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Der Selbstmörder

Paul Blumenreich: Der Selbstmörder - Kapitel 10
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authorPaul Blumenreich
titleDer Selbstmörder
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Das Suchen nach dem unbekannten jungen Manne, dem er im Spiel Revanche geben wollte, war ein willkommener Vorwand für Benno, sich wieder in das Café zu begeben. Hanna hielt ihn nicht zurück, diesmal nicht, denn sie wünschte selbst, daß Benno den Fremden, dessen Namen er nicht mehr wußte – wie Heller oder Brenner mußte er gelautet haben – und dessen Karte er verlegt hatte, wenigstens einen Teil des Geldes zurückgewinnen lasse.

Benno hatte zwar versichert, es habe nichts auf sich, aber unangenehm sei ihm doch die Geschichte so lange, bis er die Revanche gegeben habe. Jedenfalls könne man nichts dafür, wenn man Glück habe. Aber sie sah ganz genau, daß er sich nicht ganz ruhig fühlte.

Und auch sie fühlte sich nicht ruhig. Immer wieder kamen sie auf dasselbe Thema zurück. Hanna fragte ihren Gatten ängstlich:

»Du höre, wie sah denn der Mann eigentlich aus? War er blaß, als er verlor? Schien er erschrocken, zitterte er, als er die Banknoten aus dem Portefeuille nahm? Was sagte er zu Dir, als er sein letztes Geld hinlegte, d. h. den letzten Einsatz?«

Benno antwortete einsilbig und ungenügend auf alle diese Fragen. Aber gerade daraus entnahm sie, daß Grund zur Besorgnis vorhanden war, und ohne daß sie darüber ein Wort mit ihrem Manne wechselte, stand vor beider Seele dasselbe fürchterliche Bild: jener Unglückliche, der seine letzte Habe verspielt hat und der dann im Wahnsinn und Verzweiflung durch Selbstmord stirbt.

So viel hatte Hanna heraus: der Verlierer war offenbar ein junger Mann aus guter Familie gewesen. Vielleicht hatte er sich in schwere Verlegenheiten verwickelt, hatte strenge Eltern, eine Braut, genug: so oder so hatte er seine Existenz aufs Spiel gesetzt. – Dann schien ihm wohl plötzlich, sein Gegner sei ein Teufel und – hier stutzte Hannas überreiche Phantasie – jener Teufel, der ihm alles abgewonnen hatte, der die Banknoten lächelnd einstrich, der seiner Frau dafür ein neues Armband kaufte, – jener Dämon, jener Unglückselige – das war Benno, ihr Gatte!

Mitten im Schlaf schrie sie manchmal auf, von solchen Vorstellungen gepeinigt, und dann merkte sie, daß auch Benno nicht schlief, daß auch ihn eine innere Unruhe quälte.

Am Tage nötigte Hanna ihren Gatten, zu arbeiten: das würde ihn zerstreuen. Wenn er doch nur die Oper endlich fertig machen wollte, dann würde ja alles noch gut werden.

»Nein, nein,« wehrte er ab, »in dieser Stimmung gelingt mir nichts. Ich muß Gemütsruhe haben.«

Benno lief besonders des Abends in alle möglichen Spiellokale, um seinen Partner wieder zu finden, aber er fand ihn nirgends. Hanna bemerkte bei dieser Gelegenheit mit Schrecken, wie genau er alle Spielhöllen der Stadt kannte.

Da Tag um Tag verging, ohne daß der Fremde sich wieder einstellte, hatte er zunächst im Lokal, wo er damals gewonnen, Nachforschungen angestellt. Die anwesenden Kellner kannten den jungen Herrn nur sehr flüchtig, nur vom Sehen: einer der Gäste aber glaubte nach der Personalbeschreibung den jungen Mann zu erkennen.

»Ja, ja, jener brünette Mann mit dem hellen Ueberzieher, der war Stammgast im Café Belvedere: dort nahm er täglich zwischen vier und fünf Uhr seinen Nachmittagskaffee.«

Und Benno lief in dieses Café, um etwas über den jungen Mann im hellen Ueberzieher zu erfahren. Er fragte am Büffet, er fragte den Zahlkellner. Ja, ganz richtig, ein junger Herr, auf den die gegebene Personalbeschreibung paßte, war zwar nicht täglich, aber immerhin öfter gekommen; seit längerer Zeit jedoch war er ausgeblieben.

