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Der Selbstmörder

Paul Blumenreich: Der Selbstmörder - Kapitel 3
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authorPaul Blumenreich
titleDer Selbstmörder
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Ein Schuß krachte. – Armin Bode stieß einen Schreckensschrei aus. Er war noch spät abends in den Tiergarten gegangen, um einen Spaziergang zu machen; er hatte sich dabei in dem fremden, ungeheueren Park verlaufen. Das steigerte das Gefühl der schmerzlichen Bangigkeit, die ihn in diesen Tagen befallen hatte, zu heftigem Weh.

Er war vollständig fremd in Berlin. In einer entfernten Provinzstadt war er als einziger Sohn kleiner Bürgersleute aufgewachsen, hatte gute Schulbildung und eine praktische Kenntnis sich erworben; nun waren seine Eltern rasch hintereinander gestorben, und er stand allein.

Allein und traurig hatte er ein Abendbrot eingenommen, das ihm nicht schmeckte, denn er war die süddeutsche Kost gewöhnt: nun ging er in den Tiergarten in der unbestimmten Erwartung, auf irgend einer Bank einen Menschen zu finden, der mit ihm plauderte – irgend eine Bekanntschaft zu machen. Wie oft hatte er derlei in Romanen gelesen! – Aber das Glück war ihm nicht hold. Zwei junge Damen, die er schüchtern zu grüßen wagte, als er sich neben sie setzte, wandten ihm den Rücken; ein alter Herr erwies sich als schwerhörig und ein jüngerer war mißtrauisch und unzugänglich. So stand Arnim sehr bald auf, um nach weiterem Wandern wiederum Platz zu suchen, um neuerdings nichts erlebt zu haben.

Dabei verlor er die Richtung, und als ihn jemand nach der Charlottenburger Chaussee weisen wollte, verlief er sich noch mehr; die Weisung war falsch gewesen, oder er hatte sie falsch verstanden.

Es dunkelte, und die Wege wurden einsam hier draußen in der Gegend des neuen Sees, wo der Park nirgends erleuchtet war; und diese fremde, dämmernde, einsame Parkwildnis machte ihn melancholisch, schien ihm symbolisch für seine Existenz.

Und jetzt krachte ein Schuß im Gebüsch.

Der ahnungslose Spaziergänger zitterte vor Schreck. »Ein Selbstmörder!« zuckte es ihm durch's Hirn. »Einer von denjenigen, die in der Riesenstadt einen harten Kampf ums Dasein führten und erlagen.«

O Gott, war das eine Vorbedeutung für ihn? –

Aber er durfte nicht müßig bleiben. Ohne Rücksicht auf seine Kleider drang er in das Gebüsch, woher der Schuß gekommen. Er erbebte im innersten Herzen, als er, mit dem Rücken gegen einen Stamm lehnend, eine dunkle, schwach ächzende Gestalt erblickte. Zaghaft trat er näher. Er wußte, derlei war in der Großstadt eine alltägliche Erscheinung; für ihn aber bot sich da etwas Neues, Unerhörtes, das er sich vielleicht einmal in müßigen Stunden nach aufregender Lektüre vorgestellt, das er aber niemals glaubte, selbst erleben zu müssen. Sein Herz drohte ihm zu zerspringen.

Es war ein junger Mann ungefähr in demselben Alter wie er; der Kopf hing ihm zur Seite, er schien bewußtlos. Aus einer kleinen Wunde an der Schläfe rieselte Blut.

Arnim stand ratlos. Was sollte er tun? – Hilfe herbeirufen? – Es war so still und einsam hier, woher Hilfe nehmen? – Oder sollte er selbst –? Aber wie?

Er preßte sein Taschentuch auf die Schläfe des Fremden, eine ganze Weile hindurch; plötzlich schlug der junge Mann die Augen auf, seufzte und lächelte schwach, wie geistesabwesend. Dann murmelte er:

»Da – der Ring, – bitte gleich – rasch – Josepha – Luisendenkmal – gleich –«

Er streckte Arnim die Hand hin. Da steckte ganz lose ein schmaler Reif mit einem Türkis, ein bescheidenes Ringlein. Noch einmal murmelte der Sterbende:

»Nur rasch!«

Arnim nahm, sinnlos vor Aufregung, den Ring und stürzte davon. Er überlegte nichts, er wußte nur, es gab ein Luisendenkmal im Tiergarten, und dort wartete Josepha; er mußte sie rufen.

