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Der Schut

Karl May: Der Schut - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorKarl May
titleDer Schut
publisherKarl-May-Gesellschaft
noteKapitel nach Stgt. Ausgabe, Seitenzahlen KMG als A HREF, Fussnoten neu
senderkarlheinz.Everts@t-online.de
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Halef in Gefahr

Israd, unser Führer, erwies sich als ein munterer Bursche. Er erzählte uns interessante Episoden aus seinem Leben und gab uns lustige Schilderungen von Land und Leuten, so daß wir gar nicht daran dachten, die Zeit zu messen.

Die fruchtbare Ebene von Mustafa liegt eigentlich am linken Ufer des Wardar, woher wir gekommen waren. Am rechten, an welchem wir uns befanden, steigt das Terrain mälig empor, doch ist das Land noch sehr fruchtbar. Wir kamen an reichen Baumwollen- und Tabakfeldern vorüber und sahen fruchttragende Limonien stehen. Doch sagte Israd, daß dies bald aufhöre und wir jenseits der Treska sogar durch Gegenden kommen würden, welche ›meratlü‹ seien.

Um zu wissen, was dieses Wort bedeutet, muß man sich daran erinnern, daß der Grund und Boden des osmanischen Reiches in fünf verschiedene Klassen eingetheilt wird.

Die erste Klasse ist der ›Mirieh‹, das heißt das Land der Staatsdomänen, zu welchem selbstverständlich nicht der unfruchtbarste Boden gehört. Dann kommt der ›Wakuf‹, das Eigenthum der frommen Stiftungen. Dieser Klasse fällt ohne Weiteres alles Land zu, dessen Besitzer ohne Hinterlassung direkter Erben stirbt. Die dritte Klasse faßt den ›Mülk‹, den Privatgrundbesitz, in sich. Die Besitztitel werden in der Regel nicht nach einer genauen Messung, wie bei uns, sondern nach ungefährer Schätzung ausgestellt. Für jeden Wechsel des Besitzes, also Kauf, ist die Genehmigung der Regierung erforderlich, welche bei den dortigen Verhältnissen meist nur durch die Bestechung der betreffenden Beamten erlangt werden kann. Der Mülk leidet auch außerordentlich unter den Mißbräuchen, welche bei der Steuererhebung eingerissen sind. So hat zum Beispiel die Bodenwirthschaft zehn Procent Naturalabgabe zu entrichten. Die Steuerpächter verschieben aber gewöhnlich die Einholung dieses Zehnts so lange, bis die Früchte in Fäulniß überzugehen drohen und der Landwirth mehr als zehn vom Hundert bietet, um den Ertrag seiner Ernte retten zu können. In die nächste Klasse, ›Metronkeh‹ genannt, gehören die Straßen, öffentlichen Plätze und Communal-Grundstücke. Die Verkehrswege befinden sich meist in einem beklagenswerthen Zustand, was ein Hauptgrund für die wirthschaftliche Nothlage des Landes ist. Die letzte Klasse wird ›Merat‹ genannt und begreift alles wüste und unproductive Land in sich. Dieses war es, was unser Führer meinte.

Wir hatten zwei oder drei flache Terrassen zu ersteigen und kamen dann zu der Hochebene, welche im Westen steil nach den Ufern der Treska abfällt. Hier ritten wir durch einige kleine Dörfer. Der größte und bedeutendste Ort dieser Ebene, Banja, blieb links von uns liegen.

Da wir wußten, daß Israd uns in gradester Richtung führen werde, hatte ich nicht darnach getrachtet, die Spuren des uns vorangerittenen Suef aufzusuchen. Es hätte uns das nichts nützen können, sondern nur zur Verzögerung unseres Rittes geführt. Nachdem wir ungefähr vier Stunden unterwegs waren, kamen wir durch einen sehr lichten Wald, dessen Bäume weit auseinander standen. Dort trafen wir die Fährte eines einzelnen Reiters, welche von links auf unsere Richtung stieß. Ich betrachtete sie aus dem Sattel herab. Es war zwar nicht mit voller Bestimmtheit zu behaupten, aber es ließ sich vermuthen, daß es die Fährte Suef's sei, zumal das Pferd so scharf ausgegriffen hatte, daß anzunehmen war, der Reiter habe große Eile gehabt. Da sie in unserer Richtung weiter führte, folgten wir ihr, bis nach einiger Zeit eine zusammengesetztere Fährte von rechts her kam.

Jetzt stieg ich ab. Wer einigermaßen Übung besitzt, kann unschwer erkennen, von wie viel Pferden eine solche Spur gemacht wurde, falls es nicht gar zu viele gewesen sind. Ich sah, daß fünf Reiter hier geritten seien; also waren es höchst wahrscheinlich die von uns Gesuchten gewesen. Aus der bereits abgestumpften Schärfe der Ränder an den Hufeindrücken entnahm ich, daß diese Leute vor ungefähr sieben Stunden hier vorübergekommen seien.

Bei einer solchen Schätzung hat man sehr Vieles zu berücksichtigen: die Witterung, die Art des Bodens, ob er hart oder weich, sandig oder lehmig ist, ob er kahl liegt oder mit Pflanzen bewachsen, vielleicht dünn mit Laub bedeckt ist. Auch auf die Luftbewegung und die Tageswärme hat man Obacht zu geben, da die Sonne oder scharfe Luft die Spuren schnell austrocknet, so daß die Ränder eher bröckeln, als wenn es kalt und windstill ist. Der Ungeübte kann bei einer solchen Beurtheilung sehr leicht ein höchst irriges Resultat erzielen.

Nun ritten wir auf dieser Fährte fort. Nach einiger Zeit ging der Wald zu Ende, und wir kamen wieder auf freies Land. Eine Art von Weg kreuzte hierauf unsere Richtung, und wir sahen, daß die Fährte da nach rechts abbog, um diesem Pfad zu folgen. Ich blieb also halten und zog mein Fernrohr hervor, um nachzuforschen, ob ich vielleicht einen Ort, einen Gegenstand, ein Gehöft zum Beispiel, finden könne, um dessen willen die Reiter hier abgebogen seien. Ich konnte aber nichts dergleichen sehen.

»Was thun wir nun, Sihdi?« fragte Halef. »Wir können auf der Fährte bleiben, und wir können Israd weiter folgen.«

»Ich entschließe mich für das Letztere,« antwortete ich. »Diese Leute sind doch nur für kurze Zeit abgewichen und werden später sicher wieder herüberlenken. Wir wissen, wohin sie wollen, und werden uns beeilen, dort auch anzukommen. Vorwärts also, wie bisher!«

Ich wollte mein Pferd in Bewegung setzen, doch Israd sagte:

»Vielleicht ist es doch gerathen, ihnen zu folgen, Effendi. Da drüben rechts zieht sich ein breiter Grund hin, was wir von hier aus nicht sehen können. In demselben liegt ein kleiner Köjlüstan, in welchem die Männer, denen wir folgen, vielleicht eingekehrt sind.«

»Was können wir dort erfahren? Sie werden sich nicht lange dort verweilt, sondern nur um einen Trunk Wasser oder um einen Bissen Brod gebeten haben. Keinesfalls ist anzunehmen, daß sie gegen die dort wohnenden Leute sehr mittheilsam gewesen sind. Reiten wir weiter!«

Aber schon nach kurzer Zeit wurde ich anderer Meinung. Die Spuren kamen von rechts her zurück, und nach einem nur oberflächlichen Blick bemerkte ich, daß sie ziemlich neu waren. Ich stieg also abermals ab, um sie sorgfältig zu prüfen. Ich fand, daß sie kaum zwei Stunden alt waren. Die Reiter hatten sich also gegen fünf Stunden lang in dem erwähnten Bauernhof aufgehalten. Die Ursache davon mußte ich erfahren. Wir gaben also den Pferden die Sporen und bogen nach rechts ein, um das Haus aufzusuchen.

Es lag gar nicht weit entfernt. Wir erreichten sehr bald die Stelle, wo sich die Fläche abwärts nach einem Thal senkte, welches ein Bach durchfloß. Es gab da unten saftige Weide und schöne Äcker. Dennoch machte das Haus den Eindruck der Ärmlichkeit. Der bereits erwähnte Weg führte zu demselben hinab.

Wir sahen einen Mann vor der Thüre stehen. Als er uns erblickte, verschwand er im Hause und zog die Thüre hinter sich zu.

»Effendi, es scheint, daß dieser Bauer nichts von uns wissen will,« meinte Osco.

»Er wird schon mit sich sprechen lassen. Ich vermuthe, daß er scheu geworden ist, weil unsere guten Freunde schlecht mit ihm umgesprungen sind, wie es ja ihre Gewohnheit ist. Kennst Du ihn vielleicht, Israd?«

»Gesehen habe ich ihn, aber seinen Namen weiß ich nicht,« antwortete der Gefragte. »Ob er aber mich kennt, das weiß ich nicht, da ich noch nicht bei ihm gewesen bin.«

Als wir vor der Thüre anlangten, fanden wir dieselbe verschlossen. Wir klopften an, erhielten aber keine Antwort. Nun ritt ich nach der hinteren Seite des Hauses, auch da war eine Thüre, aber gleichfalls verriegelt.

Als wir nun stärker klopften und laut riefen, wurde einer der Läden, welche auch zugezogen worden, aufgestoßen und der Lauf eines Gewehres kam zum Vorschein. Dabei rief eine Stimme:

»Packt Euch fort, Ihr Strolche! Wenn Ihr nicht aufhört, zu lärmen, so schieße ich!«

»Nur langsam, langsam, mein Lieber,« erwiederte ich, indem ich so nahe an den Laden heranritt, daß ich den Lauf der Flinte hätte ergreifen können. »Wir sind keine Strolche, wir kommen in keiner unfreundlichen Absicht.«

»Das sagten die Andern auch. Ich öffne meine Thüre keinem Unbekannten mehr.«

»Vielleicht kennst Du diesen hier,« entgegnete ich und winkte Israd herbei. Als der Bauer den jungen Mann erblickte, zog er langsam sein Gewehr zurück und sagte:

»Das ist ja der Baumeister, der Sohn des Schäfers in Treska-Konak!«

»Ja, der bin ich,« bestätigte Israd. »Hältst Du auch mich für einen Strolch?«

»Nein, Du bist ein braver Mann.«

»Nun, die Männer, welche sich bei mir befinden, sind ebenso brav. Sie verfolgen die Leute, welche bei Dir waren, um sie zu züchtigen, und wollen sich bei Dir erkundigen, was diese Strolche bei Dir gewollt haben.«

»So will ich Dir glauben und die Thüre wieder aufriegeln.«

Er that dies. Als er dann zu uns heraus trat, sah ich, daß dieser kleine, schwächliche, sehr ängstlich dreinschauende Mann allerdings nicht geeignet war, Leuten wie den beiden Aladschy zu imponiren. Er mochte uns doch nicht so recht trauen, denn er hielt die Flinte noch immer in der Hand. Auch rief er in das Haus hinein:

»Mutter, komm her, und schau sie an!«

Eine vor Alter krumm gebogene Frau kam mit Hülfe eines Krückstockes herbei und betrachtete uns. Ich sah einen Rosenkranz an ihrem Gürtel hängen, darum sagte ich:

»Hazreti Issa Krist ilahi war, anatschykim – Gelobt sei Jesus Christus, mein Mütterchen! Kowar sen bizi kapudanin taschra – willst Du uns von Deiner Thüre weisen?«

Da ging ein freundliches Lächeln über ihr faltiges Gesicht, und sie antwortete:

»Herr, Du bist ein Christ? O, die sind zuweilen die Schlimmsten! Aber Dein Gesicht ist gut. Ihr werdet uns nichts zu Leid thun?«

»Nein, gewiß nicht.«

»So seid Ihr uns willkommen. Steigt von den Pferden und kommt herein zu uns.«

»Du wirst uns erlauben, im Sattel zu bleiben, denn wir wollen schnell wieder fort. Vorher aber möchte ich gern wissen, was diese sechs Reiter bei Euch gethan haben.«

»Es waren ihrer erst nur fünf. Der Sechste kam später nach. Sie stiegen von den Pferden und führten dieselben ohne unsere Erlaubniß in das Jondscha kyri, obgleich Gras genug vorhanden ist. Die Pferde haben uns das schöne Feld ganz zusammengetreten. Wir wollten Schadenersatz verlangen, da wir arme Leute sind; aber gleich beim ersten Wort erhoben sie ihre Peitschen, und wir mußten schweigen.«

»Warum kehrten sie denn eigentlich bei Euch ein? Sie haben doch einen Umweg machen müssen, um an Euer Haus zu kommen?«

»Es war Einem von ihnen unwohl geworden. Er hatte einen verwundeten Arm und litt große Schmerzen. Da haben sie ihm den Verband abgenommen und die Wunden mit Wasser gekühlt. Das dauerte mehrere Stunden, und während Einer mit dem Verwundeten beschäftigt war, suchten die Andern Alles im Hause zusammen, was ihnen gefiel. Sie haben unser Fleisch und unsere sonstigen Speisevorräthe aufgezehrt. Meinen Sohn und die Schwiegertochter sperrten sie unter dem Dache ein und nahmen die Leiter weg, daß die Beiden nicht herunter konnten.«

»Und wo warst denn Du?«

»Ich?« antwortete sie, indem sie listig mit den Augen zwinkerte, »ich stellte mich, als ob ich nicht hören könne. Das ist bei einer alten Frau leicht zu glauben. Da durfte ich in der Stube bleiben und hörte, was gesprochen wurde.«

»Wovon redeten sie?«

»Von einem Kara Ben Nemsi, welcher mit seinen Begleitern sterben muß.«

»Dieser Mann bin ich; doch fahre fort.«

»Und sie sprachen von dem Konakdschi an der Treska, bei welchem sie heute Abend bleiben wollen, und von einem Köhler, dessen Namen ich wieder vergessen habe.«

»Hieß er Scharka?«

»Ja, ja; morgen wollen sie bei ihm bleiben. Und von einem gewissen Schut redeten sie, den sie in Kara – kara – – ich weiß nicht, wie der Name war – –«

»Karanirwan?«

»Ja, den sie in Karanirwan-Khan treffen wollen.«

»Wißt Ihr vielleicht, wo dieser Ort liegt?«

»Nein; sie haben es auch nicht gesagt. Aber sie redeten von einem Bruder, den der Eine von ihnen dort treffen will. Sie nannten auch den Namen, doch kann ich mich leider nicht mehr auf denselben besinnen.«

»Hieß er vielleicht Hamd el Amasat?«

»Gewiß, so hieß er. Aber, Herr, Du weißt ja mehr als ich!«

»Ich weiß allerdings bereits viel und ich will mich durch meine Fragen nur überzeugen, ob ich mich nicht irre.«

»Sie erzählten auch davon, daß in diesem Karanirwan-Khan ein Kaufmann gefangen sitzt, von welchem sie Lösegeld haben wollen. Aber sie lachten über ihn, denn selbst wenn er dieses Geld zahlt, wird er nicht frei kommen. Sie wollen ihn auspressen, bis er gar nichts mehr besitzt, und dann soll er ermordet werden.«

»Ah! So Etwas habe ich vermuthet. Wie ist dieser Kaufmann nach Karanirwan-Khan gekommen?«

»Der Hamd el Amasat, dessen Namen Du nanntest, hat ihn hingelockt.«

»Wurde nicht gesagt, wie der Kaufmann heißt?«

»Es war ein Fremder, ein ausländischer Name, und darum habe ich ihn nicht behalten, zumal ich so große Angst und Sorge hatte.«

»Aber wenn Du ihn wieder hörtest, würdest Du vielleicht wissen, ob es dieser Name ist?«

»Ganz gewiß, Herr.«

»Lautet er Galingré?«

»Ja, ja, so hieß er; ich besinne mich ganz genau.«

»Was wurde Weiteres gesprochen von dem, was sie vorhaben?«

»Nichts, denn da kam der sechste Reiter. Er ist ein Flickschneider und erzählte von Feinden, wegen denen er in den Wardar gestürzt sei. Jetzt weiß ich, daß Ihr diese Feinde seid. Ich mußte ein großes Feuer machen, damit er sich seine Kleider trocknen konnte; darum und weil der Alte mit seiner Wunde nicht fertig wurde, blieben sie so lange bei uns. Dieser Flickschneider erzählte von der Bastonnade, welche er bekommen habe. Er konnte nur sehr schwer gehen und hatte keine Schuhe an, sondern seine Füße mit Lappen umbunden, welche mit Talg eingerieben waren. Ich mußte ihm neue Lappen schaffen, und da ich keinen Talg hatte, stachen sie unsere Ziege todt, um Talg zu bekommen. Ist dies nicht eine schändliche Grausamkeit?«

»Allerdings. Wie viel war diese Ziege werth?«

»Gewiß fünfzig Piaster.«

»Dieser mein Begleiter, Hadschi Halef Omar, wird Dir fünfzig Piaster schenken.«

Halef zog sofort den Beutel und hielt ihr ein halbes Pfundstück hin.

»Herr,« fragte sie ganz verblüfft, »willst Du etwa den Schaden bezahlen, welchen Deine Feinde anrichten?«

»Nein, das kann ich nicht, denn ich besitze nicht den Reichthum des Padischah; aber für eine Ziege können wir Dir sorgen. Nimm das Geld!«

»So freue ich mich, Dir getraut und Euch mein Haus und meinen Mund nicht verschlossen zu haben. Gesegnet sei Euer Kommen und gesegnet sei Euer Gehen; gesegnet sei jeder Eurer Schritte und Alles, was Ihr thut!«

Wir verabschiedeten uns von den Leuten, welche uns ihre Dankesworte für die erhaltene Gabe noch weit nachriefen, und kehrten zu dem Ausgangspunkt unsers kleinen Abstechers zurück, um dann der ursprünglichen Richtung wieder zu folgen.

Wir kamen zunächst weiter durch offenes Land, wo nur hier oder da ein einzelner Baum zu sehen war. Unser vorher so munterer Führer war sehr nachdenklich geworden. Als ich ihn nach der Ursache fragte, antwortete er:

»Herr, ich habe die Gefahr, in welcher Ihr Euch befindet, gar nicht so schwer genommen, wie sie ist. Erst jetzt erkenne ich, in welch einer schlimmen Lage Ihr Euch befindet. Das macht mir Sorge. Wenn Eure Feinde ganz unerwartet aus dem Hinterhalt über Euch herfallen, seid Ihr verloren.«

»Das glaube ich nicht; wir würden uns wehren.«

»Du hast ja gar keine Idee, mit welcher Sicherheit hier zu Lande der Czakan geworfen wird, und kein Mensch ist im Stande, einen auf ihn geschleuderten Czakan abzuwehren.«

»Nun, ich kenne einen, der es vermag,« erwiederte ich.