Am Büffet im Café Belvedere sagte man ihm, drüben im Bierrestaurant Löwenbräu würde er gewiß den Namen erfragen können; dort pflegte der junge Mann zu frühstücken, dort sähe man ihn täglich gegen elf Uhr eintreten.

Und Benno stürzte in das Restaurant Löwenbräu. Dort gab es jedoch keinen Zahlkellner, welcher mit allen Gästen ohne Ausnahme in Berührung kommt. Es war eine große Mühe, alle Kellner nach dem jungen Herrn im hellen Ueberzieher auszufragen. Schon wollte Benno diese törichten, fast lächerlichen Bemühungen aufgeben, als ein Herr, der allein an einem Tische saß und eine Portion Rinderpökelfleisch verzehrte, auf sein unruhiges Fragen aufmerksam wurde und sich freiwillig zur Auskunft meldete. Es war ein sehr behäbig aussehender älterer Mann; offenbar war er neugierig geworden und lud jetzt Benno ein, bei ihm Platz zu nehmen.

Der junge Mann folgte dieser Einladung und ließ sich einen Kognak geben.

»Ich habe hier neulich einen Regenschirm vertauscht,« sagte er, um sein auffallendes Betragen zu maskieren. »Wie ich glaube, habe ich ein besseres Exemplar bekommen und zwar das Eigentum jenes jungen Mannes im hellen Ueberzieher.«

»Ja, ja, den kenne ich,« rief der Stammgast.

Bennos Herz pochte ordentlich. »Bitte, so sagen Sie mir doch, wer er ist!«

»Ja, den Namen weiß ich nicht; sonst aber kenne ich ihn ganz genau. Er ist ein Angestellter von der Bronzewarenfirma Hilmar in der Leipzigerstraße, das kann ich Ihnen ganz bestimmt sagen.«

»Und in den letzten Tagen ist er nicht hier gewesen?« forschte der nervöse Musiker weiter.

»Nein,« entgegnete der Stammgast, »jetzt habe ich ihn schon längere Zeit nicht gesehen, wohl acht bis vierzehn Tage lang.«

Benno atmete erleichtert auf, trotz des letzten beunruhigenden Nachsatzes. »Ich danke Ihnen,« sagte er, trank jetzt erst seinen Cognac, zahlte und ging. Er begab sich sofort zu der Bronzewarenfabrik Hilmar. Etwas ratlos stand er vor dem prachtvollen Schaufenster.

Wie die Sache einleiten, da er nicht einmal den Namen der gesuchten Persönlichkeit wußte? – Wie die meisten Personen der besseren Gesellschaft fürchtete er nichts mehr als aufzufallen, sich lächerlich zu machen. – Uebrigens, was zögerte er? – Vielleicht erkannte er den jungen Mann ohne weiteres unter den Bediensteten; warum sollte er nicht ein Kommis sein, der gerne einmal den Kavalier spielen wollte und dem es übel bekommen war. Vielleicht mußte der arme Bursche sparen, sich das Kaffeehaus und das Frühstück im Löwenbräu abgewöhnen.

Benno trat also ein und verlangte einen Aschenbecher. Man legte ihm einige Gegenstände vor. Natürlich betrachtete er weniger diese als die im Laden anwesenden Verkäufer. Er spähte auch in das Comptoir, dessen Tür gerade aufging, aber der Gesuchte war auch da nicht.

Er kaufte also einen der kleinen Becher, fast ohne das Ding besichtigt zu haben. An der Kasse saß ein sehr hübscher, ganz junger Mann, brünett, mit zierlichem Schnurrbärtchen, der Gesuchte aber war es nicht. Man konnte ihn aber um so eher ausfragen, als im Augenblick kein Publikum an der Kasse war.

So erzählte denn Benno nochmals die Geschichte von dem vertauschten Regenschirm und erkundigte sich, ob bei der Firma ein junger, brünetter Mann, groß und schlank usw., mit hellem Ueberzieher, bedienstet sei.

»Das kann nicht stimmen, mein Herr,« versetzte der junge Mann mit großer Bestimmtheit. »In unserem Geschäft trägt niemand einen hellen Ueberzieher. Keiner außer mir ist brünett. Man hat sie falsch berichtet.«

Benno stand wieder vor der Tür, mitten im Gewühl der Leipzigerstraße, völlig ratlos. Jede Spur seines Partners schien verloren.

