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Der Schuhmeier

Robert Maximilian Ascher: Der Schuhmeier - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorRobert Ascher
titleDer Schuhmeier
publisherWien: Freiheit
year1933
correctorreuters@abc.de
senderMag. Dr. Harald D. Gröller
created20070107
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Viertes Kapitel

Wieder war Krieg. Der Deutsch-Französische. Die Monarchie war diesmal unbeteiligt. Nicht ganz so unbeteiligt blieben die Menschen in den Proleten- und Hausmeisterwohnungen. Die müssen ihren Kriegstribut zahlen so und so. Das ist ja das ewige Auf und Ab im Leben der Gesellen und Knechte: ist Konjunktur, müssen sie darben, ist Krise, noch viel mehr – aber das Darben ist ihr unentrinnbares Los.

Im Achtzehnhundertsiebzigerjahr, im September, beschwipsten sie sich draußen im Reich an dem Tag von Sedan, an dem sie den Franzmann feste verhauen, und in der vom Schauplatz des Krieges und des Sieges ziemlich weit entfernten Hausmeisterwohnung im Einundzwanzigerhaus in der Hirschengasse hatten sie den Katzenjammer davon.

Jetzt waren es schon sechs Köpfe: Vater, Mami und vier Haserl ohne Graserl. Dem Franzi und der Nettl hat der Storch kurz nacheinander noch zwei Brüderln geschenkt, den Hansl und den Karli. Und die viere sperrten spektakelnd ihre Mäuler auf und wollten geatzt werden. Der Vater Schuhmeier flog aus, um Futter zu suchen, kam aber meist mit leerem Beutel heim. Bei den Menschenvätern ersetzt der Beutel den Schnabel der Vogelväter. Die Mami robotete unverdrossen, aber auch sie brachte weniger ins Nest, als die vier immer offenen, immer piepsenden Schnäbel verlangten. Ihre Hände waren von der Wäschelauge angefressen, mehr als ihr Magen von Erdäpfelsuppe und Brot.

Vater Eduard Schuhmeier war auch nicht mehr ganz so fesch wie einst und die Weiber bemerkten ihn kaum mehr. Er ging mit düsteren Gedanken herum und kam zu dem Schlusse: »Es muß was g'schehn«, wußte aber nie, was.

Die Mami spintisierte weniger, arbeitete dafür noch mehr und kam zu dem Schlusse: »Es wird schon was g'schehn«, wußte freilich auch nicht was. Ihr Optimismus war unverwüstlich.

Einmal, als sie mit der Buckelkraxen nach Margarethen hinüber um Schmutzwäsche mußte, stand sie vor dem alten Gärtnerhause auf der Siebenbrunnenwiese in Matzleinsdorf und hätte nicht zu sagen gewußt wie sie hergekommen. Sie fand die Marietant im Pferdestall beim Streumachen und sagte kopfhängerisch und ein bisserl geniert: »Jetzt geht's völlig nimmer weiter, Marietant...«

Am anderen Tag erschien die Marietant im Einundzwanzigerhaus in der Hirschengasse. Diesmal wie der Wolf, der sich ein Lamm holen kommt: »Also, da wären mir in Gottes Nam«, grüßte sie mit einem aufmunternden Blick auf die rotgeweinten, verschwollenen Augen der Mami.

»Net den Buam 's Herz schwer machen. Er geht ja net aus der Welt.«

Die Mami schüttelte es: »Soviel hart g'schieht mir, Marietant, so viel hart, i kann's gar net sagen. Und dem Edi erst. Der is auf und davon, weil er den Jammer net anschaun kann.«

»Drum überlaßt er's uns schwachen Weibern, mit'n Jammer fertig z' werden. San halt Helden, die Mannsbilder. Und gar erst der Herr Bruder.«

Also, auf die Marietant hat das vom schwachen Geschlecht bestimmt nicht gepaßt.

Aus der Kammer drang ein Heulen, das durch Mark und Bein ging: »Mami, die Marietant soll fort, i will bei dir bleiben ... Mami, ... i geh net mit der Marietant, ... i bleib bei meiner Mami ... bei der Nettl ... beim Hansl und Karli ... bei dir.«

Die Mami in der Küche mußte sich setzen. Sie verhielt das Gesicht mit den Händen und wimmerte. Sogar die Marietant bekam schwache Füße.

