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Gutenberg > Eduard Bauernfeld >

Der Selbstquäler

Eduard Bauernfeld: Der Selbstquäler - Kapitel 3
Quellenangabe
typecomedy
booktitleGesammelte Schriften Band 4
authorEduard v. Bauernfeld
firstpub1837
year1871
publisherWilhelm Braumüller
addressWien
titleDer Selbstquäler
pages131-240
created20060806
sendergerd.bouillon
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Zweiter Act.

(Saal im Hôtel Malrepos.)

Erste Scene.

Malrepos. Dubois.

Dubois (liest aus einem Zettel).
»Dazu das kleine Fäßchen Malaga;
Madeira fünfzig Flaschen, und Champagner-
Bouteillen sechs – sechshundert – macht im Ganzen
Achttausend sechzig Franken.« – Für drei Tage
Ist das genug getrunken.

Malrepos.                           Wenn's den Gästen
Nur mundete.

Dubois.               Es hatte so den Anschein.
Das war ein Saus und Braus und ein Betragen!
Doch freilich, wenn das Frühstück durch ein zweites
Sich mit dem Mittagmahl verbindet, und
Mittelst der Vesper übergeht in's Nachtmahl,
Da läßt sich etwas leisten! Nun, es waren
Die allerfeinsten Leute doch beisammen,
Wenn man auf Namen ging; doch wenn man sie
Nur reden hört' und sah – sehr zweifelhafte;
Ich sag' Euch, Herr, es gab da Virtuosen,
Die keine der fünf Mahlzeiten versäumten,
Sie hätten auch die sechste mitgenommen,
Wenn sie gleich kaum mehr fünfe zählen konnten;
Und, Herr, – ich sah's mit Augen, könnt mir's glauben –
Biscuit und Backwerk führte der und Jener
Mit beiden Händen in die Taschen ein,
Daß er an Umfang plötzlich sichtbar zunahm;
Doch im Gedränge ward das ausgeglichen,
Und unser Mann kam wieder dünn und mager,
Mit einem Füllsel feuchter Süßigkeiten
Und mit verdorb'nem Seidenrock nach Hause.

Malrepos. Je mehr sie Blößen geben, desto besser!
Die Rohheit, die im Grunde doch der Kern
Der Meisten ist, kommt irgend wann zu Tage.
Das Fest hat sich nach meinem Wunsch gestaltet;
Sie loben die Verschwendung und den Glanz,
Der Hausfrau Schönheit und des Wirths Benehmen,
Und schämen sich im Stillen, daß so Mancher
Aus ihrem Kreis im schlimmsten Licht sich zeigte.
Mir konnte nichts erwünschter sein als das!

Dubois. Zuletzt ist's um die feinen Weine schade,
Sie hätten auch im Krätzer sich betrunken.

Zweite Scene.

Vorige. Annette.

Annette. Mein lieber Mann –

Malrepos.                             Dubois!

Dubois.                                             Herr?

Annette.                                                     Guten Morgen.

Malrepos. Guten Morgen. – Dubois, zahle diese Rechnung.

Dubois. Sehr wohl.

Malrepos.               Bestelle mir den Lieferanten.

Dubois. Ist denn das Wesen noch nicht aus?

Malrepos.                                                   Ich will
Noch ein'ge Wochen in Paris verweilen,
Und mich mit guten Freunden erst erfreu'n,
Da muß denn Küch' und Keller Vorrath haben.

Annette. Darf ich denn nicht besorgen –?

Malrepos.                                               Nein, ich danke. –
Thu' nur, wie ich befahl. Geh' jetzt, mein Alter.

Dubois. Ich küsse meiner gnädigen Frau die Hände. (Ab.)

Dritte Scene.

Malrepos. Annette.

Annette. Mein bester Mann –

Malrepos.                             Madame, ich habe Sie
In diesen Tagen kaum allein gesprochen;
Vorbei sind die Zerstreuungen und Feste,
Die meinem Stand' ich schuldig war zu geben;
Nun soll ein stilles und ein häuslich Dasein
Beginnen, das wir bald vertauschen werden
Mit ländlich ungestörter Einsamkeit.

Annette. Das stimmt mit meiner Neigung ganz zusammen.

Malrepos. Mein Stammschloß wird mein fester Wohnort sein,
Von wo aus ich mein weites Land regiere;
Bedeutend ist mein Wirkungskreis, auch schwierig,
Und fordert meines Tages meiste Zeit;
Oft werden kleine Reisen mich entfernen,
Wo Ihnen dann des Hauses Hut und Leitung
Ganz überlassen bleibt.

Annette.                             Ich werde mich bemüh'n,
In allen Dingen Ihren Sinn zu treffen.

Malrepos. Sie dürfen nur nach meiner Vorschrift handeln.
Doch wünscht' ich, daß Sie sich vor Augen hielten,
Wie meinen Willen ich gewohnt bin, stets
Befolgt zu seh'n; ich kann das fordern, weil ich
Das Beste will, und weil ich dieses Beste
Mit Kraft und Umsicht zu erreichen weiß.

Annette. Wie Jedermann Sie ehrt, bin ich gewiß
Die Letzte nicht, die Ihren Werth erkennt.

