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Der Schuhmeier

Robert Maximilian Ascher: Der Schuhmeier - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
authorRobert Ascher
titleDer Schuhmeier
publisherWien: Freiheit
year1933
correctorreuters@abc.de
senderMag. Dr. Harald D. Gröller
created20070107
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Zweiundzwanzigstes Kapitel

Wenn der Schuhmeier die Dummheit, die gespreizte Unwissenheit dem Gelächter preisgeben konnte, war er in seinem Element.

In Ottakring erschien ein christlichsoziales Bezirksblättchen, der »Wiener Volksbote«. In einem Bericht über die Erstaufführung des »Kaufmann von Venedig« im Kaiser-Jubiläums-Stadttheater hieß es, daß dieses Stück von Grillparzer sei. Der Schuhmeier setzte sich hin und schrieb an den »Wiener Volksboten«:

Geehrter Herr Redakteur!

Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie die Freundlichkeit hätten, in Ihrer nächsten Nummer richtigzustellen, daß der »Kaufmann von Venedig« nicht, wie Sie in Ihrer letzten Nummer angeben, von Grillparzer, sondern von mir ist. Ein Stück mit so stramm antisemitischer Tendenz hätte dieser waschlappige Liberale doch nie übers Herz gebracht.

Mit ergebenstem Dank im voraus

Ihr ergebener                  
William Shakespeare.

Wien, den 7. November 1899.

Und der »Wiener Volksbote« brachte pünktlich im Jahre 1899 die Berichtigung des im Jahre 1616 verstorbenen Shakespeare. Er begann: »Grillparzer hat sich im Grabe umgedreht. Durch einen allerdings groben Irrtum wurde ihm in unserer letzten Nummer zugemutet, er sei der Autor des streng antisemitischen Schauspiels: ›Der Kaufmann von Venedig‹. Dies ist wahrlich von dem Freimaurer Grillparzer zuviel verlangt. Aber er kann sich sofort wieder umdrehen, damit er in seine alte Lage kommt, Wilhelm Shakespeare hat sofort berichtigt, denn wir erhielten am 7. November folgendes Schreiben: (Folgt nun die Berichtigung.) Und es ist somit jetzt beiden Teilen Rechnung getragen.«


Der Dr. Lueger konnte sich nicht länger dem Drucke von unten entgegenstemmen und auch von oben bekam er manchen zarten Wink. Jetzt haben wir's für den Reichsrat geschluckt, jetzt mach es gefälligst auch in deinem Gemeinderat, bedeuteten sie ihm. So wurde der vierte Wahlkörper für die Gemeinden geschaffen, der womöglich noch bösartiger ausfiel als die fünfte Parlamentskurie. War doch dieses Wahlrecht an eine fünfjährige Seßhaftigkeit gebunden. Bei den Verhandlungen im niederösterreichischen Landtag machten sie noch Manderl. Sie wollten noch rasch ein sogenanntes Intelligenzwahlrecht einschmuggeln. Intelligenzler oder was die um Bielohlawek darunter verstanden, sollten zwei Stimmen haben. Eine Arbeiterdemonstration dagegen und der Plan war begraben. Zu den 138 Gemeinderatsmandaten aus den drei Privilegienwahlkörpern kam der vierte Wahlkörper mit 20 Mandaten. Jeder Bezirk ein Mandat. Die Ottakringer kandidierten ihren Schuhmeier für den Gemeinderat.

Auf dem Brünner Gesamtparteitag – die tschechischen Sozialdemokraten, von tschechischen Akademikern, die zu ihnen gestoßen sind, beeinflußt, treiben bereits, zunächst aus Opportunitätsgründen, nationalistische Politik – ist der Schuhmeier dagegen, daß die Partei sich überhaupt mit nationalen Fragen befasse. Sie möge lieber einen energischeren Kampf gegen die internationale Dreieinigkeit, Pfaff, Adel und Kapital aufnehmen.