Wie ein Verzweifelter stürzte er irgend einen Weg entlang, blindlings, sinnlos; er wollte ja Josepha rufen. Dann blieb er plötzlich auf einem einsamen Pfade stehen. Was wollte er eigentlich? – Er konnte eine Stunde umherirren, bevor er das Luisendenkmal fand. Und war Josepha auch dort? – Und würde sie ihm folgen? – Was um Gottes willen sollte er ihr sagen? – Welch ein Narr er war! – Aber was sollte er tun? –

Da stand er nun völlig ratlos. Der Abendwind rauschte in den Bäumen, und aus weiter Ferne hörte man die Züge der Stadtbahn donnern, die Equipagen der Tiergartenvillen dahinrollen. Greifbar nahe toste um ihn das Treiben der Hauptstadt, greifbar nahe und doch ihm unerreichbar.

Plötzlich erschrak er über seine eigene Torheit. Wie konnte er den Sterbenden, den mindestens schwer Verwundeten verlassen, um einem Phantom nachzujagen, einer romantischen Grille, dem unklaren Wink eines fast Bewußtlosen? – Er hätte nichts weiter tun müssen, tun dürfen als Hilfe bringen. Gewiß, der Park war nicht so einsam als es schien; man brauchte nur einigemale laut um Hilfe zu rufen, und sie wäre dagewesen.

Er kehrte um, fand sich nicht gleich zurück. Nun lief er in wachsender Angst, schweißgebadet hin und her. Da endlich, da war die Stelle: ja, er erkannte sofort den mächtigen Stamm hinter dem leichten Gebüsch, – aber nein – hier war ja niemand, – alles leer und still. – Hier war's nicht gewesen. – Aber wo sonst? – Trieb ein böser Dämon sein Spiel mit ihm?« –

Und doch, hier muß es recht sein. Da lag sein zerknilltes, blutiges Taschentuch, da war auch auf dem Grase ein schauerlich dunkler Fleck, eine kleine Blutlache. Der Sterbende war fort. Ohne Zweifel hatten auch andere den Schuß gehört und waren herbeigeeilt: sie hatten ihn fortgetragen. War er tot? –

Am andern Morgen vermeinte Arnim es geträumt zu haben, aber genau wie er es oft in verschiedenen Dichtungen gelesen, z. B. im »Stillen Dorf« von Baumbach: das Türkisenringlein erinnerte ihn an die volle Wirklichkeit. Dennoch wandelte er umher wie ein Träumender. Das Bild des Selbstmörders schwebte ihm vor, das bleiche Gesicht mit der blutenden Wunde an der Stirnseite. Unaufhörlich wiederholte er sich die wenigen Worte des Selbstmörders. Der Selbstmörder – das war das Band, welches ihn nun mit der ihm so fremden Außenwelt verknüpfte.

Und Josepha? – Das arme Kind hatte mit schwerem Herzen gewartet und gewartet auf ihn, und er kam nicht, er war ihr entflohen in die Ewigkeit.

Mit äußerster Spannung erwartete Armin die Abendblätter. Sie erhielten nichts von dem Fall, obwohl heute eine ganze Serie von Selbstmorden verzeichnet waren, merkwürdigerweise kein einziger Erschießungsfall. Auch nicht die Zeitungen der folgenden Tage brachten eine Nachricht, welche auf den Vorfall hätte angewendet werden können, und die Tageschronik nahm doch sonst so pünktlich Notiz von derartigen Unglücksfällen; es hätte dieser ihr unmöglich entgehen können. Der Tiergarten liegt niemals so still und einsam, wie es ihm zu jener Zeit erschienen war. Wer immer den Selbstmörder gefunden hatte, der mußte sich doch an die Polizei wenden; es mußte etwas verlauten. Aber es drang nichts an die Oeffentlichkeit. Zu sonderbar! Wie ging das zu? – Wirklich nur ein Traum? – Aber der Ring war da, der fremde Ring, der eine unbekannte Leidensgeschichte umschloß. – Tag und Nacht grübelte er darüber; der Ring indessen blieb stumm, stumm.

