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Der Schuhmeier

Robert Maximilian Ascher: Der Schuhmeier - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorRobert Ascher
titleDer Schuhmeier
publisherWien: Freiheit
year1933
correctorreuters@abc.de
senderMag. Dr. Harald D. Gröller
created20070107
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Sechstes Kapitel

Ganz unten spürt man immer den Druck am stärksten. Deshalb hat auch der Bombenjongleur die Maßnahmen zum Schutze der Regierungen und der besitzenden bürgerlichen Klassen in Form von hoffnungsloser Arbeitslosigkeit zu spüren bekommen. Das verbitterte ihn immer mehr. Er stieß zu den Radikalen, die ihm noch lange nicht radikal genug waren. Er war für's Zusammenhauen und für's Aufhängen und er verdächtigte den gleich als Zurückschieber und Kapitalistenknecht, der sich's erst noch ein bißchen überlegen wollte.

Einmal hat er in der Kärntnerstraße ein Auslagenfenster, hinter dem Schätze von für ihn unvorstellbarer Pracht lagen, mit der bloßen Faust eingeschlagen und dann dem Polizeikommissär gesagt, daß er damit den nur auf einen Ruf wartenden Massen das Signal geben wollte, aufzustehen, ihre Peiniger zu verjagen und Besitz zu ergreifen von den Herrlichkeiten dieser Welt. Da ihn der Polizeiarzt für normal erklärte, haben sie ihm diese Geschichte nicht geglaubt, ihn vielmehr für einen Einbrecher gehalten und zu sechs Monaten schweren Kerkers verurteilt.


Am 16. September 1871 sagte die Marietant zu ihrem Sohne Karl, als sie im Halbdunkel des werdenden Tages neben dem Wagerl, das der verschlafene Ziegenbock Meckerl zog, naschmarktwärts gingen: »Heut bleibst mir beim Stand, i muß wieder z' Haus, den Franzl in d' Schul führen.«

Der Karl hatte nichts dagegen. Es geschah ohnehin selten, daß ihm die Mutter den Betrieb anvertraute. Ein kleiner Schab schaute dabei immer heraus, und die paar Kreuzer konnte der Junge ganz gut brauchen, um in Favoriten drüben beim »Künstler« als zahlender Gast erscheinen zu können und nicht als alle fünf Minuten verjagter Astlochgucker. Nichts auf Erden bewunderte der Borinsky-Karl so sehr wie den großen Mann im rosafarbenen Flinserltrikot, der allabendlich vor einer atemanhaltenden Menge den Riesenluftsprung exekutierte. Sein heißester Wunsch war es, auch so ein bewunderter Künstler zu werden. Freilich mußte er diesen Wunsch, wie schon gesagt, im Busen bewahren, denn die Frau Mutter hätte ihm ein paar heftige Watschen geschmiert und ihm in längerer Rede bedeutet, daß sie ihm früher beide Läufeln abhauen als einen solchen Zigeuner werden lassen würde.

Der Karl verbarg wohlweislich seine Freude über den erhofften Schmattes und meinte nebenhin: »Da wird der Herr Lehrer a Freud haben, wann der Franzl kommt, den braucht er eh nix mehr lernen.«

Der Franzl ist ein heller Kopf geworden. Er war ein großer Frager. Er begnügte sich nicht damit, zu wissen, daß etwas ist, er wollte gleich dazu wissen, wieso und warum es geworden ist und welchen Zweck es hat. Der Marietant und dem Borinsky-Onkel war die viele Fragerei zuwider. Erstens, weil sie keine Zeit für solche Dummheiten hatten, und zweitens, weil sie die meisten Fragen selbst nicht beantworten konnten. Zu ihrer Zeit hat man in ihren Kreisen wenig Wert auf Wissen gelegt. Ein bisserl lesen, schreiben und rechnen und den kleinen Katechismus auswendig können – mehr war überflüssig, aber auch das hat nicht unbedingt sein müssen. Und um sich keine Blößen vor dem Buben zu geben, haben sie ihn abgebeutelt, wenn er lästig wurde. Und der Karl gab sich auch nicht gern mit solchen Sachen ab. Der bereitete sich mit heiligem Ernst auf seinen Künstlerberuf vor. Auf der Wagenstange übte er den Bauchaufschwung und auf einem Sandhaufen den Lüftler. Nur der Bombenjongleur gab sich zu dem endlosen Frage- und Antwortspiel her und unterwies den Franzl im Zählen, lehrte ihn die großen Buchstaben auf Geschäftsschildern enträtseln und daß Wien die Hauptstadt des Kaisertums Österreichs, die Donau der Hauptfluß sei und wie die zehn Gemeindebezirke hießen.