Die kleine Nettl kam von irgendwoher gesprungen. Kleines Kind und schon starkherziges Weib, schlug sie ein Kompromiß vor, um es der Mami leichter zu machen: »Mami, i mit der Marietant geh, i mit der Marietant Pferderl fahr.«

Da überwog die herrliche Aussicht auf das Pferderlfahren alle Gefühlsduseleien.

Die zwei Kleinsten spielten im Hofe auf einem Sandhaufen und zeigten keinerlei Interesse für das Familiendrama, das sich vor ihnen abwickelte.

Der Franzi, schon im Sonntagsgewanderl, hatte sich zwischen Kasten und Zimmerecke verschanzt und war entschlossen, lieber in diesem Versteck zu verhungern, als gutwillig hervorzukommen. Er strampelte mit den Beinen und hieb mit den Fäusten an die Kastenwand und machte der Mami das Herz noch viel schwerer. Aber sein Widerpart dürfte nicht die Marietant gewesen sein. Wie zutiefst beleidigt sagte sie:

»No, gut is's, wann der Franzi net will, fahrt halt der Borinsky-Onkel mit sein Pferderl wieder z' haus und wird halt a anderer Bua mit'n Ziegenbock, mit'n Meckerl alle Tag auf'n Naschmarkt fahren und die Mami wird sterben, weil s' so ein schlimmen Buam hat. Geh i halt wieder, pfiat Gott, Schwägerin, morgen hol' i mir die Nettl, die is net so dumm wie ihr dalkerter Bruder«, traf aber dennoch keine Anstalten, zu gehen.

Der Franzi hinter dem Kasten spitzte die Ohren. Der Borinsky-Onkel mit dem Pferderl und das Meckerl und die Mami muß sterben und dann hat die Nettl alles und er gar nichts. Er steckte das schmierig-geweinte Gesicht vor und verlegte sich aufs Unterhandeln.

»Und wann i mitgeh, Marietant, muß die Mami net sterben und alle Tag därf i mit'n Meckerl fahrn und wird die Mami zu mir kommen und auch mit'n Meckerl fahrn und ... und ...«

Alles wurde bewilligt und zugesichert.

Die Mami hat ihn nicht angerührt zum Abschied, sie hat weggeschaut, wie der Franzi an der Hand der Marietant mit seinem Binkerl Habseligkeiten aus dem Hause ist – sie hätte ihn sonst nicht weggelassen und der Bub hat sich nicht mehr umgeschaut, wie er die Kammer und den Hof und das Haus verlassen hat. Er fühlte wohl, er hätte sich sonst losreißen müssen und wäre wieder hinter den Kasten gekrochen.

Vor dem Tore stand ein Einspänner und auf dem Bocke saß, die Wetschina im Munde, in quadrillierter Hose und einer Melone mit flacher Stößerkrempe auf dem Kopfe, der Borinsky-Onkel. Der Gaul, der Peter, fraß Hafer aus dem umgehängten Futtersackel und machte einen gutgepflegten Eindruck.

Der Borinsky-Onkel verfügte über eine »lose Goschen«. Wortewählen und Wortedrechseln war seine Sache nicht. Wer ihn nur oberflächlich kannte und sein Sprucherl hörte, hielt ihn für einen Matzleinsdorfer Kannibalen, der täglich zum Gabelfrühstück einen Menschen mit einem Achtel G'spritzten verspeist. Aber man mußte nur genauer seine Physiognomie anschauen und verlor gleich alle Furcht. Dieses von Wind und Wetter und vom Wein gerötete, von den Jahren gegerbte Gesicht, das bei den derbsten und fürchterlichsten Flüchen und Drohungen listig schmunzelte, und diese Augen, die so arglos und so froh aus dem Plutzerschädel herausguckten: das alles verriet den gutmütigen, patzweichen Kerl, der sich seiner Gutmütigkeit und Weichheit schämt und der poltert, damit man ihn für keinen Ausreibfetzen halte, wie die Kollegen am Standplatz so geartete Männer verächtlich zu betiteln pflegten.

