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Der Schuhmeier

Robert Maximilian Ascher: Der Schuhmeier - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorRobert Ascher
titleDer Schuhmeier
publisherWien: Freiheit
year1933
correctorreuters@abc.de
senderMag. Dr. Harald D. Gröller
created20070107
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Zweites Buch

Der Mann

Dreizehntes Kapitel

Wenn man die Bilanz des Lebens eines Menschen zieht, werden sich weder die Soll- noch die Habenseite, um es buchhalterisch auszudrücken, decken. Der Kontoauszugbogen wird ausschauen wie die graphische Darstellung einer Statistik. Einmal geht der Strich hinauf, stürzt dann wieder steil ab, um ein Stück horizontal zu verlaufen, steigt wieder an und so weiter. Denn jeder Mensch, der unbedeutende ebenso wie noch viel mehr der bedeutende, ist ein Produkt seiner Zeit und seiner Umwelt, und da Zeit und Umwelt unaufhörlich, wenn auch meist unbemerkt im Flusse sind, verändert sich mit ihnen ihr Produkt. Und es ist dabei gar nicht zu vermeiden, daß gerade der Mensch, der sich nicht vom Strome treiben läßt, sondern immer neu Einstellung zu Zeit und Umwelt sucht, dabei irrt, so wie er aber den Irrtum erkennt, sich wieder richtig einzustellen bemüht. Victor Adler hat das so gesagt: »Wer handelt, macht immer Fehler.«

Franz Schuhmeier wie einen Heiligen mit einem Glorienschein durch diese Geschichte wandeln zu lassen, entspräche nicht der Wahrheit. Auch Franz Schuhmeier war ein Mensch mit seinem Widerspruch und so mußte er sein, um das zu werden, was er geworden ist. Vorzugsschüler mit einem Sitteneinser in jedem Zeugnis mögen in der Schulbank taugen, im harten Leben sind verweichlichte, ewige Mutterbubis unbrauchbar. Und nur so wie Franz Schuhmeier, der Mann, war, begegnen wir ihm auf den folgenden Seiten wieder.


Die Familie Schuhmeier war in der Zwischenzeit in die Pouthongasse übersiedelt. Der Hansl und der Karli waren beide schon in der Lehre, nächtigten aber zu Hause. Außerdem kränkelte der Vater schon längere Zeit, er hatte es auf der Leber – konnte nichts mehr tun, weil er körperlich arg heruntergekommen war, und mußte die meiste Zeit im Bett liegen. Für den heimgekehrten Franzl war kein Platz in der Pouthongasse. Er wurde Kammerherr in der Kohlgasse in Margareten bei der Familie Wagner.

Die Mami – das blieb sie bis an Franz Schuhmeiers Ende – mußte jetzt noch mehr rackern als zuvor. Die beiden Buben bekamen an ihren Lehrstellen nur die Kost, verdangen sich aber abends den Hausparteien als »Buttenhansln«, indem der Karl von der »Bassena« an der Schweglerbrücke und der Hansl von der in der Beingasse in Holzbutten Wasser schleppten und für jede Butte vier Kreuzer einkassierten; Fabriksmädel, wie die Nettel eine war, wurden mit besseren Trinkgeldern entlohnt. Zu all dem Jammer kam die Krankheit des Vaters. Nicht nur, daß er nichts verdiente, der Arzt und die Medikamente kosteten heidenmäßig viel. Aber die Schuhmeier wollten alles tun und das letzte hergeben, damit er wieder gesund werde oder zumindest nicht sterben müsse. Pflichtkrankenkassen gab es noch nicht. Und so hofften sie... freilich, als der Franzl einmal zugleich mit dem Doktor da war und er diesen ausholte, wie es um den Patienten stünde, wußte der Sohn, trotzdem der Arzt mit Wenn und Aber nicht sparte, wieviel es geschlagen habe. Behielt es aber für sich und ließ sie weiter hoffen.

Und so mußte wieder die Mami das meiste herbeischaffen. Sie wusch. Ihr Rücken war krumm geworden in der Zeit und ihre Augen wurden rot, weil sie viel zu wenig schlief. Sorge und Not sind treu wie die Hunde, und wenn sie sich auch manchmal verlaufen, sie kommen wieder.

Der junge Schuhmeier gab fürs erste alles Geld her, das er aus Schlesien mitgebracht, damit dem Vater nichts abgehe und die Mami es ein bißchen leichter habe. Durch seinen Wohnungsgeber Wagner bekam er Arbeit in der Buntpapierfabrik Goppold & Schmiedl in der Stumpergasse 16 in Mariahilf. Dort ist er am 2. April 1882 eingestanden und hat gleich sieben Gulden Wochenlohn bekommen. War damals gar nicht wenig für einen so jungen Menschen und für einen ungelernten Hilfsarbeiter. Er wurde in die Bürsterei gestellt und brauchte nicht lange, um alles zu begreifen und fix zu sein.

