Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Robert Maximilian Ascher >

Der Schuhmeier

Robert Maximilian Ascher: Der Schuhmeier - Kapitel 38
Quellenangabe
typefiction
authorRobert Ascher
titleDer Schuhmeier
publisherWien: Freiheit
year1933
correctorreuters@abc.de
senderMag. Dr. Harald D. Gröller
created20070107
Schließen

Navigation:

Sechsunddreißigstes Kapitel

Als das Morden draußen auf den Feldern der Verunehrung des Namens Mensch immer grausiger und die Not daheim mit jedem Tage unerträglicher wurde in den Weltkriegsjahren, sagten die Leute: »Wenn der Schuhmeier noch lebte, wär es nicht so weit gekommen«, und äußerten den Verdacht, daß man ihn eigens aus dem Wege räumen ließ, um das große Schlachten ungehindert beginnen zu können. Wurde er doch einundeinhalb Jahre vor dem Unglücks-Juli 1914 gefällt.

Auch von Dr. Lueger haben seine Leute, nachdem der Begeisterungsrausch verflogen war, behauptet, daß er den Weltkrieg nicht zugelassen hätte.

Weder der Dr. Lueger noch der Schuhmeier hätten den Weltkrieg verhindert – und so sehr gefürchtet haben damals seine Anstifter das österreichische Proletariat noch nicht, daß sie nur über die Leiche eines seiner geliebtesten Führer mit Brandfackeln zu jonglieren gewagt hätten.

Aber daß das Volk glaubte, er wäre imstande gewesen, der rasenden Kriegsfurie in den Arm zu fallen und so unausdenkbar Furchtbares von der Menschheit abzuwenden, zeugt, wie überlebensgroß Franz Schuhmeier in den Herzen und Hirnen derer fortlebt, die ihn am Werke gesehen.

Der heutigen Jugend freilich ist er nicht viel mehr als ein klingender Name, der zu verblassen droht, wie das Proletariat überhaupt viel zu wenig haushält mit seinen Lebenden und mit seinen Toten, mit den einen zu wenig Geschichten und mit den anderen zu wenig Geschichte macht. Das ist ein schwerer Fehler, weil sich Mut und Leidenschaft nur an großen Vorbildern entzünden. Nicht umsonst schleppt die Weltgeschichte, die dynastischen Interessen dient, die Namen und die scheußlichen Taten aller Menschenschlächter und aller Strohköpfe, die auf irgend einem wurmstichigen Thron geknotzt, durch die Zeiten fort.

Einer, dessen Erdenwallen mehr aufwiegt als das von ein paar tausend Schlachtenlenkern, -denkern, -gewinnern und -verlierern, war der Franz Schuhmeier. In ihm war Saft und Kraft, aus den Wurzeln des Volkes gezogen, und während die Großen der Geschichte alter, neuer und neuester Zeit die Menschen für schmierige Privatinteressen in den schwarzen Tod führten, hat er es unternommen, sie ins lachende, sonnige Leben zu geleiten. Während sich die Obern als die alleinigen, auserwählten Menschen dünkten, für die ausschließlich alles, was die Erde birgt, bereitgestellt wurde, und sie die anderen als Gewürm verachteten, hat der Schuhmeier sich gemüht, aus den Volksmassen Menschen zu machen, fühlende, denkende, handelnde, ihr Geschick selbst bestimmende Menschen, die so frei sein sollen wie die oben es sind, und auch ihr bißchen Freude und Glück genießen dürfen.

Nicht darum handelt es sich, trockene Biographien unserer Lehrer, Führer, Wegbereiter und Märtyrer zu schreiben, wie die Historiker es tun, nicht darum, Geburtsorte und Tage aufzuzeichnen, Jahreszahlen zum Auswendiglernen hinzusetzen, Aussprüche, irgend einmal getan oder nicht getan, zu zitieren, und wie von einbalsamierten Monarchen Episoden aus dem Leben, wahre oder gut erfundene, auf die Nachwelt zu bringen.

