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Der Schuhmeier

Robert Maximilian Ascher: Der Schuhmeier - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
authorRobert Ascher
titleDer Schuhmeier
publisherWien: Freiheit
year1933
correctorreuters@abc.de
senderMag. Dr. Harald D. Gröller
created20070107
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Dreiunddreißigstes Kapitel

In der ersten Junihälfte 1911 wurde der letzte Reichsrat des Kaisertums Österreich gewählt. Eigentlich gab es das gar nicht, man nannte es nur so. Es gab rechtlich und gesetzlich nur »die im Reichsrat vertretenen Königreiche und Länder«.

Die tschechische Sozialdemokratie war gespalten. Es gab zwei tschechische sozialdemokratische Parteien: die Separatisten und die international gebliebenen Zentralisten, die aber sehr schwach waren. In den rein tschechischen Wahlbezirken kandidierten Zentralisten gegen Separatisten, und sogar in rein deutschen Wahlbezirken der Sudetenländer nahmen die tschechischen den deutschen Sozialdemokraten durch Aufstellung von Zählkandidaten Stimmen weg und verhalfen bürgerlichen Nationalisten zu Mandaten und deutschen Sozialdemokraten zu Niederlagen. Im anderen Teil Österreichs und besonders in Wien ging es den Christlichsozialen schlecht. Der Führer, der Dr. Lueger, fehlte, die neue Führung machte eine Dummheit nach der anderen und die »Gott-Nimm«-Geschichte hatte ihre Wirkung getan.

Der Schuhmeier war sowohl in Ottakring als auch in der Leopoldstadt Kandidat. Auch das Reichsratsmandat wollten die Leopoldstädter mit dem Schuhmeier erobern.

Die Christlichsozialen hielten beim Mandl in Hernals eine Wählerversammlung ab. Dr. Weiskirchner und der »Salonantisemit« Dr. Robert Pattai sollten sprechen, kamen aber nicht. Wahrscheinlich sind sie gewarnt worden, daß die Stimmung in der Versammlung für sie nicht besonders günstig sei. Aber der Schuhmeier und der Sever kamen in diese christlichsoziale Versammlung und wurden mit stürmischen Hochrufen begrüßt.

Der Schuhmeier sprach. Die, die ihn anfangs nicht reden lassen wollten, brachte er sehr rasch zum Schweigen.

»So aufmerksame Zuhörer und einen solchen Applaus hab ich noch nie gehabt«, erklärte er am Heimweg.

»Und wie s' g'redt haben!« berichtete der Michel. »A Sumper mit so ein Bauch und ein goldenen Strang dran hat beim 'nausgehn g'sagt: I hab schon lang amal den Schuhmeier hören wollen. Hat mi g'freut. Schön hat er g'redt. Wann i so schön reden könnt wie der, würd i aa a Sozi.«

Der Schuhmeier ist sowohl in Ottakring als auch in der Leopoldstadt gewählt worden. Er behielt das Leopoldstädter Mandat und legte das Ottakringer zurück.

In Wien, das 33 Mandate zu vergeben hatte, wurden nur 4 Christlichsoziale gewählt – 1907 noch 20 – dagegen 19 Sozialdemokraten und 10 Bürgerlich-Freisinnige und Deutschnationale. Wien war schon rot. Unter den Gewählten befand sich von der engeren Schuhmeiergarde neben Anton David, der wieder in Ottakring II gewählt wurde, auch Karl Volkert, der gegen den christlichsozialen Arbeiterführer Leopold Kunschak Abgeordneter von Hernals geworden ist.

In den Sudetenländern verlor die Partei infolge des inneren Zwistes zwischen Deutschen und Tschechen einige Mandate. Es kamen insgesamt 82 Sozialdemokraten in den Reichsrat zurück. Früher waren es 8 gewesen. Insgesamt erhielten die Sozialdemokraten 1,043.297 Stimmen, um 3197 Stimmen mehr als 1907.

