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Der Schuhmeier

Robert Maximilian Ascher: Der Schuhmeier - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
authorRobert Ascher
titleDer Schuhmeier
publisherWien: Freiheit
year1933
correctorreuters@abc.de
senderMag. Dr. Harald D. Gröller
created20070107
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Dreißigstes Kapitel

Im Parlament hielt er eine mehrstündige wuchtige Rede gegen die Soldatenmißhandlungen im allgemeinen und über den speziellen Fall des zu Tode gequälten Rekruten Hangler im besonderen.

So schwer und so ernst er auch anklagte und so festsitzende Hiebe er austeilte, er blieb dennoch streng sachlich und hielt sich nur an beweisbare Tatsachen. Die Christlichsozialen, für die er das Prädikat »Stiefelwichspatrioten« erfunden hatte, wollten ihn niederschreien. Der Dr. Lueger tat sich dabei besonders hervor. Ihrem vergeblichen Wutgeheul setzte er gelassen seinen wienerischen Humor und seinen gutmütigen Spott entgegen und hatte die Lacher auf seiner Seite.

Dem Landesverteidigungsminister Latscher, der die Soldatenschindereien verteidigen wollte, setzten er und die anderen sozialdemokratischen Abgeordneten derart zu, daß dieser in offener Haussitzung seine Demission gab.


Das Abgeordnetenhaus setzte einen Wahlreformausschuß ein und in diesem wurde monatelang herumgeschachert. Bis zuletzt glaubten die Feinde der Volksrechte die Regierungsvorlage umbringen zu können. Zudem wollte jede der großen bürgerlichen Parteien eine Wahlkreiseinteilung, die ihr von vornherein eine große Mandatszahl garantierte, und jeder Abgeordnete einen solchen zusammengestoppelt haben, in dem er sicher gewählt werden müßte. Die Deutschen verlangten gar von der Wahlreform das Wunder, daß sie in diesem Österreich mit seiner überwiegenden Mehrheit der Nichtdeutschen eine deutsche Majorität hervorbringe. Die polnische Schlachta wieder wollte, daß Galizien überhaupt von der Reform ausgeschlossen bleibe und seine Vertreter weiterhin nach der alten

Methode wähle. Es wurde von den Wahlreformfeinden ein Pluralwahlrecht gefordert. Wer eine gewisse Intelligenz oder einen gewissen Besitz nachweise, sollte zwei Stimmen haben, Familienväter für jedes Kind eine Stimme mehr. Über längere oder kürzere oder gar keine Seßhaftigkeit als Voraussetzung zur Erlangung des Wahlrechtes wurde monatelang gestritten, das Frauenwahlrecht wurde von allen Bürgerparteien unter Hohngelächter abgelehnt. Wiederholt drohte das Reformwerk zu scheitern.

Da taucht die sozialdemokratische Partei immer wieder fest an. Wenn die Arbeit im Ausschuß stockt, werden in ganz Österreich Massenversammlungen einberufen. Riesendemonstrationen finden statt, der Ruf nach dem Generalstreik ertönt spontan – und die Wahlreformmaschine setzt sich wieder knarrend in Bewegung.

Außerdem hat Friedrich Austerlitz, der Chefredakteur der Arbeiter-Zeitung, ungemein viel zum endlichen Gelingen des Wahlreformwerkes beigetragen. Mehr als ein Jahr lang war jeder Leitartikel der Arbeiter-Zeitung der Wahlreformfrage gewidmet. Alle Argumente der Gegner zerpflückte er Schlag auf Schlag in verblüffend geistreicher Weise, bis ihnen kein einziges mehr übrig blieb, von hundert Seiten ging er das eine Problem an, ohne sich je zu wiederholen oder die Leser zu ermüden. Die Austerlitzsche Artikelserie über die Wahlreform ist ein journalistisches Meisterwerk. Keine Partei und kein Blatt deutscher Zunge besaß je ein solches Genie der Tagesschriftstellerei, wie der Sozialdemokrat und ehemalige »Budlhupfer« Friedrich Austerlitz es gewesen ist.

