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Der Schuhmeier

Robert Maximilian Ascher: Der Schuhmeier - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
authorRobert Ascher
titleDer Schuhmeier
publisherWien: Freiheit
year1933
correctorreuters@abc.de
senderMag. Dr. Harald D. Gröller
created20070107
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Achtundzwanzigstes Kapitel

Die Regierung verlangte vom Parlament eine Erhöhung des Rekrutenkontingentes. Das bedeutete eine Vergrößerung des stehenden Heeres. Diese Pille wollte die Volksvertretung doch nicht so gehorsam schlucken. Die Regierung übte eine Pression auf die Abgeordneten aus. Sie behielt die Soldaten, deren drei Jahre um waren, weiter in den Kasernen und ließ sie nicht nach Hause.

Der Schuhmeier ging im Parlament los und warf der Regierung vor, daß sie ihr ausgelieferte wehrlose Menschen als Geiseln zurückbehalte.


Alles wurde teurer, Milch, Mehl, Erdäpfel, Zucker, Butter steigen im Preise, die Hausherren »steigerten«, das heißt, sie erhöhten die Mietzinse. Dabei wuchs die Zahl der Arbeitslosen, der Menschen ohne jedes Einkommen, jeden Tag. Die Regierung wurde von den Sozialdemokraten immer wieder an ihre Pflicht gemahnt, helfend und lindernd einzugreifen. Sie tat aber gar nichts und überließ es dem »Freien Spiel der Kräfte«, alles wieder einzurenken. Es renkte sich aber nicht ein und die darbenden Massen waren nur schwer zurückzuhalten. Sie wollten irgend etwas tun, sinnlos dreinhauen, um sich Luft zu machen, und beschimpften die Parteiführer, die davor warnten, »Bremser« und »Beschwichtigungshofräte«.


Auf dem Parteitag 1904 in Salzburg war die Rede Schuhmeiers eine einzige Klage über Österreich. »Wir versumpfen nicht,« sagte er, »aber wir leben in einem Sumpfe.«


In Deutschland war die Sozialdemokratie so stark geworden, daß sie Anspruch auf den Vizepräsidenten des Reichstages hatte. Präsident und Vizepräsidenten des deutschen Reichstages mußten aber nach ihrer Wahl zu Hof geben, um sich S. M. vorzustellen. Wer da nicht mittun wollte, konnte vorweg nicht gewählt werden.

In der deutschen Partei waren die Meinungen geteilt. Die »Revisionisten« waren dafür, unter allen Umständen das Recht, einen Vizepräsidenten zu stellen, auszunützen, und dafür die »Hofgängerei« mit in Kauf zu nehmen. Die »Orthodoxen«, wie die Linken von den Revisionisten genannt wurden, waren entschieden dagegen. Sie wollten lieber auf ihren Vizepräsidenten verzichten, ehe sie einen der ihren zu Hof gehen ließen. Der bevorstehende deutsche Parteitag sollte darüber entscheiden.

Der Schuhmeier nahm in der »Volkstribüne« scharf gegen die »Hofgänger« Stellung. Ein Sozialdemokrat dürfe sich nicht, meinte er, so tief erniedrigen, vor Wilhelm II. oder irgend einem anderen Gekrönten das vorgeschriebene Knixchen zu machen. Das wäre Todsünde wider den Geist der Partei. Der deutsche Parteitag hat die »Hofgängerei« abgelehnt und damit auf den umstrittenen Vizepräsidenten verzichtet. »Glück auf«, schrieb dazu der Schuhmeier in der »Volkstribüne«


Je älter und kränklicher der Dr. Lueger wurde, einen desto widrigeren Kultus trieben seine Leute mit ihm. Er war ihr Herr und Brotgeber und mit ihm standen und fielen sie.