Die Buntpapierfabrik Goppold & Schmiedl, in der der junge Schuhmeier nahezu neun Jahre seines Lebens verbrachte, wurde zum Gärkeller, in dem der Most zum Sturm und aus dem Sturm köstlicher Wein wurde. Dort traf er einen Kreis junger und älterer Arbeiter, die schon viel gehört und gelesen hatten von der Lehre, die aus einer stillen Gelehrtenstube in der englischen Hauptstadt in die Welt hinausgeschickt wurde, und überall, wo Geknechtete und Unterdrückte hoffnungslos dahindämmerten, ein Aufhorchen bewirkte, und die selber zu Verkündern dieser Menschwerdungslehre geworden waren. Sie waren dort schon alle Sozialisten, als der junge Schuhmeier zu ihnen stieß, und sie wurden bald alle Sozialdemokraten. Und ihm, dessen Augen und dessen Herz schon immer offen standen, öffneten sie nun auch den Kopf. Sie zeigten ihm den Weg und das Ziel.

Er war dafür aufnahmsfähig. Es geht, das hatte er schon erkannt, in dieser schönen Welt mit ihren Reichtümern und Wundern, willkürlich und sinnlos zu. Wie wenn man zehn Leute an einen reich gedeckten Tisch setzte, aber nur zweien gestattete, zu essen, so viel sie mögen, und nach Hause zu tragen, so viel sie können, während die übrigen acht mit dem vorlieb zu nehmen haben, was übrig bleibt, wenn überhaupt etwas übrig bleibt. Die Zweifel in Sachen des Glaubens, die sich in ihm immer mehr verdichteten, sein Haß gegen das Militär, von seiner Zeugenschaft bei der Soldatenmißhandlung auf der Schmelz und der Gemeinheit, die ein Offizier an der Köck-Gisl begangen hatte, herrührend, erhöhten diese Aufnahmsfähigkeit. Und weil er daraufgekommen zu sein glaubte, daß dies alles nur möglich sei, weil die Menschen davon und überhaupt zu wenig wußten.

Was er von seinem Lohne nicht für sich selber brauchte, zum einfachsten Leben und für Bücher, die seine treuesten Freunde blieben, trug er in die Pouthongasse. Dort schlich schon das Unglück als dritter im Bunde mit Sorge und Not herum und wollte seine Opfer haben. Bekam sie auch.

An einem Abend im Mai rannte der Hansl mit seiner Butten für eine Partei im dritten Stock zum Wasserauslauf. Er ließ sie nicht ganz voll rinnen, damit sie leichter sei und ihn nicht beim Zurückeilen zu sehr behindere. Er war heute pressiert, der Hansl, denn er wollte mit Freunden zusammenkommen zum Kopf- oder Adlerspiel. Wenn man sich mit einer nicht bis zum Rande gefüllten Wasserbutte nicht schön langsam fortbewegt, schlenkert das Wasser und mit ihm sein Träger hin und her. Der Hansl hatte aber nur seine Spezi im Kopfe und das gewinnversprechende und noch dazu verbotene, darum um so herrlichere Spiel und achtete deshalb der Schaukelbewegungen seines Körpers nicht. Auf der Stiege zwischen dem zweiten und dritten Stock warf es ihn hin, er kollerte die Stufen hinunter und blieb mit einem Schädelbruch bewußtlos liegen. Sie haben ihn sofort ins Spital gebracht, doch ist er dort nach acht Tagen gestorben.

Der Franzl hatte mit Eltern und Geschwistern, die er immer und immer wieder beruhigen und von Verzweiflungsausbrüchen abhalten mußte, so viel zu schaffen, daß ihm tagsüber keine Zeit blieb, sich dem eigenen Schmerze über den tragischen Verlust des Bruders hinzugeben.

Den Vater Schuhmeier hat es am ärgsten getroffen. Sein Zustand verschlechterte sich derart, daß ihn der Doktor gegen den Einspruch der ganzen Familie ins Krankenhaus transportieren ließ.

Die Spitalsärzte hoben jedesmal die Achseln, wenn einer von den Schuhmeierischen wissen wollte, ob Aussicht bestünde, daß der Vater wieder genese, und schließlich sagten sie zum Franzl: »Junger Mann, machen Sie sich auf alles gefaßt, da kann nur mehr Gott helfen.«

Das war das Todesurteil. Und es ging ihm durch den Kopf: »Wenn Leben oder Sterben von Gott allein abhängt, wozu braucht man dann die Wissenschaft?«

Die Mami, die ihren Hansl noch lange nicht verwunden hatte und grauengeschüttelt daran dachte, daß so schnell darauf auch das noch..., sie konnte es gar nicht zu Ende denken..., hätte am liebsten die Sterne vom Himmel heruntergeholt, um den Eduard, mit dem sie neunzehn Jahre in Leid, fast nur in Leid, zusammengelebt, zu retten, aber die Sterne sind so hoch...