Karl Volkert war als junger Goldarbeitergehilfe aus Thüringen nach Wien gekommen und hat sich sofort in der Arbeiterbewegung betätigt. Er trat dem »Apollo« bei. In der ersten Zeit, wenn er redete, schmunzelten seine Zuhörer und verbissen sich das Lachen, weil er so stark schwäbelte, daß man ihn kaum verstand. Aber der junge Genosse lernte es bald, sich den bodenständigsten Lerchenfeldern verständlich zu machen. Durch seine ungewöhnliche Intelligenz und durch ein in strenger Selbstzucht erarbeitetes, umfangreiches Wissen gewann dieser auch persönlich sehr sympathische Mensch das Vertrauen seiner Genossen. Er wurde Landtags-, dann Reichsratsabgeordneter, Landesrat, Präsident des Touristenvereines »Naturfreunde« und Obmann des Fortbildungsschulrates. Der letzteren Funktion brachte er besonders viel Liebe entgegen, weil er hier, so wie schon früher in der Kinderfreundebewegung, für die geistige Höherentwicklung der Proletarierjugend wirken konnte. Außerdem war er der Stellvertreter des Bezirksobmannes Sever. In Karl Volkert steckte auch eine starke poetische Ader. Seine gemütstiefen Freiheitsgedichte werden noch spätere Generationen erfreuen und seine Kampflieder bereichern den Liederschatz des deutschen Proletariats und seiner Jugend.

Die Niederlage der Christlichsozialen war eine katastrophale. Sie zogen fast nur mit Vertretern des flachen Landes ins neue Abgeordnetenhaus ein. In den Städten hatten sie ganz abgewirtschaftet. Alle ihre Großen, der Prinz Liechtenstein, der Bürgermeister Neumayer, Geßmann, Kunschak, Pattai, Bielohlawek, Steiner, waren auf der Walstatt geblieben. Sie waren, wie die Arbeiter-Zeitung schrieb, zerstampft und zerrieben. Die Zerstampften und Zerriebenen höhnten ihre Überwinder als »Junisieger«, die sie nun für alles, was geschah, verantwortlich machten.

Die erste Folge der christlichsozialen Niederlage war, daß Dr. Richard Weiskirchner als Handelsminister demissionierte und sich herbeiließ, sein Erbe als Bürgermeister von Wien anzutreten.

Auch das Ministerium Bienerth ging und Gautsch kehrte wieder.


Die Not und mit ihr die Lebensmittelpreise stiegen. Im neuen Abgeordnetenhause stellten nach einer großen Rede Schuhmeiers die Abgeordneten Seliger und Genossen für die Sozialdemokraten den Antrag:

»Die Regierung wird aufgefordert, die Einfuhr des gekühlten Fleisches, und zwar der Zeit und der Menge nach unbeschränkt ohne Rücksicht auf den Einspruch der ungarischen Regierung zu gestatten.«

Dieser Antrag wurde mit 251 gegen 174 Stimmen abgelehnt. Auch die Christlichsozialen waren dagegen. Sie begründeten ihre Gegnerschaft damit, daß das überseeische Gefrierfleisch »dem verwöhnten Gaumen der Wiener« nicht munden würde.

Da waren die Wiener Arbeiter nicht mehr zu halten. Die Partei veranstaltete am Sonntag, den 17. September 1911 eine Massenversammlung vor dem Rathause gegen die Teuerung und gegen das Verhalten von Regierung und Parlamentsmehrheit.

Nach Schluß der Versammlung wurden aus der erregten Menge Steine gegen das Rathaus geworfen. Die Polizei vertrieb in gewohnt schneidiger Weise die Demonstranten.

Auf dem Rückmarsch verloren die von der Polizei wie Hasen gejagten Ottakringer die Nerven. Ob nicht auch Provokateure am Werke waren, ließ sich, wie meistens, nicht feststellen. Es wurden Gaslaternen umgerissen, Fenster von Schulgebäuden eingeschlagen, ein Straßenbahnwagen umgeworfen und angezündet. Die große Enttäuschung der Arbeiterschaft, die ihnen das Parlament des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechtes gebracht, in das sie solche Hoffnungen gesetzt hatten, mag an dieser unbegreiflichen plötzlich en Explosion schuldtragend gewesen sein.