In einer Versammlung hat er wieder einmal den Herrn vom »Deutschen Volksblatt«, Ernst Vergani, beleidigt, und kriegt dafür drei Wochen Arrest, verschärft mit einem Fasttag.

Im Arrest schrieb er zwei Broschüren für den Gemeindewahlkampf: »Politischer Guckkasten, Bilder aus dem christlichsozialen Affentheater«, und »Ein Blütenstrauß christlichsozialer Parteitätigkeit«, gepflückt, zierlich gebunden und den christlichsozialen Volksmännern in entsprechender Wertschätzung dargebracht von einem Freunde der Wahrheit.


Um diese Zeit stand die Öffentlichkeit ganz Österreichs unter dem Eindrucke der Affäre Hilsner. In einem Walde bei Polna in Böhmen wurde die Leiche eines ermordeten Mädchens gefunden. Der Verdacht der Täterschaft wurde auf den Schuhmachergehilfen Leopold Hilsner gelenkt, der ein Bursche zweifelhaften Charakters gewesen sein soll, dabei aber auch Jude war. Diesen Umstand benützte die Reaktion aller Nationen in Österreich, um wieder einmal die antisemitischen Instinkte im Volke aufzustacheln. Sie nützte den Umstand, daß der des Mordes Verdächtigte ein Jude und die Ermordete ein junges Christenmädchen war, dazu, das alte Ritualmordmärchen aufzuwärmen. Danach brauchten die Juden zu gewissen Feiertagen das Blut eines unschuldigen Christenmädchens, um es irgendwelchen Festtagsspeisen beizumengen. Diese Blutlüge ist uralt und immer wieder hervorgeholt worden, wenn das Volk von den Verbrechen der Mächtigen abgelenkt und sein Zorn auf einen wehrlosen Sündenbock gehetzt werden sollte. Aber noch niemals ist der Beweis eines Ritualmordes gelungen. Besonders die Wiener Christlichsozialen trieben es toll. Ihre Presse entblödete sich nicht, den Mord von Polna als eine Verschwörung der gesamten Judenschaft hinzustellen, und schickte den Wiener Stadtrat Hans Arnold Schwer, der ein Journalist war, nach Pisek, wo der Hilsner-Prozeß stattfand. Der lieferte blutrünstige Artikel nach Wien und erzeugte in Pisek und Umgebung eine Pogromstimmung, damit das Geschworenengericht bestimmt das den Ritualmordhetzern genehme Urteil apportiere. Dieser Schwer hieß lange Zeit der »Bluthund von Polna«.

Man konnte den Hilsner schließlich nur wegen Mitschuld an dem Mord anklagen, ohne daß sonstige Mit- oder Hauptschuldige gefunden worden wären; er wurde trotzdem zum Tode durch den Strang verurteilt. Doch wurde das Todesurteil nicht vollstreckt. Die antisemitische Presse jauchzte: »Nun ist erwiesen, daß die Juden zu Ostern christliche Jungfrauen schlachten, um mit deren Blut ihre Feiertagsspeise zu versüßen.«

Der Schuhmeier schrieb dazu in der »Volkstribüne«, die ab Jänner 1900 wöchentlich erschien: »Warum soll es in einer Zeit, wo die Dummheit und der Pfaffenaberglaube, die Unduldsamkeit und Niederträchtigkeit ihre Orgien feiern, keine ›Menschen‹ geben, die derartiges blödes Zeug glauben? Das eine steht jedoch fest, daß es dem letzten Jahre des neunzehnten Jahrhunderts vorbehalten geblieben ist, einen widersinnigen, von elenden und dummen Menschen verbreiteten Aberglauben üppig gedeihen zu lassen.«

