Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Robert Maximilian Ascher >

Der Schuhmeier

Robert Maximilian Ascher: Der Schuhmeier - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorRobert Ascher
titleDer Schuhmeier
publisherWien: Freiheit
year1933
correctorreuters@abc.de
senderMag. Dr. Harald D. Gröller
created20070107
Schließen

Navigation:

Achtzehntes Kapitel

Der Schuhmeier war aus der katholischen Kirche ausgetreten und konfessionslos geworden. Er war ein Fanatiker des Nichtglaubens geworden und machte auf diesem Gebiete nicht die kleinste Konzession. Beim Leichenbegängnis eines nahen Verwandten blieb er als einziger außerhalb der Kirche.

»In einem solchen Fall könntest du schon eine Ausnahme machen«, hielt man ihm vor.

»Nein,« beharrte er, »alles oder gar nichts. Entweder ich glaube, dann erfülle ich bis zum letzten Punkterl alle Gebote und Vorschriften meiner Religion – oder ich glaube nicht, dann daf ich, wenn ich mich nicht selbst zum besten halten will, keine Handbewegung machen, die mit Glaubensübungen irgend etwas zu tun hat.«

Er befaßte sich viel mit den Dingen des Glaubens, viel mehr als die Gläubigen, und eben darum ist er, wie er das erklärte, ungläubig geworden. Die Klerikalen haben es auch arg getrieben und damit viele zum Denken angeregt, die sonst nicht gedacht hätten.

Der klerikale Pole Graf Pininski sagte im Parlament: »Für jene Leute hingegen, die sich eine höhere Bildung nicht erwerben können, ist zweifellos die Religion die hauptsächlichste und einzig verläßliche Stütze der Moral, und was speziell die bäuerliche Bevölkerung betrifft, ist die Religion zugleich die festeste Stütze ihres Glückes, und wenn sie dem Bauer die Religion wegnehmen oder abschwächen, so erschweren sie ihm das bittere Los, welches ihm beschieden ist.«

In einer Wiener Schule sprach während des Religionsunterrichtes der Katechet zu den Kindern: »Ich hoffen, daß in dieser Klasse keine Kinder von sozialdemokratischen Eltern sind, denn Sozialdemokraten sind alle Schwindler und schlechte Leute.«

Der Schuhmeier erkannte früher als viele andere seiner Genossen, welcher Mißbrauch mit der Religion getrieben wird. Mit allen Konfessionen. Die »Hochgebildeten«, die das nicht nötig haben, wollen die »Menge« gläubig haben, weil sie sie nur dadurch in Bescheidenheit und Anspruchslosigkeit erhalten zu können glauben, und das nicht ohne guten Grund. Darum machten und machen sie die Sozialdemokraten schlecht und stellen den Frommen jeden Sozialdemokraten als einen Gotteslästerer und Glaubensräuber hin. Dieselben Leute wären viel ehrlicher, wenn sie ohne religiöse Verbrämung sagten, was sie meinen und wollen.

Der Herr Graf Pininski hat es gesagt. Nämlich: »Die Sozialdemokraten verlangen den Übergang der Produktionsmittel und des hieraus entspringenden Gütererwerbes in den Besitz der Allgemeinheit, also haben es die Sozialdemokraten nur auf Essen und Trinken abgesehen und wollen andere für sich arbeiten lassen. Überhaupt ist die Genußsucht der Arbeiter ein großes Übel. Die Sozialdemokratie will auch die Erde in ein großes Bordell verwandeln. Ihre Roheit äußert sich darin, daß sie Suppen- und Teeanstalten, Herbergen, wie überhaupt alle humanitären Einrichtungen bekämpft.«

Wie die Sozialdemokraten humanitäre Einrichtungen »bekämpfen«, haben sie später dort gezeigt, wo sie an der Regierung oder Verwaltung (Wien!) beteiligt waren. Und ehe so ein erlauchter Herr Graf auf die dumme Phrase von der »freien Liebe« anspielt, möge er vorerst die Häupter seiner Maitressen zählen.