Es wurde weiter unterminiert und konterkariert und man kam nicht weiter. Koerber sah keinen Ausweg mehr und warf den Krempel hin. Sein Nachfolger war der Prinz Konrad zu Hohenlohe-Schillingsfürst, den sie aus bis heute noch nicht erforschten Gründen den »roten Prinzen« nannten. Von ihm hieß es, daß er vom Kaiser den strikten Auftrag habe, die Wahlreform unter allen Umständen unter Dach zu bringen. In seiner Programmrede führte er aus:

»Indem ich an die Entwicklung des Regierungsprogramms gehe, erlaube ich mir vor allem darauf hinzuweisen, daß auf diesem Programm als erster Punkt jene Reform steht, der heute alle Völker Österreichs mit gespannter Erwartung entgegensehen. Das ist die Reform des gegenwärtigen Wahlrechtes. Es handelt sich darum, das österreichische Reichsratswahlrecht auf die Basis des allgemeinen, gleichen Wahlrechtes zu stellen und auch auf diesem Gebiete dem Grundsatz Geltung zu verschaffen, daß gleichen Pflichten gleiche Rechte gegenüberstehen.«

Das war entschieden deutlich. Auch die Krone sah in der Heranziehung der bisher rechtlos gewesenen breiten Schichten des Arbeitsvolkes zur Gesetzgebung und Mitbestimmung ihres Schicksals das letzte Mittel, um die alte Monarchie zu retten, sah in den verachteten arbeitenden Massen jene Kräfte, die den Willen und die Kraft besaßen, das auseinanderstrebende aus Selbsterhaltungstrieb beisammenzuhalten.

Aber auch der »rote Prinz« schaffte es nicht. Der Wille des angeblich so heiß geliebten »guten alten Herrn im Schönbrunnerpark« war den Nutznießern der Macht höchst gleichgültig, wenn dieser Wille von ihnen verlangte, ein Zipfelchen ihrer Vorrechte und Sinekuren preiszugeben.

Schon nach vier Wochen mußte ihn Max Wladimir Freiherr von Beck ablösen. Die Partei verlor die Geduld. Noch ungeduldiger wurden die Massen. Die Partei drohte mit einer dreitägigen Arbeitsruhe. Die Maschine begann sich wieder ächzend zu drehen.


Anläßlich der Debatte über eine Änderung des Militärtaxgesetzes, der sogenannten Krüppelsteuer, urgiert der Schuhmeier das von ihm wiederholt verlangte und eingehend begründete Gesetz über die Unterstützung der Reservisten und deren Familien während der Waffenübungen und sonstigen Einberufungen. Der Vater Staat riß alljährlich Reservisten und Ersatzreservisten aus Beruf und Verdienst, steckte sie einige Wochen in Kaisers bunten Rock und verwendete sie für seine Zwecke – wovon inzwischen die Familien derer lebten, die sich auf das Umgebrachtwerden vorbereiten mußten, darum wollte er sich nicht kümmern.


Die Bezirksorganisation Ottakring, die größte der Monarchie, empfand schon längst schmerzlich den Mangel eines eigenen Heims. Die verschiedenen Organisationen und Vereine waren zerstreut in ungeeigneten Wirtshäusern untergebracht, die Ottakringer verfügten über keinen entsprechend großen Saal in dem sie ihre Feste und Versammlungen hätten abhalten können, und es war auf die Dauer unhaltbar, auch die Vorträge und Kurse in rauchigen Gaststuben mit Trinkzwang abzuhalten. Die Ottakringer brauchten ihr eigenes Heim, ein Arbeiterheim. Mit Neid blickten sie auf die Favoritner, die schon eines besaßen.

Die Ottakringer gründeten eine eigene Genossenschaft zum Bau und zur Erhaltung eines Arbeiterheims, gaben Anteilscheine aus, verkauften Bausteine, und auch die anderen drei Bezirke, die zum V. Wiener Wahlkreis gehörten, taten mit, sammelten bei jeder Gelegenheit für den Baufonds. Und als eine bescheidene Summe beisammen war, gingen sie ans Werk. Der Schuhmeier legte sich mit Feuereifer ins Zeug und setzte seinen Ehrgeiz daran, seinen Ottakringern baldigst ihr Heim zu geben.

