Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Paul Blumenreich >

Der Selbstmörder

Paul Blumenreich: Der Selbstmörder - Kapitel 2
Quellenangabe
pfad/blumenre/selbstmo/selbstmo.xml
typefiction
authorPaul Blumenreich
titleDer Selbstmörder
year1904
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20120104
projectid1f502ed3
Schließen

Navigation:

D Der Morgen war gekommen, und noch immer war er nicht da. Man mußte die Rolljalousien aufziehen, das Geschäft eröffnen, trotzdem er fehlte, er, die Hoffnung des ganzen Hauses.

Er war nicht der Sohn des Hauses, aber mehr als ein solcher. Nicht nur sollte er einst das blühende Geschäft fortführen, er galt als der Bräutigam der einzigen Tochter des Hauses, und nicht nur die Zukunft der Firma, auch das Lebensglück dieses jungen Mädchens lag in seiner Hand. Und er war fort, rätselhaft verschwunden, vermißt, seit gestern abend ausgeblieben. Keine Spur, keine Nachricht von ihm.

Und während die Morgensonne ihre ersten Strahlen in das reich dekorierte Schaufenster warf auf die Andromeda von Bronze, die Tanagrafigürchen und auf die kunstvoll gestalteten Leuchter und Stafetten, saßen und standen alle müßig umher mit der einen Frage: Was ist aus ihm geworden?

Es kamen um diese Morgenstunde noch keine Kunden. Solch ein vornehmes Geschäft wie dieses wird nur pro forma so früh geöffnet. Gestern abend beim Schluß des Ladens hatte noch niemand ernste Besorgnis. Ein junger Mann kann einmal ausbleiben bis zehn Uhr, was will das heißen? – Freilich, bei der pedantischen Ordnung im Hause mußte das auffallen. Er war ja manchmal abwesend, aber man wußte doch immer, wo er sei, wann er zu erwarten.

Herr August Hilmar, der Chef des Hauses, war ein alter Herr, ein musterhafter, übergewissenhafter Geschäftsmann. Niemals hätte er etwas verkauft, von dessen sorgsamer Ausführung und Preiswürdigkeit er nicht fest durchdrungen gewesen wäre. Er kalkulierte seine Preise noch nach der alten Art, die sich Unkosten, Herstellung, Zinsen zusammenrechnete und einen ganz bestimmten Prozentsatz als Gewinn daraufschlug, gleichviel ob die Ware besonders billig erworben und leicht loszuschlagen war oder nicht. Daher denn auch das alte, gute Renommee der Firma.

Hilmar hatte eine einzige Tochter. Deshalb hatte man auch ein Mündel, einen entfernten Verwandten, in früheren Jahren in das Haus gezogen und direkt für das Geschäft vorbereitet. Karl Hilmar, ein hübscher, geweckter Bursche, genoß im Hause Hilmar eine sorgfältige Erziehung. Mit sechzehn Jahren war er in das Geschäft getreten, und der Onkel und Vormund führte ihn bei dem versammelten Personal als den zukünftigen Chef ein.

»Dein Glück ist gemacht,« sagte er damals zu dem Jüngling, und nicht ohne Neid sahen die älteren Angestellten den jungen Glückspilz in Tätigkeit treten.

Karl freilich schien nicht sehr davon durchdrungen, daß die neue Wendung der Dinge zu seinem Glücke sei. Als er ausgelernt hatte, begann er lässig zu werden, ja auszubleiben, zeigte sich ohne Eifer für das Geschäft, und die Folgen waren manches Mal heftige Scenen. Eine gewisse künstlerische Veranlagung, die man übrigens in der Schule besonders gepflegt hatte, mochte in ihm den Wunsch entstehen lassen, einen anderen Beruf einschlagen zu dürfen. Er zeigte Neigung zum Modellieren; das Herumstehen hinter dem Ladentisch war ganz und gar nicht nach seinem Sinn; aber alle Vorstellungen nach dieser Richtung hin prallten an dem Onkel und Vormund ob.

»Du wirst Deine künstlerischen Fähigkeiten, Dein Urteil über Form und Farbe auch in unserem Geschäft vorteilhaft verwerten können, und meine Firma würde gewiß noch größere Erfolge erzielt haben, wenn auch mir gleiche Begabung zur Seite gestanden hätte.«

Solcherart suchte der Onkel in seiner bestimmten, wenn auch gutherzigen Weise den jungen Menschen von abenteuerlichen Plänen zurückzuhalten.

