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Der Selbstmörder

Paul Blumenreich: Der Selbstmörder - Kapitel 7
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authorPaul Blumenreich
titleDer Selbstmörder
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»Er ist ein Abenteurer,« rief der kleine Kommis entrüstet. Die anderen stimmten bei.

Abenteuerlich freilich war die Sache, wie der neue Buchhalter hier auf einmal hereingeschneit war. Alle äußerten ihre Meinung zu dem Falle, nur Pauline schwieg. Sie war ein wenig irre geworden in dem festen Glauben, daß Karl noch lebe.

Warum ließ er es so weit kommen? – Wenn er sich irgendwo verborgen hielt, so mußte er doch irgendwelche Kunde haben von diesen Vorgängen, oder er konnte sie doch vermuten.

Da kam eines Tages ein fremder junger Mann und bewarb sich um die freie Stelle eines Buchhalters; angeblich hatte er ganz zufällig davon gehört. Seine Papiere waren in Ordnung, und er wurde engagiert. So war die unheimliche Lücke, die das Verschwinden Karls gerissen, zunächst ausgefüllt. Das Geschäft hatte eine bis zwei Wochen völlig darnieder gelegen, das Notwendigste war vernachlässigt worden; jetzt kam die Sache wieder langsam in den gewohnten Gang.

Der neue Buchhalter erwies sich als tüchtig, bescheiden, liebenswürdig gegen seine neuen Kollegen, aber ein wenig verwunderlich blieb die Sache doch. Wie fand dieser Armin Bode nur gleich den Mut, hier einzudringen und den Platz eines Mannes einzunehmen, der doch noch wiederkommen konnte? Bode war aus der Provinz zugereist, konnte also von dem Unglück im Hause Hilmar nur oberflächliche Kunde haben; jedenfalls spielte hier ein höchst merkwürdiger Zufall mit.

Ganz außer sich war der kleine Kommis, Herr von Waldenburg. Nun war wieder ein junger Mann hier, wieder ein großer, schlanker, hübscher Mann, wieder ein Rivale, und für ihn war es eine so angenehme Stellung gewesen, hier der einzige junge Mann zu sein, wenigstens der einzige, der gesellschaftlich mitzählte.

So hatte Armin, ohne es zu wissen, ohne etwas verschuldet zu haben, von Anfang an einen Feind. Der kleine Mann mit den zierlichen Locken, der tadellosen Halsbinde, den feinen, ganz modernen Parfüms konnte sich in die neue Sachlage gar nicht finden und hörte nicht auf über den Eindringling zu schimpfen. Täglich ersann er neue Kombinationen: Auf der Straße hatte er Josepha gesehen und sich in sie verliebt, sie ausgekundschaftet und, da er den Platz besetzt gefunden, d. h. den Platz neben Josepha, hatte er auf irgend eine Weise Karl Hilmar beiseite gebracht, verführt, vielleicht verlockt, irgend einer Versuchung preisgegeben – wer wußte es?

Josepha, welche seit jenem Unglücksabend das Zimmer gar nicht verlassen hatte, kam jetzt wieder manchmal herunter in das Geschäft. Natürlich behauptete Waldenburg, sie käme wegen Bode herunter. Daß der neue Buchhalter mit verliebten Blicken an ihr hing, das freilich sagten auch die andern; er verfärbte sich auch, wenn sie in das Kontor kam, er, der fleißige, ruhige unentwegte Arbeiter, er ließ die Feder sinken, wenn ihr Kleid ihn streifte; er verrechnete sich, er machte Tintenflecke in das musterhaft geführte Buch, er war wie verzaubert.

Und wirklich, eines Tages brachte es der kleine, eifersüchtige Kommis zu einem offensiven Schritte. Ganz plötzlich trat er auf Bode zu, der ahnungslos Rechnungsbeträge sortierte, fixierte ihn und sagte mit scharfer Betonung:

»Wo glauben Sie denn eigentlich, Herr Bode, daß Karl Hilmar geblieben ist?«

Pauline hob ihren hübschen, blonden Kopf, den sie fast immer gesenkt hielt. Waldenburgs Zwischenbemerkung war doch gar zu sonderbar und auffallend. Es gab auf dieselbe nur zwei Antworten: entweder Herr Bode lachte dem kleinen Kavalier ins Gesicht oder er gab ihm eine Ohrfeige; ein drittes war gar nicht denkbar. Aber trotzdem geschah ein drittes, geschah etwas ganz Unerwartetes. Bode zuckte zusammen, erschrak sichtlich, verfärbte sich und stammelte:

»Wie soll ich's wissen?«

Und mit zitternder Hand raffte er seine Rechnungsbelege zusammen und verschwand hinter dem Glasverschlage des Kontors.

