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Der Schrecken vom Rio Grande

Max Brand: Der Schrecken vom Rio Grande - Kapitel 9
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDer Schrecken vom Rio Grande
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
year1937
translatorFranz Eckstein
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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* * *

 

Es kamen tatsächlich Leute, um aber zu erklären, wer sie waren und was sie wollten, muß ich erst den nach Dennys eselhaftem Gespräch mit der Tochter des Generals Alfonso Pinzon abgerissenen Faden meiner Erzählung wieder aufnehmen.

Als der General einigermaßen zu sich gekommen war, fuhr er in gestrecktem Galopp nach Hause und zog dort seinen zweitbesten Uniformrock an, der noch ein gutes Stück enger war als der geplatzte, und darum begreiflicherweise nicht zur Verbesserung seiner Laune beitrug. Die ›besorgte‹ Gattin wollte ihm durchaus eine lindernde Salbe auf die Beule am Hinterkopf streichen, doch er wies dieses Ansinnen mit verächtlicher Miene weit von sich. Er sei ein Soldat, erklärte er, das wisse, Gott sei Dank, die ganze Welt – nur in seiner eigenen Familie schiene man das vergessen zu haben!

Damit stülpte er sein zweitbestes Generalkäppi auf den Schädel, obwohl er grollend hatte feststellen müssen, daß mehrere Goldlitzen an dieser Wochentags-Kopfbedeckung durchaus nicht mehr ganz einwandfrei waren, schob seinen zweitbesten Säbel in die leere Scheide und befahl dem zitternden Pferdeburschen, das allerbeste Schlachtroß vorzuführen. Auf ihm tobte, toste und schlidderte er durch die Straßen von San Clemente nach dem Haus der Alvarados, warf dem herbeieilenden Diener die Zügel zu und gab dem Türhüter seine Karte mit dem Ersuchen, ihn unverzüglich seiner Herrin zu melden, ja sie gegebenenfalls sogar zu wecken, denn es handle sich um eine Angelegenheit auf Leben und Tod.

Es ist schon gesagt worden, daß die Pinzons nicht auf der gleichen gesellschaftlichen Stufe mit den Alvarados standen, und so war es denn kein Wunder, daß die Gnädige, als man sie tatsächlich weckte, entschlossen war, den General nicht zu empfangen – noch dazu um diese unpassende Tages- oder vielmehr Nachtzeit.

Schließlich aber will ›auf Leben und Tod‹ ja gerade auch in Mexiko etwas bedeuten, und so erhob sie sich aus ihrem Bett, warf sich mit Hilfe zweier Zofen in ihr schwärzestes Gewand, streifte nur sieben bis acht kostbare Ringe auf ihre knöchernen Finger und zwei bis drei Ketten über ihren welken Hals und stieg dann in das Erdgeschoß hinunter, wo der General im Salon auf dem Rande eines Stuhles saß, den Griff seines Säbels nervös umklammert hielt und dachte, daß er wohl doch etwas zu weit gegangen sei.

Er wurde noch erheblich nervöser, als die Herrin des Hauses jetzt hereinrauschte und in der Nähe der Türe hoheitsvoll stehenblieb – sie brauchte nicht nahe heranzutreten, um einen Gast zu Eis erstarren zu lassen, wie dies jetzt mit dem armen General Alfonso Pinzon der Fall war. Erst ein Blick auf seine Ordensbänder gab ihm ein klein wenig Selbstgefühl wieder – immerhin war er doch auch etwas, wenn auch natürlich kein Alvarado –

Er fand den Gebrauch seiner Zunge wieder, die vor Verlegenheit so dick und pelzig geworden war, wie sonst nur nach einer durchzechten Nacht, und erkundigte sich angelegentlich, ob es der gnädigen Frau und der werten Familie gut gehe. Er habe gewagt, so spät noch zu stören, weil er fragen wolle, ob sie irgendwie seiner Hilfe bedürfe, da ihm von durchaus vertrauenswürdiger Seite gemeldet worden sei, daß der Schurke, der das Fräulein Tochter auf der ›Plaza Municipal‹ anzusprechen sich erdreistet habe, gewillt sei, noch weiteren Unfug und Unheil anzustiften.