Zur Judenfrage hat der Schuhmeier wiederholt Stellung zu nehmen Gelegenheit gehabt. Schon in einer der ersten Nummern der »Volkstribüne« sagte er da seine Meinung: »Wir machen keinen Unterschied. Juden, die vorgeben, Sozialdemokraten zu sein, und welche vielleicht die Absicht haben sollten, die sozialdemokratische Partei zu einer Schutztruppe für philosemitische Parteien zu machen, werden geradeso hinausgeschmissen wie Antisemiten, welche nur in den jüdischen Gaunern an der Börse und im Wirtschaftsleben der Gegenwart die Bedrücker und Ausbeuter des Volkes sehen.«

Und kurz darauf: »Wer gegen Ausbeutung ist, der kämpfe gegen den Reichtum als wirtschaftliches und soziales Prinzip wie Christus der Herr und lasse nicht einen Teil der Aufgabe unerledigt: die Bekämpfung des in christlichen Händen befindlichen mobilen und immobilen Kapitals. Er lege sich die Frage vor, ob die Millionen von Vanderbilt und Gould weniger schädlich für die Mühseligen sind als die von Rothschild und Bleichröder oder ob die Riesenbesitze der Falkenhayn, der Schwarzenberg und Lobkowitz weniger Kleinbauern proletarisieren, weil es diesen Herren nur so urkatholisch von den Lippen träuft.«

Noch später: »Das Ausgebeutetwerden schmerzt, ob es römisch-katholisch oder israelitisch geschieht. Für nationale und konfessionelle Fragen haben wir kein Ohr, weil wir damit nur unsere eigenen Kräfte schwächen würden.«


In Döbling war eine bumvolle Wählerversammlung. War doch der Schuhmeier der Referent. Auf dem Heimweg sagte sein Adjutant, der Michel, zu ihm: »Hörst, Franz, so a Versammlung in Döbling, in so ein schwarzen Viertel... Das hätt i net für möglich g'halten, daß i das noch erleb. Erinnerst dich noch, wie wir vor noch net ganz zehn Jahr in Döbling a Versammlung einberufen haben? Kein einziger Wirt hat uns sein Lokal geben, und so haben mir die Versammlung in Zimmer, Kabinett und Kuchel von ein Genossen abhalten müssen, der seine Möbel bis auf die wacklerten Sessel derweil auf 'n Boden 'naufg'räumt hat? Und dann san mir Ottakringer, der Sever und der Volkert und der David und der Körbler und der Wlczek und i und noch a paar, zur Sicherheit als Watta mitgangen und dann war außer uns nur noch der Genosse, dem die Wohnung g'hört hat und a einziger fremder Döblinger da. Weißt es noch? Weißt es noch, wie du zwei Stund g'redt hast und wie g'redt hast, um den einen fremden Döblinger, den niemand kennt hat, zu überzeugen?«

Der Schuhmeier wurde träumerisch: »Ja, so war's. Manchmal glaub i doch wieder, daß wir schon a Stückerl weiter'kommen sind.«

»Und paß auf,« rief der Michel im Überschwang seiner Gefühle, »paß auf, sag, i hab's g'sagt, du Franzl wirst noch Kaiser von der österreichisch-ungarischen Republik.«


Am 31. Mai 1900 wählte der vierte Wahlkörper zum ersten Male seine Vertreter in den Wiener Gemeinderat. Die christlichsoziale Partei entfaltete den nun schon gewohnten Terror und die Wählerlisten strotzten von fingierten Wählern. Den städtischen Angestellten wurde bedeutet: »Wer rot wählt, fliegt«, und am Wahltag mußten sie truppweise mit ihren Vorgesetzten ins Wahllokal marschieren. Erst vor der Urne wurde ihnen der schon ausgefüllte Stimmzettel eingehändigt und genau aufgepaßt, daß er unverändert abgegeben wurde.

Die Partei kämpfte um den letzten Mann. Die Organisation war schon eine bedeutend bessere, als sie es 1897 gewesen ist. Insbesondere der Vertrauensmännerapparat war gut ausgebaut und die Häuservertrauensmänner funktionierten bereits.