*

Inzwischen war Frau Hanna wieder einmal bei ihrer Mutter gewesen, welche sie schon seit längerer Zeit nicht besucht hatte. Frau von Bötzow war eben im Begriffe, sich zum zweiten Frühstück zu begeben und lud ihre Tochter dazu ein, da ihr Gatte auf einem Jagdausflug abwesend war. So saßen denn die beiden Damen allein im Speisezimmer. Wieder, wie sonst, fiel Hanna der Gegensatz zwischen einst und jetzt, zwischen ihrem jetzigen Heim und dem ihrer Eltern schwer aufs Herz. Allerdings waren ihre Eltern durchaus nicht reich, aber eine ihnen als Agnaten des Hauptzweiges der Familie des Barons zufallende Leibrente, verbunden mit einem von seiner Frau zugebrachten Vermögen, setzten den Vater in den Stand, angenehm und sorgenfrei zu leben. Der Frühstückstisch war mit gediegenem Silber gedeckt, und dort drüben im Schrank lag, wie Hanna ganz genau wußte, noch ein ganz kleines Vermögen in Silberzeug. Sie ertappte sich bei der Vorstellung, wie viel das Silberzeug hier auf dem Tische eintragen würde, wenn man es nach dem Leihhause brächte. Das arme Weib hatte schon gelernt, ihren Besitz an Wertsachen danach zu taxieren, wie hoch man ihn im Leihhause belieh.

»Dein Mann ist wohl gut bei Kasse?« fragte auf einmal die Baronin. »Er hat Dir ja ein neues Armband gekauft.«

Und die Baronin besah das neue Schmuckstück, welches Hanna trug, ein hübsches, stilvolles, aber nicht übermäßig kostbares Armband im Renaissancestil. Benno hatte es ihr zum Ersatz gekauft für ein anderes, das im Leihhause mit einer ganz kleinen Summe verfallen war. Hanna hatte vermutet, die Mutter würde die kleine Verschiedenheit zwischen dem neuen und dem verlorenen Armband nicht merken. Die Baronin jedoch sagte:

»Dein Mann ist doch recht unverständig, Du hast ja schon ein ganz ähnliches Armband. Uebrigens, wie weit ist Benno mit seiner Oper?«

»Ach, nicht viel weiter, Mama; es geht recht langsam.«

»Nun denn, woher habt Ihr dann Geld?« meinte die Baronin mißtrauisch. »Es ist doch noch gar nicht lange – ich glaube vierzehn Tage her, daß Du mir Eure Lage ganz trostlos geschildert und von mir Geld verlangt hast.«

Hanna fühlte sich verletzt durch das scharfe Ausforschen von seiten ihrer Mutter und sagte jetzt gerade heraus: »Mein Mann hat gespielt und gewonnen.«

Die Baronin machte ein sehr finsteres Gesicht und sagte abweisend: »Wie kannst Du denn dulden, daß Dein Mann spielt, um Gottes willen!«

»Aber Mama,« entgegnete die junge Frau verletzt, »tue doch nicht so! Ich weiß doch ganz genau, daß mein Bruder Ottomar – freilich, er ist Dein Liebling! – auch spielte und große Summen verloren hat. Ich besuchte noch die Schule, ich weiß aber ganz genau, daß Du ihm bei dem Vater das Wort geredet hast.«

»Dein Bruder ist ein Kavalier,« versetzte Frau von Bötzow hochfahrend; »in seinen Kreisen kommt es vor, ist manchmal nicht zu umgehen und daher entschuldbar. Aber Dein Mann –«

»Und mein Mann?« rief Hanna. »Was ist er weniger als Ottomar?«

»Dein Mann muß arbeiten, um etwas zu sein,« entgegnete Frau von Bötzow streng. »Er muß arbeiten, das ist seine Pflicht und Schuldigkeit. Ein Kavalier wie Ottomar hat weiter keine Verpflichtungen als seinen Namen, seinen Rang tadellos zu erhalten.«

Hanna widersprach, und so stritten die Damen eine Weile hin und her; endlich brach die junge Frau in Tränen aus. Ihrer Mutter gegenüber verteidigte sie ihren Gatten, und doch litt sie schwer genug unter seinen kavaliermäßigen Neigungen. Die Vorwürfe der Mutter benahmen ihr schließlich die Fassung.

Frau von Bötzow, ohne etwas an ihrer wundervollen Haltung zu verlieren, nahm das winzige Schnittchen Roquefortkäse, welches sie nach dem Frühstück zu essen gewohnt war und das immer in derselben umständlichen Weise serviert wurde, und klingelte dem Diener. Die Baronin liebte keine Scenen und nahm an, daß die wohlerzogene Hanna infolge der Anwesenheit des Dieners ihre Erregung bekämpfen würde.