Es fügte sich gut, daß der Franzl just zur selben Zeit zur Schule kam, als sein Hoflehrer im grauen Hause auf Staatskosten Quartier und Verpflegung bekam.

Die Marietant würdigte das vorzeitige Wissen des Franzl wenig. Für sie gab es nur ein Wissensgebiet, das wert war, den Kopf anzustrengen, das ihrer Meinung nach voll auf genügte und alles andere weit in den Hintergrund drängte: die Religion. Die Marietant war eine fromme Frau, die es kein Jahr versäumte, nach Mariazell zu pilgern und nach St. Corona, dem Wallfahrtsorte der Damen vom Stande, um geläutert wieder neue Berufssünden auf den Buckel zu laden, die man auf dem Naschmarkte so gerne mit der Waage und der Zunge beging.

Aber weil der Franzl vom Bombenjongleur wohl allerlei erfuhr, nur nichts von überirdischen Dingen, über die sich dieser sonderbare Schulmeister manchmal geradezu gotteslästerlich ausließ, was der Bub zu seinem Glück noch nicht verstand, wußte er gerade von den Dingen, die der Marietant als die wichtigsten schienen, rein gar nichts. Und trotz täglichem Gebet und sonntäglichem Kirchgang interessierten ihn die unfaßbaren überirdischen Dinge weniger als die faßbaren irdischen. Die abergläubischen Frauen im Hause sagten über den Franzl: »Der Bua is für sein Alter viel zu g'scheit. Schad um ihn. So g'scheite Kinder werden net alt.«

Und so führte die Marietant den Franzl zum erstenmal zur Schule. Es war die Pfarrschule gegenüber der Matzleinsdorfer Kirche. Das Haus Matzleinsdorferstraße 23 war vorne Pfarrhaus, rückwärts Schule. Heute ist es das Haus Nummer 103 der Wiedner Hauptstraße. Das Pfarrhaus steht noch, der Schultrakt wurde vor einigen Jahren abgetragen.

Auf Äußerlichkeiten hielt die Marietant nichts, weil sie gar nicht eitel und weil es schad um's Geld war. Über sein Sonntagsgewand trug der Franzl eine blaue Schürze und an den Füßen schlotternde Holzschlapfen, als er an der Hand der Marietant das Schulzimmer betrat.

Die Marietant setzte ihn in die letzte Bank, steckte ihm eine Semmel zu und sagte: »So, Bua, daß d' mir schön brav bist und daß i nix hör von dir, sonst kriegen mir a Haararbeit miteinand. Und wann d' Schul aus is, kommst gleich z' Haus. Umeinanderstrawanzen nach der Schul, das leid i net, im Stall hast Arbeit genug. Und d' Hauptsach is, daß d' fleißig beten lernst, daß d' a Mensch wirst, verstanden?«

Damit ging sie im Bewußtsein erfüllter Pflicht und ließ den Franzl allein im fremden Haus unter fremden Kindern. Gleich darauf betrat der Herr Lehrer Winkler die 1. Klasse B und nach einer kurzen Ansprache begann der Unterricht.

Was den anderen erst mühsam eingepaukt werden mußte, wußte der Franzl schon dank den Bemühungen seines Freundes, des nunmehrigen Sträflings Alois Kragel. Aber er bildete sich darauf gar nichts ein, er war ein bescheidener Bub, der die Hände auf die Bank legte, nicht schwatzte und nicht »ganserlte«, dem geplagten Lehrer überhaupt keine Scherereien machte. Über 90 Kinder wurden in das dreifenstrige niedrige Klassenzimmer hineingestopft, über 90 Menschlein, die jedes ein anderes waren, gesittet und ungebärdig, offen und verstockt, leicht von Begriff und schwerfällig, verzogenes Mutterkind und verwahrlostes Geschöpf der Straße. Dieses Material sollte der Lehrer kneten und walken und lebenstaugliche Menschen daraus machen. Es ist ein hoher und heiliger Beruf, der des Jugendbildners, dem die Zukunft der Menschheit anvertraut ist, und wir schulden ihm Verehrung.

