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Der Schuhmeier

Robert Maximilian Ascher: Der Schuhmeier - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
authorRobert Ascher
titleDer Schuhmeier
publisherWien: Freiheit
year1933
correctorreuters@abc.de
senderMag. Dr. Harald D. Gröller
created20070107
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Neunundzwanzigstes Kapitel

Das Jahr 1905 war ein sehr unruhiges in Österreich. Mit dem vernewerten Kurienparlament ging es auch nicht. Die Arbeiterschaft wurde sich immer mehr ihrer Macht und ihres Wertes bewußt. Der Kampf um das gleiche Recht und das allgemeine gleiche und direkte Wahlrecht erreichte seinen Höhepunkt.

Im niederösterreichischen Landtag stellte der Doktor Geßmann Anträge, die die Volksschule, die einzige Bildungsanstalt für die Kinder des Volkes, verschlechtern sollten. Die Kirche sollte erhöhte Aufsichtsrechte über die Schule bekommen. Die Partei nahm den Kampf gegen die Schulverderber auf.

In der »Volkstribüne« und in Versammlungen ruft der Schuhmeier: »Elternrecht geht vor Pfaffenrecht!« und fordert zum Austritt aus der Kirche auf. Los von Rom! Konfessionslos werden! ist seine Parole.

Auf der Landeskonferenz in Krems ist man damit nicht ganz einverstanden. Der Schuhmeier erwidert: »Ich erkläre, daß ich nicht die Absicht habe, meinen Standpunkt zu verlassen, da ich der Überzeugung hin, daß es einen anderen Weg, aus der Sklaverei der Papstkirche loszukommen, nicht gibt, als durch den Austritt... Ich habe es doch selbst erlebt, daß der Katechet meines Kindes zu mir in die Wohnung kam. Was muß sich so einer erst mit den anderen Arbeitern erlauben, die ihm nicht, wie ich, sagen können: ›Über ihr Geschäft dürfen Sie in meiner Wohnung kein Wort reden.‹«

Nach erregter Debatte wurde einstimmig beschlossen: »Die Landeskonferenz stimmt der Taktik der ›Volkstribüne‹ in der Angelegenheit der ›Los-von-Rom-Bewegung‹ vollständig zu.«

Auch im »Holzarbeiter« erscheint eine hämische Notiz. Ihr Verfasser meint, daß die Partei Gescheiteres zu tun hätte als das ewige blöde Pfaffengeschimpfe.

Die Regierung versagte schließlich der vom Landtag beschlossenen Schulverschlechterung die Sanktion. Das Gesetz mußte wesentlich verbessert werden.

Koerber geht angewidert. Freiherr von Gautsch kommt wieder. Hält die Zügel straffer als Koerber.


In Rußland geht es drüber und drunter. Die dumpfe Masse erwacht. Es ist gerade Krieg zwischen Rußland und Japan und der russische Koloß kriegt feste Haue.

Es begann mit einer Meuterei der Matrosen auf dem Panzerkreuzer »Potemkin«. Diese Meuterei wurde blutig niedergeworfen.

Am 20. Jänner 1905, an einem Sonntag, zog das Petersburger Proletariat von den Putilowwerken aus unter Führung des plötzlich aufgetauchten Priesters Gapon, der das Kreuz vorantrug, zum Winterpalast, um demütig kniend an das gütige Herz des Väterchen Zaren zu appellieren, er möge seine braven Kinder vor übermäßiger Ausbeutung beschützen und ihnen endlich Menschenrechte verleihen. Väterchen sandte ihnen blaue Bohnen. Über tausend Tote lagen vor dem Winterpalast im frischen Schnee.


In der Debatte über das Rekrutenkontingent forderte der Schuhmeier neuerlich:

Ersatz des stehenden Heeres durch Volkswehr.

Erziehung zur allgemeinen Wehrhaftigkeit.

Allgemeine Volksbewaffnung.

Entscheidung über Krieg und Frieden durch die Volksvertretung.

Er fordert ferner Bedingnishefte für die Arbeiter, die in Betrieben mit ärarischen Lieferungen arbeiten, in welchen die Minimallöhne, die diese Arbeiter zu erhalten haben, festgesetzt sind.

Wird natürlich alles niedergestimmt.