» Meine Tochter angesprochen?« unterbrach die Señora ihn da. »Auf der ›Plaza Municipal‹? Gott sei Dank gibt es keinen Mann auf der Welt, der meine Tochter anspricht – auf der ›Plaza Municipal‹!«

Der General verbeugte sich, weil er ein boshaftes Lächeln verbergen mußte, denn er freute sich diebisch darüber, daß er die Alvarados, und besonders das anerkannte Haupt der Familie, von ihrer Höhe herabzerren konnte – zum mindesten auf die eigene gesellschaftliche Stufe herunter.

Als er seine Gesichtsmuskeln wieder in der Gewalt hatte, äußerte er sein Erstaunen darüber, daß die Gnädige noch nicht gehört habe, was doch die ganze Stadt wisse – daß nämlich heute abend ein junger Ausländer in die Reihen der lustwandelnden Damen eingedrungen sei und vor aller Augen mit ihrem Fräulein Tochter gesprochen habe.

Die Señorita sank beinahe zusammen, erinnerte sich aber noch rechtzeitig daran, daß sie doch eine Alvarado sei, und erklärte würdevoll, niemand könne Irrsinnige daran hindern, Narrenstreiche zu begehen, aber selbstverständlich hätte dann die gute Erziehung ihre Tochter daran gehindert, etwas Derartiges überhaupt zu beachten.

»Im Gegenteil«, erwiderte der General, »alle Welt hat gesehen, daß das gnädige Fräulein sich sogar sehr freundlich mit ihm zu unterhalten geruhte.«

Das war natürlich ein furchtbarer Schlag für die Alvarados – und diesmal wäre die edle Señora bestimmt zusammengesunken, wenn sie nicht in ihrer Sessellehne eine solide Stütze gefunden hätte. Den General, der ihr zu Hilfe eilen wollte, wies sie mit einer hoheitsvollen Handbewegung in seine Schranken zurück und sagte, sie würde sofort ihre Tochter und deren Zofe herbeordern und sie in seiner Gegenwart befragen, damit er imstande sei, das unerhörte Mißverständnis richtigzustellen und der Stadtbevölkerung klarzumachen, daß es Wahnsinn sei, anzunehmen, eine Alvarado könne auf offener Promenade mit einem Irren gesprochen haben.

Der General beteuerte, daß es für seine Person eines solchen Beweises selbstverständlich gar nicht bedürfe, daß er sich entschieden weigere, an eine solche Möglichkeit zu glauben, selbst wenn tausend Augenzeugen das Gegenteil behaupteten – innerlich aber jubelte er. Dafür, daß er jetzt die Alvarados so grenzenlos erniedrigen und beschämen konnte, wäre er sogar gern noch einmal aus seiner Kutsche gefallen.

Die Señora klingelte und sandte ein Mädchen zu ihrer Tochter, ein anderes zu deren Zofe, aber noch ehe diese erscheinen konnte, kam die Nachricht, das gnädige Fräulein befände sich nicht in seinem Zimmer.

Jetzt brach der Stolz der Señora völlig zusammen, sie ließ sich in einen Sessel fallen und schlug die Hände vor das verblühte Gesicht, das auch einmal sehr schön gewesen war, von der einstigen Schönheit aber nur noch die dunklen, sprechenden Augen behalten hatte.

Der General versicherte, daß hier natürlich nur ein Irrtum vorliegen könne – zu dieser Nachtstunde müsse sich das Fräulein Tochter in ihrem Zimmer oder doch zum mindesten im Hause befinden!

Aber schon eilten von allen Seiten Diener herbei und meldeten, daß die Carmelita nirgends zu finden sei.

»Vielleicht ist sie im Garten«, meinte der General.