Die größte Schwierigkeit war die Platzfrage. Es war ihnen natürlich daran gelegen, das rote Heim der Ottakringer Arbeiter, in dem sie lernen, werben, kämpfen und sich auch zerstreuen sollten, in den Mittelpunkt des Bezirkes und dorthin, wo er am frequentiertesten ist, zu stellen. An solchen Stellen war aber kein brauchbarer Baugrund zu haben. Entweder waren solche Gründe unverkäuflich oder ihre Besitzer wollten sie um keinen Preis den verfluchten Roten geben. Schließlich erwarben sie Gründe zwischen der Kreitner- und der Klausgasse, die genügend Raum für das Heim boten, aber etwas zu abseits gelegen sind, was sich bald nach Vollendung des Baues und noch mehr späterhin nachteilig fühlbar machen sollte.

Bei der Grundsteinlegung hielt der Schuhmeier die Grundsteinrede. Er war in feierlichem Schwarz und mit einem Zylinderhut erschienen. Wegen dieser »Angströhre« mußte er manchen Spott einstecken. Er sagte: »Wenn wir heute darangehen, einen Grundstein für ein Arbeiterheim zu legen, so wissen wir, was dieses Arbeiterheim für uns alle bedeutet. Es wird eine gute und verläßliche Zufluchtsstätte der Freiheit sein. Es wird sein ein Haus für die Wissenschaft und für ihre Lehre, die in Österreich frei ist und die man, wahrscheinlich, weil sie frei ist, so selten anzutreffen vermag. Und so wollen wir denn der Wissenschaft und ihrer Lehre ein eigenes Heim bauen, und der Bau, der sich hier erhebt, er wird sein eine Universität, eine Hochschule der sozialdemokratischen Arbeiterschaft des V. Wiener Wahlkreises.

Meine verehrten Freunde! Wenn es wahr ist, daß Steine reden, dann wird auch dieser Grundstein zur Zeit, wo er dereinst von unseren Nachkommen gehoben werden wird, reden. Er wird reden von unserem Opfermut, er wird reden von unserer Unbeugsamkeit, er wird reden von unserer treuen Hingabe an die Sache, der wir alle dienen mit Leib und Seele – der Sache des Volkes. Und so, meine verehrten Freunde, wenn Sie sich heute versammeln, um Zeugen des schönen und seltenen Festes zu sein, prägen Sie sich ein den heutigen Tag in Ihr Gedächtnis, seien Sie stolz auf diesen Tag und arbeiten Sie mit uns, von dem Grundstein angefangen bis weiter zu dem fertigen Bau, auf daß wir einziehen können in ihn und erfüllt werde unser Zweck.

Bildung und Freiheit für die Arbeiterschaft – sie mögen gefördert werden in dem Bau, der hier erstehen soll, in dem Bau des Arbeiterheimes für den V. Wiener Wahlkreis. Und nun lassen Sie mich in Ihrer Gegenwart die Urkunde in den Grundstein legen und lassen Sie mich Ihnen auch zu wissen machen, was wir in der Urkunde der Nachwelt mitteilen wollen.«

Nachdem er die Urkunde vorgelesen hatte, wurde diese versenkt. Der Schuhmeier nahm den Hammer, tat die üblichen drei Schläge auf den Grundstein und sagte diesen Hammerspruch: »Ein Grundpfeiler mehr erstehe auf diesem Platze der Zukunft der sozialdemokratischen Arbeiterschaft der Hauptstadt Wien! Der Arbeit, der Wissenschaft, der Freiheit!«


Im Kaiser-Jubiläums-Stadttheater, auf das die Gemeinde Wien starken Einfluß hatte und das unter Lueger ein arisches, judenreines Theater blieb, wurden Anzengrubers kecke »Kreuzelschreiber« aufgeführt. Der Gemeinderat Pfarrer Laux von der Neulerchenfelder Pfarrkirche wetterte in öffentlicher Gemeinderatssitzung gegen die Aufführung dieser gotteslästerlichen Komödie auf einer christlichen Bühne und verlangte ein Verbot dieses Stückes und Bestrafung der Schuldigen. Wie der Schuhmeier diesen hochwürdigen Herrn heimgeschickt und seine Gesinnungsgenossen, die die »Kreuzelschreiber« wohl nie gesehen oder gelesen hatten, aber mitfluchten und polterten, hübsch nacheinander zum Schweigen gebracht und abgetuscht, wie er mit diesen Nichtswissern einfach Katze und Maus gespielt hat, wie sie sich alle umdrehten, weil sie selber lachen mußten – das nachzulesen wird auch späteren Geschlechtern noch einen auserlesenen Genuß bereiten.


