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Der Schuhmeier

Robert Maximilian Ascher: Der Schuhmeier - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorRobert Ascher
titleDer Schuhmeier
publisherWien: Freiheit
year1933
correctorreuters@abc.de
senderMag. Dr. Harald D. Gröller
created20070107
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Siebzehntes Kapitel

Der Michel war ganz zerquetscht. Er war wortkarg. Wer ihn kannte, hielt ihn für krank. Denn wenn der einmal nichts redete, meinten sie, müsse es schon arg sein.

Der Schuhmeier drang in ihn: »Was hast denn, Micherl, brauchst a Geld?«

»Willst mich pflanzen?« knurrte der Michel.

»Wie werd ich mich trauen?« begütigte der Franz schalkhaft.

»Weil's wahr is. Wann mich einer fragt, ob i a Geld brauch, is das so, wie wann einer ein'n, der am Galgen hängt, fragt, ob er a Luft braucht.«

»Dann spann uns net auf die Folter und red, was dich druckt.«

»Was soll i reden? Ein'n Floh hat mir einer ins Ohr g'setzt.«

»Her mit dem Ohrwaschel, i fang ihm 'raus«, trieb der Schuhmeier weiter seinen Ulk.

»Weißt, Franz,« begehrte der Michel auf, »i versteh ein'n G'spaß, von dir überhaupt, aber heut geht mir a Radel im Kopf um. Da hab i mir ein'n auf's Korn g'nommen, so a Würstel, das allerweil über uns lacht. Wart nur, hab i mir denkt, dich kriag i, und wann's Graz gilt. Du frißt mir noch aus der Hand. Also hab i ihm, der selber a armer Schlucker is, der nix zum Nagen und zum Beißen hat, ausdeutscht, was mir wollen. Wär net schlecht, hat er g'meint, aber bis das g'schieht tut uns ka Bein mehr weh. Und is 'gangen. No und jetzt möchte ich doch selber wissen: werden wir's noch erleben oder net.«

Franz Schuhmeier setzte sich hin und schrieb die Broschüre:

In elfter Stunde:

An alle Arbeiter und Arbeiterinnen.

Im Vorwort sagte er, daß diese Broschüre den Zweck habe, die Prinzipien der österreichischen Sozialdemokratie besser zur Verbreitung zu bringen.

Der Schluß lautet:

»Ach was, in elfter Stunde! Es wird noch lange dauern, ehe die Stunde schlägt, höre ich Menschen sagen. Es dauert eben nur noch eine Stunde, bis die letzte für die heutige Ordnung schlägt, und in dieser müssen wir uns zusammen- und zurechtgefunden haben. Mit aller Macht suchen die Gegner den Zeiger, und das ist heute der Sozialismus, zurückzuhalten. Jedoch die Stunde wird und muß schlagen. Schon ist der Hammer in Bereitschaft um an die Glocke, die bisher nur Elend verkündete, schlagen zu können. Nur noch einmal geht's herum und dann wird und muß es anders werden. Mit dem zwölften Schlag müssen die Arbeiter jene Macht sein und jenes Wissen besitzen, um die Herrschaft ergreifen zu können. Mit dem letzten Schlag wird der Reif zersprungen sein, der uns in Not und Elend gefangen halt. Es ist unsere Aufgabe, das Volk in allen Dingen aufzuklären, Wir müssen den Wahn, daß alles so sein muß, 'weil es immer so war', zerstören, wir müssen eine kulturelle und weltgeschichtliche Aufgabe lösen: die Befreiung der Arbeit aus den Fesseln des sie niederdrückenden Kapitals. Und die Befreiung der Arbeit kann nur ein Werk der Arbeiter selbst sein.

Darum Arbeitsmann, heraus, heraus mit Weib und Kind aus deiner engen Gedankenwelt. Erhebe dein niedergebeugtes Haupt, blick der Zukunft, die dir gehört, entgegen und zeige, wie recht Lavant hatte, als er schrieb:

Die Fahne, die dem dritten Stande

Vorangeweht bei kühner Tat,

Er gab sie preis, zu seiner Schande

Durch feigen, tückischen Verrat,

Sie lag im Staub, zerfetzt und blutig

Das Bannertuch, zerknickt der Schaft.

Da aber hat sie todesmutig

Der vierte Stand emporgerafft.