Und so geschah es auch. Die junge Frau nahm sich gewaltsam zusammen. Indessen räumte der behandschuhte Diener den Tisch ab und entfernte sich geräuschlos. Frau von Bötzow aß sehr langsam und sehr behaglich ihr Schnittchen Käse auf, dann sagte sie: »Nun beruhige Dich, Hannchen. Ich meine es ja doch so gut mit Dir. Halte Deinen Mann Zur Arbeit an, seine Oper muß fertig werden, und ich will Dir auch sagen, warum. Die Stellung eines Intendanten in R. soll demnächst besetzt werden. Es ist ein Hoftheater, wie Du weißt, und die Oper als solche wird dort besonders sorgfältig gepflegt. Graf Hans Holzhausen, ein Jugendfreund Deines Vaters, hat alle Aussicht, dort Intendant zu werden; die beiden sind zusammen aufgewachsen, sind Duzfreunde. Ich werde mit Deinem Vater zu Gunsten Deines Mannes reden, dann ist seine Oper so gut wie angenommen. Daß sie gut besetzt und gut ausgeführt wird, ist bei dem Hoftheater in R. selbstverständlich, und auch der Erfolg ist bei den dortigen Verhältnissen, bei dem Respekt, den das Hoftheater genießt, bei dem dortigen gewählten Publikum so gut wie gemacht. Aber natürlich. Dein Mann muß so bald als möglich fertig werden. Dein Vater ist ohnehin böse über seine Saumseligkeit, und wenn die Sache nicht bald in Zug kommt, so wird er auch nicht zu bestimmen sein, Benno zu protegieren. Das einzige also, was Du tun kannst, ist, Deinen Mann zur Arbeit anzuhalten.«

Hanna versprach hocherfreut, was ihre Mutter wünschte, dankte ihr und schickte sich an, zu gehen. Benno wollte ja um zwölf Uhr zu Hause sein; zwischen dieser Stunde und dem Mittagbrot war seine beste Arbeitszeit, und er sollte nur gleich ans Werk gehen. Hanna verschwieg allerdings ihrer Mutter, daß seit lange seine Arbeit sich aus etwas Klavierspiel beschränkte.

Die Baronin schloß inzwischen das Büffet auf und packte, wie gewöhnlich, noch etwas für Hanna zusammen, etwas Chokolade, ein Päckchen seinen Tee, eine Düte englischer Cakes und ein Stückchen Gervaiskäse.

Hanna ging sehr getröstet von dannen. Das war wieder ein Sporn für Benno. Ohne Zweifel, jetzt würde er arbeiten, sein Ehrgeiz würde erwachen.

Als sie nach Hause kam, saß ihr Gatte finster brütend vor dem Klavier, ohne eine Taste zu berühren. Hanna wußte sofort, in welchen Gedanken er sich wieder verloren hatte.

»Der Mensch scheint aus der Welt verschwunden zu sein,« sagte er zu ihr.

Sie wußte sofort, von wem die Rede war, – es war immer der Mann mit den fünftausend Mark. Sie trat an Benno heran und legte zärtlich die Hand aus seine Schulter.

»Du wirst Dich zerstreuen, mein Lieber, wenn Du recht fleißig arbeitest.« Und sie erzählte, was sie soeben von ihrer Mutter gehört.

Er horchte auf, seine Wangen röteten sich, seine Augen leuchteten. »Du hast recht, ich muß arbeiten. Ach, mein Gott, wenn ich doch nur einmal recht in die Stimmung kommen könnte! Das Ganze ist ja eine Kleinigkeit für mich. Aber ich kann ja nicht leugnen, das Verschwinden des geheimnisvollen Fremden liegt mir recht schwer auf der Seele.«

»Du hast nicht in der richtigen Weise nach ihm gesucht. Du mußtest doch vorerst erfahren, wie der Verschollene heißt. Wo mag denn nur seine Karte geblieben sein?«

»Du hast recht,« versetzte er. »Es ist ja lächerlich, in Berlin jemand zu suchen, dessen Namen man nicht kennt. Aber ich habe die Karte verloren, den Namen vergessen, und aus anderem Wege konnte ich ihn nicht erfahren. Die Karte hatte ich an jenem Abend in meinen Ueberzieher gesteckt, nicht weiter beachtet und fand sie nicht, als ich später danach suchte. Ich muß sie verloren haben; Du könntest doch einmal nachsehen und nachforschen, ob es nicht hier im Hause geschehen ist.«

