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Der Selbstmörder

Paul Blumenreich: Der Selbstmörder - Kapitel 9
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authorPaul Blumenreich
titleDer Selbstmörder
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Es war im allerersten Frühling. Im Tiergarten zeigte sich an geschützten Stellen das allererste Grün. Auch der Korso der eleganten Welt hatte begonnen: man führte die ersten lichten Toiletten spazieren; Reihen von Equipagen, Reitern, Bonnen mit Kindern, genug, das allbekannte Saisonbild, wie es in der Großstadt das Erwachen des Frühlings bezeichnet.

Josepha Hilmar hatte einen Besuch bei Verwandten in der Luisenstadt zu machen und zum ersten Male die Trauer abgelegt. Zwar war sie nicht förmlich mit Karl verlobt gewesen, also auch nicht förmlich zur tiefen Trauer verpflichtet gewesen; aber den ganzen Winter hindurch hatte sie sich doch aller Vergnügungen enthalten und nur dunkle Kleider getragen, wenn auch nicht mit der ganzen Strenge, welche sonst die tiefe Trauer nach einem Todesfall auszeichnet.

Heute trug sie ein zartes, hellgraues Promenadenkleid, einen weißen Filzhut mit weißen Federn, die sie zu ihrem dunklen Haar sehr gut kleideten.

Als sie das Haus verließ, war Armin ihr entgegengetreten und erbat von ihr die Erlaubnis, sie abholen zu dürfen.

Papa sei damit einverstanden, es sei ja auch ein weiter Weg. Sie sagte nicht nein und bestellte ihn um sieben Uhr.

Natürlich, als sie Punkt sieben herunter kam, stand er schon vor der Tür, einen Strauß von Veilchen und Maiglöckchen in der Hand.

Wie sie sich freute! Ach, sie hatte sich schon gefreut, als sie noch oben in der Stube saß und die Erzählungen ihrer drei Cousinen anhörte, über die Eroberungen, welche jene gemacht hatten. Ach, sie machten ihre Eroberungen ohne Ende, nur daß sie dabei ledig blieben.

Da stand Armin stramm und stattlich. Ach, sie hatte ja so genau gewußt, daß er da sein würde; sie glaubte ihm, sie vertraute ihm, er war ja die Zuverlässigkeit selbst.

»Wollen wir nicht durch den Tiergarten gehen?« schlug er ihr vor, nachdem sie das Sträußchen an ihrem Gürtelband befestigt hatte. Natürlich wollte sie.

Nun wanderten sie miteinander zum Brandenburger Tor hinaus, mitten in dem Strom der eleganten, heiteren Spaziergänger. Seit lange, lange fühlte Josepha wieder Jugend und Lebenslust. Das schreckliche Schicksal Karls hatte ja seit Monaten seinen Schatten auf ihr ganzes Leben geworfen. Sie hätte gewiß den Mut gefunden, sich zu freuen, wenn sie es wirklich vermocht hätte. Jetzt aber wuchs wohl das erste Gras auf dem Grabe des Armen, wo immer er auch ausruhen mochte. Die Erinnerung an ihn verblich in dem hellen Frühlingssonnenschein.

Sie erzählte lachend von ihren eroberungssüchtigen Cousinen. Armin hatte sie nie so frei, so heiter gesehen, er lernte sie von einer anderen Seite kennen. Und wie lieblich brach die Heiterkeit hervor aus ihrem sonst ernsten und schüchternen Wesen!

Auch er wurde von dem Frühlingsrausch angesteckt. Er begann sie zu necken, mit ihr zu scherzen, wie er nie bisher gewagt. Wer weiß, wie viel Eroberungen sie schon gemacht, noch machte, sie wollte es nur nicht Wort haben. Aber das war der gefährlichste Typus, die jungen Damen, welche ihre Macht über die Männerherzen verleugneten. Sie kokettiere nur mit den Augen, aber das verstehe sie aus dem Grunde. Nun drückte sie mutwillig die Augen zu und behauptete, so sähe sie doch wohl nicht kokett aus.