Wir haben sie aufgerafft und werden sie zum Siege führen.«


Aus dieser Schrift spricht der Schuhmeier, der an den baldigen Sieg glaubt, weil er die Grenzen der Tragfähigkeit menschlicher Rücken erkennt und an das Gute im Menschen glaubt. Es ist materialistische Geschichtsauffassung, wenn der Sozialismus nicht als der unmittelbare Überwinder der kapitalistischen Unordnung, sondern nur als der Zeiger, der den Ablauf der Ereignisse anzeigt, dargestellt wird. Schuhmeier stellt sich die Entscheidung zwangsläufig vor. Was reif ist, müsse von selbst fallen. Es handle sich nur darum: gerüstet zu sein, um beim zwölften Glockenschlag die Herrschaft übernehmen zu können, und daran hielt er unverrückbar fest, daß es ohne gründliches Wissen keine Machtergreifung gebe, daß die Oberen sich nur so lange oben halten können, solange die Unteren unwissend bleiben. Wenn er aufgefordert wurde, in engerem Kreis, vor Vertrauensmännern etwa, einen Vortrag zu halten, wählte er das Thema: »Der Wert der Bildung«.

Er war in diesen Jahren auch Anhänger der Verelendungstheorie, über die in der Partei für und wider gestritten wurde. Die Verfechter der Verelendungstheorie waren gegen den Kampf um soziale Reformen. Sie nannten diese Brosamen, die man dem Proletariat gerne hinwerfe, um ihm das Maul zu stopfen, die nur geeignet seien, das Übel in der Welt zu konservieren und überdies das Proletariat seines revolutionären Schwunges zu berauben. Je größer und unerträglicher das Elend, meinten sie, desto rascher müßte es zur Explosion kommen. Die Löhne waren unfaßbar nieder, Hilfsarbeiter erhielten 4 bis 4 1/2 Gulden wöchentlich, die Hausweber auf dem Lande verdienten maximal 1 bis 2 Gulden.

In einer Versammlung in Wels sagte er: »Die Arbeiterschutzgesetze sind einem Nudelsieb gleich, wo die Löcher so groß sind, daß der Fabrikant bequem durchspringen kann.«

Und in den Rosensälen in Wien nach Victor Adler über die Lebensmittelfrage: »Die geringen Löhne der Arbeiter machen es unmöglich, die in der Fabrik oder Werkstätte verausgabte Kraft durch die entsprechende Nahrung zu ersetzen. Die Folge davon ist ein beständiges Degenerieren, eine körperliche Rückentwicklung des Volkes. Die vor kurzem bekanntgewordene Tatsache, die nicht vereinzelt dasteht, sei ein Beweis in dieser Hinsicht: die schwangere Frau eines Schuhmachers, abgehetzt und abgearbeitet, hatte nicht die natürliche Kraft, ihr Kind zur Welt zu bringen. Als das junge Geschöpf durch einen operativen Eingriff entbunden hatte, konstatierte der Arzt an dem Kinde: Auszehrung von Geburt aus! In Wien nimmt der Pferdefleischkonsum überhand, in München denke man schon an die Errichtung eines Hundeschlachthauses.«

Zu jener Zeit war wieder Krise. Die Arbeitslosigkeit nahm beängstigende Dimensionen an – über 50.000 Arbeitslose zählte man in Wien allein. In den fünf Wärmestuben Wiens übernachteten innerhalb von vier Wochen 111.000 Personen. Das Bürgertum gründete Wohltätigkeitskomitees, die Bälle veranstalteten, aus deren Erträgnis die Arbeitslosen unterstützt werden sollten.

Schuhmeier rief: »Erspart euch das Schwitzen auf den Bällen zum wohltätigen Zweck, verkürzt dagegen die Arbeitszeit auf acht Stunden! O nein, hören wir den Chor brüllen, laßt uns lieber tanzen, fest drauf los tanzen, damit die Armen eine Bettelsuppe bekommen, und die Arbeitszeit laßt uns lieber noch um zwei Stunden ausdehnen!«

Der Streit für und wider die Verelendungstheorie wurde von Victor Adler abgetan, der sarkastisch meinte, »daß es halt ein Elend sei mit der Verelendungstheorie«, und dem es schließlich gelang, überzeugend darzutun, daß gerade umgekehrt, verelendete Menschen alles eher denn revolutionär, sondern entweder völlig apathisch oder um ein Butterbrot käuflich seien.


Bei sich zu Hause war der Schuhmeier eigentlich nur auf Gastrollen. Die Cilli nannte ihn den liederlichen Schlafburschen. Tatsächlich gab es für ihn keinen freien Tag. Auch keinen freien Sonn- oder Feiertag. An solchen mußte er in der Provinz Versammlungen abhalten.