Jedoch in den Schulen der damaligen Zeit glaubte auch der beste Lehrer ohne Rohrstaberl nicht auskommen zu können. Die Braven kriegten einen Einser, die Schlimmen Patzen auf den Handteller gepatzt. Und bei dem Kneten und Walken schaute nichts Besonderes heraus, denn da ihrer so viele waren, konnte der Lehrer nur alle, die ganze Masse, kneten und nicht jeden einzelnen.

Als der Franzl mit rotem Kopf in das Gärtnerhaus gestürmt kam, weil ihn das Neue – Schulbank, Mitschüler, Lehrer – aus dem Gleichgewicht gebracht hatte, war die Mami da. Das war für den Buben immer ein hoher Feiertag, wenn sie ihn besuchen kam. Es geschah ohnehin sehr selten, weil die Mami immer noch mehr Arbeit hatte und sich nur alle heiligen Zeiten eine Stunde abstehlen konnte und weil die Marietant es nicht gerne sah, daß der Franzl durch solche Besuche an die Hirschengasse erinnert wurde. Aber das nützte nicht viel. Er sagte doch immer: »Im Gärtnerhaus wohn' i, aber in der Hirschengassen, bei der Mami, hin i z' haus.«

Nur wenn die Mami oder der Vater oder eines von den Geschwistern Namenstag hatte, durfte der Karl den Franzl ins Elternhaus führen. Und dann mußte der Karl förmlich Gewalt anwenden, um den Kleinen wieder fortzubringen. Der Vater Schuhmeier kam nie nach Matzleinsdorf hinüber. Er blieb der alte Dickschädel, der gebeten werden wollte, und weil ihm die Frau Schwester sagen ließ, daß er »a alter Jud« werden würde, ehe sie anfinge, konnten sie nicht zusammenkommen.

Der Franzl sprang der Mami an den Hals und berichtete ihr, als ob sie's gar nicht gewußt hätte und nicht eigens deswegen gekommen wäre: »Mami, i geh schon in d' Schul und der Herr Lehrer hat g'sagt, i bin a g'scheiter Bua.«

Die Mami mußte lachen: »So, hat er das g'sagt, der Herr Lehrer? Und wirst auch immer so bleiben?«

»Ja, Mami, i werd viel lernen, und wann i groß bin, werd i viel Geld verdienen und das werd i alles der Mami geben, daß sie sich nimmer so rackern muß.« Und dann fingen alle zwei zu heulen an.

Die Mami faßte sich zuerst: »Was willst denn werden, wann du groß bist, Franzi?«

»I will a Tramwaykondukteur werden,« verriet der Franzl, »da kann i alle Tag nach Dornbach fahren und die Karten einzwicken und krieg so viel Trinkgeld und dann kauf' i den Vattern auch a Pferderl, daß er Kreuzerl verdienen kann.«

Die Mami lachte schon wieder und tätschelte ihren Buben.

»Komm, Mami, i zeig' dir den Meckerl«, fiel es ihm plötzlich ein, »und die Tauberln, ja, da wirst schauen.«

Und er zog sie in den Stall zum Ziegenbock Meckerl, den er halste und streichelte und dem er Heu gab.

Die Mami neckte ihn: »Franzi, du bist ja a Narr in die Viecher.«

Der Franzi sagte altklug: »Weil s' so arm san und sich selber net helfen können.«

Dann wollte er die Mami nicht weglassen. Sie solle auch dableiben. Sie mußte ihm erst begreiflich machen, daß sich die in der Hirschengasse ohne sie nicht helfen könnten.

»Dann geh i halt mit dir, Mami«, beharrte er.