Die Fliegen, die im Sommer seinen Peter peinigten, konnte er verscheuchen, aber sie zu töten, das brachte er nicht fertig, und vor seiner Gesponsin, der Marie, hatte er einen unbändigen Respekt.

Die Marietant erklärte das so: »I hab mir'n gleich vom Anfang an so eing'fahren, wie i ihn brauch! Das Leitseil halt i. In der Ehe muß einer Roß und einer Kutscher sein. Zwei Rösser oder zwei Kutscher das halt sich net. No und wie i gebaut hin, taug i zu kein Roß.«

Worauf der Borinsky-Onkel regelmäßig laut dachte: »Immeramal is in der Ehe der Mann 's Roß, sonst hätt' er net g'heirat'.«

Als der Borinsky-Onkel seinen Ehekutscher mit dem ihm noch unbekannten Neffen Franzi herauskommen sah, kletterte er vom Kutschbock, gab dem Buben die massive Pratzen und führte sich bei ihm mit einem »Serwas Mistbua« ein. Dann trabten sie hinüber nach Matzleinsdorf.


Das alte Gärtnerhaus auf der Siebenbrunnenwiese hatte noch einen Namen: Hendelhof. Es wohnten Gärtner drinnen, die auf der fruchtbaren Erde des Siebenbrunnenfeldes ihr blühendes und blütenreiches Gewerbe betrieben, und die Hendelkramerinnen, die ihre gackernde Ware in tragbaren Steigen zu Markte oder in die Häuser trugen. Heute steht dort das Haus Reinprechtsdorferstraße 14, Ecke Jahngasse, die früher Mohngasse geheißen hat.

Auf der Siebenbrunnenwiese gab es schon damals den Heu- und Strohmarkt, und wo jetzt der Pferdemarkt ist, standen damals die Blatternbaracken, in denen der Tod ein und aus ging.

Wo das alte Gärtnerhaus stand, war einstmals das Florianibad, von dem man sich noch heute mancherlei sittenlose Geschichten erzählt, die wir gar nicht wiedergeben können. Das Badhaus wurde abgebrochen und an seiner Stelle entstanden die Landwehrbaracken und dann das Gärtnerhaus vulgo Hendelhof. Das war nun dem Schuhmeier-Franzi seine neue Heimat: ein größeres, lauteres und mannigfaltigeres Stück Welt.

Bei Tante und Onkel Borinsky herrschte ein anderes Kommando als in der Hirschengasse. Sommer und Winter stand die Marietant um 3 Uhr früh auf und mit ihr der einzige Borinskysproß, der Karl, der schon an die vierzehn ging. Sonntagsruhe kannten sie noch nicht. Aus einem Schupfen holten sie ein Handwagerl, luden die Schragen auf, Gemüse und Obst, spannten den bockigen Ziegenbock Meckerl davor und fuhren auf den Naschmarkt.

Im Sommer um 5, im Winter 6 Uhr morgens weckte der Borinsky-Onkel den Franzi, und während der Herr Lohnfuhrwerksbesitzer für sich und seinen Neffen den Kaffee bereitete, mußte der Franzi in den Stall und, so klein er noch war, dem Gaul Peter Futter einschütten und den Stall reinigen. Und war erst 6 Jahre alt. Aber mächtig stolz, daß er auch schon zu etwas zu brauchen war. Er setzte großen Ehrgeiz darein, sein Pensum schon erledigt zu haben, wenn der Borinsky-Onkel zum Frühstück rief.

Dann spannte der Onkel den Peter ein und fuhr »Kreuzerl verdienen«, zum Südbahnhof, wo er seinen Standplatz hatte. Inzwischen kam der Karl mit dem Meckerl zurück und dann ging es ans Taubenfüttern. Mit Ferienbeginn war der Karl aus der Schule ausgetreten und nun sollte er in die Lehre kommen. Die Frau Mutter wollte einen Bäcker aus ihm machen, der Herr Vater einen Schuster, was in damaliger Zeit eine harte Strafe für ungeratene Buben war, und diese Drohung stieß der Herr Vater auch nur aus, weil er wußte, daß er nicht viel zu sagen hatte, aber der Karl selbst spekulierte insgeheim auf etwas Besonderes, worauf kein Mensch im Gärtnerhause verfiel und das er nur nach einer abenteuerlichen Flucht aus dem Elternhause hätte werden können. Einstweilen, bis eine Einigung zustande gekommen sein würde – und diese Einigung bewirkte in allen Fällen das Machtwort der Frau Mutter – beschäftigte er sich mit der Taubenzucht. Am Dachboden des Hoftraktes hatte er sich einen Taubenschlag errichtet. Dort vermählten sich die gurrenden Tauber mit den schmachtenden Täubinnen.

