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Der Schut

Karl May: Der Schut - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorKarl May
titleDer Schut
publisherKarl-May-Gesellschaft
noteKapitel nach Stgt. Ausgabe, Seitenzahlen KMG als A HREF, Fussnoten neu
senderkarlheinz.Everts@t-online.de
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Eine Bärenjagd

Während unsers Aufenthaltes in dem Dorf war immerhin weit über eine Stunde vergangen. Als ich unsern Führer nach dem Ort unsers Nachtlagers fragte, sagte er:

»Wir bleiben bei Junak, wo Ihr besser ruhen werdet, als es hier im Dorfe der Fall gewesen wäre.«

»Wie weit ist es bis zu ihm?«

»Wir erreichen sein Haus noch vor Anbruch der Nacht. Ihr könnt sicher sein, daß er Euch willkommen heißen wird.«

Weitere Erkundigungen wollte ich aus guten Gründen nicht einziehen. Es war vortheilhaft für uns, diesen Konakdschi glauben zu lassen, daß er unser ganzes Vertrauen besäße.

Noch ritten wir auf der Hochebene; aber vor uns im Westen lagen schwere Bergesmassen, deren Ausläufer uns bald zwischen sich nahmen. Rechts von uns strichen die Höhen des Schar Dagh nach Nordost. Wir näherten uns dem südwestlichen Vorstoß desselben, welcher seinen Fuß von den kalten Wassern des schwarzen Drin bespülen läßt. Dann fließt von Norden her der weiße Drin herbei, und der vereinigte Fluß wendet sich nach Westen, dem adriatischen Meer, dem nicht mehr fernen Ziel unsers Rittes, entgegen. Von da, wo wir uns jetzt befanden, bis zur Meeresküste beträgt die Luftlinie kaum über fünfzehn deutsche Meilen. In drei Tagen konnten wir dort sein. Ob uns das aber auch gelingen würde? Es gab Hindernisse zu überwinden, welche nicht nur in den Terrain-Schwierigkeiten bestanden.

Nun befanden wir uns schon mitten zwischen himmelan strebenden Bergen. Zwar hatten wir bisher keinen gebahnten Weg gehabt, aber wir hatten dennoch ziemlich schnell reiten können. Jetzt mußten wir uns durch Schluchten winden, welche fast unzugänglich waren. Schwere Felstrümmer legten sich uns in den Weg. Mächtige Stämme waren von den Steilungen abgestürzt und zwangen unsere Pferde, über sie hinweg zu klettern. Wir konnten nur zu Zweien, ja wir mußten oft lange Strecken einzeln reiten, weil der Raum es nicht anders gestattete. Da war denn der Konakdschi als Führer natürlich voran, und Halef bildete die Nachhut. Warum, das konnte ich mir denken. Er hatte sich jedenfalls über das Päckchen hergemacht und wollte sich nicht dabei ertappen lassen.

Eben waren wir wieder in eine Tiefung eingebogen, welche erlaubte, daß zwei Reiter sich neben einander bewegen konnten. Ich war der Vorletzte und that dem Hadschi den Gefallen, gar nicht auf ihn zu achten. Da kam er herbei und ritt mir zur Seite.

»Sihdi, hat Jemand Etwas gemerkt?«

»Wovon?«

»Daß ich den verbotenen Schinken des Schweines verspeiste.«

»Niemand hat es gesehen, auch ich nicht.«

»So kann ich ruhig sein. Aber ich sage Dir, daß der Prophet sich an seinen Gläubigen schwer versündigt, wenn er ihnen diese Speise verbietet. Es ist ein Genuß höchster Ergötzlichkeit. Kein gebratenes Huhn kommt ihm gleich. Wie mag es aber nur kommen, daß das todte Schwein viel, viel besser riecht, als das lebendige?«

»Das liegt an der Behandlung des Fleisches. Es wird gepökelt und geräuchert.«

»Wie macht man das?«

»Das Fleisch wird in Salz gelegt, damit das Wasser aus ihm entfernt werde, wodurch es dauerhaft wird.«

»Ah, das ist das Pastyrma, von dem ich sprechen hörte?«

»Ja. Dann wird es geräuchert und erhält durch den Rauch den Duft, welcher Dir so wohl gefällt. Wie weit bist Du mit Deinem Vorrath gekommen?«

»Der Schinken ist verzehrt, die Wurst habe ich noch nicht gekostet. Wenn Du erlaubst, werde ich sie anschneiden.«

Er zog die Wurst aus der Satteltasche und das Messer aus dem Gürtel.

»Natürlich willst Du auch ein Stück, Effendi?«

»Nein, ich danke Dir!«

Wenn ich an den famosen Umschlag dachte und an die Frau, welche wahrscheinlich die Wurst höchst eigenhändig gestopft hatte, so war an Appetit natürlich gar nicht zu denken. Jetzt sah ich, daß Halef sich ganz vergebliche Mühe gab, die Wurst aufzuschneiden. Er säbelte und säbelte, kam aber mit dem Messer nicht hindurch.

»Was gibt es denn?«

»O, sie ist gar zu fest!« antwortete er.

»Fest? Du meinst doch wohl zu hart?«

»Nein, hart ist sie nicht, aber ungeheuer fest.«

»Ob vielleicht ein kleiner Knochen mit hineingerathen ist? Versuche es nebenan!«

Er setzte das Messer an einer andern Stelle an, und nun ging es leicht. Er roch an das abgeschnittene Stück, machte ein verklärtes Gesicht, nickte mir triumphirend zu und biß hinein. Er biß und biß, er hielt mit den Zähnen fest und zog mit beiden Händen – vergeblich!

»Allah 'l Allah! Diese Wurst ist wie ein Ochsenfell!« rief er aus. »Aber dieser Geruch! Dieser Geschmack! Ich muß durch, und ich komme durch!«

Er biß und zerrte aus Leibeskräften, und endlich gelang es. Die zähe Stelle gab nach – der Wurstzipfel war entzwei. Das eine Stück hielt er in der Hand, und das andere hatte er im Mund. Er begann zu kauen; er kaute fort und kaute weiter, aber er schlang den Bissen nicht hinab.

»Was kaust Du denn, Halef?«

»Die Wurst!« antwortete er.

»Aber so schlinge doch auch!«

»Das geht noch nicht. Ich bringe das Stück nicht aus einander.«

»Wie schmeckt es denn?«

»Ausgezeichnet! Aber zähe ist es, außerordentlich zähe. Es kaut sich wirklich ganz wie Rindsleder.«

»So ist es kein Fleisch. Untersuche es!«

Er nahm den Bissen aus dem Mund und betrachtete ihn. Er drückte, zog und quetschte; er unterwarf ihn einer sehr sorgfältigen Untersuchung und sagte endlich kopfschüttelnd:

»Daraus werde ich nicht klug. Schau Du das Ding einmal an!«

Ich nahm das ›Ding‹ und betrachtete es. Es sah schon so nicht appetitlich aus, aber als ich nun gleich entdeckte, was es war, da wurde es mir doch noch ganz anders zu Muth. Sollte ich es dem Hadschi sagen? Jawohl! Er hatte das Gebot des Propheten übertreten, und nun kam eben die Folge seiner Sünde. Der kleine Mann hatte prächtige Zähne; aber dieses lederne Ding zu zerkauen, das war ihm doch nicht gelungen. Ich schob es mit Hülfe des Daumens in diejenige Fassung, welche es gehabt hatte, bevor es in die Wurst gerathen war, und gab es ihm hin.

Als er es jetzt betrachtete, wurden seine Augen noch einmal so groß. Er riß den Mund auf, fast so, wie vor zwei Stunden, als er den fetten Raki trank.

»Allah, Allah!« rief er aus. »Schi mahuhl; schi biwak'kif scha'r irrahs – das ist fürchterlich; das läßt Einem die Haare zu Berg stehen!«

Wenn Jemand zwanzig Sprachen spricht und Jahre lang nur in fremden Zungen redete, im Augenblick großen Schreckens oder großer Freude wird er sich seiner Muttersprache bedienen. So auch hier. Halef sprach sein heimatliches Arabisch, seinen moghrebinischen Dialekt. Er mußte also sehr erschrocken sein.

»Was schreist Du denn?« fragte ich mit der harmlosesten Miene.

»O, Sihdi, was habe ich gekaut! Schi'aib, schi makruh – das ist schändlich, das ist abscheulich. B'irdak, billah 'alaik – ich flehe Dich an, ich beschwöre Dich!«

Er sah mich wirklich wie hülfeflehend an. Sämmtliche Züge seines Gesichtes arbeiteten krampfhaft, um den Eindruck der fatalen Entdeckung zu überwinden.

»So sprich doch nur! Was ist es denn?«

»Ja Allah, ja nabi, ja maschara, ja hataja – o Allah, o Prophet, o Spott, o Sünde! Ich fühle jedes einzelne Haar auf meinem Haupt! Ich höre meinen Magen wie einen Dulun klingen! Alle meine Zehen wackeln, und in den Fingern kribbelt es, als ob sie mir eingeschlafen wären!«

»Ich weiß aber noch immer nicht, weßhalb!«

»Sihdi, willst Du mich verhöhnen? Du hast es doch auch gesehen, was es ist. Es ist ein Laska es suba.«

»Ein Laska es suba? Ich verstehe es nicht.«

»Seit wann hast Du das Arabische verlernt? So will ich es Dir türkisch sagen. Vielleicht weißt Du dann, was ich meine. Es ist ein Parmak kabuki. Oder nicht?«

»Meinst Du?«

»Ja, das meine ich!« betheuerte er, indem er ausspuckte. »Wer hat die Wurst gemacht? Etwa das Weib?«

»Wahrscheinlich.«

»O Unglück! Sie hat einen wunden Finger gehabt und von einem Diw eldiweni den Daumen abgeschnitten und sich über das Pflaster und den Finger gesteckt. Als sie dann die Wurst füllte, hat sie die Fingerdüte mit hineingestopft. Schu haida – pfui!«

»Das wäre ja entsetzlich, Halef.«

»La tihki, walah kilmi – rede nicht mehr, auch nicht ein Wort!«

Er hielt Alles noch in den Händen, die beiden zerbissenen Theile des Wurstzipfels und die unglückselige Fingerhülse. Es war wirklich der Daumen eines starkledernen Fausthandschuhes. Sein Gesicht war gar nicht zu beschreiben. In diesem Augenblick fühlte er sich jedenfalls als den unglücklichsten Menschen der Erde. Er sah bald mich und bald die Wurststücke an und schien so von Ekel und Abscheu erfüllt zu sein, daß er gar keine Zeit fand, an das Nächstliegende zu denken.

»So wirf es doch weg!« sagte ich.

»Wegwerfen? Jawohl! Aber was habe ich davon? Mein Leib ist entweiht, meine Seele ist entwürdigt, und mein Herz hängt mir genau so, wie eine traurige Wurst im Busen. Meine Urahnen drehen sich, grad so wie mein Magen, im Grab um, und die Söhne meiner Enkelskinder werden Thränen trinken beim Andenken an diese Stunde der bestraften Leckerhaftigkeit. Ich sage Dir, Sihdi, der Prophet hat vollständig Recht. Das Schwein ist die ruchloseste Bestie des Weltalls, die Verführerin des menschlichen Geschlechtes und die Erztantentochter der Teufelsmutter. Das Schwein muß ausgerottet werden aus dem Reich der Schöpfung, es muß gesteinigt werden und vergiftet mit allen möglichen schädlichen Arzneien. Und der Mensch, welcher die schandbare Erfindung gemacht hat, die zerstückelte Leiche, das Fett und das Blut dieses Viehzeuges in die eigenen Gedärme desselben zu füllen, dieser Mensch muß in der schrecklichsten Ecke der Hölle schmoren in alle Ewigkeit. Die Frau aber, welche diesen Finger des Fausthandschuhes und das Pflaster ihres ungläubigen Daumens in die Wurst stopfte, diese Halefschänderin soll von ihrem bösen Gewissen gepeinigt werden Tag und Nacht, ohne Unterlaß, daß sie sich für einen umgekehrten Igel halten soll, bei dem die Stacheln nach innen gehen!«

»Ja, es ist stark!« lachte ich. »Dein Gesicht ist mir ganz unbegreiflich, ich kenne Dich gar nicht mehr. Bist Du denn wirklich der tapfere und stolze Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah?«

»Schweig', Effendi! Erinnere mich nicht an die wackeren Väter meiner Großväter! Keiner von ihnen hat das kolossale Unglück gehabt, eine Hülse zu kauen, welche erst an einem kranken Finger und dann in einer noch viel kränkeren und trostloseren Wurst steckte. Alle meine männliche Beredsamkeit reicht nicht aus, die Qualen meines Mundes, die Angst meines Schlundes und die Hülflosigkeit meiner Verdauung zu schildern. Dieser Tag ist der bejammernswürdigste meiner ganzen irdischen Pilgerfahrt. Erst habe ich den Thran des Fisches getrunken, daß mir vor Übelkeit das Lebenslicht auslöschen wollte, und kaum hat es wieder ein wenig aufzuflackern begonnen, so fange ich gar an, an dem eingepökelten Etui einer nichtswürdigen Daumengeschwulst zu kauen. Das ist doch wahrhaftig mehr, als ein Sterblicher vertragen kann!«

»So wirf es doch endlich weg.«

»Ja, fort, fort! Die Sünde des heutigen Tages soll keinen Augenblick länger an meinen Fingern kleben. Mir sind alle Genüsse der Erde vergällt. Dem Ersten, der mir eine Wurst vor die Augen bringt, schieße ich meine sämmtlichen Kugeln in den Leib. Ich mag vom Schwein nichts mehr sehen und riechen; es ist die heilloseste Creatur, die es auf Erden gibt!«

Er schleuderte Alles von sich und fügte hinzu:

»Möge derjenige, welcher nach uns dieses Weges reitet, ein hart gesottener Sünder sein! Wenn er diese Wurst findet und verspeist, so wird sein Gewissen vor Grauen aufplatzen, wie ein Sack, und seine Thaten werden hervorbrechen und an das Tageslicht kommen. Denn diese Wurst ist die Offenbarungsspeise aller Geheimnisse des innern Menschen. Ich muß alle meine Kräfte zusammenfassen, damit Du nicht zu schauen bekommst, welches Aussehen die inwendige Seite Deines todtkranken und schwer geprüften Halef hat.«

Er war gewohnt, selbst den widerstrebendsten Gegenstand in das blumenreiche Gewand des Orientes zu kleiden. Das brachte er sogar hier in diesem schnöden Fall fertig. Dann ritt er wortlos nebenher, und nur als ich ihn neckend nach dem Grund seines Schweigens fragte, antwortete er:

»Es gibt keine Sprache irgend eines Volkes, deren Wortschatz ausreichend wäre, Dir mein Leid und die Zerknirschung meiner Seele und auch meines Körpers zu beschreiben. Darum ist es besser, ich spreche gar nicht. Ich muß geduldig warten, bis die Empörung meines Innern von selbst aufgehört hat.«

Die Schlucht, welche der Schauplatz dieses Herzeleides gewesen war, hatte ihr Ende erreicht, und vor uns öffnete sich eine schmale und, wie es schien, sehr lang gezogene Grasfläche, durch welche ein Wasser floß. Vereinzelte Büsche standen darauf, um welche sich zahlreiche Himbeer- und Brombeer-Stauden zogen. Letztere trugen eine verlockende Fülle von Beeren, über deren Größe man erstaunen konnte. Wäre es nicht bereits so spät am Tage gewesen, so hätten wir absteigen können, um ein leckeres Mahl zu halten.

»An diesem Wasser liegt Junak's Hütte,« erklärte der Konakdschi. »Wir werden sie in einer Viertelstunde erreichen.«

Hier konnten wir neben einander reiten. Es war Raum genug vorhanden, und wir setzten unsere Pferde in Galopp. Gewohnt, selbst während des schnellsten Rittes auf Alles zu achten, behielt ich auch jetzt die Umgebung scharf im Auge. So kam es, daß mir ein Umstand auffiel, welcher mich veranlaßte, mein Pferd anzuhalten. Die Andern thaten dasselbe.

»Was hast Du gesehen? Was ist's mit diesem Gestrüpp?« fragte Halef.

Wir hielten vor einer Stelle, welche so dicht mit den genannten Beersträuchern und kriechenden Stachelranken besetzt war, daß ein Mensch, ohne sich ungewöhnlich anzustrengen, gar nicht hindurch konnte. Dennoch waren Bahnen durch dieses Gewirr gebrochen, Bahnen und Gänge, welche sich vielfach kreuzten.

»Siehst Du nicht, daß Jemand da drinnen gewesen ist?« antwortete ich.

»Ja, ich sehe es. Aber macht Dir das Bedenken? Es hat Jemand Beeren gesammelt.«

»Die konnte er hier ringsum viel leichter haben. Kein vernünftiger Mensch arbeitet sich so kreuz und quer durch ein solches Dorngestrüpp, wenn er das, was er sucht, ohne Anstrengung haben kann.«

»Aber Du siehst doch, daß der Betreffende nur Beeren gesucht hat. Sie sind an den Gängen, welche er durchbrach, abgepflückt, so weit ein Arm zu reichen vermag.«

»Der Betreffende? Hm, ja! Seine Kleidung muß aus einem sehr festen Stoff gefertigt gewesen sein, wahrscheinlich von starkem Leder. Sonst würden wir die Fetzen hangen sehen. Und die Gänge sind breiter, als ein Mensch sie bedarf.«

»Meinst Du etwa, daß es kein Mensch gewesen sei?«

»Fast möchte ich es denken. Sieh doch nur, mit welcher Gewalt die Ranken niedergebrochen worden sind!«

»Es mag wohl ein sehr kräftiger Mann gewesen sein.«

»Selbst der kräftigste Mann bricht sich nicht in dieser Weise Bahn. Er steigt über die Hindernisse weg, wo ihm das nur immer möglich ist. Hier aber ist das nicht der Fall gewesen. Die Ranken und Schößlinge liegen tief und fest an der Erde. Sie sind so gewaltsam niedergebrochen, als wären sie mit einer schweren Walze zusammengedrückt worden.«

»Das ist wahr. Ich begreife nicht, wie das ein Mensch mit seinen Füßen thun kann.«

»Hm! Befänden wir uns nicht in der Türkei, sondern in einer amerikanischen Wildniß, so wüßte ich, woran ich wäre. Das Kleid dieses Freundes der Himbeeren war freilich von Leder. Es scheint der schönste und dichteste Pelz gewesen zu sein, den es nur geben kann, und er war fest auf den Leib gewachsen.«

»So meinst Du wirklich ein Thier?«

»Freilich; aber ein Thier, welches es in Deiner Heimat nicht gibt, und darum kennst Du es auch nicht.«

»Effendi, ich weiß, was Du meinst,« sagte der Konakdschi, indem er sein Pferd um mehrere Schritte von unserm Standort wegzog, um aus der Nähe des Gestrüpps zu kommen. »Es ist ein Ajy, von dem Du redest.«

»Du hast es errathen. Fürchtest Du Dich?«

»O nein! Diese Thiere sind hier höchst selten. Aber wenn sich einmal ein Bär in unsere Berge verirrt, so ist's ein wüthender, mit dem man nicht spaßen darf.«

»Das läßt sich denken. Ein junges Thier, welches nur von Früchten lebt, wird sich nicht hierher verlaufen. Ich bin beinahe überzeugt, daß der Beerensucher wirklich ein Bär gewesen ist, und werde mir die Gänge, welche er durch das Gestrüpp gebrochen hat, einmal ansehen.«

»Um Allah's willen, laß das sein!«

»Pah! Es ist ja noch heller Tag.«

»Aber wenn Du auf ihn triffst?«

»So trifft er auch auf mich. Beides ist sehr gefährlich.«

»Er reißt Dir den Leib auf und beißt Dich in den Kopf. Ich habe gehört, daß der Bär ein großer Freund des Gehirnes ist. Darum soll er seinem Opfer gleich mit dem ersten Biß die Hirnschale zermalmen.«

»Wir wollen sehen, ob dieser Bär hier dieselben Gewohnheiten hat,« sagte ich und stieg vom Pferd.