Derlei Kindereien trieben sie, und ein drittes, das ihnen zugehört hätte, würde sie wohl recht albern gefunden haben. Aber bekanntlich bedarf die Liebe keiner geistreichen Wendungen, und die beiden liebten einander, ohne es sich selbst einzugestehen. Auch hatten sie heitere Laune und ungebundene Unterhaltung lange genug entbehrt. Es gab ja ein Gespenst im Hause.

So waren sie an die Charlottenburger Chaussee gelangt, von hier links abgegangen und an den großen, von reizvollen, ziemlich einsamen Wegen umsäumten Wasserlauf gelangt. Die Spaziergänger wurden immer spärlicher, das Getöse der großen Fahrstraßen verstummte, hier hörte man die Drosseln schlagen.

Nun wurden die beiden stiller und stiller. Der Frühlingszauber der Natur begann auf die beiden zu wirken. Auch wurde es immer dunkler, und Armin wagte jetzt, Josepha den Arm zu bieten. Errötend nahm sie ihn an, und so schritten sie eine ganze Weile, ohne zu sprechen, weiter. Da auf einmal, ohne daß sie es bemerkten, standen sie vor dem Luisendenkmal.

Die Dunkelheit war nunmehr vollständig hereingebrochen, der Platz war fast ganz einsam. Da stand das hohe Marmorbild, weiß, leuchtend sich von dem dunklen Hintergrunde der Bäume abhebend, und schien ihnen zuzurufen:

»Gedenket!«

Ja, und sie gedachten. Sie gedachten jenes Herbstabends, da sie sich hier zum ersten Male getroffen. Sie glaubte damals Karl zu finden, und sie fand den Fremden, der wie durch eine geheimnisvolle Magie ihr Herz gefangen nahm. Einfältigen Herzens, wie sie war, glaubte sie wirklich an eine Fügung des Himmels. Ja, der gütige Himmel hatte ihr Armin geschickt mit dem Ring und dem letzten Gruß des Verstorbenen. Darum hatte sie sich so vertrauensvoll zu dem neuen Freunde hingeneigt. Ach, und wie sie ihm vertraute!

Und er? Ihm war es wie heute, daß sie damals mit einem Aufschrei an seine Brust geflogen, sich an ihn geschmiegt. Ach, es war zu schön gewesen! Dieser Augenblick hatte entschieden über sein Herz. Wie einer höheren Macht gehorchend, öffnete er die Arme nach ihr.

»O Josepha, meine Josepha! – Es ist genug der Treue gegen einen Toten; länger kann ich nicht schweigen. – Ich liebe Dich über alles, auf Tod und Leben, so wie man eben nur einmal liebt.«

Und wie er die Arme dabei ausbreitete, sank sie mit einem Aufschrei an seine Brust, ganz so wie damals; sie schmiegte sich an ihn, diesmal aber nicht aus Irrtum, nicht weil sie ihn für einen anderen hielt, diesmal war sie frei. Und eine Seligkeit überkam sie alle beide, wie keines von ihnen sie je zuvor gekannt, nicht er in seinem nüchternen Leben der Arbeit und Pflichterfüllung, nicht sie neben einem Manne, der zwar ihr Freund und Jugendgespiele gewesen, dem sich aber ihr innerstes Herz nicht erschlossen hatte.

Das hohe Marmorbild der tugendhaften Königin schien ihnen freundlich zuzusehen, und die Erinnerung an den bleichen Toten mit der blutenden Stirnwunde verschwand und verschwand in weiter, weiter Ferne, in jenes tiefe Dunkel, aus dem, wie der Dichter sagt, kein Wanderer wiederkehrt.

Armin hatte Josepha jetzt auf eine der Bänke in der anstoßenden Allee geleitet. Da saßen sie nebeneinander wieder ganz so wie damals und sprachen sich aus.