Bei einer Fleischteuerungsdebatte im Parlament verlangt der Schuhmeier mit allem Nachdruck die Öffnung der Grenzen für billiges überseeisches Fleisch. Die Agrarier und die Ungarn sind natürlich dagegen, weil dann auch sie mit den Viehpreisen herunter müßten. Bei dieser Gelegenheit zeigt er die Schwindelpolitik der Christlichsozialen auf. Er weist nach, wie der Dr. Geßmann in Bauernversammlungen auf dem Lande draußen forderte, daß die Ochsen teurer werden müßten, und gleich darauf im Wiener Gemeinderate verlangte, daß das Fleisch billiger werden müsse.


Im Dezember 1906 war das Abgeordnetenhaus mit der Wahlreform fertig. Sie gelangte nun in das Herrenhaus, wo die von niemandem gewählten Hochadeligen, die Latifundienbesitzer und Geldsäcke beisammensaßen, die sich schon die Nase zuhielten, wenn sie bloß das Wort »Volk« hörten. Die Herrenhäusler machten natürlich Manderln. Die Regierung Beck verlangte von den Herrenhäuslern kategorisch, daß sie die Wahlreform schlucken, andernfalls sich der Kaiser einen Pairsschub vorbehalte. Das hieß, daß so viele willfährige Männer zu Herrenhausmitgliedern (Pairs) ernannt werden würden, als zu einer Mehrheit für die Wahlreform erforderlich waren. Das wirkte.

Die Herrenhäusler duckten sich und apportierten zähneknirschend die Wahlreform. Der Kaiser sanktionierte sie und vom 14. bis 23. Mai 1907 fanden die ersten Wahlen in Österreich nach dem allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrecht statt. Die Frauen blieben nach wie vor rechtlos.

Zur Vorbereitung des Wahlkampfes wurde eine Reichskonferenz aller sozialdemokratischen Parteien nach Wien einberufen. Die tschechischen Genossen, die sich dem »zentralistischen« Wien immer mehr entfremdet hatten, erschienen nicht mehr auf der Reichskonferenz. Sie schickten ein Begrüßungstelegramm. Das war sicher die erste Enttäuschung in Parteikreisen, denn es zeigte sich sofort, daß das so schwer erkämpfte gleiche Recht für die bisher Rechtlosen nicht einmal in der Partei selbst mehr zentripetale Wirkungen auszulösen vermochte.

Bei einem Wahlrechtsfeste sagte der Schuhmeier: »Das alte Österreich liegt nun in Trümmern. Aber die Arbeiterschaft dieses Staates, die imstande war, es in Trümmer zu legen, wird auch vermögen, aus den Ruinen neues Leben erblühen zu lassen. Unser ganzes Interesse gehört der Zukunft. Die Prophezeiung unserer großen Lehrmeister wird Wirklichkeit: Daß die Arbeiterschaft gegenüberstehen wird einer einzigen reaktionären Masse. Wir gehen großen Kämpfen entgegen. Rings um uns sehen wir nur Feinde.«

Der Schuhmeier kandidierte nicht nur in Ottakring I – Ottakring war in zwei Wahlbezirke geteilt –, sondern auch in Asch, in Böhmen. Man wollte ihn in zehn Wahlbezirken als Kandidaten haben.

Von den 5 1/2 Millionen Wahlberechtigter erhielt die Sozialdemokratie in ganz Österreich 1,040.100 Stimmen und 87 Mandate. Sie war die stärkste Partei des neuen Abgeordnetenhauses. Die Christlichsozialen erhielten nur 562.869 Stimmen.

Der Schuhmeier wurde in Ottakring I mit 9027 gegen 4225 Stimmen, die der Christlichsoziale Haberreiter erhielt glänzend gewählt. Ottakring II wählte Anton David. In Asch kam der Schuhmeier mit dem Deutschradikalen von Stransky in die Stichwahl, bei der er nur knapp unterlag. Wien wählte 20 Christlichsoziale, 10 Sozialdemokraten und 3 Bürgerlich-Freisinnige.