»Das wäre möglich«, erwiderte die Señora mit gebrochener Stimme.

»Ich werde selbst einmal nachsehen«, sagte General Pinzon, trat dicht an die Dame des Hauses heran und verbeugte sich.

»Bitte, verfügen Sie in jeder Beziehung über mich, gnädige Frau«, flüsterte er, »und seien Sie besonders auch meiner völligen Verschwiegenheit versichert.«

Diese Zartheit rührte die arme Dame sichtlich, sie dankte ihm mit einem müden Lächeln, er verbeugte sich, die Hand am Säbelgriff, abermals, und sie übertrug ihm den Oberbefehl über die rasch gebildete Suchabteilung.

An der Spitze von mehr als einem Dutzend Bewaffneter betrat der General kurz darauf den Garten – es war dies zweifellos das bedeutendste Unternehmen seiner militärischen Laufbahn, besonders auch in bezug auf den Erfolg. Wie es nämlich auch ausgehen mochte, auf alle Fälle würde es mit dem Triumph enden, daß seine Familie auf die gesellschaftliche Höhe der Alvarados gehoben wurde. Im Geiste sah er schon seine Gattin, wenn sie auch eine dumme Pute war, im Wagen der Alvarados sich am hellichten Tag mit der stolzen Señora wie gleich zu gleich unterhalten, sah er seine Tochter bei der abendlichen Promenade Arm in Arm mit der gefeierten Carmelita!

Diese verführerischen Bilder benahmen ihm ein wenig den Kopf, aber schon nach zwanzig Schritten war der wieder klar genug, um die taktischen Möglichkeiten zu überblicken, die ein Punkt wie der Drei-Grazien-Teich bot. Nach kurzem Nachdenken ließ der General seine Mannen in weitem Halbkreis ausschwärmen, er selbst aber ging, nur von einem einzigen Getreuen gefolgt, tapfer zum Angriff auf das vielleicht vom Feind besetzte Versteck vor.

Das waren die Schritte, die die Carmelita gehört hatte, und jetzt sah sie auch noch durch eine Lücke in der blühenden Hecke die beiden Krieger sich heranschleichen.

Es war nach den strengen Schicklichkeitsregeln des Landes für ein junges Mädchen schlimm genug, um diese Nachtstunde im eigenen Garten selbst allein angetroffen zu werden – ganz schlimm, ja gesellschaftlich vernichtend wäre es gewesen, wenn dabei noch die Anwesenheit eines männlichen Wesens festgestellt worden wäre. Das wenigstens mußte vermieden werden, und darum gab die Carmelita dem Kleinen einen Wink, sich schnell und geräuschlos zu entfernen.

Denny verstand natürlich sofort, worum es ging, und stahl sich seitlich davon, um dem General zu entgehen, lief aber dabei zwei breitschulterigen, eingeborenen Dienern in die Arme, die sich krachend um ihn schlossen.

*

Man kann sich nur schwer einen Begriff davon machen, was diese Festnahme des Kleinen im Alvaradoschen Garten bedeutete, denn in jedem anderen Land wäre das eine Angelegenheit gewesen, über die man ein, zwei Tage lang gelacht hätte, in Mexiko aber konnte daraus ein Skandal von unvorstellbaren Folgen entstehen. Gerade die Einwohner von San Clemente waren die Leute danach, diese Sache ins ungemessene aufzubauschen, da sie bisher zu den Alvarados wie zu Göttern in Demut hatten aufblicken müssen und natürlich mehr als gern die Gelegenheit benutzt haben würden, dies stolze und hochmütige Geschlecht zu demütigen und in den Staub zu zwingen.

Das war dem General selbstverständlich bekannt, und darum wußte er auch, daß er jetzt die Alvarados zu seinen willenlosen Sklaven machen konnte. Die Dienerschaft nämlich war ihrer Herrschaft treu ergeben, von ihnen würde keiner reden, und selbst wenn es einer tat, würde niemand auf Dienstbotenklatsch etwas geben – alles hing also einzig und allein von ihm, von seinem Schweigen ab.