Die Ottakringer waren siegessicher. Sie hatten doch schon 1897 eine große Mehrheit gehabt und waren inzwischen bedeutend gewachsen. In jedem nur halbwegs zugänglichen Wirtshaus wurden Versammlungen abgehalten, mit Flugschriften wurde nicht gespart, die Vertrauensmänner überliefen, wenn es sein mußte, alle Wähler zehnmal, von denen sich annehmen ließ, daß sie für den Schuhmeier gewonnen werden könnten. Schon am Vortage der Wahl waren in viele Fenster mit Schuhmeierbildern geschmückt, über die Straßen waren Transparente mit der Inschrift: »Hoch der Gemeinderat Schuhmeier« gezogen und am Vorabend waren die Hauptstraßen des Bezirkes voll Menschen, die ununterbrochen ihr »Hoch Schuhmeier« riefen. Aber auch die Gegner gaben Ottakring nicht verloren. Der Dr. Lueger wollte den Schuhmeier um keinen Preis im Rathause haben und deshalb hat er seine Leute beschworen, alles, aber wirklich alles zu tun, damit er vor dem Schuhmeier, den er mit windschiefem Humor den »Herrn Stiefelmeier« nannte, verschont bleibe. Sie hofften also auch. In ihrem Hauptquartier lagen schon schwarzumränderte Partezettel, die am Abend nach der Wahl den politischen Tod Schuhmeiers anzeigen sollten.

Der Schuhmeier erhielt 7932, sein Gegenkandidat Nagorzansky 5209 Stimmen. Franz Schuhmeier war am Abend des 31. Mai 1900 Gemeinderat der k. k. Reichshaupt- und Residenzstadt Wien.

Im christlichsozialen Hauptquartier haben sie die Partezettel rasch verbrannt, sind käsebleich dagesessen und haben händeringend geseufzt: »Mein Gott, alles verloren, was wird der Herr Bürgermeister sagen?«

Bei der »Bretze« herrschte ein Jubel und ein Begeisterungstaumel. Der Gemeinderat Franz Schuhmeier wurde auf den Schultern in den Saal getragen und sprach zur Menge: »Wir können stolz sein auf unsere Arbeit. Aber traurig bleibt es doch, daß in Wien ein Mann von der Qualität meines Gegenkandidaten überhaupt 5000 Stimmen erhalten konnte. Das zeigt, wie Arbeiter wirklich die Hüter des Fortschrittes und der Kultur sind. Es sind jetzt zwölf Jahre, seit ich hier an dieser Stelle zum ersten Male zu Ihnen sprach, und seit der Zeit bin ich mehr als hundertmal hier vor Ihnen gestanden und immer haben Sie durch Ihren Beifall mich zu weiterer Arbeit für unsere Sache angeeifert. Der Erfolg, den wir heute errungen, es ist nicht mein Erfolg, es ist der Erfolg unserer Genossen und vor allem unserer Organisation. (Hier hob er eine große Schachtel vom Tische, die den Wählerkataster enthielt.) Da darin steckt das Geheimnis unseres Sieges. Was diese Schachtel enthält, sind wertlose Papiere, aber die sind das Resultat der Arbeit von vielen Tagen und Nächten, das Resultat einer Ausdauer, wie sie nur die Sozialdemokratie aufzubringen imstande ist. Daß wir heute gesiegt haben, haben wir, kurz gesagt, unserer Häuserorganisation zu danken.

Ich will diese Gelegenheit nicht vorbeigehen lassen, ohne allen jenen zu danken, die zu unserem Erfolg beigetragen haben. Das sind vor allem Sie alle, Parteigenossen, und die Bezirksvertrauensmänner im besonderen. (Rufe: Wir haben nur unsere Pflicht getan.) Wir hier in Ottakring sind stolz darauf, daß dieses Arbeiterviertel es war, das die Ehre Wiens und ganz Österreichs heute gerettet hat. (Auf die rote Fahne weisend): Diese rote Fahne hier hat vor kurzem aus meinen Händen die Taufe empfangen und ich habe damals den Wunsch ausgesprochen, daß sie uns zum Siege führen möge. Heute hat die Fahne die Feuertaufe bestanden und mein Wunsch ist in Erfüllung gegangen. Möge sie uns bei allen künftigen Schlachten voranwehen und uns nur Siege bringen!