Sein 60. Geburtstag stand bevor. Den sollte ganz Wien feiern. Einen Fackelzug wollten sie ihm am Vorabend bringen und am Jubeltag selbst, einem Sonntag, vor dem Rathaus ein Ständchen, zu dem das ganze »christliche Wien« geladen war.

Kurz zuvor hielt der Dr. Lueger im Landtag ohne besonderen Anlaß, aus reinem Übermut, seine »Lumpenrede«. Er sagte herausfordernd: »Es ist übrigens merkwürdig. Schauen Sie sich am 1. Mai die an, die in den Prater wandern, das, meine Herren, sind lauter Lumpen.«

Die vielen Zehntausende, die seit 14 Jahren in den Prater marschierten, um für ihre große Idee, für das, was ihnen ihr armseliges Leben erst lebenswert machte, zu werben, schrien auf. Es wäre feig und ehrlos gewesen, diesen Schimpf ruhig einzustecken, es dem Schimpfbold nicht heimzuzahlen. Die »Lumpen«, die am 1. Mai in den Prater wanderten, beschlossen, beim Fackelzug und bei der Serenade für den »Lumpenredner« dabei zu sein und ihm auf ihre Weise zum 60. Wiegenfeste zu »huldigen«.

Diese Ankündigung beunruhigte die Behörden. Sie versuchten zu erst auf die Sozialdemokraten einzuwirken, diese mögen von ihrem Vorhaben ablassen. Die Sozialdemokraten lassen nicht mit sich handeln. Dann wollen sie den Dr. Lueger durch Mittelsmänner veranlassen, in irgend einer Erklärung seine beleidigenden Äußerungen wenigstens abzuschwächen. Dr. Lueger bleibt bockig und in diesem Zusammenhange fällt sein oft zitierter Ausspruch: »Lieber feig als dumm.«

Die Behörde droht mit dem Verbot des Fackelzuges und der Serenade. Die Luegerianer sind feig und dumm und sagen alle öffentlichen Geburtstagfeiern ab.

Die »Lumpen« aber lassen es sich nicht nehmen, dem Herrn Bürgermeister zu gratulieren. Am Sonntag den 23, Oktober 1904 nachmittags ziehen über 60.000 »Lumpen« in geschlossenem Zuge auf der Burgtheaterseite der Ringstraße vor dem Rathause vorüber. Polizistenmauern trennten das Volk von dem »Volksmann« und seiner Rathausburg. Dieses Volk von Wien zog vorüber und schickte ein kräftiges »Pfui« zu den Fenstern des Festsaales im Rathause hinauf, wo das schimpffeste Geburtstagskind von den Allerintimsten angestrudelt wurde. So hatten sie sich diese Geburtstagsfeier nicht vorgestellt.

Noch einmal haben sich die »Lumpen« beim Herrn Bürgermeister für die liebenswürdige Erwähnung im Landtag bedankt: In Margareten, auf dem Siebenbrunnenplatz, haben sie anläßlich des 60. Geburtstages einen Luegerbrunnen errichtet. Dessen Enthüllung sollte ein großes Fest, ein Ersatz für die abgesagten Geburtstagsfeierlichkeiten werden. Aber diese »Lumpen« waren auch wieder da. Und als »ER« erschien, um die Huldigungen »seiner« Wiener entgegenzunehmen, stimmten die »Lumpen«, die in den Gassen und in den Fenstern der umliegenden Hauser postiert waren, eine trommelfellzerreißende Katzenmusik an und das ganze Animo war beim Teufel. Rasch wurden die Reden abgehaspelt, die kein Mensch hören konnte, und Huldiger und Gehuldigter verließen eiligst diese ungastliche Gegend.


Weil über die Freimaurer und ihre Logen so viel und so Arges geredet und geschrieben wurde, wollte der Schuhmeier sich das ansehen. Ein liberaler Gemeinderat und Logenbruder setzte die Aufnahme des Schuhmeier durch und so kam er in die Loge »Sokrates«.

