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Der Schuhmeier

Robert Maximilian Ascher: Der Schuhmeier - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorRobert Ascher
titleDer Schuhmeier
publisherWien: Freiheit
year1933
correctorreuters@abc.de
senderMag. Dr. Harald D. Gröller
created20070107
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Achtes Kapitel

Im Juni 1878 tagten die Mächte zu Berlin. England beantragte, Österreich-Ungarn das Mandat zur Okkupation Bosniens und der Herzegowina zu übertragen.

Zuerst wurde von den österreichischen Truppen die Donauinsel Adakaleh besetzt. Am 29. Juli rückten die Österreicher unter dem Oberbefehl des Freiherrn von Philippoviè in Bosnien, am 31. Juli unter General Jovanovic in der Herzegowina ein. Man hatte sich diesen Einmarsch recht einfach vorgestellt. Voran eine Militärmusikbanda, dahinter eichenlaubgeschmückte Soldaten und hierauf eine fidele Verbrüderung zwischen unseren Kriegern und den dortigen Muselmanen, und eine noch innigere zwischen unseren feschen Vaterlandsverteidigern und den glutäugigen Bosniakinnen. Aber Hadschi-Loja, ein fanatischer Derwisch aus Sarajevo, sammelte tausende verwegene Insurgenten um sich, die alle Höhen und Pässe des Landes besetzten und aus sicheren Verstecken auf die Eindringlinge pfefferten.

Bei Dolna-Tuzla und Doboj kamen die Österreicher in ein arges Gedränge und mußten sich zurückziehen. Doch die Österreicher waren in der Überzahl und besser bewaffnet und am 20. August 1878 konnte dem Kaiser die vollzogene Besetzung Bosniens und der Herzegowina und die Gefangennahme Hadschi-Lojas gemeldet werden.

Am 17. und 19. September rückten die »Sieger« in der festlich geschmückten Reichshaupt- und Residenzstadt Wien ein und wurden von den Wienern mit Jubel empfangen und von den Wienerinnen mit Blumen beworfen.

So war dem Kaiser von Österreich und König von Ungarn wieder ein neues schönes Land untertan. Aber 1918 ist die Monarchie daran gestorben.

Die Deutschen in Österreich haben das bosnische Unternehmen von Anfang an mit scheelen Augen betrachtet. Es war schon jetzt schwierig genug, die Vorherrschaft der Deutschen über die nichtdeutsche Mehrheit aufrechtzuerhalten. Durch die Okkupation Bosniens bekamen die Slawen Zuwachs. Ein Teil der deutschen Presse war von Anbeginn gegen den Einmarsch und die Okkupation.

Im Kronrate sagte der Kaiser unmutig und voll Verachtung für die Presse, die er gut gekannt haben muß: »Es wäre gut, die Zeitungen in ein besseres Fahrwasser zu bringen, was allerdings nur eine Geldfrage ist.«

Es wurde beschlossen, eine Summe von 100.000 bis 150.000 Gulden zum Kauf von Blättern zu verwenden, »welchen Vorgang als den zweckentsprechendsten Seine Majestät zu genehmigen geruhte«.


In Deutschland machte die Arbeiterbewegung Fortschritte. In Deutschland waren auch schon die Arbeiter wahlberechtigt. Bei den Wahlen zum Deutschen Reichstag im Jahre 1877 erhielten die Sozialdemokraten zehn Prozent aller abgegebenen Stimmen.

Bismarck unternahm es, der »roten Flut« einen Damm zu setzen. Er hatte sich die Lebensaufgabe gestellt, die »vaterlandslosen Gesellen« auszurotten. Das Lied von den »vaterlandslosen Gesellen« zwitscherten die reaktionären Vögel in allen Ländern jahrzehntelang nach und wurde von denen am lautesten gesungen, deren Vaterland dort ist, wo es Profit gibt. Bismarck bekam bald einen Vorwand zu schneidigem Vorgehen.