Im August 1905 erklärt der ungarische Minister des Innern, Kristoffy, einer Arbeiterdeputation, daß er ihre Bestrebungen nach Erreichung des allgemeinen gleichen und direkten Wahlrechtes unbedingt billige.

Die ungarischen Grafen, die seit jeher das Monopol auf Beherrschung und Ausplünderung Ungarns und seiner Nationalitäten besaßen, wollen sich das nicht gefallen, ihr gutes Geschaft nicht von Plebs stören lassen. Sie beklagen sich beim König Franz Joseph I. über Kristoffy, was der ihnen antun wolle, und daß der ungarische Globus aus den Fugen geben würde. Der König von Ungarn lag schon lange mit den Magnaten und denen um den jüngeren Kossuth im

Streite. Diese wollten Ungarn noch selbständiger und unabhängiger von Österreich haben, als es ohnehin schon war. Sie verlangten insbesondere die ungarische Kommando- und Dienstsprache für die ungarischen Regimenter. Damit wäre es Schluß gewesen mit der Einheitlichkeit der österreichisch-ungarischen Armee und die lag dem König von Ungarn, der zuerst Kaiser von Österreich und zu allererst Oberster Kriegsherr war, zuvörderst am Herzen.

Franz Joseph ließ öffentlich verkünden, daß er bereit sei, in Ungarn das allgemeine gleiche und direkte Wahlrecht einzuführen. Die ungarische Herrenklasse kriegte es mit der schlotternden Angst. Ihre schönen Privilegien waren in Gefahr. Darauf hatte es ja Franz Joseph nur abgesehen. Er beschied die Grafen Zichy, Andrassy, Apponyi, den Baron Bauffy und den jüngeren Kossuth zu sich nach Wien und da wurde der Handel perfekt. Die ungarische Gentry verzichtete auf die ungarische Kommando- und Dienstsprache und ihre sonstigen militärischen Forderungen, der Kaiser-König auf das allgemeine Wahlrecht und das ungarische Volk blieb seinen Herren weiterhin ausgeliefert.

Zuvor schon hatte Österreichs Ministerpräsident Gautsch beim Kaiser gegen die Absicht, in Ungarn das allgemeine Wahlrecht einzuführen, protestiert, weil dies die Gefahr heraufbeschwören würde, es auch in Österreich einführen zu müssen.


Im Stahlwerk Lenz in Traisen war ein Streik ausgebrochen. Es ging um ein paar Heller mehr Lohn. Herr von Lenz, der Fabriksherr, war ein guter deutscher Mann, der sogar bei mehreren Wahlen als Kandidat aufgetreten war. Aber es war die alte Geschichte. Seine um ein größres Stück Brot kämpfenden bodenständigen deutschen Arbeiter wollte er durch Kroaten, die er als Streikbrecher kommen ließ, niederzwingen. Er ließ diese Kroaten nicht nur für niedrigen Lohn schuften, sondern auch gegen die Streikenden aufhetzen, und so kam es in Traisen während des Streiks täglich zu blutigen Zusammenstößen.

Am Sonntag den 31. Juli 1905 unternahmen die verhetzten Streikbrecher auf das Streiklokal einen Überfall. Es wurden Steine geworfen und aus Revolvern geschossen. Der Hauptvertrauensmann der Streikenden, Müller, wurde von einem Stein an der Stirne verwundet. Um weiteren Angriffen zu entgehen, mußte er aus dem Fenster springen, wobei er sich ein Bein brach. Die Gendarmerie schaute dem Treiben der zugereisten Streikbrecher untätig zu, was diese ermutigte, das Gasthaus, in dem sich das Streiklokal befand, zu demolieren und auf Streikende mit Messern loszugehen.

Die Streikenden riefen den Schuhmeier, daß er Ordnung mache und in einer Versammlung zu ihnen rede.

Am Sonntag den 7. August kam der Schuhmeier mit Franz Domes, dem Sekretär des Metallarbeiterverbandes, und Alfred Engel von der Arbeiter-Zeitung nach Traisen. Fünftausend Arbeiter aus dem ganzen Traisentale durchzogen in einem mächtigen Demonstrationszuge den Ort, und der Schuhmeier sprach über den Zweck der Demonstration.