Sie haben ihn zuerst sehr zugeknöpft empfangen und wie einen exotischen Gast angestaunt. Der ist ja von ganz wo anders hergekommen als sie alle und der predigte doch draußen den Vernichtungskrieg gegen sie und ihresgleichen. Sie haben im Verkehr mit ihm nicht gleich den richtigen Ton gefunden und er auch nicht. Aber sie tauten schließlich doch auf, sie und er.

Die Herren fanden, daß dieser Schuhmeier ein ganz umgänglicher und grundgescheiter Mensch sei, der nicht beißt und mit dem man reden kann, freilich nur nicht über Politik und was dazu gehört. Und der Schuhmeier wieder fand, daß diese Herren vom jenseitigen Ufer, wenn sie nicht an ihren Schreibtischen saßen, von denen aus sie die Wirtschaft und ihre Objekte, das arbeitende Volk, dirigierten, auf ihre Art gute, kluge und feinsinnige Menschen seien, die nicht, wie manche Exemplare dieser Gattung, aus Bösartigkeit und Sadismus das Proletariat beherrschten, entrechteten und ausbeuteten, sondern von ihrer begünstigten und bevorzugten Stellung aus nicht anders handeln zu dürfen glaubten, weil sonst diese für sie vorteilhafte Ordnung in Gefahr käme. Mit dem System würden sich schon, dachte der Schuhmeier, auch die Menschen ändern.

Weil man sich in der Loge »Sokrates« geistreich und geistanregend unterhalten und dabei vom Politischen ganz ausspannen konnte, fühlte sich der Schuhmeier dort bald wohl und er ging hin, so oft er an solchen Abenden keine anderen Verpflichtungen hatte. Und mit einigen der Herren, die sich das allenthalben zur besonderen Ehre anrechneten, verkehrte er privat. Die hatten an dem urwüchsigen, bodenständigen, gemütlichen Wiener aus einer ihnen fremden Schicht einen Narren gefressen.

Der erwähnte liberale Gemeinderat und der größte Brotfabrikant Österreichs waren passionierte Jäger und der Schuhmeier mußte ihr Jagdgast werden. Leicht und schnell verstand er sich nicht dazu. Noch nie im Leben hatte er ein Gewehr in der Hand gehabt, er, der große Tierfreund, glaubte es nicht übers Herz zu bringen, ein lebendes Geschöpf aus dem Hinterhalt zu töten, und dann fürchtete er, daß ihm solche feudale Allüren von Feind und Freund übel genommen werden könnten.

Schließlich siegte der Naturfreund in ihm. Das Jagdgebiet dieser Herren war im Gebiet des Reichenstein in der Admonter Gegend im Gesäuse.

Einmal ließ er sich aus Neugierde in diese unvergleichliche Gegend mitschleppen, das zweitemal ließ er sich nicht mehr lange bitten. Außer in der kurzen Ferienzeit, die er zum größten Teil seiner, das ganze Jahr über arg vernachlässigten Familie widmete, kam er nur mehr wenig hinaus in die Natur. Die Jagd brachte ihn ihr wieder näher. Mit Kniehosen und Stulpen, Lodenwams, dem Jagerhütl mit dem Gamsbart, Bergstock und dem Büchsenriemen über die Achsel ging er, so oft er konnte, auf die Pirsch. Er konnte zum Poeten werden, wenn er davon erzählte. Beim ersten Schuß hat er freilich gezittert und um das erste Haserl, das sich seinetwegen überpurzelte, hat er fast geweint, aber dann kam das Weidmannsglück über ihn und er wurde ein gewaltiger Nimrod vor dem Herrn. Dabei konnte er seinen Spürsinn betätigen. Seine Augen leuchteten, wenn er die Auerhahnbalz im erwachenden Hochwald und den Pirschgang auf Geweihwild durch den vom Rauhreif überzuckerten Tann schilderte.

Gegessen hatte er niemals das Fleisch eines von ihm getöteten Tieres.

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