Er und der Franzi waren ganz närrisch in ihr Federvieh. Jede Taube hatte ihren Namen und sie redeten mit ihnen so gescheit wie mit Menschen. Fehlte einmal eine, dann gingen sie in die Nachbarschaft suchen und waren untröstlich, wenn sie feststellen mußten, daß die Verlorene entweder von einer Katz' oder einem menschenähnlichen Raubtier gefressen worden war. Hatte sich die Schar wieder gar zu fleißig vermehrt, mußten sie auf Geheiß der Frau Mutter an einem Sonntagvormittag einen Korb voll auf den Taubenmarkt nach Gaudenzdorf tragen und dort verkaufen. Einen Kreuzer pro Stück durften sie sich behalten, aber die Trennung von etlichen ihrer Lieblinge tat ihnen dennoch weh und immer kamen sie mit nassen Augen vom Taubenmarkt zurück.

Wenn sie ihre Tauben fütterten und pflegten, gesellte sich manchmal der Bombenjongleur zu ihnen.

Der Bombenjongleur war kein Artist, er war der vazierende Perlmutterdrechslergeselle Alois Kragel, und vazierend war er nicht wie so viele andere wegen des Deutsch-Französischen Krieges und wegen der allgemeinen Flauheit, sondern, weil er eben der Bombenjongleur war. Und das bedarf einer Erklärung.


Wenn auch die wimmelnde Masse der Lohnsklaven hoffnungslos und in ihr grausames Schicksal ergeben vegetierte, dahindöste, schuftete, alles entbehrte und starb, ohne die Welt und das Leben gekannt zu haben, – wenn auch dieses wie das Tier in Unbildung und Bedürfnislosigkeit gehaltene Volk nichts anderes kannte als sich Sonntags im Fuselrausch im Rinnstein zu wälzen und sich und das graue Elend kaninchenartig zu vermehren, gab es doch immer welche, die aus diesem Pferch herauswollten, an den Gittern ihres Kerkers rissen und nicht und nicht glauben wollten, daß es ewig so sein müsse. Immer wieder tauchten aus der Masse Apostel auf, die den Kreuzzug der Ausgebeuteten gegen ihre Ausbeuter predigten. Sie verglichen die Ausgebeuteten mit dem Elefanten, der sich von einem schwachen Menschlein in die Gefangenschaft und zu Kunststücken und Arbeitsleistungen zwingen läßt. Wäre sich, lehrten sie, der Elefant seiner Riesenkräfte bewußt, er würde seine kleinen Bezwinger einfach mit dem Rüssel wegblasen.

Diese Prediger in der Wüste fanden Jünger, aber nur wenige, weil sie von vielen nicht verstanden wurden. Daß sie von den Erbpächtern der Welt, die ihr Alleinbenützungsrecht bedroht sahen, mit allen Hunden gehetzt, durch die Kerker geschleift und auf ihre Galgen und Schafotte gezerrt wurden, begreift man. Keiner, der im Paradiese sitzt, läßt sich ohne Gegenwehr daraus verjagen. Noch dazu, wenn er alle Waffen hat und die Belagerer des Paradieses keine. Aber sie wurden auch von denen geächtet, die sie erlösen wollten. Wären diese Apostel einige Jahrhunderte früher unter die Menge getreten, sie wären von ihr ans Kreuz geschlagen worden. Wie die Wachthunde stellten sich die Knechte hin, fletschten die Zähne und knurrten, damit sich keiner an ihre Herren heranwage und ihnen ein Leid tue. Sie waren Knechte und sie waren feig.