Das einzig Korrekte wäre gewesen, den Ring bei der Polizei zu hinterlegen; aber dann erhielt ihn »Josepha« wohl niemals. Wie sollte sie auch auf den Gedanken kommen? – Diese formale Ehrlichkeit wäre diesmal Unehrlichkeit gewesen. Er mußte die Mission des Sterbenden erfüllen und er wollte es auch gern. Nun hatte er um jemanden zu sorgen, an jemand zu denken, an »Josepha«. In seinem kleinen, kahlen Hotelzimmer, auf seinen Wegen durch die fremden Straßen dachte er an Josepha. Sie war jung und hübsch, und sie war geliebt worden. Er, Armin, ersann sich Roman um Roman. – Und er sollte ihr den Ring bringen. Durfte er den Ring und was daran hing, nicht als sein Erbe betrachten? – Würde Josepha ihn nicht lieben können? –

Er suchte in den Straßen ein junges Mädchen mit ernster, kummervoller Miene, vielleicht war es Josepha; er wollte dann auf sie zutreten, ihr fragend die Hand mit dem Ringe reichen. Aber alle jungen Mädchen lachten oder lächelten. Endlich schalt er sich einen Narren.

Dann fiel ihm ein Ausweg ein, das Luisendenkmal. – Vielleicht hatte Josepha an jenem Abende dort gewartet. – Er war nach mühseligem Suchen neulich zum ersten Male dort gewesen, aber er fand niemanden. Sie war längst fort, wenn sie überhaupt dagewesen. – Aber gewiß, es war dies ein Rendezvousplatz, es war auch derjenige, von dem der Sterbende gesprochen. Und nun wählte er dieselbe Stunde, das Denkmal aufzusuchen, gegen neun Uhr abends. Aber alles blieb vergeblich.

Stundenlang promenierte er zwischen den beiden weißen Marmorbildern einher. Abend für Abend, jede vorübergehende Dame scharf beobachtend, und bald mußte er sehen, daß die eine sehr bald von einem Wartenden in Empfang genommen wurde, die andere eilig den Platz kreuzte, offenbar ohne auf irgend eine Begegnung zu rechnen.

Endlich faßte er einen Entschluß; er setzte ein Zeitungsinserat auf: »Josepha, komm heute abend gegen neun Uhr zum Luisendenkmal.« – Es war ein Betrug, denn wahrscheinlich würde sie auf »ihn« raten, auf den Gestorbenen. Sie wußte wohl heute noch nichts von seinem Tode. Aber ein frommer Betrug war es. Auf diesen Ruf würde sie kommen, und er würde sich seiner Pflicht, seines stumm gegebenen Versprechens entledigen können.

Und nun hatte er eine Aufgabe, nun hatte er einen Zusammenhang mit der Menschheit. Er wartete jeden Abend am Luisendenkmal, den Türkisenring am Finger; eine traurige Mission freilich, aber er wartete doch auf jemanden, und zwischen den vielen fremden Menschen schien er sich nicht mehr so verlassen wie zuvor. –

Freilich, Josepha kam nicht. Er umschritt das Denkmal wieder und wieder, schon hätte er jede Linie desselben aus dem Kopfe zeichnen können; er studierte die Muster und Blumenflora hinter dem Gitter, er kannte jede Blume, er befreundete sich mit dem Ziergesträuch und trieb so sein Spiel. Damen allein kamen jetzt, wo der Winter nahte, nur noch selten, entweder schüchterne, die schnell vorüberhuschten, oder man sah es, sie schritten auf einen bestimmten Punkt zu, auf dem sie jemand erwartete, oder endlich kecke, Abenteuer suchende Damen, die nicht Josepha waren. Keine war Josepha, und er ging trauernd nach Hause in sein Hotel, vier Treppen hoch in das kahle, kleine Zimmer, und sein Herz jammerte.

Er war sparsam, dennoch erschien die Zeitungsannonce täglich und verschlang Unsummen. Er wußte nichts anderes und Josepha mußte er finden.