»Das geht jetzt noch net, Franzi«, wehrte sie tapfer ab.

»Wann wird's denn gehn?«

»Bis wieder bessere Zeiten kommen.«

»Da muß i g'schwind viel lernen, daß bald bessere Zeiten kommen.«

»Wie meinst das, Bub?«

»Der Herr Kragel, weißt der, den s' jetzt eing'sperrt haben, weil er auch arm is, hat g'sagt, es wird erst besser, bis die Leut g'scheiter san.«

Die Mami begriff zwar diesen Zusammenhang nicht, aber sie wollte den Vorsatz ihres Buben, gescheit zu werden, nicht erschüttern. Als die Mami gegangen war, schlich der Franzl in den Stall und weinte sich beim Meckerl aus. Der Ziegenbock beleckte die Wangen des Buben, als fühlte er mit ihm und als wollte er ihm die Tränen trocknen.


Der Franzl war bald in der Schule der Prämiand, wie man damals den Klassenersten nannte, und der Herr Lehrer verlieh ihm die Würde des Klassenaufsehers. In Abwesenheit des Lehrers hatte er darüber zu wachen, daß die Kinder nicht Unfug trieben. Es gelang ihm, die Schar mit seinem Blick im Zaume zu halten. Dieser Blick hatte etwas Beherrschendes. Die wildesten Rangen bändigte dieser Blick und alle in der Klasse, sogar die schnippischen Mädeln, fügten sich. Es war etwas in ihm und an ihm, das ihm Gewalt über die anderen gab. Sie spürten irgendwie, daß der Schuhmeier-Franz stärker war als sie. Der Franzl brauchte niemals einen Missetäter beim Herrn Lehrer zu vertratschen und es war doch immer musterhafte Ordnung in der Klasse, wenn der Lehrer nicht da war. Den Herrn Lehrer fürchteten, den Franzl respektierten sie.


Zwischen Schule und schwerer Hausarbeit wuchs der Franzl heran. Seinen einzigen Freund, den Bombenjongleur, hatte er verloren. Nachdem der seine Strafe abgebrummt hatte, kam er nicht mehr ins Gärtnerhaus zurück. Die Frau Bramesberger nahm ihn nicht mehr, weil sie vor dem Abgestraften Angst und wohl auch Verachtung für ihn hatte, und so ist er denen vom Gärtnerhaus aus dem Auge und aus dem Sinn gekommen, worüber sie sehr froh waren.

Der Borinsky-Karl war auch schon in der Lehre und kam nur am Sonntag zu Besuch. Die Marietant wurde mit den Jahren immer grantiger. Die Frauen im Hause sagten, das käme vom »Wechsel«. Der Borinsky-Onkel wurde immer ruhebedürftiger, und da er diese Ruhe zu Hause nicht fand, suchte er sie bei den Schnapskarten bei den »Sieben Kurfürsten« auf der Matzleinsdorferstraße.

Vor der Schule mußte der Franzl jetzt auch noch den Kaffee für den Borinsky-Onkel kochen, weil der nicht mehr so früh aus den Federn zu bringen war. In diesen Morgenstunden war die Marietant schon längst auf dem Markt, der Borinsky-Onkel allein und daher der Herr im Hause. Das war die einzige Zeit, in der er tun durfte, was er wollte, und er wollte schlafen.

Nach der Schule spannte der Franzl den Meckerl ein und holte mit diesem behäbigen Fuhrwerk einmal Stroh vom Naschmarkt, ein andermal wieder Heu gar von der Landstraße, von der Salesianergasse. Wenn er mit dem Meckerl die Matzleinsdorfer- und Wiedner Hauptstraße hinunterfuhr, liefen die Gassenbuben herbei und rissen ihre Witze. »Hö,« riefen sie, »gib acht, daß dir der Vollblutschimmel net durchgeht, sonst schreibt dich der Schurl mit der Blechhauben auf.«

Der »Schurl mit der Blechhauben« war der Herr Wachmann. Auf den waren die Wiener Gassenjungen nicht gut zu sprechen, weil er sich oft ungerufen einmengte, wenn die Matzleinsdorferstraßler den Nikolsdorfergaßlern eine Schlacht lieferten, die infolge dieser Einmengung mit unfreiwilligen Umgruppierungen endete.