Darum verfiel sie auf den letzten Ausweg, der kleinen, schwachen Menschen bleibt, wenn sie nicht mehr ein noch aus wissen, wenn sie keinen Boden mehr unter den Füßen spüren und sich doch verzweifelt an etwas anklammern möchten – darum verfiel sie darauf, ihre Kinder zu dem anzuhalten, was sie selber immer getan hat: zu beten, diesmal für das Leben des Vaters zu beten.

Die Kinder taten es. Auch der Franzl, der schon lange nicht mehr gebetet hat, schon lange nicht mehr in der Kirche gewesen war. Seit der Geschichte mit dem Kooperator von Matzleinsdorf konnte er nicht mehr. Aber er ging in die Kirche und betete für das Leben seines Vaters. Jeden Tag. Er mit der Nettl und dem Karl. In der Stille und Kühle und Feierlichkeit des Gotteshauses überkommt es auch den Zweifler. Es packt ihn und macht ihn klein, so winzig klein, daß er sich vor sich selber in sich selber verkriecht. Und während er spürt, welche Beruhigung und welchen Trost es gewahrt, glauben zu können, daß der ist, zu dem man flüchtet, wenn man sich nicht mehr auskennt und zu dessen Ohr man alle Bitten und Klagen schickt, springt ein anderer wetterleuchtender Gedanke vor: wenn er ist!

Als die drei Schuhmeierkinder wieder einmal von der Kirche zur Mutter gingen, sagten ihnen schon die Leute im Hausflur, es sei eben aus dem Spital die Nachricht gekommen, daß der Vater gestorben sei. Die Mutter konnte gar nicht mehr weinen. Sie schaute bloß aus vorwurfsvollen Augen hinauf zur Zimmerdecke. Der Franzl wollte sagen: »Aber wir kommen doch g'rad aus der Kirche...« sagte es aber nicht. Er übersiedelte zur Mami in die Pouthongasse, wo nun Platz genug war.

Die Radikalen, die die Gemäßigten nahezu ganz an die Wand gedrückt und den Arbeitern verdächtig gemacht hatten, daß diese »Verräter« im Dienste der Polizei stünden und von den Kapitalisten bestochen wären, gingen daran, auf ihre Weise die kapitalistische Gesellschaftsordnung zu stürzen. Sie stellten sich das freilich recht simpel vor. Sie verrannten sich in die Idee, daß man bloß einige Terrorakte setzen müßte, um die Zaghaften und Knechtseligen aufzurütteln, wonach man das Alte beiseiteschieben und sich in den Besitz der Macht und aller Produktionsgüter setzen könnte. Sie haben das Beharrungsvermögen derer, die oben sind, unterschätzt, zugleich aber auch das Proletariat ihrer Zeit hoch überschätzt. Die Arbeitsmenschen von damals, zu denen die Kunde von der neuen Lehre noch nicht gedrungen war, murrten und knurrten wohl ab und zu, wenn ihnen gar arg geschah, aber sie murrten und knurrten nicht gegen ein Prinzip, sondern gegen den einzelnen, der ihnen als Unterdrücker und Ausbeuter gegenübertrat, und wenn es gar nicht mehr auszuhalten war, stieg ihnen das Blut zu Kopfe und dann waren bereit, dreinzuhauen, aber wenn sie Widerstand spürten, das Stirnrunzeln eines »Herrn« oder gar Säbel blitzen sahen, knickten sie ein und duckten wieder unter, weil sie schon geduckt zur Welt gekommen sind.

Am 15. Dezember 1883 wurde auf dem Heimweg von einer Arbeiterversammlung in Floridsdorf, bei der er als Regierungsvertreter fungiert hatte, der Polizeibeamte Franz Hlubek erschossen, Die Tat wurde sofort als das Werk der »Anarchisten« erkannt. In einem Flugblatt, das die Radikalen wenige Tage nach dem Attentat auf Hlubek mit der Überschrift »Zur Richtschnur« herausgaben, wurden den Polizisten weitere solche »Taten« angedroht. In einer anderen Flugschrift: »Nieder mit den Tyrannen und ihren Schergen« hieß es: »Den Ordnungskanaillen vom Schottenring, denen machen wir hiemit bekannt, daß wir jetzt den Kampf mit allen Mitteln aufnehmen und auf jeden Gewaltakt werden wir einen Gewaltakt zur Antwort haben. Siehe Hlubek in Floridsdorf!«

Schon am 10. Jänner 1884 wurde an dem Wechselstubenbesitzer Heinrich Eisert ein Raubmord verübt und am 25. Jänner desselben Jahres der Polizeiagent Blöch ermordet. Die Urheber dieser Untaten waren Anton Kammerer und Heinrich Stellmacher. Letzterer kam vor das Wiener Ausnahmegericht. Er leugnete den Raubmord an dem Wechselstubenbesitzer Eisert. Nicht um sich zu retten, da er sehr gut wußte, daß der nicht zu leugnende Mord an dem Polizeiagenten Bloch für ein Todesurteil genügte, sondern weil er sich schämte einzubekennen, daß er ein Raubmörder sei. Er wurde am 8. August 1884 hingerichtet.