Eines Abends – der dritte oder vierte war es, den er in diesem Monat hier verlebte, – der Himmel war bedeckt, es dunkelte bereits früh, und es war recht einsam um das Denkmal, er stand im tiefen Schatten eines Baumes, da kam zaghaften Schrittes eine tiefverschleierte, dunkelgekleidete Frauengestalt daher. Sie blieb vor dem Denkmal stehen und schien es zu betrachten. Aber es war schon zu dunkel, und sie sah auch nicht hinauf nach dem schönen Königsbilde. Leise und zaghaft frug er:

»Fräulein Josepha, sind Sie's?«

Sie blieb stehen, erwiderte fast zitternd:

»Ja, ich bin es.«

Sie war es! –

»Ist's wahr? – Ist's möglich?« stammelte er.

»Leider ja. Ich bin eine rechte Törin! – Nie hätte ich es wagen dürfen in dieser Stunde, aber ich habe es doch gewagt.«

Er verstummte. Sie wunderte sich so gar nicht und sie frug so gar nicht nach jenem. Vielleicht aber kannte sie schon sein Schicksal, vielleicht auch war er nicht tot.

»Sind Sie es denn wirklich, Josepha?«

»Ja,« wiederholte sie, »ich bin es.« Sie schlug den Schleier zurück. Ein hübsches, lächelndes Gesicht, das sich ihm eifrig hinneigte. Er begriff nicht, was hier vorging.

»Und der Tote?« frug er.

»Lassen Sie ihn doch ruhen,« antwortete sie, »ich bin frei.«

»Ist er also wirklich tot?«

»Gewiß ist er tot, mein Mann.«

»So war es Ihr Mann? – Und dieser Ring?«

»Was ist's mit dem kleinen Ringe?« fragte sie.

»Sie kennen ihn nicht?« rief er verwundert aus. »Nein? – So sind Sie also nicht Josepha?«

»Freilich bin ich das, und Sie – Sie sind doch der Herr, der mir abends immer folgte?«

»Niemals bin ich Ihnen gefolgt, ich sehe Sie zum ersten Male.«

Josephine lachte laut auf.

»Ach, das ist zu komisch! – Sie suchen eine andere und ich einen anderen, denjenigen, der mir tagelang nachstellte, – zu komisch!«

Und sie schüttete sich aus vor Lachen; schließlich mußte er auch lachen. Er war halb enttäuscht, halb belustigt.

»Gehen wir nun doch ein wenig spazieren, da uns das Schicksal so zusammengeführt!« schlug er vor.

Und sie gingen. Sie plauderte heiter und unbefangen; sie war Witwe und lebte bei einer strengen Tante, wollte sich ein wenig amüsieren. Und er, – was wollte er nur mit dem Toten, Josepha? – Er widersprach: Er hätte Pflichten gegen sie zu erfüllen.

»Ach, lassen wir die Gespenstergeschichten, amüsieren wir uns! – Wir sind jung, wir leben.«

Sie schlug ihm vor, da und dorthin zu gehen; er kannte ja noch gar nicht die Vergnügungen der Großstadt. Sie wußte um so besser Bescheid.

Als sie neuerdings das Monument passierten, wohin er unwillkürlich wieder gelangt war, sah er plötzlich ein süßes, blasses Mädchengesicht mit traurigen, fragenden Augen; sie schien auf jemanden zu warten. Plötzlich wurde es ihm klar: Die Josepha an seiner Seite war die Sirene, die ihn verlockte in den Sumpf der Großstadt. Er riß sich gewaltsam los, plötzlich aber besann er sich noch, führte sie ritterlich bis zu einer Droschke, und nun stürzte er zurück nach dem Denkmal. –

Da stand die andere noch immer und wartete.

»Josepha, Du bist es!« – Ganz unwillkürlich sagte er Du und er eilte mit offenen Armen auf sie zu. Sein Herz sagte es ihm ja, das war die richtige Josepha. Und da hing sie auch schon an seinem Halse.

Welch ein süßer Schreck, ein junges, holdes Wesen so an seiner Brust zu fühlen, das ihr Köpfchen vertraulich anschmiegt! – Es war zu schön, ein Augenblick traumhafter Seligkeit; aber nur ein Augenblick, das konnte ja nicht währen. Er sagte:

»Ich bin von ihm gesendet.«

Sie stieß einen dumpfen Schrei aus, taumelte zurück, wollte fliehen und hielt dann laut atmend inne.