»Das glaube ich nicht. Wer soll das sein?«

»Ich selbst.«

»Oh, oh!« lächelte er, indem er mich von der Seite anblickte. »Es ist jedenfalls nur ein Scherz gewesen.«

»Es war sehr ernst gemeint. Der Mann hatte es auf mein Leben abgesehen.«

»Das begreife ich nicht. Jedenfalls hat er nicht mit dem Czakan umzugehen gewußt. Gehe in die Berge; da kannst Du Meister dieser fürchterlichen Waffe sehen. Lasse Dir von einem echten Skipetaren oder gar von einem Miriditen zeigen, wie das Beil gehandhabt wird, und Du wirst staunen.«

»Nun, der Mann, mit welchem ich es zu thun hatte, war ein Skipetar, sogar ein Miridit.«

Er schüttelte ungläubig den Kopf und fuhr fort:

»Wenn es Dir gelungen ist, seinen Czakan zu pariren, so ist er dann Dir gegenüber waffenlos gewesen, und Du hast ihn besiegt?«

»Allerdings. Er hat sich in meiner Gewalt befunden, und ich schenkte ihm das Leben. Er gab mir dafür sein Beil, das hier in meinem Gürtel steckt.«

»Ich habe diesen Czakan bereits lange heimlich bewundert. Es ist ein außerordentlich schöner Czakan, und ich dachte, Du hättest ihn irgendwo gekauft, um recht kriegerisch zu erscheinen. Trotzdem ist er unnütz in Deiner Hand, denn Du verstehst nicht, mit ihm zu werfen. Oder hättest Du Dich bereits in dieser Kunst versucht?«

»Nicht mit einem Czakan, sondern mit andern Beilen.«

»Wo ist das gewesen?«

»Weit von hier, in Amerika, wo es wilde Völker gibt, deren Lieblingswaffe das Beil ist. Von ihnen habe ich den Gebrauch desselben gelernt, und es wird dort Tomahawk genannt.«

»Aber ein Wilder kommt einem Miridit unmöglich gleich!«

»Ganz im Gegentheil. Ich glaube nicht, daß ein Skipetar seinen Czakan so geschickt zu schleudern versteht, wie ein Indianer seinen Tomahawk. Der Czakan wird in gerader, der Tomahawk aber in der Linie des Bogens geworfen.«

»Sollte das wirklich Jemand zu thun vermögen?«

»Jeder rothe Krieger vermag es, und auch ich.«

Seine Wangen hatten sich geröthet, und seine Augen leuchteten. Jetzt hielt er sein Pferd an, stellte es quer vor das meinige, so daß auch ich zum Anhalten gezwungen war, und sagte:

»Effendi, Du mußt verzeihen, daß ich so eifrig bin. Was bin ich gegen Dich! Und dennoch wird es mir schwer, Deinen Worten zu glauben. Ich will Dir gestehen, daß ich ein Czakanwerfer bin, der es mit jedem Anderen aufnimmt. Darum weiß ich, welche Jahre der Übung es erfordert, Meister dieser Waffe zu werden. Leider habe ich mein Beil nicht bei mir.«

»Ich habe freilich noch nie einen Czakan geworfen,« lautete meine Antwort, »aber ich denke, wenn ich auch das erste oder zweite Mal das Ziel verfehle, der dritte Wurf würde gelingen.«

»Oh, oh, Herr, denke das nicht!«

»Ich denke es, und ich würde das Beil kunstreicher werfen, als Du.«

»Wie so?«

»Wenn ich es werfe, so streift die Waffe eine Strecke weit ganz unten am Boden hin, dann steigt sie in die Höhe, macht einen Bogen, senkt sich nieder und trifft ganz genau dort auf, wo es meine Absicht war, zu treffen.«

»Das ist ja ganz und gar unmöglich!«

»Es ist wirklich so.«

»Effendi, ich nehme Dich bei Deinem Wort. Wenn ich viel Geld bei mir hätte, würde ich Dich auffordern, zu wetten.«

Er war vom Pferde gestiegen. Es hatte ihn eine solche Begeisterung ergriffen, daß es mir innerlich Spaß bereitete.

»Armer Teufel!« sagte Halef, indem er eine seiner stolzen Armbewegungen machte.

»Wen meinst Du damit?« fragte ihn Israd.

»Dich natürlich.«

»So! Meinst Du etwa, daß Dein Effendi die Wette gewinnen würde?«

»Ganz gewiß.«

»Hast Du ihn einmal den Czakan werfen sehen?«

»Nein, aber was er will, das kann er. Sihdi, ich rathe Dir, mit diesem jungen Mann zu wetten. Er wird bezahlen und Dich um Verzeihung bitten müssen.«

Es war eigentlich ein kleiner Unsinn, auf den Vorschlag Israd's einzugehen. Wenn wir uns wegen dieser Spielerei hier verweilten, ging uns die Zeit verloren. Aber es kam auf einige Minuten doch nicht an, und sodann war ich selbst neugierig, ob es mir gelingen werde, mit dem Czakan dasselbe auszuführen, wie mit dem Tomahawk. Dieser Versuch war gar nicht überflüssig, denn es konnte sich jeden Augenblick die Veranlassung ergeben, in vollem Ernst zu dem Beil zu greifen. Da war es gut, zu wissen, ob ich mit demselben umzugehen verstehe. Darum fragte ich den Führer:

»Wie viel Geld hast Du denn bei Dir?«

»Fünf oder sechs Piaster nur.«

»Ich setze hundert Piaster dagegen. Welche Bedingungen stellen wir denn auf?«

»Hm!« antwortete er nachdenklich. »Du hast noch nie mit einem Czakan geworfen, und ich bin den Deinigen nicht gewohnt. Es wird also gerathen sein, daß wir erst einige Versuchswürfe machen, vielleicht drei?«

»Einverstanden.«

»Dann aber hat jeder nur einen einzigen Wurf nach dem Ziel, welches wir uns stellen,« meinte er.

»Das ist zu hart. Grad dieser Wurf kann durch einen Zufall mißlingen.«

»Nun gut, also drei Würfe Jeder. Wer am besten wirft, bekommt das Geld. Wir werfen nach dem nächsten Baum da vor uns. Es ist ein Dischbudak aghadschy. Das Beil muß in seinem Stamm stecken bleiben.«

Wir hatten unweit eines Wasserlaufes angehalten. Es war wohl derselbe Bach, welcher hinter uns in dem Thal entsprang, nach welchem unser Abstecher gerichtet gewesen war. Am Rand des Wassers standen einzelne Bäume: Eschen, Erlen und auch alte, knorrige Weiden, aus deren Häuptern junge Ruthen hervorgeschossen waren. Der uns am nächsten stehende Baum war die erwähnte Esche, welche ungefähr siebzig Schritte von uns entfernt war.

Ich stieg ab und gab Israd den Czakan. Er nahm mit ausgespreizten Beinen festen Halt, drehte den Oberleib in den Hüften, als ob er die Zuverlässigkeit dieser Gelenke erproben wollte, wog das Beil prüfend in der Hand und holte dann zum Wurf aus. Das Beil flog sehr nahe an der Esche vorüber, ohne sie jedoch zu berühren.

»Dieser Czakan ist schwerer als der meinige,« entschuldigte er sich, während Halef die Waffe herbeiholte. »Das zweite Mal werde ich treffen.«

Er traf bei dem nächsten Wurf das Ziel, aber nicht mit der Schärfe des Beiles, sondern nur mit dem Stiel. Aber der dritte Probewurf gelang besser, denn die Axt traf den Stamm, leider aber nicht so, daß die Schneide in demselben stecken blieb.

»Das thut nichts,« meinte er. »Das war ja nur zur Probe. Nachher treffe ich gewiß, denn ich kenne jetzt das Beil. Nun Du, Effendi!«

Ich nahm mir im Stillen nicht die Esche zum Ziel, sondern einen weit hinter derselben stehenden alten Weidenstamm, der gänzlich ausgehöhlt war und nur einen einzigen, grad emporstehenden Ast hatte, welcher eine kleine Krone von beblätterten Zweigen trug.

Zunächst mußte ich die Hand an das Gewicht des Czakans gewöhnen; darum geschah der Wurf ganz in derselben Weise, wie derjenige Israd's gewesen war. Ich wollte die Weide nicht treffen, sondern nur Richtung nehmen. Darum flog das Beil weit links von der Esche vorüber und bohrte sich dort in den weichen Boden ein.

»O Himmel!« lachte unser Führer. »Du willst die Wette gewinnen, Effendi?«

»Ja,« sagte ich ernsthaft.

Trotzdem geriethen die beiden nächsten Probewürfe scheinbar noch schlechter, als der erste. Aber ich ließ mich mit Vergnügen von Israd auslachen, denn ich war überzeugt, daß ich, wenn es nun galt, das Ziel nicht fehlen würde.

Halef, Omar und Osco lachten nicht – sie ärgerten sich im Stillen darüber, daß ich auf die Wette eingegangen war, ohne gewiß zu sein, sie gewinnen zu müssen.

»Die Probe ist vorüber,« sagte Israd. »Nun wird es Ernst. Wer wirft zuerst?«

»Du natürlich.«

»So wollen wir vorher das Geld zahlen, damit dann kein Irrthum vorkommt. Osco mag es in seine Hand nehmen.«

Der gute Mann hatte mich also im Verdacht, daß ich mich weigern würde, die hundert Piaster zu zahlen. Er war ja vollständig überzeugt, die Wette zu gewinnen. Ich gab Osco das Geld. Mein Gegner zahlte seine wenigen Piaster und griff dann nach dem Beil.

Seine Fertigkeit war wirklich nicht unbedeutend. Er traf alle drei Male den Stamm, aber nur beim letzten Mal blieb die Axt in demselben stecken.

»Keinmal gefehlt,« jubelte er. »Und einmal saß der Czakan sogar fest. Mache es mir nach, Effendi!«

Jetzt mußte ich nach indianischer Art und Weise werfen, wenn ich treffen sollte. Ich holte aus, wirbelte den Czakan um den Kopf und ertheilte ihm jene rotirende Bewegung, welche beim Billardspiel als ›Effect‹ bezeichnet wird. Das Beil sauste, sich um sich selbst drehend, am Boden hin, stieg empor, senkte sich dann plötzlich wieder nieder und fuhr in den Stamm der Esche, in welchem es sitzen blieb.

Meine Gefährten jubelten laut auf. Israd aber sagte, indem er mit dem Kopf schüttelte:

»Welch ein Zufall, Effendi! Es ist kaum zu glauben.«

»Zufall? Da irrst Du Dich außerordentlich,« antwortete ich.

Halef holte das Beil zurück, und ich schleuderte es noch zweimal in die Esche. Die Gefährten jubelten; Israd aber wollte noch immer nicht daran glauben, daß ich diesen Erfolg nicht dem bloßen Zufall zu verdanken habe.

»Wenn Du noch nicht überzeugt bist,« sagte ich, »so will ich Dir jetzt einen vollgültigen Beweis geben. Sieh die alte ausgehöhlte Weide dort hinter der Esche!«

»Ich sehe sie. Was ist's mit ihr?«

»Ich werde nach ihr werfen.«

»Herr, sie ist weit über hundert Schritte entfernt. Du willst sie wirklich treffen?«

»Nicht nur das, sondern ich will den einen Ast treffen, welchen sie hat, und zwar so, daß er höchstens eine Handbreit über dem Stamm von dem Czakan abgeschnitten wird.«

»Herr, das wäre ein Wunder!«

»Nach den bisherigen sechs Würfen ist mir die Waffe so handgerecht, daß ich gar nicht fehlen kann. Ich werde nun erst jetzt dem Czakan die richtige Doppeldrehung geben, und Du wirst sehen, daß er, sobald er am Boden aufgestiegen ist, ganz plötzlich, wie mit einem Ruck, eine dreifache Schnelligkeit erhält. Paß einmal auf!«

Der Wurf gelang in der vorausgesagten Weise. Das Beil wirbelte an der Erde hin, stieg langsam empor und flog dann mit plötzlich vermehrter Schnelligkeit wieder abwärts und auf die Weide zu. Im nächsten Augenblick lag der erwähnte Ast am Boden.

»Geh hin und sieh nach!« sagte ich. »Er wird genau eine Handbreit vom Stamm abgeschnitten sein, und zwar scharf, wie mit dem Messer, denn die Schneide des Beiles hat ihn getroffen.«

Israd machte ein so verblüfftes Gesicht, daß ich hellauf lachen mußte.

»Habe ich es nicht gesagt?« rief Halef. »Was der Effendi will, das kann er. Osco, gib ihm das Geld! Es sind die Piaster des Triumphes, welche er einstecken mag.«

Natürlich nahm ich nur meinen Einsatz wieder, und Israd erhielt sein Geld zurück. Er konnte sich nur schwer beruhigen und erging sich, noch als wir bereits längst wieder unterwegs waren, in den verschiedensten Ausrufen der Verwunderung.

Mir aber war es lieb, gesehen zu haben, daß ich mich auf meine Hand verlassen könne.

Nach dieser kurzen Unterbrechung unseres Rittes erlitt derselbe keine weitere Störung. Es wurde Nacht, und Israd erklärte, daß wir in ungefähr einer Stunde in Treska-Konak ankommen würden.

Wir kamen wieder durch Wald, welcher glücklicher Weise nicht dicht war, und dann senkte sich die Höhe. Es gab wieder Weideland, und dann hörten wir Hunde bellen.

»Das sind die Samsunlar meines Verwandten,« erklärte Israd. »Grad vor uns liegt der Konak am Fluß und links das Haus meines Schwähers. Wir wollen aber einen Bogen schlagen. Es könnte ein Knecht des Konakdschi im Freien sein und uns bemerken.«

Wir wichen nach links ab, bis wir den Fluß erreichten, und ritten nun am Ufer hin bis an das Wohnhaus des Schäfers.

Das war ein langes, niedriges, nur aus dem Erdgeschoß bestehendes Gebäude. Einige Fensterläden standen offen, und aus ihnen schimmerte Licht. Die Hunde fuhren mit wüthendem Gebell auf uns los, beruhigten sich aber sogleich, als sie die Stimme Israd's erkannten. Ein Mann steckte den Kopf durch das Fenster und fragte:

»Wer ist da?«

»Ein guter Bekannter.«

»Israd ist's! Frau, der Schwäher ist da!«

Der Kopf verschwand, und gleich darauf wurde die Thüre geöffnet, und die Alten eilten herbei, um Israd zu begrüßen. Auch der ältere Sohn kam, um ihn zu umarmen. Dann sagte der Schäfer:

»Du bringst uns Leute mit. Werden sie bei uns bleiben?«

»Ja; aber sprich nicht so laut. Der Konakdschi darf nicht merken, daß diese Männer hier sind. Sorge vor allen Dingen dafür, daß unsere Pferde in den Stall kommen.«

Es war nur ein niederer Schafstall vorhanden, in welchem ich mit dem Kopf an die Decke stieß. Mein Rappe weigerte sich, hinein zu gehen. Der Geruch der Schafe war seiner edlen Nase zuwider, und nur durch Streicheln und Zureden gelang es mir, ihn folgsam zu machen. Dann begaben wir uns in die Stube oder vielmehr in das, was man eben heute Stube nannte, denn der einzige große Raum, welchen das Wohnhaus bildete, wurde nur durch die schon oft erwähnten Weidengeflechte in verschiedene Abtheilungen geschieden. Man konnte eine jede derselben durch Verschiebung dieser Scheidewände beliebig vergrößern oder verengern.

Es waren nur Vater, Mutter und Sohn zu Hause. Die Knechte befanden sich bei den Schafhürden, und Mägde gab es nicht.

Israd nannte unsere Namen und erzählte zunächst, daß wir seine Schwester gerettet hätten. Das hatte zur Folge, daß wir eine außerordentlich herzliche Aufnahme fanden. Der Sohn begab sich in den Stall, um unsern Pferden gutes Wasser und das beste Futter zu geben, und die Eltern trugen herbei, was im Hause vorhanden war, damit wir ein festliches Mahl halten könnten.

Natürlich bewegte sich das Gespräch zunächst um das, was sie am meisten interessirte, die Rettung ihrer Schwiegertochter. Dann kamen wir auf den Zweck unserer Reise zu reden, und ich erfuhr, daß die Gesuchten in dem Konak angekommen waren.

Nun erzählte ich in kurzen Umrissen, warum wir denselben folgten, und erregte dadurch ein nicht geringes Erstaunen.

»Sollte man es glauben, daß es solche Leute gibt!« rief die alte Frau, indem sie die Hände zusammenschlug. »Das ist ja ganz schrecklich!«

»Ja, schrecklich ist es,« nickte ihr Mann; »aber zu wundern brauchen wir uns nicht darüber, da sie Anhänger des Schut sind. Das ganze Land könnte Gott auf den Knieen danken, wenn diese Geißel des Volkes einmal unschädlich gemacht wäre.«

»Weißt Du vielleicht etwas Näheres über den Schut?« fragte ich ihn.

