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Der Schuhmeier

Robert Maximilian Ascher: Der Schuhmeier - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorRobert Ascher
titleDer Schuhmeier
publisherWien: Freiheit
year1933
correctorreuters@abc.de
senderMag. Dr. Harald D. Gröller
created20070107
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Fünftes Kapitel

Der Perlmutterdrechslergeselle Alois Kragel war sonst ein ganz harmloser Mensch und im beneidenswerten Alter von 20 Jahren stand er auch erst, aber wie es in der Welt zuging, das machte ihn wild. Wenn er Leute sah, die so fein angezogen waren, daß man sie in die Auslage eines Modewarengeschäftes hätte stellen können, und damit das Glumpert verglich, das er am Leibe trug; wenn er an einem noblen Restaurant vorbeikam und leckere Speisen auf schneeweiß gedeckten Tischen ihm den Mund wässerig machten, die er nicht einmal dem Namen nach kannte, und dabei an sein Menü dachte, das zumeist aus einer Maurersalami vulgo geselchte Blunzen oder aus Paprikaspeck mit zwei Schusterlaberln und nur Sonntags aus einem Gigererrostbraten in der Pferdefleischauskocherei bestand und all das auch nur, wenn er Arbeit hatte, also kurz: wenn er Vergleiche anstellte mit dem, was andere besaßen, genossen und sich erlauben durften, und was ihm zugemessen oder eigentlich schuldig geblieben ward, dann fand er, daß alles wert sei, in Trümmer gehaut zu werden. In ihm bohrte ein Viechszorn auf die Kapitalisten. Und das war wirklich nichts als blasser Neid.

Als er in den Arbeiterbildungsverein geriet, eigentlich nur wegen des Tanzunterrichtes und wieder eigentlich nur, weil man beim Tanzen den verwirrenden Duft und die Blutwärme schmiegsamer Frauenleiber fühlen darf, dort aber auch Vortrage anhörte und in Versammlungen kam, wurde aus dem unfruchtbaren Neid ein Ahnen – und dann war nicht mehr der Kapitalist, dann war der Kapitalismus der Feind.

Der temperamentvolle Jüngling Alois Kragel wollte allen begreiflich machen, was er aufgenommen, aber noch nicht gut verdaut hatte. Was er in Versammlungen und Vorträgen gehört, versuchte er den Köpfen, in denen es noch nachtrabenschwarz war, einzutrichtern und wenn so ein Kopf Widerstand leistete, weil er voll Stroh war und für anderes nicht mehr Raum hatte, wurde der Alois Kragel grob. Er begriff nicht, daß die anderen nicht begreifen konnten; er nahm das als Bosheit hin, die man ihm persönlich antat.

Deshalb lief ein unsichtbarer Steckbrief gegen ihn. Ein Meister sagte es dem anderen, daß der Alois ein roter Hund sei, der die Arbeitsleute gegen ihre Brotgeber aufhetze und sie verleiten wolle, immer weniger zu arbeiten und dafür noch mehr Lohn zu fordern, und so flog er, kaum er in einer Werkstätte angefangen, gleich wieder aufs Pflaster. Und wo der Meister zögerte, weil der Alois – die Gesellen wurden damals noch mit dem Vornamen angesprochen – kein schlechter Arbeiter war, dort bissen ihn die Arbeitskollegen hinaus, weil sie sich beim Herrn Chef einweinberln wollten und auch weil sie wirklich ihr Seelenheil von dem roten Herrgottsschänder – auch als solche wurden Sozialdemokraten auf den Kanzeln und Versammlungspawlatschen hingestellt – gefährdet glaubten.

Auch im Gärtnerhause war der Bombenjongleur geächtet. Dort wohnten lauter kreuzbrave, einfache Kleinbürgersleute, die alle ein bisserl Erspartes hatten, in Geschäften investiert oder im Strohsack eingenäht, und sich wegen dieses bisserl Ersparten mit den Millionären solidarisch fühlten und in einem Roten einen Kerl sahen, der ihnen ihre Habe wegnehmen oder zumindest mit ihnen »teilen« wolle. Niemand im weiten Hause redete mit ihm, alles wich ihm aus, und wenn er grüßte, blieben sie ihm den Dank schuldig. Auch die paar Proleten mieden ihn demonstrativ, so daß es jeder gleich bemerken konnte, denn die wollten nicht der hohen Ehre verlustig werden, von den Geschäftsleuten im Gärtnerhause dann und wann gönnerhaft ins Gespräch gezogen zu werden.