»Bleibe da, bleibe da!« schrie der tapfere Führer. »Es handelt sich ja nicht allein um Dich, sondern auch um uns. Wenn er wirklich noch da im Dickicht steckt und Du stöberst ihn aus der Ruhe, so wird er zornig sein und auch über uns herfallen!«

»Jammere doch nicht!« herrschte Halef ihn an. »Der Effendi hat den schwarzen Panther, das schlimmste der Raubthiere, und den Löwen getödtet, den König der Gewaltigen. Was ist ein Bär gegen ihn! Er würde das Thierchen mit der Hand erwürgen.«

»Oho!« lachte ich. »Du hast eine etwas irrige Vorstellung von diesem lieben Thierchen. Wenn es sich vor Dir aufrichtet, so überragt es Dich um seines Kopfes Länge. Ist er ausgewachsen, so vermag er Dir mit einem leichten Schlag seiner Tatze den Schädel zu zertrümmern. Er schleppt, wenn es ihm beliebt, eine Kuh fort. Es ist also gar nicht so ungefährlich, ihm zu begegnen.«

»Und wenn er noch zehnmal größer wäre, Hadschi Halef Omar fürchtet sich nicht vor ihm. Bleibe hier, Sihdi, und erlaube mir, ihn allein aufzusuchen. Ich möchte ihm ein Sallam aleikum zwischen die Rippen oder in den Kopf geben.«

»Ich bin gar nicht überzeugt, daß Deine Kugel durch seine Schädelknochen dringen würde. Dazu bedarf man, wenn man kein Spitzgeschoß hat, eines Gewehres von der Sorte meiner alten Büchse hier, die ja ein Bärentödter ist. Vielleicht würde Deine Kugel ihn gar nicht sehr belästigen; er schlägt Dir Deine Flinte in Stücke und umarmt Dich dann, bis Dir der Athem ausgeht.«

»Meinst Du, daß ich ihm nicht auch den Brustkasten zusammendrücken kann, bis es ihm vor den Augen funkelt und bis ihm die Seele aus dem Leibe fährt!«

»Nein, das kannst Du nicht, Halef. Also bleibe nur getrost hier!«

»Wenn er wirklich ein so gefährlicher Bursche ist, so darfst auch Du nicht ohne mich hinein. Ich bin Dein Freund und Beschützer und will dabei sein, wenn Du Dich in Gefahr befindest.«

»Du würdest mir wohl nur im Wege sein, aber Du magst mich begleiten, weil Du noch nicht die Fährte eines Bären gesehen hast. Das Thier befindet sich nicht hier.«

»Weißt Du das so genau?«

»Ja. Ich weiß, wie die Lagerstelle eines Bären beschaffen sein muß. Dieses Gestrüpp eignet sich ganz und gar nicht dazu. Wenn es wirklich ein Bär ist, der hier war, so kam er nur her, um von den süßen Beeren zu naschen. Als Raubthier hat er es vorgezogen, dabei im Gestrüpp versteckt zu sein. Der Instinkt gebietet ihm, am Tage offene Stellen zu meiden. Daraus erklärt es sich, daß die Früchte da, wo sie viel leichter zu haben sind, nicht abgepflückt wurden. Also komm! Halte aber immerhin Deine Flinte schußfertig. Selbst ein Bär kann einmal von seinen Gepflogenheiten abweichen.«

Ich nahm die Büchse und drang, von Halef gefolgt, in das Dickicht ein. Die durch dasselbe gebrochenen Gänge glichen, natürlich in höchst verkleinertem Maßstab, den ›Straßen‹, welche die Büffel durch das reiterhohe Gras der Prärie treten. Das niedergebrochene Geäst und Gezweig lag wie festgestampft. Petz mußte ein gewaltiger Kerl sein.

Wir waren kaum zehn Schritte gegangen, so fand ich den Beweis, daß wir es in Wirklichkeit mit einem braunen Bären zu thun hatten. Eine Locke seines Pelzes war an Dörnern hängen geblieben.

»Schau!« machte ich Halef aufmerksam. »Was ist das hier?«

»Das sind Pelzhaare.«

»Aber von was für einem Pelze?«

»Vom langwolligen Schaf.«

»Ja, und dieses Schaf wird im gewöhnlichen Leben Bär genannt.«

»Kaddaisch' haßi kbir – wie froh bin ich, Herr, mache schnell vorwärts, damit wir ihn erwischen.«

Das Jagdfieber packte ihn.

»Nur Geduld! Wir wollen uns erst einmal diese Locke genau betrachten.«

»Wozu?«

»Um vielleicht zu erfahren, wie alt er ist.«

»Läßt sich das aus diesen wenigen Haaren vermuthen?«

»Ja, so ziemlich. Je jünger der Bär, desto wolliger ist sein Fell. Sehr alte Bären haben keine Unterwolle mehr und der Pelz wird so schäbig und dünn, daß er sogar nackte Stellen zeigt. Schau einmal her! Ist diese Locke wollig?«

»Nein; das Haar ist fast schlicht.«

»Es ist auch nicht gleich stark und nicht gleich gefärbt. Da, wo es im Fell steckte, ist es dünner als oben und fast ohne Farbstoff. Das ist ein Zeichen, daß die Haut das Haar nicht mehr zu nähren vermag. Dieser Bär ist ein sehr alter Bursche. Ich mag Dir nicht wünschen, von ihm umarmt zu werden. Bei diesem Alter und in der jetzigen Jahreszeit kann er gern und gut an vier Zentner wiegen.«

»Allah! Und wie schwer bin ich?«

»Wenig über einen Zentner.«

»O Unglück, o Unterschied! Da passe ich freilich nicht in seine Arme und an sein Herz. Da ist es auf alle Fälle besser, ihm eine Kugel zu geben. Also vorwärts! Suchen wir ihn!«

»Er ist nicht mehr da. Wenn Du das niedergetretene Gestrüpp genau betrachtest, so findest Du die Bruchstellen schmutzartig gefärbt. Ich vermuthe, daß das Thier nicht heute, sondern schon gestern hier gewesen ist. Wir brauchen das Dickicht nicht zu untersuchen. Wenn wir es einfach umkreisen, so ist das bequemer, und wir sehen wohl die Stelle, an welcher er hineingegangen oder herausgekommen ist.«

Wir verließen also das Dorngewirr und umschritten es. Der Punkt, an welchem der Bär hineingedrungen war, ließ sich schnell finden. Er lag gegen den Wald zu und war daran zu erkennen, daß die niedergerissenen Zweige und Ranken nach einwärts gerichtet lagen. Da, wo sie nach auswärts lagen, mußte er herausgekommen sein. Diese Stelle lag gegen das Wasser hin. Ich suchte nach der Fährte, fand aber nur einzelne, kaum mehr zu lesende Tritte, welche nach dem Bach führten. Wir gingen ihnen nach und kamen zu der Stelle, wo Petz getrunken hatte. Das Wasser schien trübe geworden zu sein, und er war darum mit den Vorderpranken hineingestiegen. Jetzt floß es krystallrein über die Stelle, und nun erkannten wir im weichen Grund des gar nicht tiefen Baches die deutlichen Abdrücke der Tatzen. Er hatte sie während des Trinkens nicht bewegt und sie dann so behutsam herausgenommen, als ob er die Absicht gehabt habe, uns ja recht genaue Abdrücke seiner Patschen zu hinterlassen.

Meine vorhin ausgesprochene Vermuthung bestätigte sich: der Bursche war von bedeutender Größe. Seine Sohlen waren stark gepolstert, woraus man leicht schließen konnte, daß er eine ansehnliche Masse von Fett mit sich herumtrage. Von hier war er nach einer sandigen Stelle getrollt, auf welcher er sich gewälzt hatte. Von da an gab es keine deutliche Spur mehr. Nur aus leisen Anzeichen ließ sich vermuthen, daß er in den Wald zurückgekehrt sei.

»Wie Schade!« klagte Halef. »Dieser Sohn einer Bärenmutter ist nicht einmal so höflich gewesen, auf uns zu warten.«

»Vielleicht ist es die Tochter einer Bärenmutter und selbst Mutter und Großmutter von vielen Enkeln. Hier, wo sie sich wälzte, hat sie auch den Sand aufgekratzt. Die Krallen sind sehr stumpf und abgestoßen. Sie ist eine sehr alte Tante. Sei froh, ihr nicht unerwartet begegnet zu sein.«

»Und doch wollte ich, sie käme jetzt herbei, um uns die Verbeugung des Grußes zu machen. Kann ein Bär gegessen werden?«

»Ja, aber nicht so, wie man einen Apfel mit Fleisch und Schale verspeist. Schinken und Tatzen sind, wenn gut zubereitet, wahre Leckerbissen. Auch die Zunge ist vorzüglich. Vor der Leber muß man sich hüten. Es gibt Völker, welche sie für giftig halten.«

»Schinken und Tatzen!« rief der Kleine aus. »Sihdi, können wir ihn nicht aufsuchen, um uns diese Leckerbissen von ihm geben zu lassen?«

»Halef, Halef! Denke an andere Leckerbissen, welche Dir nicht sehr gut – –«

»Schweig'!« fiel er mir schnell in die Rede. »Meinst Du, daß der Prophet verboten hat, den Schinken und die Tatzen des Bären zu verspeisen?«

»Er hat es nicht verboten. Die Sprache des Propheten hat zwar ein Wort für Bär, nämlich ›Dibb‹, aber mit diesem Wort wird zuweilen auch die Hyäne bezeichnet, und ich glaube nicht, daß Muhamed jemals einen wirklichen Bären gesehen hat.«

»Hätte er es verboten, so würde ich um keinen Preis ein Gelüste nach Bärenschinken hegen; da dem aber nicht so ist, so sehe ich nicht ein, warum wir uns diesen Hochgenuß versagen wollen. Wir gehen in den Wald und schießen das Thier nieder.«

»Meinst Du, daß es da nur so auf uns wartet?«

»Es muß doch ein bestimmtes Lager haben!«

»Das ist nicht nöthig. Aber wäre dies auch der Fall, so würden wir das Lager nicht finden. Wir haben keine Fährte, und es beginnt bereits zu dunkeln. Wir müssen also auf die Jagd verzichten.«

»Effendi, mach' es doch möglich!« bat er. »Bedenke, daß Dein treuer Halef seiner Hanneh, der Perle der Frauen, erzählen will, daß er einen Bären erlegt habe. Sie würde entzückt und stolz auf mich sein.«

»Sollte Dein Wunsch erfüllt werden, so müßten wir einen oder gar zwei Tage hier verweilen, und dazu haben wir keine Zeit. In einer Viertelstunde wird es Nacht. Wir wollen uns sputen, das Haus Junak's zu erreichen!«

»Zum Scheïtan mit diesem Hause! Lieber würde ich heute in der Höhle des Bären schlafen und mich dabei in das Fell wickeln, welches ich ihm abgezogen hätte. Aber ich muß gehorchen. Allah gewährt, und Allah versagt. Ich will nicht gegen ihn murren.«

Also stiegen wir auf und ritten weiter.

Nach einiger Zeit traten die steilen, mit dunklem Nadelwald bewachsenen Höhen noch weiter zurück, so daß sie eine fast kreisflächenähnliche Lichtung einschlossen, auf welcher wir ein Haus sahen, an das sich zwei Schuppen oder stallähnliche Gebäude lehnten. Nur rechts drüben schob die Höhe einen schmalen, zungenförmigen Ausläufer herein, welcher aus felsigem Boden bestand und mit Büschen, Laub- und Nadelbäumen besetzt war.

Dort, an der Spitze dieser Zunge, sahen wir eine Person stehen, deren Kleidung nicht entscheiden ließ, ob sie männlichen oder weiblichen Geschlechtes sei.

»Das ist Guszka, Herr,« sagte der Konakdschi. »Soll ich sie rufen?«

»Wer ist Guszka?«

»Das Weib Junak's, des Ruß- und Kohlenhändlers.«

»Du brauchst sie nicht zu rufen, denn ich sehe, daß sie uns jetzt bemerkt.«

War dies der Vorname oder nur ein Schmeichelname, welcher auf die Seelen-Eigenthümlichkeiten seiner Trägerin schließen ließ? Guszka ist nämlich auch serbisch und bedeutet ›Gans‹. Aber nach dem, was mir unser letzter Wirth, der Schäfer, über sie mitgetheilt hatte, stand nicht zu erwarten, daß sie die bekannte Eigenschaft des gleichnamigen Schwimmvogels besäße. Ich war neugierig, wie sie uns aufnehmen würde.

Schon jetzt verstellte sie sich. Sie that, als hätte sie uns noch nicht gesehen, und schritt langsam und gesenkten Kopfes dem Hause zu. Der Ausdruck ›Haus‹ war eigentlich hier eine großartige Schmeichelei. Die Mauern bestanden aus Steinen, die ohne bindenden Mörtel über einander gelegt und deren Zwischenräume mit Erde und Moos verstopft waren. Die Bedeckung war ein primitives Knüppeldach, mit Wassermoos und getrocknetem Farnkraut bekleidet. Die Thüre war so eng und niedrig, als sei sie nur für Kinder gemacht gewesen, und die Fensteröffnungen hatten grad die nöthige Größe, um die Nase hinausstecken zu können.

Noch trauriger sahen die beiden anderen Bauwerke aus. Hätten sie sich nicht gar so innig an das Haus gelehnt, so wären sie augenblicklich umgefallen.

Die Frau verschwand in einem dieser Schuppen, ohne uns einen Blick zugeworfen zu haben. Wir stiegen vor dem Hause ab. Die Thüre war verriegelt. Der Konakdschi schlug mit dem Gewehrkolben dagegen.

Erst nach längerer Zeit wurde geöffnet, und die Frau trat in die Spalte.

Es gibt ein Märchen von einer alten Zauberin, welche – tief im Wald lebend – einen Jeden, der sich zu ihr verirrt, in den Backofen steckt, um ihn zu braten und dann zu verspeisen. An diese Hexe mußte ich unwillkürlich denken, als ich jetzt die Frau erblickte. Sollte ihr Name Guszka, Gans, für ihre Individualität bezeichnet sein, so war sie doch nur mit einer jener steinalten Gänse zu vergleichen, welche auf jeden Fremden wie bissige Kettenhunde losfahren und nur darum nicht mit Borsdorfer Äpfeln und Beifußzweigen in Berührung kommen, weil ihr Fleisch zu hart geworden ist.

Sie war erschrecklich lang und ebenso erschrecklich dürr. Um uns durch die Thüre betrachten zu können, mußte ihr Ober- zu dem Unterkörper fast einen rechten Winkel bilden. Ihr Gesicht war auch sehr in die Länge gezogen; es war überhaupt Alles an ihr lang. Die scharfe, sichelförmig gebogene Nase, das spitze, von unten nach oben strebende Kinn, der breite, lippen- und zahnlose Mund, die großen, lappenartigen Ohren, die eng beisammen stehenden kleinen, wimperlosen und roth geränderten Augen, die tiefen Falten, in denen der Schmutz zu greifen war: das Alles wirkte so abstoßend wie möglich. Den Kopf trug sie unbedeckt. Das dünne Haar, dessen Boden fischschuppenartig durchschimmerte, war nicht geflochten. Es hing in wirren, verfilzten Strähnen herab. Denkt man sich dazu ein unsäglich schmutziges Hemd und eine ebenso saubere, unten am Knöchel zugebundene Frauenhose und zwei nackte, skelettartige Füße, welche noch nie mit einem Tropfen Wasser in Berührung gekommen zu sein schienen, so wird man glauben, daß diese unvergleichliche Guszka ganz das Aussehen einer aus dem klassischen Alterthum übrig gebliebenen Gorgo oder Furie hatten.

Und als sie jetzt zu reden begann, zuckte ich beinahe zusammen. Das klang ganz genau wie die heisere Stimme einer Krähe, die sich über irgend Etwas erbost.

»Was wollt Ihr? Wer seid Ihr? Warum haltet Ihr an?« krähte sie. »Reitet weiter!«

Sie that, als ob sie die Thüre verriegeln wollte; unser Führer aber schob sich dazwischen und sagte:

»Weiter reiten? Nein, das thun wir nicht. Wir bleiben hier.«

»Das geht nicht! Das kann nicht gehen! Ihr habt hier nichts zu suchen. Ich nehme keine Fremden bei mir auf!«

»Ich bin Dir doch nicht fremd. Du wirst mich ganz gewiß kennen!«

»Aber die Andern nicht.«

»Es sind meine Freunde.«

»Die meinigen nicht.«

Sie schob ihn hinaus und er sie hinein, natürlich nur zum Schein.