Er war entschlossen, diese günstige Lage sehr klug und geschickt auszunützen, doch da erkannte er in dem Gefangenen den jugendlichen Schurken, der es gewagt hatte, in seinen Wagen zu springen, und Schuld daran trug, daß er, der berühmte General Alfonso Pinzon, rücklings auf die Straße gefallen war. Das war zu viel für ihn: mit einem Aufschrei der Wut stürzte er auf ihn zu, um ihn zu vernichten, zu zerschmettern.

Armer Kleiner!

Denny hätte ja gern mit ihm gekämpft, wenn er nur gekonnt hätte, aber er war hilflos wie ein Kind, so fest umklammerten ihn die stählernen Arme der beiden Diener – und das vor den Augen einer jungen Dame! Er wand sich, drehte sich, zerrte verzweifelt – es war nicht loszukommen, und da tobte der General schon mit einem wahrhaft indianischen Kriegsruf heran, als ob er ihn mindestens skalpieren wolle.

Am liebsten hätte der Beleidigte das auch getan, aber da dies doch entschieden falsch hätte aufgefaßt werden können, wollte er ihm wenigstens die hübsche Larve für alle Zeiten entstellen. Zu diesem Zweck packte er den Kleinen am linken Handgelenk und hob den Säbelkorb, um ihm damit ins Gesicht zu schlagen – was natürlich das Nasenbein und ein Dutzend Zähne gekostet haben würde.

Gerade aber, als der General ausholte, sah er im Mondschein den Smaragd-Ring an der linken Hand seines Opfers und auf dem großen Edelstein eingeschnitten einen Adler mit ausgebreiteten Schwingen, der in den Fängen eine Schlange hielt.

Beim Anblick dieses Ringes stockte dem General der Atem genau so wie damals, als sein Rücken mit dem Pflaster Bekanntschaft machte. Der Säbel entfiel buchstäblich seiner Hand, und er wich so rasch zurück, daß er beinahe wieder das Gleichgewicht verlor. Er bückte sich, um sein Schlachtschwert aufzuheben, starrte Denny entgeistert an, und da er unbedingt explodieren mußte, wenn er nicht platzen wollte, brüllte er die braven Diener, die pflichtgetreu Denny festgenommen hatten, an:

»Ihr dämlichen Schafsköpfe, was fällt euch denn ein, euch an diesem Herrn zu vergreifen?! Sofort laßt ihr ihn los und schert euch fort!«

Die beiden kamen dem Befehl unverzüglich nach – Denny MacMore war frei.

General Pinzon, dunkelrot im Gesicht, verbeugte sich tief vor ihm und fragte, in welcher Weise er über seine Dienste zu verfügen geruhe.

»Dann bringen Sie mich fort von hier und vor allen Dingen erst einmal die junge Dame da sicher in ihr Zimmer zurück«, entgegnete der Kleine, der das Ganze zwar keineswegs begriff, es aber trotzdem zu nützen gedachte. »Können Sie das?«

»Wie Sie wissen, mein Herr«, erwiderte Pinzon, sich verneigend, »ist Geduld, Mut und der Bruderschaft alles möglich.«

Offenbar hatte es mit diesen drei Worten, die er eigenartig betonte, irgendeine besondere Bewandtnis, aber darüber grübelte Denny vorläufig nicht nach, sondern sah nur erstaunt zu, wie schnell Pinzon die Sache in Ordnung brachte – aber schließlich: er war ja auch General!

Zunächst fauchte er einmal die beiden Schrotflinten-Wächter, die angelaufen kamen, nicht schlecht an und schickte sie zum Teufel, dann bot er der Carmelita den Arm und führte sie in ihr Zimmer, trat dann in den Salon und berichtete der gramgebeugten Mutter, daß er die junge Dame in einem Bodenraum des Dachgeschosses entdeckt habe, wo sie romantisch verzückt den nächtlichen Sternenhimmel betrachtet habe.