Da war also der Alois meistens arbeitslos. Eine Arbeitslosenunterstützung kannte man nicht einmal dem Namen nach. Er war Bettgeher bei der alten Frau Bramesberger, einer gewesenen Hendelkramerin, die halb blind und schon ganz taub war, von dem Inhalt ihres Strohsackes ihren Lebensabend bestritt, mit niemandem verkehrte und daher nicht wußte, daß und warum ihre Afterpartei sich in Acht und Bann befand, und die froh war, einen kräftigen jungen Mann in der Wohnung zu haben, der sie des Nachts vor Einbrechern behütete. Als wilder Gepäcksträger beim Südbahnhof oder indem er gelegentlich Fuhrwerkern aufladen half, erwarb er sich das Allernötigste.

Weil aber der Mensch eine Ansprache braucht, hielt sich der Alois Kragel an die beiden Buben, den Borinsky-Karl und den Schuhmeier-Franzl. Der Karl wußte, wie es um den Bombenjongleur stand, wenn er auch die Gründe nicht recht kapierte. Aber das kapierte er schon, daß der Alois eigentlich auf ihn angewiesen war, wenn er mit jemandem reden wollte, und er ließ es ihn fühlen, daß er der Schenkende und der andere der Beschenkte war. Und er traute sich mit dem Alois nur zu reden, wenn es niemand sah. Deshalb erteilte er ihm im Taubenschlag Audienzen. Der kleine Franzl spürte, daß der Alois sich freute, wenn er helfen durfte beim Taubenfüttern und beim Schlagreinigen, und daß er glücklich war, wenn er einmal eine ausgekommene Taube nach langem Suchen heimbringen konnte. Und weil er bemerkte, daß der Karl sich fürchtete, mit dem Bombenjongleur gesehen zu werden, wollte er zeigen, daß er anders sei, und rief den Alois im Hofe vor den Leuten an und erzählte ihm Geschichten. Einmal wurde er dabei von der Marietant erwischt. Sie packte den Buben am Ohrwaschel, zerrte ihn weg und verwies ihn streng: »Daß i dich nimmer mit dem Tagdieben siech, an sowas streift a anständiger Mensch net an. So a Hungerleider is ka G'sellschaft für dich, merk dir's, sonst...«

Der Alois Kragel knirschte mit den Zähnen und dann rief er der zürnenden Marietant nach: »Blas dich net so auf, alte Zuaspeistandlerin, weil s' mehr hat, glaubt s', sie is schon mehr als unsereins. Woher hat sie's denn, als von die dummen Proleten? Wart's nur, mir werden schon noch mit euch abrechnen.« Und ging.

Abends überfiel die Marietant ihren Herrn Gemahl mit einem langatmigen Bericht von den Sünden des Franzls und wünschte, daß er seine männliche Autorität geltend mache, um dem Buben ein- für allemal den Umgang mit dem Bombenjongleur auszutreiben. Der Borinsky-Onkel schnitt ein Krampusgesicht und donnerte: »Lausbua übereinand, i werd dir helfen ... Rotzbua, dreckiger, wirst es no amal tuan? ... I hau dir eine obi, wennst net glei davonrennst – möchst am End a so a Gallingstrick werden – Himmelfixlaudon, halt's mi z'ruck...«

Die Marietant ging befriedigt in die Küche. Kaum war sie draußen, brüllte der Borinsky-Onkel so, daß er blau wurde: »Himmelfixlaudon, wenn i no zehn Jahr a so verheirat sein muß, werd i a Doppelanarchist, verstehst, Bua? ... Aber das verstehst no net. So und jetzt geh i mein Peter wassern und dann mi selber, aber net mit Stangelbrunner.«


Frankreich war nach der großen Niederlage Republik geworden. Adel und Bourgeoisie zitterten um Gut und Leben. Das Pariser Proletariat errichtete die Commune. Adel und Bourgeoisie faßten und sammelten sich rasch wieder, holten zum Gegenschlag aus, ersäuften nach einem fürchterlichen Gemetzel die Commune im Blute tausender Schlachtopfer. Die Namen Thiers und Galifet werden als viehische Massenmörder in die Geschichte eingehen. Die mutige, wenn auch fruchtlose Erhebung des Pariser Proletariats verursachte den Beherrschern aller anderen Staaten Europas Unbehagen. Auch ihre getreuen Untertanen könnten eines Tages unbotmäßig werden.