Am 11. Mai 1878 versuchte der Klempner Hödel ein Attentat auf den deutschen Kaiser, das mißlang. Am 2. Juni unternahm ein Dr. Nobiling denselben Versuch. Nun setzte eine Sozialistenverfolgung ein, die alles bisher Dagewesene in den Schatten stellte. Der Reichstag, weil er ein von Bismarck eingebrachtes Sozialistengesetz abgelehnt hatte, wurde aufgelöst. Der am 21. Oktober 1878 neu gewählte Reichstag schluckte das Sozialistengesetz. Aus Berlin wurde alles ausgewiesen, was als sozialistisch verdächtig war, darunter Johann Most. Alle sozialdemokratischen Zeitungen wurden verboten, alle Organisationen aufgelöst. In allen größeren Städten herrschte der Belagerungszustand. Die sozialdemokratische Partei war genötigt, ihre Kongresse im Ausland abzuhalten, ihre publizistischen Organe teils in der Schweiz, teils in London drucken zu lassen und in Bambusrohren ins deutsche Vaterland zu schmuggeln.

In Österreich wollte man das nachmachen. Man verbot und löste auf, stellte und sperrte ein, der Arbeiterführer Emil Kaller-Reinthal wurde aus Wien abgeschafft.

Der Arbeiterschaft bemächtigte sich wieder Verzweiflung. Wer ihr zuredete, sich zu sammeln und einen günstigen Zeitpunkt zum Losschlagen abzuwarten, war ein Judas, wer sie zu Verzweiflungsausbrüchen haranguierte, war ein Heiland.

Johann Most, der sich nach seiner Ausweisung in London festgesetzt hatte, riet zur Gründung von Klubs und zur Anwendung der »Wunderwerke der Chemie«, worunter er Bomben und Sprengstoffe verstand. Die Mehrheit der klassenbewußten Arbeiterschaft verfiel dem Anarchismus. Ihr Organ war die von Johann Most in London hergestellte »Freiheit«.

Der Bruderkampf nahm immer schrecklichere Formen an.

Im August 1879 wurde das deutsche Bürgerministerium gestürzt. An dessen Stelle trat die Regierung des Grafen Taaffe, das die Völkerversöhnung und die Heranziehung aller Nationen zur Mitarbeit am Staate in seinem Programm hatte. Die Regierung Taaffe versuchte die Völker dieses unmöglichen Staates, beziehungsweise die Bevorrechteten innerhalb jeder Nation untereinander zu versöhnen, indem auch er ihnen in den »vaterlandslosen Gesellen« einen gemeinsamen Feind präsentierte, den sie gemeinsam schlagen müßten, wenn sie von ihm nicht gemeinsam aufgefressen werden wollten. Er appellierte an die Besitzinstinkte und ein solcher Appell ist immer wirksam.

Und das Proletariat war rechtloser, gehetzter, ausgebeuteter denn je. Und zugleich hoffnungslos gespalten.


Der Wimmer-Hansl kam wieder den Schuhmeier-Franzl besuchen. Fast jeden Tag.

»Sind wir wieder gut. Ihr habt einen so großen Hof, da kann man allerhand spielen«, sagte er. Er brachte Kugeln zum »Anmäuerln« mit und wußte auch sonst manche Kurzweil.

Aber der Franzl kam bald dahinter, daß diese Besuche gar nicht ihm galten, sondern er nur der Vorwand war, dessen sich der gehaute Wimmer-Hansl bediente, der auch sonst um Dinge wußte, die solche Buben noch lange nicht wissen sollten. Freilich, der Hansl war schon Gymnasiast und das berechtigte nicht nur, sondern verpflichtete sogar zur Betonung einer linkischen und komisch wirkenden Männlichkeit und einer ins Aschgraue gehenden Frechheit. Er rauchte sogar schon Zigaretten. Im Klosett und in Gegenden, wo ihn niemand kannte.

