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Der schwarze Zwerg

Walter Scott: Der schwarze Zwerg - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorWalter Scott
titleDer schwarze Zwerg
publisherA. Weichert.
seriesWalter Scott Romane
volumeBand 2
translatorErich Walter
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060920
projectid64b65ce5
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An einem prächtigen Aprilmorgen ritten zwei Reiter auf das Gasthaus zu, dessen Schild die Aufschrift »Zum Wallace« führte.

Es hatte in der Nacht vorher tüchtig geschneit. Das Erdreich war mit einem glitzernden Mantel bedeckt, der sicher seine sechs Fuß dick war.

Der erste der beiden Reiter war ein großer, schlanker und kräftiger Mann. Er trug einen grauen Reitrock, als Kopfbedeckung einen mit Wachstuch überzogenen Hut; in der Hand hielt er eine lange dicke Peitsche mit silbernem Griff; die Beine steckten in dicken, wollenen Überzieh-Hosen. Er ritt eine kräftige, braune, stichelhaarige, gutgepflegte Stute, die einen Sattel, wie ihn die Landmiliz führte, und einen Zaum mit doppeltem Gebiß trug. Der Mann, der neben ihm ritt, war allem Anscheine nach sein Diener. Er ritt einen kleinen, braunen Klepper von ziemlich schäbigem Aussehen. Auf dem Kopf trug er eine blaue Mütze, um den Hals geschlungen ein großes gewürfeltes Tuch, statt der Stiefel lange blaue, unten zusammengeschnürte Hosen. Über den Händen trug er Handschuhe, die über und über mit Teer besudelt waren. Seinem Gefährten gegenüber zeigte er eine respektvolle Haltung, die aber nichts von jener Servilität verriet, die man sonst bei Bedientenvolk der Dienstherrschaft gegenüber beobachten kann. Im Gegenteil! Die beiden Reiter ritten selbander in den Hof, und das Gespräch, das sie zusammen geführt hatten, wurde aus beider Kehlen mit dem gemeinsamen Rufe beendigt:

»Behüt uns Gott! Was soll bloß, wenn solch' Wetter anhält, aus den Lämmern werden!«

Der Gastwirt trat, als er die Worte vernahm, aus der Tür und nahm das Pferd des vornehmen Reiters am Zügel. Dem andern Reiter wurde der gleiche Dienst vom Stallknecht erwiesen. Mit den Worten »Willkommen in Gandercleugh!« wurden die Fremden begrüßt. Dem Gruße folgte die Frage: »Was gibt es in den südlichen Hochlanden Neues?«

»Neues?« fragte der Fremde zurück; »genug meiner Meinung nach. Alles was wir tun können, ist, daß wir suchen, die Mutterschafe durchzubringen; die Lämmer müssen wir wohl oder übel unter Obhut des schwarzen Zwerges lassen.«

»Hm, hm,« setzte der alte Schäfer, denn das war er, kopfschüttelnd hinzu; »der Zwerg wird um die Zeit herum mit den Fellen krepierter Lämmer wohl alle Hände voll zu tun haben!«

»Der Zwerg, der schwarze?« fragte Herr Zedekias Cleishbothan, der gelahrte Freund und Beschützer des Verfassers ... »wer mag denn das sein?«

»Pst! pst!« machte der Pächter; »Ihr habt doch gewiß schon von dem klugen Elshie, dem schwarzen Zwerge, vernommen, oder ich müßte mich stark irren. Es redet ja alle Welt von ihm; aber was da geredet wird, ist doch nur heller Blödsinn! ich wenigstens glaube kein Wort davon, vom ersten bis zum letzten!«

»Aber Euer Vater hat doch fest daran geglaubt!« sagte der alte Mann, der an seines Herrn Zweifeln sichtlich seinen Gefallen fand.

»Freilich, freilich! aber das war auch zur Heidschnucken-Zeit; damals glaubte man allerlei schnurriges Zeug, um das sich kein Geier mehr schert, seitdem die langhaarigen Schafe bei uns heimisch wurden!«

»Um so schlimmer!« versetzte der Alte; »ich habe es ja schon oft gesagt, Herr! Euer Vater würde sich die Seele aus dem Leibe geärgert haben, wenn er es hätte mitansehen müssen, wie der alte Stall zur Schafschur niedergerissen wurde, um steineres Gemäuer um den Park herum zu führen; und um unsern hübschen Ginsterhügel, auf dem er so gern am Abend in seinem Mantel saß und den Kühen zusah, wie sie den Abhang hinunter trabten, würde er sich wohl auch nicht mehr viel scheren, seit das sonnige Fleckchen nach der heutigen Mode mit dem Pfluge umgeackert worden.«

»Still, Bauldie, still!« rief ihm sein Herr zu; »laß dir den Schnaps schmecken, den dir der Wirt bringt, und mach dir den Kopf nicht dick mit dem Wandel der Zeiten, so lange es dir gut geht, und so lange du dich pflegen kannst.«

»Auf euer Wohl, ihr Herren!« sprach der Schäfer, hob das Glas auf und überzeugte sich, daß es reiner Korn sei, den ihm der Wirt vorgesetzt hatte. Dann setzte er hinzu: »Fürwahr! für unsereins schickt es sich nicht, ein Urteil zu fassen; aber der Ginsterhügel war ein hübsches Fleckchen und bot den Lämmern, wenn es solch kalte Morgen setzte wie heute, recht guten Schutz.« »Freilich,« pflichtete sein Herr ihm bei, »aber du weißt doch, Alter, statt Langhaare zu halten, heißt es jetzt, Rüben pflanzen und tüchtig schuften, wenn's welche geben soll! mit dem Pflug wie mit der Hacke! und gar schlecht möchte es aussehen um Haushalt und Wirtschaft, wollten wir uns auf den Ginsterhügel setzen und uns von schwarzen Zwergen erzählen und solcher Kurzweil mehr treiben, allwie es Sitte war vor Zeiten, als noch die Heidschnucken bei uns heimisch waren.«