Wirklich, Karl hatte nichts von einem Kaufmann, hatte alles von einer Künstlernatur. Mit seinen blitzenden Augen, seinem lässig lebhaften Wesen, seinen wechselnden Stimmungen und Einfällen schien er wenig für die stille, einförmige Arbeit des Kontors zu passen. Er geriet in Entzücken über eine hübsche Figur aus Bronze oder Gips, begann sie wohl auch nachzuzeichnen, aber er dachte nicht an ihren Handelswert, an die Rolle, die sie im Hauptbuche spielte. Er war im stande, irgend einen neuen, kunstgewerblichen Gegenstand lediglich deshalb geschäftlich zu vernachlässigen, weil vielleicht die ornamentale Ausschmückung desselben sein fein entwickeltes Stilgefühl verletzte. Einmal war es geschehen, daß er einem Kunden seines Onkels geradezu ungezogen begegnet war, weil dieser sich für den Ankauf einer geschmacklosen Wandgarnitur entschieden hatte. Dergleichen nahm Herr Hilmar manchmal übel. Wenn nun diese Verstimmungen zwischen beiden anhaltender, ernstlicher sich gezeigt hätten, so hätte man daraus auf einen Grund schließen können für Karls Verschwinden, einen Anlaß für ihn, etwas Tolles, Verzweifeltes zu unternehmen. Aber seit einiger Zeit war Ruhe eingetreten zwischen dem jungen Mann und dem alten Herrn.

Josepha, die einzige Tochter Hilmars, war zwei Jahre bei einer Tante in Dresden gewesen, die ein berühmtes Pensionat besaß. Lernen freilich hätte sie auch in Berlin alles mögliche können, aber die ehrgeizigen Eltern legten Wert darauf, daß Josepha sich feine Manieren, angenehme Formen aneigne, sich musterhaft betrage: das sollte sie in dem aristokratischen Pensionat erlernen.

Nun kam sie von dort zurück als eine Schönheit, als eine vollkommene junge Dame, und seither war es gewesen, daß eine Verwandlung mit Karl vorgegangen. Er wurde sanft, geduldig, aufmerksam, sichtlich verliebt in Josepha. Die Eltern schienen das sich offenkundig entwickelte Verhältnis zu begünstigen, und eines Tages hieß es, die jungen Leute seien stillschweigend verlobt; an Josephas achtzehntem Geburtstage sollte die Verlobung proklamiert werden. Nun erst schien Karl sich ganz und gar in sein Geschick fügen zu wollen. Wenige Tage vor dem Geburtstage aber war es, als das Unglück geschah.

Karl führte die Bücher. Gegen Abend war er von seinem Onkel zu einem Geschäftsfreunde geführt worden und gab von da aus telephonisch Nachricht, der Mann käme erst gegen neun Uhr zurück; er, Karl, werde in einem Restaurant so lange warten und dann seinen vorher vergeblichen Besuch wiederholen. Man wartete in der Familie mit dem Abendessen. Karl bewohnte ein möbliertes Zimmer im Hinterhause, aber er pflegte mit am Familientische zu speisen. Heute abend kam er nicht. Gegen halb zehn Uhr fragte man mittelst des Fernsprechers bei dem Geschäftsfreunde an; Karl war zum zweiten Male nicht dagewesen. Man setzte sich verstimmt und unruhig zu Tische, aß wenig oder gar nichts. Der Onkel und die Tante, zwei alte, sehr pedantische Menschen, die auf die Minute zu speisen pflegten, täglich aus den gleichen Gläsern genau das gleiche Quantum Wein tranken, mit dem Glockenschlage zu Bett gingen und wie Uhrwerke arbeiteten, waren von solch einer Unregelmäßigkeit doppelt empfindlich berührt. Inkorrektheiten konnten sie nicht ertragen; entweder mußte Karl ein Unglück zugestoßen sein, oder er betrug sich unverantwortlich.

Nur Josepha war ruhig; sie war ein gelassenes, harmonisches Gemüt. Vorläufig glaubte sie nichts Böses; irgend ein Zufall konnte die Ursache des Ausbleibens sein. Vielleicht auch hatte sie mehr eine ruhige Gewohnheitszuneigung, als eine heftige Leidenschaft für den Mann, der ihr Kamerad und Spielgefährte gewesen, obgleich er mehrere Jahre älter war als sie.