Der Franzl giftete sich nicht, wenn ihn die Strolcherln uzten. Vom Borinsky-Onkel hatte er einen Satz von Goethe erlernt, der in allen Lebenslagen zauberhafte Wirkung tut, den gepreßtesten Herzen Luft macht und dem schlagfertigsten Gegner die Red verschlägt. Worauf die hoffnungsvollen Jünglinge ehrfurchtsvoll den Weg freigaben und sich eingestanden, daß der mit dem meckernden Fuhrwerk kein Feind, sondern würdig wäre, ihr Häuptling zu werden.

Aus den Schulbüchern mußte er zu Hause nicht viel lernen. Er hatte, wie seine Lehrer sagten, einen »offenen Kopf«, und was er in der Schule einmal gehört, das merkte er sich.

Mit dem Borinsky-Karl waren auch die Tauben verschwunden. Die Marietant fand, daß die »Viecher« zu viel »Schweinerei« machen. Das konnte der Franzl lange nicht verwinden. In unbewachten Augenblicken füllte er auf dem Markte und beim Fouragehändler seine Taschen mit Futter und streute es fremden Tauben.

Einmal, am Abend, kam sein Sitznachbar in der Schulbank, der Wimmer-Hansl, daher. Das war ein gefinkelter Mistbub und der begrüßte die Marietant auffallend freundlich. Er sagte: »Küß die Hand« und »gnädige Frau« hin und »gnädige Frau« her, und der Marietant tat das wohl und sie war sehr geschmeichelt, denn am Naschmarkt nannten sich die Damen vom Stand untereinander ganz anders, so etwa, wie man es alle Tage bei den Bezirksgerichten hören kann. Da war das einmal eine wohltuende Abwechslung, wenn man von einem gesitteten Knaben so behandelt wurde, wie sich's gebührt.

Aber der Wimmer-Hansl war gar nicht so. Er war zwar aus besserem Hause, denn sein Herr Vater war ein k. k. Staatsbeamter, der bei festlichen Anlässen in einer Uniform mit Goldkragen einherging und einen Degen links hängen hatte, obzwar eigentlich ein Federstiel symbolischer gewesen wäre; denn seine Kämpfe mit den Parteien, die ihn im Amte belästigten, focht er mit dem schnauzbartverzierten Mundwerk aus, das schärfer war als ein Schwert, und der Hansl selber, der sollte nachher ins Gymnasium und auch pensionsberechtigter k. k. Beamter werden. Vorläufig indeß war er noch ein Bengel, der sich am liebsten auf der Gasse herumtrieb und die gottverbotensten Bübereien trieb, und so artig war er auch nicht, wie sich das die geschmeichelte Marietant einbildete.

Das war anders. Allabendlich sammelte er oben, am Ende der Blechturmgasse, wo noch der Linienwall stand und sich heute der Wiedner Gürtel zieht, eine Schar gleichalteriger Jünglinge um sich und unter seinem Kommando wurde die Gegend unsicher gemacht. Kleine Mädel an den Zöpfen reißen, ihnen die Schürzenbandel lösen, Buben, die allein daherkamen, ein Füßel stellen, sich an Wagen anhängen, an Greißlerläden vorbeigehen und vom ausgeräumten Obst stibitzen – das war ihre Abendunterhaltung.

Davon erzählten sie in der Schule und erzählten noch viel mehr, als wahr war. Und dem Schuhmeier-Franzl, der nie dabei war, machten sie extra lange Zähne. Er hätte sich die Gaude ja gerne einmal angeschaut, aber die Marietant erklärte: »Solche Buam, wie du einer bist, haben auf d' Nacht auf der Gassen nichts zu suchen. Auf der Gassen werden s' eh nur Falotten.«

Wenn die Marietant etwas sagte, blieb es dabei. Da gab es nichts mehr zu plaudern und darum blieb für den Franzl der abendliche Matzlelnsdorfer Linagraben samt seinen unausdenkbar herrlichen Vergnüglichkeiten das Land der Sehnsucht.