Malrepos. Ich danke sehr für Ihre gute Meinung,
Doch möcht' ich Sie vor Allem jetzt auf Eines
Aufmerksam machen: Sie sind meine Frau;
Sie haben einen Bruder, eine Schwester,
An denen Sie, wie recht und billig, hängen,
Und die ich selbst nach ihrem Werthe schätze;
Doch soll der Schwager und die Schwägerin
In meinem Haus das Regiment nicht führen;
Sie sollen mir die liebsten Gäste sein,
Doch ich allein nur habe zu befehlen,
Und bitten muß ich meine Frau, daß sie
Die Liebe zu Verwandten nicht verleite,
Sich irgend etwa gegen mich zu stellen;
Kurz, daß ich's in Ein Wort zusammen fasse:
Ich ford're, klingt's auch hart, von meinem Weibe –
Gehorsam.

Annette (etwas betroffen).   Das versprech' ich –

Malrepos.                                                       Und das hoff' ich.

Vierte Scene.

Vorige. St. Amand. Celine.

St. Amand. Mein lieber Schwager –

Celine.                                           Meine gute Schwester –

Malrepos. Willkommen Beide! – Nun, Celine, sind Sie
Bereit, Gesellschaft meiner Frau zu leisten?

Celine. Ich kam mit Sack und Pack just angefahren,
Und wollt Ihr mich behalten, bleib' ich da.

Annette. Wie bin ich meinem Gatten dankbar, daß er
Die munt're Schwester mir zur Seite läßt!
Komm' nur, Celine, denn Dein Zimmer ist
Bereit, recht hell und heiter, neben meinem.

Malrepos. Das Zimmer meinen Sie?

Annette.                                         Meinen Sie nicht?

Malrepos. Nun ja! Doch ist's nicht passend –

Annette.                                                       Wie Sie wünschen.

Malrepos. Nein, nein, Sie mögen da nach Laune walten!
Sie sind ja Frau im Hause.

Annette.                                 Nun, so komm',
Mein Schwesterchen, und theile meine Herrschaft
In meinem kleinen Reich.

Celine.                                   Ich will Dir gern
Regieren helfen über Mann und Maus.

(Beide ab.)

Fünfte Scene.

Malrepos. St. Amand.

St. Amand. Die Beiden werden künftig schwer sich missen.

Malrepos. Wer finden will, muß auch verlieren lernen.
Doch sagen Sie, wo bleibt denn jener Freier,
Der um Annetten warb, der mit Celinen
Sich jetzt abfinden soll?

St. Amand.                         Gesteh' ich's nur:
Der Freiersmann war aus der Luft gegriffen.

Malrepos. Wie?

St. Amand.       Ihre Liebe für Annetten sah ich,
Und so ersann ich diese kleine List,
Die auch zum Ziele rasch geführt.

Malrepos.                                         So, so!
Es warb mithin kein Mann um Anna?

St. Amand.                                           Keiner.

Malrepos. Noch dachte sie an Heirath?

St. Amand.                                         Nie.

Malrepos.                                                   So, so! –
Der Freundschaft kann ich diesen Streich verzeih'n,
Nicht Ihrer Schwester, nahm sie Theil daran.

St. Amand. Mein Wort: Die Schwester ahnte nichts davon,
Sie ist zu scheu, zu furchtsam für Intrigue;
Ich wette, wußte sie den Plan, sie hätte
Nie eingewilligt, Ihre Frau zu werden.

Malrepos. Gut, gut! Sie ist, wie sie sein soll; auch möcht' ich
Ein ränkevolles Weib um keinen Preis.

St. Amand. Der Meinung bin ich auch.

Sechste Scene.

Vorige. Annette. Celine. Dann Dubois.

Celine.                                                 Da sind wir wieder.
Herr Schwager, ich logire wie ein Prinz.

Malrepos. Es freut mich sehr, wenn Sie zufrieden sind.

Dubois (auftretend).
Der Herr Marquis und die Marquise d'Aubusson
De la Feuillade wünschen aufzuwarten.

Malrepos. Schon wiederum Besuch!

Celine.                                             O das ist köstlich!
Weißt Du? Sie war da Eine – Eine – kurz,
Ein armes Ding mit ellenlangem Namen,
Gespreizt und lächerlich; ich bin begierig,
Wie sie als Frau sich macht.

Malrepos.                                 So lassen wir
Von diesen Beiden mit den langen Namen
In's Himmels Namen denn uns ennuiren.

(Dubois ab. Bediente setzen Stühle.)

Siebente Scene.

Vorige. Marquis und Marquise d'Aubusson de la Feuillade.

Marquis. Mein Herr von Malrepos und gnäd'ge Frau –

Die Marquise (umarmt Annetten).
Willkommen, beste Freundin! Sehen Sie,
Wie bald ich schon mir das Vergnügen mache,
Sie zu besuchen?

Annette.                   Sie beehren mich –

(Die Damen setzen sich; die Herren bleiben stehen, lehnen an den Stühlen, diskuriren unter sich u. s. w.)

Die Marquise. Sie sehen wie das Leben aus; der Ehestand
Schlägt Ihnen trefflich an.
(Zu Celinen.)               Was macht mein Fräulein?

Celine. Zu Ihrem Dienst, – Madam, muß ich jetzt sagen,
Da ich Sie sonst schlechtweg Elise nannte.

Die Marquise. Auch Ihre Zeit wird kommen, liebes Kind –

Celine. Wir werden warten, ohne alt zu werden.

Malrepos. Die Frau Marquise kommen uns zuvor;
Da uns're Ehe um zwei Tage älter,
So war es uns're Pflicht, zuerst –

Die Marquise.                                   Mit Freunden
Nimmt man's nicht so genau.

Marquis.                                   Mein liebes Frauchen,
Hast Du nicht kühl?