»Ich weiß auch nicht mehr als Du und Andere. Wüßte man seinen Wohnort, so würde man auch ihn selbst kennen, und dann wäre es mit ihm aus.«

»Das ist noch die Frage. Ich bin überzeugt, daß die Behörde mit ihm in Verbindung steht. Weißt Du nicht, wo Karanirwan-Khan liegt?«

»Diesen Namen kenne ich nicht.«

»Kennst Du auch keinen Mann, der Kara Nirwan heißt?«

»Eben so wenig.«

»Aber einen Perser kennst Du, welcher das Geschäft des Pferdehandels treibt?«

»Ja. Der heißt aber im Mund des Volkes Kara Adschemi. Was ist's mit diesem?«

»Ich habe ihn im Verdacht, der Schut zu sein.«

»Was? Dieser Perser?«

»Beschreibe ihn mir einmal!«

»Er ist länger und stärker als Du und ich, ein wahrer Riese, und trägt einen schwarzen Vollbart, welcher weit bis zur Brust herabreicht.«

»Wie lange befindet er sich im Lande?«

»Das weiß ich nicht genau. Es sind wohl an die zehn Jahre her, daß ich ihn zum ersten Mal gesehen habe.«

»So lange ist es wahrscheinlich auch, daß man von dem Schut gesprochen hat?«

Er blickte mich überrascht an, sann ein wenig nach und antwortete dann:

»Ja, so ungefähr wird es sein.«

»Wie ist das Auftreten dieses Pferdehändlers?«

»Er benimmt sich überaus gebieterisch, wie alle Leute, welche wissen, daß sie reich sind. Er geht stets bis an die Zähne bewaffnet und ist als ein Mann bekannt, mit welchem man keinen Spaß machen darf.«

»So ist er zu Gewaltthätigkeiten geneigt?«

»Ja, er ist gleich mit der Faust oder mit der Pistole zur Hand, und man erzählt sich, daß schon Mehrere, die ihn beleidigt hatten, den Mund nicht wieder öffneten, weil ein Todter nicht mehr reden kann. Aber von Raub und Diebstahl weiß ich nichts zu berichten.«

»Diese Beschreibung paßt ganz genau zu dem Bilde, welches ich mir von ihm gemacht habe. Weißt Du vielleicht, ob er mit dem Köhler Scharka verkehrt?«

»Davon habe ich noch nichts erfahren. Hast Du mit dem Kohlenbrenner auch zu thun?«

»Bis jetzt noch nicht; aber ich denke, daß ich mit ihm zusammentreffen werde; die Fünf wollen zu ihm. Seine Wohnung ist ihnen also bekannt. Weißt auch Du sie vielleicht?«

»Ich weiß nur, daß er in einer Höhle wohnt, welche jenseits von Glogovik im tiefen Wald liegt.«

»Hast Du ihn gesehen?«

»Nur vorübergehend.«

»Er muß doch von Zeit zu Zeit den Wald verlassen, um seine Kohlen zu verkaufen, oder es müssen Leute zu demselben Zweck ihn aufsuchen.«

»Er verkauft nicht selbst. Da drüben in den Bergen ist ein Kurumdschy, welcher ihm das Alles besorgt. Dieser zieht mit seinem Wagen, auf welchem sich die Kohlen und die Rußfäßchen befinden, im Lande umher.«

»Was ist er für ein Mann?«

»Ein finsterer, wortkarger Kerl, der sich mit keinem Menschen abgibt. Man sieht ihn lieber gehen als kommen.«

»Hm! Vielleicht bin ich gezwungen, ihn aufzusuchen, um von ihm die Höhle des Köhlers zu erfahren.«

»Als Wegweiser könnte ich Dir wenigstens einen Knecht bis Glogovik mitgeben. Weiter hinauf kennt auch er die Wege nicht.«

»Wir nehmen dieses Anerbieten herzlich gern an. Dein Sohn erzählte mir, daß der Köhler im Verdachte des Mordes stehe.«

»Das ist nicht nur Verdacht, man weiß es sicher, obgleich es keine Zeugen gibt, mit deren Hülfe er überführt werden könnte. Er hat sogar im Verkehr mit den Aladschy gestanden, welche von den Soldaten freilich vergeblich bei ihm gesucht worden sind.«

»Auch Dein Sohn sprach davon. Er hat diese beiden Menschen heute gesehen.«

»Die Scheckigen? Wirklich? Ich habe oft gewünscht, ihnen einmal zu begegnen, natürlich aber so, daß ich sie nicht zu fürchten habe.«

»Nun, das ist ja geschehen.«

»Wann sollte das gewesen sein?«

»Heute. Hast Du denn unter den fünf Reitern nicht zwei gesehen, welche auf scheckigen Pferden ritten?«

»Himmel! So befinden sie sich also hier, drüben im Konak meines Nachbars! Da ist ja das Unheil in der Nähe!«

»Heute brauchst Du sie nicht zu fürchten, denn wir sind hier. Sobald sie erführen, daß wir uns bei Dir befinden, würden sie sich aus dem Staub machen. Übrigens wirst Du sie vielleicht sehen, wenn Du jetzt heimlich hinüber gehst. Suche zu erfahren, ob man sie vielleicht belauschen kann.«

Er ging, und wir beschäftigten uns während seiner Abwesenheit angelegentlich mit dem Abendessen. Nach einer kleinen halben Stunde kam er zurück und meldete uns, daß er sie gesehen habe.

»Aber es waren ihrer nur vier,« sagte er. »Der Verwundete befand sich nicht bei ihnen. Sie sitzen neben der Schlafkammer des Nachbars. Ich habe mich rund um das ganze Haus geschlichen und an allen Läden gespäht, ob man durch eine Spalte hinein sehen kann. Endlich kam ich an den betreffenden Laden, welcher ein kleines Astloch hat. Sie saßen mit dem Konakdschi zusammen und hatten einen Krug mit Raki vor sich stehen.«

»Sprachen sie?«

»Ja, aber nicht von Eurer Angelegenheit.«

»Ob sie wohl zu belauschen wären? Kann man sie verstehen, wenn man außen am Laden steht?«

»Ich habe nur einzelne Worte richtig hören können. Um ihr Gespräch zu hören, müßte man in die Schlafstube steigen; der Laden steht auf.«

Er beschrieb die Lage dieser Stube und ihr Inneres, und ich erkannte, daß es allzu gefährlich wäre, hineinzusteigen; zumal man annehmen mußte, daß der alte Mübarek sich darin befinde.

»Nein, wir wollen auf dieses Unternehmen verzichten,« sagte ich. »Nachher werde ich selbst einmal hinüberschleichen, um Kundschaft einzuholen.«

Somit hielt ich diese Angelegenheit für erledigt. Im Laufe des weiteren Gesprächs stand Halef auf, um einmal hinaus zu gehen.

»Ich will nicht hoffen, daß Du Dich hinüberschleichen willst,« rief ich ihm nach. »Das verbiete ich Dir auf das Strengste!«

Er nickte nur und ging. Ich aber war nicht beruhigt und beauftragte Omar, ihm heimlich zu folgen. Dieser kehrte schnell zurück und meldete mir, daß der Hadschi nach dem Stall gegangen sei, jedenfalls um sich zu überzeugen, daß es den Pferden, besonders meinem Rappen, an nichts mangele. Damit gab ich mich zufrieden. Es verging eine Viertelstunde und noch eine, und da Halef noch nicht wieder da war, so erwachte meine Sorge von Neuem. Als ich sie laut werden ließ, ging der Wirth, um nach ihm zu suchen; aber er kehrte unverrichteter Dinge zurück; er hatte ihn nirgends gefunden.

»So habe ich ganz richtig geahnt: er hat eine Dummheit gemacht und befindet sich höchst wahrscheinlich in Gefahr. Osco, Omar, nehmt Eure Gewehre – wir müssen hinüber zu dem Konak, denn ich wette, daß er so verwegen gewesen ist, in das Schlafzimmer einzusteigen.«

Ich nahm nur den Stutzen, welcher mehr als genügend war, die ganze Gesellschaft im Zaum zu halten. Draußen war es stockdunkel. Der Schäfer diente uns als Führer. Da ich meinen Fuß zu schonen hatte, gingen wir nur sehr langsam am Ufer hin, bis der Konak als dunkle Masse vor uns lag, etwa fünfzig Schritte von dem Fluß entfernt.

Wir schlichen an der Vorderseite des Hauses hin, wo alle Fenster verschlossen waren, und bogen dann nach derjenigen Giebelseite ab, welche die Stallungen enthielt. Dort standen junge Fichten, die mit ihren unteren Ästen fast den Boden berührten. Zwischen ihnen und dem Hause war nur ein schmaler Raum zum Gehen frei.

Von da aus führte uns der Schäfer nach der hinteren Seite des Gebäudes, an welcher entlang wir hinschlichen. Es war keine Spur von Halef zu bemerken; doch war ich der festen Überzeugung, daß er sich jetzt im Innern des Hauses befand, festgenommen von den Leuten, welche er hatte belauschen wollen.

Da blieb unser Wirth stehen und deutete auf zwei Läden, welche wie alle übrigen von innen verriegelt waren.

»Hier dieser erste Laden,« flüsterte er, »gehört zu der Stube, in welcher die Männer saßen; der zweite aber zur Schlafkammer.«

»Sagtest Du nicht, daß dieser zweite Laden offen gewesen sei?«

»Ja, vorhin stand er auf.«

»So ist er seitdem zugemacht worden. Das muß einen Grund haben. Und welcher Grund könnte es sonst sein, als daß die Halunken bemerkt haben, daß man sie belauscht?«

Ich huschte an den ersten Laden und blickte durch das Astloch. Die Stube war durch eine Unschlittkerze, welche in einem Leuchter von Draht steckte, nur nothdürftig erhellt; aber ich sah genug.

An einem Tisch saßen Manach el Barscha und Barud el Amasat. Vorn am Eingang stand ein Mann von untersetzter, kräftiger Gestalt und rohen Gesichtszügen, jedenfalls der Wirth. An der Wand zu meiner rechten Hand lehnten die beiden Aladschy. Die Gewehre dieser Leute waren in der Ecke an hölzernen Haken aufgehängt. Die Blicke aller Fünf richteten sich auf – Halef, welcher auf dem Boden lag, an Händen und Füßen gebunden. Die Gesichter seiner Feinde weissagten nichts Gutes. Manach el Barscha schien das Verhör zu führen. Er befand sich jedenfalls in zorniger Erregung, denn er sprach so laut, daß ich jede Silbe verstehen konnte.

»Siehst Du Etwas, Sihdi?« fragte Omar.

»Ja,« antwortete ich leise. »Der Hadschi liegt gebunden auf dem Boden und wird jetzt eben verhört. Kommt her! Sobald ich den Laden zertrümmere, helft Ihr mit und streckt dann die Mündungen Eurer Gewehre hinein. Der Laden muß aber im Nu in Stücke gehen, damit sie nicht Zeit finden, sich an Halef zu vergreifen, ehe wir ihn schützen können. Und nun still!«

Ich horchte.

»Und wer hat Dir gesagt, daß wir hier sind?« erkundigte sich Manach el Barscha.

»Suef hat es selbst gesagt,« antwortete Halef.

Ich sah den Genannten nicht; aber jetzt trat er von links herein. Er mochte in der Schlafstube gewesen sein.

»Hund, lüge nicht!« sagte er, indem er Halef einen Fußtritt versetzte.

»Schweig' und schimpfe nicht!« antwortete der Kleine. »Hast Du nicht in unserer Gegenwart zu dem Wirth in Rumelia gesagt, daß Du nach dem Treska-Konak reiten wolltest?«

»Ja, aber ich habe nicht gesagt, daß sich auch diese Männer hier befinden werden.«

»Das konnten wir uns doch denken. Mein Effendi hat Dir ja in Kilissely in's Gesicht gesagt, daß Du schnell aufbrechen würdest, um ihnen zu folgen.«

»Der Scheïtan hole diesen Effendi! Wir werden ihm die Sohlen zerfleischen, damit er weiß, was ich heute empfunden habe. Ich kann kaum stehen.«

Er ließ sich neben Halef auf den Boden nieder.

»Wie aber habt Ihr erfahren, wo der Treska-Konak liegt?« erkundigte sich Manach weiter.

»Wir haben gefragt; das versteht sich ja ganz von selbst.«

»Und warum bist Du uns allein nachgeritten? Warum blieben die Andern zurück?«

Halef war doch so schlau gewesen, zu thun, als ob er sich allein hier befände. Er benahm sich überhaupt sehr gefaßt. Und das war auch nicht zu verwundern, denn er konnte sich sagen, daß die Sorge um ihn uns bald herbeiführen würde.

»Hat Euch Suef denn nicht gesagt, daß mein Effendi in das Wasser gestürzt ist?«

»Ja, und hoffentlich ist er ersoffen!«

»Nein, diesen Gefallen hat er Euch nicht gethan. Er lebt noch, obgleich er krank geworden ist. Die Andern müssen ihn pflegen. Mich aber hat er vorausgeschickt, um Euch zu beobachten. Wenn es möglich ist, kommt er morgen nach. Bis zum Abend ist er sicher hier, und dann wird er mich befreien.«

Sie lachten alle hellauf.

»Dummkopf!« rief Manach el Barscha. »Meinst Du denn wirklich, daß Du morgen Abend noch unser Gefangener sein wirst?«

»So wollt Ihr mich eher frei lassen?« fragte er mit dummer Miene.

»Ja, wir lassen Dich eher frei. Wir werden Dir erlauben, zu gehen, aber nur in die Hölle.«

»Ihr scherzet. Dorthin weiß ich den Weg gar nicht.«

»Mache Dir keine Sorge. Wir werden ihn Dir schon zeigen. Vorher aber müssen wir Dir noch eine kleine Lehre geben, welche Dir vielleicht nicht behagen wird.«

»O, ich pflege für jede Belehrung dankbar zu sein.«

»Wollen hoffen, daß dies auch hier der Fall ist. Wir wollen Dich nämlich daran erinnern, daß es ein Gesetz gibt, welches heißt: Auge um Auge, Gleiches mit Gleichem. Ihr habt Habulam, Humun und Suef gepeitscht; gut, so wirst auch Du die Bastonnade erhalten, und zwar so, daß Dir die Fetzen von den Füßen fliegen. Ihr habt das Wasser auf den Thurm gepumpt, damit wir ertrinken sollten; wohlan, wir werden auch Dich unter Wasser setzen, so daß Du elendiglich ersäufst, aber schön langsam, damit wir eine Freude daran haben. Wir werden Dich in den Fluß hier hineinlegen, so daß nur Deine Nase herausragt. Da magst Du so lange Luft schnappen, wie es Dir möglich ist.«

»Das werdet Ihr nicht thun!« rief Halef in kläglichem Tone.

»Nicht? Warum sollten wir darauf verzichten?«

»Weil Ihr gläubige Söhne des Propheten seid und einen Moslem nicht martern und ermorden werdet.«

»Geh' zum Scheïtan mit Deinem Propheten! Wir machen uns nichts aus ihm. Du sollst eines Todes sterben, welcher schlimmer sein wird, als die Verdammniß, in welche Du sodann fährst.«

»Was habt Ihr davon, wenn Ihr mich tödtet? Das böse Gewissen wird Euch peinigen bis zu dem Augenblick, an welchem der Engel des Todes zu Euch tritt.«

»Mit unserem Gewissen werden wir selbst fertig. Du fühlst wohl bereits jetzt die Angst des Todes? Ja, wenn Du klug sein wolltest, so könntest Du ihm noch einmal entgehen.«

»Was müßte ich thun?« fragte Halef schnell.

»Uns Alles gestehen.«

»Was denn?«

»Wer Dein Herr ist, was er von uns will und was er beabsichtigt, gegen uns zu thun.«

»Das darf ich nicht verrathen.«

»So mußt Du sterben. Ich hatte es gut gemeint. Wenn Du aber meinen Fragen Deinen Mund verschließest, so ist Dein Schicksal entschieden.«

»Ich verstehe Dich,« erwiederte Halef. »Du willst mich durch Dein Versprechen täuschen. Wenn ich dann Alles gesagt habe, so lacht Ihr mich aus und haltet nicht Wort.«

»Wir werden Wort halten.«

»Schwörst Du es mir zu?«

»Ich schwöre es Dir zu bei Allem, was ich glaube und verehre. Nun entschließe Dich schnell, denn die Stimmung der Gnade hält bei mir nicht lange an.«

Halef that so, als ob er ein kleines Weilchen nachdächte, und sagte dann:

»Was habe ich von dem Effendi, wenn ich todt bin? Gar nichts! Ich ziehe es vor, zu leben, und will Euch also Auskunft ertheilen«

»Das ist Dein Glück!« sagte Manach. »Also sage uns zunächst, wer Dein Herr eigentlich ist?«

»Habt Ihr denn nicht gehört, daß er ein Deutscher ist?«

»Ja, das hat man uns gesagt.«

»Und Ihr glaubt es auch? Kann ein Deutscher alle drei Pässe von dem Großherrn haben mit dem Siegel des Veziers darunter?«

»So ist er wohl gar nicht ein Nemtsche?«

»Das fällt ihm nicht ein!«

»Aber ein Giaur ist er?«

»Auch nicht. Er verstellt sich, damit man nicht ahnen soll, wer er ist.«

»Dann also heraus damit! Wer ist er?«

Halef machte ein überaus wichtiges Gesicht und antwortete:

»Seinem ganzen Auftreten nach müßt Ihr doch einsehen, daß er kein Kütschük jijit, sondern etwas ganz Außerordentliches ist. Ich habe schwören müssen, sein Geheimniß nicht zu verrathen; aber wenn ich nicht spreche, so tödtet Ihr mich, und der Tod hebt alle Schwüre auf. So sollt Ihr denn erfahren, daß er ein fremder Schahnameh ist.«

»Hund! Willst Du uns belügen?«

»Wenn Ihr es nicht glaubt, so ist es nicht meine Schuld.«

»Soll er etwa gar ein Sohn des Großherrn sein!«

»Nein. Ich habe doch gesagt, daß er fremd sei.«

»Aus welchem Lande?«

»Aus Hindistan, welches jenseits Persien liegt.«

»Warum ist er nicht dort geblieben? Warum reitet er bei uns im Lande umher?«

»Um sich ein Weib zu suchen.«

»Ein – – Weib?« fragte Manach el Barscha, aber nicht etwa im Ton des Erstaunens, sondern mit einer Miene, welche ein Deutscher sehen läßt, wenn er das Wort »Aha!« ausruft.

Die Aussage des Hadschi erschien diesen Leuten gar nicht so unglaublich. Hunderte von morgenländischen Märchen behandeln das Thema von dem Fürstensohne, welcher unerkannt im Lande umherzieht, um sich die Schönste der Schönsten, welche natürlich stets die Tochter blutarmer Leute ist, zur Frau zu erkiesen. Dies konnte ja auch hier der Fall sein.

»Warum aber sucht er grad hier im Land der Skipetaren?« lautete die nächste Frage.

»Weil es hier die schönsten Töchter gibt und weil ihm geträumt hat, daß er die Blume seines Harems hier finden werde.«

»So mag er nach ihr suchen! Aber was hat er sich um uns zu kümmern?«

Den Kleinen kitzelte der Schalk trotz der bösen Lage, in welcher er sich befand. Er antwortete im ernstesten Ton:

»Um Euch? Das fällt ihm gar nicht ein. Er hat es nur mit dem Mübarek zu thun.«

»In wie fern?«

»Weil er im Traum den Vater der Schönsten gesehen hat und auch die Stadt, in welcher er ihn finden soll. Die Stadt ist Ostromdscha, und der Vater ist der alte Mübarek. Warum flüchtet sich derselbe vor meinem Herrn? Er mag ihm seine Tochter geben, so wird er als Kain ata des reichsten indischen Fürsten große Macht erlangen.«

Da ertönte aus dem Nebenraum die schnarrende Stimme des Verwundeten:

»Schweig', Du Sohn einer Hündin! Ich habe nie im Leben eine Tochter gehabt. Deine Zunge hängt voll Lügen, wie die Nessel voll von Raupen. Meinst Du denn, ich wisse nicht, wer Dein Herr ist, dem ich die Qualen der zehntausend Höllen wünsche? Trägt er nicht das Hamaïl noch heute an seinem Hals, obgleich er ein verfluchter Sohn der Ungläubigen ist? Ich habe es bisher verschwiegen, denn ich wollte die Rache allein genießen. Aber Deine Lüge ist so groß, daß sie mir in den Ohren brennt. Ich muß nun sagen, was ich weiß, und darf nicht länger schweigen.«

»Was ist's, was ist's?« fragten die Andern.