Ja, sie hatten dem Toten lange genug die Treue gewahrt, sie wollten nun leben und glücklich sein. Ohne Zweifel würden die Eltern ihren Bund segnen. Armin hatte sich ihnen ja unentbehrlich gemacht, ihr Vertrauen, ja ihre Liebe gewonnen. Kein Zweifel, Papa würde nunmehr dasselbe tun, was er mit Karl beabsichtigt, d. h. bei der Verheiratung den Schwiegersohn zum Teilhaber des Geschäftes machen, was in diesem Falle um so leichter war, da Armin ein kleines Kapital besaß.

Ach, es war ja so schön, und es stimmte alles. Sie hatten nicht den mindesten Grund, um ihre Zukunft besorgt zu sein. Sie jauchzten auf wie Kinder, sie hatten ja so lange jedes Glücksgefühl, jede Regung der Hoffnung unterdrücken müssen, wie hätten sie nun nicht himmelhoch jauchzen sollen.

»Da hast Du meinen Ring,« flüsterte Josepha; »da nimm ihn. Ich habe ihn seither als Andenken an Karl getragen, nunmehr gehört er Dir.«

Und sie schob den Ring mit dem perlenumsäumten Türkis an seinen kleinen Finger; und seltsam, bei dieser Berührung durchschauerte es Armin kalt. Ihm war so seltsam zu Mute wie damals, als Karl ihm den Ring in die Hand gesteckt. Der kleine Goldreif war noch warm von ihrer Hand, Armin hatte das Gefühl, als hauche er etwas wie Todeskälte aus. Indes er unterdrückte diese Regung, er küßte inbrünstig Josephas Hand, die ihm das kostbare Kleinod gegeben, und diese liebe, schmale, warme Hand verscheuchte wieder den Todesschauer aus seinen Adern. Josepha durfte ja auch nicht ahnen, daß er noch immer mit Besorgnis, mit heimlichen Gewissensbissen an den Toten dachte; sie durfte nur die Freude sehen, die er über den Ring empfand.

Aber dennoch, dennoch – immer wieder tauchte aus seinem tiefsten Innern die bange Frage auf:

»Tot?«

Die Eltern waren schon beunruhigt gewesen über das längere Ausbleiben des jungen Paares. Der Tisch war zum Abendessen gedeckt, man wartete. Die unheimliche Erinnerung an jenen Abend, da man Karl vergeblich zum Abendessen erwartet, stieg bei den Eltern auf. Auf jeden Fall war Mama etwas ärgerlich, denn Armin pflegte ja sonst so außerordentlich pünktlich zu sein.

Als nun die beiden erschienen, Hand in Hand, mit glückstrahlenden, zuversichtlichen Mienen, erstarben Vorwürfe, Fragen und Scheltworte auf den Lippen der Eltern. Sie sahen einander an. Es gab eigentlich gar nichts mehr zu fragen, man brauchte ja die beiden nur anzusehen.

Und, wirklich, Josepha entschuldigte sich nicht, sprach gar nicht von der versäumten Abendbrotstunde, sondern fiel ihrer Mutter um den Hals.

»Wir sind, – wir haben, Mama –«

Weiter kam sie nicht; die Bewegung erstickte ihre Stimme. Armin nahm jetzt das Wort:

»Sie werden hoffentlich verzeihen, verehrter Herr und Frau Hilmar, daß sich unsere Herzen heute gefunden haben, bevor wir Ihre Zustimmung einholten. Es kam rascher, als wir es ahnten, kam sozusagen von selbst, wie vom Himmel auf uns herniedergerauscht.«

Mama fand zuerst Worte:

»Nun, ich denke nicht, daß Papa etwas dagegen haben wird. Nur freilich, Herr Bode, Sie hätten uns nicht so überrumpeln sollen. Gemerkt habe ich ja schon lange etwas derartiges, aber da Sie sich immer so musterhaft verhielten, so meinte ich wohl, Sie würden zuerst mit Papa sprechen.«

Papa lächelte ebenfalls zustimmend, ein bestimmtes Wort fand er nicht gleich, denn ein wenig fand er sich doch in seiner Würde beeinträchtigt.