Deswegen neckten ihn die Buben und sie wollten ihn verleiten, einfach abzufahren. Das traute sich der Franzl nicht, denn ihm drohten für den Fall solcher Auflehnung nicht nur Hiebe, sondern Rückversetzung in das Elend der Hirschengasse. Der Vater Schuhmeier war inzwischen ganz Pfeifdrauf geworden, weil ohnehin alles nichts nützte, und schon völlig dem Alkohol verfallen. So arg war es schon, daß sie daheim auch die drei Kleinen nicht mehr futtern konnten. Nur die Nettl war noch da und mußte schon der Mami fleißig helfen. Der Hansl und der Karli waren im Waldviertel bei Kleinbauersleuten in der Kost.

Einmal sagte der Franzl zum Wimmer-Hansl: »Weißt was, geh zu der Marietant und tu sie bitten, daß i zu dir kommen därf, helfen, die Aufgab machen, derweil geh i aber mit euch spielen.«

Den Wimmer-Hansl reizte diese Aufgabe. Erstens versprach sie eine Mordshetz, und zweitens, was konnte schon ihm, dem Sohne eines k. k, Staatsbeamten mit Degen und Goldkragen passieren? Die Marietant rechnete es sich als eine hohe Ehre an, daß sie von dem Sohne eines k. k. Staatsbeamten und sogar in dessen Namen um etwas gebeten und ihr Schützling, der Franzl, würdig befunden wurde, in ein so vornehmes Haus geladen zu werden. Und deshalb willigte sie ein und berichtete von dieser ehrenvollen Berufung stolz im ganzen Gärtnerhause.

Der Franzl war befangen, als er das erstemal inmitten der Buben stand, die sich so fessellos gebärdeten wie junge Jagdhunde, die man nach langer Gefangenschaft im Zwinger auf freies Feld tollen läßt. Die Kameraden mußten ihn erst auslachen und zwicken und puffen, bis er auftaute. Aber er tat nur mit, um für vollwertig genommen zu werden. Was sie da trieben, war ihm zuwider.

Warum sekkierten sie die Mädel? Weil sie schwächer sind und sich nicht wehren können? Das ist doch keine Hetz, das ist doch gemein. Daß so ein Mädel etwas anderes ist als so ein Bub, sogar etwas ganz anderes, das hat er schon gespürt. Darüber hat er auch schon nachgedacht, wobei allerdings nicht viel herausgekommen ist, und einen Erwachsenen zu fragen, hätte er sich nicht getraut. Er empfand schon dunkel, daß es da ein großes, ein sehr großes Geheimnis gibt und daß kleine Buben so tun müssen, als ahnten sie nichts davon. Aber während er zu den Buben seines Alters hinunterschaute, schaute er zu den Mädeln auf. Vor Buben fühlte er sich groß, vor Mädeln klein. In ihnen sah er das Bessere, das edler Geformte und edler Geartete und vor allem das Schutzbedürftige und er konnte rot vor Zorn werden, wenn sie sagten: »Das is nur a Madel.«

Nachdem sie mit dem ersten Mädel, das ihnen der Zufall in den Weg geführt, verfuhren, wie sie es gewohnt waren, stieg ein feindseliges Gefühl gegen die Kameraden in ihm auf. Als wieder eines näher kam, lief er ihm entgegen und warnte: »Geh net hin, die wollen dir was tun«, was aber nichts nützte, denn sie lief der Bande justament über den Weg.

Hätte sich der Franzl in der Schule mehr mit den Mädeln abgegeben und sich nicht vor ihnen scheu abseits gehalten, hätte er schon gewußt, daß sie sich, wenn sie unter sich waren, nicht über die ihnen von den Buben angetane Unbill beschwerten, sondern damit prahlten, ganz so wie die erwachsenen Geschlechtsgenossinnen mit ihren Eroberungen prahlen. Und er erfuhr zu seiner Freude, daß es noch eine Gerechtigkeit gibt in dieser Welt, als ein schlichter Mann in Röhrenstiefeln und mit blauer Schürze den Wimmer-Hansl, der das vergeblich gewarnte Mädel kniff und puffte, herausfing und ihm links und rechts eine schmierte, daß der also Behandelte trotz bewölkten Himmels Sterne funkeln und tanzen sah.