»Wisset, Ihr Leute, daß dieser Fremde nichts ist, als ein verfluchter Riswaidschi der Erazü mübarek! Ich habe ihn in Mekka gesehen, in der Stadt der Anbetung. Er wurde erkannt; ich stand neben ihm und streckte die Hand zuerst nach ihm aus, aber der Scheïtan stand ihm bei, daß er entkam. Und dieser Hadschi Halef Omar war bei ihm und hat ihm geholfen, das größte Heiligthum der Moslemim mit dem Blick eines Christenhundes zu besudeln. Ich habe die Gesichter dieser Beiden nie vergessen und sie wieder erkannt, als ich als Krüppel an der Straße von Ostromdscha saß und sie an mir vorüber ritten. Laßt Euch nicht mit frechen Lügen beträufeln, sondern nehmt fürchterliche Rache für diese Frevelthat. Ich habe gesonnen und gesonnen, welche Strafe diese Frevler erleiden müssen, aber ich habe keine Züchtigung gefunden, welche mir groß genug erschien. Darum schwieg ich bis jetzt.«

Er hatte schnell und übereifrig gesprochen, wie Einer, der im Fieber liegt. Dann stöhnte er laut, denn die Schmerzen seiner Wunde übermannten ihn. Es war ganz genau so, wie ich gesagt hatte: man hatte ihn im Schlafzimmer untergebracht.

Und nun wurde es plötzlich hell in mir. Also darum war mir sein hageres, charakteristisches Gesicht so bekannt gewesen! Darum war es mir wie träumend vorgekommen: ein Meer von Menschen, empört und erregt, und in Mitte dieses Meeres diese eine Gestalt, die langen, dürren Arme nach mir ausstreckend und die Knochenfinger krallend, wie ein Raubvogel, welcher auf seine Beute schießt! In Mekka war es gewesen, wo ich ihn gesehen hatte. Sein Bild hatte sich, mir unbewußt, meinem Gedächtniß eingeprägt, und als ich ihn dann in Ostromdscha wiedersah, ahnte ich wohl, ihm schon einmal begegnet zu sein, konnte mich aber nicht des Ortes erinnern, an welchem dies geschehen war.

Nun verstand ich auch den haßerfüllten Blick, den er in Ostromdscha auf mich geworfen hatte, und die feindselige Art und Weise, in welcher ich von ihm behandelt worden war.

Seine Worte brachten die von ihm erwartete Wirkung hervor. Diese Menschen waren Verbrecher, aber sie waren auch Moslemim, und wenn Manach el Barscha auch gesagt hatte, daß er sich aus dem Propheten nichts mache, so war dies doch nicht wörtlich zu nehmen. Der Gedanke, ich sei ein Christ und habe die heilige Kaaba entweiht, rief ihre tiefste Empörung hervor. Und daß Halef sich bei mir befunden und also an dieser Todsünde theilgenommen hatte, das erfüllte sie mit einem Rachegefühl, welches für ihn weder Gnade noch Barmherzigkeit übrig ließ.

Kaum hatte der Mübarek ausgesprochen, so sprangen die am Tisch Sitzenden auf, und auch Suef schnellte vom Boden empor, wie von einer Natter gestochen.

»Lügner!« brüllte er, indem er mit dem Fuß nach Halef stieß. »Verdammter Lügner und Verräther seines eigenen Glaubens! Hast Du den Muth, zu sagen, daß der Mübarek nicht die Wahrheit gesprochen habe?«

»Ja, rede!« schrie auch einer der Aladschy. »Rede, oder ich zermalme Dich hier zwischen diesen meinen Fäusten! Bist Du in Mekka gewesen?«

Halef verzog keine Miene. Der kleine Hadschi war wirklich ein muthiger Mann. Er antwortete:

»Was regt Ihr Euch auf? Warum thut Ihr, als ob der Raubvogel unter die Enten gefahren sei? Seid Ihr Männer oder Kinder?«

»Mensch, beleidige uns nicht!« rief Manach el Barscha. »Deine Strafe wird schon ohnedies eine fürchterliche sein. Willst Du sie noch entsetzlicher machen dadurch, daß Du unsern Zorn verdoppelst? Antworte also: bist Du in Mekka gewesen?«

»Muß ich denn nicht dort gewesen sein, da ich doch ein Hadschi bin?«

»Und war dieser Kara Ben Nemsi mit Dir dort?«

»Ja.«

»Er ist ein Christ?«

»Ja.«

»Er ist also kein Königssohn aus Indien?«

»Nein.«

»So hast Du uns belogen! Heiligthumsschänder! Das sollst Du büßen, und zwar jetzt. Wir werden Dich knebeln, daß Du keinen Laut auszustoßen vermagst, und dann soll die Marter beginnen. Konakdschi, gib Etwas her, womit wir ihm den Mund verstopfen.«

Der Wirth ging und kehrte im Augenblick mit einem Tuche zurück.

»Sperre das Maul auf, Hund, daß wir Dir den Knebel hineinschieben!« gebot Barud el Amasat, das Tuch nehmend und sich zu Halef niederbeugend. Und da der Hadschi diesem Befehle nicht Folge leistete, fügte er hinzu: »Öffne, sonst breche ich Dir die Zähne mit der Klinge aus einander!«

Er kniete neben dem Hadschi nieder und riß sein Messer aus dem Gürtel. Jetzt war es die höchste Zeit, der Sache ein Ende zu machen.

»Schlagt zu!« sagte ich.

Ich hatte den umgekehrten Stutzen bereits stoßbereit in die Hände genommen. Ein Hieb, und zwei Bretter des Ladens flogen in die Stube. Zu beiden Seiten von mir schlugen auch Osco und Omar zu, so daß die andern Theile des Ladens nachflogen. Im Nu hatten wir die Gewehre umgedreht und die Mündungen derselben nach der Stube gerichtet.

»Halt! Rührt Euch nicht, wenn Ihr nicht unsere Kugeln haben wollt!« rief ich hinein.

Barud el Amasat, welcher sein Messer über das Gesicht Halef's gehalten hatte, fuhr in die Höhe.

»Der Deutsche!« rief er erschrocken.

»Sihdi!« rief Halef. »Schieß' sie nieder!«

Aber zu schießen wäre Unsinn gewesen, da es keine Ziele für unsere Kugeln mehr gab. Kaum hatten nämlich die Wichte meine Worte gehört und mein Gesicht gesehen, welches sie bei dem Scheine des Lichtes erkennen konnten, so rissen sie ihre Gewehre von den Hacken und rannten zur Stube hinaus, der Wirth mit ihnen.

»Hinein zu Halef!« gebot ich Omar und Osco. »Bindet ihn los! Löscht aber das Licht aus, damit Ihr nicht etwa den feindlichen Kugeln ein Ziel bietet. Bleibt ruhig in der Stube, bis ich komme!«

Sie gehorchten sofort.

»Du kannst mich hier erwarten,« sagte ich zu dem Schäfer und eilte der Mauer entlang nach der Ecke, um welche wir vorhin gekommen waren, und huschte dann zwischen den jungen Fichten und dem Hause bis an die vordere Seite desselben.

Was ich vermuthet hatte, geschah. Ich sah trotz der Dunkelheit mehrere Gestalten auf mich zukommen und trat schnell zurück, um mich unter die niedersten Äste der Fichten zu verkriechen. Kaum lag ich da, so kamen sie: Manach, Barud, die Aladschy, Suef und der Wirth.

»Vorwärts!« kommandirte Barud leise. »Sie stehen noch am Laden. Das Licht muß aus der Stube auf sie fallen und sie beleuchten. Wir sehen sie also und schießen sie nieder.«

Er war der Vorderste von ihnen. Als er die Ecke erreichte und an der hintern Seite des Hauses hinabblicken konnte, blieb er stehen.

»Verdammt!« sagte er. »Man sieht nichts. Das Licht ist fort. Was ist zu thun?«

Es trat eine Pause ein.

»Wer kann das Licht ausgelöscht haben?« fragte endlich Suef.

»Vielleicht hat es einer von uns während der Flucht vom Tische gerissen,« antwortete Manach.

»Verdammt!« knirschte einer der Aladschy. »Dieser Deutsche steht wirklich mit dem Teufel im Bund. Kaum meinen wir, ihn oder einen seiner Leute fest zu haben, so verrinnt er wie Nebel. Nun stehen wir da und wissen nicht, was wir thun sollen.«

In diesem Augenblick ließ sich von daher, wo der Schäfer stand, ein leises Husten hören. Er hatte den Hustenreiz nicht unterdrücken können.

»Hört Ihr es? Er steht wirklich noch dort,« meinte Manach.

»So geben wir ihm eine Kugel,« sagte Sandar, der Aladschy.

»Nieder mit der Flinte!« gebot Manach. »Du kannst ihn nicht sehen, und wenn Du schießest, so triffst Du ihn nicht, aber Du verräthst ihm unsere Anwesenheit. Es muß etwas Anderes geschehen. Konakdschi, kehre in das Haus zurück und berichte uns, wie es drinnen steht.«

»Alle Teufel!« antwortete der Wirth bedenklich. »Soll ich mich für Euch niederschießen lassen?«

»Sie werden Dir nichts thun. Du sagst, daß wir Dich gezwungen. Du schiebst Alles auf uns. Sie konnten ja auf uns in der Stube schießen, haben es aber nicht gethan. Daraus magst Du ersehen, daß sie uns nicht nach dem Leben trachten. Also geh' und laß uns nicht lange auf Dich warten.«

Er entfernte sich. Die Anderen flüsterten leise zusammen. Es dauerte nicht lange, so kehrte der Wirth zurück.

»In das Haus könnt Ihr nicht,« meldete er; »denn sie haben die Stube besetzt.«

Sie beriethen sich eine Weile, ob sie fliehen oder bleiben sollten. Noch bevor sie einen Entschluß gefaßt hatten, geschah Etwas, was selbst mir überraschend vorkam. Man hörte nämlich taktmäßige Schritte sich von hinten dem Hause nahen, und eine gedämpfte Stimme kommandirte:

»Dur! Askerler, tüfenkler dolduryniz – – halt! Soldaten, ladet die Gewehre!«

Das war die Stimme des Hadschi, wie ich zu meinem Erstaunen hörte.

»Scheïtan!« flüsterte der Wirth. »Habt Ihr es gehört? Es sind Soldaten da. Und war es nicht der kleine Halef, welcher kommandirte?«

»Ja, er war es ganz gewiß,« antwortete Barud el Amasat. »Er ist losgebunden worden und durch das Fenster gesprungen, um die Soldaten herbei zu holen, welche sein Herr mitgebracht hat. Das können nur Truppen aus Uskub sein. Woher mag er diese Leute so schnell bekommen haben!«

»Der Scheïtan sendet ihnen von allen Seiten Hülfe!« zischte Manach el Barscha. »Unseres Bleibens ist hier nicht. Horcht!«

Wieder tönte die Stimme des Hadschi:

»Duryn bunda! Araschtyrarim – Wartet hier! Ich werde recognosciren.«

»Wir müssen fort,« flüsterte Manach. »Wenn der Hadschi aus der Stube fort ist, so sind auch die Andern nicht mehr drin. Gehe schnell hinein, Konakdschi! Sind sie nicht mehr dort, so bringst Du den Mübarek heraus. Sein Fieber mag noch so heftig sein – er muß auch verschwinden. Wir holen unterdessen unsere Pferde. Du triffst uns rechts von der Furt unter den vier Kastanien. Aber schnell, schnell! Es ist kein Augenblick zu verlieren.«

Die Andern schienen hiemit einverstanden zu sein und huschten fort. Jetzt galt es für mich, noch vor ihnen die Kastanien zu erreichen. Ich war mit der Örtlichkeit nicht vertraut, wußte aber nun, daß diese Bäume zur rechten Seite der Furt ständen, und da ich an dieser vorübergekommen war, so hoffte ich, das Stelldichein leicht zu finden. Das Gewehr, welches ich bei mir hatte, ließ ich einstweilen hier unter den Fichten liegen, da es mir leicht hinderlich werden konnte.

Ich hörte eine Thüre knarren, jedenfalls die Stallthüre, und eilte nun, so schnell ich konnte, nach der Furt. Bei derselben angekommen, wendete ich mich nach rechts und war kaum gegen vierzig Schritte gegangen, als ich mich bei den vier Bäumen befand. Sie waren dicht belaubt. Zwei von ihnen trugen ihre Kronen hoch; bei den andern reichten die untersten Äste so weit herab, daß ich sie beinahe mit den Händen erreichen konnte. Ich umfaßte den einen Stamm; einige Griffe, einen Schwung, und ich saß oben auf einem Ast, welcher stark genug war, mehrere Männer von meinem Gewicht zu tragen. Kaum hatte ich mich gesetzt, so hörte ich nahende Pferdeschritte. Die Flüchtigen hatten ihre Thiere am Zügel und nahmen unter mir Posto. Und da führte auch schon der Wirth den Mübarek herbei. Vom Hause her hörte man Halef's Stimme:

»Kapudan itschine giririz. Mahazzalar partschalarsitz, atmalerimiz ejer itschitirsiz – wir gehen hinein. Schlagt die Läden ein, wenn Ihr unsere Schüsse hört!«

»Allah sucht mich schwer heim,« klagte leise der Mübarek. »Mein Leib ist wie Feuer, und meine Seele lodert wie eine Flamme. Ich weiß nicht, ob ich reiten kann.«

»Du mußt!« antwortete Manach. »Auch wir hätten gern geruht, aber diese Teufel hetzen uns von Ort zu Ort. Wir müssen fort, und doch ist es für uns nothwendig, zu wissen, was hier heute noch geschieht. Konakdschi, Du wirst uns einen Boten nachsenden.«

»Wo wird er Euch treffen?«

»Irgendwo auf dem Weg zur Höhle des Köhlers. Du aber mußt diese Fremden auf unsere Spur lenken. Du mußt ihnen sagen, daß wir zu Scharka reiten wollen. Sie werden uns ganz gewiß folgen und dann sind sie verloren. Wir werden ihnen am Scheïtan kajaji auflauern. Dort können sie weder rechts noch links ausweichen und müssen uns in die Hände laufen.«

»Und wenn sie uns trotz alledem entgehen?« fragte Bybar, der andere Aladschy.

»So fallen sie beim Köhler desto sicherer in unsere Hände. Der Konakdschi mag ihnen von den Schätzen der Höhle erzählen, wie er es all den Andern erzählt hat, welche in die Falle gegangen sind. Sind sie einmal in der Höhle, so gibt es keine Rettung für sie. Es müßte die ganze Hölle mit ihnen im Bund stehen, wenn sie die Ip merdiwani fänden, welche empor in die hohle Eiche führt. Das Pferd des Deutschen wird freilich Karanirwan für sich haben wollen. Das Andere aber theilen wir unter uns, und ich denke, daß wir zufrieden sein werden. Ein Mensch, welcher solche Reisen macht und ein solches Pferd besitzt, wie dieser Deutsche, muß sehr viel Geld bei sich haben.«

Da befand er sich freilich in einem außerordentlichen Irrthum. Mein Reichthum bestand augenblicklich in dem, was ich von ihm hörte. Ich wußte nun, daß Karanirwan der Schut sei. Ich wußte auch, daß die Opfer des Köhlers durch gewisse Schilderungen des Konakdschi in die Höhle gelockt worden waren. Und ich wußte, daß diese Höhle einen zweiten Ein- oder auch Ausgang hatte, welcher in eine hohle Eiche emporführte. Diese Eiche hatte jedenfalls einen bedeutenden Umfang und eine entsprechende Höhe und mußte also so in die Augen fallen, daß sie nicht schwer zu finden war.

Weiter bekam ich nichts mehr zu hören. Der Wirth war voll von Angst und mahnte zum Aufbruch. Die Männer bestiegen ihre Pferde; dem stöhnenden Mübarek wurde in den Sattel geholfen, und bald hörte ich das Plätschern, als sie durch die Furt ritten. Nun stieg ich vom Baum und ging nach dem Hause zurück. Ich wußte nicht, was besser sei, einzutreten oder erst durch den eingeschlagenen Laden zu schauen; da aber vernahm ich Halef's laute Stimme in dem Hause und ging also hinein.

Eigentlich trat man durch die Thüre sofort in das große Verkehrszimmer, doch war eine Ruthenwand vorgestellt worden, um diesen Raum gegen den direkten Zug zu schützen. Noch hinter derselben stehend, hörte ich Halef in strengstem Ton sagen:

»Ich verbiete Dir, Dich des Nachts draußen herum zu treiben, während so glorreiche Männer, wie wir sind, hier stehen, um mit Dir zu sprechen. Du bist der Wirth dieses armseligen Konak und hast Deine Gäste zu bedienen, damit sie sich wohl befinden zwischen Deinen drei oder vier morschen Pfählen. Wenn Du diese Deine Pflicht versäumst, so werde ich sie nachdrücklich Dir zum Bewußtsein bringen. Wo kommst Du her?«

»Ich war draußen, um heimlich zu beobachten, wohin sich die Männer wenden würden, welche vorhin so ruchlos über Dich hergefallen sind,« antwortete der Wirth, welcher natürlich sofort in das Haus zurückgekehrt war.

Nun trat ich bis an den Rand der Scheidewand vor und blickte in die Stube. Da lagen fünf oder sechs Personen gebunden am Boden, von Osco und Omar bewacht, welche sich auf ihre Gewehre stützten. Daneben stand Halef, mit herausgedrückter Brust, in majestätischer Haltung, und vor ihm der Wirth in demüthiger Stellung, und neben demselben eine alte Frau, welche mehrere Stricke in den Händen hielt. Der kleine Hadschi befand sich wieder einmal in der ihm so willkommenen Lage, sich das Ansehen eines bedeutenden Mannes zu geben.