Aber was wichtig ist und erzen in die Geschichte des österreichischen Proletariats hineingeschrieben werden muß für immer, das ist, daß die Partei dieses Proletariats, die österreichische Sozialdemokratie mit Franz Schuhmeier und auch durch ihn gewachsen ist. Franz Schuhmeier hat die unten alle an der Hand genommen und mitgeführt, weil er wollte, daß sie alle sich der Welt und ihrer Schönheit freuen sollen und – weil er wußte, daß dort oben Platz für alle ist.

Von Franz Schuhmeier nichts zu wissen, als daß es ihn einmal gegeben hat, heißt, von der Geschichte der Partei des Proletariats nichts zu wissen und nichts davon, was dieses Proletariat im Gegensatz zu heute einmal gewesen ist. Wer den Weg zum Ziele von der Stelle aus, wo einer liegen geblieben ist, fortsetzen will, muß wissen, wie der Gefallene bis hierher gekommen ist, sonst kommt er nicht ans Ziel. Wenn er nicht weiß, welche Hindernisse sein Vorgänger zu umgehen, welche Hürden er zu überspringen hatte, die auch er auf der weiteren Wegstrecke zu überwinden haben wird, verzagt und ermattet er vor dem weiten Ziel.

Franz Schuhmeier war nicht die sozialdemokratische Partei und er war nicht der einzige, dem sie ihre Größe dankt. Und wenn er etwa gar nie gelebt hätte, wäre sie auch dort, wo sie heute ist. Das Entstehen, die Entfaltung und der Sieg des Sozialismus sind nicht das Werk einzelner zufälliger Personen. Das ist alles ehernes Muß. Wer das anders sieht, ist kein Sozialist. Und die Menschen, die der Sozialismus braucht, um sich entfalten und um siegen zu können, waren immer da und werden immer da sein.

Er war nicht der Schöpfer einer Idee, er war ihr Verbreiter. Einer der erfolgreichsten Verbreiter des zündenden Gedankens von der Gleichheit alles dessen, was Menschenantlitz trägt, einer der Jünger und Apostel der weltumwälzendsten Lehre seit Verkündigung des Christentums, des marxistischen Sozialismus. Und er war ein eifervoller Künder dieser neuen Lehre, der argwöhnisch darüber wachte, daß sie nicht verfälscht werde, wie andere Lehren täglich verfälscht werden.

Aber für das österreichische und für das Wiener Arbeitervolk zumal war, ist und bleibt dieser Franzl, der Hausmeistersohn aus der Hirschengasse in Mariahilf eine hochragende Figur, ein Symbol. Ein Wiener, der diese herrlichste aller Städte liebte wie nur einer, ohne zum weinseligen versumperten Weaner zu verflachen, für den es nur die blaue Donau und den Stefansturm und sonst überhaupt nichts mehr in der Welt gibt. Ein Prolet, der nicht Prolet bleiben wollte und sich zum modernen Proletarier emporgearbeitet hat, es dabei nicht selbstgenügsam bewenden ließ, sondern alle die anderen Proleten auch dort haben wollte, wohin zu gelangen es ihm möglich gewesen ist. Ein Fanatiker der Gerechtigkeit und des gleichen Rechtes und ein unbeugsamer Kämpfer für Gerechtigkeit und gleiches Recht. Und ein Aristophanes aus dem Proletariat, der den Mutterwitz, die kecke Satire, die Heiterkeit und die Schlagfertigkeit seiner unterdrückten, aber ihrer Befreiung sicheren Klasse verkörperte.

Auch den Alten und Ältesten, aber noch mehr der nachkommenden Jugend muß dieser Mann, sein Leben und sein Werk ins Bewußtsein und ins Gedächtnis geätzt werden, damit sie an ihm erstarke und werde wie er.

Und wenn sie marschieren und kämpfen für die Befreiung der ganzen Menschheit aus Geistesnacht und Körpernot – mögen die von oben, die um ihre Monopole zittern, ihre Kanonen auffahren und ihre Schergen die Knüttel schwingen lassen und mögen sie für Geld und Gönnerworte arme Hunde aus der Menschheit allertiefsten Tiefen wie Buldoggen gegen die sich hinaufarbeitenden armen Hunde hetzen – mit dem Bilde Franz Schuhmeiers voraus werden sie dennoch siegen!

 << Kapitel 37 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.