Nun erzählten die beiden jungen Leute, wie sie wirklich gar nichts beabsichtigt hätten als einen Spaziergang in den Tiergarten, sonst weiter gar nichts, und dann war, wie gesagt, alles von selbst gekommen.

Ja, das hatte so sein müssen, das glaubten nun die Eltern selbst. Der blonde Armin erschien auch ihnen wie vom Himmel gesendet, sie gaben ihm gerne und willig ihre Tochter.

Zum ersten Male seit Karls Tode gab es eine fröhliche Stunde im Hause. Ein paar Flaschen edlen alten Weines wurden aus dem Keller geholt. Wieder saß Armin auf dem Platze des seligen Karls, diesmal aber sprach man nicht von dem Verschollenen. Die Gegenwart und die Zukunft behielten ihr Recht.

Man sprach natürlich von nichts anderem als von der Zukunft des jungen Paares, von ihrer Einrichtung, von dem künftigen Heim. Die Hochzeit sollte gegen den Herbst hin stattfinden; man wollte das sogenannte Trauerjahr abwarten, wenn man auch in keiner Weise dazu verpflichtet war. Aber die Einhaltung dieser Förmlichkeit entsprach der ganzen Lebensanschauung der Hilmars. – Sehr gerne hätten sie die Tochter im Hause gehabt, aber sie gönnten dem jungen Paare eine eigene Häuslichkeit. Es sollte also eine kleine Wohnung in der Nähe des Geschäftes und des Elternhauses gemietet werden, und die Mutter, sich schon ganz als glückliche Brautmutter fühlend, malte sich bereits aus, wie alles eingerichtet werde. Ihr strahlender Blick ruhte auf der Tochter, ihrem einzigen Kinde; Josepha als glückliche Braut zu sehen, das war ja der einzige Wunsch ihres Lebens gewesen.

Auch Armin sprach von seinen Eltern, erzählte von seiner Jugend, seinen Lehrjahren. Der warme Strom der Liebe ging von einem zum anderen, sie fühlten sich alle so glücklich wie Kinder nach diesen unsäglich schweren, traurigen Monaten dieses Winters. Es war eine wahrhaft segensvolle Stunde; die Lücke, die der Tod in ihren kleinen Kreis gerissen, war ausgefüllt, Karl war ersetzt. Auch seiner gedachten sie, aber der Vater schloß diese Erinnerungen mit den Worten:

»Kein Mensch ist unersetzlich. Wir wollen liebevoll seiner gedenken, mehr bleibt uns nicht zu tun übrig. Er fehlt uns nicht mehr, das ist einmal Menschenschicksal. Das Leben treibt immer neue Blüten da, wo der bittere Tod gewütet hat.«

Und auch die ganze Firma sollte sich mit freuen. Am folgenden Sonntage gab Herr Hilmar, da das schöne Wetter anhielt, seinem gesamten Personal eine große Landpartie, welche man in mit jungem Grün geschmückten Gesellschaftswagen antrat. Draußen, wo die ersten jungen Sprossen sich mit dem düsteren Grün des märkischen Kiefernwaldes mischten, wurde getanzt und gejubelt. Die verheirateten Bediensteten hatten ihre Frauen und Kinder mitgebracht. Josepha strahlte vor Glück, plauderte mit allen, trank ihnen mit seligem Lächeln zu. Sie war wirklich das Idealbild einer glücklichen Braut.

An diesem freudevollen Tage dachte wohl nur einer an den seligen Karl, und das war Waldenburg. Da gab es schon die zweite Verlobung im Hause, und er war leer ausgegangen. Das war traurig, und er konnte auch gar nicht begreifen, daß niemand Mißtrauen hatte gegen den Eindringling. Aber er, Waldenburg, er bezwang sich. Er war ja Kavalier, er kannte zu gut die gesellschaftlichen Pflichten. Er mußte die Damen unterhalten, und da Josepha von ihrem Bräutigam in Anspruch genommen war, so machte er Frau Hilmar den Hof. Diese war über die Aufmerksamkeiten des jungen Mannes sehr gerührt und sagte zu ihrem Mann:

»Ein netter Mensch, wirklich, der Waldenburg; er muß nächstens auch Gehaltserhöhung haben.« –

Aber nicht lange war es Armin Bode bestimmt, ganz ungestört aus dem Becher der Freude zu trinken. Ein unheimlicher Vorfall, der ihm wenige Tage nach dem Fest im Grunewalde begegnete, warf einen düsteren Schatten auf sein sonniges Glück.