»Er wird kommen, muß jeden Augenblick kommen,« versicherte sie. Sie verschwieg den Eltern, daß sie manchmal deutlich seinen Tritt gehört hatte, wenn er abends, nachdem die Eltern sich bereits zur Ruhe begeben, noch ausging. – Nach dem Abendessen in der Familie spielte er meist vierhändig mit Josepha und zog sich dann auf sein Zimmer zurück. Sie aber hörte ihn nachher oft noch davonschreiten, ihr Schlafzimmer ging nach der Treppe. Sie wußte nicht, wann er nach Hause kam, grollte ihm auch nicht; sie war jung und begriff vollkommen, daß er nicht so leben konnte, wie die Eltern sich einbildeten. Sie verzieh es, weil er das Dekorum wahrte, fühlte sich aber heute nicht beunruhigt, denn er war eben einer Versuchung erlegen, hatte vielleicht einen Dienstmann oder eine Depesche gesandt, die zufällig ihr Ziel verfehlt hatten. Er kam ja sonst nach Hause, wenn auch noch so spät, und während die Eltern unruhig und ärgerlich dasaßen, zur gewohnten Stunde nicht zu Bett gehen wollten, blickte sie gleichmütig drein aus ihrem schönen, gelassenen Gesichtchen, in ihrer ruhigen, musterhaften Haltung: Er würde schon kommen! –

Aber er kam nicht, kam nicht.

Als es Mitternacht geworden, riet sie den Eltern, zur Ruhe zu gehen. Es kostete sie einen Entschluß, zu verraten, daß er schon manchmal des Nachts fortgeblieben, es hätte auch wohl heute nichts damit zu bedeuten. Im ersten Augenblicke waren die Eltern entrüstet über Karl, über Josepha, die gewissermaßen sein Verhalten beschönigte, aber sie waren doch auch andererseits beruhigt und gingen in ihr Schlafzimmer. Auch Josepha suchte die Ruhe. Bald darauf glaubte sie Karls Schritt zu hören, und so schlief sie ein.

Schon um sechs Uhr stand der Papa auf, eine Stunde früher als sonst verließ er sein Schlafzimmer und begab sich hinauf in Karls Zimmer. Bleich und verstört kehrte er zurück: Karl war nicht da, nicht gekommen.

Eiligst kleideten sich die beiden Damen an. Nun war man ernstlich bestürzt; man ließ auch vor den Dienstboten die Maske fallen, lief unruhig und ratlos umher. Josepha blieb verhältnismäßig die Ruhigste, sie sagte gelassen:

»Er hat sich einen Rausch geholt, den er irgendwo ausschläft, weil er sich schämte.«

Aber auch diese ungewisse Möglichkeit zerfiel sehr bald, denn der Morgen stieg höher und nichts wurde vernehmbar. So machte sich Papa denn auf, nahm eine Droschke, fuhr zur Polizei. Man wußte nichts von Karl; keiner der in der Nacht Verunglückten oder Verhafteten konnte Karl sein. Herr Hilmar fuhr nach Hause in der Hoffnung, der junge Mann werde inzwischen angekommen sein; es ging bereits auf zehn, – aber auch das war eine Täuschung. So entschloß man sich, die Diener zu Freunden zu schicken, zu Verwandten und Bekannten Karls; niemand wußte von ihm zu melden.

Inzwischen versammelte sich das Personal des Hauses. Das Gerücht lief durch die langgestreckten Verkaufsräume: Der junge Herr wird vermißt; er ist seit gestern nicht gekommen. Teilnehmend hörten es die meisten, weil sie gut behandelt wurden, wenn auch streng gehalten.

Fräulein Pauline war die einzige Dame im Geschäft. Man wunderte sich vielfach, daß sie auf ihrem Posten aushielt; sie meinte aber, ein Mädchen müsse seine Tugend selbst schützen; je größer die Gefahr, desto größer war auch das Verdienst. Uebrigens war die Gefahr nicht groß in diesem Mustergeschäft, bei dieser feinen Kundschaft. Allerdings, es fehlte nicht an Versuchung, denn sie war eine pikante, üppige Blondine, kokett gekleidet, von ein wenig auffälligem, sehr entschiedenem Wesen. Nach ihrem Aeußeren hätte man sie für eine leicht zugängliche Kokette halten mögen, aber sie ging nie über einen harmlosen Scherz hinaus; wer mehr versuchte, dem begegnete sie nachdrücklich, ja grob. Sie unterstützte von ihrem Gehalt die Mutter und jüngere Geschwister.