Es waren schon drei Kinder da. Sieben insgesamt gebar ihm die Cilli, drei sind am Leben geblieben. Die Rosl, die Viki und der Gustl. Doch auch dieses von ihm so stiefmütterlich behandelte Heim ließ der politische Kampf nicht verschont. In den ersten Jahren seiner Ehe herbergte der Schuhmeier samt Frau und Kindern bei der Mami auf der Kammer. Das Zimmer bewohnten die Mami, die Nettl und der Bruder Karl. Wenn damals die »Gleichheit« konfisziert worden war, wurde ein großer Teil der Auflage in Schuhmeiers Behausung verschleppt, um sie vor einer Beschlagnahme zu sichern. Doch auch dahinter sind die Spitzel bald gekommen.

Als die »Gleichheit« wieder einmal dem Rotstift verfallen und ein großes Pack zum Schuhmeier befördert worden war, ahnte dieser, daß man bei ihm haussuchen würde.

Und richtig ist zeitlich Vormittag die Polizei ins Haus gekommen. Erst sind sie in die Kammer eingedrungen, in der der Schuhmeier noch schlief, haben aber dort nichts gefunden. Dann durchstöberten sie das Zimmer.

Die Nettl, die ein resolutes Ding geworden war, sagte den Polizisten ins Gesicht, daß sie da nichts zu suchen hätten, aber die kümmerten sich nicht um sie und frugen: »Er muß gestern Zeitungen gebracht haben. Wo sind die?«

Die Nettl sagte schnippisch: »Da fragen S' mich zuviel.« Und ging weiter, die festeingewickelte, schreiende kleine Rosl auf den Armen wiegend, auf und ab.

Auch der Karl Schuhmeier lag noch im Bett. – Den haben sie herausgezerrt, haben alle Strohsäcke aufgerissen und ausgeleert, aber nichts gefunden. Enttäuscht zogen sie ab.

Als die Polizei weg war, legte die Nettl die kleine Rosl auf das Bett, schälte sie aus der dicken Umhüllung heraus und entnahm dieser eine Menge Exemplare der konfiszierten »Gleichheit«.

Während die Polizei suchte, trug die Nettl die in die »Gleichheit« gewickelte Rosl zum Einschlafen herum.

»So,« sagte sie dann zum Karl, »die Zeitungen gehören für 'n Tomschik, der braucht sie für die Westbahnwerkstätte.« Josef Tomschik, der spätere Führer der freigewerkschaftlich organisierten Eisenbahner, war in der ohnehin schon so zahlreich bevölkerten Schuhmeierwohnung der Bettgeher.

Eine so kompromißlose Kampfnatur der Schuhmeier im öffentlichen Leben war, gehörte er im privaten Leben zu den Menschen mit der glücklichen Veranlagung, sich auf eigenes Kommando blitzartig umstellen zu können. Im Privatleben ist diese Sorte heiter, übermütig, zuweilen sogar ausgelassen; sowie aber die Arbeit angeht, wird ein ganz anderer aus ihnen, werden sie tiefernst, geben in der Arbeit völlig auf, und wer, der einige Stunden vorher mit ihnen Allotria getrieben, jetzt zu ihnen kommt und sich einbildet, mit Berufung auf diese gemeinsame Unterhaltung leicht etwas erreichen zu können, staunt. Das ist ja gar nicht mehr der von vordem, der weiß gar nicht mehr, was Stunden zuvor war. So einer war der Schuhmeier.

Schuhmeier, Sever und Höger bildeten ein unzertrennliches Kleeblatt. Am Werke sowohl als beim spärlichen Vergnügen. Nach anstrengenden Versammlungen und Sitzungen und Konferenzen, die kein Ende nehmen wollten, weil immer noch einer seinen Text dazugeben mußte, hauten sie zuweilen über die Schnur. Das verlangten die angespannten Nerven. Denn Versammlungen, Sitzungen und Konferenzen gab es jeglichen Tag. Victor Adler machte sich einmal darüber lustig: »Nach zwanzigtausend Jahren werden Altertumsforscher Schriften ausgraben und darinnen das Wort ›Sozialdemokraten‹ finden. Sie werden sich interessieren, was das waren, die Sozialdemokraten, und zu dieser Lösung kommen: Sozialdemokraten, das waren Menschen, die aus einer Sitzung heraus und in die andere hineingegangen sind.«