Der Schuhmeier stürzte sich in diesen Kampf. Da war er in seinem Element. »Das Wesen des Klerikalismus ist Unverstand der Massen, das Wesen der Sozialdemokratie ist Vernunft der Massen«, donnerte er in die Versammlungen und denen ins Gesicht, die ihm so kamen.

In seiner »Volkstribüne« veröffentlichte er auch von Fachleuten vielbeachtete, freilich auch vielkonfiszierte Artikelserien über religiöse und religionsgeschichtliche Fragen, in denen er verblüffend bewandert war. – Bei jedem geeigneten Anlaß zitierte er die Kirchenväter. Zum Beispiel:

Basilius: »Der Reiche ist ein Dieb.«

Chrysostomus: »Der Reiche ist ein Räuber. Es ist notwendig, daß eine Art Gleichheit entstehe, indem der eine dem andern von seinem Überfluß gebe.«

Hieronymus: »Der Überfluß ist stets das Ergebnis des Diebstahls. Wenn er nicht durch den gegenwärtigen Eigentümer begangen worden ist, so ist er doch begangen worden durch dessen Vorfahren.«

Clemens: »Nach Fug und Recht muß alles allen gehören. Die Ungerechtigkeit ist es, die das Sondereigentum geschaffen hat.«

Ambrosius: »Die Natur hat die Gemeinschaftlichkeit eingeführt, die widerrechtliche Besitzergreifung das Sondereigentum. Wer mehr nimmt, als er braucht, ist ein Mörder.«

Matthäus: »Wehe euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr Land und Wasser durchziehet, daß ihr einen Proselyten macht, und wenn er es geworden ist, macht ihr aus ihm ein Kind der Hölle, zwiefach mehr denn ihr seid. Von außen scheinet ihr vor den Menschen fromm, aber inwendig seid ihr lauter Heuchler.«

Auch Alexander von Humboldt gebrauchte er: »Das Chamäleon ist das einzige Tier, welches das eine seiner Augen nach oben und zugleich das andere nach unten richten kann. Nur unsere Pfaffen können das noch, mit dem einen nach dem Himmel, mit dem andern auf die Güter und Vorteile der Welt gerichtet.«

Dazu schrieb er: »Jenes Gelichter, das nun schon fünfzehn Jahrhunderte lang das Christentum einzig und allein nur dazu benützte, um daraus ein famoses Geschäft zu machen, wagte uns Sozialdemokraten zu verbieten, mit dem Evangelium zu operieren. Die Zeit ist vorüber, da ihr uns befehlen könnt. Ja, wir benutzen das Evangelium auch weiterhin, um dem Volke zu zeigen, was in demselben geschrieben steht, und um damit zu beweisen, daß ihr nicht die Vertreter des wahren Christentums, sondern die Beschützer der Reichen seid. Aber der Sozialismus schreitet als Herr durch die Welt und erst mit dem Siege desselben wird der wirtschaftliche Teil des wahren Christentums seine Auferstehung feiern.«

Auch in seinem parlamentarischen Wirken raufte er sich mit den Klerikalen und dem Klerikalismus herum.

Bald nach seiner ersten Wahl in den Reichsrat – 1901 – sprach er zum Dringlichkeitsantrag des deutschnationalen Abgeordneten Dr. Erler in Angelegenheit der Kongregationen. Er schilderte die Schul- und Bildungsfeindlichkeit der Klerikalen, das Treiben der Jesuiten und schloß: »Wir wollen nicht, daß die religiösen Gefühle für vogelfrei erklärt werden. Nur gleiches Recht wollen wir. In dem Moment, da die Klerikalen Einkehr halten und nicht mehr in dieser Weise über die Stränge schlagen werden, wie es heute der Fall ist, wird es ihnen vielleicht gelingen, die Achtung ihrer Mitbürger zu erringen. Heute verlangen die Klerikalen einen Vorteil nach dem andern. Sie geben sich als Vertreter der Religion aus, während sie die Bevölkerung untereinander verhetzen und jeden Andersgläubigen beschimpfen und mit der Religion die besten Geschäfte machen. Das Geschäft geht Rom über alles. So war es seit jeher und so ist es heute noch. Was ich jüngst gesagt, ich wiederhole es jetzt: Das heutige Christentum, ist nicht das, das der Zimmermannssohn von Nazareth gelehrt hat, sondern eine Lehre, die ausgeheckt wurde, um gute Geschäfte auf Kosten des Volkes zu machen. Sorgen wir alle, die wir die Freiheit wollen, daß wir von diesen Geschäftsleuten befreit werden im Interesse des Fortschrittes, der Vernunft und des geistigen Gedeihens des Volkes.«