Das war nun keine Kleinigkeit, denn seit jenem Abende, da Benno mit dem Gelde nach Hause gekommen war, waren fast zwei Wochen vergangen. Dennoch begab sich Hanna hinaus in die Wirtschaftsräume, in das Vorzimmer, die Kinderstube, die Küche, und ließ suchen. Und wirklich, nach geraumer Zeit brachte sie ihrem Gatten die Hälfte einer Visitenkarte. Der kleine Leo, der Aelteste, hatte dieses Fragment zwischen seine Spielsachen gepackt; ganz unten in einer mit Bausteinen und anderen Sächelchen gefüllten Kiste hatte sich das Kärtchen gefunden. Allerdings, die andere Hälfte war unauffindbar.

Auf dem schmutzigen, zerknitterten Stückchen Pappe war noch zu lesen: K – dann darunter ein großes B – und in der Ecke rechts ganz unversehrt eine Adresse, enthaltend Straße, Nummer und Treppen.

So ungenügend das schien, Benno atmete auf. Ja, es war die gesuchte Karte. Er hatte sie im Korridor verloren, das Kind sie gefunden und damit gespielt. Aber er besann sich ganz genau, daß der schmerzlich Vermißte mit dem Vornamen Karl hieß, und er glaubte sich auch zu erinnern, daß es ein Buchhalter war; daher vielleicht das große B. Da die Wohnungsangaben unversehrt geblieben, war es jetzt für ihn nicht mehr schwer, seinen Partner vom grünen Tische zu finden.

Bennos Gesicht verklärte sich. Hanna sah ganz deutlich, wie seine Stimmung umschlug.

»Ja, ja,« sagte er, »das ist seine Karte. Ich werde ihn finden. Nun soll er mir heran zu der üblichen Revanche, und hätte er auch die Karten für ewig abgeschworen!«

»Ja, ja, mein Lieber, Bester,« jubelte Hanna; »er muß Dir Revanche geben. Spiele nur, spiele! – Heute habe ich nichts dagegen, ja ich wünsche es sogar, damit Du Dir keinerlei Vorwurf mehr zu machen hast. Nachher wirst Du dann um so eifriger arbeiten.«

Er betrachtete sie zärtlich.

Hanna wollte ihn gern in dieser exaltierten Stimmung erhalten; es war die richtige Stimmung zum Schaffen. Sie stellte ihm vor, wie die Oper das ganze Glück ihrer Zukunft machen, ihre Existenz begründen könne. Mit sanftem Vorwurf erinnerte sie ihn an alles das, was er bisher versäumt. Sie rief ihm ins Gedächtnis, wie er sie aus dem Schoße ihres Vaterhauses geholt, wie sie ihm folgte, weil sie an seine künstlerische Zukunft glaubte. Und er war sich selbst ja gar nicht bewußt, in welcher Gefahr sie schwebten. Er war im Begriffe, seinen mühsam erworbenen Künstlernamen wieder zu verlieren, und ihre ganze wirtschaftliche Existenz war bereits in ernstes Schwanken geraten.

»Wenn Du mir wirklich etwas zuliebe tun könntest, Benno,« sagte sie, »wenn Du mich überhaupt noch liebst –«

Sie sagte es schüchtern, denn die vielen Sorgen und Nöten der letzten Jahre hatten die Erinnerung an ihren poetischen Liebestraum weggewischt.

»Wenn Du mich noch ein wenig lieb hättest, ach, dann wäre ja alles, alles gut. Du würdest dann leicht in die richtige Stimmung kommen, zu arbeiten. Dein künstlerisches Ziel zu erreichen.«

»Du bist ein Närrchen!« sagte er gerührt. »Wenn ich Dich noch liebte! – Nun, was soll ich denn? Dir einen Stern vom Himmel holen, wie? Oder Dir ein Paar schwedische Handschuhe kaufen? Oder was meinst Du eigentlich?«

Ihr liebliches Gesichtchen wurde sehr ernst. »Du nimmst mich doch nicht ernst, Benno! – Aber ich bin nicht mehr das, als was Du mich kennen lerntest, ich bin kein Kind mehr. Neben Dir bin ich ernst und reif geworden, ohne daß Du es selbst merktest. Wenn Du mich liebst, Benno, so werde, wie ich jetzt bin, werde ernst, strebsam, kehre in Dich selber ein! Sei eingedenk unserer Kinder, erinnere Dich, was Du mir einst gelobtest; es war nichts Geringeres als die schönsten, frischesten Lorbeeren, die ein junger Künstler pflücken kann.«