»Habt Ihr's gesehen?« rief Waldenburg laut und triumphierend. »Das ist das Betragen eines Schuldbewußten. Ich wette, daß er von dem Tode des Herrn Karl Hilmar mehr weiß als wir.«

Auch die anderen waren etwas betroffen von dem Zwischenfall, dennoch aber vermahnten sie Waldenburg, den Mund zu halten und sich nicht in so auffallender und verletzender Weise zu betragen.

Pauline lächelte. Auch sie glaubte ja, daß Karl Hilmar noch lebe, und sie hatte seit heute vormittag einen bestimmten Grund dafür. Ganz zufällig hatte sie an dem Kassenschalter ein Stück Zeitung gefunden, in welches irgend etwas, wahrscheinlich ein Buch eingeschlagen gewesen; auf diesem Zeitungspapier hatte sie folgende Anzeige gefunden: »Josepha! Heute abend beim Luisendenkmal zur gewohnten Stunde.«

Es hatte sie bei diesen Worten elektrisch durchzuckt. Diese Worte konnten nur von Karl herrühren. Er lebte irgendwo verborgen und hatte versucht, sich mit seiner Braut in Verbindung zu setzen. Pauline hatte schon zufällig erfahren, daß er sich bisweilen mit Josepha im Tiergarten heimlich getroffen hatte; das junge Paar versuchte das manchmal, um der unaufhörlichen Aufsicht der Eltern zu entrinnen.

Nachdem Pauline diese Zeilen gelesen, hatte sie es versucht, sich mit dem Hausmädchen in Verbindung zu setzen und erfahren, daß Josepha ein einziges Mal seit dem Verschwinden des jungen Herrn das Haus verlassen hatte, und zwar wenige Tage darauf am Abend. Tief verschleiert war sie fortgegangen, sehr aufgeregt, blaß und zitternd zurückgekehrt, ohne – so viel das Mädchen wußte – über den Zweck ihres Ausganges irgend welche Auskunft zu geben. Nur die grobe Aufregung im Hause hatte es ermöglicht, daß dieser Ausgang des Abends nicht bemerkt und von der Mutter nicht weiter gerügt wurde.

Freilich, Pauline mußte sich sagen, daß noch andere Mädchen in Berlin Josepha heißen konnten, aber der Name war gerade hierorts ziemlich selten. Alle Umstände stimmten, und sie zweifelte nicht im geringsten daran, daß Karl das Zeitungsinserat aufgegeben. Er würde eines Tages wiederkommen, dann aber seinen Platz besetzt finden; dann – dann – was dann?

Sie versank in Träume.

Ja, sie hatte gewähnt, von ihm geliebt zu werden. Bevor Josepha, die etwa drei Jahre jünger war als Pauline, aus der Pension gekommen war, hatte er der hübschen Kassiererin offenkundig den Hof gemacht. Auch sie war gerne heiter, und so hatten sie oft zusammen gelacht, gescherzt, waren vergnügt gewesen. Sie waren die beiden lebendigen Spaßmacher zwischen den toten Bronzegruppen. Bisweilen kam der würdevolle Chef aus dem Kontor und verwies die beiden als zu laut; bisweilen wurden die Kunden aufmerksam und blickten entweder verweisend oder auch beifällig nach dem jungen, lachenden Pärchen.

Ach, sie – Pauline – war nur ein armes Mädchen, aber sie war sich ihres Wertes bewußt. Sie war pflichtgetreu, genügsam und hatte überdies eine für ihren Stand ungewöhnliche Bildung genossen; sie konnte arbeiten, dabei immer fröhlich und zufrieden sein; sie hatte Mut, Kraft, Lebenslust, und sie sagte sich, sie war die rechte Frau für diesen Karl, der selbst heiter und lebenslustig war, aber doch des inneren Haltes ein wenig entbehrte. Ja, sie paßten zusammen, das war keine Selbsttäuschung; selbst ihre Feinde, wenn sie welche hatten, mußten das zugeben: Sie waren gleichgesinnte, gleichgeartete Seelen.

Niemand hatte recht begriffen, warum die lebhafte Pauline es so lange an dem Kassenschalter aushielt, dem einförmigsten, unangenehmsten Posten, der sich denken lasse; aber sie wußte, warum sie hier aushielt, sie hoffte, – sie liebte.