Sie haben mich mit Ihrem Vertrauen beehrt, aber Sie haben auch gleichzeitig eine schwere Last auf meine Schultern geladen. Jedoch ich gebe Ihnen die Versicherung: sowie ich bisher meine Pflicht erfüllt habe, werde ich sie auch erfüllen in aller Zukunft. Wir können mit unserem Siege zufrieden sein. Es war ein ehrlicher Sieg und darum ein glänzender Sieg und wir haben alle Ursache, uns seiner zu freuen. Ein dreifaches Hoch der internationalen siegenden Sozialdemokratie.«

Sever forderte die Ottakringer auf, zur Feier des Sieges am nächsten Abend die Fenster zu illuminieren. Und Ottakring war illuminiert. Neben den Leuchtern waren tausende Fenster mit Blumen und Schuhmeierbildern, Marx- und Lassallebüsten geschmückt und die Straßen durchzogen unter Hochrufen auf den neuen Gemeinderat Schuhmeier wahre Menschenwogen. Es war ein großes Volksfest, ein Fest der Zuversicht und der Freude, daß sie ihren Franzl ins Rathaus hineingebracht, wo er es dem Lueger und seinem Stimmvieh schon zeigen werde.

Einer war in der Menge, eine riesige rote Nelke hatte der im Knopfloch und ein Mädel am Arm, der schrie fortwährend: »Leuteln, i werd narrisch vor Freud, net, Hoch unser Franzl, unser Franzl is g'wählt, net?« Und er redete in sein Mädel hinein und wollte allen Leuten die Hand drücken und umarmen und kannte sich nicht aus vor Seligkeit. Unschwer vermögen wir in ihm unseren alten Freund, den Köck-Paul zu erkennen.

Und der Michel hatte an diesem Abend seinen ersten und letzten Kanonenrausch. Er versicherte noch wochenlang auch diejenigen, die von dem Rausch gar nichts gewußt hatten, daß er sich zu Tode schäme und ihm so was nie wieder passieren würde.

Aber nur zwei von den zwanzig Mandaten, die der IV. Wahlkörper zu vergeben hatte, konnten die Sozialdemokraten erringen. Außer Schuhmeier wurde nur noch in Favoriten Jakob Reumann, der nachmalige erste sozialdemokratische Bürgermeister von Wien, gewählt. Die übrigen 18 Mandate gehörten dem »Herrn von Wien«, dem Dr. Karl Lueger.

77.608 Stimmen erhielten die Christlichsozialen und dafür 18 Mandate, für 56.306 Stimmen bekamen die Sozialdemokraten ganze zwei Mandate oder, da ja im IV. Wahlkörper sämtliche Wiener Wähler, auch die, die in den anderen drei Wahlkörpern wahlberechtigt waren, mitwählten, die Christlichsozialen für 77.608 nicht weniger als 131 Mandate und die Sozialdemokraten für 56.306 Stimmen zwei oder: die Christlichsozialen für je 592 Stimmen ein Mandat, die Sozialdemokraten erst für 28.153 Stimmen eines. Das hieß »Recht«. Sogar »gleiches Recht«.

Nach diesem »Sieg« hat der Wiener Gemeinderat seinen Herrn und Meister Dr. Karl Lueger zum Ehrenbürger von Wien gemacht.