»So!« sagte er. »Jetzt nennst Du es ruchlos; vorher aber hattest Du Deine Freude daran.«

»Das war Verstellung, Herr. Ich mußte so thun, um die Schurken nicht noch mehr zu erzürnen. Im Stillen jedoch war ich fest entschlossen, Alles zu wagen, um Dich aus ihren Händen zu befreien.«

»Das klingt sehr schön. Du willst wohl damit sagen, daß Du nicht ihr Verbündeter bist?«

»Ich kenne sie gar nicht.«

»Und doch nanntest Du sie alle bei ihren Namen!«

»Die wußte ich, weil sie sich bei denselben nannten. Ich freue mich, daß die Sache so gut abgelaufen ist.«

»O, sie ist noch lange nicht abgelaufen, sondern sie wird erst richtig beginnen, soweit es nämlich Dich betrifft. Über Deine Schuld oder Unschuld zu entscheiden, verträgt sich nicht mit meiner Würde. Ich mag mit Leuten Deines Gelichters gar nicht in Berührung kommen und werde den Effendi beauftragen, Dich in's Verhör zu nehmen und mir dann Bericht zu erstatten. Von seinem Entschluß und von meiner Genehmigung wird es dann abhängen, was mit Euch geschehen soll. Einstweilen wirst Du Dich binden lassen, damit wir von Deiner liebevollen Anhänglichkeit überzeugt sein können.«

»Binden? Warum?«

»Ich habe es Dir soeben gesagt: damit Du nicht auf den Gedanken kommen kannst, plötzlich eine Vergnügungsreise zu unternehmen. Hier steht Dein Weib, die freundliche Gefährtin Deiner Tage. Sie hat sich bereit finden lassen, diesen Andern hier die Schlingen anzulegen, und sie wird nun auch Dir mit Vergnügen den Strick, welcher eigentlich um Deinen Hals gehört, um die Hände und Füße binden. Dann werden wir berathen, wie es möglich sei, die Einquartierung unterzubringen, welche draußen auf uns wartet. Ich befürchte, daß diese Räume nicht ausreichend sind für die Aufnahme so vieler Soldaten. Strecke also Deiner liebevollen Houri die Hände hin, damit sie dieselben mit einander vereinige!«

»Herr, ich habe doch nichts verschuldet! Ich kann nicht dulden – –«

»Schweig'!« unterbrach ihn Halef. »Was Du dulden willst oder nicht, das geht mich gar nichts an. Jetzt habe ich hier zu befehlen, und wenn Du nicht augenblicklich gehorchst, so bekommst Du Hiebe.«

Er hob die Peitsche empor. Vorhin hatte ich sie mit seinen Pistolen und dem Messer auf dem Tisch liegen sehen, denn er war entwaffnet worden, hatte aber diese Gegenstände wieder an sich genommen. Osco und Omar stießen die Gewehre drohend auf den Boden, und der Wirth streckte seiner Frau die Hände hin, um sich dieselben binden zu lassen. Dann mußte er sich zur Erde legen, worauf ihm auch die Füße gefesselt wurden.

»So ist's recht, Du Wonne meines Lebens!« belobte Halef die Alte. »Du hast das gute Theil erwählt, indem Du Dich entschlossest, mir ohne Murren zu gehorchen. Darum sollen Deine Hände und Füße von keinem Strick berührt werden, sondern Du sollst Deine Fittiche frei schwingen können über das Haus, welches Allah mit Deiner Lieblichkeit beglückte. Nur versuche ja nicht, die Fesseln dieser Leute zu berühren, denn das würde Folgen nach sich ziehen, durch welche die Zartheit Deiner Vorzüge leicht beschädigt werden könnte. Setze Dich in die Ecke dort, und ruhe in stiller Beschaulichkeit von den Mühseligkeiten Deiner irdischen Laufbahn aus. Wir werden indessen eine amtliche Berathung abhalten, ob wir Euer Haus in die Luft sprengen oder durch das Feuer verzehren lassen.«

Sie gehorchte, sich langsam in die Ecke schleichend, und Halef wendete sich nun der Thüre zu, jedenfalls um nach mir zu forschen. Als ich jetzt vortrat und er mich erblickte, fiel es ihm gar nicht ein, ein Wort der Entschuldigung seiner Unvorsichtigkeit zu sagen oder wenigstens durch die Miene zu zeigen, daß er einsehe, gefehlt zu haben, sondern er meldete mir in höchst wichtigem Ton:

»Du kommst, Effendi, um Dich nach den Ergebnissen unsers glorreichen Feldzuges zu erkundigen. Da sieh her: sie liegen vor Dir auf der Erde und sind bereit, Leben oder Tod aus unsern Händen zu empfangen.«

»Komm heraus!«

Ich sagte das so kurz und gemessen, daß sein Gesicht sich sogleich bedeutend in die Länge zog. Er folgte mir hinaus vor das Haus.

»Halef,« wendete ich mich dort an ihn, »ich habe Dich herausgerufen, um Dich nicht vor den Leuten zu beschämen, denen gegenüber Du den Herrscher spielst, und hoffe, daß Du diese Rücksichtsnahme anerkennst.«

»Effendi,« antwortete er bescheiden, »ich erkenne sie an; aber Du wirst auch mir zugeben, daß ich meine Sache ausgezeichnet gemacht habe.«

»Nein, das kann ich gar nicht sagen. Du hast eigenmächtig gehandelt und unsere Gegner dadurch vertrieben, was mir einen Strich durch meine Rechnung machte. Willst Du denn nicht endlich einmal einsehen, daß Du stets den Kürzern ziehst, wenn Du gegen meine Wünsche und Warnungen handelst? Du bist mit einem blauen Auge weggekommen, weil wir Dich zur rechten Zeit gerettet haben. Doch es ist geschehen, und es nützt nun nichts, Vorwürfe anzuhäufen. Erzähle mir also den Verlauf Deines berühmten Unternehmens.«

»Hm!« brummte er kleinlaut. »Der Verlauf war ein sehr schneller. Unser Wirth hatte das Haus beschrieben, und ich wußte also, wo die Leute zu suchen seien. Ich schlich mich herbei und blickte durch das Astloch. Da sah ich sie alle sitzen, den Mübarek ausgenommen. Sie unterhielten sich sehr angelegentlich, aber ich konnte nur hier und da ein einzelnes Wort verstehen. Das genügte mir nicht, und darum beschloß ich, in die Schlafstube nebenan, deren Laden offen stand, zu steigen.«

»Du erwartetest, daß sich Niemand in derselben befinden werde?«

»Sehr natürlich!«

»Das ist keineswegs sehr natürlich. Frage die Gefährten; sie werden Dir bestätigen, daß ich mit großer Bestimmtheit behauptet habe, der kranke Mübarek liege in der Stube.«

»Ja, davon habe ich leider nichts gehört, sonst hätte ich mich gehütet, so mit beiden Füßen zugleich in diese häßliche Pfütze zu springen. Ich habe mich dabei ganz leidlich vollgespritzt; das muß ich ja zugeben. Es war gar nicht angenehm. Und als gar Barud el Amasat das Messer über mir zückte, um mir mit demselben den Mund zu öffnen, da hatte ich ein Gefühl, ein Gefühl, hm, als ob mir so recht hübsch langsam das Rückgrat aus dem Leibe gezogen würde. Es gibt in diesem Erdenleben Augenblicke, in denen man sich nicht ganz so behaglich fühlt, wie man es wünschen möchte. Ich hielt die Kammer für leer, war aber trotzdem so vorsichtig, erst eine Weile an dem offenen Laden zu horchen, ob vielleicht Etwas zu vernehmen sei. Da sich nichts regte, stieg ich durch das Fenster ein und ließ mich innen recht vorsichtig und leise hinab. Ich bekam auch ganz glücklich, ohne ein Geräusch verursacht zu haben, den Boden unter die Füße und wollte nun nach der Scheidewand schlüpfen, hinter welcher sich die Burschen befanden, die ich belauschen wollte. Aber die Unverständigkeit des Schicksals legt dem besten Menschen Hindernisse in den Weg, und zwar grad dann und da, wann und wo er sie am wenigsten braucht. Ich stolperte über einen Körper, der mir im Weg lag. Ob der Kerl geschlafen hat oder nicht, das kann ich nicht sagen; aber er hatte mich ruhig einsteigen lassen und keinen Laut von sich gegeben. Jetzt faßte er mich am Bein und brüllte, als hätte er sämmtliche Todten des Erdkreises aufwecken wollen. Ich stürzte, aber nicht gleich, zu Boden, denn ich griff in die Luft, um mich an irgend Etwas fest zu halten, und erwischte ein Brett, welches nicht genügend an die Wand befestigt war. Ich riß es mit Allem, was darauf stand, herab und fiel dann hin. Da gab es einen fürchterlichen Lärm. Die Kerle sprangen aus der Stube herbei, und ehe ich mich aufraffen konnte, hatten sie mich fest gepackt. Der Wirth holte schnell zwei Leinen herbei, und ich wurde gebunden, in die Stube geschleppt und ausgefragt. Ich sollte sagen, wer und was Du seist, und habe ihnen gestanden, daß – –«

»Daß ich ein indischer Königssohn bin und mir hier eine Frau suche. Das habe ich gehört, Du unverbesserlicher Flunkerer. Jetzt wollen wir wieder in die Stube gehen.«

»Willst Du denn nicht erfahren, was ich gethan habe, nachdem ich von den Fesseln befreit war?«

»Das kann ich mir selbst sagen. Du glaubtest, ich sei in Gefahr und hast Osco und Omar veranlaßt, gegen meinen Befehl zu handeln. Ihr seid aus dem Fenster gestiegen und habt Euch eine Strecke vom Hause entfernt, um Soldaten zu spielen.«

»Ja, aber das habe ich nicht ohne guten Grund gethan. Ich habe einmal das Anschleichen nach Deiner Art und Weise versucht. Ich legte mich auf die Erde und kroch nach der Ecke, denn ich erfuhr, daß Du Dich dorthin begeben hattest. Dort standen die Kerle. Ich kam so nahe an sie, daß ich sie flüstern hörte, wenn ich auch nicht die Worte verstehen konnte. Das vermehrte meine Besorgniß, und so beeilten wir uns, die Soldaten aufmarschiren zu lassen. Wir stampften im Takt den Boden, und Osco und Omar stießen dazu ihre Kolben kräftig auf. Unser Wirth, der Schäfer, half auch mit.«

»Wo befindet er sich jetzt?«

»Ich habe ihn nach Hause geschickt. Er ist der Nachbar des Konakdschi und soll von diesem nicht gesehen werden, um nicht später unter dessen Feindschaft und Rache zu leiden.«

»Das ist noch das Klügste, was Du heute Abend gethan hast.«

»War es denn nicht auch klug, daß wir, als der Weg frei war, in das Haus gingen und die alte Wirthin zwangen, alle ihre Leute zu binden?«

»Ich kann nicht sagen, daß Du da als Ausbund von Weisheit gehandelt hast.«

»Diesen Leuten gehört nicht mehr. Ich sage Dir, sie sind alle mit unsern Feinden einverstanden.«

»Das weiß ich und darum werde ich sie wenigstens für heute Nacht unschädlich machen; sie würden sonst sofort den Entflohenen einen Boten nachsenden. Komm also herein!«

Wir kehrten in die Stube zurück, wo der Wirth, wie sein Gesichtsausdruck mich vermuthen ließ, meinem Erscheinen mit Bangigkeit entgegen gesehen hatte.

Halef mochte vielleicht meinen, die Leute hätten errathen, daß ich vorhin beabsichtigte, ihm eine Rüge zu ertheilen. Um sein Ansehen zu behaupten, trat der unverbesserliche Prahlhans zu dem Wirth und sagte:

»Der Kriegsrath, welchen wir draußen gehalten haben, ist beendet. Ich bin mit dem Entschluß unsers weisen Effendi einverstanden, und so werdet Ihr jetzt Euer Schicksal aus seiner Hand empfangen.«

Am liebsten hätte ich ihm eine kleine Ohrfeige verabreicht; er verließ sich doch allzusehr auf meine Zuneigung. Ich begnügte mich, ihm einen zornigen Blick zuzuwerfen, und nahm den Wirth in's Verhör, dessen Ergebniß ein negatives war. Er leugnete jegliches Einverständniß mit den Entflohenen kurzweg.

»Herr, ich bin unschuldig,« betheuerte er. »Frage mein Weib und auch meine Leute, sie werden Dir genau dasselbe sagen.«

»Natürlich, denn sie sind ja instruirt. Gibt es in Deinem Hause einen Raum, in welchem man Etwas fest und sicher verschließen kann?«

»Ja, das würde der Bodurum hinter uns sein. Die Thüre ist dort in der Ecke, wo meine Frau sitzt.«

Der Fußboden bestand aus festgestampftem Lehm. Der Theil desselben aber, auf welchem die Frau saß, war mit einer Bretterdiele belegt, und da gab es eine mit einem wirklichen Schloß versehene Fallthüre. Die Wirthin hatte den Schlüssel in der Tasche, sie mußte ihn hergeben, und ich öffnete. Eine Leiter führte hinab. Ich nahm das Licht, stieg hinunter und sah einen ziemlich großen, viereckigen Raum, in welchem allerlei Feldfrüchte lagen. Ich kehrte wieder nach oben zurück und ließ dem Wirth die Stricke abnehmen.

»Steige hinab!« gebot ich ihm.

»Was soll ich da unten thun?«

»Wir werden eine Kellerversammlung veranstalten, weil man da unten am ungestörtesten berathen kann.«

Als er noch zögerte, zog Halef die Peitsche aus dem Gürtel. Jetzt bequemte sich der Wirth zum Hinabsteigen. Die Andern mußten ihm alle auch folgen, nachdem wir sie von den Fesseln befreit hatten. Zuletzt stieg die Frau hinab, und wir zogen die Leiter empor. Dann wurden die in der Schlafstube befindlichen Kissen und Decken herbei geholt und ihnen hinabgeworfen, und endlich erklärte ich ihnen:

»Jetzt könnt Ihr die Berathung da unten beginnen. Ihr mögt also überlegen, ob Ihr mir bis morgen früh Alles aufrichtig gestehen wollt. Und damit es Euch nicht einfällt, den Berathungsraum auf irgend eine Weise zu verlassen, will ich Euch sagen, daß wir hier auf der Thüre wachen werden.«

Sie hatten sich bisher schweigsam verhalten; nun aber protestirten sie laut; doch wir schnitten den Einspruch ab, indem wir die Thüre zuwarfen und verschlossen. Den Schlüssel steckte ich ein. Halef und Osco blieben als Wachen da.

Mit Omar kehrte ich in's Haus des Schäfers zurück, der in großer Neugierde auf uns gewartet hatte. Er erfuhr so viel, als wir für angemessen hielten, ihm anzuvertrauen; dann begaben wir uns zur Ruhe.

Nach der Anstrengung in den letzten Tagen war unser Schlaf so tief, daß wir wohl erst am späten Vormittag aufgewacht wären. Doch hatte ich unsern Wirth gebeten, uns bei Tages Anbruch zu wecken.

Als wir dann nach dem Konak gingen, fanden wir die Thüre von innen verriegelt. Halef und Osco schliefen noch, und wir mußten klopfen. Sie hatten sich ein Lager aus Heu und Stroh auf der Kellerthüre bereitet und theilten uns mit, daß die Gefangenen sich sehr ruhig verhalten hätten. Als die Kellerthüre geöffnet und die Leiter hinabgegeben worden war, stieg der Konakdschi mit den Seinen herauf. Die Gesichter, welche wir zu sehen bekamen, waren wirklich zum Malen. Es stand auf allen der intensivste Grimm geschrieben, obwohl Jeder und Jede sich zu beherrschen suchte. Der Wirth wollte mit Vorwürfen und Vertheidigungen beginnen; ich schnitt ihm aber die Rede durch die Worte ab:

»Wir haben nur mit Dir zu verhandeln; komm in die hintere Stube. Die Andern mögen sich an ihr Tagewerk begeben.«

Diese Andern waren im nächsten Augenblick verschwunden. Als wir dann in der Stube saßen, stand der Konakdschi mit einem Armensündergesicht vor uns.

»Du hast während der ganzen Nacht Zeit gehabt, nachzudenken, ob Du uns ein offenes Geständniß ablegen willst,« begann ich. »Wir erwarten Deine Antwort.«

»Herr,« meinte er, »ich habe gar nicht nöthig gehabt, nachzudenken. Ich kann doch nichts weiter sagen, als daß ich unschuldig bin.«

Nun erging er sich in den einzelnen Vorfällen der verflossenen Nacht und wußte denselben die beste Seite für sich abzugewinnen. Er hatte während der Nacht seine Vertheidigung reiflich überlegt und führte sie nun mit Geschick durch. Um ihn zu täuschen, sagte ich endlich:

»Wie mir jetzt scheint, haben wir Dich allerdings ohne Grund im Verdacht gehabt und ich bin erbötig, Dir jede angemessene Genugthuung zu geben.«

»Herr, ich verlange nichts. Es genügt mir, zu hören, daß Du mich für einen ehrlichen Mann hältst. Du bist hier fremd im Lande und kennst die Verhältnisse desselben nicht. Da ist es kein Wunder, wenn Du einen solchen Fehler begehst. Auch Deine Leute sind nicht von hier, wie es scheint. Da wäre es sehr gerathen, Dir für Deine Weiterreise einen Mann zu nehmen, wenigstens von Zeit zu Zeit, auf welchen Du Dich in solchen Lagen vollständig verlassen könntest.«

Aha! Jetzt war er bei dem beabsichtigten Thema angekommen. Ich ging auf dasselbe ein, indem ich antwortete:

»Du hast Recht. Ein zuverlässiger Führer ist viel werth. Aber eben weil ich ein Fremder bin, ist es nicht gerathen, mir einen solchen zu nehmen.«

»Warum?«

»Weil ich die Leute nicht kenne. Wie leicht könnte ich einen Menschen anwerben, der mein Vertrauen nicht verdient!«

»Das ist freilich wahr.«

»Wüßtest Du einen zuverlässigen Führer für mich?«

»Vielleicht. Ich müßte natürlich erfahren, wohin Ihr wollt.«

»Nach Kakandelen.«

Das war nicht wahr, aber ich hatte meine Absicht, so zu sagen. Er machte auch sogleich ein enttäuschtes Gesicht und sagte rasch:

»Das hätte ich nicht erwartet, Herr.«

»Warum nicht?«

»Weil ich gestern hörte, daß Ihr nach einer ganz andern Richtung reiten wolltet.«

»Welche wäre das?«

»Hinter den fünf Reitern her.«

»Ah so! Aber wer hat es Dir gesagt?«

»Sie haben es erwähnt, als sie von Euch sprachen. Sie sagten, Ihr hättet sie schon seit langer Zeit verfolgt.«

»Das gebe ich zu; aber es ist nicht meine Absicht, es länger zu thun.«

»So mußt Du einen sehr triftigen Grund haben, Herr, Dich so plötzlich anders zu entschließen?« fragte er in vertraulichstem Ton.