Armin hatte einen Geschäftsgang zu machen in der Gegend des Kurfürstendammes. Dabei erinnerte er sich der Villa Brennus.

»Wie, wenn wir einmal nach dem jungen Brennus fragten?«

Und nachdem sein Geschäft erledigt, machte er sich auch auf den Weg hinaus. Unterwegs sagte er sich, daß er ein rechter Tor sei, weil er den Toten nicht ruhen lasse, seine eigenen Skrupel und Bedenken nicht verscheuchen könne. Aber fast gegen seinen Willen zog ihn das Geheimnis, das Karls Tod umgab, immer und immer wieder in seine Kreise, wie ein Rätsel uns solange plagt und verfolgt, bis wir es gelöst haben. Und das schien ihm noch heute zweifellos, draußen in der Villa Brennus besaß man den Schlüssel zu dem Geheimnis.

Da lag die kleine, reizende Villa hinter der dichten Laubwand. Er klingelte; wieder erschien der weißhaarige Diener.

Armin fragte diesmal gleich nach dem jungen Herrn Brennus. Er, Armin Bode habe gehört, der junge Herr sei anwesend. – Das war eine kleine Notlüge, bestimmt, sein Wiedererscheinen in der Villa zu motivieren.

Der Diener stutzte.

»Ei, wie haben Sie davon erfahren?« –

Der junge Brennus war also anwesend.

»Mein Gott, wie kann Sie das interessieren!« versetzte Armin. »Ich bitte Sie dringend, mich dem jungen Herrn Brennus zu melden.«

»Ich bedaure recht sehr,« entgegnete der alte Diener; »der junge Herr ist augenblicklich nicht zu Hause.«

»Wann wird er zu Hause sein?« fragte Armin ungeduldig.

»Höchstwahrscheinlich gar nicht,« lautete die Antwort, »denn er reist heute abend schon wieder ab.«

»Gut, ich danke Ihnen,« sagte Armin und ging.

Sein Weg war ein vergeblicher gewesen. Kein Zweifel, der junge Brennus ließ sich nicht sprechen, hatte noch immer allen Grund, seine Anwesenheit in Berlin zu verbergen. Wahrscheinlich hing das alles mit Karls Tode zusammen. Aber was sollte man tun? – Er, Armin, hatte keinerlei Recht, in das fremde Haus einzudringen und jenen ihm fernstehenden Menschen etwas zu entreißen, was sie vor den Augen der Welt zu verbergen wünschten. Man mußte also verzichten oder auf eine günstigere Gelegenheit warten.

Trotz dieses traurigen Schlußergebnisses hatte Armin von dem langen Wege Hunger und Durst bekommen. Er trat in eins der eleganten Bierrestaurants in der Nähe des Zoologischen Gartens, ließ sich dort einen kleinen Imbiß und ein Glas Bier geben.

Das Restaurant war in dieser Vormittagsstunde fast leer. Armin blickte in die Wipfel des gegenüberliegenden Parkes und versank in tiefes Sinnen. Es war doch recht sonderbar, daß sein so musterhaft geordnetes, korrekt geführtes Leben von einem solchen Geheimnis beunruhigt wurde, welches ihn vor sich selbst bald schuldig, bald unschuldig erscheinen ließ. Aber er hatte jetzt vollauf das Recht, ja die Pflicht, glücklich zu sein, denn er stand ja nicht mehr allein im Leben, sondern das Schicksal Josephas war mit dem seinen verbunden. Sie durfte er nicht beunruhigen. Uebrigens, war er einmal mit ihr verheiratet, so wollte er auch ganz sein Herz entlasten; das würde ihm dann wohltun. Diese Vorstellung beruhigte ihn, und seine Gedanken wandten sich wieder dem lieblichen Bilde seiner Braut zu. Er schreckte aus seinen Träumen auf, als ein fremder Herr plötzlich an ihn herantrat. Es war ein junger Mann mit dunklem Vollbart und lang herabwallendem dunklen Haupthaar.