Als die aus der Umgebung gekommenen Arbeiter bereits abgezogen waren, wurden die Streikbrecher wieder frech. Sie höhnten mit Gebärden und warfen wieder mit Steinen, wobei sie mehrere Streikende verwundeten. Die empörten Arbeiter schickten sich an, die Frechlinge zu züchtigen. Schuhmeier, Domes und Engel versuchten, auf die Menge beruhigend einzuwirken. Da krachte ein Schuß. Die Kugel schlug direkt vor den Füßen Schuhmeiers in den Boden ein. An diesem Tage ist er wie durch ein Wunder dem Tode oder zumindest einer schweren Körperbeschädigung entronnen.

Dann erst kam eine Abteilung Infanterie von Nr. 84 mit Offizieren im Eilschritt daher, die sich natürlich nicht gegen die Angreifer, sondern gegen die Angegriffenen wendeten, weil es Rote und streikende Arbeiter waren.


Der Zar aller Reußen, durch die Niederlagen seiner Armeen unsicher geworden, kündigt die Konstitution an. Eine beratende Nationalversammlung, die Duma, soll gewählt werden.

Bald darauf schließen Rußland und Japan Frieden.


Im September beschließt eine Reichskonferenz der sozialdemokratischen Partei ein Manifest, in dem zum Endkampfe um das Wahlrecht aufgerufen wird. Überall seien Versammlungen abzuhalten, Broschüren und Flugblätter in großen Mengen zu verteilen.

Die führenden Personen der Sozialdemokratie waren damals noch der Meinung, daß dieses alte, morsche Österreich eine wirtschaftliche Notwendigkeit sei und noch und nur dann zusammengehalten werden könne, wenn es sich auf die breiten Massen des arbeitenden Volkes und nicht bloß auf dünne Oberschichten stützt. Jetzt sei dieser unnatürliche Staat durch den nationalen Hader zerklüftet; lasse man aber das wirkliche Volk, das andere Sorgen habe, im Hause der Gesetzgebung mitbestimmen, dann kämen an Stelle der auseinanderstrebenden die zusammenfassenden Kräfte dieses Staates zur Geltung. Das Proletariat aller Nationen wäre klassenmäßig verbunden und das allein noch könnte der Kitt sein, der Österreich vor dem Zerfall bewahrt. Und außerdem müßte man den Nationen das Selbstbestimmungsrecht geben.

Auch in Österreich lauft die herrschende Schicht gegen die Absicht, das Volk zur Mitbestimmung zuzulassen, Sturm. Sie bedient sich dazu der Hofkamarilla. Die Weiblichkeit bei Hofe, die sehr einflußreich ist, bohrt und wühlt besonders eifrig.

Der Schuhmeier legt im Parlament los: »Es ist genug, wenn die österreichischen Erzherzoginnen alljährlich einen Erzherzog oder eine Erzherzogin als Nachwuchs liefern. Mehr wollen wir diesen Leuten absolut nicht einräumen. Wir haben gar nichts dagegen, wenn man auch den österreichischen Erzherzoginnen das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht gibt, aber man soll auch anderen Frauen der menschlichen Gesellschaft, die der arbeitenden Klasse angehören, dieses Recht geben. Aber so wie die Sache heute ist, üben die einen, ohne das Wahlrecht zu besitzen, Einfluß auf politische Kreise aus, dirigieren und bestimmen sie und die österreichischen Völker, und auch wir, die wir mit zu den österreichischen Völkern gehören, müssen die Kosten für dieses Treiben bei Hofe bezahlen. Diese weiblichen Mitglieder der Kamarilla sollen auf dem Gebiete bleiben, das ihnen vermöge ihrer Geburt und der Stellung, die sie einnehmen, zugewiesen ist, aber die Politik sollen sie die Völker allein machen lassen, und wir verwahren uns entschiedenst dagegen, daß eine Clique am Wiener Hofe das öffentliche politische Leben beeinflußt, daß von dieser Clique die Lösung gewisser Fragen abhängig ist.«


Nun beginnt der Wahlrechtskampf. Josef Hannich legt sein sicheres Reichenberger Mandat zurück, um Victor Adler in den Reichsrat einziehen zu lassen, wo er für das entscheidende Ringen gebraucht wird. Er wird in Reichenberg glatt gewählt.


Im Parlament wurden Dringlichkeitsanträge auf Einführung des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechtes eingebracht. 155 Abgeordnete stimmten dafür, 114 dagegen. Damit war die Dringlichkeit abgelehnt, weil zu ihr die Zweidrittelmehrheit erforderlich war, aber die einfache Mehrheit für die Wahlreform war doch schon vorhanden.