In den Siebzigerjahren des vorigen Jahrhunderts herrschte in Österreich der Liberalismus. Er stand auf schwankem Boden. Vom Klerikalismus und vom Feudalismus bedroht, war er nur nach unten brutal, weil von unten kein Widerstand zu fürchten war. Seine Aufgabe war es, die Fiktion aufrechtzuerhalten, daß Österreich ein deutscher Staat sei, trotzdem die nichtdeutschen Nationen in der Mehrzahl waren. Eine dieser nichtdeutschen Nationen nach der anderen wurde flügge. Die Ungarn ungebärdig, in der rechten Flanke die unsanften Stöße der Klerikalen und Feudalen, in der linken das Andrängen der Slaven, von unten herauf das anschwellende Grollen der Sklaven – dazwischen und darüber das sozusagen deutsche freiheitliche Bürgertum, das alle diese Dinge meistern sollte und natürlich nicht konnte, weil das niemand gekonnt hätte, – so sah damals schon Österreich aus.

Der Märzsturm des Jahres 1848 hat das arbeitende Volk von Wien, das in den Vorstädten jenseits der Linienwälle hauste, aufgerüttelt. Sie stellten sich in den März- und Oktobertagen des Revolutionsjahres dem damals ach! so freiheitshungrigen Bürgertum nicht nur zur Seite, sondern kämpften auf den Barrikaden in den vordersten Reihen und bluteten und starben für Freiheit und Menschenrechte. Aber als diese dank dem Schwerte und der Faust der Wiener Arbeiter errungen waren, wurden sie von dem nun freiheitgesättigten Bürgertum wieder nach Hause geschickt in ihre Vorstädte, blieben rechtlos und geknechtet wie eh und versanken wieder in den Dämmerschlaf des gefesselten Riesen.

Aber dem regsameren und beweglicheren Teil des Wiener Volkes wollte das Jahr 1848 nicht mehr aus dem Kopfe, und auch die Worte des ersten deutschen Kommunisten Wilhelm Weitling sind nicht wirkungslos verpufft. Der Schneidergeselle Wilhelm Weitling aus Magdeburg zog durch die Welt und predigte einen allerdings nicht wissenschaftlich fundierten, sondern rein gefühlsmäßigen Kommunismus. Seine Broschüre »Die Menschheit, wie sie ist und wie sie sein sollte«, wurde von denen, die diese überall verbotene Schrift erhaschen konnten, mit fieberglänzenden Augen verschlungen. Er wurde als Verkünder eines neuen Evangeliums von vielen tausend Bedrückten vergöttert, von den öffentlichen Gewalten natürlich von einer Grenze zur anderen gehetzt. Er machte sich schließlich in New York ansässig, wo er durch Selbstmord endigte, nachdem er eine wertvolle Erfindung gemacht hatte. Aber der Same, den er auf seinen Wegen gestreut, keimte in fruchtbarer Erde.

Später drang die Kunde von Karl Marx nach Österreich und das kommunistische Manifest, und sein »Proletarier aller Länder, vereinigt Euch!« weckte das Proletariat.

Als im Jahre 1864 Karl Marx in London die Internationale Arbeiter-Assoziation gründete und im selben Jahre Ferdinand Lassalle den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein, gab es auch in Wien kein Halten mehr.

Nach jahrelangem vergeblichen Bemühen, den Widerstand der furchtsamen Staatsgewalt zu brechen, gelang es endlich 1867, die Genehmigung der Statuten des ersten Arbeiterbildungsvereines (des noch heute bestehenden ehrwürdigen Gumpendorfer Arbeiterbildungsvereines) durchzusetzen. Die für den 8. Dezember 1867 in den Saal des Hotels »Zum blauen Bock« einberufene konstituierende Versammlung war so massenhaft besucht, daß diese Versammlung auf Sonntag, den 15. Dezember vertagt werden mußte. Über 3000 Personen waren herbeigeströmt, über 1000 sind sogleich beigetreten.

Im Jahre 1868 fand man im Briefkasten des Arbeiterbildungsvereines den mit J. J. Zapf gezeichneten Text eines Liedes: dieses »Lied der Arbeit«, von Josef Scheu vertont, wurde bald zur Hymne der österreichischen Arbeiterschaft.