Der Michel kannte sich vor Freude nicht aus. »Jetzt,« rief er immer wieder, »jetzt is an uns die Reih, jetzt haben endlich a mir was z' reden, jetzt geht's aus einem anderen Ton.«

Die tschechischen Sozialdemokraten sind in den Gesamtverband der sozialdemokratischen Abgeordneten eingetreten, haben aber außerdem ihren eigenen Klub.

Wie immer, wurde die Session des neugewählten Abgeordnetenhauses mit einer Thronrede eröffnet. Die Abgeordneten mußten sich zu diesem Zwecke in die Hofburg begeben. Diesmal gingen auch die Sozialdemokraten hin. Nur einige wenige blieben dieser Zeremonie fern. Auch der Schuhmeier ging in die Hofburg.

Es gab deswegen viel Kopfschütteln in der Partei. Bei den Sitzungen und Versammlungen der nächsten Zeit fragten die Genossen höhnisch, warum nicht mit der Absingung des Kaiserliedes begonnen werde. Der Schuhmeier, der wenige Jahre vorher gegen die beabsichtigte, aber dann abgelehnte Hofgängerei der Sozialdemokraten in Deutschland losgegangen war, wurde auf dem nächsten Parteitag vorgeschickt, um den tatsächlich erfolgten Hofgang der Österreicher zu rechtfertigen, weil aus dem Munde des geraden, ehrlichen Schuhmeier nichts, was er sagte, wie ausgetiftelte Auslegung herauskam und weil er sich schließlich nicht starrsinnig in eine einmal gefaßte Meinung verbiß, sondern diese, wenn es die Umstände erforderten, revidierte:

»Der Gang in die Hofburg war etwas, was aus sehr reiflicher Überlegung gemacht wurde. Es hat sich ja nicht gehandelt um einen Besuch in der Hofburg, sondern es hat sich darum gehandelt, endlich zu dokumentieren, daß wir uns von niemand wehren lassen, an dem ersten Akt des Parlaments, der die Thronrede ist, teilzunehmen. Die Thronrede ist nichts anderes als der Beginn jeder Session, die Verkündigung des Programms der Regierung, das in der Thronrede niedergelegt ist; und insolange in Österreich der Kaiser nicht ins Parlament kommt, muß auch uns das Recht zustehen, dorhin zu gehen, wo diese Thronrede zur Vorlesung gelangt. Wenn es heute noch Parteigenossen gibt, die niemals damit einverstanden sein werden, so verstehe ich deren Gefühle, und ich bin der letzte, der diese Gefühle irgendwie lächerlich machen wollte; aber die sozialdemokratische Politik darf sich nicht mehr vom Gefühl leiten lassen, sondern ihre Aufgabe schreibt der Verstand vor; und wenn wir heuer zur Thronrede gegangen sind, so haben wir nur Rechnung getragen der Vernunft und dem, was in dieser Situation unbedingt notwendig war und was hat geschehen müssen. Ich bin auch im sozialdemokratischen Verband unbedingt dafür gewesen, nicht vielleicht, weil ich so genußsüchtig bin, um in die Hofburg zu gehen oder dem Volke einmal zu zeigen, wie ich unter dem Zylinder aussehe, sondern weil ich damit demonstrieren wollte, daß bei uns nicht das Gefühl, sondern der Verstand entscheidet. Die Folgen und besonders der Zorn unserer christlichsozialen Gegner haben es dann auch deutlich gezeigt, was für ein kluger Schachzug es war, daß wir einmal so frei waren, in die Hofburg zu gehen. Die österreichische Sozialdemokratie ist heute so stark, daß vor ihr nicht verschlossen werden kann das Tor der letzten Hütte, sondern auch aufgemacht werden müssen die Tore der Hofburg. Auch in der Hofburg wird die Sozialdemokratie ihren Mann stellen und wir sozialdemokratischen Abgeordneten sind so echt gefärbt, daß wir nicht abfärben, wenn wir in andere Gesellschaft kommen; es hat sich nur immer gezeigt, daß umgekehrt, die mit uns verkehren, mehr die Farbe von uns bekommen. Wir sind niemals verpflichtet, der Thronrede beizuwohnen. Es kann uns gar nicht schaden, sondern nur nützen, wenn wieder eine andere Zeit kommt und wieder andere Sitten angenommen werden, – ich meine, wenn ein anderer Mann an die Spitze kommt –, wir eine sehr wirksame Waffe zur Demonstration in die Hand gegeben haben. Wir geben dann einfach nicht hin und dieses Nichterscheinen wird mehr wirken, als wenn wir niemals dort gewesen waren. Der Kaiser kann uns nicht kompromittieren, so wenig als wir ihn kompromittieren können. Es ist lediglich eine Sache der Taktik und die Taktik war gut und hat uns genützt.«

Die letzten Sätze waren auf den Thronfolger Franz Ferdinand gemünzt, der die Absicht hatte, einmal auf den Thron gekommen, es Wilhelm II. im Zerschmettern der Sozialdemokratie gleichzutun.