Und da kam eines Tages Josepha aus der Pension. Sogleich wandte ihr Karl seine Aufmerksamkeit zu. Es war sicher und nicht schwer zu erkennen, wie sehr die Eltern eine Verbindung zwischen Karl und Josepha wünschten.

Pauline ihrerseits hatte bisher das »Pensionsgänschen« nicht gefürchtet, gar nicht ernst genommen. Und nun erschien auf einmal eine jener madonnenhaften Schönheiten, die ihre Wirkung auf phantasiereiche, junge Männer fast nie verfehlen. Ein zartes, blasses, edel geschnittenes Gesichtchen, mit dunklem Blick, träumerischem Augenaufschlag, scheuem, sanftem Wesen – ganz und gar der Gegensatz zu Pauline, die pikant, lebhaft, ein wenig emanzipiert war. Und Josepha kam, sah und siegte. Karl war bezaubert von dem neuen Eindruck, hingerissen. Dazu kam die verlockend günstige Gelegenheit, sich einmal den Beifall der Alten zu erwerben. Genug, mit traumhafter Schnelle, ebenso rasch wie damals, lag jetzt Karl in den Banden der kleinen Madonna. Er hatte eben, wie stets, dem ersten Eindruck nachgegeben. Josepha war eine junge, zarte, eben aufblühende Schönheit, sie hatte etwas Keusches, Mädchenhaftes, eine wahre Seltenheit unter den modernen Backfischen. Das konnte freilich einen Mann von künstlerischem Sinn, wie Karl, bezaubern: er vernachlässigte Pauline und wandte sich dem neuen Stern zu.

Die arme Kassiererin war anfangs todesunglücklich, aber ihr kräftiges Naturell empörte sich gegen müßige Melancholie; sie tröstete sich. Josepha paßte entschieden nicht zu Karl. Dieses ängstliche, schüchterne, weltunkundige, kleine Pensionsfräulein, das war nicht die rechte Frau für ihn. Gefallen konnte sie ihm, auch eine Leidenschaft in ihm erwecken, aber ihn dauernd fesseln und beglücken, das konnte sie nicht. Das würde, das müßte sich noch zu ihren, Paulinens Gunsten wenden.

So hoffte und harrte das arme Mädchen trotz der bevorstehenden Verlobung in der Familie; sie bemerkte mit dem scharfen Auge der Liebe, was den anderen entging, daß Karl trotz der bevorstehenden Verlobung wechselnden Stimmungen, einer gewissen nervösen Unruhe unterworfen war, daß er keineswegs den Eindruck eines vollkommen glücklichen Menschen machte, und täglich sagte sich Pauline von neuem, es wird noch anders kommen.

Und es kam auch anders, aber doch nicht, wie sie gedacht und geträumt. Eines Tages war er weg, verschwunden, verschollen. Wieder war sie einige Tage lang starr und stumm vor Verzweiflung, kaum imstande, ihren mechanischen Kassendienst zu versehen. Aber auch diesmal raffte sie sich empor; ihr unverwüstliches Temperament siegte über die finstere Verzweiflung.

Karl war nicht tot, sie ahnte, sie fühlte es mit vollster Deutlichkeit. Mit ungeahnter Gewalt brach die Liebe zu ihm aus ihrem Herzen. Jetzt wußte sie es erst, wie sehr sie ihn liebte. Seinetwegen saß sie immer und immer wieder da an dieser dummen Kasse, nichts Besseres als eine Gefangene; aber diese Stätte war geweiht durch die Erinnerung an ihn. Sonst wäre sie eine Törin gewesen, hier zu hocken, denn klug, geschickt, gebildet, wie sie war, fand sie vielleicht einen lohnenderen Posten, eine angenehmere Beschäftigung. Aber wie sollte sie wo anders sein und bleiben als hier bei Hilmar? Wenn Karl wiederkam, mußte er ja doch zuerst hierher kommen.

Ihre Liebe, ihre Sehnsucht durchdrang mit ahnendem Spürsinn das geheimnisvolle Dunkel. Hätte sie ihm nur helfen, ihm einen Wink geben können! – Wie töricht, wie verblendet sie doch alle waren! – Er konnte ja doch nicht tot sein. Warum denn hätte er sterben sollen? Die Sache war sonnenklar trotz des angeblichen Geheimnisses: Er war nicht glücklich neben Josepha, hatte rechtzeitig begriffen, daß sie nicht zueinander paßten, daß er neben ihr, in dieser gar zu musterhaft geordneten kleinen Welt nicht leben konnte; darum war er entflohen. Und wenn er wieder käme, dann würde er sich ja überzeugen, wie wenig treu Josepha ihm gewesen, wie rasch sie sich über sein Verschwinden getröstet.