Im Gärtnerhause war die Frau Schromm die Hausbesorgerin. Und diese besaß ein Töchterlein. Mia hieß sie und nicht etwa Marie oder Mizzi, weil diese Namen zu alltäglich sind. Sie besuchte auch die sechste Klasse, ließ zwei blonde Zöpfe an ihrem Rücken baumeln, tat, wie alle diese Kücken, damenhaft und guckte aus Augen in die schöne Welt, die der poetische Gymnasiast »tief wie das blaue Meer« nannte, obzwar er noch nie ein Meer gesehen hatte. Wegen der Mia also kam der Wimmer-Hansl den Franzl besuchen.

Im Sündenmonat Mai war es, als der Hansl und der Franzl im Hofe spielten und die Mia daherkam. Der Hof war menschenleer. Der Hansl faßte die Mia am Schürzenzipfl und sagte zu ihr mit einer Sicherheit, die den Franzl verblüffte: »Hörst, Hausmeisterische, komm mit uns in den Borinsky-Stall, ich muß dir was zeigen.«

Als der Franzl das hörte, gab es ihm einen Stich. Ein Mädel so mir nix dir nix anreden! Hätte ihn der Hansl nicht am Ärmel erwischt, er wäre auf und davon.

Fräulein Mia von der sechsten Volksschulklasse machte, als diese formlose Einladung an ihr jungfräulich Ohr drang, ein Schnoferl und grollte: »Sind Sie nicht so frech, sonst sag ich's meiner Mama, hm.«

»Sag ihr's,« gab der Hansl zurück, »die Frau Mama liegt eh g'rad im 2. Stock auf der Erd und reibt den Gang auf.«

Das allein war schon Substrat einer Ehrenbeleidigung, wie er das »Mama« aussprach.

Der Franzl hörte die Welt in den Fugen krachen.

Das Fräulein Mia von der sechsten Volksschulklasse zischte: »Hm, hm, Sie sind mir viel zu ordinär, Sie... Sie... Sie...« und es ging ihr der Atem aus und sie ging.

»Wie kannst denn nur mit einem Mädel so sein?« frug entsetzt der Franzl.

»Esel,« so antwortete der Herr stud. gym., »so muß man's machen, dann kann man sie alle um den Finger wickeln.«

Da plagen sich die Gelehrten aller Fakultäten seit undenklichen Zeiten, das Weib zu ergründen, und müssen sich von einem vierzehnjährigen Gymnasiasten beschämen lassen.

Die Mia war bei der Tür ihrer Hofwohnung angelangt. Da steckte der Hansl zwei Finger in den Mund und pfiff schrill, worauf sich die Mia wieder umdrehte. Der Hansl winkte ihr mit dem Arm, wieder herzukommen.

»Jetzt wird sie dir was blasen«, prophezeite der Franzl.

Aber ... die Mia setzte sich langsam in Bewegung, kam heran und frug, als ob nie etwas geschehen wäre: »Willst was von mir?«

Der Hansl redete gar nichts mehr: Er nahm das Mädel unter dem Arm und führte es, ohne ernstlichen Widerstand zu finden, in den Stall. Dem Franzl rief er zu: »Komm mit, Sterngucker.«

Der zottelte nach und schloß die Stalltür hinter sich. Er begriff gar nichts mehr. Eben hatte sie noch zum Hansl »Sie« gesagt, war über seine Unverschämtheit empört und jetzt ging sie einfach mit.

Drinnen im Stall war es halbdunkel und roch es nach Roßmist. Der vierzehnjährige Hansl nahm die zwölfjährige Mia um die Taille und preßte sie so fest an sich, daß sie aufschrie: »O weh, du Grobian.« Der Hansl begehrte unter kurzen Atemstößen: »Jetzt gibst mir ein Bussel.«

Dem Franzl war nichts gewisser, als daß nun der Hansl Ohrfeigen abfangen würde. Aber sie blieb an Hansls Brust liegen, schaute ihm tief in die Augen und keuchte: »Jessas, Hansl, wann die Mama kommt.«

»Aber die kommt nicht, zu was ist denn der Sterngucker da? Der muß aufpassen«, beruhigt sie der Hansl. Und zum Franzl: »Wannst einen Schritt hörst, rufst: Jung ist's.«

Der Horchposten lehnte sich folgsam mit dem Rücken an die Stalltüre und hielt die Schnalle fest. Mit weiten Augen schaute er auf das, was geschah.