Im Arbeiterbildungsverein, der zum Zentrum der Arbeiterbewegung geworden war, gab es zwei Strömungen: die Anhänger der von Lassalle verfochtenen Staatshilfe und die sogenannten Selbsthilfler, eine von dem Deutschen Schulze-Delitzsch nach der Idee des Franzosen Bastiat zurechtgestutzte, einigermaßen verschwommene kleinbürgerliche Lehre, wonach das Proletariat durch Gründung von Konsumvereinen und Produktivgenossenschaften seine Lage verbessern könnte und so alle Klassengegensätze verschwinden würden. Dieser Streit wogte so lange, bis sie allesamt Marxisten wurden.

Der Anfang der Arbeiterbewegung in Österreich fällt sonach in das Jahr 1867. Den Herrschenden und ihrem Vollzugsorgan, der Staatsgewalt, behagte es nicht, Arbeiter aus Werkstätten und Fabriken, die zu arbeiten und sich zu verkriechen hatten, so selbstbewußt auftreten zu sehen. Die Behörden hemmten die Tätigkeit des Arbeiterbildungsvereins und schikanierten ihre Funktionäre, die täglich mit einem Fuß im Landesgericht standen, und die Spießer erklärten am Stammtisch: »Zu was brauchen die Falotten a Urganisation? No weniger arbeiten und no mehr Lohn möchtens haben. Wenn i ein' von meine G'sellen draufkomm, daß er urganisiert is, kriegt er a paar Watschen und fliegt aussi.«

Und das ist gar nicht selten wirklich geschehen. Aber die, die schon das neue Evangelium in sich aufgenommen hatten, waren nicht mehr einzuschüchtern. Sogar in den Kronländern ging man mit Erfolg an die Gründung von Arbeitervereinen.

Am 11. Mai 1868 erschien beim Minister des Innern Dr. Giskra eine Deputation des 5. Arbeitertages und überreichte ihm eine Resolution, in der das allgemeine Wahlrecht gefordert wurde.

Dieser deutsche Liberale, der schon vorher den denkwürdigen Ausspruch getan, daß die soziale Frage bei Bodenbach (Grenzstadt zwischen Deutschland und der Monarchie) aufhöre, sagte: »Nein, niemals taugt das allgemeine Wahlrecht für Österreich, weder jetzt noch später.«

Derselben Deputation erklärte Dr. Giskra: »Die soziale Frage, das ist auch so ein Schlagwort, welches die Leute, so wie das Wort: Freiheit, im Munde führen und nicht wissen, was es heißt.«

Am 29. August 1868 veranstaltete der Arbeiterbildungsverein für den 1864 in einem Duell gefallenen Ferdinand Lassalle eine würdige Totenfeier, bei welcher Gelegenheit die Fahne des Vereins, die erste rote Fahne in Österreich, enthüllt wurde. Noch heute wird bei Demonstrationen und festlichen Aufzügen die alte verwitterte Fahne des Gumpendorfer Arbeiterbildungsvereins mitgetragen und als Blutzeugin historischer Kampfe gegrüßt.

Allmählich stellten sich auch Intellektuelle der Arbeiterbewegung zur Verfügung. Sicher aus ideellen Gründen, denn die damals so schwache und einflußlose Arbeiterbewegung konnte Strebern keinerlei Befriedigung bieten. Aber die Arbeiterschaft war mit Mißtrauen erfüllt gegen alles, was aus dem Lager des Bürgertums herüberkam, welches Mißtrauen Karl Marx in den Satz gekleidet hat: »Die Befreiung der Arbeiterklasse kann nur das Werk der Arbeiterklasse selbst sein!«

Dennoch war damals ein Intellektueller, Dr. Hyppolit Tauschinsky, der Führer der sozialdemokratischen Partei in Österreich, jedoch nur bis Ende 1868; am 22. Dezember d. J. schied er infolge persönlicher Differenzen aus der Partei aus, in der er aber später nochmals eine große Rolle spielte.

Der Arbeiterbildungsverein gründete Fachsektionen, aus denen später die Gewerkschaften hervorgingen, aber auch eigene Gewerkvereine wurden schon 1868 und 1869 ins Leben gerufen, die den Zweck hatten, für eine Herabsetzung der übermenschlichen, oft sechzehnstündigen Arbeitszeit auf zwölf Stunden und gegen die Willkürlichkeiten in der Lohnhöhe zu kämpfen.