Wäre nur sie, Pauline, im stande ihm irgend einen Beweis ihrer Liebe und Treue zu geben, einen recht leuchtenden Beweis! – Aber was konnte sie armes Ding tun?

So sann, grübelte und träumte sie und kassierte mechanisch das Geld ein, welches man ihr brachte. Es war ein wahrer Zufall, wenn die Kasse abends stimmte. –

Jetzt wurde sie aus ihren Träumen geweckt durch eine gewisse Unruhe in dem Geschäftslokal. Der Chef suchte etwas, fragte, forschte und fahndete, – was wollte er doch? – Er suchte einen Schlüssel.

In dem Kontor drinnen stand nebst dem eisernen Kassenschrank noch eine kleine, feuerfeste Geld-Kassette, die Privatkasse der Frau Hilmar. Diese Kasse wurde bei Nacht in dem großen Geldschrank eingeschlossen, bei Tage stand sie auf oder neben demselben jederzeit zur Verfügung der Frau des Chefs.

Die ganze Woche seit dem Verschwinden Karls hatte Frau Hilmar gar nicht daran gedacht, die Kassette auszuschließen. Nun wollte sie es soeben tun, da fehlte der Schlüssel. Ihr Gatte glaubte sich zu erinnern, daß er an jenem Unglückstage denselben an der Kassette stecken gesehen, ihn abgezogen und irgendwo in seinem Pulte verwahrt hatte. Ja, so war es gewesen. Hier, in dieser kleinen, unverschlossenen Schublade da hatte er ihn bestimmt gesehen. Er hatte die Lade aufgezogen, aber der Schlüssel war nicht da. Man suchte und suchte, auch draußen im Geschäft, endlich fand man ihn; er lag in einer anderen Schublade des Pultes, wo er sonst nicht gelegen.

Dieses Suchen des Schlüssels hatte alle aufmerksam gemacht, und alle waren unruhig geworden. Irgend eine unbestimmte Ahnung hatte sich der Gemüter bemächtigt, als stände eine Enthüllung bevor. Jetzt hörte man drinnen einen Aufschrei und dann die Worte: »Gestohlen!« »Das Geld ist fort!« Jeder vom Personal hörte diese Worte; alle schwiegen, wie versteinert.

Nur Waldenburg konnte nicht schweigen. Mit funkelnden Augen flüsterte er Paulinen zu:

»Er hat's gestohlen! Niemand anders als er! Ich ahnte es schon damals! Da habt Ihr Euren Helden!«

»Schweigen Sie,« rief Pauline zornsprühend, »es ist nicht wahr!«

»Es ist wahr,« zischelte der Kleine, »und ich werde auch dafür sorgen, daß es an die große Glocke kommt – mein Wort darauf! Solchen Leuten muß das Handwerk gelegt werden!«

Das junge Mädchen war aufgesprungen. Flammenden Gesichts stand sie vor ihm und donnerte ihm entgegen:

»Karl Hilmar ist kein Dieb! Und Sie werden es auch nicht wagen, ihn zu denunzieren!«

»Na, das wollen wir doch sehen!« knurrte der Kleine.

Drinnen aber im Kontor hatte sich das Folgende zugetragen:

Frau Hilmar hatte eben die Geldkasse aufgeschlossen und stieß einen lauten Schrei aus. Die Kassette war so gut wie leer.

»Mein Geld ist fort!« rief sie. »Die fünftausend Mark! – Oder hast Du sie, Mann, hast Du sie?« –

Er war ganz bleich geworden. Er hatte keine Idee, wo das Geld geblieben, ja er wußte nicht einmal, daß welches in der Kassette gelegen.

»Ich meinte, Du hättest Deine Zinsen noch gar nicht behoben,« stammelte er, »die Kassette wäre so gut wie leer; deshalb habe ich sie auch weiter gar nicht beobachtet.«

»Ja, gerade am Tage, bevor Karl –« versetzte sie, »gerade an dem Tage, – da habe ich das Geld geholt und sofort hier verschlossen: Du warst eben nicht da. Da sieh, der Schmuck ist hier, das Geld ist fort.«

»Du wirrst Dich irren,« stotterte er, »Du hast das Geld wo anders hingelegt, oben verwahrt in Deinem Schreibtisch.«

»Nein, nein,« entgegnete sie heftig, »ich weiß es ganz genau, ich könnte es beschwören, ich habe das Geld in die Kassette getan.«

»Aber den Schlüssel?«

»Den habe ich seither nicht bei mir gehabt, auch nicht gesehen.«

»Der Schlüssel ist hier, war immer hier, die ganze Zeit,« versetzte der Chef.