»So doch verständig, Guszka!« bat er. »Wir verlangen von Dir ja nichts umsonst. Wir werden Dir Alles gut und ehrlich bezahlen.«

Das schien zu wirken, wenigstens sollten wir so denken. Sie nahm eine weniger abwehrende Haltung an und fragte:

»Bezahlen wollt Ihr? Ja, das ist was Anderes! Dann kann ich es mir wenigstens überlegen, ob ich Euch hier bei mir bleiben lasse.«

»Da gibt es ja gar nichts zu überlegen. Wir verlangen von Dir nur ein Obdach und Etwas zu essen.«

»Ist das etwa nicht genug?«

»Das ist mehr als genug; das ist zu viel,« sagte ich. »Speise und Trank verlangen wir nicht von Dir und einen Platz zum Schlafen werden wir uns selbst suchen. Hast Du keinen Platz im Hause, so schlafen wir im Freien.«

Etwas aus diesen krallenähnlichen, von Schmutz starrenden Fingern zu essen, das war ein Ding der Unmöglichkeit. Und da drinnen schlafen? Um keinen Preis! Die Stube sah ganz so aus, als ob sie sich jener springenden, wibbelnden und kribbelnden, stechenden, nagenden und beißenden Einquartierung erfreue, welche selbst im vornehmsten Hause des Orients immer vorhanden ist. Hier aber in dieser Bude hüpften, krochen, zappelten und marschirten jene blutdürstigen Myrmidonen jedenfalls in unzählbaren Schaaren und Schwadronen umher.

Die Beschreibung einer Reise durch den duftumflossenen, sagenumwobenen, sonnigen Orient mag wohl angenehm zu lesen sein; aber diese Reise selbst machen, das ist etwas ganz Anderes. Das Schicklichkeitsgefühl verbietet oft, grad von den eigenartigen, charakteristischen Zügen zu sprechen. Der Orient gleicht Constantinopel, welches der ›Wangenglanz des Weltangesichtes‹ genannt wird. Von außen bietet es einen herrlichen Anblick; aber tritt man in die engen Straßen selbst, so ist's mit der schönen Täuschung vorüber. Der Orient hat Alles, ja Alles, nur darf man ja nicht Ästhetiker sein!

Der Reisende braucht den Osten gar nicht um hervorragender Abenteuer willen zu besuchen; er findet Abenteuer übergenug, täglich, ja stündlich. Aber was sind das für Abenteuer! Sie beziehen sich nicht auf große Ereignisse, sondern auf die kleinen Verhältnisse des alltäglichen Lebens. Freilich ist keineswegs Uhland's Wort auf sie anzuwenden:

»Doch schön ist nach dem großen
Das schlichte Heldenthum«

Dem Erzähler ist es verboten, von diesen Abenteuern zu sprechen. Die zahlreichsten derselben erlebt er im Kampf gegen die oft aller Beschreibung spottende Unreinlichkeit der dortigen Bevölkerung. Ich habe mit einem berühmten Scheik gespeist, welcher während des Essens sich einige allzu lebhafte Thierchen aus dem Nacken holte, sie vor Aller Augen zwischen den Nägeln seiner Daumen guillotinirte und dann mit den Händen, ohne sie vorher abzuwischen, in den Pillaw fuhr und von demselben eine Kugel rollte, um sie mir als ›el Lukme esch Scharaf‹ in den Mund zu schieben.

Wenige werden glauben, daß dies zwar ein kleines, aber dennoch lebensgefährliches Abenteuer gewesen sei. Die Zurückweisung dieses Ehrenbissens ist eine Beleidigung, welche in der Wüste nur mit dem Tod gesühnt werden kann. Ich hatte also eigentlich nur die Wahl zwischen einer Kugel oder einem Messerstich und dem Verspeisen dieser schrecklichen Reiskugel. Links von mir saß der Scheik, welcher mir den Bissen reichte und erwartete, daß ich den Mund aufsperre. Rechts saß Krüger-Bey, der bekannte Oberst der Leibschaaren des Herrschers von Tunis. Er – ein geborener Deutscher – hatte die Hinrichtung der kleinen Wesen ebenso bemerkt, wie ich. Er wußte genau, in welch großer Verlegenheit ich mich in diesem Augenblick befand, und in seinem Gesicht war die größte Spannung zu lesen, ob ich die Reis- oder die Bleikugel wählen werde. In solcher Lage gilt es, geistesgegenwärtig zu sein. Ich sagte im Ton größter Höflichkeit zu dem Scheik:

»Ma binsa dschamihlak kull umri – ich werde all mein Lebtage an Deine Güte gedenken.«

Den Bissen aus seiner Hand nehmend, fuhr ich fort:

»Ridd inna'sar, ja m'allmi – entschuldige mich, o Herr!«

Und mich nun schnell rechts zu Krüger-Bey wendend, schloß ich:

»Dachihlal, ent kaïn haun el muhtaram – ich bitte Dich, hier bist Du der Ehrwürdige!«

Der brave Kommandant der Leibwache erschrack. Er ahnte meine Absicht und war so unvorsichtig, den Mund zu öffnen, um mir abwehrend zu antworten. Aber dieser eine Augenblick genügte mir. Ehe er ein Wort hervorbrachte, hatte er den Reiskloß im Mund und durfte ihn nicht wieder herausgeben.

Er war der Älteste. Daß ich ihm den Ehrenbissen gegeben hatte, war nun nicht eine Beleidigung, sondern ein allgemein sehr wohl aufgenommener Beweis, daß ich das Alter achte. Der arme Ehrwürdige machte freilich ein Gesicht, als hätte er den ganzen Jammer des Erdenlebens zwischen den Zähnen gehabt. Er drückte und drückte und schlang und schlang, bis er rothblau geworden und der Bissen hinunter war. Noch nach Jahren rühmte sich der Undankbare, daß er mir diesen Streich nicht vergessen habe.

Solche Erlebnisse sind häufiger, als Einem lieb sein kann. Man darf wohl eine Andeutung geben, sie aber nicht ausführlich beschreiben. Der Kampf gegen Schmutz und Ungeziefer ist ein wahrhaft schrecklicher und kann Einem die höchsten Genüsse verleiden.

Frau Guszka ahnte nicht, was mich zu meinen Worten veranlaßte. Es war wohl gegen die ihr zugetheilte Rolle, uns abzusondern; darum sagte sie schnell:

»Platz habe ich wohl für Euch, Herr. Wenn Ihr es gut bezahlt, so habe ich ein Bett für Dich; Deine Gefährten aber können neben Dir auf ihren Decken schlafen.«

»Wo ist das Bett?«

»Komm herein; ich werde es Dir zeigen!«

Ich folgte ihr, nicht in der Absicht, das Bett zu prüfen, sondern nur um einen Einblick in die Häuslichkeit der ›Gans‹ zu bekommen.

Aber welch ein Loch betrat ich da! Es gab die vier rohen Wände. Rechts in der Ecke lagen die Steine des Feuerherdes, und links in der andern Ecke sah ich einen unordentlichen Haufen von dürrem Farn, Laub und Lumpen. Auf diesen deutete die Frau, indem sie sagte:

»Dort ist das Bett. Und hier ist der Herd, auf welchem ich Euch das Fleisch braten werde.«

Es herrschte ein wahrer Höllendunst in diesem Loch, brandig und nach allen möglichen Gestänken riechend. Von einem Schornstein war keine Rede. Der ätzende Rauch fand seinen Abzug durch die Fenster. Die Gefährten waren mit eingetreten. Daß sie grad wie ich dachten, sah ich ihnen deutlich an.

»Was für Fleisch meinst Du?« erkundigte ich mich.

»Pferdefleisch.«

»Woher habt Ihr das?«

»Von unserem eigenen Pferd,« antwortete sie, indem sie mit beiden Händen nach den Augen griff.

»Habt Ihr es geschlachtet?«

»Nein; es ist uns zerrissen worden.«

»Ah! Von wem?«

»Mein Mann sagt, daß es ein Bär gewesen sein müsse.«

»Und wann hat er das Pferd getödtet?«

»In letzter Nacht.«

»Allah 'l Allah!« rief Halef. »So frißt dieser Bär also nicht nur Himbeeren! Habt Ihr ihn getödtet?«

»Wie kannst Du so fragen! Um einen Bären zu erlegen, müssen sehr viele Männer beisammen sein.«

»Willst Du mir sagen, wie es zugegangen ist,« forderte ich sie auf.

»Das wissen wir freilich selbst nicht genau. Wir bedürfen des Pferdes zu unserm Handel. Es muß uns den Kohlenwagen ziehen und – –«

»Ich habe doch keinen Wagen stehen sehen!«

»Wir können ihn gar nicht hier haben, denn es gibt keinen Weg, auf welchem wir ihn zu dem Hause bringen könnten. Er steht also stets bei dem Köhler. Das Pferd aber befindet sich hier, wenn wir daheim sind. Es bleibt des Nachts im Freien, um das Gras abweiden zu können. Heute früh nun, als wir aufstanden, sahen wir es nicht, und als wir es suchten, fanden wir seine Leiche drüben bei den Felsen liegen. Es war zerrissen worden, und als mein Mann die Spuren sah, sagte er, ein Bär sei es gewesen.«

»Wo befindet sich jetzt das übrig gebliebene Fleisch?«

»Draußen im Schuppen.«

»Zeige es mir.«

»Herr, das darf ich nicht,« sagte sie erschrocken.

»Mein Mann hat mir verboten, fremde Leute da hinein zu lassen.«

»Welchen Grund hat er dazu?«

»Das weiß ich nicht.«

»Wo ist er denn jetzt?«

»Er wollte nach dem Lager des Bären suchen.«

»Das ist aber höchst gefährlich! Ist denn Dein Mann so ein muthiger Jäger?«

»Ja, das ist er.«

»Wann kommt er zurück?«

»Wohl bald.«

»So! Sind etwa heute Fremde hier bei Euch gewesen?«

»Nein. Warum fragst Du nach ihnen?«

»Weil Dein Mann Dir verboten hat, Fremde in den Schuppen zu lassen.«

»Es war Niemand da, kein Mensch, heute nicht und gestern nicht. Wir leben so einsam, daß nur höchst selten einmal Jemand zu uns kommt.«

In diesem Augenblick ertönte ein schriller, in die Ohren gellender Schrei. Die Frau sprach schnell weiter, um unsere Aufmerksamkeit abzulenken; ich aber sagte:

»Horch! Wer hat da geschrieen?«

»Ich habe nichts gehört.«

»Aber ich hörte es sehr deutlich.«

»So wird es ein Vogel gewesen sein.«

»Nein, das war ein Mensch. Ist wirklich Niemand bei Dir?«

»Ich bin ganz allein.«

Dabei aber winkte sie dem Konakdschi nach der Thüre. Ich sah es, drehte mich um und ging hinaus.

»Herr!« rief sie hinter mir. »Wohin willst Du gehen?«

»In den Schuppen.«

»Das darfst Du nicht!«

»Pah! Will doch sehen, wer geschrieen hat.«

Da stellte sich der Konakdschi mir in den Weg und sagte:

»Bleibe da, Effendi! Du hast ja gehört, daß kein Fremder –«

Er sprach nicht weiter. Der Schrei war wieder erklungen und zwar noch lauter und unheimlicher als vorher.

»Hörst Du?« antwortete ich ihm. »Das klingt ganz so, als ob Jemand sich in Lebensgefahr befinde. Wir müssen nachsehen.«

»Aber Du darfst doch nicht – –«

»Schweig'! Es soll mich Niemand hindern, zu thun, was mir beliebt.«

Er machte noch einen Versuch, mich zurück zu halten; die Frau that dasselbe, aber ich ging dennoch. Meine drei Begleiter folgten mir. Hinterher kam der Konakdschi mit der Frau. Beide wisperten angelegentlich mit einander. So viel ich sehen konnte, machte er ein sehr betroffenes Gesicht.

Ich riegelte den einen Schuppen auf: – er enthielt nichts, als allerlei Gerümpel. Als wir dann auf den andern zuschritten, ertönte wieder der Schrei und zwar aus diesem zweiten Schuppen. Das klang wirklich ganz entsetzlich. Nun öffneten wir und traten ein. Es war fast dunkel im Innern.

»Ist jemand da?« fragte ich.

»O Allah, Allah!« antwortete eine Stimme, welche ich gleich erkannte. »Der Scheïtan, der Scheïtan! Er kommt! Er greift nach mir! Er holt mich in die Hölle!«

»Das ist ja der alte Mübarek!« raunte mir Halef zu.

»Allerdings. Entweder sind auch die Andern in der Nähe, um uns einen Hinterhalt zu legen, oder sie haben ihren Weg zum Köhler fortgesetzt und waren gezwungen, ihn hier zurückzulassen. Er hat das Fieber.«

»Herr, gehe nicht hinein!« sagte die Frau. »Es ist ein Kranker drin.«

»Warum hast Du mir das verschwiegen?«

»Er soll nicht gestört werden.«

»Was fehlt ihm denn?«

»Er hat das Hawa ils far. Geh' ja nicht hinein! Er steckt Dich sonst an, und dann bist Du verloren.«

»Die Cholera? Jetzt? Hier im tiefen Wald? Hm! Das glaube ich nicht.«

»Es ist wahr, Herr!«

»Wer ist er denn?«

»Ein Bruder von mir.«

»So! Ist er ein alter Mann?«

»Nein, ein noch ganz junger Bursche.«

»Weib, Du lügst! Den Mann, welcher hier liegt, den kenne ich. Er mag Dein Bruder sein, denn Ihr Beide seid Geschwister des Teufels, aber jung ist er nicht. Es ist der alte Mübarek, den ich mir genauer ansehen will. Hast Du eine Lampe?«

»Nein.«

»Aber Späne?«

»Auch nicht.«

»Höre, jetzt holst Du Späne, um Licht zu machen, und wenn Du binnen einer Minute nicht zurück bist, bekommst Du Hiebe, daß Dir das schmutzige Fell zerspringt.«

Ich hatte die Peitsche in die Hand genommen. Das wirkte.

»Effendi,« sagte der Konakdschi, »Du hast kein Recht, zu thun, als wärest Du hier der Herr und Gebieter. Wir sind hier Gäste und – –«

»Und werden so zahlen, wie man es verdient, nämlich entweder mit Piastern oder mit Hieben,« fiel ich ihm in's Wort. »Da drin liegt der Mübarek. Wo der ist, da befinden wir uns in Gefahr, und ich werde genau so handeln, wie unsere Sicherheit es erfordert. Willst Du mich irre machen, so muß ich annehmen, daß Du es heimlich mit unsern Feinden hältst. Grund dazu ist bereits genug vorhanden, wie Du weißt. Also nimm Dich in Acht!«

Da war er still und wagte kein weiteres Wort. Die Frau brachte Kienspäne, von denen einer bereits brannte. Wir zündeten mehrere an, nahmen sie in die Linke, die gespannten Revolver oder Pistolen in die Rechte und machten uns an die Untersuchung des Schuppens.

Da gab es nun freilich nur Zweierlei zu sehen, nämlich den Mübarek, welcher besinnungslos in der Ecke lag, und den Pferdecadaver in dem andern Winkel. Von Letzterem stieg ein Heer von ekelhaften Fliegen auf, als wir uns näherten.

»Bist Du denn toll?« fragte ich die Frau. »Dort befindet sich Einer, welcher das Wundfieber hat, und dabei liegt eine Pferdeleiche, von welcher tausend Insekten zehren. Und von diesem Fleisch sollten wir essen! Weißt Du denn nicht, wie gefährlich das ist?«

»Was soll das schaden?«

»Das Leben kann es kosten. Du hast uns belogen. Dieser Mensch dort ist unser Todfeind, welcher uns nach dem Leben trachtet. Indem Du ihn uns verheimlichen wolltest, hast Du bewiesen, daß Du mit ihm verbündet bist. Das kannst Du theuer bezahlen müssen!«

»Herr,« antwortete sie, »ich weiß kein Wort von alledem, was Du sagst.«

»Ich glaube Dir nicht.«

»Ich kann es beschwören.«

»Auch Deinem Schwure schenke ich keinen Glauben. Wie ist der Alte zu Dir gekommen?«

Sie warf einen fragenden Blick auf den Konakdschi. Dieser nickte ihr zu. Ich verstand, was er ihr damit sagte, that aber, als hätte ich nichts gesehen.

»Es kamen Reiter hier vorbei,« erklärte sie mir. »Einer von ihnen war krank; er konnte nicht weiter, und so baten sie mich, ihn hier zu behalten, bis er stärker geworden sei oder bis sie ihn abholen würden. Sie versicherten, daß ich eine sehr gute Bezahlung dafür erhalten werde.«

»Kanntest Du sie?«

»Nein.«

»Warum sagtest Du, daß dieser alte Sünder Dein Bruder sei?«

»Ob er ein Sünder ist, weiß ich nicht. Sie baten mich, so zu sagen und Niemand zu ihm zu lassen, da er von Feinden verfolgt werde.«

»Haben sie Dir diese Feinde beschrieben?«

»Ja.«

»Diese Beschreibung paßt auf uns?«

»Ganz genau. Darum wollte ich Dich nicht zu ihm lassen.«

Da ertönte vom Eingang her eine zornige Stimme:

»Was geht denn hier vor? Wer wagt es, ohne meine Erlaubniß hier einzudringen?«

Ich trat dem Frager mit dem Kienspane näher. Die Frau eilte auf ihn zu und begann leise mit ihm zu flüstern. Ich ersah keinen Grund, sie darin zu stören. Als Beide fertig waren, wandte er sich an mich:

»Herr, meine Frau erzählt mir, daß Ihr sie bedroht habt. Das darf ich nicht dulden. Wir haben, indem wir diesen Kranken bei uns aufnahmen, ein Werk der Barmherzigkeit gethan, und Ihr habt kein Recht, uns das vorzuwerfen.«

»Wer hat einen Vorwurf ausgesprochen?«

»Du!«

»Das ist nicht wahr. Sie hat ihn uns verheimlicht.«

»Was geht das Euch an? Können wir nicht thun, was uns beliebt?«

»Das könnt Ihr wohl; aber wenn ich den Schrei eines Menschen höre und es wird mir auf meine Frage gesagt, daß Niemand da sei, so muß ich wohl argwöhnisch werden. Ich muß glauben, daß ein Mensch sich in Gefahr befinde, und um ihn zu retten, bin ich hier eingetreten, obgleich Deine Frau es mir nicht erlauben wollte.«

»Weil Du sein Todfeind bist!«

»Auch das ist erlogen. Wir haben ihn geschont, obgleich er uns nach dem Leben trachtete. Ich habe ganz und gar nicht die Absicht, ihm Böses zu erweisen. Ich bin sogar erbötig, ihm beizustehen, wenn es noch möglich ist. Schafft ihn in die Stube! Dort ist es leichter, ihn zu pflegen. Ich werde seine Wunde untersuchen. Kann ihm noch geholfen werden, so soll es mich freuen. Ich raube keinem Menschen das Leben, wenn es nicht in Vertheidigung meines eigenen Lebens geschehen muß.«

»Du wirst ihn ehrlich untersuchen und ihm keine Medizin geben, die ihn vollends umbringt?«

»Er empfängt gar keine Medizin. Nur kunstgerecht verbunden soll er werden. Also tragt ihn sofort hinein. Ich warte hier auf Dich, denn ich habe dann wegen des Pferdes mit Dir zu sprechen.«

Erst jetzt, als er von den Spänen mehr beleuchtet wurde, sah ich, daß er ein Päckchen in der Hand hatte. Ich erkannte es sogleich und machte Halef auf dasselbe aufmerksam, indem ich ihm einen heimlichen Wink gab.