Höger hat den Schuhmeier so geschildert: »Is ein eigentümlicher Kerl, der Franzl. Da haben wir gestern die ganze Nacht umdraht. Wie a Lausbua hat er sich aufg'führt und i hab ihm z'ruckhalten müssen, daß er net kopfsteht. Spaßetteln hat er g'macht, daß das ganze Kaffeehaus g'wiehert hat und die Leut auf der Gassen vor die Fenster stehn blieben san. In der Früh hat er g'sagt, jetzt steht's gar nimmer dafür, daß mir z'hausgehn, dort kriegerten mir eh den Buckel voll Schläg, weil mir solche Lumpen san, also gehn mir lieber gleich in die Redaktion. Gut, sag i, gehn mir in die Redaktion. Beim Haustor sagt er: ›Hörst, Karl, i schäm mich, daß i so ein Falott bin, heut tu ich's nimmer.‹ Auf der Stiegen mach i ihm Vorwürfe, daß er mich wieder verführt hat. Vor der Redaktionstür boxt er mich in 'n Bauch, daß i an die Wand taumelt bin und lacht: ›Du alter Hallodri du, du bist mein Mephisto‹, und wie mir dann jeder vor unserm Schreibtisch sitzen, mein i: ›Das beste Bier kriegt man doch beim Lagerwaldl‹ (altes Gasthaus Ecke Burggasse und Kaiserstraße). No und was glaubst, war jetzt? Da war er schon ganz in sein Artikel vertieft, hat getan, als ob mir uns schon vierundzwanzig Stunden net g'sehn hätten, und hat mit einer undurchdringlichen Amtsmiene g'sagt: ›Guten Morgen, du weißt, daß i bei der Arbeit net g'stört werden will; also bitte.‹«

Besonders gemütlich waren die Abende bei Albert Severs Mutter in ihrem Heim in der Ottakringerstraße. Dort mußten sich die Freunde allerdings einigen Zwang antun und sich gesittet aufführen, denn die alte Frau Sever war eine gediegene, feinsinnige Altwienerin, in deren Gegenwart sich der Vorlauteste gebändigt fühlte. Scherze verstand sie und war ihnen auch nicht abhold, aber in ihrer Gesellschaft wäre keiner auch nur auf die Idee gekommen, die gewisse Grenze zu überschreiten. Dazu war sie über alle Ereignisse im öffentlichen und politischen Leben informiert, hatte über alles ihre eigenen, gesunden Ansichten und ließ sich auch von Schuhmeier nicht kleinkriegen, der oft und gerne von den genußreichen Stunden bei Mama Sever sprach.

Aber, nachdem sie sich verabschiedet hatten, wollte sich der Schuhmeier doch noch ein bißchen abreagieren. Und so gingen sie noch spät nachts in die Menzelgasse, in Severs Wohnung und stöberten die schon fest schlafende Frau Ida Sever aus den Federn. Jetzt war die jüngere Generation unter sich und tat sich keinen Zwang an. Der Schuhmeier, der den Hausbrauch kannte, band sich sofort Frau Severs Küchenschürze und ein Kopftüchel um und begann auf der Kaffeemühle den Kaffee zu reiben. Frau Sever mußte inzwischen in aller Eile alles Eßbare, das sich in der Wohnung befand, in Sicherheit bringen, denn der Schuhmeier, dieser gewaltige Fresser vor dem Herrn, hat mitleidlos alles, dessen er habhaft wurde, verschlungen, und mögen die Vorräte noch so groß gewesen sein.


Die Partei Luegers, die von Erfolg zu Erfolg eilte, streckte ihre Fühler aus, ob es nicht die Möglichkeit einer Vereinigung mit der aufstrebenden Sozialdemokratie gäbe. Dr. Lueger sagte einmal zu Victor Adler: »Wir beide müssen miteinander geben, wir mit unseren Gewerbetreibenden und ihr mit euren Arbeitern. Wir werden schon Ordnung machen. Und wenn es dann einmal dazukommt, hängt ihr die arischen Ausbeuter und wir die jüdischen.«

Schuhmeier tat diese Lockrufe in der »Volkstribüne« folgendermaßen ab: »Nein, meine Herrn, wir steigen zu Ihnen nicht hinunter. Wir lassen Sie ganz ruhig heraufkommen. Unsere Bundesgenossen werden Sie auf ganz andere Weise werden; echte, verläßliche Sozialdemokraten. Bis dahin aber gebe sich keiner von Ihnen der Hoffnung hin, daß wir Ihnen auf Ihr albernes Geschwätz hineinfallen. Daß Sie es aber schon für nötig finden, sich mit uns zu versöhnen, – wir sind Ihnen ja gar nicht böse, im Gegenteil, dankbar für Ihre Vorschubleistung zu unseren wirtschaftlichen Kämpfen und für die vielen Stunden ungetrübter Heiterkeit, die uns Ihr bajazzomäßiges Benehmen bereits bereitet hat – das zeigt uns, wie tief Ihnen bereits das Herz zu fallen beginnt, wie heftig Sie bereits den Boden unter sich wanken fühlen, wie dringend Sie einer Nachhilfe bedürfen. Sie, nicht wir. Wir könnten durch Ihre Bundesgenossenschaft nur eine Verwässerung unserer Partei, eine Verblödung unserer Parteigenossen, ein Aufgeben unserer stramm prinzipiellen Haltung gewinnen, weiter nichts. Also geben Sie sich keine Mühe. Wir werden Ihre Dummheit ausnützen, aber Ihre Freunde können wir nicht werden, dazu machen Sie uns zu viele Dummheiten.«

Lueger verbot von da an seinen Schäfchen den Besuch sozialdemokratischer Versammlungen.


