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Der Schuhmeier

Robert Maximilian Ascher: Der Schuhmeier - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
authorRobert Ascher
titleDer Schuhmeier
publisherWien: Freiheit
year1933
correctorreuters@abc.de
senderMag. Dr. Harald D. Gröller
created20070107
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Vierunddreißigstes Kapitel

Beim Kührer in der Hahngasse fand Ende 1911 eine Versammlung der Ortsgruppe Alsergrund des Vereines »Kinderfreunde« statt. Ehe sie noch zu Ende war, kamen aus der nahen Pramergasse einige Arbeiter von der »Kronen-Zeitung« atemlos hereingestürmt und berichteten, die Redaktion der »Kronen-Zeitung« hatte die Nachricht erhalten, der Schuhmeier sei ermordet worden. Wo und wann, sei noch nicht bekannt.

Der Redner unterbricht. Alles springt entsetzt auf, alle Gesichter sind leichenblaß. Die von der »Kronen-Zeitung« wissen nichts Näheres. Die Nachricht sei telephonisch übermittelt worden. Max Winter, der Zentralobmann der »Kinderfreunde«, ruft die Arbeiter-Zeitung an. Dort weiß man nichts. Trotzdem will sich niemand beruhigen. Karl Volkert, der anwesend ist, fährt mit dem Ottakringer Genossen Sternglas in einem Autotaxi hinaus in die Wilhelminenstraße. Der Volkert läutet an. Die Rosl öffnet.

»Wissen Sie, wo der Vater ist?« frug der Volkert.

»Ja, drinnen schläft er.«

»Ist das ganz bestimmt?«

Die Rosl versteht nicht. »Bitte schauen Sie sei selber, drinnen schläft er.«

Der Volkert atmet tief auf: »Na, dann ist's recht. Gute Nacht.«

Die beiden gehen und jubeln in sich hinein. Die Rosl schaut ihnen kopfschüttelnd nach.


Der Schuhmeier hat von dem Gerücht erfahren. Vom Tod und vom Sterben wollte er nichts hören. Er hing am Leben. Es blieb ihm in dieser Welt noch so viel zu tun, das noch nicht getan war. Und sie ist überhaupt so schön die Welt –, wenn man sich die Menschen wegdenkt. Der Dr. Lueger hat einmal im Landtag gesagt, daß er von der medizinischen Wissenschaft nichts halte, solange sie nicht einen Grashalm konstruieren könne. Das hat man ihm sehr übel genommen. Auch bei den Sozialdemokraten. Der Schuhmeier war nicht unter den Übelnehmern. Er hat noch mehr gesagt: »Solang die Herren Ärzte nicht einen Toten wieder lebendig machen können, können s' nix, abgesehen davon, daß sie überhaupt nix können.«

Ihn wurmte es, daß der heikelste Beruf, der ärztliche, bei dem es um das Kostbarste und Einmaligste, um das Leben geht, der einzige Beruf sei, der keinerlei Verantwortung zu tragen hat. »Wird der Patient zufällig gesund,« sagte er einmal, »dann sagen sie, das ist die ärztliche Kunst, stirbt er, reden sie sich auf die Natur und auf die Krankheit aus. Und sie sind doch dazu da, Krankheiten zu kurieren, ein Gesunder braucht sie nicht.«

Öfters meinte er, es sei gar nicht wahr, daß der Mensch sterben müsse; es wachse sicher ein Kraut gegen den Tod, aber die Wissenschaft, die nichts wisse, suche es nicht und finde es daher nicht, weil sie selbst noch gar nicht an die Möglichkeit, es könnte ein solches Kraut geben, gedacht habe.

Und er prophezeite, daß das Kraut einmal gefunden und das Sterben aufhören würde. Ganz elegisch schloß er solche Betrachtungen: »Leider werd ich's nimmer erleben.«


Im Jänner 1912 wählte das deutsche Volk wieder seinen Reichstag. Die Sozialdemokraten erhielten eine Million Stimmen und 110 Mandate, ein überwältigender Sieg.


Im April wählten die Wiener wieder ihren Gemeinderat. Die Sozialdemokraten erhielten im IV. Wahlkörper 118.526 Stimmen und zehn Mandate. Die Christlichsozialen bekamen 120.817, also nur um 2291 Stimmen mehr und dafür in allen vier Wahlkörpern 135 Mandate. In Ottakring wurde sogar im III. Wahlkörper der Sozialdemokrat Anton David in den Gemeinderat und vom selben Wahlkörper des »kleinen Mannes« zehn Sozialdemokraten in die Bezirksvertretung entsendet. Den Christlichsozialen, die die Bezirksvertretungen als ihre alleinige Domäne betrachteten, in denen sie sich ungestört und unkontrolliert alles ausschnapsen konnten, paßten diese zehn sozialdemokratischen Bezirksrate unter 30 nicht. Sie sabotierten so lange die Wahl des Bezirksvorstehers, bis die Bezirksvertretung aufgelöst wurde, und bei der Neuwahl funktionierte der Apparat wieder besser.