Die Behörden sahen in diesen gewiß nicht zu billigenden, aber gar nicht so unbegreiflichen Vorgängen sofort Aufruhr, Revolution. Gaslaternen waren beschädigt, Fensterscheiben zertrümmert, sogar ein Straßenbahnwagen umgeworfen worden – das konnte nur mit Blut und Arbeiterleben gesühnt werden. Über Ottakring wurde ein förmlicher Belagerungszustand verhängt. Wie gewöhnlich wurden die Bosniaken hinausgeschickt, »Ordnung« zu machen. Es gab an diesem Sonntag, den 17. September 1911, in Ottakring drei Tote, 89 Verletzte und 263 Verhaftete. Der Michel trug einen Säbelhieb über den ganzen Schädel heim. Die Toten waren zu einer Zeit ermordet worden, da schon alles vorbei war, denn den übermenschlichen Bemühungen der Vertrauensmänner war es längst gelungen, die erregten Gemüter zu beruhigen. Und die drei Toten waren an den Tumulten ganz unbeteiligt.

Drei junge Genossen waren die Opfer: Otto Brötzenberger, Franz Joachimstaler, Franz Wögerbauer.

Franz Joachimstaler ging nachmittags mit drei kleinen Geschwistern zum Zuckerbäcker, hörte Lärm, führte die Kleinen rasch heim und wollte nachschauen, was los ist. Plötzlich sah er vor sich Bosniaken, wendete sich um und im selben Augenblick krachte eine Salve die ihm den Unterleib durchbohrte.

Franz Wögerbauer war nicht bei der Demonstration. Er hörte nachmittags schießen, ging in Hemdärmeln auf die Straße, sah aber nichts. Dann holte er sein zehnjähriges Töchterchen und ging zu einem Gasthause, um Zigaretten zu kaufen. Im selben Augenblick ließ der Wirt den Rollbalken herunter und da ritten auch schon Husaren heran. Ein Husar spaltete Wögerbauer mit dem Säbel den Schädel.

Ähnlich kam Otto Brötzenberger um sein Leben.

Die Verhafteten wurden aus den nichtigsten Ursachen drakonisch bestraft. Hier konnte sich die unparteiische Justiz austoben.

Ein Sechzehnjähriger erhielt zwei Jahre schweren Kerker, weil er einen Stein geworfen haben soll. Ein anderer ein Jahr aus der gleichen Ursache.

Für die Klassengegner ohne Unterschied der Partei war dieses Unglück ein gefundenes Fressen. Was schierten sie die Toten – das waren ja ohnehin nur Proleten; wären sie zu Hause geblieben, was haben die gegen die Teuerung zu murren!

Der Bürgermeister Dr. Neumayer, behauptete, daß zu diesen Verwüstungen von irgend einer Zentralstelle der Auftrag gegeben worden sein müsse. Daß auch Proleten einmal von selbst die Geduld reißen könnte, war für ihn ausgeschlossen.

Die bürgerliche Presse, die »christliche« ebenso wie die »demokratische« und die »jüdische«, fiel im trauten Verein über die überreizte Arbeiterschaft her. Beschimpfungen, wie »Dirnen, Horden, Kerle, in deren Gesichtern das Verbrechen ihre Spuren eingegraben habe«, waren die geringsten.

Hier zeigte sich wieder einmal das gesamte Bürgertum als Klasse geeint. Die Parteigegensätze schwiegen, waren, wie immer in solchen Fällen, vergessen, als es galt, dem Klassengegner eins auszuwischen, ihn zurückzuwerfen und womöglich unschädlich zu machen.


Eine ganze Woche nach dem 17. September war in Ottakring der Ausnahmezustand. Die Haustore mußten um 8, die öffentlichen Lokale um 9 Uhr abends gesperrt werden.


Die Leichenbegängnisse der drei Opfer, die, da sie nicht an einem Tage gestorben waren, an verschiedenen Tagen stattfanden, waren riesige Demonstrationen. Je 50.000 Menschen nahmen daran teil.