Beide schwiegen eine kleine Weile, dann stieß der alte Mann einen Schmerzensschrei aus, so laut, daß das Personal draußen ihn hören mußte. Sie hielten ohnehin alle den Atem an. Das große dunkle Geheimnis, welches Karls Verschwinden verhüllte, begann sich zu lüften.

Noch immer war es furchtbar stille draußen, dann hörte man die Stimme des alten Mannes in unsäglichem Schmerze:

»Er war ein Dieb, – ein Dieb! – Unser Karl war ein Dieb! – Er ist durchgebrannt wie ein gemeiner Spitzbube!«

Die Tür des Kontors wurde aufgerissen, der alte Mann stürzte hinaus, rannte ohne Rücksicht auf den äußeren Schein in dem Lokale auf und ab und wühlte sich in den ergrauten Haaren. Dann eilte er zu seiner Frau zurück und sank wie vernichtet neben ihr in einen Stuhl.

Er hatte die Tür hinter sich zugeschlagen. Wie stumpfsinnig starrten sie einander an; es war das Fürchterlichste, was sie, die Makel- und Tadellosen treffen konnte. Der junge Mann, den sie mit Wohltaten überhäuft, den sie wie einen Sohn geliebt, dem sie ihr einziges Kind hatten anvertrauen wollen, – der junge Mann, der der Nachfolger im Geschäft werden sollte, – er ein Dieb! – Das war ein Schlag ohnegleichen. –

Aber bevor sie noch ein Wort gewechselt, wurde die Tür ohne Klopfen aufgerissen. Pauline, die Kassiererin, trat mit brennenden Wangen und blitzenden Augen ein. Das Mädchen zog ein ganz kleines, schäbiges Geldtäschchen aus der Tasche, welches ganz vollgestopft schien. Sie öffnete es, nahm einige zerknitterte Tausendmarkscheine heraus und legte sie auf den Tisch.

»Hier ist das Geld, Herr Hilmar,« sagte sie mit eigentümlich gepreßter Stimme. »Herr Karl hat es nicht genommen, sondern – ich.«

Die alten Leute sahen sie an, als spräche sie eine fremde Sprache. Das Betragen des jungen Mädchens war auch gar zu sonderbar. Da keines von ihnen antwortete, fuhr sie fort, in demselben gepreßten, unnatürlichen Tone, ohne aufzublicken:

»Wie Sie wissen, Herr und Frau Hilmar, ist kürzlich meine Tante erkrankt und gestorben. Wir sind arme Leute. Ich unterstützte von meinem Gehalt noch meine Mutter und meine unmündigen Geschwister. Die Krankheit und der Todesfall verursachten uns große Ausgaben, – aber wir hofften bestimmt auf eine Erbschaft. Wir hatten auch allen Grund dazu, und so stürzten wir uns in Schulden wegen der Kranken, denn wir hofften, die Erbschaft würde uns für alles entschädigen. – Aber es war nichts, gar nichts. Meine Tante hinterließ nichts. Für mich und meine Geschwister wurde damit jede Hoffnung auf die Zukunft vernichtet, abgesehen davon, daß wir im Augenblicke gar nicht wußten, wo aus und wo ein. – Wir sind sehr arme Leute, Herr Hilmar, Sie wissen es, und da kam es denn so. – An dem Tage, an dem Herr Karl verschwand, da sah ich, wie der Herr Chef den Schlüssel von der kleinen Kassette abzog und in einer der offenen Laden seines Pultes legte. Und es war am folgenden oder am darauf folgenden Tage, – genau kann ich es nicht sagen – da war ich Mittags eine ganze Weile allein hier im Geschäft. Ich ging in das Kontor, nahm das Schlüsselchen heraus, öffnete die Kassette und nahm das Geld. – Meiner Familie wollte ich sagen, ich hätte das Geld im Nachlaß meiner Tante versteckt vorgefunden; sie hätten mir geglaubt, denn sie waren ja in der festen Meinung, die Tante mußte das Geld hinterlassen haben. Aber ich konnte mich nicht gleich entschließen, meiner Mutter dieses Märchen aufzubinden; ich bin das Lügen nicht recht gewöhnt. Und so trug ich das Geld einige Tage bei mir. Auch bereute ich schon, es genommen zu haben, und wartete auf die Gelegenheit, es wieder hierher zu legen. Aber die Gelegenheit wollte nicht kommen, denn wie Sie ja selber wissen, bin ich ja niemals allein hier im Geschäft, auch nicht Mittags. Es ist doch mindestens einer der Verkäufer hier und der Laufbursche. Auch das Kontor ist selten ganz leer. Genug, ich konnte das Geld nicht unbemerkt zurückgeben, wie ich wünschte. – Nun aber hörte ich, – ich hörte in meiner Angst schärfer als die andern draußen, die vielleicht nicht alles verstanden haben, – ich hörte, daß ein Unschuldiger in Verdacht kam, – Herr Karl. Darum meldete ich mich auf der Stelle. – Hier, Herr Hilmar, ist das Geld. Sie sehen, ich habe es nicht berührt. Es tut mir sehr leid, daß ich es getan habe, aber es ist nun doch geschehen! Zeigen Sie mich an, wenn Sie wollen. Freilich, ich habe es ja nicht meinetwegen getan, sondern wegen meiner Angehörigen.«