August 1893: Im schwärzesten Viertel Österreichs, in Ried im Innkreis, hält Schuhmeier, der erste Rote, der in diese Gegend gekommen war, einen Vortrag »Über die verschiedenen Formen des Eigentums«. Wegen dieses Vortrages stand Schuhmeier im September desselben Jahres vor dem Geschworenengericht in Ried. Die Geschworenenbank bestand durchwegs aus Kleinbürgern und Bauern. Die Anklage lautete: er habe:

1. öffentlich und vor mehreren Leuten durch Schmähungen, Verspottungen, unwahre Angaben und Entstellungen von Tatsachen andere zum Hasse und zur Verachtung gegen die kaiserliche Armee aufzureizen versucht;

2. diese öffentlich und vor mehreren Leuten vorgebrachten Schmähungen, Lästerungen und Verspottungen haben die Ehrfurcht gegen den Kaiser verletzt und wurde dadurch ad 1 das Vergehen der Aufwiegelung nach Art. IV des Gesetzes vom 17. Dezember 1862, Nr. 8 RGBI. ex 1863, und ad 2 das Verbrechen der Majestätsbeleidigung nach § 63 StG., strafbar nach §§ 35 und 36 StG. begangen.

Aus Gründen der öffentlichen Ruhe und Ordnung wurde die Verhandlung geheim durchgeführt.

Die Anklageschrift behauptete, daß die Äußerungen »dem Munde eines Vertreters und Agitators derjenigen politischen Partei entstammen, welche die Untergrabung jeder öffentlichen Autorität und ihrer Stützen sich zur wichtigsten Aufgabe gestellt hat«.

Trotz des Protestes des Verteidigers Dr. Zweybrück gegen den Ausschluß der Öffentlichkeit blieb es dabei.

Das Beweisverfahren ergab, daß der Regierungsvertreter bei Schuhmeiers Versammlung die Sätze, die unter Anklage gestellt worden waren, erst nachträglich dazustenographiert hat.

Schuhmeier verteidigte sich größtenteils selbst, indem er den Geschworenen volkstümlich und humorgewürzt die Ziele der Partei auseinandersetzte, wobei er vom Vorsitzenden oft unterbrochen wurde. Das Verdikt der Geschworenen lautete: »Aufreizung gegen die kaiserliche Armee: 4 Ja, 8 Nein. Majestätsbeleidigung: 12 Nein.

Schuhmeier war – in Ried! – freigesprochen worden.


1893 gab Schuhmeier wieder ein Büchlein heraus, diesmal literarischen Inhalts: »Der rote Deklamator.« Eine Sammlung ernster und humoristischer Gedichte nebst einem Anhang von Liedern. Zusammengestellt und herausgegeben von Franz Schuhmeier. Preis zehn Kreuzer = zwanzig Heller. Diese Sammlung enthielt politisch-satirische Lieder und Gedichte, aber auch ernste Kampfdichtungen von Dehmel, Freiligrath und anderen und bezweckte, dem Proletariat die Freiheitsdichtung näherzubringen, es durch die Worte freier Dichter anzufeuern. Das war nicht erlaubt. Das Büchlein verfiel der Konfiskation und Schuhmeier einer Anklage wegen § 24 Preßgesetz, Verbreitung verbotetener Druckschriften. Diesmal wurde er verurteilt. Vierzehn Tage Arrest und 50 Gulden Geldstrafe.

Im Arrest war er mit der Kost ganz und gar nicht zufrieden. Mit der Kostaufbesserung auf eigene Rechnung haperte es meistens, weil es am Gelde fehlte. Da beschloß er, diesmal der Welt zu zeigen, welchen Schlangenfraß der Rabenvater Staat seinen Häftlingen vorsetzt, erstens, um sich für die eigene schlechte Fütterung zu rächen, und zum andern, um zum Frommen aller künftigen Häftlinge die Gefangenenhausküchen zu reformieren.

Am letzten Tage der diesmaligen Haft gab es Knödel. Die waren steinhart, so daß man sich die Zähne ausbeißen konnte, und so kohlschwarz, als wären sie aus Kohlenstaub statt aus Mehl hergestellt. Es gelang ihm, ein solches Knödel hinauszuschmuggeln und im Gassenladen der »Volkstribüne« in der Schottenfeldgasse, in dem sich die Administration und zugleich die Redaktion des Blattes befand, stellte er dieses Nahrungsmonstrum fein säuberlich auf einem Teller in die Auslage. Ganz Wien strömte herbei, um dieses Landesgerichtknödel zu bewundern und die Leute genierten sich nicht, laut ihre Meinungen zu äußern. So viele Menschen standen immer vor dem Knödel, daß die Schottenfeldgasse für Fußgänger und Wagen unpassierbar wurde.