Die Marquise.               Nein, bester Mann.

Marquis.                                                     Nimm doch
Das Tüchelchen.

Die Marquise.           Meinst Du?

Marquis.                                     Nimm es, mein Engel.

Die Marquise. Dank, süßes Herz.

Annette.                                     Sie bleiben, Frau Marquise,
Den Sommer in Paris?

Die Marquise (lächelnd).     Nein, meine Beste!
Der Adel folgt dem Hofe nach Versailles.
(Zu ihrem Manne leise.)
Die Frage klang nun recht nach der Provinz.
(Zu Annetten.)
Wir werden leider nächstens Sie verlieren,
So wie man hört. (Befühlt Annettens Kleid.)
                            Was ist das für ein Stoff?

Annette. Er kommt aus England.

Die Marquise.                             Einfach, aber schön.

Annette. 's ist ein Geschenk von Herrn von Malrepos.

Die Marquise (zu ihrem Mann).
Mein Schatz, ich wünschte solch ein Kleid zu haben
Zum Negligée. Vergessen Sie nicht d'rauf.

Marquis (nimmt die Schreibtafel).
Ich will es mir sogleich notiren, Liebste.

Die Marquise. Nun, meine Herren, keine Neuigkeiten?

St. Amand. Man spricht von neuen Kriegesrüstungen
Gegen die Niederlande.

Die Marquise.                   Lassen wir
Den Krieg! Er klopft doch nicht an uns're Thore.

Marquis. Sehr hübsch bemerkt!

St. Amand.                               Nun, etwas Froheres:
Molière hat ein neues Stück geschrieben.

Celine (zu Annetten).
Das ist etwas für Dich und meinen Schwager.

Die Marquise. Molière? So?

Marquis.                             Wie heißt das Stück?

St. Amand.                                                         Tartuffe.

Marquis. Der ist verboten.

Malrepos.                         Wie? Das wäre schade!

Die Marquise. Das find' ich nicht. Ich wollte, man verböte
Den ganzen Molière.

Malrepos.                       Ei, Frau Marquise!

Die Marquise. Er ist im Grunde doch ein Possenreißer,
Wie auf der Bühne, so in seinen Schriften,
Die von Satyr' und arger Bosheit strotzen,
Und die unschicklich sind bis zum Erröthen.

Malrepos. Er nennt die Dinge bei dem rechten Namen,
Er tunkt die Feder in das Weiß der Wahrheit,
Nicht in die Farbe der gesell'gen Lüge;
Er stellt den Menschen hin und sagt: So ist er,
So nackt, so bloß, so schwach, so reich an Fehlern,
So arm an Mitteln, Fehler los zu werden:
Das malt er frei und heiter – und wir lachen.
Doch faßt er auch des Menschen edle Seite
Mit reinem Sinn und mildem Geiste auf,
Und würdigt nicht mit trostlos bitt'rem Witz
Das Göttliche herab zur Thiergestalt;
Er fühlt die schöne Menschheit warm, im Ganzen,
D'rum klingt sein Spott des Einzelnen so lieblich.
Er ist der Dichter der Humanität:
Vivat Molière! Der größte Mann der Zeit!

Annette (die aufgestanden, ergreift seine Hand).
Sie haben aus der Seele mir gesprochen.

Malrepos (mit Zurückhaltung).
Vergessen Sie doch uns're Gäste nicht!

(Annette setzt sich wieder.)

Die Marquise. Ein großer Mann und ein Komödienspieler!

Marquis. Groß, und er macht uns alle lächerlich:
Den Bürger wie den Edelmann, die Besten!
Ich weiß nicht, wie des Königs Majestät
An solchem Spötter ein Behagen findet.

Malrepos. Vielleicht, weil er vor seinem Spotte sicher. –
Nun, Herr Marquis, wie steht's mit unserm Handel?
Die Pferde, die Sie mir verkaufen wollten –

Die Marquise. Die Pferde?

Marquis.                           Ja, die Pferde! Wissen Sie,
Mein Täubchen? Uns're Falben.

Die Marquise.                                 Meine Falben?
Schon gut!

Marquis.         Sind Sie damit nicht einverstanden?

Die Marquise. Der böse Mann! Er weiß, daß mir die Falben
Die liebsten sind.

Marquis.                   Das wußt' ich wirklich nicht.

Die Marquise. So schlimmer, wenn Sie es vergessen haben.

Marquis. Verzeih'n Sie!

Die Marquise.               Nein, ich schmolle.

Marquis (küßt ihr die Hand).                         Nehmen Sie
Die Falben und mich selbst in Gnaden auf.

Die Marquise (schlägt ihn mit dem Fächer).
Strafbarer Mann! Man kann ihm doch nicht zürnen.

Marquis (zu Malrepos).
Es thut mir leid, mein Freund, allein die Pferde –

Malrepos. Verdienen gold'nes Futter, denn sie gaben
Anlaß zu rührend zarter Ehstandsscene.

Marquis. Ja, uns're Zärtlichkeit ist ohne Gränzen.

Die Marquise. Mein liebes Männchen trägt mich auf den Händen.

Marquis. Ich habe keinen Willen als den Ihren.

Die Marquise. Und ich will nur, was Ihnen Freude macht.

Marquis. Sie pressen mir die Thränen in die Augen.

Die Marquise. Ich bin bereit, sie Ihnen abzutrocknen.

Marquis (umarmt sie).
O welche Süßigkeit liegt in der Ehe!