Pauline schwieg, der Atem war ihr ausgegangen.

Das Ehepaar Hilmar vermochte noch immer keine Antwort zu finden. Sie starrten Pauline an, ohne recht begreifen zu können, worum es sich handelte. Dieses junge Mädchen, welches sich immer so ganz musterhaft, so tadellos betragen hatte – es sollte gestohlen haben? Und wie sonderbar sie dabei aussah, zitternd, aufgeregt, aber doch ohne wie eine Schuldige zu erscheinen! Es war fast unbegreiflich und doch, man mußte ihr wohl oder übel glauben, denn woher hätte dieses arme Kind eine so große Summe nehmen sollen? Und doch sah der Diebstahl Paulinen ebensowenig ähnlich als Karl; eines von ihnen beiden mußte es genommen haben.

Pauline wartete noch immer auf Antwort. Verwundert blickte sie von einem zum andern, weil doch niemand in die Entrüstung ausbrechen wollte, die in diesem Falle ganz natürlich war. Nun nahm sie wieder das Wort.

»Ich hoffe, Herr Chef, daß Sie Barmherzigkeit walten lassen und mich nicht anzeigen werden. Sie werden Mitleid haben mit meiner Mutter und mit meinen unmündigen Geschwistern...«

Frau Hilmar nickte hier. Sie fühlte sich gedrungen, denn doch ein Meinungszeichen zu geben.

Pauline fuhr fort, ebenso unruhig und stoßweise sprechend, wie zuvor:

»Natürlich wollen Sie mich nicht behalten, Herr Hilmar! Das ist ja selbstverständlich, daß ich gehe, Ihnen nie mehr in den Weg komme. Ich verzichte auf Lohn und Zeugnis und will auf der Stelle gehen. Ist Ihnen das genug? Scheint Ihnen mein Vergehen gesühnt? Bitte, entschließen Sie sich!«

Aber das kam den beiden Hilmars nicht leicht an. Sie konnten sich nicht einmal entschließen, die zerknitterten Banknoten auf dem Tisch anzufassen. Das hübsche junge Mädchen in seiner einfachen, aber schmucken Kleidung, mit dem selbstbewußten Wesen, hatte so gar nichts von einer Diebin. Sie war es, welche die Situation beherrschte, und das fühlten die alten Hilmars. Der Chef brachte jetzt hervor:

»Warum haben Sie sich nicht gleich gemeldet, wie ich den Schlüssel suchte?«

Pauline lachte bitter auf.

»Natürlich wollte ich das Geld behalten! Auf mich wäre ja doch kein Verdacht gefallen, nicht wahr? Schon darum nicht, weil niemand annehmen konnte, daß ich einmal allein hiergeblieben sei. Aber Herr Waldenburg, der damals über die Mittagspause hier war, hatte Kopfschmerzen und ging fort, um ein Glas Selter zu trinken. Da kam die Versuchung über mich. Ich wußte ganz genau, wo der kleine Schlüssel lag. Sie alle waren bei Tische und – ich tat's!«

Jetzt stürzten ihr die Tränen aus den Augen, als würde sie sich erst der vollen Schwere dieses Wortes bewußt.

»Und nun machen Sie ein Ende,« bat sie, »entscheiden Sie über mein Geschick!«

Die Tränen gaben Paulinen endlich das Aussehen einer Schuldigen und entwaffneten doch zugleich die beiden Hilmars. Der Chef begann seine Ueberraschung zu verwinden und sich, sozusagen, als Richter zu fühlen.