Der Schuhmeier rief in seiner ersten Wahlrechtsversammlung nach der Reichskonferenz: »Man holt das Recht sich von der Straße.«


Am 30. Oktober 1905 begann im Arbeiterheim Favoriten der Gesamtparteitag der österreichischen Sozialdemokratie. Ihm wurde nicht ohne Bangen entgegengesehen. Es gab bereits sehr ernste Differenzen zwischen den tschechischen und deutschen Genossen, namentlich in Gewerkschaftsfragen, und man befürchtete nicht ohne Grund, daß es zu unerquicklichen Auseinandersetzungen mit noch schlimmeren Folgen kommen könnte. Aber es kam anders.

Als gerade Dr. Ellenbogen über »Die österreichische Krise und das Wahlrecht« referierte, kam ein Telegramm, das das Manifest des Zaren enthielt. in welchem er eine Verfassung, bürgerliche Freiheiten, ein gesetzgeberisches Parlament und die Ausdehnung des Wahlrechtes zusicherte. Dr. Ellenbogen brach sein Referat ab, die Versammlung erhob sich und sang revolutionäre Lieder. Alle fühlen, daß der entscheidende Augenblick gekommen sei.

Der Gesamtparteitag beschloß ein Manifest an das arbeitende Volk aller Zungen.

Schuhmeier nahm das Wort und erklärte: »Die Ereignisse rufen zur raschen Tat. Heute abends werden wir vor dem Parlament und vor der Burg demonstrieren, morgen beraten wir dann noch über den Generalstreik. Und dann ist's aus mit dem Beraten. Dann gehen wir zum Volke, das uns ruft und das wir führen wollen zur befreienden Tat.«

Skaret teilt mit: »Vor kaum zwei Stunden haben wir die Ereignisse aus Rußland vernommen und soeben wird mir telephonisch berichtet, daß die Kasernengasse vor der Arbeiter-Zeitung voll von Arbeitern ist, die auch von dem großen Ereignis gehört haben und offenbar dort auf die Parole warten, was nun geschehen soll.«

Dr. Czech aus Brünn: »Ich teile Ihnen mit, daß, wie uns eben aus Brünn telephoniert wurde, zu derselben Stunde, wo Sie sich auf dem Burgring versammeln, auch die Brünner Arbeiter auf die Straße geben werden.«

Um 7 Uhr abends strömt das Volk von allen Seiten zum Parlament. Es sind bald hunderttausend. Da geschieht etwas Unerhörtes. An den beiden Fahnenmasten an denen an Sitzungstagen die schwarzgelben Fahnen Altösterreichs flatterten, werden rote Fahnen aufgezogen, die roten Fahnen eines zukünftigen Österreich. Am nächsten Tag muß die Feuerwehr ausrücken, die roten Fahnen herunterzuholen.

Der Dr. Lueger schimpft. Er hatte nie seine Zustimmung gegeben, daß die Feuerwehr die roten Fetzen entferne. Sie hätten nur oben bleiben sollen zur Schande einer Regierung, die solchen Unfug erlaubt.

Ehe die Menge auseinanderging, sprach der Schuhmeier zu ihr: »Wir wollen keinen Kampf gegen die Polizisten, sie hätten zu Hause bleiben können. Bewahren wir Disziplin. Was wir können, das zu beweisen haben wir heute angefangen. Wir haben heute nicht die Absicht, die Burg davonzutragen. Folgen Sie uns: Halten wir unser Pulver trocken. Unsere Demonstration ist glänzend gelungen. Jetzt auf zum Abmarsch!«

Drei Tage später, nach einer Wahlreformversammlung in den Sophiensälen, formiert sich die Masse zu einem geschlossenen Zuge. Bei der Babenbergerstraße will die Polizei verhindern, daß der Zug an der Hofburg vorbeimarschiere. Reiterattacken, dreinhauende Säbel, Verfolgung der Flüchtenden, fünfzig Schwerverwundete.

Die Regierung Gautsch verlautbart, daß sie eine Wahlreformvorlage einbringen werde. Am Sonntag darauf ist vormittags Wahlrechtsdemonstration auf dem Ring. Unübersehbare Massen waren gekommen.