Das prächtige Arbeiterheim der Ottakringer war fertig und am Sonntag den 16. Juni 1907, bald nach der Wahlschlacht, wurde es eröffnet.

Der Schuhmeier hielt die Eröffnungsrede.

»Am 14. Mai (Wahltag) haben wir mit einem Sprung die anderen überholt, haben vollbracht, was bei ihnen lange noch Projekt sein wird, wir haben in Wien einen Wald- und Wiesengürtel geschaffen. Daß er ein bisserl zu früh aufhört und unterbrochen wird, wo das kaiserliche Lustschloß steht, darf uns die Freude daran nicht verderben. Rings um Wien ist schon fast alles rot. Und hier, am Fuße des Wienerwaldes, haben wir eine Burg gebaut, von der wir sagen können: Von dem Tage an, da der Grundstein gelegt wurde, mußte für die Feinde die Hoffnung schwinden, daß sie hier noch jemals siegen können. Das ›Hausregiment‹ – und hier werden neue Rekrutenkontingente gerne gegeben – dankt für die Ehrung, es wird seine Schuldigkeit tun.«

Mit dem Wald- und Wiesengürtel meinte er ein nie ausgeführtes Lieblingsprojekt Dr. Luegers.

Sein »Hausregiment« – so hießen in Wien die Deutschmeister –, die Ottakringer, hat unermüdlich Rekruten geworben, hat sich um Kompagnien und Bataillone vermehrt und diese sind als richtige Edelknaben in jedem Kampfe voran gewesen. Denn einen solchen Regimentskommandanten, wie der Schuhmeier einer war, gab es kaum noch sonst in einem der roten Regimenter. Und in ihrem neuen Heim haben sie viel erlebt, sogar, daß es während des unausdenkbaren Völkermordens zum Kriegsspital umgewandelt wurde, viele Sorgen und viele Freuden, auch viele Enttäuschungen und viel Schmerz, den größten aber in jenen bitterkalten Februartagen, da in der Mitte des trauerschwarz verhängten großen Saales ein Sarg stand, in dem still und stumm der Franzl gelegen ist, der an derselben Stelle immer so lebendig und so laut war...


In der Maschinenfabrik Kaiser in Mödling wurde gestreikt. Die Behörden waren wie immer auf Seite des Unternehmens und gegen die Arbeiter. Weil sie nämlich gegen den Klassenkampf sind. Sie verboten sogar das Streikpostenstehen, obzwar ein solches Verbot in keinem Gesetz begründet war. Wer dennoch Streikposten stand, wurde verhaftet und geprügelt. Der Schuhmeier fuhr nach Mödling und stand einige Tage Streikposten. Ihn konnten sie nicht verhaften, weil er als Abgeordneter immun war. Daraufhin hat es die Behörde aufgegeben, die Streikposten zu vertreiben. Sie ließ sie stehen.

So hat der Schuhmeier Behörden erzogen und der Arbeiterschaft zu ihrem Rechte verholfen.


Der Schuhmeier wird vom Abgeordnetenhause in die Delegation entsendet. Die Delegationen waren nebst dem Kaiser – König und der Armee das einzige Gemeinsame zwischen Österreich und Ungarn. Sowohl das österreichische als auch das ungarische Parlament wählten eine Delegation. Diese beiden Delegationen sollten sich darüber einigen, in welchem Verhältnis beide Staaten zu den gemeinsamen Lasten beizutragen hatten – Österreich war dabei immer die Wurzen, weil sich Ungarn dafür, daß sie sich herbeiließ, mit Österreich irgend etwas gemeinsam zu haben, gut bezahlen ließ –, sie waren das Forum, in dem über Österreich-Ungarns Außenpolitik und über Armeefragen geredet, aber wirklich nur geredet werden konnte.

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