Der Konakdschi, der Kohlenhändler und dessen Frau hoben den Mübarek vom Boden auf und trugen ihn an uns vorüber. Der Verwundete war ohne Besinnung, schien aber die ihm verursachten Schmerzen zu fühlen, denn er schrie jämmerlich.

»Mögen sie bereden und beschließen, was ihnen beliebt. Uns kann es sehr gleichgültig sein.«

»Meinst Du das wirklich?« erwiederte Halef.

»Ja. Schaden werden sie uns heute nichts.«

»Aber wenn der Mübarek sich nicht allein hier befindet!«

»Ich bin überzeugt, daß die Andern wirklich fort sind, werde aber trotzdem die Maßregeln so treffen, als ob sie sich hier versteckt hätten.«

»Und was hast Du mit dem Kohlenhändler wegen des Pferdes zu besprechen?«

»Ich will es ihm abkaufen, wenigstens einen Theil des Cadavers.«

»Bist Du des Teufels? Meinst Du, daß wir von diesem Fleische essen sollen?«

»Nein, wir nicht, sondern ein Anderer.«

»Wer?«

»Ein Gast von uns. Du wirst ihn hoffentlich noch heute kennen lernen.« Halef schwieg.

»Jetzt leuchtet einmal her und schaut Euch den Cadaver des Pferdes an,« sagte ich zu meinen Gefährten. »Da werdet Ihr sehen können, welche Kraft ein Bär in seinen Zähnen und Tatzen hat.«

Das gewaltige Raubthier hatte dem Pferd die Hirnschale aufgebrochen. Die Schädelhöhle, welche den größten Leckerbissen des Bären, das Gehirn, enthält, war so rein geleert, als ob sie mit einem Schwamm ausgewischt worden. Dann hatte er den Leib angeschnitten. Es fehlten die Eingeweide, welche er verzehrt hatte. Das Backenfleisch war seinem Gelüste zur Beute geworden, und zuletzt wohl hatte er sich die Brust genommen. Dann war er gesättigt gewesen.

Das Pferd – ein starkknochiges und wohlgenährtes Thier – hatte wohl Kräfte genug gehabt, eine schwere Last zu ziehen. Darum sagte Halef:

»Aber wie kann ein Bär ein solches Pferd bewältigen? Es vermag doch zu fliehen oder sich mit den Hufen zu wehren!«

»Das weiß der Bär so genau wie Du und richtet seinen Angriff darnach ein. Übrigens ist er ein alter Kerl, der gewiß ein gutes Quantum Erfahrung besitzt.«

»Aber denke Dir, das Pferd ist ein so schnelles Thier, während der Bär ungelenk und täppisch sein soll.«

»Wer das denkt, der kennt ihn nicht. Ja, für gewöhnlich scheint es, als ob er die Behaglichkeit mehr liebe, als die Eile; aber ich sage Dir, daß ich dabei war, als ein grauer Bär einen Reiter einholte, der sich alle Mühe gab, zu entkommen. Ist der Bär angeschossen, so entwickelt er eine Wuth und eine Schnelligkeit, die ihn höchst gefährlich machen.«

»Nun, wie mag es da diesem Bären gelungen sein, sich des Pferdes zu bemächtigen?«

»Zunächst hat er die Klugheit gehabt, sich gegen den Wind anzuschleichen, um nicht durch die Nüstern bemerkt zu werden. In der Nähe seiner Beute angekommen, hat er einige weite, schnelle Sprünge gemacht und dann das Pferd von vorn angenommen. Du siehst es an den Wunden, die es trägt, daß er es vorn niedergerungen hat. Schau die zerrissenen Vorderbeine und die beiden Risse rechts und links im Hals. Er hat mit den Vordertatzen das Pferd am Hals gepackt und ihm die Hinterpranken an die Vorderbeine gestemmt. Bei seiner Bärenkraft, welche ja auch sprichwörtlich ist, bedurfte es nur eines Ruckes, um es vorn nieder zu bringen. Dann hat er ihm einen Wirbel des Genickes zerknirscht. Das siehst Du an den deutlichen Wunden. Wünschest Du auch jetzt noch, von ihm umarmt zu werden?«

»O Beschützer! O Bewahrer! Das fällt mir nicht ein. Den Brustkasten könnte ich ihm nicht eindrücken, wie ich vorhin sagte. Aber fürchten würde ich mich doch nicht vor ihm, wenn es zum Kampf zwischen ihm und mir käme. Nur müßte ich meine Flinte bei mir haben. Das ist doch das Sicherste?«

»Ja, doch gibt es Jäger, welche dem Bär bloß mit dem Messer zu Leibe gehen.«

»Ist das möglich?«

»Gewiß. Nur gehört ruhiges Blut, Körperkraft und ein sicherer Stoß dazu. Trifft das Messer das Herz nicht, so ist es gewöhnlich um den Mann geschehen. Bedient man sich der Büchse, so kann man ihn auf verschiedene Weise erlegen. Nie aber schieße ich auf weite Distanz. Am sichersten ist es, man geht dem Burschen mit dem angelegten Gewehr entgegen. Er richtet sich auf, um den Schützen zu empfangen. Auf zehn Schritte gibt man ihm den tödtlichen Schuß grad in's Herz. Da er gewöhnlich den Rachen weit aufreißt, kann man auch da eine tödtliche Stelle treffen, indem man ihm die Kugel durch den obern Theil des Rachens in's Gehirn jagt. Doch selbst dann, wenn er stürzt und ohne Bewegung liegt, ist noch Vorsicht geboten. Bevor man sich bei einem getroffenen Bären häuslich niederläßt, muß man sich ganz genau überzeugen, daß er auch wirklich getödtet worden ist.«

Ich gab diese oberflächliche Belehrung nicht ohne Absicht, denn ich hoffte, den Bären noch am Abend kennen zu lernen.

Jetzt kehrten die beiden Männer zurück. Die Frau war bei dem Kranken geblieben. Der Kohlenhändler fragte:

»Was wolltest Du wegen des Pferdes mit mir sprechen?«

»Ich wollte wissen, ob Du das ganze Fleisch desselben für Dich verwenden willst.«

»Ja. Ich will es aufheben.«

»So nimm das Beste. Die geringeren Stücke kaufe ich Dir ab.«

»Du? Wozu?«

»Für den Bären.«

»O! Der hat schon genug erhalten. Willst Du ihn noch dafür beschenken, daß er mich um mein Pferd gebracht hat?«

»Nein; ein Geschenk soll es freilich nicht sein. Weißt Du vielleicht, ob das Raubthier sich schon seit längerer Zeit in dieser Gegend befindet?«

»Ich habe noch keine Spur von ihm gesehen. Die Nachbarn wohnen hier weit aus einander, aber wenn er schon einen ähnlichen Raub ausgeführt hätte, so wäre es mir sicher zu Ohren gekommen, da ich als Handelsmann die Ortschaften fleißig besuche.«

»So ist er also hier fremd und kennt noch nicht die Gelegenheiten, auf leichte Weise seinen Appetit zu stillen. Darum denke ich, daß er heute Abend wieder kommen wird, um den Rest des Pferdes an sich zu nehmen. Liegt die Stelle, an welcher er dasselbe tödtete, weit von hier?«

»Gar nicht weit. Ich hörte von meiner Frau, daß sie grad dort gestanden sei, als Ihr ankamt. Das Pferd hat zwischen dem Felsgeröll an der Spitze der Waldzunge gelegen.«

»So beabsichtige ich, einen Theil des Fleisches dorthin zurückzuschaffen, um den Bären an dem Ort seiner Mordthat zu erwarten.«

»Herr, was fällt Dir ein!«

»Doch nichts Ungewöhnliches?«

»Sage das um Gottes willen nicht! Du willst ein solch riesiges Thier am dunklen Abend erwarten? So Etwas hat man noch nie gehört. Wenn einmal der höchst seltene Fall eintritt, daß sich ein Bär in diese Gegend verirrt, so treten alle muthigen Männer der Gegend zusammen und bringen auch ihre Hunde mit, oder es wird nach Militär geschickt. Dann gibt es eine Schlacht, in welcher viele Hunde und wohl auch mehrere Menschen umkommen, während der Bär als Sieger den Kampfplatz verläßt, bis er endlich in einer zweiten, dritten oder vierten Schlacht überwunden wird.«

»Da thut man dem Thier doch gar zu große Ehre an. Ein einzelner Mann, der eine gute Büchse hat, genügt vollständig.«

»Herr, willst Du etwa ganz allein hinaus zu ihm?«

»Willst Du etwa mich begleiten?«

»Um alle Schätze der Erde nicht!« schrie er, alle zehn Finger steif von sich streckend.

»Nun, ich werde nicht allein gehen, sondern einen meiner Begleiter mitnehmen.«

»Mich natürlich, mich!« rief Halef, dessen Augen funkelten.

»Ja, Du, Hadschi. Du sollst dabei sein, um Hanneh, der herrlichsten der Beglückerinnen, davon erzählen zu können.«

»Hamdullillah! Preis und Dank sei Allah! Ich werde Hanneh den Schinken des Bären bringen und ihr lehren, ihn zu pökeln und zu räuchern, wie – wie – – hm, o Glück, o Seligkeit!«

Beinahe hätte er in seinem Entzücken das Geheimniß seiner Übertretung des Kurans verrathen. Sein Gesicht strahlte vor Wonne. Osco und Omar aber blickten unzufrieden drein.

»Effendi,« meinte Osco, »denkst Du etwa, daß wir uns vor dem Bären fürchten würden?«

»Nein, denn ich kenne Eure Tapferkeit.«

»So bitten wir Dich, auch uns mitzunehmen.«

»Das geht nicht. Zu viele dürfen wir nicht sein. Wir würden das Thier vertreiben, denn der Bär ist schlau, obgleich man oft das Gegentheil von ihm sagt. Übrigens vertraue ich Euch einen sehr wichtigen Posten an, und es ist sehr leicht möglich, daß auch Ihr Euern Muth beweisen könnt, da der Bär auf den Gedanken kommen kann, auch Euch einen Besuch abzustatten.«

»Wieso?«

»Ihr sollt unsere Pferde bewachen, welche wir hier einriegeln. Wir dürfen sie heute nicht im Freien lassen, da es das Raubthier nach frischem Pferdefleisch gelüsten könnte. Jetzt streicht nämlich die Luft von hier nach der Stelle hinüber, wo wir auf ihn warten werden. Seine Nase ist fein genug, um zu riechen, daß sich hier Pferde befinden. Er ist im Stande, das todte Fleisch liegen zu lassen, um zu versuchen, ob hier lebendiges zu bekommen sei. Also müssen wir, Halef und ich, uns immerhin darauf gefaßt machen, daß er sich von uns gar nicht sehen läßt und sich hier nach dem Schuppen wendet. In diesem Fall würden uns Eure Schüsse wissen lassen, woran wir sind.«

»Ich danke Dir, Effendi. Ich sehe, daß Du doch Vertrauen zu uns hast. Wir werden treu auf unserm Posten stehen. Er mag nur kommen; unsere Kugeln werden ihn begrüßen.«

»Aber nicht so, wie Ihr vielleicht denkt. Ihr werdet Euch hier im Innern bei den Pferden befinden und ihn nicht etwa draußen erwarten. Dazu habt Ihr die nöthige Erfahrung nicht, und es hieße Euer Leben tollkühn auf das Spiel setzen.«

»Sollen wir uns gegen ein solches Thier hinter Brettern verschanzen?«

»Ja, denn auch wir werden uns hinter die Felsen verstecken. Eure Flinten sind nicht zuverlässig genug, und selbst wenn Ihr den Bären träft, wäre es nur Zufall, wenn eine Kugel ihm in das Leben dränge. Fände er Euch draußen, so müßte wenigstens Einer von Euch das Leben lassen; davon bin ich überzeugt.«

»Aber was können wir gegen ihn thun, wenn er draußen steht, und wir sind hier, ohne ihn sehen zu können?«

»Ihr werdet ihn desto deutlicher hören. Dieser Schuppen ist nur sehr leicht gebaut, und Ihr habt keine Ahnung, welchen Scharfsinn der Bär in dieser Beziehung zu entwickeln vermag. Er weiß ganz genau, was eine Thüre ist; er versucht sie einzudrücken oder mit seinen mächtigen Tatzen aufzureißen. Gelingt das nicht, so streicht er um das ganze Gebäude und untersucht jedes einzelne Brett, ob er es loszusprengen vermag. Hat er erst eine kleine Öffnung, dann ist es ihm bei seiner ungeheuren Körperkraft leicht, sich mit Gewalt durchzubrechen. Da ist nun Eure Aufgabe klar. Wenn er wirklich zu dem Schuppen kommen sollte, so hört Ihr an seinem Kratzen, wo er sich draußen befindet, und gebt ihm durch die dünnen Bretter eine Kugel. Wir draußen hören die Schüsse, und das Übrige ist dann unsere Sache.«

»So kann es also doch nicht zu einem wirklichen Kampf zwischen uns und ihm kommen!«

»Sehr leicht sogar. Aus einer leichten Verwundung macht sich der Bär sehr wenig; aber seine Wuth verdoppelt sich. Er ist im Stande, trotz Eurer Schüsse die dünnen Bretter loszureißen oder durchzudrücken. Dann seid Ihr die Überfallenen und habt Euch Eurer Haut zu wehren. Zum Schießen gibt es da keine Zeit, weil nicht geladen werden kann. Kolbenschläge auf die Nase, aber nicht etwa auf den harten Schädel, weil an demselben der Kolben zersplittern würde, und Messerstiche in das Herz, das ist dann das Einzige, womit Ihr Euch halten könnt, bis Halef und ich herbeikommen. Übrigens sind wir noch gar nicht so weit. Ich werde Euch später noch nähere Weisungen geben.«

»Aber,« sagte Halef, »es ist jetzt bereits dunkel, und unsere Pferde sind im Freien. Wenn er jetzt käme und Deinen Rih tödtete?«

»Jetzt kommt er noch nicht, und Rih ist kein Köhlerpferd. Ich glaube sogar, ich könnte es dem Rappen überlassen, ganz allein mit dem Bären fertig zu werden. Ein solches Rassethier verhält sich ganz anders als ein gewöhnlicher Gaul. Wir können unsere Thiere getrost noch weiden lassen. Kommt der Bär wirklich, so kommt er frühestens zwei Stunden vor Mitternacht. Um aber nichts zu versäumen, werden wir draußen ein Feuer anzünden, an welchem wir uns niederlassen. Da haben wir die Pferde vor Augen und können ihnen mit unseren Gewehren sofort zu Hülfe kommen. Übrigens wird das Feuer weithin leuchten und den Bären abhalten, auch bei der Lockspeise seinen Besuch zu früh zu machen. Jetzt handelt es sich um das Pferdefleisch.«

Der Kohlenhändler ging sehr gern auf meine Absicht ein. Für ihn war die Hauptsache, daß das Raubthier getödtet werde. Er löste diejenigen Theile des Pferdes, auf welche er es abgesehen hatte, von den Knochen. Dann blieb noch immer genug für den Bären übrig. Für diesen Rest verlangte er dreißig Piaster, also nicht ganz sechs Mark, welche ich ihm gern zahlte.

Draußen an der Giebelmauer des Hauses lag eine ansehnliche Menge von Brennholz aufgeschichtet. Ich kaufte es dem Wirth für zehn Piaster ab und ließ unweit der Hausthüre, welche nach der Waldzunge hin lag, ein großes Feuer anmachen, das bis zu unserem Aufbruch zur Jagd unterhalten werden sollte. Es leuchtete weit genug, so daß wir unsere in der Nähe des Hauses weidenden Pferde sehen und bewachen konnten. Osco blieb da zurück, während wir Andern uns nun zunächst nach der Wohnstube begaben. Ich wollte den Mübarek sehen.

Wir hatten, während wir draußen beschäftigt waren, sein ununterbrochenes Klagen gehört. Er bot einen schrecklichen Anblick. Seine verzerrten Züge, seine blutunterlaufenen Augen, der Gischt, welcher ihm vor dem Mund stand, die Flüche und Verwünschungen, welche er ausstieß, und der von ihm ausströmende üble Geruch wirkten so abstoßend, daß es mir große Überwindung kostete, vor ihm niederzukauern, um seine Wunde zu untersuchen.

Der Verband war ihm nur sehr nachlässig und von ungeschickten Händen wieder angelegt worden. Als ich denselben entfernen wollte und in Folge dessen seinen Arm berührte, brüllte er vor Schmerzen wie ein wildes Thier und bäumte sich gegen mich auf. Er hielt mich für den Scheïtan, welcher ihn zerreißen wolle, wehrte mich mit dem unverletzten Arm von sich ab und bat mich um Gnade und um die Erlaubniß, zur Erde zurückkehren zu können. Er versprach mir als Lösegeld Tausende von Menschen, welche er ermorden wolle, um mir ihre Seelen zur Hölle zu senden.

Das Fieber gab ihm solche augenblickliche Kraft, daß ich Gewalt anwenden mußte. Es gehörten drei Personen dazu, um ihn zu halten, damit ich ihm die Lappen von den Wunden wickeln konnte. Da sah ich denn sofort, daß Rettung gar nicht möglich sei. Selbst eine Amputation des verletzten Gliedes wäre hier zu spät gekommen. Ich legte auch seine Schulter bloß, indem ich den Kaftan aufschnitt. Der Brand, die zersetzende Fäulniß, war bereits eingetreten, und die ekelhafte Jauche verbreitete einen Verwesungsgeruch, welcher entsetzlich war.