Señora Alvarado dankte dem General gerührt und drückte ihm die Hand so herzlich, daß er fühlen konnte, wie viele Sprossen er auf der gesellschaftlichen Stufenleiter heute emporgeklettert war. Daß ihr Haus gar kein Dachgeschoß habe, verschwieg die alte Dame wohlweislich dem hilfsbereiten Mann, der sich leider verabschieden mußte, da eine dringende Pflicht ihn rufe.

Den Gegenstand dieser Verpflichtung, den jungen Denny MacMore, fand er in der Nähe des Haustores, umgeben von einer ganzen Anzahl mißtrauisch dreinblickender Diener, die ihm sichtlich am liebsten den Hals durchgeschnitten hätten, sich aber nicht an ihn herantrauten, weil sie ihn unter dem persönlichen Schutz des großen Generals wußten.

Als dieser jetzt herantrat, stoben sie auseinander wie Spreu vor dem Winde und sahen von weitem erstaunt, daß der General sich dem Fremden so untertänig näherte, als ob er einen regierenden Fürsten vor sich habe. Er bedaure außerordentlich, versicherte er, sich so taktlos in dem Wagen benommen zu haben, denn selbstverständlich stünde nicht nur seine Kutsche, sondern er selbst und sein ganzes Haus zur freien Verfügung des jungen Herrn, der es leider verabsäumt habe, ihm gleich das Zeichen zu geben. Was er denn nun weiter befehle?

Denny zerbrach sich nicht einen Augenblick den Kopf darüber, was mit dem ›Zeichen geben‹ gemeint sein könne, dachte auch nicht daran, die ihm so bereitwilligst angebotenen Dienste als ihm nicht zukommend zurückzuweisen, sondern nahm wie ein Märchenprinz das Wunder mit größter Selbstverständlichkeit hin und verlangte, sofort zum Señor geführt zu werden.

Man sieht, der Kleine hatte die Verbissenheit einer Bulldogge, und wenn ihn auch vermutlich die Zähne schon ein bißchen schmerzten, so hielt er doch an seinem Vorsatz fest, dem Bruder ins Gewissen zu reden – nicht zuletzt wegen dessen schmachvollen Verhaltens der Carmelita gegenüber.

General Pinzon war sofort bereit, seinen Wunsch zu erfüllen, bestand darauf, daß der junge Herr sein riesiges Schlachtroß besteige – was für den Kleinen sicher keine leichte Sache gewesen ist – und führte ihn geradeswegs zu einem Haus am Flußufer, das kaum eine Viertelmeile von dem der Alvarados entfernt lag.

Irgend etwas Besonderes hatte dieses nicht, im Gegenteil, es war sogar ein wenig kleiner als die meisten in der gleichen Straße gelegenen, doch auch sein Garten, in dessen Mitte ein kleines Sommerhäuschen stand, zog sich bis an den Fluß hinunter.

Der General und sein Schutzbefohlener wurden zunächst von einem Diener, dann von einem jungen, guterzogenen Mann und schließlich von einem mürrischen Menschen mit mehreren Narben im Gesicht, der augenscheinlich Chef des Nachtdienstes war, empfangen. Der letzte erklärte rund heraus: ob General oder nicht General – der Señor könne jetzt unter keinen Umständen gestört werden.

Empört wandte sich General Pinzon an Denny und bat ihn, doch das erlösende Wort zu sprechen.

»Welches Wort?« fragte der Kleine erstaunt.

Der General würdigte ihn gar keiner Antwort, sondern nahm seine linke Hand, zeigte dem Narbigen den Smaragd-Ring und fauchte, ob er nun endlich einsähe, daß er ein Idiot sei, oder immer noch nicht?

Jetzt erst ging dem Kleinen ein Licht auf – diesem Zauberring dankte er also auch den plötzlichen Umschwung im Verhalten des Generals!