Die Mia stellte sich auf die Zehen, schlang ihre Arme um Hansls Hals und schon schmatzte es. Es war freilich kein kunstgerechtes Küssen, es klang eher wie das Piepsen junger Spatzen, die von der alten Spätzin gefüttert werden. Wie muß dem armen Kiebitz gewesen sein!

Endlich löste sich die Mia von dem Hansl los, richtete ihr Haar und an ihrem Kleidchen herum und erklärte: »Jetzt geh ich, die Mama könnt mich suchen.«

»So kannst nicht gehen,« darauf sachkundig der Gymnasiast, noch stoßweise atmend und sich die Haarbüschel aus der Stirn rückend, »jetzt bist noch ganz rot im Gesicht, da kennt man's gleich.«

»Was willst eigentlich noch?« forschte die Mia, wie eine, die eine ganz bestimmte Antwort erwartet.

»Noch ein Bussel«, war diese Antwort, unsicher gegeben, wie die Rede eines, der überlegt, ob er nicht zu weit gegangen.

»Hast noch nicht genug, Nimmersatt?«

Kokett sagte das die Mia, wie eine, die weiß, daß man an ihren Reizen nie satt werden kann.

»No, halt so,« stammelte der Hansl, und das klang wie ein Tappen in Finsternis, »ich bin der Vater und du bist die Mutter.«

Der Franzl duckte sich. Jetzt müsse der Plafond herunterkrachen. Aber er krachte nicht.

Die Mia verdeckte ihre blauen Augen mit seidig bewimperten Lidern und das hörte sich gar nicht so echt an: »Pfui, du ... du ...«

Das reizte den Hansi. Er packte das Mädel wild und warf es in die Streu, die dem Pferd Peter als Nachtlager diente.

Die Mia wimmerte: »Nicht, Hansl, sei g'scheit ...«

Das hielt der Franzl nicht mehr aus. Ihm war, als ginge alles in Flammen auf. Und zugleich glaubte er, das Mädel dort aus großer Gefahr erretten zu müssen. Wie irrsinnig schrie er: »Halt aus, es kommt wer, Jung is.«

Das wirkte wie kalter Wasserstrahl. Der Hansl ließ von dem Mädel ab, öffnete den Deckel der Haferkiste, hüpfte hinein, und ließ den Deckel über sich zufallen. Ein Held! Die Mia quietschte wie ein Kätzchen, dem man auf den Schweif getreten ist, sprang auf, brachte wieder Haar und Kleidung in Ordnung, streifte Strohhalme von sich ab und frug zitternd: »Wer, um Gotteswillen, wer kommt?«

»Niemand,« antwortete der Franzl, »ich hab's nur g'sagt, daß er aufhört.« Und erwartete Anerkennung dafür, daß er das Mädel aus schwerer Bedrängnis befreit. Das hörte der Hansl in der Haferkiste, machte einen Satz heraus und gab dem Franzl eine Ohrfeige, daß er an die Wand flog. Und dann verzog er sich, ohne sich weiter um die Mia zu kümmern.

Und Fräulein Mia, Schülerin der 6. Volksschulklasse? »Hm, hm, dummer Bub,« fauchte sie ihren Beschützer an, »mach dich nicht so patzert.« Und draußen war auch sie.

Drinnen blieb nur der Franzl mit einem urdummen Gesicht.


Dieses Erlebnis bildete den Schlußpunkt hinter Franzls Kindheit. Von da an war die Welt für ihn voller Rätsel und er wollte alle Rätsel lösen. Und wurde ein Büchernarr. So meinten es wenigstens in seltener Übereinstimmung die Marietant und der Borinsky-Onkel. Nach Auffassung dieser guten Leute konnte nur ein Narr die Zeit mit gedrucktem Zeug vergeuden. Vernünftige Menschen, meinten sie, wüßten sich was Gescheiteres.