Die Marquise. Gemach! Sie ruiniren mir das Kleid!
(Steht auf.)
Allein wir fallen schon zu lange lästig –
Ich hoffe Sie recht bald bei mir zu seh'n.

Annette. Wenn mein Gemahl –

Die Marquise.                         Und auch das liebe Fräulein.

Celine (ironisch demüthig).
Wenn, gnädige Marquise, Sie erlauben –

Die Marquise (umarmt Annette).
Auf Wiedersehen, meine beste Freundin!
(Zu ihrem Manne.)
Sie ist noch alberner seit ihrer Heirath. –
Ich küsse Sie. (Zu ihrem Mann.)
                      Und welch' ein Glück sie macht!
Den reichsten Mann im Land! (Sich empfehlend.)
                                              Von Malrepos –
Herr Capitän – (Zu ihrem Mann.)
                      Mein Bester, legen Sie
Den Kragen mir zurecht. Wie ungeschickt! –
Adieu, Adieu! Und halten Sie Ihr Wort.

Marquis. Den beiden Damen leg' ich mich zu Füßen –

Die Marquise. Sie werden niemals fertig! Soll ich warten?

Marquis. Ich bin schon da, mein Engel! Ganz Ergeb'ner –

(Beide ab.)

Achte Scene.

Malrepos. St. Amand. Annette. Celine.

Malrepos. Herr Marquis d'Aubusson de la Feuillade,
Und Frau Marquise d'Aubusson de la Feuillade –
Hol' Euch der Teufel, Beide!

St. Amand.                                 Solch ein Völkchen
Bringt fast die Eh' um den Credit.

Celine.                                             Warum?
Der Mann ist etwas schwach, allein die Frau
Hat ihre besten Tage, und das ist
Am Ende doch das Wichtigste. Mir wäre
Ein ähnliches Verhältniß ganz genehm.

Annette. Ich weiß nicht – doch mich dünkt, man müßte sich
Solch eines Gatten schämen.

Malrepos.                                 St. Amand,
Sie bleiben doch zu Tisch?

St. Amand.                             Recht gern, allein
Ich habe nahebei noch ein Geschäft.
Bald bin ich wieder da. Leb' wohl, Annette.

Celine. Komm', Bruder, ich geleite Dich. Auch will ich
Nach meinen Sachen seh'n und Ordnung machen.

(Beide ab.)

Neunte Scene.

Malrepos. Annette.

Malrepos. Es ist ein heit'rer Frühlingstag; ich will
Spazieren gehen.

Annette.                   Darf ich Sie begleiten?

Malrepos. Ich denke, ein Spazierritt taugt mir besser.

Annette. Nun, wie Sie wollen.

Malrepos (für sich).                 Das sieht aus, wie Trotz! –
Was thun Sie da?

Annette.                   Ich geh' an meine Arbeit.

Malrepos. Lassen Sie das! – Sie haben also wirklich
Die Schwester neben sich quartiert?

Annette.                                               So hab' ich.

Malrepos. Damit die Herzen sich nach Lust ergießen?

Annette. Die Schwester nenn' ich meine liebste Freundin.

Malrepos. In deren Busen man die Klagen schüttet!

Annette. Worüber sollt' ich klagen?

Malrepos.                                     Ihr Herr Bruder
Zeigt eine sehr geheimnißvolle Miene.

Annette. Ich wüßte nicht –

Malrepos.                         Ich aber weiß. Sie warfen
Sich Blicke zu, er und Celine.

Annette.                                     Blicke?

Malrepos. Auch Sie, Madame.

Annette.                                 Mein Gemahl, Sie irren.

Malrepos. Bin ich denn ein Tirann, ein Wütherich,
'Gen den man sich verschwört?

Annette.                                       Wer denkt daran?

Malrepos. Ich hab' es gern, daß man mir offen rede,
Dann seh' ich meine Fehler ein.

Annette.                                       Ich weiß nicht,
Daß Bruder oder Schwester sich geäußert.

Malrepos. Das Schweigen ist oft ein beredter Tadel.

Annette. Es schweigt auch, wer den Tadel nicht verdient.
(Macht sich wieder bei der Arbeit zu thun.)

Malrepos (nachdem er auf und ab gegangen).
Madame, ich kann den Trotz nicht wohl vertragen;
Sie haben etwas gegen mich – wohlan!
Verleih'n Sie Worte Ihrem stillen Vorwurf;
Ich will mich, wenn es sein muß, ändern, bessern.

Annette. Ist es denn möglich, und sind Sie derselbe,
Der eben so begeistert, edel sprach,
Der nun den Ton zu solcher Härte zwingt?
Was hab' ich, was nur irgend denn verbrochen,
Was mir mit Recht so rauhe Worte zuzieht?

Malrepos. Ihr Bruder hat Sie anders mir geschildert.

Annette. Nun, was verlangen Sie von mir? Es soll
Gewohnheit, Neigung, innerste Natur,
Die unser Denken, unser Thun bestimmen,
Nicht fürder mehr mich leiten und regieren,
Wenn Sie mich anders wollen, als ich bin.
Ich will der Thon sein, seien Sie der Bildner,
Der liebend seines Geistes Mal ihm aufdrückt;
Gebieten Sie, mir soll gehorchen Freude,
Und Sie zufrieden stellen, Wonne sein.

Malrepos. So was ist leicht gesagt!

Annette.                                       Nein, leicht gethan,
Wenn es gesagt ist, aber schwer gesagt.
O, werfen Sie den finstern Argwohn weg,
Versuchen Sie's in Güte nur mit mir,
Sie werden seh'n, daß dies die Sprach' ist, die
Mein Herz versteht.