Hier konnte man nichts thun, als ihm Wasser geben, nach welchem er schrie. Das überließen wir der Frau. Es war wie ein Wunder, daß dieser Mensch den Ritt bis hierher hatte aushalten können. Wir standen schaudernd bei ihm und gedachten nicht mehr seiner Feindseligkeit, sondern nur des grausigen Endes, welches er sich selbst bereitet hatte. Der Konakdschi sagte:

»Herr, wäre es nicht besser, wir tödteten ihn? Es wäre die größte Wohlthat, welche wir ihm erweisen könnten.«

»Das meine ich auch,« antwortete ich; »aber wir haben kein Recht dazu. Noch hat er kein Wort der Reue gesprochen; er will vielmehr den Teufel durch die Verheißung grausiger Mordthaten bestechen. Daraus können wir entnehmen, welche schwarze Seele in diesem lebendig verwesenden Körper wohnt. Vielleicht gibt ihm Gott noch einmal das Bewußtsein zurück und damit die letzte Gelegenheit, seine Sünden zu bekennen. Übrigens sind seine Qualen nicht unverdient, und – was Ihr nicht übersehen dürft – er liegt vor Euch als abschreckendes, warnendes Beispiel, dessen deutliche und ergreifende Sprache zwar an uns Alle, ganz besonders aber an Euch gerichtet ist, an Dich, Konakdschi, an Junak und auch an Guszka, dessen Frau.«

»An uns?« fragte der Erstgenannte verlegen. »Weßhalb denn?«

»Ich will Euch nur sagen: Wer auf den Pfaden dieses Mannes wandelt, der läuft Gefahr, zu demselben schrecklichen Ende zu gelangen. Ich habe noch niemals einen Gottlosen glücklich gesehen.«

»So meinst Du, dieser fromme Mann sei gottlos gewesen?«

»Ja, und Du weißt sehr gut, daß ich Recht habe.«

»Aber er hat stets für heilig gegolten. Warum hat Allah ihn nicht eher gestraft?«

»Weil Allah gnädig und langmüthig ist und selbst dem härtesten Sünder Zeit zur Umkehr und Besserung gibt. Aber Allah sieht nur eine Weile zu, und wird die Zeit der Barmherzigkeit nicht benützt, so bricht sein Strafgericht um so schrecklicher herein. In dem Lande meiner Heimat gibt es ein Sprüchwort, welches lautet:

Allah dejirmenler jawasch öjütirler,
Lakin korkurlu jufka öjütirle.

Dieses Wort gilt auch für Euch. Es trägt für den Sünder eine furchtbare Wahrheit in sich. Ich wünsche, daß Ihr dieselbe erkennt und nach ihr handelt. Thut Ihr das nicht, so werdet Ihr ebenso wie der Mübarek dem Strafgericht verfallen.«

»Herr, mir gelten Deine Worte nicht,« lachte der Konakdschi. »Ich bin Dein Freund und habe mit dem Alten nichts zu schaffen. Allah kennt meine Gerechtigkeit und weiß, daß ich keine Strafe verdiene. Und auch dieser Mann, der Kohlenhändler, und seine Frau sind ehrliche Leute. Du hast uns eine Rede gehalten, die wir nicht auf uns zu beziehen brauchen. Jeder Mensch sollte sich um seine eigenen Fehler bekümmern.«

Da er sich seiner bösen Absichten gegen uns sehr wohl bewußt war, so konnten diese Worte nur als eine Frechheit bezeichnet werden. Halef griff auch nach der Stelle seines Gürtels, an welcher sich die Peitsche befand. Ich gab ihm aber einen abwehrenden Wink und antwortete dem Konakdschi:

»Du hast Recht, denn wir Alle sind Sünder, und ein jeder Mensch hat seine Fehler. Dennoch ist es Pflicht, den Nächsten zu warnen, wenn er sich in eine Gefahr begibt, in welcher er leicht umkommen kann. Und es gibt keine größere Gefahr als diejenige, mit der Langmuth und Barmherzigkeit Allah's sein Spiel zu treiben. Ich habe diese meine Pflicht gethan, und es ist nun Eure Sache, meiner Warnung Gehör zu schenken oder nicht. Wir sind hier fertig und wollen nun das Fleisch nach der Stelle tragen, an welcher das Pferd überfallen ward.«

Wir begaben uns in den Schuppen. Das Gerippe des Pferdes hielt noch zusammen, und wir konnten es gleich im Ganzen tragen. Halef und der Kohlenmann faßten vorn an, ich trug hinten, und dann marschirten wir ab. In der Nähe des Platzes angekommen, gebot ich, die Last nieder zu legen. An dem schweren Geripp hing wohl noch ein voller Zentner Fleisch. Das Fell hatte der Wirth schon abgezogen.

Ich gebot, unsere Sohlen recht fest an dem Fleische hin und her zu reiben, damit der Bär nicht unsere frischen Spuren wittere. Der Fleischgeruch mußte seine Nase irreführen. Dann ging es weiter.

Als wir die Stelle erreichten, sah ich, daß sie außerordentlich gut für unsern Zweck geeignet war. Ich erkannte trotz des abendlichen Dunkels die Einzelnheiten der Örtlichkeit, da ich sie in einem Halbkreise so umschritt, daß sie zwischen mir und dem helllodernden Feuer lag und sich also alle Umrisse gegen dasselbe abzeichneten.

Die sehr scharf vortretende Zunge des Waldes endete in einer schroff felsigen Spitze, von welcher schwere, quaderartige Massen abgestürzt waren. Diese lagen zerstreut unten umher. Zwischen ihnen war das todte Pferd aufgefunden worden. Wir hatten es genau an demselben Punkt wieder hingelegt, und wenn wir uns im richtigen Wind hinter eins der Felsenstücke legten, so konnte uns das Raubthier, falls es wirklich kam, gar nicht entgehen.

Dem Kohlenhändler war es an diesem Ort nicht geheuer, und er ging alsbald davon. Wir folgten ihm langsam nach.

»Der Kerl will nicht gefressen werden,« lachte Halef. »Jetzt im Dunkeln könnte ihm das vielleicht passiren, aber ich wette, wenn der Bär ihn am Tage sähe, so würde er den Kopf schütteln und sagen: Du bist mir zu schmutzig! Sihdi, Du winktest mir nach dem Päckchen, welches er in der Hand hatte?«

»Ja. Weißt Du, was es enthielt?«

»Natürlich! Ich erkannte sogleich den Lappen, welchen die Besitzerin des Fischthranes um das Geräucherte gewickelt hatte. Ich hatte ihn sammt der Wurst weggeworfen. Sollte er auch die Wurst gefunden haben?«

»Höchst wahrscheinlich, denn das, was der Lappen enthielt, hatte ganz die Form einer Wurst.«

»So mag er sie essen und die Fortsetzung meiner Qual empfinden! Ich wollte, ich könnte ihm dabei zusehen; es sollte mir eine Augenweide sein.«

»Dieses Vergnügen wirst Du vielleicht haben. Weil er diesen Fund gemacht hat, so schließe ich daraus, daß er sich dort befand, wo Du die Wurst weggeworfen hast. Was hatte er dort zu suchen? Sein Weib sagte, er sei fortgegangen, um die Fährte des Bären zu entdecken; das ist aber nicht wahr. Er hat erfahren, daß wir kommen werden, und seine Ungeduld trieb ihn, uns entgegen zu gehen. Er muß also an unserm Eintreffen ein Interesse haben, zumal er denken mußte, daß wir während seiner Abwesenheit den Mübarek, welchen wir doch nicht sehen sollten, viel leichter entdecken könnten, als wenn er persönlich anwesend wäre. Das läßt mich vermuthen, daß ihm von der Beute, welche die Schurken bei unserer Ermordung machen wollen, ein Theil zugesichert ist.«

»Da soll er sich den Mund abwischen, ohne gegessen und getrunken zu haben. Ich sage Dir, Sihdi, daß wir viel zu glimpflich mit diesen Leuten verfahren. Erschießen sollten wir sie; die Menschheit würde uns Dank dafür wissen.«

»Du weißt, wie ich darüber denke. Ich habe ja auch geschossen. Der Mübarek wird an meinen beiden Kugeln sterben. Aus dem Hinterhalt tödte ich sie nicht. Das wäre Mord. Aber wenn sie uns so angreifen, daß unser Leben bedroht ist, dann vertheidigen wir uns mit allen Mitteln.«

Wir kamen bei dem Feuer an, um welches sich mittlerweile die Andern gelagert hatten. Der Konakdschi hatte zwei Gabeläste in die Erde gesteckt und war nun damit beschäftigt, ein großes Stück Pferdefleisch an einen dritten Ast zu schieben, welcher die Stelle des Bratspießes vertreten sollte. Wenn er glaubte, bei diesem Braten uns als Gäste zu bekommen, so mußte er verzichten. Glücklicher Weise hatten wir noch einen kleinen Speisevorrath bei uns, welcher für diesen Abend leidlich ausreichte.

Als der Kohlenhändler uns essen sah, bekam er solchen Appetit, daß er das Garwerden des Pferdebratens nicht erwarten konnte. Er ging in das Haus und brachte seine Frau und – das ominöse Päckchen herbei. Beide setzten sich neben einander an das Feuer. Er wickelte den Lappen auf, und richtig, die Wurst war darin, mit Ausnahme der Düte. Er theilte die Wurst, aber sehr ungleich; seine Frau bekam den kleinen und er nahm den großen Theil. Von dem Konakdschi befragt, woher er die Wurst habe, erklärte er, sie von einer seiner Handelsfuhren mitgebracht zu haben. Er durfte sie essen, weil er kein Muhamedaner war. Und die beiden aßen denn auch mit größtem Behagen. Halef sah ihnen aufmerksam zu. Er hätte gern eine Bemerkung gemacht, aber er durfte ja nichts sagen.

Aus dem Hause erschallte das immerwährende Ächzen und Wimmern des Mübarek, untermischt mit einzelnen schrillen Angstschreien. Es klang, als ob ein Mensch auf der Folter läge. Seine Verbündeten machten sich nichts daraus. Ich forderte das Weib auf, wieder einmal nach ihm zu sehen und ihm Wasser zu geben; aber eben war der Braten fertig geworden, und so weigerte sie sich, meinem Wunsch nachzukommen. Darum stand ich selbst auf, um es zu thun.

Grad als ich mich erhob, ließ der Kranke ein so entsetzliches Gebrüll hören, daß es mich eiskalt überlief. Ich wollte zu ihm hinein eilen, aber da erschien er auch bereits unter der Thüre und schrie:

»Hülfe! Hülfe! Es brennt! Ich stehe in Flammen!«

Er stürzte auf uns zu. Die Aufregung des Fiebers spottete der Schwachheit seiner Kräfte. Schon nach einigen Schritten blieb er stehen, stierte das Feuer an und brüllte entsetzt:

»Auch hier Flammen! Überall Flammen, hier, da, dort! Und in mir brennt's auch, brennt's, brennt's! Hülfe! Hülfe!«

Er warf den unverletzten Arm in die Luft und fiel dann schwer zu Boden, wo er leise, aber herzbrechend fortwimmerte.

Wir hoben ihn auf, um ihn wieder in die Stube zu tragen, hatten aber Mühe, ihn fassen zu können, denn er hielt uns für böse Geister und wehrte sich verzweifelt gegen uns. Als wir ihn drinnen auf das Lager legten, war er matt geworden und schloß die Augen.

Aber bald begann er von Neuem, und zwar so, daß es kaum auszuhalten war. Erst nach langer Zeit wurde es still, und ich ging hinein, um nach ihm zu sehen. Er lag im Finstern; darum brannte ich einen Span an und leuchtete ihm in das Gesicht.

Seine Augen waren groß auf mich gerichtet. Er hatte die Besinnung wieder erhalten und erkannte mich.

»Hund!« zischte er mich an. »Bist Du also doch gekommen? Allah verfluche Dich!«

»Mübarek,« sagte ich ernst, »denke an Deinen Zustand. Bevor die Sonne sich erhebt, stehst Du vor dem ewigen Richter. Kannst Du Deine Sünden zählen? Gehe in Dich und bitte Allah um Gnade und Barmherzigkeit!«

»Teufel! Du bist mein Mörder. Aber ich will nicht sterben; ich will nicht! Dich, Dich, Dich will ich sterben sehen!«

Ich kniete ganz nahe bei ihm, mit dem Wassertopf in der Hand, aus welchem ich ihn hatte erquicken wollen. Er that einen schnellen Griff und riß mir das Messer aus dem Gürtel. Ebenso schnell stieß er zu. Er hätte mich in die Brust getroffen, wenn ich den Stoß nicht mit dem thönernen Topf parirt hätte. Im nächsten Augenblick hatte ich ihm das Messer wieder entrissen.

»Mübarek, Du bist wirklich ein entsetzlicher Mensch. Noch beim letzten Augenblick willst Du Deine Seele mit einer Blutthat mehr belasten. Wie kannst Du – –«

»Schweig'!« unterbrach er mich brüllend. »Warum habe ich das Fieber! Warum bin ich so schwach, daß ich mir die Waffe wieder entringen lassen muß! Höre, was ich Dir jetzt sagen werde!«

Er richtete sich langsam empor. Seine Augen funkelten wie die eines Panthers. Ich trat unwillkürlich zurück.

»Fürchtest Du Dich vor mir?« hohnlachte er. »O, es ist auch fürchterlich, mich zum Feind zu haben! – – Allah, Allah, da brennt es schon wieder! Ich sehe das Feuer kommen. Es naht, es naht; es brennt – brennt!«

Er sank nieder und heulte weiter. Sein Bewußtsein schwand, und das Fieber überwältigte ihn abermals. Der Geruch in der Stube war unerträglich. Ich athmete tief auf, als ich mich wieder draußen in der frischen Luft befand, aber nicht allein dieses Geruches wegen.

Wer einen Menschen in dieser Weise hat sterben sehen, der kann das nie vergessen. Noch heute überläuft mich ein Grauen, wenn ich an jenen Abend denke. Was ist der Mensch, der es wagt, sich gegen Gottes Gesetze aufzubäumen? – –

Meine Uhr zeigte jetzt genau die zehnte Stunde. Da der Türke die Stunden von dem Augenblick des Sonnenunterganges zählt, welcher an diesem Tage auf halb Acht fiel, so war es nach dortiger Zeitrechnung halb drei Uhr. Wir tränkten die Pferde im Bache und führten sie dann in den Schuppen.

»Herr, wo sollen denn wir bleiben, ich, mein Weib und der Konakdschi?« fragte der Wirth.

»Geht zu den Pferden hinein,« antwortete ich.

»Nein, nein! Du hast doch selbst gesagt, daß der Bär möglicherweise den Schuppen aufsuchen kann. Wir werden uns in die Stube begeben; aber wenn der Bär kommt, so flüchten wir uns unter das Dach und ziehen die Leiter empor. Den Mübarek mag er immer fressen.«

Was der Mann Leiter nannte, war ein Balken, in welchen man Kerben eingeschnitten hatte. Derselbe lehnte in der Stube, über welcher sich eine Lage von losen Stangen befand, von denen die Decke gebildet wurde.

Wir löschten das Feuer aus, und nun hatten die Drei nichts Eiligeres zu thun, als sich in die Stube zu flüchten. Osco und Omar begaben sich in den Schuppen zu den Pferden, nachdem ich ihnen erklärt hatte, wie sie sich verhalten sollten.

Dann brach ich mit Halef auf. Dieser hatte sich vorher sorgfältig überzeugt, daß ihm sein Gewehr nicht versagen werde. Ich nahm nur die Büchse mit; der Stutzen konnte mir einem solchen Bären gegenüber nichts nützen.

»Jetzt sollte der Kerl schon dort sein, wenn wir kommen,« meinte Halef. »Es ist so finster, daß wir ihn erst sehen würden, wenn wir vor ihm ständen.«

»Eben darum dürfen wir jetzt nicht in gerader Linie gehen. Die Luft streicht von hier hinüber, und er müßte uns unbedingt riechen. Wir machen einen Umweg, indem wir einen Bogen schlagen, so daß wir dann so ziemlich aus der entgegengesetzten Richtung kommen.«

Das thaten wir. Als wir uns nachher der betreffenden Stelle näherten, geschah das mit der größten Vorsicht, weil der Bär sich nicht nur bereits dort befinden, sondern auch grad von derselben Seite kommen konnte, aus welcher wir uns heranschlichen.

Wir hielten die Gewehre schußbereit und blieben zuweilen stehen, um zu horchen. Wenn er sich bereits bei dem Pferdegeripp befand, so mußte sein Schmatzen und das Krachen der Knochen zu hören sein. Aber es war kein anderer Laut zu vernehmen, als das leise Rauschen des Windes in den Kronen der Bäume.

Endlich waren wir so nahe, daß wir, um eine Ecke blickend, den Cadaver sehen konnten. Es war kein Bär dabei. Nun kletterten wir auf ein großes Felsenstück in der Nähe. Es hatte doppelte Manneshöhe und gewährte uns Schutz gegen einen direkten Angriff des Raubthieres. Der Stein war dicht mit Moos bewachsen und bot uns eine ganz behagliche Unterlage. Wir legten uns neben einander hin und warteten nun – nicht der Dinge, sondern des Dinges, welches da kommen sollte.

»Sihdi,« flüsterte Halef mir zu, »wäre es denn nicht besser, wir hätten uns getrennt?«

»Freilich; wir könnten da den Bären von zwei Seiten nehmen.«

»So wollen wir es doch thun!«

»Nein, denn Du unterschätzest die Gefahr, und das ist stets ein Fehler. Dein Selbstvertrauen kann Dich leicht verleiten, eine Unvorsichtigkeit zu begehen. Vor allen Dingen verlange ich, daß Du nur dann schießest, wenn ich es Dir erlaube.«

»So willst Du vor mir schießen?«

»Ja, weil meine Kugel das Fell sicher durchdringt, während dies bei der Deinigen sehr zweifelhaft ist.«

»Das thut mir sehr leid, Sihdi, denn ich wollte es sein, der ihn erlegt. Welch ein Ruhm kann es für mich sein, wenn ich meiner Hanneh, der herrlichsten der Frauen, erzähle, daß Du das Thier getödtet hast? Ich will ihr sagen können, daß er durch meine Kugel fiel.«

»Das wirst Du vielleicht können, denn es steht zu erwarten, daß eine einzige Kugel nicht genügt. Dringt sie dem Bären nicht sofort in's Leben, so kommt er sicher hierher, um uns anzugreifen. Dann lassen wir ihn ganz nahe heran, und wenn er sich an dem Stein aufrichtet, um ihn zu erklettern, kannst Du ihm mit aller Gemüthlichkeit Deine Kugel in den Rachen oder gar in das Auge geben.«

»Das sagst Du nur, um mich zu trösten. Ich weiß aber, daß Du ihn schon mit dem ersten Schuß erlegen wirst. Wann hätte ich Dich einmal einen Fehlschuß thun sehen!«

»Ja, fehlen werde ich nicht, aber ich zweifle sehr, daß ich die richtige Stelle treffe. Wir haben von hier aus ein schlechtes Zielen.«

»Das denke ich nicht. Das Pferd liegt ja kaum fünfzehn Schritte von uns!«

»Dennoch können wir die Umrisse des Bären nicht deutlich erkennen, weil wir von oben herab gegen den dunkeln Boden blicken. Lägen wir unten am Boden, so würde sich sein Körper besser von der Erde abzeichnen. Wäre ich allein, so läge ich ganz gewiß unten im Gras.«

»So hast Du meinetwegen Dich hier herauf gemacht?«

»Ja, zu Deiner Sicherheit.«

»Oho! Wenn es sein muß, nehme ich diesen Bären beim Schwanz und zwinge ihn, rückwärts mit mir spazieren zu gehen.«

»Eben diese Dreistigkeit ist es, welche mich beunruhigt. Es könnte leicht kommen, daß der Bär allerdings einen Spaziergang unternimmt, aber mit dem Hadschi Halef Omar im Rachen. Also, schieße ja nicht vor mir! Und nun wollen wir schweigen! Wenn wir sprechen, können wir seine Annäherung nicht bemerken.«

»Von Weitem wirst Du ihn überhaupt nicht bemerken können,« meinte Halef. »Raubthiere pflegen leise zu gehen. Ich weiß nicht, ob der Bär die Gewohnheit des Löwen hat, welcher in seiner stolzen Furchtlosigkeit sein Nahen bereits aus weiter Ferne durch lautes Brüllen verkündet.«

»Was das betrifft, so hat der Bär nicht ein solch' aufrichtiges Gemüth. Er verhält sich überaus schweigsam. Nur wenn er sich einmal bei ungeheuer guter Laune befindet oder wenn ihn irgend etwas verdrießt, läßt er ein vergnügtes oder mürrisches Brummen hören.«

»So kann er gar nicht brüllen?«

»O doch, obgleich seine Stimmwerkzeuge nicht zur Hervorbringung der Töne eines Löwen eingerichtet sind. Wenn er sich in höchster Wuth befindet, stößt er auch eine Art von Brüllen aus, welches um so schrecklicher klingt, als es ihm sonst nicht eigen ist. Übrigens ist grad der stille Grimm, mit welchem ein gereizter Bär sich zu rächen sucht, fürchterlicher als die Wuth anderer Raubthiere. Wollen hoffen, dies heute nicht zu erfahren.«

Von jetzt an wurde nicht mehr gesprochen. Wir horchten lautlos in die Nacht hinaus. Die Luft rauschte über den Wald dahin. Das klang wie das Rauschen eines entfernten Wasserfalles. Da dieses Geräusch in ganz gleicher Stärke und ununterbrochen währte, so war es sehr leicht, jeden anderen fremdartigen Laut von demselben zu unterscheiden.