Niemand bemerkte, daß Fräulein Pauline, die Kassiererin, die sich sonst durch außerordentliche Pünktlichkeit auszeichnete, heute fehlte. Schlag acht Uhr sah man sonst ihren hübschen, blonden Kopf hinter dem Kassentischchen auftauchen, jetzt – um halb neun Uhr – kam sie an, ganz atemlos und dunkelrot.

»Wissen Sie vielleicht etwas von ihm?« rief ihr der erste Kommis entgegen, ein ganz kleines, aber sonst hübsches Männchen mit gebrannten Locken und geschniegelter Toilette.

»Von wem?« fragte Pauline verwundert. Sie hatte ganz vergessen, daß Karl gestern abend nicht mehr in das Geschäft gekommen war.

»Von dem jungen Herrn. Er ist nicht nach Hause gekommen.«

Das junge Mädchen fuhr erzürnt auf:

»Wie soll ich wissen, was mit ihm geworden ist! Sie glauben doch nicht, daß ich Rendezvous mit ihm habe? – Es ist empörend.«

»Sie waren so aufgeregt, Fräulein Pauline,« meinte jener begütigend; »und außerdem, ich sah es doch, Sie hatten immer ein Auge auf ihn.«

Der kleine, hübsche, parfümduftende Kommis war offenbar eifersüchtig; Pauline aber hörte nicht auf die Anzüglichkeiten. Jetzt erst gab sie der Vorstellung Raum: Er ist nicht nach Hause gekommen, und mit dem Ausdruck des Schreckens und der Besorgnis fragte auch sie:

»Was ist aus ihm geworden?«

In fünfzig Varianten erzählte man ihr:

»Der junge Herr ist ausgeblieben. Vom jungen Herrn ist nichts zu hören, nichts zu sehen.« Niemand aber wußte ihr Näheres zu sagen.

Man hatte es, wie gesagt, nicht bemerkt, daß sie zu spät gekommen war, sie, die Pünktlichkeit selbst. Sie dachte einen Augenblick daran, sich beim Chef zu entschuldigen, aber er hörte sie nicht; er hatte ihr Zuspätkommen übersehen.

Alles fraternisierte heute mit dem Chef, lobte den Verschwundenen, kombinierte mit dem alten Herrn, wo Karl geblieben sein könne. Man hatte sonst gewaltigen Respekt vor dem Chef, der in seiner steifen, würdigen Haltung eine gewisse Unzugänglichkeit sich zu wahren gewußt. Heute machte der Schreck, die Besorgnis alle gleich; nur der kleine Kommis machte auch diesmal eine Ausnahme. Ein Kundiger hätte ihm die schlecht verhehlte Schadenfreude vom Gesicht lesen können.

Der junge Herr, der Verlobte der schönen Tochter des Hauses, nach dem auch die pikante Pauline angelte, war fort, verschwunden. Das war eigentlich kein Grund, sich zu ärgern. Der kleine Kommis hieß Waldenburg; er entstammte einem alten Adelsgeschlecht, aber der Chef hatte ihm die Bedingung gestellt, von seinem Adel keinen Gebrauch zu machen, und jener ging darauf ein, tat auch seine Schuldigkeit, aber er spielte doch gern den Freiherrn, den Ritterlichen, den Mann von Welt; auch hatte er wirklich seine Manieren. Anfangs machte er Josepha den Hof, und wenn diese es nicht merkte, so warf er sich auch ein wenig zum Kavalier der schönen Kassiererin auf. Alls reinem Vergnügen an der Sache geschah das alles; Josepha war ja nicht mehr frei, und Pauline würde ihn nicht erhören. Unbegreiflich genug war, warum sie sich so spröde zeigte. Ein hübsches Mädchen, das von früh bis abends an der Kasse saß und nach einem Vergnügen, einer Zerstreuung lechzen mußte, dazu ein tugendhaftes Mädchen, dem zarte Huldigungen gefallen mußten, und er, Waldenburg, war galant und ritterlich. Ach, er hatte alles: Namen, hübsches Aeußere, gewinnende Manieren, eine auskömmliche Stellung, nur er war zu klein. Josepha reichte er kaum an die Schulter, Pauline bis an den oberen Rand des Ohres; der sechzehnjährige Lehrling des Hauses war größer als er. Ach, wie froh war Herr von Waldenburg: Der hübsche, junge »Chef« war fort, neben dem nicht aufzukommen war. Tot? – Nein, tot brauchte er nicht zu sein, nur durchgebrannt, weil er eine Dummheit gemacht hatte, weil er eine andere liebte. Nur wiederkommen sollte er nicht; irgendwo in Amerika mochte es ihm wohlgehen, nur hier nicht.