Malrepos.                     Ich will errathen sein.

Annette (mit halb unterdrückten Thränen).
Ich werde mich bestreben – glücklich schätzen –
Mir Ihre Achtung, Neigung zu verdienen.

Malrepos (unruhig).
Es war ja nicht so schlimm gemeint –

Annette (wieder gefaßt).                           Gewiß nicht.
Auch maß' ich mir kein Urtheil an.

Malrepos.                                         Sie gehen?

Annette. Im Hause nachzusehen und zu ordnen.

Malrepos. Annette!

Annette.                 Mein Gemahl!

Malrepos.                                     Ihr Bruder kommt
Zu Tisch.

Annette.         Ich weiß.

Malrepos.                     Ich möchte bei der Tafel
Gern muntere Gesichter seh'n.

Annette.                                     Sie kennen
Mich nicht, und d'rum allein mißtrau'n Sie mir!
O möchten Sie mich bald erkennen lernen!

Zehnte Scene.

Vorige. Celine.

Celine. Nun bin ich völlig schon zu Hause, Schwester.

Malrepos. So wie Sie auch zum Haus gehören.

Celine.                                                           Wirklich?
Ich wette, Schwager, wenn ich länger hier bin,
Sind Sie nicht mehr so freundlich mir gesinnt.

Malrepos. Weßhalb?

Celine.                     Ich bin gewohnt, zu commandiren;
Sie aber haben das nicht gern.

Malrepos.                                   Wer weiß!
Von solchem Mund empfängt man gern Befehle.

Celine. Sagt er Dir, Schwester, auch so schöne Dinge?

Malrepos. Annette heischt das nicht.

Celine.                                             Sie irren, Bester!
Die Frau muß wahrlich noch geboren werden,
Die sich nicht gerne hätscheln läßt und schmeicheln. –
Sie wollen gehen?

Malrepos.                 Frische Luft zu schöpfen;
Ein solcher Morgen läßt mich nicht im Zimmer.
Adieu, Celine. (Ab.)

Eilfte Scene.

Annette. Celine.

Annette (für sich).     Und kein Wort für mich!

Celine. Dein Mann ist ganz verändert. Ei, wer hätte
Sich das gedacht! So munter, so behaglich!
Man sieht's ihm an: er fühlt sich glücklich.

Annette.                                                       Meinst Du?

Celine. Ja, so gefällt er mir! Und die Geschenke,
Die er Dir gab! Ein Fürst kann seiner Fürstin
Nichts Schöner's bieten.

Annette.                             Doch sind's nur Geschenke.

Celine. Nur? Perlen, Diamanten –

Annette.                                       Kindertand!

Celine. Was willst Du noch?

Annette.                               Nichts, oder Alles: Liebe!

Celine. Wer so freiwillig spendet, liebt am besten.

Annette. Unschätzbar wäre mir die kleinste Gabe,
Verdankt' ich sie der Regung seines Herzens;
Doch mich beschenkte Zufall nur, nicht Absicht,
Und solche Gaben haben keinen Werth.

Celine. Ich bitt' Euch, distinguirt mir nicht so fein!
Zufall? O käme mir ein solcher Zufall!
Und Absicht? Kann ich mich in Absicht kleiden?
Kann ich die Absicht in die Ohren hängen?
Kurz, seine Absichts-losen Gaben sind
Herrlich und kostbar, und Dein Haustirann
Mir lieber als ein Schäfer, der da schmachtet;
Wollt' er nur oft sich von der Seite zeigen!

Annette. Du sprichst nicht ehrlich und nicht ohne Rückhalt.
Du und der Bruder zeigt mir Beide frohe
Gesichter, doch beklagt Ihr mich im Stillen.
Ja, ja, ich weiß! – Bin ich nicht zu beklagen?
Was bin ich? Seine Frau? Das bin ich nicht;
Des Hauses alter Diener steht ihm näher.
Ich war gefaßt auf Härte, Zorn und Launen,
Auf allen Ungestüm der Leidenschaft,
Doch nicht auf Eines: auf Gleichgültigkeit;
Sie ist der Tod, und alles And're: Leben!
Eh' will ich einsam stehen in der Welt,
Und auf den scharfen Dorn der Armuth treten,
Als mich bequem und üppig halten lassen
Von Einem, der mich neben sich nur duldet.
Bin ich ihm blos Erholung und Zerstreuung?
Bin ich das Hündchen nur, mit dem er spielt?
Ich will nicht wieder mit mir spielen lassen.

Celine. Erstaunt vernehm' ich diese heft'gen Worte
Von meiner sanften Schwester. – Doch ganz recht!
Nicht Alles muß man sich gefallen lassen,
Und wenn ich sag': Nicht Alles, mein' ich: Nichts.
Fahr' ihn nur manchmal an, wie eben mich;
Oder laß mich nur machen! Deinem Quäler
Will ich, wie's Recht ist, die Leviten lesen.

Annette. Nein, eh' verdorre mir die Zung' im Munde,
Eh' meinen Kummer ihm ein Wort verräth.

Celine. Was braucht's da Worte! Weiber reden nicht,
Sie schweigen; das wirkt mehr als tausend Worte.
Man schmollt – man sträubt sich – weigert einen Kuß –
Das ist die offensive Defensive;
Solch' einem negativen Wesen beugt sich
Der positivste Mann. Wär' ich an deiner Stelle,
Ich wollt' ihn bald zu meinen Füßen haben.