Der Wimmer-Hansl hielt sich die brennenden Backen und weniger vor Schmerz als vor Scham wütend gickste er: »Ich laß mich net schlagen, warten S' nur, ich sag's mein Vattern, der is k. k. Staatsbeamter, der wird's Ihnen schon zeigen.«

Das schien diesem schlichten Manne aus dem respektlosen Volke nicht im mindesten zu imponieren. Ohne Ehrfurcht vor dem K. K. und vor der Beamtenherrlichkeit zündete er sich befriedigt über die eben vollbrachte Leistung seine Porzellanpfeife an und empfahl sich mit den Worten: »Tagdieb krauperter, wann i dich noch amal erwisch beim Madelsekkieren, hau ich dich in d' Luft, daß d' erst in vierzehn Tag verhungert 'runterkommst. Du g'hörst noch ans Schürzenzipfel von der Muatter und darfst noch lang net wissen, daß 's zweierlei Leut gibt.« Dann war er verschwunden.

Und der Wimmer-Hansl mutig. »Hm,« sagte er, die Nase verziehend, »hm, mit so einem ordinären Kerl stellt sich unsereiner nicht her, sonst hätt' ich ihm was gezeigt.«

Die anderen Buben, froh, daß ihre Wangen und sonstigen Körperteile unlädiert geblieben waren, taten ebenfalls entrüstet über den Rohling, aber innerlich freuten sie sich kannibalisch, daß dieser eingebildete Tropf auch einmal eine gehörige Lektion abbekommen hatte. So sind die guten Freunderl, aber nicht nur die im Kindesalter, die erwachsenen bis zu den vergreisten nicht minder, sogar noch ärger.

Um auf andere Gedanken zu kommen, lugte der Wimmer-Hansl nach neuen Taten aus. Kein Angriffsobjekt kam. Kein zweibeiniges, aber dafür ein vierbeiniges. Ein Hund. Ein schwarzer Pudel, damals eine beliebte, weil gelehrige Rasse. Es war ein schöner und gepflegter Hund und sicher der gehätschelte Liebling seines Frauerls. Er hatte es eilig, wie ein Mensch, der sich zu einem aussichtsreichen Rendezvous begibt. Da war ein Angriffsobjekt. Der Wimmer-Hansl zog blitzschnell eine Zuckerschnur aus der Hosentasche, übergab das eine Ende dem Schneider-Fritzl, behielt das andere selber in der Hand und die beiden spannten die Schnur so niedrig quer über den Weg, daß der wachen Auges von Liebesseligkeiten träumende Hund nicht durch konnte. Davor mußten sich die anderen Helden stellen, um den Pudel das Überspringen unmöglich zu machen.

Der dumme Hund wäre in die Falle gegangen. Der Wimmer-Hansl packte ihn am Fell. Aber ehe er dazukam – pitsch-patsch – hatte er schon wieder auf jeder Wange eine picken. Der den zum Watschenmann avancierten Wimmer-Hansl also züchtigte, war der Schuhmeier-Franzl, der zornig vor dem kleinen Rohling stand und zu neuen Hieben ausholte. Der Hansl war so perplex, daß er den Hund ausließ, und dieser Hund schoß mit eingezogenem Schweif wie ein Pfeil davon. Mit der Liebe war's heute nichts mehr wegen dieser dalkerter Buben, die von ihr noch nichts verstanden.

Der Wimmer-Hansl war also perplex und wollte aufreiben. Von diesem zugestandenen Kostkind vom Gärtnerhause, der ihm dankbar dafür sein mußte, daß er überhaupt auf die Gasse durfte, sollte er sich das gefallen lassen? Schon holte der Arm des Hansl zum Schlage aus, da sagte ihm der Schuhmeier-Franzl dicht ins Gesicht: »Pfui, schämst dich net, a Viecherl martern?« Er sagte das so fest und bestimmt, daß der Arm des Hansl kraftlos herunterfiel.