Der Schuhmeier spricht: »Die Kurienschande muß verschwinden und wird verschwinden. Der heutige Tag wird aller Welt beweisen, daß an der Metzelei am Donnerstag die Arbeiter nicht schuld waren, sondern jene blindwütigen Elemente, die an der Arbeiterschaft ihr Mütchen kühlen wollten. Die Arbeiter werden heute beweisen, daß sie Disziplin halten und auf ihre Vertrauensmänner hören. Es lebe die internationale, revolutionäre Sozialdemokratie! Heraus mit dem gleichen Wahlrecht! Nieder mit Gautsch! Auf Wiedersehen, Genossen!«

Am gleichen Tage fanden in ganz Österreich Wahlrechtsdemonstrationen statt. In Prag gab es einen Toten und hundert Verwundete.


Für den Tag der Parlamentseröffnung, den 25. November 1905, wurde der Generalstreik proklamiert. Alle Betriebe feierten, alle Geschäfte blieben geschlossen. Ein Zug von über 250.000 Menschen zog stundenlang vor dem Parlament vorbei. Die Gegner wurden blaß und behaupteten, das ganze wäre ein Ringelspiel gewesen. Immer dieselben Leute wären über den Ring gezogen, die Lastenstraße hinaufgerannt und wieder auf dem Ring erschienen.

Eine Deputation aus Vertretern aller Kronländer und Nationen erschien bei dem Präsidenten des Abgeordnetenhauses und beim Ministerpräsidenten. Reumann überbrachte die Forderung der österreichischen Arbeiterschaft nach dem allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrecht.

Der Ministerpräsident erwiderte: »Ich möchte nur darauf verweisen, daß die Regierung ihren Standpunkt in der Wahlreformfrage sowohl in der bekannten Kundgebung der ›Wiener Abendpost‹ als auch in jenen Äußerungen, die ich gegenüber einer Abordnung der Industriellen gemacht habe, zum Ausdrucke gebracht hat. Diesen Standpunkt werden wir heute in ausführlicher Rede im Abgeordnetenhaus als der berufensten Stelle darlegen, so daß binnen kürzester Frist über die Absichten der Regierung Klarheit verbreitet sein wird. Es ist meine feste Überzeugung, daß Ruhe und Ordnung die besten Mittel einer Förderung der Wahlreform sind.«

In der Sitzung kündigt der Ministerpräsident die Einbringung der Wahlreformvorlage an. Sie lag bereits im Februar 1906 vor. Nach ihr sollte das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht, allerdings nur für alle 24jährigen männlichen Staatsbürger mit einjähriger Seßhaftigkeit eingeführt werden.

Die Hofkamarilla wühlte weiter. Der Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand äußerte sich höchst ungnädig, daß er sich von der Einführung des allgemeinen Wahlrechtes nichts Gutes verspreche und daß es Sache der Regierung gewesen wäre, die Agitation für das allgemeine Wahlrecht beizeiten einzudämmen.


Der Michel faßte den Schuhmeier wieder am Westenknopf. Das tat er nur, wenn er aufgeregt und sein Kopf wichtiger Dinge voll war.

»Na, Franzl, was sagst jetzt, wer schaut deinen Leuten tiefer ins Beuschel, i oder du?« frug er, wobei selbstbewußter Hohn mitklang.

»Mach keine so lange Einleitung, Michel, und rück raus mit der Farb!«

Der Michel übergab dem Schuhmeier statt weiterer Worte eine aufgeschlagene Arbeiter-Zeitung, tippte auf einen Gerichtssaalbericht und sagte trocken: »Das lies.«

Der Schuhmeier las. Der Paul Kunschak hatte zwei Vertrauensmänner von den Schuckertwerken wegen Erpressung angezeigt.

Der Paul Kunschak hatte in den Schuckertwerken zu arbeiten begonnen. Wie üblich, stellte sich der Vertrauensmann Saumwald ihm vor und teilte ihm mit, daß sämtliche Arbeiter des Betriebes gewerkschaftlich organisiert seien und nur diesem Umstande die großen Erfolge und Vorteile, welche sich die Arbeiter hier errungen hatten, zu danken seien. Der neue Arbeitskollege möge sich bei allen Wünschen und Beschwerden, die er vorzubringen habe, an ihn, den Vertrauensmann, wenden. Daran knüpfte Saumwald die obligate Frage, ob auch er organisiert sei.

