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Stanislaw Przybyszewski: Der Schrei - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Schrei
authorStanislaw Przybyszewski
year1918
publisherGeorg Müller Verlag
addressMünchen
titleDer Schrei
pages1-179
created20020920
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1918
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Stanislaw Przybyszewski

Der Schrei

Stanislaw Przybyszewski: Der Schrei

Leise, mit ängstlicher Vorsicht schlich Gasztowt an ein kleines, unscheinbares Haus heran, in dem ein bekannter und berüchtigter Kunsthändler Ausstellungen von Werken junger Künstler veranstaltete.

Er dachte nicht daran, dem höllischen Halsabschneider und felsenharten Shylock der jungen Künstler ein paar Franken aus der Tasche herauszulocken; das liess er sich nicht einmal im Traume einfallen: lieber würde er sich in einem Anfall von Hungerdelirium auf den erstbesten Passanten stürzen und ihn berauben, ehe er sich auch nur mit der geringsten Bitte an den unerbittlichen Wucherer wandte – nein! Das war es nicht – etwas ganz anderes; seit dem Augenblick, als er auf das Drängen des Händlers, der ihm mit kleinen Beträgen aus der äussersten Not herausgeholfen hatte, und unter Androhung der Versteigerung aller seiner Bilder sich endlich entschliessen musste, eine Auswahl seiner Bilder auszustellen, konnte er keine Ruhe finden.

Ihm war, als hätte er eine gottesschänderische Tat begangen, da er seine Bilder der öffentlichen Besichtigung preisgegeben, – als würden sie geschändet, jenes geheimnisvollen, heiligen Schleiers der schamhaften und innersten Ekstase beraubt, in der sie geschaffen waren: er hatte das Empfinden, als hätte er sein teuerstes Kind auf die Strasse gejagt, damit es mit seiner Schande ihm Geld verdiene – ihn würgte die Scham, er schäumte vor Wut, dass er sich hatte hintergehen lassen, er ergoss über sich die Jauche der Verachtung, dass er seinem heiligsten Entschlüsse untreu geworden: niemandem Einblick in die Geheimnisse seiner Offenbarungen zu gewähren.

Und jetzt schlotterten ihm die Knie, ging er doch hin, um ein endgültiges Urteil über seine Erbärmlichkeit zu fällen – er ging hin, um seine Bilder zu sehen, entweiht, beschmutzt durch das Anstarren seelenloser, mit dem ranzigen Speck der Dummheit und des gedankenlosen Stumpfsinns verfetteter Augen – und er selber wollte sich jetzt richten, weil er es zugelassen und seine Seele zu einer käuflichen Dirne entwürdigt hatte.

Er schlich mit listiger, diebischer Vorsicht immer näher an dieses verdammte Haus heran und sah sich beständig nach allen Seiten um.

Schon seit dem frühen Morgen hatte er das Gefühl, dass ihm jemand dicht auf den Fersen sei, ihn beobachte, seine Gedanken behorche und sich mit tückischer List in den Hader seiner Seele einmische, in die schmerzlichen Geheimnisse, – und jetzt unsichtbar hinter ihm herschleiche, um plötzlich vor ihm zu erscheinen und ihm seine Schande ins Gesicht zu speien . . .

Er besann sich plötzlich, und ihn packte Angst vor der kranken Einbildung, die seine Seele wie ätzende Lauge zerfrass.

Wer sollte ihn denn verfolgen oder beobachten? Warum? Wozu? Hatte er ein Verbrechen begangen, so doch nur an seiner eigenen Seele, und das ging doch niemanden etwas an – ein zerebrales Verbrechen, ein Harikiri, das er an seiner eigenen Seele verrichtet hatte, unterlag doch keiner weltlichen Strafe, also hatte doch niemand einen Grund, ihn zu verfolgen.

Endlich öffnete er die Haustür – blieb noch eine Weile auf der Schwelle stehen, sah sich noch einmal um, aber er konnte weit und breit niemanden erblicken.

Er betrat einen engen und schmutzigen Korridor und läutete an einer Tür.

Jemand öffnete, er bezahlte einen halben Frank » Eintrittsgeld«, sah sich plötzlich mitten in einem kleinen Saal, der elendes Licht durch ein paar schmale Fenster erhielt: auf der gegenüberliegenden Wand waren seine Bilder aufgehängt.

Er schloss die Augen, als wollte er sie erst noch für die Qual vorbereiten, die ihrer harrte.

Und um diese Qual noch zu steigern, wollte er sich deutlich vergegenwärtigen, wie seine Bilder in seinem Atelier ausgesehen hätten, und wie er sie nun erblicken würde.

Er hatte eine gewaltige Synthese der Strasse schaffen wollen, ihre Ewigkeitssymbole, ihre schauerlichen Geheimnisse offenbaren: sie in ihrem grausigen Umfang erschöpfen – all das Gewaltige und Schändliche, das in der menschlichen Seele lebt, vor Lust wiehert, in Delirien der Verzweiflung verreckt, sich in der unflätigsten Jauche wälzt, im Bluttümpel von Mord und Verbrechen badet, – all das in sie hineinprojizieren: das ganze Leben hatte er in einem riesigen Symbol wiedergeben wollen: der Strasse!

Er schlug die Augen auf und prallte entsetzt zurück.

All seine Bilder verflossen ihm zu einem blödsinnigen, lächerlichen Chaos.

Er war nicht imstande sie wiederzuerkennen.