Anton Kammerer kam, da er Deserteur war, vor ein Militärgericht. Kammerer bekannte sich im vollen Umfange zu seinen Taten und erklärte, daß er auch weiter noch »Propaganda der Tat« betrieben hätte, wäre er nicht festgenommen worden. Er gab zu, daß ihm das Gefühl der Reue vollständig fehle. Kammerer wurde zur Ausstoßung aus der K. und K. Armee und zum Tode durch den Strang verurteilt. Das Todesurteil wurde am 20. September 1884 in der Alserkaserne vollzogen.

Anton Kammerer, der beim 84. Infanterieregiment gedient hatte, war im August 1882 in die Schweiz desertiert, und zwar aus Furcht vor einer ihm drohenden militärgerichtlichen Aburteilung. Er war schon vor der Militärzeit bei den Radikalen aktiv tätig gewesen und hatte sich besonders mit der Einschmuggelung verbotener Druckschriften befaßt. In der Schweiz verkehrte er in dortigen Anarchistenkreisen, wo er Heinrich Stellmacher kennenlernte. Beide einigten sich, den Kampf gegen die bestehende Gesellschaft mit allen Mitteln zu führen, teils um Unsicherheit zu verbreiten, teils um Geldmittel für Parteizwecke zu beschaffen. Dem Raubmord an dem Wechselstubenbesitzer Eisert lagen auch keine eigensüchtigen Motive zugrunde. Er geschah, um die Partei der Radikalen mit Geldmitteln zu versorgen.

Kammerer und Stellmacher dürften stark unter dem Einflusse Peukerts und Johann Mosts gestanden sein. Die Mostsche »Freiheit«, die nun in New York gedruckt wurde, schrieb am 12. Jänner 1884 über diese Attentate: »In Wien wurde ein Polizeikommissär wie ein toller Hund niedergeschossen, man setzte berüchtigten Ausbeutern den roten Hahn aufs Dach, man kämpfte auf offener Straße gegen Bütteltum und Soldateska, man steinigte Jesuiten, setzte einen Altar in Brand und zertrümmerte die Beichtstühle.« Letzteres bezog sich darauf, daß es im Dezember 1883 in einer Favoritener Kirche während der Predigt, in der der Sozialismus verdammt wurde, zu Ausschreitungen kam, so daß der Prediger in die Sakristei flüchten mußte. Das war der Geist, der in den Achtzigerjahren des vorigen Jahrhunderts in der österreichischen Arbeiterbewegung vorherrschte.

Unter dem Eindruck dieser Ereignisse und diese als willkommenen Vorwand zur Verwirklichung einer alten Lieblingsidee Taaffes benützend, trat am 27. Jänner 1884 der Ministerrat zusammen. Er verzichtete vorläufig darauf, ein Sozialistengesetz nach reichsdeutschem Muster einzubringen, es wurde jedoch beschlossen, über Wien, Korneuburg und Wiener-Neustadt den Ausnahmezustand zu verhängen und dort die Geschworenengerichte einzustellen. Die Wiener Sicherheitswache wurde um 352 Mann vermehrt. Am 30. Jänner 1884 erschien die diesbezügliche Verordnung der Gesamtregierung. Am 15. Februar 1884 genehmigte das Parlament diese Ausnahmeverordnungen nachträglich. Vom 30. Jänner bis 17. Februar 1884 wurden 238 Personen wegen Beteiligung an anarchistischen Umtrieben ausgewiesen. Die österreichische Arbeiterbewegung stand unter Polizeiaufsicht wie die Dirnen. Die Organisationen mußten ihre Tätigkeit einstellen. Nicht nur die Radikalen, auch die Gemäßigten. Peukert verschwand am Tage vor der Verhängung des Ausnahmezustandes aus Österreich.

Im Organ der Gemäßigten, der »Wahrheit«, nahm ihr Redakteur Bardorf mit folgenden Worten zu den Ausnahmegesetzen Stellung: »So hätten also eine Hand voll wahnwitziger Fanatiker und Agents provocateurs im Dienste der Reaktion ihr Ziel erreicht: politisch machtlos, wirtschaftlich arm und widerstandslos, verzweifeln wir deshalb noch immer durchaus nicht an unserem Siege. Im Gegenteil werden wir auch in Zukunft, mag sich dieselbe gestalten wie immer, mit allen moralischen Mitteln dafür eintreten, das Klassenbewußtsein in die Reihen der Enterbten zu tragen, sie aufzumuntern, mit der schneidigen Waffe unseres Jahrhunderts: Kenntnis der Sozialwissenschaft zu sammeln und hievon den ausgiebigsten Gebrauch zu machen.

Hoch und erhaben sind unsere Bestrebungen, lauter und rein müssen auch die hiefür in Anwendung zu bringenden Mittel sein; großartig ist unser Ziel: »Die Wohlfahrt aller«. Mutig und entschlossen müssen deren Kämpfer sein. Darum sei unsere Parole nach wie vor: »Hoch die Sozialdemokratie!« Die Wahrheit bohrt sich durch!