Unsere Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt. Die Uhr, deren Zeiger ich mit der Fingerspitze befühlte, sagte mir, daß es bereits Mitternacht sei.

»Er kommt gar nicht,« flüsterte Halef. »Wir haben uns vergebens gefreut. Ich werde wohl niemals – –«

Er hielt inne, denn er hatte, wie ich, das Geräusch eines rollenden Steines gehört. Wir lauschten angestrengt.

»Sihdi, da fiel ein Stein herab,« flüsterte der Hadschi. »Aber der Bär ist es nicht, sonst müßten wir doch mehrere Steine fallen hören.«

»O nein. Das Fallen dieses einen Steins hat ihn vorsichtiger gemacht. Zwar kann es auch irgend ein anderes Thier sein, aber ich glaube doch, daß er es ist. Jedenfalls werde ich ihn riechen, bevor ich ihn sehe.«

»Ist das möglich?«

»Für den Geübten allerdings. Wilde Thiere haben einen eigenen, scharfen Geruch an sich. Beim Bären ist derselbe freilich lange nicht so stark, wie beim Löwen, Tiger und Panther, aber bemerken werde ich ihn doch. Horch!«

Es klang wie das Knacken eines Astes von rechts herüber. Das Thier kam den steilen Abhang der Waldzunge herab. Und jetzt roch ich ihn wirklich. Wer Raubthiere nur im Käfig gesehen hat, dem fiel wohl stets die häßliche Ausdünstung auf, welche sie verbreiten, besonders die großen katzenartigen. Wenn sich das Thier aber in der Freiheit befindet, so ist dieser Geruch viel, viel stärker. Scharf, stechend, wie der Geruch von Melissengeist oder Opodeldoc, fährt er in die empfindliche Nase und ist schon von fern zu bemerken, wohlgemerkt, immer nur von einem geübten Geruchsorgan. Dieser ›wilde‹ Duft wehte mir jetzt entgegen.

»Riechst Du ihn?« flüsterte ich Halef zu.

»Nein,« antwortete dieser, indem er sorgsam nach rechts und nach links schnüffelte.

»Er kommt – ich rieche ihn bereits.«

»So ist Deine Nase seelenvoller als die meinige. Ah, nun soll er einen Gruß bekommen, über welchen er staunen wird.«

Halef knackte die Hähne seines Gewehres auf.

»Keine Voreiligkeit!« warnte ich. »Du sollst unbedingt erst nach mir schießen, verstanden! Wenn Du nicht gehorchst, wirst Du mich ernstlich zornig machen. Du bist im Stande, mir das Thier zu vertreiben.«

Er antwortete nicht, aber ich hörte seinen Athem vernehmbar gehen. Es war um die Ruhe des Hadschi geschehen – das Jagdfieber hatte ihn ergriffen.

Jetzt vernahmen wir ein leises Brummen, fast so, wie wenn ein Kater schnurrt, und gleich darauf bemerkten wir, daß ein großer, dunkler Gegenstand sich dem Pferdeaas näherte.

»Ist er das, ist er das?« raunte mir Halef in's Ohr.

Sein Athem flog.

»Ja, er ist es.«

»So schieße! Schieße doch endlich!«

»Nur Geduld. Du scheinst ja zu zittern?«

»Ja, Herr, es hat mich ergriffen, so ganz eigenartig. Ich gestehe Dir, daß ich zittere, aber nicht aus Angst.«

»Ich weiß das; ich kenne es.«

»So schieße doch endlich, schieße, auf daß auch ich dran komme!«

»Beherrsche Dich, Kleiner! Ich schieße nicht eher, als bis er mir ein gutes Ziel bietet. Wir haben Zeit. Der Bär frißt nicht wie der Löwe. Er ist ein Leckermaul und verzehrt sein Mahl in möglichster Behaglichkeit. Er nimmt die Stücke vorweg, welche ihm am delikatesten erscheinen, und schiebt das weniger Schmackhafte zur Seite, um sich erst später darüber her zu machen. Dieser Kerl wird wahrscheinlich stundenlang bei der Tafel bleiben, um sich nicht etwa durch zu hastig verschluckte Bissen den Magen zu verderben. Dann trollt er links hinüber zum Wasser, um einen tüchtigen Trunk zu thun, und sich erst nachher zu Bett zu begeben.«

»Aber so stundenlang können wir doch nicht warten!«

»Das ist auch gar nicht meine Absicht. Ich will nur warten, bis er sich einmal aufrichtet. Er thut das während des Essens gern. Er richtet sich zwischen den einzelnen Gängen auf den Hinterpranken empor und putzt sich mit den Vordertatzen das Maul. Da werden wir ihn deutlicher erkennen, als jetzt. Vorher ist es ganz unmöglich, auf ihn zu schießen. Wir könnten gar keine größere Dummheit begehen, denn Du kannst seinen Körper durchaus nicht von demjenigen des Pferdes und von dem dunklen Erdboden unterscheiden.«

»O doch, o doch! Ich sehe ihn so deutlich, daß ich schießen werde.«

Er rutschte unruhig hin und her und legte nun gar sein Gewehr an die Wange.

»Weg mit der Flinte!« raunte ich ihm zornig zu. Er nahm das Gewehr ab, aber er war so erregt, daß er keinen Augenblick ruhig zu liegen vermochte, und er hätte unsere Anwesenheit gewiß dadurch verrathen, wenn der Stein nicht dick mit Moos bewachsen gewesen wäre.

Dem Bären schien sein Mahl sehr gut zu munden. Er schlürfte und schmatzte, wie ein schlecht erzogenes Kind an seiner Suppenschüssel. Freilich sind es nicht immer Kinder, an denen man ein solches rücksichtsloses Betragen zu rügen hat. Man setze sich nur an die Table d'hôte eines Gasthofes, so wird man genug solcher Bären schlürfen und schmatzen hören.

Petz war wirklich ein Feinschmecker. Er zerkrachte zur Abwechslung dann und wann eine Röhre, und wir hörten ihn ganz deutlich das Mark aus derselben ziehen.

Jetzt trat eine Pause ein. Er brummte behaglich – er schlug die Tatzen in das Fleisch, jedenfalls um sich durch das Tastgefühl von der verschiedenen Güte der einzelnen Stücke zu überzeugen. Dann richtete er sich empor.

Bevor er zum Festsitzen kam, ließ er sich einige Male wieder niederfallen. Der Indianer sagt, wenn der Bär sich während einer solchen Zwischenpause aufrichtet: »Er horcht in den Magen hinab.« Der Augenblick dieses Horchens ist der geeignetste zum Schuß. Ich legte an.

Nun war die Gestalt des Thieres leicht zu erkennen. Der Bär war, wie wir richtig vermuthet hatten, ein riesiger Kerl. Wären seine Gesellschaftskreise so weit in der sozialen Bildung vorgeschritten, um dergleichen Vereine zu haben, so hätte er getrost darauf rechnen können, die Ehrenmitgliedschaft irgend eines Athletik-Club zu erlangen. Aber trotz der Deutlichkeit, mit welcher er sich uns jetzt präsentirte, legte ich die Büchse wieder ab.

»Allah, Allah! Schieß doch, schieß!« fuhr Halef mit fast lauter Stimme mich an.

»Leise, leise! Er hört Dich sonst!«

»Aber warum schießest Du nicht?«

»Siehst Du denn nicht, daß er uns den Rücken zukehrt?«

»Was schadet das?«

»Der Schuß ist mir nicht sicher genug. Der Bär äugt nach dem Hause hinüber. Sollte er unsere Pferde wittern? Sehr leicht möglich. Er hat sich von dem Mahl da abgewendet. Das ist bedenklich. Wir müssen warten, bis er sich wieder herumdreht; dann – – tausend Donner! Was fällt Dir ein!«

Diesen Zornesruf stieß ich laut hervor. Der Hadschi hatte seine Ungeduld nicht mehr zu zügeln vermocht; er hatte so schnell, daß ich es nicht hindern konnte, angelegt und den Schuß abgegeben. Den zweiten schickte er sofort nach, aber nur unsinniger Weise, denn die soeben noch aufgerichtete Gestalt des Thieres war nicht mehr zu sehen.

Ohne auf den Ausbruch meines Zornes zu achten, sprang der Kleine auf, schwang das abgeschossene Gewehr in der Luft und schrie:

»Nusret, Safer, ölmisch dir, müteweffa dir – Sieg, Triumph, er ist todt, er ist hinüber!«

Ich langte empor, packte ihn beim Gürtel und riß ihn nieder.

»Willst Du schweigen, Unglücksrabe! Du hast den Bär verscheucht.«

»Verscheucht?« rief er, indem er sich von meinem Griff zu befreien suchte. »Erlegt habe ich ihn, überwunden ist er. Ich sehe ihn ja liegen.«

Und sich gewaltsam von mir losreißend, sprang er wieder auf und schrie mit aller Macht seiner Stimme:

»Omar, Osco, hört die Wonne, hört die Seligkeit! Vernehmt den Ruhm Eures Freundes und achtet auf die Trompetentöne meiner Herrlichkeit! Ich habe den Bären erschossen, ich habe ihn versammelt zu seinen Vätern und Großonkeln, ich, Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abas Ibn Had – –«

Er konnte nicht weiter, denn ich war nun auch aufgesprungen, packte ihn hinten beim Genick und drückte ihn nieder. Ich war wirklich sehr zornig und hatte in Folge dessen so fest zugegriffen, daß er unter meiner Hand wie ein Gliedermännchen zusammenknickte.

»Wenn Du noch einen Laut von Dir gibst, bekommst Du meine Faust, Du Besitzer eines unglückseligen Schafgehirns!« drohte ich. »Bleibe hier oben und lade schnell Deine beiden Gewehrläufe wieder. Ich will sehen, ob die Beute noch für uns zu retten ist.«

Bei diesen Worten sprang ich, ohne auf meinen noch nicht ganz festen Fuß zu achten, von dem Stein herab. Da unten duckte ich mich schnell nieder, zog das Messer locker und legte die Büchse an. War der Bär noch da, so nahm er mich jedenfalls auf der Stelle an. Von oben herab klang der eiserne Ladstock des Hadschi, unten aber blieb Alles ruhig. Es war nichts zu hören und nichts zu sehen. Nur so viel nahm ich wahr, daß der Bär sich nicht mehr bei dem Cadaver befand.

Dennoch war die größte Vorsicht geboten. Seinem Alter war die Schlauheit zuzutrauen, sich nicht direkt auf mich loszustürzen, sondern heimlich um den Stein herum zu schleichen. Das wäre gefährlich für mich gewesen, denn wenn er um die ecke kam, so trafen wir so eng zusammen, daß er mich mit den Pranken greifen konnte. Darum entfernte ich mich einige Schritte vom Felsen, nach der Seite hin, so daß ich diesen und zugleich den Cadaver im Auge behielt.

Wir warteten und horchten eine lange Weile mit gespanntester Aufmerksamkeit – vergeblich! Da plötzlich erklang ein Schrei vom Hause herüber, noch einer – und noch einer, und dann erschallte es im Tone der Verzweiflung:

»Laßt mich, laßt mich los! Fort mit diesen Qualen, fort, fort! Hülfe, Hülfe!«

»Das ist der Mübarek!« sagte Halef.

Ich wollte antworten, that es aber nicht, denn jetzt hörten wir aus derselben Richtung zwei schnell auf einander folgende Schüsse. Ich kannte diesen eigenthümlich hohlen Knall; es war Osco's Czernagora-Gewehr.

»Der Bär ist drüben beim Schuppen,« rief ich Halef mit gedämpfter Stimme zu. »Komm' schnell herab!«

»Hurra! Da bekommen wir ihn doch noch!« rief der Kleine.

Er sprang herab, stürzte zur Erde, raffte sich wieder auf und rannte an mir vorüber. Ich folgte ihm mit gleicher Eile. Aber als ich einige Schritte gethan hatte, fühlte ich einen Stich im Fußgelenk. Der Sprung vom Felsen herab schien meinen Fuß angegriffen zu haben. Ich mußte also meinen Galopp zum schnellen Trab mäßigen. Dabei schritt ich mit dem gesunden Fuß weit aus und zog den kranken, nur mit der Spitze auftretend, vorsichtig nach.

Ein einzelner, unbeschreiblicher Schrei schrillte durch die nächtliche Stille. War das der Mübarek oder war es Halef, welcher jetzt das Haus erreicht haben mußte? Sollte der unvorsichtige Hadschi dem Bären grad in die Pranken gelaufen sein! Mich erfaßte eine Angst um den Kleinen, welche mir den Schweiß aus allen Poren trieb. Da gab es keine Rücksicht mehr auf meinen Fuß; ich rannte weiter, so schnell ich es vermochte.

Jetzt ertönten auch Osco's und Omar's Stimmen. Wieder ein Schuß! Unglücklicher Weise lag ein Stein in meinem Weg. Ich konnte ihn nicht sehen, stürzte über ihn hinweg und schlug, so lang ich war, auf den Boden nieder. Meine Büchse wurde mir aus der Hand geprellt und flog – – wohin, das sah ich nicht.

Rasch raffte ich mich auf und blickte rings umher. Die Büchse war nicht zu sehen. Ich hatte keine Zeit, sie mühsam dadurch zu suchen, daß ich den Boden betastete. Ich wähnte den Hadschi in Gefahr, und da durfte ich keinen Augenblick verlieren. Für ihn hätte ich mich auf mehr als einen Bären geworfen. Darum eilte ich weiter und zog das Messer aus dem Gürtel.

Es war mein alter, treuer Bowie-Kneif mit langer, krumm gebogener Klinge, welcher mich so viele Jahre treu begleitet hatte. Ein Stoß mit diesem Messer brachte, wenn richtig gezielt und kräftig geführt, selbst einem Grizzly den augenblicklichen Tod; das hatte ich erprobt.

Natürlich war mein Lauf nach dem Schuppen gerichtet.

»Osco, wo ist der Bär, wo?« rief ich schon von Weitem.

»Draußen, draußen!«

»War Halef da?«

»Ja, aber ist wieder dem Bären nach.«

Jetzt stand ich an der Holzwand. Zwei Bretter waren aus derselben gerissen.

»Hier wollte der Bär herein,« sagte Osco. »Ich habe ihm zwei Kugeln gegeben.«

»Und ihn getroffen?«

»Ich weiß es nicht. Die Bretter krachten erst dann zusammen, als ich bereits geschossen hatte.«

»Nach welcher Seite ist Halef?«

»Nach rechts, wie wir hörten.«

»Bleibt drin und paßt auf! Das Thier könnte wieder kommen.«

Ich rannte in der angegebenen Richtung weiter. Die Hausthüre war offen; es stand Jemand unter derselben; das sah ich an dem Schatten, welchen die Gestalt nach außen warf, weil drinnen Späne brannten.

Ein menschlicher Körper lag da. Ich stolperte über ihn hinweg, kam aber nicht zum Sturz.

»Schieß' doch, schieß', schieß'!« hörte ich zwei Stimmen aus der Stube rufen.

Ich war nur noch zehn Schritte von der Thüre und erkannte den, welcher unter ihr stand. Es war Halef. Er hatte sein Gewehr angelegt und es in die Stube gerichtet. Sein Schuß krachte. Dann flog er heraus und stürzte zu Boden, als ob er von einem kräftigen Arm herausgeschleudert worden. Im nächsten Augenblick erschien der Bär, drängte sich auf allen Vieren durch die enge, niedrige Thüre in's Freie und richtete sich schnell wieder auf.

Auch Halef war sogleich wieder aufgesprungen. Beide, er und der Bär, standen sich drohend gegenüber, nur drei Schritte von einander entfernt. Der Hadschi drehte das Gewehr um und holte zum Kolbenschlag aus. Da erkannte er mich, denn ich befand mich jetzt im Schein des Lichtes.

»O, Sihdi, ich habe keine Kugel mehr!« schrie er mir zu.

Das Alles war viel, viel schneller gegangen, als es erzählt oder gelesen werden kann.

»Spring' zurück! Nicht schlagen!«

Indem ich diese Worte rief, versetzte ich ihm zugleich einen Stoß, daß er weit zur Seite taumelte. Das Thier machte eine halbe Wendung gegen mich, sperrte den Rachen auf und stieß einen langgezogenen Wuthschrei aus, welcher weder Heulen noch Brüllen, sondern beides zugleich zu nennen war. Ich fühlte den heißen, stinkenden Athem dieses Rachens, als ich an dem Bären vorüber schnellte. Eine blitzschnelle Schwenkung – er griff nach mir, traf aber die Luft, da ich mich bereits nicht mehr vor ihm befand, sondern an seiner rechten Seite stand. Mit der Linken ihn bei den Trotteln des Hinterkopfes packend, holte ich mit der Rechten weit aus und stieß ihm das Messer ein – zwei Mal bis an das Heft zwischen die bekannten beiden Rippen.