»Ich bin es müde geworden,« erwiederte ich, »hinter Leuten herzulaufen, welche mir doch immer wieder entgehen. Man kommt dabei in Unannehmlichkeiten und begeht Fehler, welche man nicht verantworten kann. Das hast Du ja wohl selbst erfahren.«

»O, von gestern wollen wir gar nicht mehr sprechen. Was geschehen ist, das ist vergessen und vergeben. Diese fünf Männer müssen Dich doch tief beleidigt haben?«

»Außerordentlich.«

»Nun, da Du ihnen schon so lange gefolgt bist, so wäre es Thorheit, wenn Du jetzt von ihnen ablassen wolltest, eben jetzt, wo es gewiß ist, daß Du Dich ihrer bemächtigen könntest, wenn Du nur ernstlich wolltest.«

»Woher weißt Du das?«

»Ich schließe es aus dem, was ich von ihnen erlauschte. Du weißt doch wohl, wohin sie reiten wollen?«

»Woher sollte ich das wissen? Eben diese Unkenntniß ist ein Grund, auf die weitere Verfolgung zu verzichten. Sie sind mir gestern abermals entkommen, ich weiß nicht, wohin. Nun muß ich suchen, forschen und mich erkundigen, und bevor ich etwas Gewisses erfahre, sind sie längst über alle Berge. Da kehre ich lieber wieder um.«

Jetzt nahm er eine geheimnißvolle Miene an und sagte:

»Du wirst jetzt erfahren, daß ich nicht rachsüchtig bin, Effendi. Ich werde Dir einen großen Dienst erweisen, indem ich Dir sage, wo Du diese Leute treffen kannst.«

»Ah, Du weißt es! Wohin sind sie denn geritten?«

»Von hier nach Glogovik. Sie fragten mich, wie weit es bis dorthin sei, und ich habe ihnen den Weg beschreiben müssen.«

»Das ist ja prächtig!« rief ich erfreut. »Diese Nachricht ist mir freilich höchst wichtig. Da reiten wir heute noch nach Glogovik. Aber ob wir dort erfahren, wohin sie weiter geritten sind?«

»Danach brauchst Du dort gar nicht zu fragen, weil ich es schon weiß.«

»So sind sie doch ganz außerordentlich mittheilsam gegen Dich gewesen!«

»O nein; ich habe alles nur erlauscht.«

»Desto besser, denn da brauche ich nicht zu denken, daß sie Dich absichtlich täuschen wollten. Also, wohin trachten sie?«

»Nach Fandina. Dieser Ort liegt jenseits des Drin. Dort wollen sie einige Zeit verweilen, und da kannst Du Dich ihrer bemächtigen.«

Es war mir klar, daß diese Richtung nach Fandina erlogen sei; dennoch sagte ich:

»Ist Dir vielleicht der Weg von Glogovik nach Fandina bekannt?«

»Sehr gut sogar. Ich stamme aus jener Gegend. Ihr kommt durch höchst interessante Gegenden, zum Beispiel zu dem berühmten Teufelsfelsen.«

»Warum führt er diesen Namen?«

»Du bist ein Christ und wirst also wissen, daß Isa Ben Marriam von dem Scheïtan versucht wurde. Diesem gelang sein Vorhaben nicht, er machte sich von dannen und hielt seine erste Rast an jenem Felsen. Voll des höllischen Grimmes, schlug er in seinem Zorn mit der Faust auf den Berg, daß die gewaltige Felsenmasse mitten aus einander borst. Durch die dadurch entstandene Spalte führt jetzt der Weg, auf welchem Ihr reiten müßt.«

»Das ist Sage?«

»Nein, es ist die Wahrheit. Darum wird jener Felsen der Felsen des Teufels genannt.«

»So bin ich neugierig, ihn zu sehen.«

»Sodann kommst Du in dichten Wald, wo zwischen Felsen die berühmte Dschewahiri maghara liegt.«

»Was hat es mit ihr für eine Bewandtniß?«

»Eine Fee liebte einen Sterblichen. Der Herr des Feenreiches hatte Mitleid mit den Qualen ihrer Liebe und erlaubte ihr, dem Geliebten anzugehören, doch müsse sie auf ihre Vorzüge verzichten, menschliches Wesen annehmen und auch sterben. Sie willigte ein und durfte nun zur Erde nieder; auch wurde ihr erlaubt, alle ihre Juwelen mitzunehmen. Aber als sie zur Erde kam, war ihr inzwischen der Geliebte untreu geworden, und aus Gram darüber zog sie sich in jene Höhle zurück, in welcher sie ihre Juwelen verstreute, um sich dann in Thränen aufzulösen. Wer in jene Höhle kommt und kein schweres Verbrechen auf dem Gewissen hat, der findet einen jener Steine. Viele, sehr viele sind arm hinein gegangen und reich heraus gekommen, denn die Juwelen der Fee sind von sonst nirgends gesehener Größe und Reinheit.«

Er betrachtete mich forschend von der Seite, um zu sehen, welchen Eindruck die Sage auf mich mache. Das also war die Lockspeise, mit welcher er dem Köhler seine Opfer in die Hände lieferte! Wenn man den Aberglauben der dortigen Bevölkerung in Betracht zieht, erstaunt man wohl nicht darüber, daß sich selbst reiche Leute gefunden hatten, welche sich durch diese alberne Geschichte verlocken ließen.

Mit besonderer Betonung fügte nun der Wirth hinzu:

»Ich selbst kenne einige Männer, welche solche köstliche Steine gefunden haben.«

»Du nicht auch?« fragte ich.

»Nein, denn ich fand keinen Edelstein, weil ich bereits zu alt war. Man darf nämlich nicht über vierzig Jahre alt sein.«

»So hat die Fee die jungen Männer den alten vorgezogen! Du hättest also eher suchen sollen.«

»Da wußte ich noch nichts von der Höhle; Du aber hättest noch Zeit – Du bist jung.«

»Pah! Ich bin reich – ich habe vielleicht so viel Geld bei mir, daß ich mir einen solchen Diamanten kaufen kann.«

Ich sah ihm scheinbar unbefangen in das Gesicht und bemerkte, daß er die Farbe wechselte. Wollte er mich mit Diamanten ködern, so steckte ich ihm Gold an meine Angel. Anbeißen würden wir beide; das war vorauszusehen. Er wollte mich in die Höhle und ich wollte ihn mit mir zu dem Köhler locken.

»So reich bist Du!« rief er erstaunt. »Ja, das konnte ich mir denken. Ist doch allein Dein Pferd mehr werth als Alles, was mir gehört. Aber einen Diamanten der Fee zu finden, das müßte Dich trotzdem auch locken.«

»Freilich lockt es mich. Aber ich weiß doch nicht, wo die Höhle liegt. Vielleicht könntest Du es mir beschreiben.«

»Das wäre nicht hinreichend. Du mußt Scharka, den Köhler, aufsuchen, welcher Dich hinführen wird.«

»Was ist das für ein Mann?«

»Ein sehr frommer, einsamer Kohlenbrenner, welcher für ein kleines Bakschisch die Fremden in der Höhle umherführt.«

Und der Wirth gab sich außerordentliche Mühe, mich für diese Höhle zu begeistern. Ich that, als ob ich ihm jedes Wort glaubte und bat ihn, mir den Weg nach Glogovik zu beschreiben, und er erbot sich, einen seiner Knechte als Führer mitzugeben.

»Aber weiß er denn auch den Weg von Glogovik nach dem Felsen des Teufels und nach der Höhle der Juwelen?« fragte ich.

»Nein; er ist noch niemals dort gewesen.«

Auf dem Gesicht des Wirthes lag ein Ausdruck der Erwartung, der Spannung, welchen ich gar wohl verstand. Ich hatte von einer so großen Summe gesprochen, welche ich bei mir trüge. Sollte der Köhler dieses Geld allein bekommen oder sollte es zwischen ihm und unsern fünf Gegnern getheilt werden, ohne daß er, der Wirth, der uns ihnen doch in die Hände lieferte, Etwas bekam? Und wurde er mit einem Theile bedacht, dann jedenfalls nur mit einer Kleinigkeit. War es nicht vielleicht für ihn möglich, Alles zu bekommen?

Das ging ihm im Kopf herum. Was ich gewünscht hatte, das hatte ich erreicht: er trug das Verlangen, selbst unser Führer zu sein, wollte sich uns aber nicht anbieten. Ich machte ihm die Sache leicht, indem ich sagte:

»Das thut mir leid. Ich möchte nicht so oft mit dem Führer wechseln. Wer weiß, ob ich in Glogovik Jemanden finde, welcher mich nach Fandina bringen kann! Lieber wäre mir also Jemand, der von hier aus die ganze Strecke kennt.«

»Hm! Das ist nicht leicht. Wie viel würdest Du zahlen?«

»Ich gebe gern zweihundert, auch zweihundertfünfzig Piaster, sammt der Beköstigung natürlich.«

»Nun, da würde ich selbst Dich führen, Effendi, wenn Du es mit mir versuchen willst!«

»Mit Freuden! Ich werde sogleich satteln lassen.«

»Wo hast Du denn Deine Pferde?«

»Drüben bei dem Schäfer, dem ich von seinem Sohn einen Gruß zu bringen hatte. Ich blieb bei ihm, weil ich wußte, daß meine Feinde sich bei Dir befanden. Aber – da fällt mir ein: Du sprachst von dem Werthe meines Pferdes; ich weiß aber, daß Du es noch gar nicht gesehen hast.«

»Die fünf Reiter erwähnten es und konnten es gar nicht genug rühmen.«

»Ja, sie haben es nicht allein auf mich, sondern auch auf meinen Rappen abgesehen. Dieses Gelüste aber müssen sie sich vergehen lassen. Sie bekommen weder mich, noch das Pferd, aber ich bekomme sie.«

Ich sagte diese prahlerischen Worte, um zu sehen, welche Miene er dabei machen würde. Es zuckte ihm um die Lippen, aber er bezwang doch das ironische Lächeln, welches hervorbrechen wollte, und sagte:

»Ich bin vollständig davon überzeugt. Was sind diese Burschen gegen Euch!«

»Also mache Dich fertig! In einer halben Stunde halten wir draußen an der Furt.«

Ich nickte ihm noch sehr wohlwollend zu, und dann gingen wir. Unterwegs sagte der kleine Hadschi:

»Sihdi, Du magst es mir getrost glauben, daß mich der verbissene Grimm bald erwürgt hat. Ich hätte unmöglich so freundlich wie Du mit dem Schurken sein können. Soll denn das so fortbestehen?«

»Einstweilen, ja. Wir müssen ihn sicher machen.«

»So unterhalte Du Dich mit ihm. Auf den Quell meiner Sprachfertigkeit aber muß er verzichten.«

Auch der brave Schäfer machte ein besorgtes Gesicht, als er hörte, wer an Stelle seines Knechtes, welchen er uns angeboten hatte, unser Führer sein sollte. Ich beruhigte ihn mit der Versicherung, daß der Wirth mir gar nichts anhaben könnte.

Unser Abschied war herzlich.

Als wir an die Furt kamen, wartete der Wirth bereits dort. Er saß auf einem nicht üblen Pferd und war mit Messer, Pistolen und mit einer langen Flinte bewaffnet. Bevor unsere Pferde die Hufe ins Wasser setzten, wendete er sich gegen Osten, streckte die offene Hand aus und sagte:

»Allah sei bei uns vorwärts und rückwärts. Er lasse unser Vorhaben gelingen, Allah 'l Allah, Muhamed Rassuhl Allah!«

Das war die nackte Gotteslästerung! Allah sollte ihm bei der Ausführung des Raubmordes beistehen! Ich mußte unwillkürlich nach Halef blicken. Dieser preßte die Lippen auf einander und zuckte mit der Hand nach der Peitsche; dann sagte er:

»Allah kennt den Ehrlichen und gibt seinem Werke Segen; der Ungerechte aber fährt zur Hölle!«

Der Ritt von hier nach Glogovik war fast genau so lang wie derjenige, welchen wir gestern zurückgelegt hatten; da es voraussichtlich keinen Aufenthalt wie am vorigen Tage gab, hofften wir, schon am Nachmittag dort anzukommen.

Gesprochen wurde wenig. Das Mißtrauen verschloß meinen Gefährten den Mund, und der Konakdschi machte keinen Versuch, ihre Einsilbigkeit zu brechen. Er mochte befürchten, durch ein unbedachtes Wort den Verdacht, welchen er eingeschlafen wähnte, wieder zu wecken.

Die Gegend war bergig, aber so wenig interessant, daß gar nichts über sie zu sagen ist. Erreichten wir ja einmal ein kleines Dorf, so widerte uns die Armseligkeit desselben so an, daß wir uns beeilten, hindurch zu kommen.

Glogovik liegt an dem früher berühmten Bergpfad, welcher in Toli Monastir beginnt und zwischen den Flüssen Treska und Drin fast grad nach Norden streicht und dann mit einer plötzlichen Wendung nach Osten in Kakandelen endet. Ich ließ mir sagen, daß dieser Weg jetzt kaum noch sichtbar sei.

Als wir Glogovik vor uns liegen sahen, hielt Halef sein Pferd an und überflog mit finsterem Blick die ärmlichen Hütten, in welche ein deutscher Bauer wohl schwerlich seine Kühe stecken würde. Auf einer Anhöhe stand eine kleine Kapelle – ein Zeichen, daß ein Theil der Einwohnerschaft oder auch die ganze Bevölkerung sich zum Christenthum bekenne.

»O wehe!« sagte er. »Wollen wir etwa hier bleiben, Effendi?«

»Wohl nicht,« antwortete ich mit einem fragenden Blick auf den Führer. »Es ist ja erst zwei Stunden nach Mittag. Wir tränken die Pferde und reiten dann wieder vorwärts. Hoffentlich gibt es im Dorf ein Einkehrhaus?«

»Es ist eins da, aber es wird Dir nicht genügen,« meinte der Konakdschi.

»Für unsern Zweck reicht es jedenfalls aus.«

Wir erreichten die ersten Häuser und sahen einen Kerl im Grase liegen, welcher, als er den Hufschlag unserer Pferde hörte, aufsprang und uns anstarrte. Er war der glückliche Besitzer eines Anzuges, um dessen Einfachheit ihn ein Papua hätte beneiden können. Eine Hose, aber was für eine! Das rechte Bein derselben reichte zwar bis auf den Knöchel herab, war aber auf beiden Seiten aufgeschlitzt und hatte buchstäblich Loch an Loch. Das linke Bein ging bereits unter der Hüfte seinem Ende entgegen und lief in eine ganz unbeschreibliche Garnierung von Fransen und Fäden aus. Das Hemd hatte keinen Kragen, keinen rechten und nur einen halben linken Ärmel. Es war ihm höchst wahrscheinlich einmal abgerissen worden, nämlich der untere Theil, denn es reichte nur so weit herab, daß zwischen demselben und dem Hosenbund ein Streifen niemals gewaschener, lebendiger Menschenhaut zu sehen war. Auf dem Kopf trug dieser Dandy einen mächtigen Turban von einem Stoff, welchem ich die Marke ›Scheuerhader‹ geben würde. Mehrere bunte Hahnenfedern wiegten sich würdevoll auf dieser Kopfbedeckung. Ausgerüstet war er mit einem alten, fast halbkreisförmig gekrümmten Säbel. Ob es nur die fürchterlich rostige Klinge der Waffe war, oder ob dieselbe in einer schwarzen Lederscheide steckte, das war nicht zu unterscheiden.

Nachdem uns dieser Gentleman lange genug angestarrt hatte, rannte er wie rasend von dannen, schwang den Säbel rund um den Kopf und schrie aus Leibeskräften:

»Jabandschylar, jabandschylar, jabandschylar – Fremde, Fremde, Fremde! Reißt die Fenster auf, reißt die Fenster auf!«

Dieser schlagende Beweis, mich in einem hochcivilisirten Ort zu befinden, imponirte mir ungeheuer. Welch' eine hohe Disziplin hier herrschte, ersah ich aus der Schnelligkeit, mit welcher sämmtliche männliche und weibliche, alte und junge Einwohner des Dorfes dem Zeterruf Folge leisteten.

Wo sich ein Loch in einem Hause befand – mochte es nun Thüre oder Fenster heißen oder mochte es ein wirkliches, wahres, buchstäbliches Loch in der morschen Mauer sein – da ließ sich ein Gesicht oder so etwas Ähnliches sehen. Wenigstens glaubte ich Gesichter zu erkennen, wenn ich auch nur ein Kopftuch, zwei Augen, einen Bart und zwischen diesen drei Dingen etwas Unbeschreibliches, jedenfalls aber Ungewaschenes konstatiren konnte.

Dasjenige, was der von dem Alphabet und dessen Folgen beleckte Mensch hinter seinem Hause anbringt, damit es sich dort in ruhiger und ungestörter Sammlung zur Goldgrube des Landwirthes entwickeln könne, war hier an der Vorderseite der Hütten angebracht, und zwar mit großer Beharrlichkeit grad da, wo die Schutzgeister des Hauses gezwungen waren, lieblich ein- und auszuschweben.

Man konnte das ganze Dorf überblicken. Ich weiß nicht, wie ich auf den baukünstlerischen Gedanken kam, nach einem Schornstein zu suchen; kurz und gut, ich kam darauf, doch war das eine ganz überschwängliche Idee: ich sah nicht die Spur einer Feueresse.

Ein Häuschen stand auf hohem Rand. Rechts und links, vorn und hinten war das Dach eingefallen. Der Giebel hatte einen Riß, welcher die Hausthüre vollständig überflüssig machte. Vom Dorfweg führte eine Steintreppe hinauf; aber von dieser Treppe war nur die oberste und die unterste Stufe vorhanden. Wer da hinauf wollte, der mußte entweder Alpenjäger mit Steigeisen oder Akrobat mit Sprungstange sein.