Die behördlichen Schikanen nahmen zu. Versammlungen, die abgehalten werden sollten, wurden rundweg verboten, die junge Partei sah sich um alle Möglichkeiten gebracht, die Arbeiterschaft aufzurütteln; um zu den Massen sprechen zu können, erschien am 11. April 1869 das erste sozialdemokratische Blatt, die »Volksstimme«, die von Hermann Hartung und Heinrich Oberwinder redigiert wurde. Doch bald folgte auf dem politischen Schachbrett der Gegenzug.

Das Protokoll des Kronrates vom 9. September 1869 enthält darüber folgenden Bericht:

»Der Minister des Innern befaßt sich mit der Bildung eines sozialdemokratischen Arbeiterbildungsvereines in Wiener-Neustadt und ist für ein Verbot. Unterrichtsminister Dr. Ritter von Hasner gibt zu erwägen, ob es nicht korrekter wäre, erst wenn in einer Versammlung von der sozialdemokratischen Republik geredet wird, den Verein aufzulösen. Auch Finanzminister Dr. Brestel ist für strenge Einhaltung formeller Gesetzlichkeit. Dr. Giskra meint, man könne mit formeller Gesetzlichkeit nicht regieren.«

Kaiser Franz Josef I. schrieb an den Rand dieses Protokolles: Sehr wahr! Daraufhin wurden alle angemeldeten Arbeitertage und -Kongresse verboten.

In der interministeriellen Konferenz vom 30. November 1869 wurde Klage geführt, daß hinsichtlich Statutengenehmigung als auch rücksichtlich Beaufsichtigung der Versammlungen zu liberal vorgegangen werde. Sektionschef von Wehli beantragt: »Es sollen jene Arbeitervereine aufgelöst werden, deren Mitglieder sich an Volksversammlungen mit politischem Programm beteiligen.«

Beschluß: Jeder Gegenstand politischer Natur sei von den Verhandlungen der Arbeitervereine streng ausgeschlossen. Jede Verbindung eines solchen Vereines mit einem politischen Verein des In- und Auslandes sei zu untersagen. Das Verhältnis des Arbeiterbildungsvereines zu den Fachvereinen sei näher zu erheben. Jede Beteiligung eines Vereines bei der Veranstaltung oder Abhaltung einer Volksversammlung, auf welcher auch politische Fragen behandelt werden, sei auszuschließen. Im Falle des Zuwiderhandelns sei mit der Auflösung des Vereines nach der Strenge des Gesetzes vorzugehen. Es sei auf eine strengere Anwendung des § 6 des Gesetzes über das Versammlungsrecht, namentlich in Fabriksorten mit einer bereits aufgeregten Bevölkerung, zu bestehen.

Ministerialrat Dr. Klun hält mit Rücksicht auf den Bildungsgrad der Arbeiter in Wien eine Diskussion über Produktivassoziationen durch Staatshilfe und über das Referendum für unbedingt staatsgefährlich.

Sektionschef Banhans meint: »Es sei notwendig, die Sorge für Arbeiterwohnungen in verläßliche Hände zu bringen. Gegenwärtig haben sich nur Leute der klerikalen Richtung dieser Sache angenommen und dieser Umstand sei gefährlich.«

Da die Arbeiter selbst keine Versammlung mehr einberufen konnten, wandten sie sich an wohlwollende bürgerliche Politiker, die die Einberufung besorgten. Meist fand sich der demokratische Wiener Gemeinderat Steudel dazu bereit.

Am 13. Dezember 1869 wurde das Parlament nach langer Ferialzeit wieder eröffnet. Es war ein wunderschöner Wintermorgen, ein Montag. Von überall her strömten Arbeitermassen auf den Paradeplatz. (So hieß der Platz, wo heute das Rathaus steht und der Rathauspark davor.) Es waren bald mehr als 20.000 Menschen beisammen. Eine Deputation überreichte dem Ministerpräsidenten Grafen Taaffe eine Petition, die das Koalitionsrecht, die Beseitigung der Zwangsgenossenschaften, freies Vereins- und Versammlungsrecht, absolute Preßfreiheit, gleiches und direktes Wahlrecht, Beseitigung des stehenden Heeres, allgemeine Volksbewaffnung forderte. Nach Rückkehr der Deputation zog die Menge zum »Zobel« nach Fünfhaus, wo eine Volksversammlung abgehalten wurde.