Als hätte ihm ein boshafter Satan eine Brille vor die Augen gehalten mit seltsam geschliffenen Gläsern, durch die er den ganzen Abgrund seiner Ohnmacht und seines stümperhaften, unfähigen Könnens überblicken konnte.

Das, was ihm in seinem Atelier noch vor wenigen Tagen strotzend von Macht, überschäumend von künstlerischer Kraft erschien, sah er jetzt als eine verrenkte, schwindsüchtig hüstelnde, lächerlich hopsende Groteske. Das, was er als Symbol darzustellen versuchte, wurde ihm nun plötzlich zu einer läppischen lallenden Phrase – es verblieben nur jämmerlich nackte, stümperhaft verzeichnete, marktschreierische Strassenszenen, kleine, dumme, geistlose Episödchen, ordinäre, reportermässige Berichterstattungen, die elendsten Illustrationen für allerlei Mordgeschichten und infame Winkelblätter . . .

Die siegreiche Fanfare der Farben verblasste, verstummte, er hörte nur ein gemeines Jahrmarktsgeschrei, ein zänkisches Gezeter, sah nur eine grelle, ordinäre Harlekinade: seine Augen wurden blind von der trunkenen, röchelnden Kakophonie besessener Farben, wie man sie auf den Schildern der Vorstädte zu sehen bekommt.

Und gleichzeitig empfand er einen bestimmten physischen Schmerz, als ob fremde Augen sich hinterrücks, langsam, beharrlich, in grösster Anspannung in ihn hineinbohrten.

Und in dem Masse, wie das Bohren schmerzhafter wurde, begannen sich die Brillen, die er vor seinen Augen hatte, so gespenstisch auszuhöhlen, dass er jetzt nichts anderes zu sehen vermochte als nur ein elendes Geschmier, unflätigen Verputz, eine ekle eiternde Wunde seiner Ohnmacht.

Er hörte sich selbst aufstöhnen und erschrak, dass jemand sein Stöhnen hätte hören können – wusste er doch genau, dass jemand hinter ihm stand und seine Augen unaufhörlich in ihn hineinbohrte.

Ohne es zu wissen, wandte er sich um. Er sah wirklich und leibhaftig einen jungen Mann vor sich, der mit grösster Spannung und in verzückter Sammlung etwas anstarrte – aber nicht ihn, sondern seine Bilder.

Gasztowt sah ihn feindlich und gehässig an, aber jener schien ihn gar nicht zu beachten, ihm auch nicht die geringste Aufmerksamkeit zu schenken: er blieb ruhig stehen und versenkte sich mit angespanntem Fleiss in das Bild, von dem Gasztowt sich eben weggewandt hatte. Er kam dicht an das Bild heran, entfernte sich wieder von ihm, blieb seitwärts stehn, als suchte er nach einer Stelle, von der aus er es am besten betrachten könnte.

Gasztowt starrte ihn an mit herausfordernden, unverschämten Blicken, suchte mit Gewalt die Aufmerksamkeit des Fremden auf sich zu lenken – und wirklich sah der andere zu ihm hin, den Bruchteil einer Sekunde – mit einem kalten, gleichgültigen Blick, als wäre er etwas, das nicht da war, etwas, wie ein Schemen verdichteter Luft, und versenkte sich aufs neue in das Bild.

Gasztowt wurde wütend. Er wäre jetzt am liebsten an ihn herangetreten, hätte ihn zu einem ganz gemeinen Faustkampf herausgefordert für diesen nachlässig-verächtlichen Blick, aber ein dumpfes Angstgefühl stieg in ihm hoch und lähmte seine Glieder: kalter Schweiss trat ihm auf die Stirne und peinlich fühlte er es, wie der Schweiss über seine Wangen floss.

Er wandte sich zum Gehen – in der Tür drehte er sich noch einmal um.

Aber der Fremde, dessen Gesichtszüge er seltsamerweise gar nicht fassen konnte, als könnte er sie überhaupt nicht sehen, achtete auch diesmal seiner nicht, im Gegenteil, schien wie befreit sich um so eifriger in dem Anblick seiner Bilder zu verlieren.

Auf der Strasse blieb Gasztowt stehen.

Vielleicht sollte er doch umkehren? Woher hatte sich plötzlich dieser Mensch grade bei seinen Bildern eingefunden, – dieser merkwürdige Mensch, dessen Gesicht er nicht zu sehen bekam, obwohl er es so lange ergründet hatte, dieser Mensch, der sich doch nur so anstellte, als wäre er ganz von seinen Bildern besessen, in Wirklichkeit jedoch nur ihn bis ins Mark anstarrte –ja nicht allein das – er empfand doch so deutlich, wie sein Blick ihn jetzt noch schmerzte, wie er mit seinem höllischen Schauen ihm die ganze Seele durchwühlt, sie aus den Fugen gelöst hatte, seine Augen schielen, vorbeischauen liess, sie ganz falsch einstellte, wie er das Gift des niederträchtigen Hasses gegen sein eigenes Gebilde in sie eingeträufelt hatte . . .

Er grübelte und überlegte, ob er doch nicht versuchen sollte, diesem Geheimnis auf die Spur zu kommen – aber nach einer Weile, als er merkte, dass er eigentlich nur nach einer verschwiegenen Bank suchte, wo er, todmüde, zerquält und gerädert, ausruhen könnte, zuckte er die Achseln und bog in ein Labyrinth enger verschlungener Gässchen – ein abgelegenes Plätzchen zu finden – dort würde er ausruhen . . .

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