Annette. Mein Sinn ist anders! Nicht mit kleinen Künsten
Will ich die freie Neigung mir erzwingen;
Die List hat mit der Liebe keinen Umgang.

Celine. Nun gut! So sei, wie's einer Frau geziemt
In deiner glücklichen, bequemen Lage.
Wozu das ernste, feierliche Wesen?
Dein Sinn ist edel, doch im Grunde heiter;
Gib Acht, daß sich der Grundton nicht verliere!
Ich kann nichts minder leiden, als die Frauen
Mit gravitätischen und ernsten Mienen,
Die ihren Männern immer mit der Würde
Der Weiblichkeit jedwede Schüssel reichen;
Langweilig ist ein solches Ehe-Prachtstück,
Und muß die Männer zur Verzweiflung bringen.
Sei munter, heiter! Einem hübschen Mund,
Der artig lacht, kann Niemand widersteh'n.
Du hast die schönsten Kleider und Juwelen,
Und bleibst doch in dem häuslichen Gewand;
Er glaubt, daß Du verschmähst, was er Dir bot.
Es schmücke sich ein Mädchen für Gesellschaft,
Ein Weib für ihren Mann. Folg' meinem Rathe:
Komm' ihm geputzt entgegen, heiter, froh,
Und glätt' ihm von der Stirn' die düstern Falten
Durch Frohsinn, Scherz, und durch unschuld'ge Possen.
Das ist nicht List, das ist erlaubte Klugheit,
Vergönnter Kunstgriff, ja am Ende Pflicht.

Annette. Was Wahres ist in Deinem Wort.

Celine.                                                   Ich sprach
Noch nie was Klügeres.

Annette.                             Er liebt mich doch vielleicht –

Celine. Ich traue darin gänzlich unserm Bruder.

Annette. Und glaubt der Gute –?

Celine.                                       Daß er Dich vergöttert.

Annette. Vergöttern! Wenn er mich nur nicht verachtet!

Celine. Das wollten wir ihm rathen! Sieh einmal!
Was ist denn wohl an dem Kumpan so Großes,
Daß er von einem bessren Teig sich hält,
Als hier mein kluges – närr'sches Schwesterchen?

Annette (umarmt sie).
Celine, liebe, gute, treue Schwester!

Celine. So willst Du meinen Rath befolgen?

Annette.                                                   Alles!
Du öffnest mir die Augen! Alle Schuld
Lag nur an mir. Es hat mein grämlich Wesen
Den besten Mann verdüstert und verscheucht.

Celine. Ei ja, man wird ihn noch entschuldigen!
Er ist ein Sauertopf – allein wir wissen's,
Und werden wohl mit ihm noch fertig werden.

Annette. Wenn er nur sieht, nur glaubt, daß ich ihn liebe!

Celine. Was man sich Mühe gibt für diese Männer,
Und ob von tausend Einer es verdient!

Zwölfte Scene.

Vorige. Dubois.

Dubois. Mein Fräulein, dieser Brief –

Celine.                                             Gib her, Dubois!
Das ist die Hand der Gräfin Liancourt.
Richtig! Für diesen Abend eingeladen.

Annette. Du scheinst erfreut?

Celine.                                 Es kommt mir sehr zu Paß.
Denn im Vertrau'n: ein zärtlicher Verehrer
Wird sich dort blicken lassen.

Annette.                                     Ist's der Ritter
Delorges?

Celine.           Allerdings.

Annette.                         Mir scheint, Celine,
Der Mann hat ernste Absicht.

Celine.                                       Und ich habe
Auch keine spassige!

Annette.                         Das gibt am Ende –

Celine. Ein Paar, wenn's mir beliebt. Ich weiß noch nicht.

Annette (droht mit dem Finger).
Schwester!

Celine.             Ich weiß es, was Du sagen willst:
Du hältst mich für zu flüchtig – glaub' es nicht!
Oft birgt die laute Zung' ein scheues Herz;
So fühl' ich tiefer, als ich scheinen mag. –
Dubois, ich will sogleich die Antwort schreiben –
Vergiß nicht, Schwester, was wir abgeredet. (Ab.)

Dreizehnte Scene.

Annette. Dubois.

Annette. Dubois!

Dubois.               Befehlen?

Annette.                             Ist mein Mann im Garten?

Dubois. Nein, er ist ausgeritten.

Annette.                                   Gut, schon gut.
(Für sich.)
Ja, ja. Celine hat ganz Recht. Ich will
Mich künftig anders zeigen.

Dubois (geht, kehrt um).               Gnäd'ge Frau –

Annette. Was wollt Ihr, lieber Alter?

Dubois.                                           Sie verzeih'n –
Ich bin ein alter Diener dieses Hauses;
Ich habe meinen Herrn erziehen helfen,
Vielmehr verziehen, denn das muß man sagen:
In seiner Jugend war er ganz verwildert.
Streng war der Vater, ja beinahe grausam,
Die Mutter hatte keine Stimm' im Hause,
Ich war des tollen Jungen einz'ge Stütze.
Das war ein wilder Bursch! Dem war kein Baum
Zu hoch, kein Fels zu steil, kein Fluß zu reißend,
Setzt' er den Kopf auf, mußt' er d'rauf und d'rüber,
Als hätt' er zwanzig Leben zu verlieren.
Der Vater – nun, Gott hab' den Herren selig! –
Der strenge Vater straft' ihn unbarmherzig.
Kein Mensch wird groß gezogen ohne Schläge –
Doch wenn die Menschen strafen, soll nicht Rache
Und Zorn die Hand regieren, sondern Güte,
Daß wir den Andern leiten oder bessern.
Verzeihen Sie! Ich schwatze da –

Annette.                                           Nur zu!
Ich hör' Euch gern. – Es war ein wilder Knabe?