Das paßte den Behörden nicht, ihre eigene Schande ausgestellt zu sehen. Sie verlangten Entfernung des Knödels, weil es ein Passagehindernis bilde. Der Schuhmeier weigerte sich. Das Knödel sei sein Eigentum, das er sich vom Munde abgespart habe und damit könne er tun, was ihm beliebt. Dagegen war nichts zu machen. Die Belagerung des berühmten Knödels wurde immer ärger, das Knödel aber auch immer schimmeliger. Schließlich ließ er sich wegen des Straßenverkehrs doch herbei, es zu entfernen, aber diese sonderbare Demonstration hatte Erfolg. Den Häftlingen wurde von da an menschlichere Nahrung vorgesetzt.


1893 setzte eine Wahlrechtsbewegung ein, die sich auf das ganze Reich erstreckte. Im Verlaufe von sechs Monaten wurden 404 Wahlrechtsversammlungen abgehalten, darunter 94 unter freiem Himmel, 67 davon wurden verboten, 9 aufgelöst. In vielen solchen Versammlungen sprach auch Schuhmeier.

Die Herrschenden und Bevorrechteten schäumten. Die guten Christen wurden von der Kanzel herab vor dem Besuch solcher Versammlungen gewarnt. Überall wurden, was eine alte Taktik der Reaktion war, die Wirte mit leichterem oder heftigerem Nachdrucke veranlaßt, ihre Lokale nicht für sozialdemokratische Versammlungen herzugeben.

Nützte aber nichts. Alle Versammlungen waren überfüllt. Hunderttausende Flugblätter mit der Parole: »Keine Ruhe in Österreich, bis das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht errungen ist« wurden verteilt.

Im August waren 50.000 Wiener auf der Feuerwerkswiese im Prater, schon im Juli ebensoviele vor dem Rathaus versammelt, um ihr Recht, das gleiche Recht, zu fordern.

Schuhmeier schrieb in der »Volkstribüne«: »Das war nicht das Ende, sondern erst der Anfang eines Kampfes, den wir auszufechten entschlossen sind. – Wir müssen das verschlafene und faule Bürgertum aufrütteln und ihm in die Ohren rufen: »Jetzt ist es Zeit !«


Er geht wieder nach Oberösterreich. Diesmal nach Wels. Spricht in einer Riesenversammlung über »Die wirtschaftliche Notlage der Arbeiter, Kleingewerbetreibenden und Bauern«, sowie über »Die Bestrebungen des Volkes und die Sozialdemokratie«.

Er führt aus, daß Arbeiter, Kleingewerbetreibende und Bauern Hand in Hand gehen müssen. Es sei Unsinn, wenn sich der Kleingewerbetreibende von dem Arbeiter wegwendet mit der Motivierung: »Ich bin Meister und du bist Geselle.« Die Leiden sind jedoch die gleichen. Wir leiden Hunger als Arbeiter und er hungert als Meister. Wenn ein Kleingewerbetreibender zugrunde geht, so ist es selbstverständlich, daß er dann nicht in eine höhere Gesellschaftsklasse aufsteigt, sondern daß er nur mehr Arbeiter werden kann. Ebenso ist es beim Bauer, wenn der von seiner Scholle vertrieben wird; er geht dorthin, wo er Arbeit findet, in die Fabrik und Kleingewerbetreibender und Bauer sind dann froh, in die Armee der Arbeiter aufgenommen zu werden.

Dann legt er, wie in fast jeder seiner Reden, gegen den Militarismus los, den er die Mordskultur nennt. »Die enormen Kosten für das stehende Heer, das abgeschafft werden muß, haben die Arbeiter, Kleingewerbetreibenden und Bauern aufzubringen in Form direkter und indirekter Steuern. »An allem, was wir essen und trinken, überall hängt ein Soldat daran, und wenn dann nichts für uns übrig bleibt, ist dies kein Wunder, weil so viele Mitesser vorhanden sind.