Im Herbst 1871 fand in Gastein eine Begegnung des »eisernen Kanzlers« des nun geeinigten Deutschen Reiches, Fürsten Otto von Bismarck mit dem österreichischen Kanzler Grafen Beust statt. Dieser Entrevue folgten weitere Konferenzen der Staatsmänner, in denen Maßnahmen zur Bekämpfung der Sozialdemokratie und zum Schutze der Regierungen und der besitzenden bürgerlichen Klassen beraten wurden. Es wehte in Österreich wieder ein schärferer Wind. Das Proletariat sollte noch mehr gefesselt und geknebelt werden, damit es sich nicht mucksen könne.

Und zu dieser Zeit geschah, was sich später zum schweren Schaden der Arbeiterklasse noch mehrmals wiederholen sollte. Noch öfter hatte die geeinte Reaktion dann, wenn sie zu einem entscheidenden Schlage gegen das Proletariat ausholte, um es unschädlich zu machen und damit ihre Vorrechte und Profitinteressen zu konservieren, das Glück, auf einen uneinigen, untereinander hadernden Gegner zu stoßen, den sie leicht schlagen konnte.

Man sollte glauben, daß wachsende Unterdrückung die unterdrückten Massen nur noch fester zusammenschweiße, um sich des Angreifers erwehren und selbst zum Angriff übergehen zu können. Es war leider gerade umgekehrt, andernfalls die Welt und die Menschen schon ein gewaltigeres Stück vorwärts gekommen wären.

Die Reaktion arbeitete und arbeitet mit vielerlei Mitteln. Ehe sie losschlägt, kauft sie sich für ihr lockendes Geld widerliche Subjekte, die die Massen durcheinanderhetzen, Mißtrauen gegen die Führer säen, zu den tollsten Abenteuern verleiten und die Verführten dann den Schergen ausliefern. So haben die Finsterlinge noch immer gesiegt .

Statt eine eherne Mauer gegen die brutalen Klassenfeinde zu bilden, haben sie auch in Österreich und besonders in Wien untereinander zu zanken begonnen und sich dann gespalten. Die Arbeiterpartei, hieß es, sei viel zu zahm, es fehle ihr der revolutionäre Schwung, die Führer wollten gar nicht wirklich kämpfen, sondern nur gut leben und seien Beschwichtigungshofräte und Bremser und man käme so überhaupt nicht vom Fleck. So haben sie über den raschesten und sichersten Weg zum Ziel gestritten und sich verfeindet und ineinander verbissen, bis sie balgend am Wege geblieben und auf den eigentlichen Feind ganz vergessen haben.

Die Arbeiter, soweit sie schon an der Arbeiterbewegung Anteil hatten, teilten sich in Gemäßigte und in Radikale. Der Führer der Gemäßigten war Heinrich Oberwinder, der später als Lockspitzel der Polizei entlarvt wurde, der der Radikalen Andreas Scheu. Das Blatt der Gemäßigten war der »Volkswille«, das der Radikalen die »Gleichheit«, die in Wiener-Neustadt, das ja schon immer ein heißer Boden war, erschien.

Wenn die Gemäßigten eine Versammlung abhielten, kamen die Radikalen und sprengten sie und umgekehrt. Sie beschimpften, verdächtigten und bespuckten sich gegenseitig und die Staatsgewalt ebenso wie die Besitzenden frohlockten. Den Feind brauchten sie nicht zu fürchten. Der fraß sich selber auf. Sie wurden noch rechtloser, noch unfreier, noch geachteter und geknechteter und immer tiefer sank der Preis ihrer einzigen Ware, ihrer Arbeitskraft.

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