Läden und Holzthüren schien es nicht zu geben, und so offen, wie die Gebäude, waren auch die Bewohner derselben, denn ich sah nicht eine einzige Person, welcher nicht vor Erstaunen über uns der Mund sperrangelweit aufstand. Wäre der Spötter Heinrich Heine an meiner Stelle gewesen, so hätte er zu seinen geographischen Reimen noch den einen hinzugefügt:

›Glogovik ist die Blume des Orientes;
Wer's mit Schaudern gesehen hat, der kennt es!‹

Unser Führer hielt vor dem ansehnlichsten Gebäude der Ortschaft an. Zwei mächtige dunkle Tannen beschatteten es; darum hatte der Besitzer es für überflüssig gehalten, das halb eingestürzte Dach zu repariren. Das Haus lag nahe am Bergabhang. Ein Wässerlein floß von da herab bis vor die Thüre und fand dort in der bereits erwähnten Goldgrube Gelegenheit, sich mit einer chemisch anders gearteten Flüssigkeit zu vereinigen. Hart am Rand dieses ›Bassins ästhetischer Anschauungen‹ lagen einige Baumklötze, von denen uns der Konakdschi sagte, daß sie das Amphitheater der öffentlichen Versammlungen bildeten, an welchem Ort schon manche welterschütternde Frage erst mit Worten, dann mit Fäusten und endlich gar mit Messern behandelt worden sei.

Wir nahmen auf diesen Klötzen der Politik Platz und ließen unsere Thiere aus dem Wässerlein trinken, aber oberhalb der erwähnten Vereinigungsstelle. Unsern Führer schickten wir auf Entdeckung in das Haus, denn Halef hatte die Kühnheit, zu behaupten, daß er Hunger habe und irgend Etwas essen müsse.

Nachdem wir ein aus dem Hause schallendes Duett angehört hatten, welches aus dem Kreischen einer weiblichen Fistelstimme und aus den fluchenden Baßtönen des Konakdschi bestand, erschienen die beiden Tonkünstler vor der Thüre, und zwar in der Weise, daß der Baß den Discant an einem Fetzen herausgezogen brachte, welcher hier zu Lande von den Besitzern einer großen Einbildungskraft und unter ganz besonders günstigen Umständen vielleicht Schürze genannt werden konnte.

Wir sollten den zwischen ihnen ausgebrochenen Streit mit einem Machtwort entscheiden. Der Baß behauptete noch immer im tiefen C, daß er Etwas zu essen haben wolle, und der Sopran erklärte mit Bestimmtheit und im drei gestrichenen B, daß absolut gar nichts vorhanden sei.

Halef schlichtete den Zwiespalt, indem er in seiner Weise die höhere Stimme des Duetts beim Ohr nahm und mit ihr im Innern des Hauses verschwand.

Es dauerte fast eine halbe Stunde, bevor er wieder erschien. Während dieser Zeit herrschte eine fast beängstigende Stille in den innern Gemächern der Gastlichkeit. Als er dann zum Vorschein kam, wurde er von der Wirthin begleitet, welche unter unheilverkündenden Gesticulationen in einer Mundart schimpfte, von welcher ich kein Wort verstand. Sie gab sich Mühe, ihm eine Flasche zu entreißen; er aber hielt sie heldenhaft fest.

»Sihdi, es gibt Etwas zu trinken!« rief er triumphirend. »Ich habe es entdeckt.«

Er hielt die Flasche hoch empor. Die Wirthin suchte dieselbe mit der Hand zu erreichen und schrie dabei Etwas, wovon ich nur die Silben ›Bullik jak‹ verstehen konnte. Aber, obgleich ich mit meinem Türkischen überall so leidlich ausgekommen war, was ›Bullik jak‹ bedeutete, wußte ich noch nicht.

Der Hadschi zog endlich, um sich von der Anhänglichkeit der widerwilligen Hebe zu befreien, die Peitsche aus dem Gürtel, worauf sie um mehrere Schritte zurück wich und dann stehen blieb, um sein Beginnen mit entsetztem Blick weiter zu verfolgen.

Er zog den Stöpsel heraus, welcher aus einem alten Kattunwickel bestand, winkte mir verführerisch mit der Flasche zu und setzte sie an den Mund.

Die Farbe des Getränkes war weder hell, noch dunkel. Ich konnte nicht erkennen, ob dieser Raki dick oder dünn war. Jedenfalls hätte ich vor dem Trinken die Bouteille erst einmal gegen das Licht und dann an die Nase gehalten. Halef aber war über seinen Fund so erfreut, daß er an eine solche Prüfung gar nicht dachte. Er that einen langen, langen Zug – –

Ich kannte den kleinen Hadschi schon eine sehr geraume Zeit; aber das Gesicht, welches er jetzt machte, hatte ich noch nie bei ihm gesehen. Es hatte plötzlich einige hundert Falten bekommen. Man sah, daß er sich bemühte, die Flüssigkeit auszuspucken, aber der Schreck hatte dem untern Theil seines Gesichtes alle Fähigkeit der Bewegung geraubt. Der Mund war zum Erschrecken weit offen und blieb eine ganze, lange Weile so; ich befürchtete schon, es sei ein Kinnbackenkrampf eingetreten, der bekanntlich nur mit einer kräftigen Ohrfeige geheilt werden kann.

Nur die Zunge hatte einen geringen Theil ihrer Beweglichkeit behalten. Sie schwamm auf dem langsam und fett über die Lippen rinnenden Raki hin und her wie ein in saure Milch gelegter Blutegel. Dazu hatte der Hadschi die Brauen emporgezogen, daß sie den Rand des Turbans erreichten, und die Augen so fest zugekniffen, als ob er all seine Lebtage das Licht der Sonne nicht mehr sehen wolle. Die beiden Arme hielt er ausgestreckt und alle zehn Finger so weit wie möglich aus einander gespreizt. Die Flasche hatte er im ersten Augenblick des Entsetzens von sich geschleudert. Sie war in die vereinigte Flüssigkeit gefallen, aus welcher sie von der fast bis an die Kniee in derselben watenden Frau mit eigener Lebensgefahr gerettet wurde. Dabei hatte dieses weibliche Wesen die Stimme wieder erhoben und schimpfte aus Leibeskräften. Von dem, was sie sagte, verstand ich abermals nur die edlen Runen des bereits erwähnten ›Bullik jak‹.

Da Halef zögerte, das ergreifende ›lebende Bild‹, welches er gegenwärtig stellte, zu Ende zu bringen, so trat ich zu ihm und fragte:

»Was ist's denn? Was hast Du getrunken?«

»Grrr – g – gh!« lautete die gurgelnde Antwort, welche zwar keiner artikulirten Sprache angehörte, aber von Allen verstanden wurde.

»So komm' doch zu Dir! Was war es denn für Zeug?«

»Grrr – g – gh – rrr!«

Er brachte den Mund noch immer nicht zu und hielt die Arme und die Finger noch ausgespreizt. Die Augen aber öffneten sich und sahen mich mit einem trostlos ersterbenden Blick an.

»Bullik jak!« rief die Frau als Antwort auf meine Frage.

Ich durchflog im Geist alle Wörterbücher, welche mir jemals im Leben zu Gebot gestanden hatten; doch vergeblich. ›Bullik‹ verstand ich absolut nicht. Und ›jak‹? Es konnte doch nicht etwa ein tibetanischer Yak oder Grunzochse gemeint sein!

»Mach doch den Mund zu! Spuck' das Zeug aus!« rieth ich ihm.

»Grrrr!«

Da näherte ich mich seinem offenen Mund – und der Geruch sagte mir Alles. Ebenso schnell verstand ich nun auch die beiden Worte der Wirthin. Diese bediente sich der Mundart ihres Dorfes. Anstatt ›Bullik jak‹ sollte es heißen ›Balyk jaghi‹, wörtlich in's Deutsche übersetzt: Fischöl, also Fischthran. Der kleine Hadschi hatte Fischthran getrunken.

Als ich das meinen Begleitern erklärte, brachen sie in ein schallendes Gelächter aus. Diesen Ausdruck eines aller Hochachtung baren Gefühles gab dem stets so selbstbewußten Hadschi augenblicklich sein früheres Wesen zurück. Er zog die ausgestreckten Arme ein, sprudelte den Inhalt seines Mundes von sich, sprang wüthend auf die Lacher zu und schrie:

»Wollt Ihr still sein, Ihr Kinder des Teufels, Ihr Söhne und Vettern seiner Großmutter! Wenn Ihr über mich lachen wollt, so fragt erst, ob ich es Euch erlaube! Ist es Euch so lächerlich zu Muth, so laßt Euch doch einmal die Flasche geben und trinkt von diesem Öl der Verzweiflung! Wenn Ihr dann noch lacht, so will ich es gelten lassen.«

Ein noch lauteres Gelächter war die Antwort. Sogar die Wirthin stimmte mit ein. Da aber fuhr der Hadschi grimmig auf sie los und holte mit der Peitsche aus. Glücklicher Weise schlug er durch die Luft, denn die Frau war blitzschnell mit einem fast lebensgefährlichen Sprung durch die Thüre verschwunden.

Halef aber legte sich, ohne weiter ein Wort zu sagen, an dem Wässerchen auf die Erde, hielt das Gesicht hinein und spülte den Mund aus. Dann holte ich aus meinem Beutel drei tüchtige Fingerspitzen Rauchtabak und schob ihm denselben in den Mund. Er mußte ihn kauen, um den schrecklichen Geschmack los zu werden. Die Folgen dieses verhängnißvollen Schluckes waren um so außerordentlicher gewesen, als der Fischthran ein greisenhaftes Alter besaß, wie ich nachher von der Frau erfuhr.

Sie hatte sich zuerst über den gewaltsamen Raub des vermeintlichen Raki erbost. Durch die Wirkung des ungewöhnlichen Getränkes aber fühlte sie sich ausgesöhnt und nun brachte sie, was sie vorher verheimlicht hatte – eine halb volle Flasche wirklichen Raki, welcher der Hadschi mit großer Hingebung zusprach, denn es war selbst dem Tabak nicht gelungen, den ranzigen Fischthran vollständig zu überwältigen.

Dann schlenderte er wie absichtslos bei Seite, aber bevor er hinter dem Gasthof verschwand, gab er mir einen heimlichen Wink, ihm zu folgen. Nach einer kleinen Weile spazierte ich ihm nach.

»Sihdi, ich habe Dir Etwas mitzutheilen, wovon die Andern nichts wissen dürfen,« sagte er. »Die Frau behauptete, weder eine Speise noch ein Getränk zu haben; ich aber schenkte ihr keinen Glauben, denn in einem Konak muß stets Etwas vorhanden sein. Darum suchte ich überall, obgleich sie das nicht dulden wollte. Zuerst fand ich die Flasche des Unheiles und der Umstülpung des Magens. Sie wollte sie mir nicht geben, aber ich nahm sie mit Gewalt, denn ich verstand nicht die Worte, welche sie sagte. Dann kam ich an einen Kasten. Ich öffnete ihn und fand ihn mit Kepek gefüllt. Aber diese Kepek roch so eigenthümlich, so verlockend! Diesen Geruch habe ich noch nicht vergessen, weil ich ihn erst gestern richtig kennen gelernt habe.«

Er holte Athem. Ich wußte bereits, was kommen würde. Er hatte einen Schinken entdeckt; das war sicher.

»Glaubst Du wirklich, Sihdi, daß der Prophet den Erzengel richtig verstanden hat in Beziehung auf das Schweinefleisch?« hob er wieder an.

»Ich glaube, daß Muhamed entweder nur geträumt oder sich die Erscheinung des Engels nur eingebildet hat. Durch sein eigenartiges Leben und sein regelloses Grübeln ist seine Phantasie in krankhafter Weise erregt worden. Er hat Chajalar gehabt, die ihm Dinge vorspiegelten, welche nicht vorhanden waren. Er sah Erscheinungen, die es in Wirklichkeit nicht gab; er hörte Stimmen, die seinem eigenen Gehirn entstammten. Und übrigens bin ich überzeugt, daß er das Verbot des Schweinefleisches nach dem Vorbild Musa's ausgesprochen hat.«

»Herr, Du machst mir das Herz leicht. Denke Dir: durch den Geruch verleitet, griff ich tief in die Kleie. Ich fühlte harte Gegenstände, große und kleine, und zog sie hervor. Es waren Würste und ein Schinken. Ich that sie in den Kasten zurück, denn die Frau klagte, daß ich sie berauben wolle, und sagen, daß ich sie dafür bezahlen würde, das durfte ich doch nicht. Du würdest meine Seele mit Dankbarkeit erfüllen, wenn Du jetzt zu ihr gehen wolltest, um ihr eine Wurst und auch ein Stück von dem Schinken abzukaufen. Wirst Du mir heimlich diesen Gefallen thun? Die Andern dürfen natürlich nichts wissen und ahnen.«

Man denke, daß der kleine Hadschi sich mit großer Vorliebe einen Sohn oder Anhänger des Propheten zu nennen pflegte. Und jetzt verlangte er von mir, Schinken und Wurst heimlich für ihn einzukaufen! Dennoch war mein Erstaunen über seinen Wunsch keineswegs sehr bedeutend. Hätte ich ihm während der ersten Monate unserer Bekanntschaft zugemuthet, von dem Fleisch eines Chansir el hakihr, eines ›verächtlichen Schweines‹ zu essen, so hätte ich jedenfalls die Ausdrücke seines höchsten Zornes zu hören bekommen und auf seine fernere Begleitung verzichten müssen. Die Berührung einer einzigen Schweinsborste verunreinigt den Moslem und verpflichtet ihn zu sorgfältigen Waschungen. Und jetzt wollte Halef das Fleisch des verachteten Thieres gar in seinen Körper aufnehmen! Ohne es zu ahnen, war er durch sein Zusammenleben mit mir nicht nur in Bezug auf seine Anschauungen, sondern auch betreffs der Befolgung vorgeschriebener Regeln ein sehr lässiger Bekenner des Islam geworden.

»Nun?« fragte er, als ich nicht gleich antwortete. »Muß ich zweifeln, ob Du meine Bitte erfüllen wirst, Sihdi?«

»Nein, Halef. Wenn der Drache Ischtah in Deinem Körper wüthet, so muß ich Dich, da ich Dein Freund bin, von diesem Übel erlösen. Du sollst nicht ewig die Qualen erdulden, welche er Dir bereitet. Ich werde also mit der Frau sprechen.«

»Thue das, ja thue es! Denn es steht geschrieben, daß Allah jede Wohlthat, welche ein Mensch dem andern erweist, tausendfach vergolten wird.«

»So meinst Du, daß Allah mich tausendfältig belohnen werde dafür, daß ich Dir von dem Fleisch des Schweines kaufe?«

»Ja, denn er hat dem Propheten nicht den Befehl gegeben, den Genuß dieser Speise zu verbieten, und wird sich also darüber freuen, daß ich diesem unschuldigen Thier die wohlverdiente Ehre erweise.«

»Ich glaube aber nicht, daß das Schwein es als eine große Ehre empfinden wird, zu Wurst und Schinken verarbeitet zu werden.«

»Das ist ja aber seine Bestimmung, und jedes Geschöpf, welches seine Bestimmung erfüllt, ist glücklich zu preisen. Der Prophet sagt, das Sterben sei Glück; also ist das Schlachten des Schweines das Beste, wonach es sich sehnen kann. Nun gehe zur Frau; laß aber die Andern ja nicht sehen, was Du bringst. Ich werde von der andern Seite des Hauses zu ihnen zurückkehren, denn sie brauchen gar nicht zu wissen, daß wir hier mit einander gesprochen haben.«

Er ging. Ich sah, daß das Haus auch von hinten eine Thüre hatte, und trat durch dieselbe ein.

Es hatte bisher den Anschein gehabt, daß sich die Wirthin allein daheim befände. Darum wunderte ich mich, als ich jetzt zwei Stimmen vernahm. Ich blieb stehen, um zu horchen. Der Konakdschi war es, welcher mit der Frau sprach, und zwar verstand ich Alles ziemlich genau. Die Wirthin bediente sich zwar ihrer Mundart, gab sich aber Mühe, von ihm verstanden zu werden, was natürlich auch mir zu Gute kam.

»Also sie sind hier eingekehrt,« sagte er. »Haben sie Dir nicht gesagt, daß auch wir kommen würden?«

»Ja, sie erzählten mir, daß Deine Begleiter sehr böse Menschen seien. Darum wollte ich ihnen nichts zu trinken geben.«

»Das war falsch von Dir. Grad weil sie so gefährliche Leute sind, muß ich mit ihnen freundlich sein, und auch Du darfst nicht merken lassen, daß Du sie durchschaust. Hast Du vielleicht einen Auftrag an mich auszurichten?«

»Ja. Du sollst durchaus nicht hier übernachten, selbst dann nicht, wenn Ihr erst spät hier ankommen würdet. Du sollst vielmehr mit ihnen bis zu Junak reiten.«

»Wird dieser daheim sein?«

»Ja. Er war erst vorgestern hier und erzählte, daß er sein Haus für einige Zeit nicht verlassen werde.«

»Befanden sich die Reiter alle wohl?«

»Nein. Der alte Mann, welcher den Arm gebrochen hatte, wimmerte unaufhörlich. Sie mußten ihm den Verband abnehmen, um den Arm mit Wasser zu kühlen. Als er wieder zu Pferd stieg, hatte er das Sowuk sarsmaki und wankte im Sattel. Wirst Du mit diesen Fremden lange hier rasten?«

»Wir werden gleich wieder aufbrechen. Sie dürfen auch nicht wissen, daß ich mit Dir von den Reitern und von Junak gesprochen habe; darum will ich gehen.«

Ich hörte, daß er sich entfernte, und trat selbst auch für eine Minute aus dem Hause. Das Weib sollte nicht denken, daß ich Etwas gehört habe.

Wer war dieser Junak? Der Name ist serbisch und bedeutet so viel wie das deutsche Wort Held, welches ja auch als Name gebraucht wird. Wahrscheinlich war der Kohlenhändler gemeint, welcher mit den Erzeugnissen des Köhlers Scharka hausiren zu fahren pflegte!

Als ich dann lauten Schrittes wieder eintrat, kam mir die Frau entgegen, und ich theilte ihr meinen Wunsch mit. Sie zeigte sich zur Erfüllung desselben bereit, erkundigte sich jedoch, indem sie mich mißtrauisch betrachtete:

»Aber, Herr, hast Du auch Geld? Verschenken kann ich nichts.«

»Ich habe Geld.«

»Und wirst Du mich bezahlen?«

»Natürlich!«

»Das ist nicht so natürlich, wie Du meinst. Ich bin eine Christin und darf dieses Fleisch essen. Auch an Andere, wenn sie Christen sind, darf ich davon verkaufen. Aber wenn ich einem Moslem davon ablasse, begehe ich einen Fehler und werde Strafe anstatt des Geldes erhalten.«

»Ich bin kein Muhamedaner, sondern ein Christ.«

»Und doch bist Du ein so schlech--«

Sie hielt inne. Sie hatte wohl sagen wollen: ›schlechter Kerl‹, besann sich aber noch zur rechten Zeit und fügte schnell hinzu:

»Ich will es wagen, Dir zu glauben. Komm also mit, und schneide Dir selbst so viel ab, wie Du haben willst.«

Ich nahm eine Wurst von vielleicht dreiviertel Kilo und dazu ein Stück Schinken, welches ein halbes Kilo wiegen mochte. Sie verlangte fünf Piaster dafür, also ungefähr neunzig Pfennige. Als ich ihr drei Piaster mehr gab, sah sie mich höchst verwundert an.