Die jetzigen Abgeordneten haben eben keinen Sinn für das Volk, sie vertreten nur ihre Interessen. An der Stelle des Herzens haben sie eine Rechentafel hängen und die Arbeiter sind der Griffel, mit dem auf dieser Tafel geschrieben wird.«

Diese Versammlung hatte einen derart nachhaltigen Erfolg, daß der Kaiser, der einige Zeit darauf in Wels war, etwas tun zu müssen glaubte, um die Wirkung der Rede Schuhmeiers abzuschwächen. In den Berichten über den Besuch des Kaisers in Wels hieß es: »Anknüpfend an eine Erkundigung über die Arbeiterverhältnisse in Wels gab der Monarch dem Bedauern darüber Ausdruck, daß in den sozialen Fragen die extreme Richtung die Oberhand gewinne. Es wäre lebhaft zu wünschen, daß beide Teile etwaige Differenzen auf gütlichem Wege zu lösen versuchen. Dies entspräche den Interessen der Arbeiter besser, die ja ihrerseits auch die Interessen ihrer Brotgeber berucksichtigen sollen.«

Daß die Brotgeber ihrerseits ebenfalls die Interessen der .Arbeiter berücksichtigen sollen, darüber sagte Seine Majestät nichts. Vielleicht, wenn die Brotgeber sich schon tausend Jahre vorher um die Interessen der Brotnehmer gekümmert hätten, äatte die extreme Richtung nicht die Oberhand gewonnen.

Es ist anzunehmen, daß viele Welser das, was der Schuhmeier gesprochen hat, interessanter gefunden haben denn das Wortgeplätscher des Kaisers.

Es gab tatsächlich lange Zeit keine Ruhe in Österreich. Alles mögliche wurde versucht, um der Wahlrechtsbewegung Herr zu werden. Sie gruben die alte Idee aus, den Arbeitern an Stelle des Wahlrechtes für die Gesetzgebung ein solches für Arbeiterkammern ohne jeden Einfluß zu geben.

Der Ministerpräsident Graf Taaffe erklärte kategorisch, daß die Wahlreformfrage verfrüht sei und die Regierung sich an der Beratung eines solchen Gesetzentwurfes nicht beteiligen könne.

In Deutschland siegte die Sozialdemokratie neuerlich. 1,800.000 Stimmen und 45 Mandate brachte sie in die Scheune.

Schuhmeier donnert vor dem Rathause: »Ihr Herren da drüben im Parlament, nun geht vorwärts oder ihr werdet getrieben werden! Wir sind entschlossen, zu zeigen, daß wir reif sind, zum Zahlrecht das Wahlrecht zu erringen. So reif wie gewisse Leute, die am Rennplatz, ihrem geistigen Zusammenkunftsort, ihre Reitknechte zusammenreiten oder noch Ärgeres tun, sind wir auch. Das allgemeine Wahlrecht ist uns nur Mittel zum Zweck und nicht Endziel. Wir müssen weitergehen und wollen den ganzen gesellschaftlichen Baum ausgraben bis auf die Wurzel und einen neuen Staat mit einer neuen Ordnung gründen, wo es gleiches Recht und gleiche Pflicht gibt. Hoch die internationale Sozialdemokratie!«

Im Oktober 1893 rückte Taaffe dann doch mit einer Wahlreformvorlage heraus. Außer den bisher schon Wahlberechtigten sollten mitwählen dürfen alle männlichen Staatsbürger, die

1. vor dem Feinde gestanden, bzw. zum Tragen der Kriegsmedaille berechtigt sind oder das Zertifikat für ausgediente Unteroffiziere erworben haben;

2. in der Lage sind, sowohl den erforderlichen Bildungsnachweis (Kenntnis des Lesens und Schreibens in den landesüblichen Sprachen), als den Nachweis über rechtzeitige und ordnungsgemäß erfüllte Stellungspflicht zu erbringen.

3,440.000 neue Wähler wären nach dieser Vorlage zugewachsen. Von einem Wahlrecht der Frauen war nach wie vor keine Rede. Der Führer der Deutschliberalen, Plener, bezeichnete diese Vorlage als bösartig, gefährlich, antiösterreichisch. Der klerikale Graf Hohenwart brüllte: »Wir werden nie zugeben, daß das politische Schwergewicht von den besitzenden Klassen in die besitzlosen überwalzt wird.«

Dieser Sturm fegte das Kabinett Taaffe über Nacht hinweg. Das Koalitionsministerium Fürst Alfred Windischgrätz kam. Damit war die Wahlreformvorlage Taaffe gefallen. Das war für die österreichische Arbeiterschaft um so unerträglicher, als gerade um diese Zeit die belgische Arbeiterschaft sich nach einem diszipliniert durchgeführten politischen Generalstreik das allgemeine Wahlrecht erkämpft hatte. »Belgisch reden«, war der Schlachtruf jener Tage in Österreich, womit ein Generalstreik nach belgischem Muster für den Fall weiterer Verweigerung der politischen Rechte angedroht werden sollte.