Das war so schnell geschehen, daß er die beiden tödtlichen Stiche empfangen hatte, bevor sein Brüllen verklungen war.

Er warf sich auf den Hinterpranken nach mir, nach rechts herum, aber seine Tatze streifte mich bloß ganz unschädlich an der Schulter. Natürlich hatte ich das Messer nicht stecken lassen, sondern es wieder herausgezogen. Zwei Sprünge nach rückwärts brachten mich aus der Nähe der Krallen. Dort blieb ich stehen, das Auge auf das Thier gerichtet und den Arm zum abermaligen Stoß erhoben, wenn dies nothwendig werden sollte.

Aber das Thier folgte mir nicht. Mit weit aufgerissenem, geiferndem Rachen stand es vollständig bewegungslos – die kleinen, funkelnden Augen unsäglich grimmig auf mich gerichtet. Dann schlossen sie sich langsam und versuchten vergeblich, sich abermals weit zu öffnen. Ein Zittern durchlief den gewaltigen Körper; dann sank derselbe erst auf die Vorderbeine, welche – den Boden scharrend – festen Halt nehmen wollten, aber vergeblich, und fiel dann langsam und zuckend auf die Seite.

Ein leises, rollendes Brummen drang noch aus dem sich schließenden Maul; die Beine streckten sich aus – – der Bär war todt.

»Allah akbar!« rief Halef, welcher auf seiner Stelle erstarrt zu sein schien. »Allah ist groß, und dieser Bär ist fast ebenso groß. Ist er todt, Sihdi?«

»Ich denke es.«

»Das war schrecklich!«

»Danke Gott tausendmal, daß es so glücklich abgelaufen ist!«

»Ja, Allah sei Preis und Ehre gebracht! So gar groß hatte ich mir einen Bären doch nicht vorgestellt. Er ist ja größer als ein Löwe, welcher doch das mächtigste der Raubthiere ist!«

Er wollte sich dem Bären nähern.

»Bleib!« gebot ich ihm. »Noch dürfen wir nicht sicher sein, daß er wirklich todt ist. Ich will prüfen.«

Ich trat zu dem Thier, hielt ihm den Revolver an das geschlossene Auge und drückte zweimal ab. Es regte sich nicht.

»Jetzt kannst Du herbeikommen und ihn betrachten. Ist er nicht viel, viel länger als Du?« fragte ich den Hadschi.

»Ja, ich glaube, er ist sogar noch länger, als Du bist, Sihdi. Ich sage Dir: ich habe nicht gezittert, als ich ihm gegenüber stand; aber das Herz drohte doch, mir stehen zu bleiben. Ich hatte nur noch eine einzige Kugel.«

»Wo war die andere hin?«

»Die hatte ich ihm draußen zugesandt, als ich ihn zuerst erblickte. Er trollte vom Schuppen fort und nach der Hausthüre zu, in welcher er verschwand. Ich werde ihn nicht getroffen haben. Die zweite Kugel aber ist ihm ganz sicher in die Brust gedrungen, denn er stand nur zwei Schritte weit und zwar aufgerichtet vor mir. Ich konnte also genau zielen.«

»Erzähle kurz, wie Alles geschehen ist.«

»Nun, ich rannte natürlich nach dem Schuppen, denn ich hatte Osco's Gewehr an dem Knall erkannt und konnte also annehmen, daß der Bär zu den Pferden wollte. Ich hatte den Schuppen noch nicht erreicht, da hörte ich von seitwärts her einen Schrei, kümmerte mich aber nicht darum. Am Schuppen angekommen, sah ich, daß zwei Bretter eingebrochen seien, und erfuhr von Osco und Omar, der Bär habe das gethan. Ich rannte also weiter. Da lag ein dunkler Körper am Boden und ein größerer stand dabei. Das mußte das Thier sein. Ich blieb stehen, zielte und schoß. Der Bär trollte fort, nach der Thüre zu, und ich sprang hinter ihm her. Er ging in das Haus, und ich folgte ihm. Als ich die offene Thüre erreichte sah ich ihn drin stehen. Er beschnupperte das Lager des Mübarek.«

»That er diesem nichts?«

»Ich sah den Alten gar nicht – er war verschwunden. Ich sah nur den Bären, und dieser sah mich. Er drehte sich augenblicklich um, kam auf mich zu und richtete sich empor. Ich hatte vor Schreck vergessen, gleich zu schießen, denn seine ungeheure Größe überraschte mich so, daß ich kaum athmen konnte. Jemand schrie mir zu, doch zu schießen. Wo sich derselbe befand, das sah ich nicht, ich hörte ihn nur; aber die Worte gaben mir die Besinnung zurück. Eben als der Bär die Tatzen nach mir ausstreckte, gab ich ihm die Kugel, erhielt aber von ihm einen solchen Stoß, daß ich zur Thüre heraus und zu Boden flog. Als ich wieder aufsprang, stand er vor mir. Ich hatte keine Kugel mehr; an das Messer dachte ich nicht. Ich wollte mich mit dem Kolben wehren; da aber kamst Du.«

»Wohl zur rechten Zeit!«

»Ja, denn ich bin überzeugt, daß mein Gewehr an seinem Schädel zersprungen wäre. Dann hätte er mich zerrissen. O, Sihdi, ich habe Dir das Leben zu verdanken!«

Er ergriff meine Hand und zog sie an seine Brust.

»Laß das gut sein. Du hättest ebenso gehandelt, wären unsere Rollen vertauscht gewesen.«

»Ja, aber ich zweifle sehr, daß es mir gelungen wäre, dieses Riesenthier mit dem Messer zu erlegen. Du hast schon früher Bären getödtet, graue Bären, welche noch weit größer und gefährlicher sind, als dieser hier; ich aber nicht. Dieses Raubthier ist wirklich größer als ein Löwe.«

»Massiger, ja. Der Körper, welcher dahinten liegt, muß derjenige des alten Mübarek sein. Wahrscheinlich ist er todt. Der letzte Fieberanfall hat ihn herausgetrieben. Aber es befremdet mich, daß er so schnell zusammengebrochen ist.«

»Der Bär stand bei ihm. Sollte dieser ihn getödtet haben?«

»Möglich. Jetzt wollen wir zunächst nach den Andern sehen.«

Wir traten in die Stube. Das Licht, durch welches dieselbe erleuchtet wurde, kam von oben herab. Als ich emporblickte, sah ich den Konakdschi und die beiden Wirthsleute oben auf den Deckenstangen hocken. Sie hatten brennende Späne in den Händen.

»Du selbst kommst auch, Herr?« fragte der Erstere. »Wo ist der Bär?«

»Er liegt todt vor der Thüre.«

»Allah, Allah!«

Sie kletterten an dem bereits beschriebenen Balken herab, holten unten tief, tief Athem, und der Wirth sagte:

»Siehst Du, daß wir vor ihm nicht sicher waren! Er kam herein. Welch' ein Ungethüm! Er war fast so groß wie ein Ochse.«

»Ihr hattet doch Eure Waffen da oben. Warum habt Ihr nicht geschossen?«

»Daß wir dumm wären! Dadurch hätten wir ihn ja auf uns aufmerksam gemacht, und er wäre zu uns heraufgeklettert. Ein Bär klettert besser als ein Mensch. Weißt Du das noch nicht?«

»Ich weiß es. Also Ihr schosset nicht, aber meinen Hadschi habt Ihr aufgefordert, zu schießen?«

»Natürlich! Er wollte das Thier ja erlegen; wir hatten uns keine so verwegene That vorgenommen, und« – fügte er mit pfiffiger Miene hinzu – »wenn er den Bär angriff, so dachte dieser nicht an uns!«

»Sehr klug, aber auch sehr feig von Euch! Wo ist der Mübarek?«

»Draußen. Das Fieber packte ihn, und er rannte fort. Hätte der Alte nicht dabei die Thüre geöffnet, so wäre es dem Bären unmöglich gewesen, herein zu kommen. Wo mag der Unvorsichtige sein?«

»Er liegt todt draußen. Wir wollen das ausgelöschte Feuer wieder anzünden.«

Sie folgten uns hinaus, aber sie getrauten sich nicht, zu dem Raubthiere zu treten. Sie wollten, bevor sie es wagten, erst das Feuer wieder anzünden, um zu sehen, ob der Bär auch wirklich todt sei. Halef ging, um Osco und Omar zu holen.

Auch diese Beiden konnten kaum Worte finden, ihr Erstaunen über die Größe des Thieres auszudrücken. Petz war von der Schnauze bis zur Schwanzwurzel gewiß zwei Meter lang. Vier Zentner wog er sicher. Drei Männer mußten sich anstrengen, um ihn bis in die Nähe des Feuers zu schleifen.

Unterdessen nahm ich einen brennenden Ast und ging zu dem Mübarek. Halef folgte mir. Der Alte war nicht an seiner Wunde gestorben, obgleich auch diese ihm nur eine kurze Frist gelassen hätte. Sein Kopf lag tief im Genick, und seine Brust war, so zu sagen, ein Brei von Fleisch, Blut und zerschlagenen Rippen. Der Bär hatte ihm das Genick zerbrochen und dann die Brust aufgerissen, war aber durch den Schuß Halef's vertrieben worden.

Wir sagten kein Wort und kehrten zum Feuer zurück. Dort meldete Halef, was wir gesehen hatten, und erzählte dann, auf welche Weise der Bär erlegt worden war.

In Anbetracht der Größe des Thieres wollten selbst Osco und Omar es nur schwer glauben, daß ich gewagt hatte, es nur mit dem Messer anzugreifen. Bei den Andern behielt der Eigennutz noch vor dem Staunen die Oberhand. Der Kohlenhändler befühlte den Bären und sagte:

»Er ist außerordentlich fett und wird eine ganze Menge Fleisch liefern. Auch für den Pelz kann man eine gute Summe erhalten. Effendi, wem gehört das Thier?«

»Demjenigen, welcher es erlegt hat.«

»So! Das denke ich nicht.«

»Was denkst Du denn?«

»Daß er mir gehört, auf dessen Grund und Boden er erlegt worden ist.«

»Ich vermuthe aber, daß diese ganze Gegend dem Padischah gehört. Wenn Du mir beweisen kannst, daß Du ihm dieses Land abgekauft hast, so will ich glauben, daß Du der Besitzer bist. Dann aber hast Du mir zweitens zu beweisen, daß Du ein Recht auf alles Wild und Raubzeug besitzest, welches auf Deinem Boden erlegt wird. Als der Bär kam, hast Du Dich verkrochen; das ist ein sicherer Beweis, daß Du ihn nicht haben wolltest. Wir aber haben ihn genommen, folglich gehört er uns.«

»Herr, Du denkst falsch. Der Bär gehört nicht Dir, er gehört – –«

»Meinem Hadschi Halef,« unterbrach ich ihn. »Wenn Du das sagen willst, so hast Du Recht. Du aber kannst nicht den mindesten Anspruch erheben. Ich habe Dir ja sogar die Lockspeise bezahlen müssen. Wenn wir aus ganz besonderer Güte Dir einen Theil des Fleisches lassen, so hast Du Dich dafür zu bedanken.«

»Wie?« fragte Halef. »Mir soll der Bär gehören? Nein, Sihdi, er ist nicht mein, sondern Dein. Du bist es ja, der ihn erlegt hat.«

»Ich habe ihm nur den Todesstoß gegeben. Er wäre auch ohne mein Messer verendet, allerdings nicht so schnell. Sieh her! Ganz in der Nähe der beiden Stichwunden siehst Du das Loch, welches Deine Kugel gebohrt hat. Sie ist ihm ganz nahe am Herzen vorüber gegangen und war absolut tödtlich. Darum ist das Thier Dein Eigenthum.«

»O Effendi, der Eigenthümer lebte ja gar nicht mehr, wenn Du nicht gekommen wärst, um ihn zu retten! Du willst mir ein Geschenk machen, welches ich nicht annehmen kann.«

»Nun, wir wollen nach altem Jägerrecht verfahren. Du hast das Thier angeschossen, also gehört Dir der Pelz. Ich habe es dann erstochen, so gehört mir das Fleisch. Die Tatzen und einen Schinken nehmen wir für uns; das Übrige mag Junak erhalten, damit er nicht sagen kann, wir hätten sein Eigenthumsrecht gar nicht geachtet.«

»Herr, ist's wahr? Das Fell soll ich erhalten? Das ist ja das Allerbeste von dem Bären. Wie wird Hanneh, die geliebteste der Frauen, staunen, wenn ich zu ihr komme und ihr diese Trophäe zeige! Und mein Söhnchen, welches nach Dir und mir genannt worden ist, nämlich Kara Ben Nemsi Halef, wird schlafen auf diesem Fell des Bären und ein großer, berühmter Krieger werden, weil die Stärke des Thieres auf den Knaben übergeht. Ja, ja, das Fell nehme ich an. Wer wird es abziehen?«

»Ich. Leider ist kein Gehirn mehr vorhanden; wir müssen also Fett und Holzasche nehmen, um das Fell einzureiben, damit es geschmeidig bleibe und nicht faule. Dein Pferd wird doppelte Last zu tragen haben.«

Meine Entscheidung fand allgemeine Zustimmung. Der Kohlenhändler brachte einen alten Holztrog herbei, in welchem das Bärenfleisch gepökelt werden sollte, um dann in den Rauch gehängt zu werden. Dieses Pökelgefäß paßte gut zu seinem Besitzer. Wer weiß, was Alles sich schon darin befunden hatte! Nie aber war es gereinigt worden. Während ich mich an die Arbeit machte, fragte ich Junak, was mit dem Mübarek geschehen solle.

»Begraben müssen wir ihn,« antwortete er. »Ihr werdet mir wohl dabei helfen. Es muß noch in dieser Nacht geschehen.«

»Die Grube zu fertigen, das ist nicht unsere Sache. Wir haben seine Freundschaft nicht in dem Maße besessen, daß diese Arbeit uns zugemuthet werden könnte. Hast Du Werkzeuge?«

»Eine Balta und eine Kürek habe ich.«

»So können also nur zwei Personen arbeiten. Das magst Du mit dem Konakdschi thun, und Deine Frau soll Euch helfen. Suche Dir eine passende Stelle aus. Beim Begräbniß werden wir zugegen sein. Die Feindschaft soll nicht über den Tod hinaus währen.«

»So werden wir ihn dort begraben, wo der Bär das Pferd überfallen hat. Ich mag kein Grab in der Nähe des Hauses haben.«

Er holte die genannten Werkzeuge. Seine Frau und der Konakdschi beluden sich mit Holz und einem Feuerbrand, um bei Beleuchtung zu arbeiten, und dann entfernten sie sich, um dem Todten die Grube zu graben, welche er uns gewünscht hatte.

Nachdem der Bär aus seinem Pelz geschält worden war, steckten wir eine seiner Vordertatzen an den Ast, welcher als Bratspieß diente. Sie war so groß und fett, daß wir vier unsern Hunger ausgiebig daran zu stillen vermochten.

Die Gefährten halfen mir, die Fleischreste von der innern Seite des Pelzes abzuschaben, und dann wurde dieselbe mit dem Gehirn und Fett des Bären und mit Holzasche tüchtig eingerieben, um hierauf so zusammengelegt zu werden, daß der Pelz leicht hinter dem Sattel auf das Pferd gebunden werden konnte.

Als wir damit fertig waren, kamen die Grabmacher und meldeten, die Grube sei fertig. Nun nahmen sie die Leiche auf, und wir folgten ihnen.

Es ist immer eine ernste Sache, an dem Grab eines Menschen zu stehen. Ob man demselben Gutes oder Böses zu verdanken hat, das ist von keiner Bedeutung gegenüber dem Gedanken, daß er nun vor seinem Richter stehe, dessen Urtheil einst auch über uns ergehen wird. Da schwindet der Haß, und es schweigt die Rache. Man denkt an nichts als an das ernsteste Wort aller Erdensprachen: Ewigkeit. Ich wenigstens fühlte jetzt nichts als nur noch Mitleid mit dem Feinde, welcher eines so bösen Todes gestorben und ohne Reue über seine Sünden von hinnen gegangen war. Auch Halef sagte:

»Vergeben wir ihm Alles, was er an uns gethan hat und noch zu thun beabsichtigte. Ich bin ein gläubiger Sohn des Propheten, und Du bist ein gehorsamer Anhänger Deines Glaubens. Wir können keinen Todten hassen, sondern wir wollen ihm den letzten Dienst erweisen und an seinem Grab beten.«

Beim Schein des Feuers sahen wir üppige Farne. Diese schnitten wir, um mit ihnen die Grube auszukleiden. Den Todten senkten wir hinab und deckten ihn auch mit Farnwedeln zu. Dann fragte Halef:

»Wer soll das Gebet sprechen? Du, Sihdi?«

»Nein, ich bin kein Muhamedaner. Seine Freunde mögen sprechen!«

»Wir sind nicht seine Freunde,« erklärte der Konakdschi. »Mir ist es gleich, ob die Sure des Todes an seinem Grab gebetet wird oder nicht. Auch ist es mir sehr gleichgültig, ob derjenige, der sie betet, ein Muhamedaner ist oder ein Christ. Ich aber kann nicht beten. Ich habe kein Geschick dazu und kenne den Kuran nicht auswendig. Dem Junak aber dürft Ihr das noch viel weniger zumuthen.«

»Nun gut, so werde ich sie beten,« sagte Halef. »Du aber, Sihdi, magst vorher die Fatha beten, die Eröffnung des Kuran, welche jeder Handlung vorangehen muß. Willst Du?«

»Ja.«

»So bete sie, aber in der Mundart des Propheten. Der Verstorbene hat die heiligen Orte besucht und vom Wasser des Zemzem getrunken. Seine sündige Seele wird vielleicht Gnade finden, wenn Allah aus Deinem Mund den Dialekt vernimmt, in welchem der Erzengel Tschebraïl mit dem Propheten redete. Ich verstehe nicht so wie Du, ihn zu sprechen. Laßt uns also niederknieen und beten!«

Sie ließen sich am offenen Grab auf ihre Kniee nieder, die Gesichter nach Mekka gerichtet. Ich allein blieb stehen. Ich war diesen Leuten gern zu Willen, doch widerstrebte es mir, die Fatha knieend zu sprechen. Nachdem sie sich dreimal verneigt hatten, rief Halef die sieben vornehmsten Eigenschaften Gottes aus, und dann begann ich in der eigenartigen Rythmik und der Koreïsch-Mundart des Originales:

»El hamdu lillahi, rabbi 'l 'alamina.
Er rahmani 'r 'rahimi,
Maliki yaumi 'd dini!
Iyyake nabodu, we iyyake nestaïnu.
Ibdinah 'ss ssirata 'l mustakina,
Ssirata 'l ladsina enamta alaihim,
Ghairi 'l maghdhubi alaihim,
We la 'dh dhalina!«

Das ist auf Deutsch:

»Preis sei Allah, dem Herrn der Welten, dem Barmherzigen und Gnädigen, dem Herrscher am Tage des Gerichtes! Dich beten wir an; Dich flehen wir um Hülfe; führe uns auf den geraden Weg. Auf den Weg derer, denen Du Huld bewiesen, nicht derer, denen Du zürnest, noch derer, die in der Irre wandeln!«

Und nun betete Halef mit lauter Stimme und indem er die gefalteten Hände erhob:

»Im Namen des allbarmherzigen Gottes! Höret, Ihr Sterblichen, die Stunde des Gerichtes nahet heran. In dieser Stunde werden die Augen der Menschen gräßlich vor sich hinstarren; kein Augenlid wird zucken, und ihre Herzen werden ohne Blut sein.