»Mein Kind,« sagte er, »ich bin allerdings sehr überrascht, ja bestürzt! Sie hatten sich immer musterhaft betragen! Aber das Geld fehlte doch – liegt jetzt hier, und ich kann an Ihrer Schuld nicht zweifeln. Da Sie Mutter und Geschwister haben, und auch nichts an der Summe fehlt, sehe ich natürlich von einer Anzeige ab.«

Herr Hilmar bemerkte gar nicht, daß er beinahe nur das wiederholte, was Pauline ihm in den Mund gelegt hatte.

»Ich danke Ihnen,« versetzte sie tief aufatmend, »o, ich danke Ihnen aus tiefstem Herzen, Herr und Frau Hilmar!«

Die krampfhafte Spannung aus ihrem Wesen wich; sie knickte jetzt zusammen, als fühle sie in diesem Augenblick die ganze, ungeheure Last, die sie auf sich geladen hatte. Beinahe fassungslos stand sie da und flüsterte immer wieder Dankesworte.

»Beruhigen Sie sich doch, mein Kind,« sagte die leichtgerührte Frau Hilmar, »ich bin überzeugt, daß es nur eine ganz augenblickliche Verirrung war, daß Sie keiner schlechten Tat fähig sind und daß sich Ihr Fehltritt nicht wiederholen wird.«

»Nein, nein, das kann nicht wieder geschehen!« versetzte Pauline in eigentümlicher Betonung.

In einer Anwandlung von Demut, die ihr sonst nicht eigen war, küßte Pauline die Hand der Frau Hilmar.

»Erweisen Sie mir noch die eine Wohltat,« bat sie, »und – schweigen Sie!«

Der Chef und seine Gattin wechselten einen Blick des Einverständnisses.

»Ja, mein Kind,« entgegnete er würdevoll, »ich gebe Ihnen mein Wort darauf – wir werden schweigen!«

»So leben Sie denn wohl, Herr und Frau Hilmar, ich gehe sogleich und für immer. Nochmals meinen innigsten Dank!« –

»Wir hätten sie behalten sollen,« meinte die alte Dame, nachdem Pauline die Tür hinter sich geschlossen hatte.

Hilmar dachte eine Weile nach; aber seine untadelige Natur sträubte sich gegen diese Zumutung.

»Nein, das geht nicht, Minna, das paßt doch nicht! Sie hat nun einmal gestohlen – daran ist nichts zu drehen und zu deuteln! Man darf solch jungen Wesen den Weg zur Besserung nicht erschweren, aber in unserem Hause konnte sie nicht bleiben.«

Und einer Regung unbewußter Selbstsucht nachgebend, fügte er hinzu: »Wie gut, daß es nicht Karl war!« –

Da standen sie wieder bei Karl. Von neuem drängte sich das Rätsel auf: Was war aus ihm geworden?

Die böse Vorstellung von einem Diebstahl war nun einmal da. Hilmar schloß seinen Geldschrank auf, revidierte alles, Papiere und Kassenbestände, sowie andere Wertsachen: es war alles in vollkommener Ordnung.

Nein, Karl hatte nicht gestohlen: aber er hatte mithin auch keine nennenswerte Summe bei sich gehabt; es war also schwer anzunehmen, daß er irgendwo im verborgenen lebte. –

Pauline war jetzt durch den Laden geschritten, direkt in den kleinen Nebenraum, wo die Garderobe der Bediensteten verwahrt wurde: sie winkte im Vorbeigehen Waldenburg, ihr zu folgen. Das tat er mit Vergnügen, denn natürlich glaubte er an eine kleine Vertraulichkeit, einen Auftrag, ein Anliegen oder dergleichen.

Mit einem freundlichen Lächeln trat er in das Kämmerchen, aber er erschrak, als er jetzt in ihr erregtes, zuckendes Gesicht sah.

»Was ist Ihnen geschehen?« fragte er halb teilnehmend, halb neugierig.

»Ich verlasse das Geschäft – gehe augenblicklich und wollte Sie nur bitten, allen in meinem Namen Adieu zu sagen.« –

Waldenburg glaubte, nicht recht gehört zu haben.