Im Jänner 1884 mußte das Organ der Radikalen, die »Zukunft«, ihr Erscheinen einstellen. Im April desselben Jahres erließ die »Wahrheit« einen Aufruf zur Einigung der sich bekämpfenden Gruppen. Die Radikalen lehnten ab.

Die Regierung Taaffe wollte den Sozialismus mit Stumpf und Stiel ausrotten. Die Vernichter und Ausrotter des Marxismus haben bis zum heutigen Tage nicht gelernt, daß man wohl Marxisten ausrotten, töten kann, aber nie die Idee, den Marxismus, ebenso wie man zur Zeit der Christenverfolgungen Christen, aber nicht das Christentum ausrotten konnte. Die Idee ist ewig. Die Ausnahmegesetze reichten dazu noch immer nicht aus. Die Regierung unterbreitete am 20. Jänner 1885 dem Parlament den Entwurf eines Sozialistengesetzes, der dem deutschen Sozialistengesetz nachgebildet war. Da man der Arbeiterschaft durch das Ausnahmegesetz eine legale politische Betätigung unmöglich gemacht hatte, gründete sie geheime Organisationen. Das hieß im Polizeistil »Geheimbündelei«. Die Gemäßigten hatten für Dezember 1884 eine Versammlung einberufen, in der der deutsche Arbeiterführer Wilhelm Liebknecht über »Die Stellung der Sozialdemokratie zu den verschiedenen Parteien und deren Presse« sprechen sollte. Liebknecht wurde die Einreise nach Österreich nicht erlaubt. Im Februar 1885 mußte auch die »Wahrheit« infolge unausgesetzter behördlicher Drangsalierungen ihr Erscheinen einstellen. Die letzte Nummer schloß: »Zum letztenmal sprechen wir heute zu den Lesern der ´Wahrheit´. Allein die sozialistische Presse ist nicht gestorben, sie wird wieder auferstehen. Wir nehmen nicht besser Abschied als mit den Worten unseres Dichters Freiligrath:

»Nun Ade, doch nicht für immer Ade!

Denn sie töten den Geist nicht, ihr Brüder!

Bald richt' ich mich rasselnd in die Höh',

Bald kehr' ich reisiger wieder.«

Der Regierungsentwurf eines Sozialistengesetzes enthielt drakonische Bestimmungen zur Überwachung des Vereinswesens, zielte gegen geheime Verbindungen, sah eine starke Einschränkung des Versammlungsrechtes und der sozialistischen Presse vor. Die Wortführer der Arbeiter sollten unschädlich gemacht, Schankbetriebe, Buchhandlungen und Druckereien unter besondere Aufsicht gestellt werden. Und das Sozialistengesetz und die Ausnahmegerichte sollten nicht bloß, wie das Ausnahmegesetz, für bestimmte Gebiete, sondern für das ganze Reich gelten. Am 25. Juni 1888 nahm das Abgeordnetenhaus das Sozialistengesetz mit einer zweijährigen Geltungsdauer an. Gegen das Gesetz sprachen und stimmten die Jungtschechen, der Demokrat Dr. Kronawetter und der spätere Sozialdemokrat Engelbert Pernerstorfer. Daß das hochfeudale Herrenhaus das Sozialistengesetz schweifwedelnd und gern apportierte, ist selbstverständlich.

Äußerlich sah es eine Zeitlang so aus in Österreich, als wäre die Arbeiterbewegung und der Sozialismus mausetot. Nichts rührte sich und die Herrschenden fanden wieder, daß es herrlich sei zu leben, wenn man zu den Herrschenden gehört. Die Polizei und ihre gutbezahlten Spitzel, die Zensoren und die Ausnahmegerichte zertraten alles, was nicht schön brav war. Besonders das Wiener Ausnahmegericht unter dem Vorsitze des sadistischen Blutrichters Ritter von Holzinger leistete prompt die bei ihm bestellte Arbeit und bald wurden die Strafhäuser zu klein. Prozesse wegen Hochverrats, Geheimbündelei, wegen Verbreitung verbotener Druckschriften und wegen Benützung von Geheimdruckereien waren an der Tagesordnung und die Strafen, die verhängt wurden, barbarisch. Es traute der Bruder dem Bruder nicht mehr und wir Epigonen dieser furchtbaren Zeit, die wir uns dank der beispiellosen Opfer unserer Vorkämpfer zum Sozialismus bekennen und für ihn werben und wirken können, müssen uns in Verehrung und Bewunderung neigen vor diesen tausenden namenloser Helden, die hungernd, darbend schwerste Gefahren für körperliche Existenz und Freiheit ohne viel Ruhmredigkeit auf sich genommen und, von böswilligen Feinden und Spitzeln belauert, verbotene Zeitungen und Flugschriften unter den Flügeln der damals Mode gewesenen Havelocks, um den Leib gebunden, die Frauen unter den Röcken versteckt, von Mann zu Mann geschmuggelt haben, um Aufklärung zu verbreiten.