Diese ausgezeichnete Parlamentsrede erschien als Broschüre unter dem Titel: »Aus der Werkstätte des Klerikalismus.«

1905 zur Vorlage wegen Erhöhung der Kongrua redet er wieder. Der Abgeordnete Graf Adalbert Sternberg, ein böhmischer Adeliger, der sich ins Parlament eingekauft hatte, gegen alles und jedes, auch gegen den Kaiser in gesucht burschikoser Weise loszog und meistens alkoholisiert war, hatte unsern Schuhmeier vorher einen gebildeten Hausknecht genannt.

Schuhmeier begann: »Ich muß sagen, daß es dem österreichischen Parlament immerhin mehr zur Ehre anzurechnen ist, wenn ein gebildeter Hausknecht hier das Wort ergreift als ein sittlich verkommener und geistig verlotterter Graf.«

Monsignore Scheicher hat gesagt, daß der Religionsfonds gestohlenes Gut sei: »Nun, meine Herren, das ist das hohe Lied der Klerikalen, das ist das, was sie so sehr gegen einen Mann immer und immer wieder aufbringen, was einen Mann immer und immer wieder in Erinnerung ruft, der halt doch in Österreich – wenn ich das sage, so bedeutet das vielleicht etwas – unerreicht ist. Unvergeßlich lebt Kaiser Joseph II. fort im Gedächtnis aller Völker Österreichs, meine Herren, und wenn da die Klerikalen heute immer noch davon reden, daß er ihnen ihr ›Gut‹ gestohlen, und wenn das ein Monsignore sagt, dann scheint er gerade auf diesem Gebiete mit dem Gedächtnis in Unordnung geraten zu sein. Meines Wissens hat Kaiser Joseph reiche Klöster aufgehoben. Ist es nicht die Pflicht der Klostergeistlichen, arm zu sein, legen sie denn nicht das Gelübde der Armut ab? Kaiser Joseph hat sich aber dessen erinnert. Leuten, die arm sein sollen und die Unmassen Geldes gesammelt haben, denen hat er es genommen, den reichen Klöstern und Stiften, denen hat er die goldenen Eier aus dem Neste herausgeholt, hat sie aber nicht dem Staat zur Fütterung verabreicht, sondern zum Religionsfonds zusammengelegt und hat dafür Pfarreien gegründet, deren Angestellte er mit dem Gelde bezahlt, das er aus den Klöstern herausgeholt hat.

Ich gestehe ohne weiteres zu, daß es in Österreich zahlreiche Kooperatoren und Kapläne gibt, geistliche Herren des sogenannten niederen Klerus, die wirklich in elender Lebensstellung sind. Ich sage es unumwunden, daß ich, wenn ich Neid hätte, am allerwenigsten einen dieser Herren um das Los beneiden würde, das sie zu tragen haben. Sie sind doch eigentlich nur die Werkzeuge; aber nicht das allein, sie sind nicht nur die Kreuzereinnehmer, die Finanzleute, die Finanzwachter der Kirche, sondern sie sind auch noch die Werkzeuge nach der Richtung hin, daß sie Aufträge auszuführen haben, die nicht in ihrem Interesse, sondern im Interesse der Kirche, der Institution, liegen. So kommt ein schlecht bezahlter Priester dazu, daß er sich mit den Pfarrkindern herumstreiten muß, weil er ihnen gegenüber Dinge vertreten soll, die ein anständiger Mensch unter Umständen gar nicht vertreten kann. Aber es kommt die Frage, aus welchen Mitteln die Bezahlung der Priester zu erfolgen habe, und da gehen die Ansichten allerdings sehr weit auseinander. Wir stehen auf dem Standpunkte, daß die Kirche sich ihre Diener selbst bezahlen soll, und zwar anständig bezahlen soll. Und wir stellen diese Forderung auf, weil wir wissen, daß die Kirche dazu hinreichend die Mittel hat.«