Josepha war heute unten nicht zu sehen, also konnte man Pauline ein wenig Aufmerksamkeit zuwenden. Im Grunde genommen gefiel ihn? Pauline besser als Josepha, aber diese war doch die Tochter des Chefs.

»Warum kamen Sie heut so spät, Fräulein Pauline? – Es ist doch kein Unfall in Ihrer Familie geschehen?« –

»Ja, doch,« flüsterte Pauline. »Meine Tante hatte einen Schlaganfall.«

Waldenburg schnellte empor. Jene Tante war, wie er wußte, eine Erbtante, sie sollte Vermögen besitzen, ein geheimnisvolles Testament deponiert haben. In seinem findigen Vorstellungsvermögen entwickelten sich liebliche Möglichkeiten.

»Ist sie tot?« fragte er.

»Nein, es war nur eine Streifung.«

»Aber wenn es sich wiederholt?« fuhr er fort.

»Ach, wer wird daran denken!« wies ihn Pauline ab.

Er aber dachte daran. Wenn Pauline erbte! Sie gefiel ihm, aber ein ganz armes Mädchen heiraten, war doch ein Wagestück. Wenn er jedoch Ernst machte, seinem Namen würde man nicht widerstehen, und sein Rivale im Geschäft war fort, verschwunden. Leise flüsternd erwog er mit Paulinen die Chancen für die Genesung ihrer Tante; sie waren wie das junge Mädchen leider selbst zugeben mußte, gering. Aber sie sprach über das alles, offenbar ohne auch nur zu ahnen, woran Waldenburg dabei dachte.

Der Chef hatte sich in seiner Aufregung wieder entfernt, er war nochmals zur Polizei gegangen. Zehn Uhr war längst vorüber, man mußte jetzt etwas wissen. Ein zufälliges Ausbleiben war gar nicht mehr möglich; wenn Karl aus irgend einem Grunde bei einem Freunde übernachtet hatte, so hätte er längst hier sein müssen.

»Mein Gott, wie verwirrt mein Mann ist!« sagte Frau Hilmar. »Da hat er den Schlüssel an meiner Privatkasse stecken lassen. Zum Glück sind ehrliche Leute hier.«

»Und Fremde kommen nicht in das Comptoir,« beruhigte sie Waldenburg. Er sagte das ganz unbefangen. Plötzlich aber veränderte sich seine Miene; mit eigentümlichem Ausdruck hing sein Blick an der Kasse. Wenn darin Geld fehlte – wenn »er« – der glänzende Karl, der Sieger bei allen Frauen – o, es wäre großartig!

Nein, er, Waldenburg wünschte niemand etwas Böses. Aber diesen Karl hätte er manchmal erwürgen können. Anfangs hatte jener sehr auffällig mit Pauline, der hübschen Kassiererin, getändelt, und ihm, Waldenburg, gefiel das Mädchen selbst. Aber gegen den sieghaften, jungen, schönen – ach, so schlank gewachsenen Herrn Hilmar – konnte der fast komisch kleine Freiherr nicht aufkommen.

Und dann kam Josepha – wieder ein schönes Mädchen! Jetzt kaperte der verführerische Karl diese – nur so im Handumdrehen. Es war wirklich empörend. O – wenn dieser unwiderstehliche Held mit der Kasse durchgebrannt wäre! –

Aber niemand dachte an diese Möglichkeit. Es war wohl auch Unsinn. Der junge Mann war wohlsituiert, war als künftiger Schwiegersohn auch der präsumtive Erbe.

Nein – es war nichts! Die Kasse war doch intakt!

Und Waldenburg wandte sich indigniert ab.