»Freilich, freilich, Herr,« meinte der Diener, »die kurzhaarigen Heidschnucken ergaben knappe Zinsen.«

Hier mischte sich der würdige gelahrte Herr in die Unterhaltung mit der Äußerung: was die Länge betreffe, so ließe sich seinerseits zwischen Schafen ein wesentlicher Unterschied nicht finden.

Die Bemerkung erregte helles Gelächter von seiten des Pächters. Der Schäfer aber sah sich starr um vor Staunen und Verwunderung.

»Wenn wir von lang oder kurz sprechen, Mann, so meinen wir nicht das Schaf selber, sondern die Wolle. Wolltet ihr die Schafe nach dem Rücken messen, so würden die, die wir kurz nennen, den längeren Leib von beiden haben. Was heutzutage den Pachtzins aufbringen muß, ist die Wolle, und dabei hat man schon seine Not!«

»Es stimmt schon, Bauldie hat ganz richtig gesagt, ein kurzhaariges Schaf bringt knappen Zins! Mein Vater zahlte bloß 60 Pfund Pachtzins, und bei mir macht's jetzt, auf Heller und Pfennig berechnet, 300 Pfund.«

»Stimmt, stimmt! Aber zu solchem Geschwätz habe ich keine Zeit. Bringt uns das Frühstück Und guckt Euch nach unfern Rappen um! Ich will auf Christye Wilsons Pachthof hinüber und mal zusehen, ob wir einig werden können über den Kaufschilling, den ich ihm für seine einjährigen Schafe zahlen will. Auf dem Bosweller Jahrmarkt haben wir den Handel mit sechs Krügen begossen, konnten aber, soviel wir uns auch Zeit nahmen, nicht ins reine kommen über die einzelnen Punkte. Ich weiß auch nicht, ob wir jetzt ins reine kommen werden; wenn Ihr aber« – diese Worte galten meinem würdigen, gelahrten FreundeEs ist häufig bei Walter Scott der Fall, daß er sich, um eine Erzählung einzuführen, mit einer nur in der Phantasie vorhandenen Figur, »dem gelahrten Freunde« in Unterhaltung setzt über die Art, wie er zu erzählen vorhat.(A. d. Ü.) – »über lange Schafe und kurze Schafe mehr hören wollt, so merkt Euch, Nachbar, daß ich um eins zum Essen wieder da bin ... Liegt Euch anderseits daran, über den schwarzen Zwerg oder andern solchen Kram alte Mär zu hören, so kann Euch Bauldie gut und reichlich dienen. Ihr braucht ihm bloß einen halben Krug vorzusetzen, dann geht ihm das Mundwerk wie eine Mühlenklapper – und wenn es mir glückt, mit dem Christye Wilson zum Klappen zu kommen, so setz' ich Euch selber einen ganzen Krug vor!«

Zur festgesetzten Zeit kam der Pächter wieder in Begleitung von Christye Wilson; denn beide waren ohne Beihilfe gelahrter Männer des Rechts handelseinig geworden. Des Verfassers würdiger und gelehrter Freund blieb nicht aus, war ihm doch Labsal versprochen worden für Geist und Leib, und wenn er auch in letzterer Hinsicht ein mäßiger Herr war, so hielt er doch viel auf geselliges Beisammensein, und die Gesellschaft, die heut' beisammen saß und der sich auch der wackere Wirt anschloß, hielt aus bis in den späten Abend hinein und würzte Trank und Speise mit allerhand trefflicher Mär und munterm Sange.

Wessen ich mich als letzten Vorfalls erinnere, war ein Fall: der meinen würdigen gelahrten Freund aus seinem Stuhle beförderte, und zwar gerade in dem Moment, als er eine lange Abhandlung über Mäßigkeit zum Abschlusse brachte. Der schwarze Zwerg wurde den Abend über auch nicht vergessen; der alte Bauldie erzählte vielmehr Geschichten über Geschichten von ihm, eine immer interessanter als die andere. Dabei kam es denn auch, freilich erst, als die dritte Punschbowle geleert war, zutage, daß des Pächters Zweifelsucht zum großen Teil auf Phantasie beruhte, daß er – was einem Manne, der 300 Pfund Pachtzins im Jahre zahlte, auch besser stand – freisinnigen Anschauungen nicht abhold und frei von alten Vorurteilen war, daß aber in Wirklichkeit im Grunde seines Herzens der Glaube an die Traditionen seiner Ahnen ziemlich fest saß. Wie es auch sonst Brauch und Sitte bei mir ist, zog ich bei andern Leuten, die zu dem wilden Hirtenland, dem Schauplatz der nun folgenden Erzählung, Beziehungen hatten, Erkundigungen ein und war so glücklich, manches Glied der Geschichte aufzufinden, das nicht allgemein bekannt ist und wenigstens einigermaßen die seltsamen Beigaben zu erklären vermag, mit denen der Aberglaube sie m den Überlieferungen gewöhnlicher Art auszuschmücken geliebt hat.

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