»Sie scheinen mir heute nicht so leicht erreichbar wie damals.«

»Ich verlange auch heute von Dir nichts, als daß Du sie ernstlich erstrebst. Solltest Du sie auch dann nicht erreichen, so werde ich Dir niemals einen Vorwurf machen; es war uns dann eben nicht bestimmt. Aber ernstlich streben mußt Du, und das hast Du bisher nicht getan. Vernachlässige mich, wenn Du willst, schicke mich in die Kinderstube, aber arbeite. Und vor allem – das gehört dazu: schwöre das Spiel ab!«

Er vermochte nicht gleich zu antworten. Er war beschämt, zerknirscht, aufs tiefste ergriffen von ihrer Liebe. Ja, es mußte alles anders werden, nicht nur seinet-, noch mehr ihretwegen. Er sah sie an mit jenem schwärmerischen Blick, der sie einstens so sehr bezaubert. Ja, in diesem Augenblick begriff er ihren ganzen Wert.

Er umfing sie jetzt mit der ganzen hingebenden Glut des liebenden Freiers von damals.

»Ich schwöre es Dir, Hanna! Ich schwöre es Dir bei dem Haupte unserer Kinder, ich will keine Karte mehr anrühren, wenn ich dem Manne seine Revanche gegeben habe, die ich ihm schulde. Dann will ich arbeiten, will auch meine Oper bis Neujahr vollenden, wie Dein Vater es wünscht. – Nochmals, ich schwöre es Dir!«

Sie strahlte vor Freude, denn sie glaubte ihm. Er fuhr fort: »Ich will auch gar keine Zeit verlieren, will gleich feststellen, wo er wohnt. Bitte, liebe Hanna, klingle!«

Sie tat, wie er wünschte; er bestellte eine Droschke. Inzwischen machte er sich fertig zum Gehen. Er hatte ihr im Fluge alles erzählt, was er heute vormittag vergeblich versucht hatte.

Er ging voll freudiger Hoffnung. Voll Stolz über den Sieg erwartete sie seine Rückkehr. Sie öffnete das Klavier, sie legte leere Notenblätter und zwei scharfgespitzte Bleistifte zurecht; einen alten Lorbeerkranz, den er einst bei einem Konzert erhalten, legte sie in seine Sehweite und ließ ihm eine Flasche guten Weines kommen, denn sie wußte, er liebte bei der Arbeit einen Schluck zu nehmen. Ach, sie war so froh, so zuversichtlich: Es würde alles gut werden! –

Wenig mehr als eine halbe Stunde war vergangen, da hörte sie den Korridor aufschließen. Voll liebender Sorge stürzte sie hinaus. Er war totenbleich, er taumelte. Sie konnte nicht begreifen, was geschehen.

»Was ist, Benno? Um Gottes willen, sprich!«

Er sank in einen Sessel. »Er hatte sich erschossen,« stieß er hervor, »gleich am selben Abend. Und ich bin mitschuldig an seinem Verderben.«

»Du mußt Dich irren,« versetzte sie, »gewiß, es kann ja gar nicht sein; wir hätten etwas davon in der Zeitung gelesen. Es wäre Dir gleich damals aufgefallen.«

»Nein, nein,« wehrte er ab. »Das alles habe ich mir selbst gesagt und auch seiner Wirtin vorgehalten, die mir jene Kunde mitteilte. Er wurde anfangs nur vermißt, man wußte nicht, was aus ihm geworden; erst vor wenigen Tagen wurde durch einen zufälligen Augenzeugen sein Selbstmord festgestellt. Im Tiergarten hat er sich erschossen, unmittelbar darauf, vielleicht eine halbe Stunde später.«

Hanna suchte ihren Gatten zu beruhigen, ihm vorzustellen, daß jener Selbstmord auch andere Gründe haben könnte. Aber sie stammelte unzusammenhängende Worte, und er hörte gar nicht darauf. Ihre Bemühungen waren ganz vergeblich, sie selbst wußte das genau. Benno mit seinen erregten Nerven, seiner leicht zu beeinflussenden, wandelbaren Stimmung, er war für unabsehbare Zeit arbeitsunfähig geworden. Ihr Vater aber würde seine Gründe nicht begreifen und unversöhnlich werden. Es war eine entscheidende Katastrophe für ihr Glück, für ihre Ehe ein schweres, vielleicht vernichtendes Unglück.

*

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