»Warum ist er nicht selbst da?«

»Er – – er kann nicht kommen, – aber ich –«

»Was wollen Sie von mir?«

Er zog sie sanft in das Bereich der nächsten Gasflamme; stumm streckte er ihr die Hand hin mit dem Ringe.

»Er gab ihn mir für Sie, Josepha.«

Nun schlug sie den Schleier zurück; ein süßes, schönes, blasses Gesicht, von schlichtem, braunen Haar umrahmt; wie reizend sie war! – Er verging vor Glück, daß sie nur mit ihm sprach.

»Es ist ein Ring, ich gab ihn ihm,« rief sie mit bebender Stimme. Und plötzlich brach sie in wildes Schluchzen aus.

Sanft und ruhig begleitete er sie nach einer der Bänke in der Nähe der Tiergartenstraße, und dort ließen sie sich nieder. Sie steckte den Ring an ihren Finger und fragte jetzt:

»Wie kam es? – Ich kann es gar nicht fassen; ich glaube von schrecklichen Träumen gefoltert zu sein. Wie wußten Sie? – Wie fanden Sie mich?« –

Er wollte antworten und stockte wieder. Es klang ja alles gar zu sonderbar. Wußte er doch nicht einmal den Namen des Mannes. Und er stammelte eine etwas verworrene Erklärung, welche darin gipfelte, daß er sich so sehr gesehnt, Josepha kennen zu lernen, sich jetzt sehnte, ihr zu dienen. Aber seine warmen, schüchternen Worte schienen ihr wohlzutun; sie beruhigten offenbar, gewannen ihm Vertrauen. Ach, wie wohl ihm das tat!

Und sie erzählte ihm jetzt, nach und nach ruhiger werdend. Karl war ihr Jugendfreund, war als Buchhalter angestellt im Geschäfte ihres Vaters, und auf dessen Wunsch sollten sie heiraten. Sie hatte Karl gern, ihr Herz war sonst frei, und so fügte sie sich. Karl war ein intelligenter Mensch, hatte die allerglänzendsten Aussichten; einmal als junger Bursche hatte er einen dummen Streich gemacht, nachher aber war er allezeit ordentlich, gewissenhaft gewesen. Sie lebten alle in Eintracht und Frieden nebeneinander, die Hochzeit hing noch von Karls zu erfüllender Militärpflicht ab.

»Er hat Sie sehr geliebt?« unterbrach Armin. Er war bereits eifersüchtig auf den Toten.

»Ja, er hat mich sehr geliebt. Und welches Mädchen bliebe gleichgiltig dagegen?«

Aus ihren Worten klang heraus, daß er die Beziehungen wohl ernster genommen haben mochte als sie, und Armin atmete erleichtert auf. Schon die Nähe des jungen Mädchens, das ihm jetzt ihr Herz öffnete, beglückte ihn, und er wußte noch nicht einmal ihren Familiennamen. Wie romantisch das war! Ja, Josepha war wie vom Himmel gesendet. –

»Schon in letzter Zeit,« erklärte sie weiter, »war Karl etwas verändert, war reizbar, aufgeregt, fehlte oft abends. Wenn ich ihm dann Vorwürfe machte, folgten leidenschaftliche Ausbrüche, aber er wollte nicht zugeben, daß irgend eine Wandlung eingetreten sei. Und dann« – ihre Stimme bebte – »kam er eines Abends nicht nach Hause, kam Morgens nicht mehr in das Kontor. Er wohnte ja im selben Hause, hatte schon an unserem Abendtisch gefehlt und war die ganze Nacht nicht heimgekommen. Das gab einen entsetzlichen Schrecken in unseren wohlgeordneten, ruhigen Verhältnissen. Papa lief zur Polizei, suchte, forschte, tagelang, – keine Kunde; niemand wußte etwas. Wir erließen eine Zeitungsnotiz »Vermißt«, wir veranlaßten Anschläge an den Säulen, alles vergeblich. Sie können sich nicht denken, wie schrecklich diese Ungewißheit, diese Angst, diese fürchterlichen Vorstellungen auf uns lasteten. Wir aßen nicht, schliefen nicht, das Geschäft stockte, alles war außer sich. Da las ich einmal in der Zeitung: »Josepha, Luisendenkmal, abends neun Uhr.« Wie soll ich Ihnen schildern, wie mir zu Mute war! War das Karl? – Und warum hielt er sich ferne? – Warum kam er nicht? – Und dennoch, wer sonst konnte mich rufen? – In meiner Angst wagte ich nicht, meinen Eltern etwas zu sagen, sie in eine frohe Hoffnung zu wiegen. Vielleicht hatte Karl irgend eine Schuld auf sich geladen, die er nur mir zu gestehen den Mut hatte; genug, ich ging. Als ich Sie gewahrte, Sie mich anriefen, glaubte ich anfangs, Sie hätten durch Zufall erfahren, was bei uns vorgegangen, und wollten das für sich benutzen. Meine Eltern mit ihren strengen Anschauungen hatten nie geduldet, daß ich mit Karl allein ausgehe; nur in ihrer Begleitung machten wir hier und da einen Spaziergang. So trafen wir uns manchmal unter harmlosen Vorwänden heimlich, – natürlich wurde das nicht durch die Zeitung verabredet, – und als ich Sie sah, mußte ich wohl an einen Mißbrauch glauben, bis Sie mir den Ring wiesen; dann war ich überzeugt. Armer Karl! Ach, erzählen Sie mir nochmals –«