Dubois. Unbändig, wild, verwegen – kurz, ein Satan.
So wuchs er auf, und ward in jungen Jahren
Nach unsers Herren Tod sein eig'ner Herr.
Da bracht' er einst von seinen Wanderungen
In die Gebirg' und Klüfte einen Klausner
Mit sich nach Hause – oder was es war,
Kurz, so ein Langerock und Langebart;
Das aber war ein köstlich alter Herr,
Sprach wie ein Buch, war fromm und gut dabei,
Und immer froh, obwohl er nichts besaß
Als seinen langen Rock und langen Bart.
Den Alten nun behielt der Herr bei sich
Auf unserm Schloß, und zog ihn an den Tisch.
Da saßen sie im Winter bei einander,
Und lasen Bücher, die der Herr verschrieb;
Und wo ein Zweifel war, da war der Langbart
Flugs bei der Hand, wußt' Alles zu erklären;
Sie machten über Gott und Welt und Menschen
Ein unverständlich wunderlich Gewäsch,
Bisweilen aber klang es klug und sinnreich –
Ich denk', sie nannten das Philosophie.
Nun gut! So ging das länger als ein Jahr.
Der Herr – der Euch ein Herr ist, wie's nur wenig
Mag geben auf der weiten Gotteswelt –
Der Herr war in den Alten ganz verliebt;
Doch hatt' ihm der auch recht in's Herz gegriffen,
Ihm jeden Fehler kräftig vorgehalten;
Da ward der wilde Jüngling wie ein Lamm,
Obschon er wiederum gelegentlich
Jähzornig brauste – nun, ein Mensch bleibt Mensch,
Und was ein Bär ist, brummt, und lernt nicht singen.
So viel ist sicher: unser Herr verdankt
Dem guten Alten, was er weiß und ist,
Denn Alles Gute, was in ihm geschlummert –
Es ist nicht wenig – wußte der zu wecken.
Doch wie nichts lange währt auf dieser Welt,
Am wenigsten ein alter, schwacher Mann,
So ging's auch hier. Der gute Alte starb –
Drei Jahre sind's, am zwölften – das ist heute!
Heut' ist der Jahrestag – du guter Alter! –
Wir weinten Alle – doch der Herr am meisten –
Und einen prächt'gen Denkstein setzt' er ihm –
Sie werden bald ihn auf dem Schlosse seh'n –
So liegt der Graubart, der im Leben selbst
Kaum einen ganzen Rock zu tragen hatte,
Nun unter einer kostbar'n Marmorhülle.
(Trocknet die Augen.)

Annette. Dein weiser alter Mann gefällt mir sehr.
Allein Dein Herr –

Dubois.                       Mein Herr! Der war nun wieder
Allein und einsam, zankte wie gewöhnlich,
Und that den Leuten unterm Zanken Gutes.
Er stellte sein verfall'nes Stammschloß her,
Reiste im Land herum, war hier und dort,
Rieth, half, und leitete, erbaute Schulen;
Er machte Menschen aus den Unterthanen;
Und während ihn die Nachbarn rings verschrie'n
Als hart und roh, und grausam und tirannisch,
Ward er von all' den Seinen laut gesegnet.
Das war nun Alles gut, allein der Herr
Hatte bei alledem noch keine Freude.
Es ging ihm etwas ab. Er klagte immer
Um seinen Graubart; bis ich einmal sagte –
Ich nahm mir manchmal was heraus, und durft' es –
Ei, Herr, Ihr seid so klug als wie der Alte,
Dabei in voller Manneskraft, und reich –
Was führt Ihr Euch kein Fräulein heim als Frau,
Daß uns're alte Burg lebendig werde? –
Doch wild schnob er mich an: Geschwätz'ger Dummkopf –
Denn solche saub're Ehrentitel führt' er
Schockweis zu häuslichem Gebrauch mit sich –
Ich eine Frau? Ich dächte gar! Die Dirnen
Sind – mit Verlaub – nicht einen Heller werth;
Mir soll kein Weib auf hundert Schritte nah'n. –
So sagt' er – aber dachte ganz was And'res;
Denn längst ging er geheim schon auf die Freite,
Das wußt' ich und d'rum wagt' ich jenes Wort.
Doch welch ein eckler Freier war mein Herr!
Kein Mädchen in der Runde war ihm recht,
Und ob sie Alle gleich nach ihm geangelt,
Macht' er sich weiß, sie hätten ihn verschmäht;
Darüber wuchs Euch seine üble Laune
Denn immer hübscher, fetter sich heraus,
Bis er beschloß, zum Wechsel, oder auch
Aus andern Gründen, nach Paris zu geh'n.
Hier lernt' er nun Sie und das Fräulein kennen – –
(Schlägt sich an die Stirne.)
Doch schwatz' ich da ein Langes und ein Breites,
Und jetzt erst merk' ich's, nach den vielen Worten:
Hier hätt' ich eigentlich anfangen sollen.

Annette. Nicht doch, mein Alter! Alles war mir wichtig,
Was von des Gatten Jugend Du erzählt.