Ferdinand Kürnberger, ein Wiener Schriftsteller jener Zeit und wortgewaltiger Hasser aller Tyrannei, der die Lenker der Menschheitsgeschicke nicht mit Glacéhandschuhen anfaßte, schrieb nach dem 13. Dezember 1869: »Mit diesem Schritt tritt ein neuer Herrscher auf die Weltbühne.«

In der Nacht vom 23. auf den 24. Dezember 1869, also vor der »stillen heiligen Nacht«, wurden die Mitglieder der Deputation aus den Betten geholt, verhaftet und unter Hochverratsanklage gestellt. Nur Hermann Hartung war rechtzeitig entwischt. Am 2. März wurden auch die Wortführer Andreas Scheu, Johann Pabst, Johann Most und Heinrich Oberwinder in Haft gesetzt. Vom 4. bis 14. Juli fand der Hochverratsprozeß statt, der mit der Verurteilung der Angeklagten, zu 6, 4 und 3 Jahren schweren Kerkers und mehrmonatigem Arrest, teils wegen Hochverrats, teils wegen öffentlicher Gewalttätigkeit, endete. Im Februar 1871 wurden sämtliche Verurteilten amnestiert.

Nach dem Hochverratsprozeß erfolgte die Auflösung fast aller Arbeiter- und Fachvereine Wiens. Das war ja auch der Zweck der Übung.

In der Magdalenenstraße in Gumpendorf, wo der Arbeiterbildungsverein seinen Sitz hatte, kam es in der Folge zu Straßendemonstrationen, denen Militär zu Roß ein Ende machte. Nach der Auflösung wurde der Arbeiterbildungsverein am 13. November 1870 wieder neu konstituiert. Doch schon am 14. Dezember 1869 lag dem Parlament ein Gesetzentwurf über das Koalitionsrecht vor, das mit unheimlicher Promptheit beschlossen wurde und am 7. April 1870 in Kraft trat. Der 13. Dezember 1869 war doch kein vergeblicher Kraftaufwand gewesen, wenn er auch schwere Opfer gekostet hat. Freilich, die, die das Gesetz gemacht hatten, glaubten, einen Brocken hingeworfen und nun Ruhe zu haben.

Unter welchen Verhältnissen die Arbeiterschaft lebte, solange man sie hindern konnte, sich zur Abwehr zusammenzuschließen, ist heute unvorstellbar. Die Bäckerarbeiter mußten bei elenden Löhnen täglich 18 Stunden arbeiten und wurden von den Meistern so lange geduzt, bis sie beschlossen, auch die Meister zu duzen. So wie den emsigen Ameisen, die Splitter und Sandkorn herbeischleppen, bis nach langer mühseliger Arbeit der Bau fertig ist, den dann ein rücksichtsloser Stiefel niedertritt und damit alles wieder zerstört, so erging es damals auch dem Proletariat. Sie bauten sich ihre Festungen und schmiedeten ihre Waffen – dann setzten sich in einem Regierungssalon ein paar Herren um den grünen Tisch herum und zerschmissen mit einem Federstrich den Bau, zerbrachen mit einem Befehl an Exekutivorgane die Waffen. Und was noch übrig blieb, vernichteten sie mit Verleumdungen und Verdächtigungen, die Übelwollende und Engstirnige aus den Reihen des Proletariats selbst gerne glaubten.

So sagte man den Sozialdemokraten nach, daß sie die Absicht haben, Brände zu legen, Kassen zu erbrechen und Bomben zu werfen, um die göttliche Weltordnung aus den Angeln zu heben. Und die Wortführer glaubte man unschädlich zu machen, indem man ihnen vorwarf, daß sie von blutigen Arbeiterkreuzern flott lebten. Und weil der Perlmutterdrechslergeselle Alois Kragel auch einer von denen war, die mit dieser Weltordnung unzufrieden waren und sie nicht gerecht fanden, hießen sie ihn den Bombenjongleur, trotzdem er keine Ahnung hatte, wie eine Bombe ausschaut.

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