Zur rechten Zeit ist der geknechteten und dennoch noch immer uneinigen, wie das Tier an der Kette gehaltenen Arbeiterschaft von Österreich ein Lehrer, Einiger und Befreier erstanden: Dr. Victor Adler.

Er kam vom Großbürgertum her. Sein Vater war zuerst in Prag, wo auch Victor geboren wurde, und dann in Wien Börseaner und zählte zu den Schwerreichen. In seiner Studienzeit schloß sich Victor Adler nationalen Verbindungen an und bewegte sich auch sonst in deutschnationalen Zirkeln, was auf Prager Einflüsse zurückzuführen sein dürfte. Die Deutschnationalen und ihr Führer, Georg Ritter von Schönerer, machten damals noch nicht in jenem blödsinnigen Antisemitismus, der das Deutschtum in Österreich später bis zur Ohnmacht schwächte. In vielen Gebieten der Sudetenländer hielten sich Deutsche und Tschechen die Waage. Die Deutschen konnten die Gemeindevertretungen sehr vieler Städte und Märkte dieser Gebiete nur deshalb beherrschen, weil die Juden, die sich mit dem deutschen Volke und der deutschen Kultur innig verwachsen fühlten, zu den Deutschen standen und ihnen zur Mehrheit verhalfen. Als Schönerer den antisemitischen Kurs einschleppte und die Juden für nations- und rassenfremd, als Feinde der deutschen Nation erklärte, die mit allen Mitteln bekämpft werden müßten, trat langsam ein Umschwung ein. Die Tschechen haben die Juden immer als ihre Feinde bekämpft, weil sie die Deutschen stärken halfen. Und nun wurden sie auch von denen geächtet, die es ihnen hatten danken sollen, daß sie noch so viele schwer gefährdete Positionen halten konnten. Und diese ausbündige Torheit hat sicher sehr zum rapiden Aufstieg der Slawen in Böhmen und Mähren beigetragen. Die patentierten Hüter des Deutschtums haben das Deutschtum selbst am schwersten verwundet. Und ihre Nachfahren sind um nichts klüger geworden.

Victor Adler wurde Arzt. Als Armeleutdoktor lernte er das graue Elend kennen, in dem die übergroße Mehrheit der Menschen dahinvegetierte, ihr physisches und geistiges Elend, zu dem sie diese Weltordnung verurteilt hat, von der ihre Nutznießer behaupten, ohne es je bewiesen zu haben, daß sie von Gott gewollt und es eine Sünde wider Gott sei, sich gegen sie aufzulehnen.

Der junge Doktor, der ein großer Menschenfreund war und jedes Unrecht, dem geringsten seiner Brüder getan, so empfand, als wäre es ihm selber geschehen, konnte das nicht untätig mitansehen. Er schämte sich und hielt es nicht länger aus, dank dem Reichtum seines Vaters sich alles gönnen zu können, wonach es ihm verlangte, während unzählbare Menschen, geboren wie er, mit demselben Recht auf Wohlergehen, mit demselben Recht auf Freude, überhaupt nie erfuhren, was leben heißt. Es wurde ihm Lebenszweck, diese menschenähnlichen Lebewesen erst zu Menschen zu machen, sie herauszureißen aus ihrer geistigen Enge, auf daß sie dann schon von selber den materiellen und geistigen Druck, der von altersher auf ihnen lastet, abzuschütteln vermögen.

Adler begann in seinen Kreisen, zu denen auch Engelbert Pernerstorfer gehörte, der sein Intimus war, über die soziale Frage zu diskutieren und zu streiten. Und es reifte in ihm der Entschluß, seine ganze Zukunft, auf die des arbeitenden Volkes zu stellen. Es genügte ihm nicht, daß er arme Kranke unentgeltlich behandelte und ihnen noch das Geld für Medikamente und Kuren dazulegte, daß er gegen den oft sehr entschiedenen Einspruch seiner Familie in die Elendswohnungen ging, um sie mit einer dünner gewordenen Geldbörse wieder zu verlassen. Er wollte sich ganz in den Dienst des Proletariats stellen. Anfangs wollte er Gewerbeinspektor werden, um die Einhaltung der noch recht spärlichen Arbeiterschutzgesetze überwachen zu können. Sie haben ihn aber nicht genommen.

Dann – schon 1885 – sah er sich in der Arbeiterbewegung um. Er schloß sich keiner der beiden feindlichen Gruppen an, denn er hatte sofort erkannt, daß es die wichtigste Aufgabe wäre, die streitenden Brüder zusammenzuführen, wenn die Bewegung vorwärtskommen, ja überhaupt je aktiv werden sollte. Er hielt in größeren und kleineren Zirkeln Vorträge. Anfänglich begegnete er einem begreiflichen Mißtrauen. Kam er doch aus dem anderen Lager, aus einer anderen Welt – und daß es einer von dort gut und ehrlich meine, konnten die Arbeiter auf Grund vieler schlimmer Erfahrungen nicht mehr glauben. Sie hielten dafür, daß der sie zu Unüberlegtheiten verleiten wolle, um sie dann der Polizei auszuliefern, oder daß dieser »Studierte« beabsichtige, ihre Hirne zu benebeln, damit sie noch gefügiger würden.