Und er schließt: »Vom Dornbusch kommen keine Trauben und von Lug und Trug kommt kein Heil. Überall wo die Kirche so dominiert, wie bei uns in Österreich, kann das immer nur zum Nachteil der Staatsbürger und des Staates führen. Darum werden wir immer eintreten für die Trennung der Kirche vom Staate, werden wir immer gegen die Gier nach fremder Habe auftreten, die wir zu beleuchten in der Lage waren aus Anlaß der Behandlung der Kongrua.« Einen Zwischenrufer tut er ab: »Studiert habe ich die heilige Schrift nicht, aber ich kenne sie besser als mancher hochwürdige Herr.«

Zu einer tatsächlichen Berichtigung sagt er noch: »Ich wäre wohl in der Lage, den Herren Gegnern aus der Bibel nachzuweisen, daß sie keine Ursache haben, uns so zu bekämpfen; trotz aller Flüche ist uns das Himmelreich nach der Bibel sicher, denn das wird nicht demjenigen gegeben, dem es die Klerikalen zumessen, sondern dem, der sich im Kampfe um die Menschheit ehrlich und redlich verdient gemacht hat. Ist das der Fall, dann werden die Sozialdemokraten noch früher selig werden als die Klerikalen.«

1908 war er als Vertreter der österreichischen Partei Gast auf dem Parteitag der deutschen Sozialdemokratie in Nürnberg. In einer Massenversammlung auf dem Ludwigsfelde hielt er diese köstliche und tiefe Rede: »In Österreich werden für das stehende Heer genau so viele Millionen Kronen ausgegeben als das Jahr Tage hat. Und das geschieht in einem Lande, dessen Volksschulbudget nur sechs Millionen Kronen beträgt. Uns Sozialdemokraten steht nichts Gutes bevor. Hören sie nur einmal solch einen echt katholischen Bruder, der weiß genau, daß das Ende der Sozialdemokratie die Hölle ist. Ich habe mich schon damit abgefunden.«

Zwischenrufe: »Wir auch.«

Und nun hat Schuhmeier wahrhaft dichterische Visionen: »Wir in Österreich haben freilich ein gutes Mittel, das uns die Klerikalen selbst gegeben haben. Da verkauft an den Kirchentüren ein Mann so kleine Zettelchen, die man schon für zwei Kreuzer kaufen kann. Was steht darauf? ›Reisebillets ins Jenseits.‹ Weil ich nun weiß, welches Ende der Klerikalismus uns Sozialdemokraten prophezeit, habe ich mir zwei solche Billets gekauft. Wenn ich eines verliere, habe ich immer noch eins. Sagt der Teufel: ›Jetzt geht der Weg zur Hölle,‹ dann zeige ich ihm mein redlich erstandenes Billet. Und wenn mich der Teufel trotzdem holen sollte, dann werde ich sagen: ›Freunderl, wir machen eine Wette! Binde mir die Augen zu, steck mich in einen Sack, fliege mit mir in die Luft und setze mich irgendwo. nieder. Errate ich, wo ich bin, so mußt du mich freilassen.‹ Dann werde ich den Teufel fragen, wie viele Lasten das betreffende Land für die Schule aufbringt; sagt er: ›Sechs Millionen‹, so schreie ich: ›Sack aufmachen, freilassen, das ist Österreich!‹ Und ich habe die Wette gewonnen.«

 << Kapitel 19  Kapitel 21 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.