»Das soll ich wirklich behalten?« fragte sie zweifelnd.

»Ja. Dafür werde ich mir aber irgend Etwas erbitten, in das ich diese Sachen einwickeln kann.«

»Ja, was soll das sein? Etwa ein Kiaghad

»Das paßt am besten dazu; aber es darf nicht schmutzig sein.«

»Es ist nicht schmutzig, denn wir haben keins. Wo soll hier im Dorf ein Stück Papier zu finden sein? Ich werde Dir etwas Anderes geben. Wir haben da ein Gömlek meines Mannes liegen, welches er nicht mehr trägt. Davon will ich Dir ein Stück abreißen.«

Sie langte in eine Ecke, in welcher allerlei Gerümpel lag, und zog ein Ding hervor, welches wie ein Lappen aussah, mit dem man lange Jahre hindurch rauchige Lampencylinder und schmutziges Topfgeschirr geputzt hat. Davon riß sie einen Fetzen ab, wickelte Wurst und Schinken hinein und reichte mir dann das Paket mit den Worten hin:

»Hier nimm und labe Dich daran. Ich bin in der ganzen Gegend als die geschickteste Tuzlama bekannt. Du wirst wohl selten so etwas Wohlschmeckendes gegessen haben.«

»Das glaube ich Dir,« antwortete ich verbindlich. »Alles, was ich hier sehe, hat die Farbe und den Geruch des Pökelfleisches, und Du selbst bist so appetitlich, als hättest Du mit dem Schinken in der Salzlacke gelegen und dann in der Esse gehangen. Ich beneide den Gefährten Deines Lebens.«

»O, Herr, sage nicht gar zu viel!« rief sie geschmeichelt. »Es gibt noch Schönere im Lande, als ich bin.«

»Dennoch scheide ich von Dir mit dem Bewußtsein, daß ich mich gerne Deiner erinnern werde. Möge Dein Leben duftig und glänzend sein, wie die Schwarte Deines Schinkens!«

Als ich nun wieder hinaustrat, beeilte ich mich, das Päckchen los zu werden, indem ich es in Halef's Satteltasche steckte. Niemand außer dem Hadschi bemerkte es. Die Andern hatten ihr Augenmerk auf die Bewohner des Dorfes gerichtet, welche neugierig nach und nach herbei gekommen waren.

Der Mensch, welcher bei unserm Nahen aufgesprungen und schreiend davongelaufen war, stand bei einem Andern, der sich ein sehr würdevolles Aussehen gab. Beide sprachen eifrig mit einander. Eben als ich meine Eßwaaren glücklich geborgen hatte, trat der Erstere zu dem Konakdschi, unserm Führer, und begann mit ihm eine leise, aber sehr eifrige Verhandlung. Dann wendete er sich an mich, stemmte die Spitze seines Säbels auf die Erde, stützte die Hände auf den Griff, schnitt die Miene eines Pascha von drei Roßschweifen und fragte:

»Du bist ein Fremder?«

»Ja,« antwortete ich freundlich.

»Und reitest bei uns durch?«

»Ich beabsichtige es allerdings,« sagte ich noch viel freundlicher.

»So kennst Du Deine Pflicht?«

»Welche meinst Du?«

Das klang gradezu herzlich. Der Mann machte mir Spaß. Aber je freundlicher ich wurde, desto grimmiger ward sein Gesicht. Er gab sich die größte Mühe, einen imponirenden Eindruck zu machen.

»Du hast die Abgabe zu entrichten,« erklärte er mir.

»Eine Steuer? Wie so denn?«

»Jeder Fremde, welcher durch unser Dorf kommt, hat sie zu zahlen.«

»Warum? Machen Fremde Euch einen Schaden, den sie zu vergüten haben?«

»Du hast gar nicht zu fragen, sondern zu zahlen.«

»Wie viel denn?«

»Für die Person zwei Piaster. Ihr seid vier Fremde, denn der Konakdschi kann nicht gerechnet werden, da er uns bekannt und ein Kind des Landes ist; Du aber bist der Anführer dieser Leute, wie er mir sagte, und hast also acht Piaster zu zahlen.«

»So sage mir doch einmal, wer Du bist!«

»Ich bin der Feriki ameje daïr eminlikün dieses Ortes.«

»Da bist Du freilich ein bedeutender Mann. Aber wie dann, wenn ich mich zu zahlen weigere?«

»So pfände ich Euch.«

»Wer aber hat den Befehl gegeben, von jedem Fremden diese Steuer zu erheben?«

»Ich und der Kiaja.«

»Befindet er sich auch hier?«

»Ja, dort steht er.«

Er deutete auf den Würdevollen, mit welchem er vorhin gesprochen hatte und der jetzt seinen Blick erwartungsvoll auf mich gerichtet hielt.

»Rufe ihn einmal her!« gebot ich.

»Wozu? Was ich sage, das hat zu geschehen und zwar sofort, sonst – –«

Er machte mit dem Säbel eine drohende Bewegung.

»Still!« antwortete ich ihm. »Du gefällst mir außerordentlich, denn Du hast denselben Grundsatz, wie ich: Was ich sage, das hat zu geschehen. Ich zahle die Steuer nicht.«

»So nehmen wir Euch so viel von Euren Sachen, daß wir gedeckt sind!«

»Das würde Euch schwer werden.«

»Oho! Wir haben erfahren, wer Ihr seid. Wenn Ihr Euch nicht fügt, so bekommt Ihr die Peitsche!«

»Halte Deine Zunge im Zaum, denn ich bin gewohnt, mit Achtung und Ehrerbietung behandelt zu werden. Die Steuer zahle ich nicht; aber ich sehe, daß Du ein armer Teufel bist, und so will ich Dir aus Güte zwei Piaster schenken!«

Ich griff schon in die Tasche, um ihm dieses Bakschisch zu geben, zog aber die Hand wieder zurück, denn er hob den Säbel empor, fuchtelte mir mit demselben vor dem Gesicht herum und rief:

»Ein Bakschisch etwa? Mir, der ich der Bekdschi und Kajyrdschy dieser Gemeinde bin? Das ist eine Beleidigung, welche ich auf das Strengste bestrafen muß. Die Steuer wird verdoppelt werden. Und wie soll ich Dich behandeln? Mit Achtung und Ehrerbietung? Du bist ein Tschapkyn, vor dem ich nicht eine Spur von Achtung haben darf. Du stehst so tief, so tief unter mir, daß ich Dich gar nicht sehe, denn – –«

»Schweig!« unterbrach ich ihn. »Wenn Du mich nicht sehen kannst, so wirst Du mich fühlen. Hebe Dich von dannen, sonst erhältst Du die Peitsche!«

»Was?« brüllte er. »Die Peitsche? Das sagst Du mir, dem Mann von Geltung und Gewicht, während Du eine todte Ratte und eine verhungerte Maus bist gegen mich. Hier stehe ich, und hier ist mein Säbel! Wer verbietet es mir, Dich zu erstechen? Es würde ein Spitzbube weniger auf der Erde sein. Du sammt Deinen Begleitern – –«

Er wurde abermals unterbrochen. Halef legte ihm die Hand auf die Achsel mit den Worten:

»Schweig' nun endlich, sonst macht der Effendi Ernst, und Du bekommst die Steuer dorthin ausgezahlt, wo Du sie nicht wegnehmen kannst.«

Da versetzte der ›Ortswachtmeister‹ dem Hadschi einen Stoß, daß dieser einige Schritte zurücktaumelte, und schrie ihn an:

»Wurm! Wagst Du es wirklich, den obersten Beamten dieser Ortschaft zu berühren? Das ist ein Verbrechen, welches augenblicklich bestraft werden muß. Nicht ich bin es, sondern Du bist es, der die Peitsche erhalten wird. Herbei, Kiaja, herbei, Ihr Männer! Haltet dieses Männlein fest! Er soll die Hiebe mit seiner eigenen Peitsche empfangen.«

Der Kiaja hob schon den Fuß, um näher zu kommen, aber er zog ihn schnell zurück. Der Blick, welchen ich ihm zuwarf, schien ihm nicht zu gefallen. Sein Beispiel bewirkte, daß auch keiner der Andern der Aufforderung des ›Chefgenerales der öffentlichen Sicherheit‹ gehorchte.

»Sihdi, soll ich?« fragte Halef.

»Ja,« nickte ich ihm zu.

Es genügte ein Wink von ihm zu Osco und Omar. Im nächsten Augenblick lag der Mann an der Erde, mit der Rückseite nach oben. Osco hielt ihn an den Schultern nieder, und Omar kniete ihm auf den Beinen. Der Bursche schrie, aber Halef überschrie ihn:

»Seht her, Ihr Männer und Frauen, wie wir diesem Besitzer großer Worte die Steuer bezahlen! Er erhält sie zunächst; dann aber wird Jeder drankommen, der es wagen sollte, ihm beizuspringen; der Kiaja gleich zuerst! Wie viel soll er erhalten, Effendi?«

»Acht Piaster hat er verlangt.«

Ich setzte nichts hinzu, doch ersah Halef aus meiner Miene, daß er gnädig verfahren solle. Er verabreichte ihm also acht Hiebe, und zwar nur der Form wegen. Schmerzen konnten diese acht gelinden Streiche gar nicht erwecken; dennoch machten sie einen gewaltigen Eindruck. Gleich beim ersten Hieb war der ›Chefgeneral‹ still geworden. Jetzt, als die Beiden ihn los ließen, stand er langsam auf, rieb sich den rückwärts liegenden Pol seines Körpers und klagte:

»O Gesetz, o Gerechtigkeit, o Großsultan! Der treueste Diener des Jakyschyk memleketin wird mit der Peitsche beleidigt! Meine Seele zerfließt in Thränen, und aus meinem Herzen rinnen die Bäche der Wehmuth und der Traurigkeit. Seit wann erhalten verdiente Männer den Nischani iftichar, den Orden des Ruhmes, mit der Kurbatschi dorthin gehängt, wo er bei einer Begegnung von vorn gar nicht zu sehen ist? Mich ergreifen die Schmerzen des Lebens, und ich empfinde die Qualen des vergänglichen Daseins. O Gesetz, o Gerechtigkeit, o Großsultan und Padischah!«

Er wollte sich von dannen schleichen, aber ich rief ihm zu:

»Warte noch ein wenig! Ich halte stets Wort. Da ich Dir zwei Piaster versprochen habe, so sollst Du sie auch bekommen. Und damit die Schmerzen des Daseins Dir nicht allzu schwer werden, will ich Dir sogar fünf Piaster geben. Hier hast Du sie!«

Er traute seinen Augen nicht, als ich ihm das Geld hinstreckte. Erst nachdem er mich prüfend angeschaut hatte, griff er zu und fuhr dann mit der Hand in die Tasche. Diese schien aber ein Loch zu haben, denn er zog die Hand wieder zurück und schob das Geld unter den Riesenturban. Dann ergriff er meine Hand, drückte sie an seine Lippen und sagte:

»Herr, die Qualen der Erde und die Unannehmlichkeiten dieser Welt sind vergänglich, wie die ganze Schöpfung. Deine Gnade träufelt Melhem in mein Gemüth und Sarmessak suju in die Tiefen meiner Gefühle. Möge das Schicksal dafür sorgen, daß Dein Beutel nie ohne silberne Piaster ist!«

»Ich danke Dir! Nun sende uns auch den Kiaja her.«

Der Genannte hörte meine Worte und kam herbei.

»Was befiehlst Du, Herr?« fragte er.

»Wenn der Khawaß des Dorfes von mir ein Bakschisch erhält, so soll der Kiaja natürlich auch eins erhalten. Ich hoffe, daß Du damit einverstanden bist.«

»Wie gern!« rief er aus, indem er mir die Hand entgegenstreckte. »Dein Mund hat Worte des Segens, und Deine Hand theilt Gaben des Reichthums aus!«

»So ist es. Natürlich willst Du nicht weniger empfangen, als Dein Untergebener erhalten hat?«

»Herr, ich bin der Vorgesetzte. Mir gebührt noch mehr als ihm.«

»Richtig, er hat acht Streiche und drei Piaster bekommen, folglich lasse ich Dir fünf Piaster und zwölf Hiebe geben.«

Da legte er schnell seine beiden Hände dorthin, wo selbst beim größten Gelehrten der Sitz der Geisteskräfte nicht gesucht werden darf, und schrie:

»Nein, nein, Herr! Nicht die Hiebe, sondern nur die Piaster!«

»Das wäre ungerecht. Keine Piaster ohne Hiebe. Entweder Alles oder gar nichts. Wähle!«

»Dann lieber nichts!«

»So ist es Deine Schuld, wenn Deine Hand nicht empfängt, was ich ihr zugesprochen hatte.«

»Nein, nein!« wiederholte er. »Beides zu empfangen, das ist zu viel!«

Er wollte sich entfernen, kehrte aber nach einigen Schritten wieder um, sah mich bittend an und fragte:

»Herr, könnten wir es nicht anders machen?«

»Wie denn?«

»Gib mir die fünf Piaster, die Zwölf aber meinem Khawassen. Er hat die Peitsche bereits gekostet, so daß sie ihn nicht mehr erschrecken kann.«

»Wenn er will, so bin ich einverstanden. Also her mit Dir, Du General der öffentlichen Sicherheit!«

Halef streckte die Hand nach dem Khawassen aus; dieser aber sprang schleunigst zur Seite und rief:

»Allah göstermessin – Gott behüte und bewahre! Die sanften Gefühle meines Sitzes sind bereits genugsam aufgeregt. Wenn Du wirklich beschlossen hast, zu theilen, so gib mir die Piaster und dem Kiaja die Hiebe! Dir kann es ja ganz gleichgültig sein, wer sie bekommt, mir aber keineswegs.«

»Das glaube ich. Aber ich sehe, daß ich weder das Eine, noch das Andere los werde; darum gebe ich Euch die Erlaubniß, Euch zu entfernen.«

»Basch üstüne, tschelebim – mit Vergnügen, Herr! Reite getrost weiter! Vielleicht findest Du anderwärts eine Seele, welche nach den Hieben schmachtet, ohne die Piaster zu begehren.«

Er hob den Säbel auf, welcher ihm entfallen war, und entfernte sich. Der Kiaja ging auch, kehrte aber doch noch einmal um und flüsterte mir vertraulich zu:

»Effendim, vielleicht wäre es doch noch zu machen. Ich möchte die Piaster sehr gern haben.«

»Nun, wie denn?«

»Zwölf ist zu viel. Gib fünf Piaster und fünf Hiebe; das kann ich eher vertragen. Erfülle mir diese Bitte, so hast Du Deinen Willen, und ich habe den meinigen auch.«

Ich konnte nicht anders – ich mußte lautauf lachen, und meine Gefährten stimmten ein. Der Kiaja freute sich, uns so gut gelaunt zu sehen, und fragte mich in beinahe zärtlichem Ton:

»Effendim, sewgülüm – mein lieber Effendi, nicht wahr, Du thust es? Fünf und fünf?«

Da trat aus dem umstehenden Volk ein langer, hagerer, dunkelbärtiger Mensch hervor und sagte:

»Beni itschit, jabandschi – höre mich, Fremder! Du siehst hier über dreißig Männer stehen, von denen ein Jeder bereit ist, sich fünf Streiche geben zu lassen, wenn er dazu fünf Piaster bekommt. Wenn es Dir recht und gefällig ist, so wollen wir Dizi syraji machen und uns dieses schöne Geld verdienen.«

»Ich danke, ich danke sehr!« antwortete ich ihm. »Ihr habt uns nicht beleidigt, also könnt Ihr keine Prügel und leider auch keine Piaster erhalten.«

Er machte ein enttäuschtes Gesicht und sagte wehmüthig:

»Das ist uns gar nicht lieb. Ich bin ein sehr armer Mann und schlafe unter dem Dach des Himmels. Ich genieße mit den Meinen das Itschki palamudün, und der Hunger ist unser einziger Gönner. Nie habe ich einen Stockhieb erhalten. Heute aber würde ich mich schlagen lassen, um fünf Piaster zu erhalten.«

Man sah es dem Mann an, daß er die Wahrheit sprach. Das Elend saß in jeder Falte seines Gesichtes. Schon wollte ich in die Tasche greifen, da aber stand auch schon Halef bei ihm, zog den Beutel und drückte ihm Etwas in die Hand. Als der arme Bursche sah, was er bekommen hatte, rief er aus:

»Du hast Dich geirrt! Das kannst Du doch – –«

»Still, Alter!« fiel ihm Halef in die Rede, indem er mit der einen Hand den Beutel wieder in die Tasche gesteckt, während er mit der andern die Peitsche drohend schwang. »Mach' Dich von hinnen und sorge dafür, daß die Deinen einmal echte Kaffeebohnen anstatt der Eicheln erhalten!«

Er schob den Mann fort und unter die Umstehenden hinein, worauf sich derselbe denn auch mit eiligen Schritten entfernte, gefolgt von Anderen, welche die Höhe des Geschenkes gern erfahren wollten.

Nun brachen wir auf. Als unsere Pferde sich in Bewegung setzten, trat der Khawaß des Dorfes aus der Menge wieder hervor und rief mir zu:

»Herr, Du hast mich mit Piastern beglückt. Ich werde Dir das Yrz beraber gitmeji geben.«

Er stellte sich an unsere Spitze, nahm den Säbel auf und schritt in martialischer Haltung vor uns her. Erst draußen vor dem Dorf verabschiedete er sich.

»Sihdi,« meinte Halef, »es freut mich doch, daß ich nicht derb zugeschlagen habe. Er ist kein übler Kerl, und es sollte mir leid thun, wenn ich die sanften Gefühle seines Sitzes in schlimmere Aufregung versetzt hätte. In diesem schönen Lande ist Jeder ein Held bis zu dem Augenblick, in welchem er die Peitsche sieht.«

»O, diese Ansicht ist zuweilen richtig, aber nicht stets. Denke an die Erfahrungen, welche Du bereits gemacht hast. Diesem obersten General der öffentlichen Sicherheit war es freilich anzusehen, daß sein Name einst nicht in Deinen berühmten Liedern der Helden erklingen wird.«

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