Als sie aber wahrnahmen, daß dieser dreiunddreißigjährige, kluge, ernste, bedächtige Doktor alle Brücken zu der Gesellschaft und der Klasse, von der er herkam, abbrach, auf Wohlleben und Wohlbehütetheit verzichtete, und alles was er besaß der Bewegung und den Notleidenden opferte, gewannen sie ihn lieb und begannen ihm zu glauben und zu vertrauen.

Er unternahm es, trotz Sozialistengesetz Arbeiterversammlungen einzuberufen und in ihnen über die Fragen, die den Arbeiter interessierten, zu sprechen. Krankenkassenwesen, Arbeiterschutz und Arbeiterkammern waren die Themen, die er in seinen Versammlungen mit größter Sachkenntnis und tiefem Ernst behandelte, und Radikale sowie Gemäßigte lauschten seinen Worten. Er machte die Abhaltung von Versammlungen möglich, indem er bürgerliche Politiker, die weit links standen, wie Dr. Kronawetter und seinen Freund Engelbert Pernerstorfer, veranlaßte, als Einberufer zu fungieren.

Zu Weihnachten 1886 erschien die erste Nummer der »Gleichheit«. Sie war ein Wochenblatt. Redaktion und Administration und Expedition waren in einem kleinen Gassenladen in der Gumpendorferstraße untergebracht. Die Mittel zur Gründung dieser Zeitung für die Arbeiter wurden durch kreuzerweise Spenden und durch reichliche Zuschüsse Victor Adlers aufgebracht. Dr. Adler zeichnete als Herausgeber, Ludwig August Bretschneider als verantwortlicher Redakteur.

Die »Gleichheit« stand über den Fraktionen innerhalb der Arbeiterbewegung. Sie setzte sich das hohe Ziel, eine Einigung und Vereinigung herbeizuführen.

Natürlich verfiel gleich die erste Nummer dem Rotstift des Staatsanwalts. Und auch die meisten folgenden teilten dieses Schicksal. Aber Adler und Bretschneider waren dem Krokodil, das an den Ufern des Ideenstromes lagert, wie Nestroy den Zensor charakterisierte, gewachsen. Besonders Bretschneider war ein Meisterstratege im abwechslungsreichen Kleinkrieg gegen die Wortvernichter. Erst wenn die ganze Auflage gedruckt war, schickte er dem Herrn Staatsanwalt das Pflichtexemplar. Während dieser Wort für Wort studierte, um seine Gründe für die dieswöchige Konfiskation herauszutifteln, stoben die Genossen und die Genossinnen schon mit den Blättern nach allen Windrichtungen auseinander. Kamen dann die Polizisten, um die Blätter wegzutragen, waren keine mehr da. Oder doch zwei bis drei Exemplare, die sie der höfliche Bretschneider finden ließ, damit sie nicht ganz umsonst amtshandeln mußten.

1888, als die Geltungsdauer des Sozialistengesetzes zu Ende ging, verlangte die Regierung eine Verlängerung der Geltungsdauer auf weitere 3 Jahre. Diesmal stieß sie auf eine starke Opposition. Das Parlament wurde vertagt und das Ministerium erließ nach Ablauf des Sozialistengesetzes Ausnahmeverfügungen. Damit wurden für Wien und weitere 14 Gerichtssprengel neuerlich Maßnahmen gegen anarchistische, auf gewaltsamen Umsturz der bestehenden Staats- und Gesellschaftsordnung gerichtete Bestrebungen, verfügt.


Der junge Schuhmeier arbeitete nicht nur im Betriebe Goppold und Schmiedl, sondern in seiner freien Zeit auch an seiner Weiterbildung.

Man müsse, sagte er denen, die ihn als Bücherwurm hänselten, erst selbst etwas wissen, ehe man den Versuch wagen dürfe, die andern aus ihrer Unwissenheit herauszuführen. Er war auch schon in der »Bude« avanciert, und zwar zum Magazineur, und bezog einen Wochenlohn von dreizehn Gulden, war also nach damaligen Begriffen ein Spitzenverdiener. Was er gelesen hatte, borgte er weiter oder las es bei zwangslosen Zusammenkünften in der Gumpendorfer Bierhalle, in der einst sein Vater Stammgast gewesen, vor. Manche von der Tischgesellschaft murrten zwar, weil sie lieber geschnapst hätten, aber der Schuhmeier verstand es, sie zum Gescheiterwerden zu zwingen.