Die Erde wird beben und ihre Lasten abschütteln, und der Mensch wird schreien: ›Wehe, was ist ihr zugestoßen!‹ Dann wird sie den Auftrag verkündigen, der ihr von Allah geworden ist.

Die Sonnen werden zittern, die Sterne erbleichen und die Berge schwanken. Die Kameelstute wird ihre Jungen vergessen, und die Raubthiere werden sich angstvoll zusammendrängen. Das Meer wallt auf, und die Himmel werden hinweg genommen. Die Hölle wird angefacht und das Paradies der Erde nahegerückt werden. Der Mond wird sich spalten, und die Menschen werden vergeblich nach einem Zufluchtsort schreien.

Darum wehe Dir, wehe Dir! Und abermals wehe Dir und wehe Dir! Hast Du Deine Seele nicht bereitet, vor dem Richter zu bestehen, so wäre es Dir besser, Du wärest nie geboren. Die Verdammniß wird Dich umfangen und Dich nicht wieder ausspeien in alle Ewigkeit.

Und wohl aber Dir, wohl Dir! Und abermals wohl Dir! Hast Du Deine Sünden im Wasser der Reue gewaschen und sie hier zurückgelassen, so hast Du es nicht zu fürchten, daß an jenem Tage die Hölle herangebracht wird, denn Allah wird kommen mit einer Engelsschaar und Dich einführen in sein Paradies.«

Der Hadschi verneigte sich drei Mal und stand dann auf. Sein Gebet war zu Ende. Wir überließen es dem Konakdschi, dem Kohlenhändler und seinem Weib, die Grube mit Erde zu füllen, und kehrten nach dem Hause zurück, wo wir uns beim Feuer niederließen.

Jetzt konnten wir die Pferde wieder aus dem Schuppen holen, damit sie weideten. Der Bär war nicht mehr zu fürchten. Wir selbst bedurften der Ruhe. Es gab für uns nichts mehr zu thun, und so nahmen wir die Sättel unter die Köpfe, um zu schlafen. Aus Vorsicht aber mußte Einer wachen. Die Ablösung sollte alle Stunden erfolgen. Wir durften den Dreien, welche sich dort beim Grab befanden, nicht trauen.

Zuvor untersuchte ich meinen Fuß. So sorgfältig und fest ich ihn betastete, ich empfand keine Schmerzen. Die Büchse hatte ich natürlich gesucht und gefunden. Die Waffen befanden sich zum augenblicklichen Gebrauche neben uns, und so lagen wir da und schlossen die Augen.

Aber wir wurden noch einmal gestört. Die zwei Männer kamen mit der Frau, um den Bären in das Haus zu schaffen. Dabei kam mir ein Gedanke. Ich stand wieder auf und schnitt mir ein tüchtiges Stück von der dicken Fettlage ab, welche der amerikanische Jäger Bear-fat, Bärenspeck, nennt. Die Drei standen dabei, ohne mich zu fragen, wozu ich das nehmen wolle. Dabei bemerkte ich, daß an dem linken Fuß des Kohlenhändlers, welcher weder Schuhe noch Stiefel trug, die kleine Zehe fehlte.

»Du hast nur vier Zehen am linken Fuß. Wie hast Du sie verloren?«

»Das Rad meines schwer beladenen Wagens ging darüber und hat sie mir zerquetscht. Sie hing so locker am Fuß, daß ich sie mir abschneiden mußte. Warum fragst Du?«

»Ohne alle Absicht. Ich erblickte soeben den Fuß.«

»Nimmst Du noch von dem Fleisch oder können wir es nun forttragen?«

»Schafft es hinein; es ist Euer.«

Sie schleppten die schwere Last fort. Meine Gefährten hatten mein Thun beobachtet, und Halef erkundigte sich:

»Wozu hast Du das Fett genommen, Sihdi? Wir brauchen es doch nicht.«

»Wir werden es vielleicht sehr nöthig haben. Wenn wir in die Höhle der Juwelen kommen, wird es finster in derselben sein.«

»Willst Du sie denn wirklich betreten?«

»Das weiß ich noch nicht. Es ist zu vermuthen, daß ich es thue, und da kann ich mir mittels des Fettes eine Lampe machen.«

»So mußt Du doch auch einen Docht haben. Da liegt noch der Fetzen, in welchen die Wurst gewickelt war. Der Wirth hat ihn liegen lassen. Wir können das Fett einwickeln und ihn dann als Docht benutzen.«

»Thue das! Ich möchte das Zeug nicht wieder anfassen.«

»Aber ich soll es thun?«

»Ja, Du wirst Dich nicht scheuen, denn Du hast ja Alles, was hineingewickelt war, mit großem Appetit – –«

»Schweig', Sihdi!« rief er hastig. »Ich mag nichts hören und will Dir Deinen Willen thun.«

Er stand auf, wickelte das Fett ein und steckte es in die Tasche seines Sattels.

Von nun an wurden wir nicht wieder gestört; doch mußte ich schon nach einer Stunde aufstehen, weil das Loos der zweiten Wache auf mich gefallen war.

Im Hause brannte noch Licht. Ich war müde, und um mich wach zu halten, ging ich auf und ab. Dabei kam ich zu der Thüre. Ich probirte und fand, daß sie verriegelt war. Ein beißender Rauch kam aus den Fenstern, und es roch nach gebratenem Fleisch. Ich sah hinein, und richtig, die Drei hatten in der Stube ein Feuer angezündet und brieten Bärenfleisch, obgleich sie bereits am Abend große Portionen Pferdefleisch verschlungen hatten. Ich konnte sie leicht sehen. Sie sprachen sehr eifrig, indem sie sich Stück um Stück von dem Fleisch schnitten. Verstehen konnte ich nichts, weil ich an dem Frontfenster stand; sie aber saßen an der Giebelseite.

Doch grad über ihnen war auch ein Fenster, ohne Glas natürlich. Ich begab mich dorthin und horchte. Der Rauch drang heraus. Ich nahm mein Taschentuch, hielt es vor Mund und Nase, schloß die Augen und schob den Kopf so weit wie möglich in die Fensteröffnung. Sehen konnten sie mich nicht, denn die Mauer war dick und das Fenster befand sich hoch über ihren Köpfen.

»Ja, man muß mit diesen Halunken sehr klug und vorsichtig verfahren,« sagte der Konakdschi. »Ihr habt es gehört, daß der Deutsche mich und auch Euch im Verdacht hat, es mit unsern Freunden zu halten. Diese Giaurs haben den Teufel im Leib und ganz besonders in den Augen. Sie sehen alles. Aber es ist heute ihre letzte Nacht.«

»Meinst Du das wirklich?« fragte der Wirth.

»Ja, es ist sicher!«

»Wollen es wünschen! Ich habe es auch gedacht, denn ich kenne meinen Schwager, den Köhler; er fürchtet sich vor der Hölle nicht. Aber seit ich die Männer gesehen, bin ich zweifelhaft geworden. Sie sind vorsichtig und kühn zugleich.«

»Pah! Das soll ihnen nichts nützen.«

»Nun denn, wer mit dem Messer einem Bären zu Leibe geht und ihn niedersticht, ohne selbst nur im Geringsten verwundet zu werden, der fährt auch meinem Schwager an den Hals.«

»Dazu darf es gar nicht kommen. Sie werden mit List in die Falle gelockt und darin umgebracht.«

»Sie sollen doch kugelfest sein.«

»Glaube das ja nicht! Der Effendi hat selbst darüber gelacht. Und wenn es so wäre, gibt es nicht auch andere Waffen außer den Schießgewehren? Übrigens wird es wohl gar nicht dazu kommen, daß man schießt oder sticht. Man lockt sie in die Höhle und zündet das aufgespeicherte Holz an. Da müssen sie ersticken.«

»Ja, es ist möglich, daß mein Schwager dies vorschlägt; aber die beiden Aladschy bestehen darauf, daß der Effendi von ihrer Hand fallen soll, und Barud el Amasat will denjenigen tödten, welcher Osco heißt. Sie haben eine Rache gegen einander. Ich habe ihnen abgerathen, aber sie blieben dabei, den Männern am Teufelsfelsen aufzulauern und sie mit der Schleuder und mit den Czakans zu tödten. Zu diesem Zweck nahmen sie meine beiden Schleudern mit.«

»Die Thoren! So wird es unbedingt zum Kampf kommen.«

»O nein! Die Fremden finden ja gar keine Zeit zur Gegenwehr, indem sie aus dem Hinterhalte überfallen werden.«

»Hoffe nicht zu viel. Wie ich die Schlucht des Teufelsfelsens kenne, so ist dort gar kein Hinterhalt zu legen. Sie müßten sich rechts oder links in den Büschen verstecken; das ist aber nicht möglich, weil die Felsen zu beiden Seiten so steil sind, daß man nicht hinaufsteigen kann.«

»Da bist Du in einem großen Irrthum. Es gibt eine Stelle, allerdings nur eine einzige, an welcher man hinaufklettern kann. Es kommt linker Hand ein Wasser herab. Im Bett desselben kann man emporsteigen, wenn man ein wenig Nässe nicht scheut.«

»Wissen sie das?«

»Die beiden Aladschy kennen die Gegend eben so gut wie ich.«

»Und wollen sie wirklich dort hinaufklettern?«

»Freilich.«

»Aber sie haben doch ihre Pferde bei sich!«

»Diese schaffen sie vorher zu meinem Schwager. Es ist von der betreffenden Stelle gar nicht weit zu ihm. Sie kehren zurück und erklettern den Felsen. Ein Czakan, von da oben herab geschleudert, muß jeden Kopf zerschmettern, auf welchen der Wurf gezielt war. Ich kenne die Stelle sehr genau. Man hat ungefähr fünfzig bis sechzig Schritte im Wasser emporzusteigen, dann ist die Felswand überwunden. Geht man hierauf oben vielleicht hundertfünfzig Schritte weit zwischen Büschen und Bäumen hin, so gelangt man an eine Stelle, unter welcher die Schlucht eine Krümmung macht. Steht oder sitzt man dort oben, so kann einem kein Mensch entkommen. Das ist der Ort, welcher das Grab der Fremden werden wird.«

»Teufel! Das ist gefährlich für mich!«

»Warum?« fragte Junak.

»Weil auch ich getroffen werden kann.«

»Pah, sie verstehen, zu zielen!«

»Darauf verlasse ich mich nicht. Der Zufall ist ein sehr heimtückischer Geselle.«

»So bleibe ein wenig zurück!«

»Wenn ich das thue, so muß ich gewärtig sein, daß die Fremden auch halten bleiben.«

»So reite voran. Den Quell wirst Du sicher sehen. Wenn Du dann die Krümmung bemerkst, brauchst Du nur so zu thun, als ob Dein Pferd störrisch werde. Du gibst ihm einige Hiebe, so daß es davongaloppirt. Dann kann Dich weder ein Czakan, noch ein geschleuderter Stein treffen.«

»Ja, das ist das Einzige, was ich thun kann.«

»Übrigens werde ich die Kameraden noch besonders auffordern, sich in Acht zu nehmen, damit sie Dich nicht treffen.«

»Wirst Du mit ihnen reden?«

»Gewiß! Wer nicht bei der Theilung ist, läuft Gefahr, nichts zu bekommen. Jetzt ärgert es mich doppelt, daß mein Pferd todt ist. Nun bin ich gezwungen, den Weg zu Fuß zu machen.«

»Du kommst trotzdem zu spät.«

»Das glaube ich nicht. Ich bin ein sehr guter Läufer.«

»Aber unsere Pferde kannst Du doch nicht einholen«

»Meinst Du denn, daß ich später aufbreche, als Ihr? Wenn ich gegessen habe, mache ich mich sogleich auf die Beine.«

»Dann bist Du allerdings schon vor uns dort.«

»Wenn es dem Deutschen nicht etwa einfällt, sehr zeitig mit seinen Gefährten in den Sattel zu steigen.«

»Daß sie das nicht thun, dafür will ich sorgen. Ich werde ihnen schon so viele Hindernisse in den Weg legen, daß sie nicht schnell vorwärts kommen. Nöthigenfalls verirre ich mich. Freilich müssen wir befürchten, daß sie Verdacht schöpfen, wenn sie am Morgen bemerken, daß Du schon fort bist.«

»Es wird sich doch wohl eine befriedigende Ausrede finden lassen – –«

Jetzt kam mir doch der Rauch so stark in die Nase, daß ich den Kopf zurückziehen und ein wenig zur Seite treten mußte. Als ich dann wieder hineinsah, bemerkte ich, daß Junak aufgestanden war. Nun war es mit dem Lauschen zu Ende, denn er hätte mich beim ersten Blick nach dem Fenster sehen müssen. Darum kehrte ich zu den Gefährten zurück und setzte mich leise bei ihnen nieder.

Während ich nun sann, kam mir der Gedanke, gleich jetzt aufzubrechen; aber ich verwarf ihn wieder. Wir kannten ja die Gegend nicht, und der Konakdschi machte jedenfalls seine Worte wahr, uns so lange in der Irre herum zu führen, bis er annehmen konnte, daß der Kohlenhändler an seinem Ziel angekommen sei. Darum war es jedenfalls besser, noch zu bleiben. Junak hatte die für uns gefährliche Stelle so genau beschrieben, daß sie meiner Aufmerksamkeit nicht entgehen konnte. Ich hoffte, ein Mittel zu finden, die Gefahr zu vermeiden.

Als ich dann von Halef abgelöst wurde, erzählte ich ihm, was ich erlauscht und beschlossen hatte, und er stimmte mir vollständig bei.

»Auch ich werde lauschen, Sihdi,« meinte er. »Vielleicht höre ich noch etwas Wichtiges.«

»Unterlaß das lieber! Ich habe genug gehört, und wenn Du ertappt wirst, haben wir den Schaden. Sie brauchen nicht zu wissen, daß Einer von uns wacht.«

Es war wohl bereits nach zwei Uhr gewesen, als wir uns zur Ruhe legten; folglich war es nach sechs Uhr, als wir von Omar, welcher die letzte Wache hatte, geweckt wurden.

Wir gingen an den Bach, um uns zu waschen, und wollten dann in das Haus. Es war verschlossen. Auf unser Klopfen kam die Frau und öffnete.

»Wo ist unser Führer?« fragte ich.

»Hier in der Stube. Er schläft noch.«

»So werde ich ihn wecken.«

Der Mann lag auf den Lumpen, welche das Lager des Mübarek gebildet hatten, und stellte sich schlafend. Als ich ihm einige derbe Stöße gab, fuhr er empor, gähnte, starrte mich wie schlaftrunken an und sagte:

»Du, Herr? Warum weckst Du mich schon?«

»Weil wir aufbrechen wollen.«

»Wie ist die Uhr?«

»Halb elf.«

»Erst! Da können wir noch eine ganze Stunde schlafen.«

»Wir könnten sogar noch einen ganzen Tag schlafen, aber wir werden es nicht thun.«

»Es ist ja nicht so eilig.«

»Nein; aber ich liebe es, in der Morgenfrische zu reiten. Wasche Dich, damit Du munter wirst!«

»Waschen?« fragte er erstaunt. »Daß ich dumm wäre! So frühes Waschen ist sehr schädlich.«

»Wo ist Junak?« fragte ich.

»Ist er denn nicht da?«

Er blickte suchend umher. Die Alte berichtete:

»Mein Mann ist nach Glogovik gegangen.«

»Woher wir kommen? Warum hat er sich denn nicht von uns verabschiedet?«

»Weil er Euch nicht stören wollte.«

»So! Was will er denn dort thun?«

»Er will Salz kaufen. Wir brauchen es, um das Fleisch hier einzupökeln.«

Sie zeigte auf die Stücke des Bären, welche in der Ecke lagen und allerdings ein höchst unappetitliches Aussehen hatten.

»Hattet Ihr denn kein Salz im Hause?«

»So viel nicht.«

»Nun, so war die Sache doch nicht so eilig, daß er unser Erwachen nicht abwarten konnte. Ich glaube übrigens, Ibali liegt viel näher. Warum ist er denn nach Glogovik gegangen?«

»In Ibali gibt es kein Salz.«

»So ist es ein sehr trauriges Nest. Aber Euer Schaden ist es doch, daß er fort ist. Ich habe ihn noch nicht bezahlt.«

»Du wirst das Geld mir geben!«

»Nein, ich zahle nur dem Wirth. Übrigens sage mir einmal, wofür ich Dich bezahlen soll.«

»Wir haben Euch doch beherbergt!«

»Wir haben im Freien geschlafen. Dafür zahle ich nichts. Also, Konakdschi, wir brechen auf.«

»Ich muß erst essen,« erklärte er.

»So iß, aber schnell!«

Er machte sich ein Feuer und briet sich ein Stück Bärenfleisch, welches er halbgar verschlang. Indessen sattelten wir. Der Bärenschinken wurde mit den drei übrig gebliebenen Tatzen in eine Decke gewickelt, und Osco nahm diesen Pack hinter sich auf das Pferd. Nun war der Führer fertig geworden, und wir brachen auf.

Die Frau wollte uns nicht ohne Bezahlung ziehen lassen. Sie zeterte, daß wir sie betrügen wollten. Aber Halef zog die Peitsche und knallte sie ihr so nahe am Gesicht vorbei, daß sie heulend in das Haus sprang und die Thüre hinter sich verriegelte. Durch das Fenster aber sandte sie uns eine Strafpredigt nach, und noch lange hörten wir ihre gellende Stimme hinter uns erschallen.

Es kam uns nicht auf einige Piaster an; aber diese Leute trachteten uns nach dem Leben. Es wäre eine Verrücktheit gewesen, das, was wir hier genossen hatten, nämlich gar nichts, auch noch zu bezahlen.

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