Der neue Bürgermeister von Wien, Dr. Josef Neumayer, war nicht nur taub und unfähig, sondern auch bösartig. Wo er, auf seine Macht und seine Barrierestöcke gestützt, der Opposition etwas antun, sie vergewaltigen konnte, tat er es.

Der Schuhmeier unternahm es, diesen Bürgermeister zu stürzen, und setzte es durch. In einer Gemeinderatssitzung rief er: »Fahrt ab mit dem Schandfleck da oben, ehe es zum Eklat kommt.«

Und bald darauf wieder: »Der Vorsitzende ist ein Schandfleck dort oben auf dem Bürgermeisterstuhl.«

Er wird dafür von dieser und den nächsten drei Sitzungen ausgeschlossen, der Bürgermeister klagt, der Schuhmeier betreibt sowohl im Landtag als im Reichsrat seine Auslieferung, weil er den Dr. Neumayer bei Gericht stellen will. Aber noch ehe es zur Verhandlung kam haben seine eigenen Leute dem Dr. Neumayer nahegelegt, zu verschwinden. Dr. Richard Weiskirchner wurde Bürgermeister von Wien.


Das Belvedere und seine Kriegspartei ruhten nicht und gaben keine Ruhe. Der Balkankrieg war ausgebrochen. Bulgarien, Serbien, Montenegro und Griechenland führten gemeinsam gegen die Türkei Krieg. Das wäre, meinte die österreichische Kriegspartei, der günstigste Moment, Serbien für immer unschädlich zu machen. Sie wühlten und wühlten und eine lakaienhaft-willfährige Presse wühlte mit. Die Kriegspartei konnte nicht ganz durchdringen. Die Regierung verlangte wohl Kredite für neue Rüstungen, aber einen entscheidenden Schritt wagte sie nicht. Verärgert ging der Chef des Generalstabes, Conrad von Hötzendorf, in Pension.

In der Sitzung der Delegation im Oktober 1912 nahm der Schuhmeier energisch gegen die verlangten Kredite für neue Rüstungen Stellung: »Wir lassen uns nicht einschüchtern mit der großen Gefahr, die man als Feuer benützen will, um ein Süppchen daran zu kochen. Wir bauen auf das Volk als die verläßlichste Stütze des Friedens. Wir betonen unsere Friedensliebe, wir verlangen von der Regierung, daß sie unausgesetzt, ehrlich, aufrichtig und offen für den Frieden tätig ist. Und um die Kriegsgefahr nicht zu erhöhen, um nicht in Widerspruch zu kommen mit den Reden in der Delegation und auch aus prinzipiellen Gründen bekommt die Kriegsverwaltung von uns keinen Mann und keinen Heller.«

Am Sonntag, den 10. November, fand im Sophiensaal eine Massenversammlung gegen den Krieg statt.

Der Schuhmeier sagt: »Der Beginn des Krieges am Balkan war die größte und schallendste Ohrfeige, die die europäische Diplomatie erhalten hat. Es ist zweifellos, daß die Großmächte über den wahren Zustand der Türkei gar nicht orientiert waren, gründlich orientiert waren wohl die vier Balkanstaaten, aber Österreich nicht. Und wir können darum schon fragen, was die Vertreter der österreichischen Diplomatie die ganze Zeit in der Türkei gemacht haben? Die europäische Diplomatie hat sich den Balkanstaaten gegenüber blamiert, weil sie den berühmten Status quo noch aufrecht hielt, als er längst schon erledigt war und umsatteln mußte. Diejenigen, die zum Kriege hetzen, verfolgen Sonderinteressen. Entweder wollen sie billigen Lorbeer erringen oder schamlosen Profit. Wenn der Mord bestraft wird mit dem Tode, wenn der Mord an dem einzelnen nach dem Gesetze den Galgen verdient, was verdienen die für eine Strafe, die zu Urhebern eines Massenmordes werden?«

Und seherisch schloß er diese Rede: »Österreich wird sein ein Bund freier Völker oder es wird nicht sein.«

Die Kriegspartei fiel über die Sozialdemokraten her und denunzierte sie als Hoch- und Vaterlandsverräter, und die »Patrioten« zogen vor die serbische Gesandtschaft und gröhlten damals schon ihr »Serbien muß sterbien«.

Die Gegnerschaft zwischen Österreich-Ungarn und Serbien hatte weniger territoriale als handelspolitische Hintergrunde. Das kleine Serbien war ein Land der Schweinezüchter. Da dieses Land zwischen anderen Staaten eingeschachtelt war, nicht einmal einen Zugang zum Meere hatte, wäre der Nachbar Österreich-Ungarn der einzige in Betracht kommende Abnehmer für die serbischen Schweine gewesen. Und wir hätten billiges Fleisch gehabt. Dagegen wehrten sich sowohl die österreichischen als auch – noch mehr – die ungarischen Schweinezüchter. Sie hätten sonst mit den hohen Schweinepreisen herunter müssen. Hauptsachlich deshalb suchte Serbien Landzuwachs, um neue Nachbarn und in diesen Abnehmer für seine Schweine zu bekommen.

