortschreitenden Handlung kaum ersetzen. Ein mißlicher Umstand bleibt auch immer die schließliche Besserung des Murrkopfes, an die der Leser der Novelle glaubt, während der Zuschauer im Drama einer derlei Peripetie leicht den Glauben versagen mag.

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