»Ja, was ist denn vorgefallen?«

»Das kann ich Ihnen im Moment nicht erzählen. Genug, ich bin entlassen! Leben Sie wohl, Herr von Waldenburg –«

Herrn von Waldenburg wurde ganz sonderbar zu Mute. Es war etwas in ihrer Stimme, das ihn rührte, und einen Augenblick lang stieg ihm der Gedanke auf, Pauline sei nicht erregt, weil sie den Kassenschalter verlasse, sondern weil sie von ihm, Waldenburg, sich trennen müsse. Es kam ihm aus dem Herzen, als er ihr jetzt versicherte, daß er sie weder jetzt noch jemals vergessen könnte. Und er werde nicht lange auf sich warten lassen. Bald – sehr bald werde sie ihn wiedersehen.

Nun war Pauline gegangen. Das Personal schaute wohl etwas verwundert drein, als plötzlich der alte Lehmann designiert wurde, vorläufig den leeren Platz an der Kasse einzunehmen. Aber es gab eben jetzt viel zu tun im Geschäft; man kam nicht dazu, die Sache weiter zu erörtern.

Nur der kleine Waldenburg konnte innerlich nicht zur Ruhe kommen. Was war geschehen? Welchen Anlaß hatte der allezeit wohlwollende Hilmar dem jungen Mädchen gegeben, in so auffälliger Weise auf und davon zu gehen? Und andererseits Pauline! Sie hatte gewiß nichts getan, was eine plötzliche – man könnte sagen, eine schimpfliche Entlassung begründen konnte. Plötzlich, während er eben eine »Ariadne« verkaufte, kam ihm ein erleuchtender Gedanke. Pauline hatte trotz ihrer gegenseitigen Versicherung geerbt – die Tante hatte dennoch etwas hinterlassen! Es mußte sogar ein stattlicher Brocken sein, denn nur so ließ es sich erklären, daß die sonst so korrekte, pflichtgetreue Pauline urplötzlich die Arbeit niederlegte, etwa wie ein Schuster den Hammer in die Ecke wirft, wenn er erfährt, daß er einen Lotteriegewinn gemacht hat.

Und in dem Hirn des Geschniegelten reifte ein Entschluß.

Eine Stunde nach Geschäftsschluß klingelte er, jetzt in tadellosester Toilette, mit taubengrauen Glacés, bei Paulinen. »Er halte Wort,« sagte er: »er habe nicht vergessen, was er neulich mit ihr gesprochen.«

Zu keiner Zeit hätte die Erneuerung von Waldenburgs Antrag das Mädchen schmerzlicher, unangenehmer treffen können, als eben jetzt, wo ihre Seele ganz voll war von dem heute Erlebten, und wo nur ein Gedanke ihr Halt und Kraft gab – der Gedanke an Karl. Nein – sie mußte sich diesen Waldenburg ein- für allemal vom Halse schaffen! Und erregt, wie sie war, bedachte sie nicht die Folgen; sie zog den jungen Mann in ihr Stübchen und begann ängstlich flüsternd:

»Bevor Sie weiter reden, Herr von Waldenburg, erfahren Sie erst, weshalb ich ging. Ich habe Herrn Hilmar –« hier stockte sie doch – »etwas entwendet, was ich im Augenblick dringend brauchte. Heute, da man es vermißte, habe ich es zurückerstattet... Deshalb mußte ich gehen, trotzdem man mir verziehen hat!«

»Ach – Sie treiben Ihren Scherz mit mir,« sagte Waldenburg, der ihr mit offenem Munde zugehört.

»Fragen Sie bei Hilmar,« der mir zwar versprochen hat zu schweigen! Und wenn Sie danach noch Ihren Antrag aufrecht erhalten ...

Dem Kleinen wirbelte der Kopf. Das war nicht glaublich. –

Und ganz plötzlich kam ihm ein Einfall.

»Sie sind doch nicht die Mitschuldige Karl Hilmars?« stieß er hervor ... »denn, daß der gestohlen hat, ist mir zweifellos!«

»Und wenn ich's wäre?« sagte sie fast stolz.

»Das wäre schrecklich,« keuchte er, »denn ich habe ihn bereits – denunziert!«

Pauline taumelte zurück. In seinem geleckten Gesichtchen siegte der Ausdruck der Schadenfreude über den des Schreckens.

»Es wäre schrecklich,« wiederholte er jetzt, aber zu bedauern wären Sie nicht! Ein Mädchen wie Sie, hängt nicht sein Herz an solchen Windbeutel...

Pauline hörte ihn kaum noch, als er nun, sich verabschiedend, versicherte, daß nichts seine Gesinnung, seine Gefühle für sie abschwächen könnte.

Das arme Mädchen brach zusammen, als sie sich allein sah. –

*

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