Den Großgrundbesitzern war Krieg und Massenmord lieber als geringerer Profit am österreichischen und ungarischen Schwein und Erleichterung der Volksernährung. In diesen kriegerischen Tagen sagte der Führer der Großagrarier, der Reichsritter von Hohenblum: »Uns sind die serbischen Soldaten ungefährlicher, als die serbischen Ochsen und Schweine.«

Darauf antwortete der Schuhmeier in der »Volkstribüne«: »Nun weiß man, daß es zwischen der Teuerung und der Kriegsgefahr einen Zusammenhang gibt und daß die Herren Agrarier lieber die österreichischen Soldaten den serbischen Bajonetten ausliefern würden, als daß sie zugeben, daß die serbischen Ochsen ihnen Konkurrenz machen und die Preise drücken könnten.«

Rußland mobilisiert, um Serbien, sollte es angegriffen werden, beizustehen.

Graf Stürgkh schickt das Parlament heim und regiert mit dem § 14. Die Kriegspartei hat Oberwasser. Die Situation ist zum Reißen gespannt.

Die Kriegspartei will einen Vorwand schaffen, um Österreich-Ungarn in die Zwangslage zu versetzen, in den Balkankrieg einzugreifen, gegen Serbien marschieren zu müssen. Serbien sollte von der Landkarte verschwinden. Zunächst ließ sie durch die feile Presse verkünden, daß die Monarchie zu ihrem Glücke unbedingt den Sandschak Novibazar brauche, von dem kein Österreicher bisher gewußt, daß es ihn gibt, und um zu verhindern, daß dieses Nest an Serbien falle, müsse man es bekriegen.

Dann packte sie das Volk an der Gefühlsseite. In Serbien gibt es eine Ortschaft, die Prizrend heißt, und in dieser saß – wozu, weiß man nicht – ein österreichischer Konsul namens Prochaska. Der war eines Tages zur Zeit der Kriegsgefahr verschwunden. Weg war er. Nichts hörte man von ihm. Ja, doch, plötzlich hörte man, die Serben hätten diesen österreichisch-ungarischen Funktionär geraubt, entführt und ihn seiner – man kann es gar nicht sagen, es ist unanständig –, aber nur heraus damit, seiner Männlichkeit beraubt.

Ganz Österreich weinte um Prochaskas Männlichkeit, und jetzt gab's kein Halten mehr. Um dieses teure Kleinod mußten wir in den Krieg. Es wurde mobilisiert. Prochaskas Männlichkeit war der Feldruf. Die Christlichsozialen veranstalteten Kundgebungen und Demonstrationen für einen Rachefeldzug. Der christliche Frauenbund hat sich, eingedenk dessen, worum es ging, besonders zahlreich daran beteiligt und nach Rache geschrien.

Im Wiener Gemeinderat beschloß die Mehrheit feierlich: »Wohl ist der Friede das höchste Gut der Völker und Staaten und seine Erhaltung ist größter Opfer wert; aber das wirtschaftliche Gedeihen der Völker, der volle Segen der Arbeit werden nur solchen Staaten zuteil, die sich den Frieden nicht durch ehrlose Schwäche, sondern gestützt auf das Bewußtsein ihrer gerechten Sache kraftvoll erhalten.«

Die Regierung unterbreitet eine Vorlage wegen der Unterhaltsbeiträge für Angehörige von Mobilisierten, was der Schuhmeier schon oftmals vorher vergeblich verlangt hat.

In den Tagen der höchsten Kriegsgefahr beruft die sozialistische Internationale nach Basel in der Schweiz einen Kongreß ein, um gegen die Kriegshetze zu protestieren und Maßnahmen zur Verhinderung eines europäischen Krieges zu beraten. Alle Länder und Nationen sind vertreten. Der internationale sozialistische Friedenskongreß findet in einer ungewohnten Lokalität statt: im Münster zu Basel, einem evangelisch-reformierten Gotteshaus. Wo sonst der Priester predigte, warnten die Vertreter aller sozialistischen Parteien vor dem Massenmord und beschlossen ein herrliches Friedensmanifest, das freilich in Österreich sofort konfisziert, dann aber vom Wiener Landesgerichte doch freigegeben wurde.

Aber nicht nur die Delegierten der sozialistischen Parteien, auch der Pfarrer des Münsters zu Basel, Täschler, ergriff das Wort zu einer Rede, die aus solchem Munde kaum je gehört wurde und überall großes Aufsehen erregte.

Auch der Schuhmeier war mit in Basel. Bald nach dem Kongreß ist der Herr Konsul Prochaska inklusive seiner mausetotgesagten Männlichkeit wieder aufgetaucht. Er war gerettet und wir auch. Die rasende Kriegsfurie mußte Beruhigungspillen einnehmen und auf bessere Zeiten warten.

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