Bei der Bestattung Otto Brötzenbergers sprach der Schuhmeier am offenen Grabe tief erschüttert:

»Mußte es so sein? Mußte dieses blühende, reiche Frucht versprechende Leben zerstört werden? Warum? zu welchem Zweck? Aus welchem zu rechtfertigenden Grunde wurde es zerstört? Von ungefähr geriet Brötzenberger vor diese Berserker der Ordnung und wurde niedergestochen. Warum? Warum tat nach der gräßlichen Mordtat der Leutnant dem blutberauschten Soldaten, der ein zweites Opfer suchte, Einhalt? Warum nicht früher schon? Was geschah, als nicht weitergemordet wurde, und was wäre wohl Entsetzliches geschehen, wenn dieser tobende Ausfall mit dem Bajonett unterblieben wäre? Nichts, gar nichts! Um ein Nichts ist ein Menschenleben von der nie gezügelten Willkür der bewaffneten Macht zerstört worden. Aber wer redet von Menschen? Man redet nur von Scheiben. Man rechnet die Kosten jeder Glaskugel der Gaslaternen nach – die getötete Jünglingskraft, die Verzweiflung der Eltern, das Leid und Mitleid der in dem Genossen und Arbeitsgefährten getroffenen Arbeiterklasse hat kein städtischer und kein staatlicher Kalkulator nachgemessen. Was gäbe es Billigeres als Proletarierblut? Sie haben geprügelt, verletzt und getötet – wer sprach davon? Trotzdem das Bajonett und das Mannlichergewehr Menschenleben gefordert haben und durch niemand anderen Menschenleben vernichtet wurden als durch die Ordnungsträger, ist es offenbar doch gerechtfertigt, ausschließlich über das ›sinnlose Wüten des Pöbels‹ zu sprechen, durch das kein Mensch weder Leben noch Gesundheit eingebüßt hat. Wie weit ist die Kluft, die uns von jenen trennt! Sie stehen vor Fensterscheiben, wir aber stehen vor dem offenen Grabe. Sie rechnen und jammern aus Demagogie – um unsere Toten aber trägt das Proletariat Trauer als um die getöteten Brüder und weil es in seinem Schicksal das Bild erblickt des eigenen blutigen Ringens um das harte bißchen elende Arbeiterleben.«


Ähnliche Reden wurden beim Begräbnis der beiden anderen gehalten, die in einem gemeinsamen Grabe auf dem Ottakringer Friedhofe ruhen. Als der Schuhmeier dreimal an diesem Grabe stand, hat wohl weder er noch sonst einer gedacht, daß er schon eineinhalb Jahre später genau diesem Grabe gegenüber liegen wird.


Die Ottakringer haben die richtige Antwort gegeben. Am 3. Oktober 1911 fand in Ottakring I die Nachwahl für das durch den Mandatsverzicht Schuhmeiers freigewordene Reichsratsmandat statt. Die Partei kandidierte Albert Sever, den Bezirksobmann.

Die Gegner freuten sich auf die Niederlage der Roten. Erstens, rechneten sie, ist der Sever kein Schuhmeier, zweitens, müßte sich doch eine Wirkung der Verleumdungen und der Verächtlichmachung der Roten nach dem 17. September zeigen.

Albert Sever erhielt sogar um 326 Stimmen mehr als im Juni der Schuhmeier. Das war die Antwort der Ottakringer an die eine reaktionäre Masse.


Am 5. Oktober besprach Victor Adler im Parlament die Vorfäle vom 17. September. Während seiner Rede feuerte von der Galerie aus der Tischlergehilfe Nikolaus Njegusch Wawrik aus Sebenico in Dalmatien einen Schuß auf den Justizminister Dr. von Hochenburger ab, ohne ihn zu treffen. Ungeheure Erregung im Hause. Das sei wieder eine Wirkung der roten Hetzreden, hieß es. Der Attentäter erklärte, es hätte ihn so erbittert, als er sah, daß bei den erschütternden Klagen Dr. Adlers um Menschenleben die Herren auf der Ministerbank höhnisch gelächelt haben.


Noch im selben Jahre geht auch Gautsch wieder und Graf Karl Stürgkh, der einer der verbissensten Gegner der Wahlreform war, wird Regierungschef.

Die Sozialdemokraten beantragen neuerlich Freigabe der Einfuhr für überseeisches Fleisch. Wird wieder abgelehnt.

Wohl nur, um dem Volke die Augen auszuwischen, stellt daraufhin der christlichsoziale Abgeordnete Jerzabek einen ähnlichen Antrag. Und siehe – für ihn stimmen von seinen Parteifreunden, den christlichsozialen Abgeordneten, nur 8 von 65 und 57 dagegen!

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