Er las, was ihm unter die Hände kam. Die siebzigste Fortsetzung eines Zeitungsromans vom guten Kaiser Josef und der Nachtwächtersenkelin, erbauliche Geschichten, die in der Schule die Bravsten geliehen bekamen, den Krakauer Kalender von der Marietant und was er sich von anderen Buben ausborgte, Indianerbüchel und so Zeugs. Aber das war alles viel zu wenig für seinen Leseheißhunger. Wenn er Zeit fand, rannte er auf die Wiedner Hauptstraße hinunter und stand stundenlang vor dem Schaufenster der großen Buchhandlung. Dahinter gab es unermeßliche Herrlichkeiten. Die wollte er alle haben. Alle verschlingen. Aber wann? Bis er ein Mann geworden? So lang hielt er es nicht aus. Woher aber Geld nehmen, um auch nur antiquarische Bücher kaufen zu können?

Geld für Bücher. Das mußte aufgetrieben werden. Er trieb es auf. Nicht viel, aber ein zerlesener Goethe und ein muffliger Heine mit Tränenspuren auf den herzwärmenden Liebesgedichten und Reisebeschreibungen kamen doch heraus dabei.

Auf der Siebenbrunnenwiese hatte sich ein »kleiner Prater« etabliert. Ein Ringelspiel, eine Schießstätte, eine Hutsche und ein Kasperltheater für die ganz Kleinen und ein Werkel hustete die Musik dazu. Der Franzl stand mit anderen Buben herum, als der »kleine Prater« aufgebaut wurde. Manche schauten aus bloßer Neugierde zu, manche aber aus spekulativen Gründen. Der Franzl sah, wie einige den Herrn Direktor anredeten und sich als Ringelspieltaucher offerierten, und hörte, daß dabei von einem Lohn geredet wurde, der freilich herzlich wenig, für die Begriffe solcher Buben aber schwindelnde Beträge ausmachte.

Geld für Bücher! Der Franzl bot sich auch an. Ringelspieltaucher werden keine mehr gebraucht, alles besetzt, meinte der Herr Direktor, aber als Hutschenschleuderer ginge es noch. Fünf Kreuzer für den Wochentag und zehn für den Sonntag. Der Franzl nahm das Engagement an. Geld für Bücher. Die Marietant gab ihre Einwilligung; gegen das Geldverdienen hatte sie nie etwas, nur gegen das Geldausgeben.

So wurde der Franzl fixangestellter Hutschenschleuderer und blieb es zwei Monate lang. Bis der Herbst kam und in das schöne Geschäft hineinregnete. Er heimste manchmal sogar Trinkgelder ein. Kavaliere ließen ihre Damen hutschen, blieben unten stehen und steckten dem Franzl einen Kreuzer mit der Aufforderung zu, recht fest zu schleudern...

Die erschleuderten Bücher bildeten das Heiligtum des Franzl. Lesen und Zeichnen, für das er ein treffsicheres Auge und eine Künstlerhand besaß, waren seine Leidenschaften.

Wenn sie ihm nachriefen: »Serwas, Hutschenschleuderer«, genierte ihn das nicht. Ist schließlich auch eine ehrliche Arbeit. Das Vergnügen der anderen verschaffte ihm sein Vergnügen und das war ein größeres und nachhaltigeres. Und brachte niemals Enttäuschungen. Denn die Bücher waren nicht das alleinige Vergnügen, das er sich mit dem verdienten Gelde bereiten konnte. So manches Silberzehnerl trug er in die Hirschengasse und steckte es der Mami.

»Tu dir damit ein guten Tag an, Mami«, sagte er dabei. Doch die Mami tat sich keinen guten Tag an, sie schusterte das Geld in die Wirtschaft, um die es so traurig bestellt war.

Das waren dem Franzl seine allerschönsten Tage, wenn er der Mami mit dem aushelfen konnte, was ihr immer fehlte.

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