Er war jetzt auch in das Theater vernarrt. An jedem Wintersonntag nachmittags oder abends sah er sich ein gutes Stück an. Im alten Burgtheater auf dem Josefsplatz stellte er sich, wenn es eine besondere Aufführung gab, schon zeitlich morgens an und stand geduldig, mit Lektüre beschäftigt, bis abends die Stehplatzkasse aufgemacht wurde. Den »Faust«, die »Räuber« und den »Wilhelm Tell« wußte er fast auswendig. Im Theater in der Leopoldstadt – Carltheater – versäumte er kein Nestroystück und keines von Ferdinand Raimund. Wie Nestroy die sogenannte gute Gesellschaft, die feisten Spießer und die Ämter und die Beamten, und alles, was dem guten Bürger heilig war, zerzauste, das ließ verwandte Saiten in ihm aufklingen. So hätte er's, fühlte er, auch gesagt, wenn er schon zum Sagen gekommen wäre. Und die übersinnliche Welt des schwermütigen Raimund half ihm, sich für Stunden aus dem erdenschweren wirklichen in ein Phantasiereich der unbegrenzten Möglichkeiten zu versetzen.

Im Theater an der Wien ergötzte er sich an den naturfrischen Bauerndramen und Possen Ludwig Anzengrubers, der ihm der liebste unter den Dichtern der österreichischen Heimat wurde. Manchmal nahm er die Mami, die vordem noch nie in einem Theater gewesen war, mit. Für diese Frau war das immer ein hoher Festtag. Dann leistete sich der Franzl bessere Sitze, während er sonst mit dem »Juchhe« vorlieb nahm. Und dem Franzl bereitete es, wenn die Mami neben ihm saß, ein doppeltes Vergnügen. Einmal, weil er sich freute, daß die Mami sich freute, und zum andern, weil es ihn belustigte, wie sie mit den Vorgängen auf der Bühne mitging, den Schein für Wirklichkeit nahm und über die von den Darstellern dargestellten Menschen halblaut lobende oder abfällige Bemerkungen machte.

Auch die Musik, die leichtfüßigere Schwester der Dichtkunst, zog ihn an. Die prickelnden Sphärenklange der vier Sträuße – Johann den Vater, Jean, Josef und Eduard, die Söhne –, die derbsinnlichen Walzer Josef Lanners, von denen man die Drehkrankheit kriegen konnte, juckten und zuckten ihm im Blute und der kecke Offenbach verleitete ihn zu sündhaften Gedanken. Wenn er Mozart hörte, hörte er Zauberflöten aus Österreichs Bergen und Tälern und des Heimatlandes alten Städten erklingen. Vor Beethoven, dem Titanen, wurde ihm ängstlich, wie einem in schwüler Gewitterluft der Kragen zu eng wird. Sonst aber war und blieb er ein Schubertverehrer. Wo es ein Schubert-Konzert gab, dort war er, wo man Schubertlieder sang, dort hörte er mit. Franz Schubert und Wien, das war für ihn ein untrennbarer Begriff. Dieses Lichtentaler Schulmeisterlein, das auf Bildern so aussieht, als wollte es jeden Augenblick um Entschuldigung bitten, daß es auf der Welt sei, hat bei seinen Streifzügen am Rande dieser Stadt all die Musik, die, aus der Wiener Luft, dem Wiener Duft und dem Wiener Blut geboren, im Äther herumschwirrte, mit seinem schwammigen Leib aufgefangen, wie heutzutage Antennen die Schallwellen des Rundfunkes auffangen, und was es da zusammengefangen hat, hat es wie ein heutiger Sender restlos den Wienern auf Notenpapier geschenkt. Zu Schubert-Aufführungen ging der Schuhmeier, wenn er Wiener, nichts als Wiener sein wollte und dem Weltbürger, der er war, kurzen Urlaub gönnte.

Einmal war er in der Oper, in die sich damals Proleten gar nicht hineintrauten, weil ihr Prunk einschüchternd wirkte. Nach Schluß der Vorstellung sah er auf dem Fiakerstandplatze vor der Oper den Borinsky-Onkel vor seinem Zeugel stehen und einladend sein: »Fahrn ma, Euer Gnaden?« in die aus dem Theater strömende Menge schleudern.

Der Borinsky-Onkel war, von brennendem Ehrgeiz getrieben, zum Fiaker avanciert. Das war viele, viele Jahre sein heißestes Verlangen. Die Einspänner, das waren die mißachteten Proleten unter den Peitschenschnalzern, der Fiaker, das war der Aristokrat unter ihnen. Und als endlich der alte Peter gestorben war, wagte er den Sprung.

Nach Schluß der Opernvorführung also begrüßte er seinen Neffen mit Matzleinsdorfer Herzlichkeit und überschüttete ihn mit Vorwürfen, weil er sich bei ihm und der Frau Tant gar nicht mehr anschauen lasse.

»Kannst uns schon wieder einmal die Ehr schenken, Bua, wannst aa schon a paar Haarln unter die Nasenlöcher hast, und wannst heirat'st, führ i die Braut. Aber g'scheiter is's, du machst ka so a dummes Stückel.«

Ein Fahrgast schwang sich in den Wagen. Der Borinsky-Onkel mußte die Pferde abdecken, auf den Bock steigen, Leitseil und Peitschenstiel in die Hände nehmen und davonfahren.

»Also komm bald«, rief er noch zurück und war schon weg.

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