»Sie verzeihen, mein Herr, wenn ich Sie störe,« sagte er, »ich möchte mir eine Frage erlauben, die Ihnen wahrscheinlich ungehörig erscheinen wird; ich habe mir auch eine ganze Weile Mühe gegeben sie zu unterdrücken, schließlich aber ist mir die Sache so wichtig, daß ich es wage, Sie zu stören.«

»Bitte, was wünschen Sie?« fragte Armin erstaunt, aber mit der ihm gewohnten Höflichkeit.

»Ich sehe da einen Ring an Ihrem Finger,« sagte der Fremde, – »ich meine hier diesen kleinen Ring mit dem Türkis, der von Perlen eingefaßt ist.«

»Nun, und dieser Ring?« versetzte Armin unbefangen.

»Darf ich wohl fragen, wo Sie ihn gekauft haben?« –

Es war der Ring Josephas.

»Ich habe den Ring nirgends gekauft, mein Herr,« entgegnete Armin, noch immer ganz arglos. »Dieser Ring ist ein Geschenk. Ich könnte zwar sehr leicht erfahren, wo er gekauft ist, aber das wird wohl kaum von Belang für Sie sein, denn es ist ein ganz einfacher Reif ohne irgend welches besondere Merkmal. Ich bin überzeugt, daß es Hunderte seinesgleichen gibt.«

Der Fremde hatte sehr aufmerksam zugehört.

»Sie haben recht, mein Herr, vollkommen recht. Nur erinnerte er mich an einen ganz ähnlichen Reif, den ich besaß und der mir sehr wert war. Ich hatte ihn verloren und zwar unter sehr seltsamen Umständen.«

Bei diesen Worten stutzte Armin. Unter seltsamen Umständen! – Das Wort durchfuhr ihn wie ein elektrischer Schlag. – Bevor er sich jedoch zu fassen vermochte, fuhr der Fremde fort:

»O, entschuldigen Sie doch, ich habe Sie ohne Grund behelligt. Ihrem Ringe fehlt ein Merkmal, das der meinige besaß.«

Armin versetzte erleichtert:

»Eines solchen bedürfte es auch in diesem Falle, denn wie gesagt, solcher Ringe gibt es zu viel, um sie voneinander unterscheiden zu können.«

»Sie haben recht,« entgegnete der andere. »Aber man wird eben manchmal von Erinnerungen, von unausrottbaren Vorstellungen genarrt, die einen nicht loslassen. Nun, ich bitte Sie um Entschuldigung und sage Ihnen besten Dank.«

Er wandte sich zum Gehen. Während er Hut und Stock nahm, warf er noch hin: »Dem Ringe, den ich meinte, fehlte eine kleine Einfassungsperle an der Seite. Guten Tag, mein Herr!«

Armin Bode erwiderte nichts. Er saß stumm und starr, wie versteinert, außer stande, auch nur einen vernünftigen Gedanken zu fassen. Jene kleine Perle hatte auch in seinem Ringe gefehlt, er hatte sie erst kürzlich, zwischen seiner Verlobung und der sonntäglichen Feier neulich, einsetzen lassen.

Jetzt schnellte er empor und stürzte hinaus auf den Kurfürstendamm, barhaupt wie ein Irrsinniger, oder wie ein flüchtiger Dieb rannte Armin Bode, der sonst so Korrekte und Musterhafte, ein Stück Weges, erst gegen das Ufer, dann gegen den Halensee zu. Aber der fremde, bärtige Mann war bereits verschwunden.

*

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