Am III. internationalen sozialistischen Kongreß in Zürich gehört Schuhmeier der österreichischen Delegation an. Er tadelt dort heftig die deutsche Bruderpartei, die 1889 für die Erhebung des 1. Mai zum Weltfeiertag der Arbeit gestimmt, sich aber widerstandslos von den deutschen Bütteln den 1. Mai hat verbieten lassen.

Schuhmeiers Stärke bestand bis zuletzt im Angriff. Er war kein Diplomat, kein Taktiker, er ging drauf los, wenn er es für nötig hielt, ohne erst lange die etwaigen Folgen zu erwägen. Er ließ sich nichts verbieten.

Als die Polizei schikanöserweise anordnete, daß bei der »Bretzen« in Ottakring bei Versammlungen nur 300 Leute sitzen und 500 stehen dürfen, keiner mehr, veranlaßte er, daß Versammlungen so lange in anderen Sälen, die nicht mit solchen Vorschriften belegt waren, abgehalten wurden, bis die Polizei zu wissen gab, daß sie nicht mehr nachzählen werde.

1894 wird Schuhmeier Obmann der Allgemeinen Arbeiter-Kranken- und Unterstützungskasse. Er hat damit neben seinen vielen und vielseitigen Obliegenheiten eine neue schwere Bürde übernommen. In dieser Kasse gab es viel einzurenken, viel zu reformieren und eben deshalb hat man den Schuhmeier zum Obmann gemacht, weil man wußte, daß er eine starke Hand hatte und sie zu gebrauchen verstand.

In der Allgemeinen Arbeiter-Kranken- und Unterstützungskasse bestanden unhaltbare Zustände. Die Bezirksstellen amtierten in Wirtshäusern, wo man die Beiträge einzuzahlen hatte, wo aber auch das Krankengeld ausgezahlt wurde, so daß Schwerkranke sich stundenlang in qualmigen Wirtsstuben drängen mußten. Unter seiner Obmannschaft wurden gegen mannigfache Widerstände Zahlstellen in Privatlokalen errichtet, wurde der Ärztestab, besonders das Fachärztewesen, ausgebaut, wurden Inspektoren und Kontrollore bestellt und durch Vereinbarungen mit dem Verband der Genossenschaftskrankenkassen wurde für Rekonvaleszentenpflege, sowie für Kur- und Landaufenthalt zeitgemäß vorgesorgt.

Trotzdem er nur karg bemessene Stunden den Geschäften der Krankenkasse widmen konnte, leistete er für sie Bedeutendes, wobei er allerdings von Leo Walecka, dem Sekretär der Kasse, in jeder Weise unterstützt wurde; er hatte ihretwegen aber auch viele Sorgen und großen Ärger mit den Aufsichtsbehörden, die eifrig auf der Suche nach irgend etwas waren, womit man der Kasse und ihrer Leitung hätte einen Strick drehen können, aber auch mit verzopften Leitungsmitgliedern, die mit der Zeit nicht mitkonnten.

Während Schuhmeiers Tätigkeit als Kassenobmann verordnete der Wiener Magistrat, daß ihm die Krankenkassen alle jene von der Arbeitsstelle abgemeldeten Arbeiter bekanntgeben müssen, die innerhalb von sechs Wochen keine neue Arbeit gefunden haben.

Der Wiener Magistrat brauchte diese Meldungen, um nach damaliger Praxis alle nicht nach Wien zuständigen Arbeiter, die länger als sechs Wochen ohne Arbeit blieben, ausweisen und abschieben zu können. Schuhmeier leistete dieser Verordnung, solange es ging, Widerstand und bekämpfte den Magistrat schonungslos in aller Öffentlichkeit.

»Jede Sau findet ihren Metzger!« zürnte er in einer Versammlung, die deswegen aufgelöst wurde.

Als Schuhmeier 1896 Reichsparteisekretär wurde, resignierte er als Kassenobmann. Diese Funktion zu behalten, wäre zuviel gewesen.

Den Michel, der mit den Seinen schon buchstäblich hungerte, um nicht zu sagen, verhungerte, weil der rote Flickschneider von den bessern Leuten, bei denen noch etwas zu verdienen gewesen wäre, boykottiert war, aber lieber wirklich Hungers gestorben als ein anderer geworden wäre, hat der Kassenobmann Franz Schuhmeier als Kassenboten angestellt. Darüber, wie in jedem solchen Falle, haben die Gegner gezetert, daß die Krankenkassen zu einer Versorgungsstelle für rote Agitatoren mißbraucht werden.

Der Schuhmeier hat bei passender Gelegenheit einen solchen Schreier gefragt: »Wie viele Rote werden dort angestellt, wo ihr das Heft in der Hand habt?«

Darauf wußte der keine Antwort.

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