Der Paul Kunschak verneinte dies kurz angebunden. Auch die Frage, ob er nun der Gewerkschaft beitreten wolle, um damit seine Solidarität mit der Kollegenschaft zu dokumentieren, verneinte er. Saumwald gab ihm den Rat, es sich noch zu überlegen.

Der zweite Vertrauensmann, Schwarzböck, redete dem Paul Kunschak zu: »Sie werden doch wissen, wohin ein anständiger Arbeiter gehört: in die Organisation. Wir dulden keinen Arbeiter, der nicht organisiert ist.«

Der Paul Kunschak blieb hartnäckig bei seiner Weigerung.

»Dann«, schloß der Vertrauensmann Schwarzböck, »werden Sie die Konsequenzen tragen.«

Zunächst geschah nichts. Nach einigen Tagen erkundigte sich Saumwald beim Paul Kunschak, ob er es sich schon überlegt habe.

Barsch fuhr der Kunschak den Vertrauensmann an: »Ich hab mir nichts zu überlegen.«

Nun sagte Saumwald: »Dann werden entweder wir gehen oder Sie.«

In der Betriebsversammlung berichtete Saumwald über diese Vorfälle. Die Arbeiterschaft stellte sich einmütig auf den Standpunkt, mit einem Schmarotzer, der die Vorteile, die die Organisation für alle erkämpft hat und erkämpft, in Anspruch nimmt, zu diesem Kampfe aber nichts beitragen, sondern ihn im Gegenteil sabotieren will, schon aus Reinlichkeitsgründen nicht zusammenzuarbeiten. Die Versammlung beauftragte die Vertrauensmänner Saumwald und Faß, dies dem Werkführer Braulik mitzuteilen und ihn zu ersuchen, den Paul Kunschak zu entlassen, andernfalls die gesamte Arbeiterschaft gezwungen wäre, die Arbeit niederzulegen.

Der Werkführer Braulik entließ hierauf den Paul Kunschak, der zu Gericht lief.

Die beiden Vertrauensmänner Saumwald und Schwarzböck wurden bei der Verhandlung am 20. November 1905 wegen Erpressung zu je 14 Tagen Kerker verurteilt. Und sie hatten nichts als ihre gewerkschaftliche Pflicht getan und nur über einstimmigen Auftrag der Betriebsversammlung gehandelt. Sie wurden zu 14 Tagen Kerker verurteilt, trotz dem durch Zeugen bewiesen wurde, daß der Paul Kunschak durch diese Entlassung keinerlei Schaden erlitten hatte und längst wieder in einem anderen Betrieb ungeschoren in Arbeit stand. Und trotzdem in der Verhandlung herauskam, daß er, der genau gewußt hatte, was geschehen werde, in provokatorischer Absicht in den Betrieb ging, um ihn als »christlicher Märtyrer« rasch wieder zu verlassen. Bei der Verhandlung antwortete er auf die Frage des Votanten Landesgerichtsrates Dr. Weinlich: »Haben Sie nicht schon früher gewußt, daß Ihnen in den Schuckertwerken etwas passieren wird?« mit aller Offenherzigkeit: »Das habe ich mir schon denken können.«

Saumwald und Schwarzböck wurden wegen Erpressung zu 14 Tagen Kerker verurteilt, weil sie und ihre Kollegen mit Unorganisierten nicht zusammenarbeiten wollten. Mußten verurteilt werden, weil in Österreich vor dem Gesetze alle gleich waren, und Fabrikanten, die etwa einem anderen Fabrikanten, der ihren Kartellen oder Industriellenverbänden nicht beitreten wollte, den Rohmaterialbezug unmöglich machten oder ihn durch Preisunterbietungen wirtschaftlich zugrunde richteten, eben so verurteilt wurden – oder was beißt uns.

Nach der Verhandlung äußerte sich der Paul Kunschak: »Der Schuhmeier gehört auch auf die Anklagebank und in den Kerker. Aber der hetzt nur auf und dann schleicht er sich. Aber für alles kommt der zahlende Tag.«

»No?« forschte der Michel, nachdem der Schuhmeier nachdenklich das Blatt weggelegt hatte.

»Gehn wir weiter und halten wir uns mit sowas nicht auf.«

»Ob man einmal Dank und Anerkennung finden möcht«, knurrte der Michel gekränkt.

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