Der Gemeinderat Franz Schuhmeier und sein Kollege Jakob Reumann saßen zur rechten Hand des Bürgermeisters oben auf dem »Bergel«. Die letzte erhöhte Bankreihe haben sie den beiden unwillkommenen Eindringlingen und »In-die-Suppe-Spuckern« angewiesen. 131 Barrierestöcken standen sie gegenüber, die nichts wollten, als sich im Ratssaale spreizen zu dürfen, nichts wußten, höchstens die eine Antwort auf jede Frage: »Der Lueger wird's schon machen«, die aber jederzeit bereit waren, zähnefletschend loszufahren, wenn das Herrl pfiff.

Das war eine ganz eigenartige und sicher einzigartige Korona, diese Luegertruppe im Wiener Gemeinderate, und es war eine Belustigung, die freilich manchmal auch trübselig stimmte, auf der Galerie zu sitzen und zuzuschauen, wie drunten im prächtigen Ratssaale die Meute lauerte und knurrte und ihr Bändiger sie nach Bedarf und Laune losließ und wieder an das Halfter nahm. Da drunten sah man Gestalten und Gesichter und Typen herumsitzen, herumstehen und herumwatscheln und teilnahmslos auf irgend etwas starren, über das sie sich auch nichts dachten, die auf einem Gemälde für die Ewigkeit konserviert zu werden verdient hätten. Das war die Repräsentanz des ungeistigen Wien, waren Gustostückeln aus dem Fleisch und nichts als Fleisch der Weaner. Die nahmen an den Sitzungen teil, weil sie mußten, um die hobe Ratswürde nicht zu verlieren, mit der man, weil man interessante Dinge, wie Straßenbahnprojekte und Baulinienbestimmungen und so, früher wußte als andere Sterbliche, nebenamtlich außeramtliche Geschäftchen machen konnte; weil sie die Frau Gemahlin samt etwa noch vorhandener Schwiegermutter und bei besonderen Anlässen die kleine, süße Freundin, das »g'stellte Menscherl«, das man den Herren Kollegen zeigte, um von ihnen beneidet zu werden, auf die Galerie gesetzt hat, damit sie ihn in seiner Würde strahlen sehen; und weil das Beste und Fescheste an dem ganzen Sums das Teilnehmen an den Fressereien und Saufereien war, die droben im Festsaale oder unten im Rathauskeller aus den unmöglichsten Anlässen auf Regimentsunkosten veranstaltet wurden, wobei man noch so viele Zigarren mit Bauchbinden in die Taschen stopfen durfte, daß man. sich damit in den nächsten acht Tagen die dauerhafteste Nikotinvergiftung einwirtschaften konnte, und bei festlichen Anlässen und bei Einweihungen und beim »Umgang« und beim Photographen die glitzernde Ratskette um den Hals bis hinunter zum Würdenbauch trug.

Aber was in den Sitzungen vorging, in denen sie saßen, wußten sie nicht, interessierte sie auch gar nicht. Bei Abstimmungen schauten sie auf den Doktor Lueger und stimmten dafür oder dagegen, wie man sie hieß. Wofür oder wogegen, wenn man einen schnell gefragt hätte, nichts hätte er gewußt. Und will man auch noch nachträglich über ihre Weltanschauung und ihren Weitblick orientiert sein, braucht man sich nur einen einzigen Zwischenruf, den man selber gehört, in Erinnerung rufen, einen Zwischenruf, den einer von denen mit den niedrigen Stirnen gemacht, als von einem Selcher die Rede war: »Mehr wie a Hoflieferant kann der Mensch nimmer sein.«