Und Armin erzählte nochmals, versuchte dabei das Bild mit dem Gehörten zusammenzureimen. Beinahe weinte er mit Josepha; es war doch eine sehr ergreifende Geschichte. Und nun bedankte sie sich beim ihm für seine Gewissenhaftigkeit, für die Mühe, die er sich genommen; sie drückte ihm herzlich die Hand.

Auch er wagte sich jetzt mit der Sprache heraus; er schilderte ihr sein einsames Leben, seine Bereitwilligkeit ihr zu dienen, bat um ihre Freundschaft. Sie legte zuversichtlich ihre Hand in die seine; sie war von seiner Vertrauenswürdigkeit überzeugt. Trotz des blutigen Schatten Karls durchrieselte ihn ein Gefühl des Glückes; er besaß eine holde Freundin, deren wohlwollende Gesinnung eine wunderbare Schickung ihm gesichert.

Sie brach auf; er begleitete sie bis an die Tiergartenstraße. Ihren Ring hatte sie angesteckt. Noch einmal kam sie auf das Verhältnis im Elternhause zu sprechen. Sie durfte nicht wagen, den Ihrigen von dem Fremden zu erzählen, der sie spät abends heimlich getroffen. Aber er sollte sich im Hause vorstellen, sollte sich um die vakant gewordene Buchhalterstelle bewerben, von der er zufällig gehört. Es war im Gespräch berührt worden, daß er in einer Lampenfabrik die Handlung erlernt hatte, während Josephas Vater ein großes Bronzeluxuswarengeschäft führte.

Josepha war ruhig geworden. Sie schilderte mit Eifer die Art und Weise der Eltern, damit Armin sich glücklicher bei ihnen einführe. Dazwischen seufzte sie:

»Armer, armer Karl! – Wie gern er lebte, – wie lebensfroh er gewesen!«

Aber sie hatte sich doch in den Gedanken gefunden, daß er tot sei. Die vorhergehenden Tage hatten sie ja auch vorbereitet, und an Karl hatte man ja auch alles mögliche getan. Sein Schatten schien sie Zu begleiten, ohne zu zürnen.

»Auf Wiedersehen!« sagte sie an der Ecke der Viktoriastraße. »Auf Wiedersehen! – Er ist tot,« wiederholte sie; »es ist bitter traurig, das zu wissen, aber doch eine Erlösung nach der schrecklichen Ungewißheit. Auf Wiedersehen!«

Als ihre schlanke Gestalt entschwunden war, entsann er sich erst seines Zweifels, ob Karl wirklich tot war. Er war fast sicher, aber ein Zweifel blieb doch in seiner Seele zurück.

Torheit! – Hatte er ihn nicht beinahe sterben sehen? Verlor jener nicht das Bewußtsein? – Saß die Wunde nicht unmittelbar an der Schläfe? – Vielleicht aber hatte er ein Papier bei sich, in welchem er um Verschwiegenheit bat Dennoch, dennoch regte sich immer wieder die bange Frage.

*

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