»Wegen ein Hund willst mich schlagen, mich, dein Freund? Wart nur, ich sag's der Frau Borinsky, daß das ganze mit dem Aufgabenmachen ein Schwindel war, dann därfst nimmer fort. Ich werd dir schon zeigen.«

»Sag's, von mir aus sag's,« beharrte der Franzl unbeirrt, »aber ein Feigling bist doch, pfui, ein Feigling.«

Wo hatte er das her, der Schuhmeier-Franzl? Den guten Boden von der Mami und den Samen, der darin so prächtig gedieh, den hat der verachtete Alois Kragel hineingepflanzt.

Als der Schuhmeier-Franzl bei diesem und vielen anderen Anlässen in die zuchtlose Bubenschar hineindonnerte, wurden sie immer kleinlauter. Sie schämten sich. Erwachsene haben schon so zu ihnen geredet, aber das waren fade Gesellen, die nicht verstanden oder schon vergessen hatten, was ein richtiger Bub braucht, um sich die Zeit zu vertreiben. Denen zeigte man eine lange Nase, man steckte hinterrücks die Zunge heraus, aber von einem Altersgenossen haben sie so etwas noch nie zu hören gekriegt. Deshalb wirkte es. Und deshalb war der Schuhmeier-Franzl von Stund an ihr Capo, ohne daß sie ihn förmlich dazu ernannt oder gewählt hätten. Sie gestanden es sich nicht und keiner gestand es dem anderen ein, aber es stand fest; der Franzl war ihnen allen über. Er war besser als sie alle, er verstand es sie dort zu packen, wo das Gute in ihnen saß, und so zu packen, daß man sich mit Dawiderreden nur blamiert hätte.

Der Wimmer-Hansl verzieh die Watschen und dachte nicht mehr ans Vertratschen. Er bat den Franzl weiterhin jeden Abend bei der Marietant aus. Und der ganze Kreis wurde gesittet. Es gab bald in ganz Matzleinsdorf keine so artigen Jungen wie die um den Schuhmeier-Franzl. Sie ließen auch keinen neuen zu, von dem zu befürchten war, daß er sie in Versuchung bringen könnte, und sie nannten sich den Blechturmverein. Obmann war der Franzl.

Der neue Blechturmverein ließ die kleinen Menschen und die Tiere in Frieden. Sie saßen auf herbeigeschleppten Steinen um den Franzl herum, der ihnen sonderbare Geschichten erzählte, immer andere, Geschichten, die in keinem Buche standen und auch in keiner Schule gelehrt wurden, Geschichten, die der Franzl selber erdachte und die die Zuhörer so schön und so gescheit fanden, daß sie die Mäuler aufrissen und sich nicht genug wundern konnten, wo der verflixte Kerl das hernahm.

Der Blechturmverein hätte noch viel zur Veredelung der Matzleinsdorfer Jugend beigetragen, wäre er nicht eines Abends brutal aufgelöst worden. Nicht von einer verknöcherten Behörde, sondern von der Marietant. Da war nämlich ein Bub darunter, der eifersüchtig war auf das hohe Ansehen, das der Franzl genoß. Und deshalb ist der zu der Marietant geschlichen und hat ihr gesteckt, wie sich das mit dem Aufgabenmachen im vornehmen Heim des Herrn k. k. Staatsbeamten wirklich verhielt.

Gerade malte der Franzl seinem andächtig horchenden Publikum die Herrlichkeiten der Menagerie in Schönbrunn aus, die er nie gesehen hatte, als, wie dem Erdboden entstiegen, die Marietant dastand. Der Franzl war eben bei den Affen und das bezog die empfindsame Dame unglücklicherweise auf sich. Sie erwischte den Erzähler beim Rockkragen, zerrte ihn in die Höhe, boxte ihn mit der anderen Hand in den Buckel und schleppte den Überraschten vom Fleck weg dem Gärtnerhause zu. Was sich dort noch alles begab, bleibe lieber diskret verschwiegen. Sogar der ganz unschuldige Borinsky-Onkel bekam noch in der Nacht seinen Teil ab.

Traurig hockte der Franzl nun die Abende auf seinem Bette. Und die gewesenen Mitglieder des Blechturmvereins verwilderten wieder.

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