Der Dr. Lueger wollte diesen Typ, sicher auch, um bis zur Neige auszuprobieren, was er seinen Wählern alles zumuten durfte, aber sonst, weil er Nummern neben sich nicht vertrug und überhaupt die G'scherten den G'scheiten vorzog. G'scheit war er und die andern brauchten das nicht zu sein. So ein paar, aber wirklich nur ein paar Einser ließ er mitdurchrutschen, weil man die brauchte, wegen der Welt und des nötigsten Fachwissens, und einige Originale durften mitkommen, um das eintönige Grau ein bißchen zu sprenkeln. Der Herr Hermann Bielohlawek zum Beispiel, von dem wir schon wissen, daß er vom Schubmeier aus der »dumme August« hieß, der allerliebst possierlich und geradezu herzig war. Der wollte immer reden und gab so lange keine Ruhe, bis ihn der »Alte« reden ließ, und wenn er dann redete, war das ein Hauptjux. Die Originalität dieses Mannes bestand darin, daß er sich seiner verblüffenden Ahnungslosigkeit bewußt war und den bewundernswerten Mut besaß, sich zu seiner Ahnungslosigkeit zu bekennen, sie geradezu in Mode zu bringen. Keiner als der Hermann Bielohlawek hatte es zuwege gebracht, in öffentlicher Sitzung auszurufen: »Schon wieder a Büachl, da hab i schon g'fressen«, und keiner hat es zuwege gebracht, von nichts zu wissen und über alles zu reden. Dann war der dicke Gregorig da, der Modewarenhändler von der Mariahilferstraße, der öffentlich über den Niedergang der Tugend und Moral Tränen vergoß und an diesem Übel – wem denn sonst als den Juden die Schuld gab und abends im verschwiegenen Kellerstüberl beim Wimberger im Kreise gar nicht spröder Damen Witze machte, über die sogar der selige Jargonkomiker Eisenbach errötet wäre. Auch der Mechaniker Ernest Schneider ist zu erwähnen, der einen solchen Gizzi auf die Juden hatte, daß er das Judenschußgeld erfand, das der Meisterschütze als Prämie bekommen sollte, dem es gelang, die meisten Juden abzuschießen. Der Herr Albert Geßmann war sozusagen der Parteidiplomat, wenn auch ein reichlich ungeschickter und viel zu grobschlächtiger, aber über das meiste übrige etwas zu sagen ist nicht der Rede wert.

Gestützt auf diese »Räte«, die es geworden sind, weil sie in der in ihrem Bezirke maßgebenden Stammtischrunde ein paar Liter Wein gezahlt haben, Obmänner von Wohltätigkeitsvereinen zur Bekleidung armer Schulkinder oder die kräftigsten »Hoch-Lueger«-Schreier waren, schwang der Dr. Lueger seine Fuchtel über Wien. Aber auch über seine »Räte«. Es war köstlich dabei zu sein, wenn der Bielo oder sonst einer gegen den Strom schwimmen und unbedingt etwas sagen oder rufen wollte – der strengste Herr Lehrer in der Schule hat den nichtsnutzigen Rangen nie so hergenommen, wie der Lueger vor allen Leuten seine Leute hernahm. Aber auch der hergenommenste nichtsnutzigste Range hatte sich vor dem strengsten Herrn Lehrer nicht so knurrend geduckt wie die ungebärdigen Herren Räte vor dem Rätedresseur.

Der Dr. Lueger genierte sich gar nicht, auch wenn eine gesetzliche Körperschaft etwas beschlossen hatte, das ihm nicht paßte, solche Beschlüsse zu verwerfen. Es ist öfters vorgekommen, daß ein Herr Stadtrat in öffentlicher Gemeinderatssitzung über einen Stadtratsbeschluß referierte, der Dr. Lueger aber dreinfuhr und in seiner Art donnerte: »Das mache ich nicht, das dulde ich nicht, dazu habe ich kein Geld«, und seine Gemeinderäte mußten gegen den Beschluß ihrer Parteigenossen Stadträte stimmen.

Die dürftigen Reste der Liberalen, die gar nicht lange vorher diesen Saal und von ihm aus diese Stadt beherrscht hatten, bemerkte man kaum. Diese meist schon alten Herren standen verschämt und degoutiert im Winkerl, weil sie keine Wähler mehr hinter sich hatten und also eigentlich gar nicht mehr hergehörten und weil der Ton, der hier herrschte, ihrer guten Kinderstube zuwiderlief.

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