Die Privatkasse war eigentlich diejenige der Frau Hilmar. Sie enthielt die Depositenscheine über ihre Mitgift nebst einigem barem Gelde. Bei der musterhaften Ordnung auch in den Privatverhältnissen des Hauses war man darüber einig geworden, daß Frau Hilmar einen gewissen Teil ihrer Ausgaben aus ihren Privatmitteln bestreite, und das geschah aus jener wohlbesetzten kleinen Kassette, die morgens aus dem großen Geldschrank genommen wurde, um abends wieder unter Verschluß zu gelangen. Jetzt zog sie den Schlüssel ab und verbarg ihn ängstlich.

Und jetzt kamen auch Kunden. Die neuen Armleuchter mit farbigen elektrischen Glühlämpchen waren ein begehrter Artikel geworden, ebenso die reizenden Blumenvasen aus einer Kombination von Marmor und Bronze. Waldenburg verkaufte mit gewohnter Beredsamkeit und gewohntem Erfolge. Und jetzt kam der alte Hilmar vom Polizeibureau zurück, sank in einen für die Kunden bestimmten Sessel.

»Keine Spur von ihm, man weiß nichts,« jammerte er, ohne auf die im Laden Anwesenden zu achten. Zwei Damen, welche eben eine Schreibtischgarnitur erhandelten, zeigten Teilnahme; der Chef beachtete sie kaum. Er klagte weiter:

»Und es ist doch kein Grund vorhanden, absolut keiner! Der Junge war gut gestellt, hatte Geld, er hatte auch keine Schulden; ich habe eben sein Ausgabenbuch gesehen, auch nachgefragt, wo immer eine Möglichkeit gewesen wäre; niemand weiß von Schulden. Er war kerngesund und hatte eine schöne Zukunft vor sich. Er war verlobt und liebte meine Josepha; das Leben lag vor ihm wie eitel Rosenfarbe und Sonnenlicht.«

»Es muß ihm ein Unfall zugestoßen sein,« bemerkte Waldenburg, während er den Damen auseinandersetzte, daß cuivre poli ein überwundener Standpunkt sei.

»Dann wüßte man's auf der Polizei,« fuhr der Alte fort, »der Junge wäre in einem Krankenhause. Ich habe überall angefragt und anfragen lassen.«

Alle schwiegen. Der Chef konnte sich nicht beruhigen.

»Er muß irgendwo verunglückt sein, z. B. an einem der Seen; anders kann man außerhalb Berlins nicht leicht zu Schaden kommen, und in der Stadt ist ihm nichts geschehen, sonst wüßte man es auf der Polizei. Was aber bestimmte ihn, gestern abend hinauszugehen ohne uns, ohne Josepha? Er sollte und wollte doch um neun Uhr bei meinem Geschäftsfreunde sein, hat dort sein Wiederkommen in Aussicht gestellt. Von diesem Augenblicke an fehlt jede Spur von ihm. Wenn ihn schon die Lust zu einem Ausfluge ankam, warum sollte er uns nicht benachrichtigt haben, und wär's selbst mit einer Ausrede? – Mein Gott, ich selbst habe nie eine Ausrede gebraucht, aber die junge Welt von heute ... nun, ich würde es ja gelten lassen, es kann ja vorkommen! Aber so ohne Erklärung abends, da er noch geschäftlich zu tun hatte, etwa nach dem Müggelsee zu fahren und dort zu ertrinken, – und auch gleich zu ertrinken! Und man wüßte auch das bei der Polizei, man müßte eine Nachricht haben!«

Die beiden Damen hörten schweigend zu; das rätselhafte Unglück interessierte sie mehr, als die Schreibtischgarnitur in vieil argent.

»Er wird fortgereist sein,« wagte Waldenburg zu bemerken.

»Aber warum? – Und warum heimlich?« fragte der Alte, der in dieser Stimmung auf alles einzugehen bereit war. –

Niemand antwortete, und plötzlich brach Herr Hilmar in Verzweiflung aus:

»Er ist tot, tot!« Der alte Mann war ganz gebrochen.

Inzwischen war Josepha eingetreten.

»Nein,« versicherte sie bestimmter als es sonst ihre Art war, »er ist nicht tot. Es kann nicht sein, Papa.«

Zufällig begegnete ihr Blick dem Paulinens, und diese erwiderte zuversichtlich:

»Nein, er ist nicht tot; ich glaube es nicht. Er wird wiederkommen!«

*

 << Kapitel 1  Kapitel 3 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.