Dubois. 's ist freilich wahr, Sie kennen ihn zu wenig,
Man lernt ihn auch in Monaten nicht kennen;
Der hat es hier – allein zum Glück auch hier.
(Hinter die Ohren und auf die Brust deutend.)
Nun dacht' ich gleich, wie er zum ersten Mal
In Ihrem Hause war, und mir erzählte –
Denn mir vertraut er eben Alles an –
Holla! Das muß was Extra-Feines sein!
Und richtig! Richtig! Extra-Super-Fein!
Verzeih'n Sie, gnäd'ge Frau! (Lacht über seinen Witz.)

Annette.                                   Es freut mich, wenn
Ich Dir gefalle.

Dubois.                 Ei, das Fräulein auch!
Das immer lacht und voller Schnacken ist,
Doch Sie – wie soll ich sagen! sind so recht –
Recht eine gnäd'ge Frau.

Annette.                               Ist das ein Lob?

Dubois. Ich meine, gnädig – heißt das: lieb und gut.
Allein, um wieder auf den Herr zu kommen:
Der will nun auch, so scheint es, gnädig werden;
Seit er Sie Beide kennt – das ist nun doch
Geraume Zeit schon – ward er sanft und mild;
Nur einmal hatt' er sich vergessen, wollte
Den vorigen Hauswirth über's Fenster werfen,
Doch hatte jener Schuft es fast verdient.
Wie sanft er ward, muß ich am besten wissen!
Seit vierzehn Tagen sagt er mir kein Schimpfwort;
Solch eine lange Pause war noch nie,
Selbst in den Zeiten der Philosophie.
Ich war es ordentlich gewohnt, und machte
Ihm dieß und das mit Fleiß verkehrt, doch konnt' ich
Ihn kaum zu einem: »Gib doch Acht!« bewegen,
Ein »Dummkopf« aber ließ sich nicht erpressen.
Das war mir lieb, doch macht es mich auch bange,
Ich dachte so: Ich stand dem Herren früher
Am nächsten; recht und billig find' ich es,
Daß meinen Platz jetzt die Gemahlin einnimmt,
Allein wenn er sein zartes Frauchen liebt,
So wird er auch – ich kenn' ihn – seinen Zorn
Und seine Launen sie verspüren lassen.

Annette. Er soll mir zürnen? Hätt' er Grund dazu?

Dubois. Was braucht's da Grund? Sein Zorn, das ist sein Grund.
Nun, unser Eins kann einen Puff ertragen,
Doch eine zarte Frau – das ist ein And'res!
D'rum wollt' ich mir erlauben, Sie zu warnen,
Sie informiren gleichsam, und im Voraus
Für meinen Herrn Sie um Vergebung bitten,
Sollt' er ein bischen gröblich werden – wenn's
Nicht schon geschehen ist –

Annette.                                   Was fällt Euch ein!
Ich bin mit Euerm Herren ganz zufrieden.

Dubois. Trau'n Sie dem schönen Wetter im Gebirg nicht!
Die Wolken ziehen plötzlich sich zusammen,
Und der Spektakel, donnert's dort, wird groß.
Nun, wie gesagt, der Herr hat viele Fehler,
Doch wer ihn so im Ganzen kennt, wie ich,
Der wird ihn auch mit seinen Fehlern lieben,
Wie ich für ihn denn durch die Hölle ginge.
Verzeihen Sie, daß ich, gemeiner Mann,
Es wagte, Sie, die seine Frau, zu mahnen,
Doch war's aus Liebe für den Herrn, für Sie,
Gut war's gemeint, und darum nichts für ungut.

Annette. Mein guter Dubois. so ein treuer Diener
Wie Du, ist mehr als Diener, ist ein Freund.
Nimm meine Hand –

Dubois.                           Die ich ergebenst küsse.
O welche zarte, kleine, weiche Hand!
Wem solch' ein Händchen schmeichelt, ei, der muß
Zum Lamme werden, wär' er sonst ein Wolf.
Nun, Gott befohlen, meine gnäd'ge Frau!
Und wenn's einmal, wie glaublich, donnern sollte,
Erschrecken Sie nur nicht: 's ist blinder Lärm,
Und wird's zu arg, so komm' ich als Succurs.
Der Herr muß nach und nach doch mürbe werden:
Erst jener Langbart und Philosophie,
Dann meine Wenigkeit, zuletzt ein Engel – Sie! (Ab.)

Vierzehnte Scene.

Annette (allein).
Ein Mann, der so geliebt wird von dem Diener,
Der liebte in der Frau nur eine Magd?
Unmöglich! Nein! Wenn er sein Herz vor mir
Bisher verschloß, so war es meine Schuld.
Ja, ja, so ist's! Wie war ich stolz und eitel!
Ich dachte, solchen Mann zu ändern. Aendern!
Was hab' ich denn, was ich ihm geben könnte?
Es war ein kindisch lächerlicher Vorsatz.
Und wie der Mensch durch die Erscheinung wirkt,
Und ohne Worte sich sein Wesen ausdrückt,
So hat er meine Absicht wohl errathen,
Die ich geheim hielt – und das macht ihn launisch.
Ja, Schwester, Du hast Recht. Ihn zu zerstreuen
Und zu erheitern gilt's, nicht ihn zu bessern.
Wie ist die Angst, die Sorge nun verschwunden!
Wie bin ich nun auf Einmal wieder heiter!
O Du, mein theurer, mein geliebter Gatte,
Du sollst erkennen, welche Glut der Liebe
In meinem Busen brennt, und wie ich Dich
Im Herzen meines Herzens trage! (Ab.)

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