Der Mann mit den Narben verfärbte sich von Gelbbraun in Gelbgrau, verneigte sich und bat Denny, ihm gütigst folgen zu wollen.

Der General verabschiedete sich, empfing ein gnädiges Lächeln und einen herzlichen Händedruck von dem Kleinen, der dann durch das Haus in den Garten hinausgeführt wurde.

Zwei mit Gewehren Bewaffnete sprangen plötzlich aus einem Gebüsch auf und vertraten ihnen den Weg.

» Geduld, Mut, Bruderschaft«, sagte der Narbige rasch, worauf die beiden sofort wieder im Dunkel verschwanden.

Ein kleines, merkwürdig geformtes Haus, völlig von Weinlaub umrankt, tauchte vor Denny auf – beim Näherkommen sah er, daß im Innern Licht brannte. Wieder trat ihnen ein Wächter entgegen, der sie erst, nachdem er die gleichen Worte gehört hatte, durchließ, und endlich erreichten sie die Tür, an die der Narbenmann in einem besonderen Rhythmus anklopfte, die er dann aber öffnete, ohne eine Antwort von drinnen abzuwarten.

In dem kleinen Vorzimmer, in das sie traten, erhob sich der Riese Gualtero, der in einer Ecke gehockt hatte, und schlurfte auf sie zu.

»Domingo«, sagte er, »du bist doch noch ein größerer Esel, als ich geglaubt habe – der Señor wird dir die Haut abziehen, wenn du ihn störst.«

»Kümmer dich gefälligst um deine Sachen«, erwiderte Domingo.

Gualtero hatte inzwischen den Kleinen gemustert und wiedererkannt.

»Ach so, du bringst den Mann und willst deine Belohnung holen?« sagte er.

»Was für eine Belohnung?« fragte Domingo. »Sieh dir doch das da an!«

Dabei zeigte er auf den Ring, der auf den Riesen die gleiche Wirkung ausübte, die er auf den General und Domingo gehabt hatte.

»Ich dachte, er gehöre nicht zu uns«, sagte er leise zu Domingo, eilte sofort an die Stubentür, klopfte an, öffnete sie und bat Denny durch eine Handbewegung, einzutreten, was dieser ohne Zögern tat, worauf die Tür wieder hinter ihm geschlossen wurde.

*

Der Señor saß an einem Tisch, neben dem auf einem Ständer eine kleine Lampe brannte, und schrieb – ohne aufzuschauen und ohne sich zu unterbrechen, sagte er:

»Wenn du mir wieder so faseriges Papier gibst, Gualtero, dreh ich dir dein dickes Genick um – darauf kann man nicht schreiben, sondern höchstens Ackerfurchen ziehen.«

Der Kleine rührte sich nicht.

»Hast du mich nicht verstanden?« fragte der Señor.

»Doch – ich habe dich verstanden«, erwiderte der Kleine auf englisch.

Der Señor hob den Kopf, und zum erstenmal seit acht Jahren sahen sich die Brüder wieder.

Vor acht Jahren wird der Blick des Señors wohl ebenso klar, aber sicher weniger hart gewesen sein als jetzt, nehme ich an, weil seine Augen inzwischen Dinge gesehen hatten, die nur ein Mensch sieht, der viel mit dem Tod zu tun gehabt hat.

Als der Señor den Bruder zum letztenmal gesehen hatte, war dieser ein munterer, lieber Junge von zwölf bis dreizehn Jahren gewesen, und so wird er ihn wohl auch in der Erinnerung behalten haben, wenngleich er sich gesagt haben muß, und die Bilder, die die Mutter ihm geschickt, es ihm auch gezeigt hatten, daß Denny sich stark verändert hatte. Trotzdem erkannte er ihn sofort – eine Sekunde lang fühlte er sich unsicher und beschämt, doch dann überwog der Ärger, daß diese Zusammenkunft, die er hatte vermeiden wollen, nun doch stattfand. Aber er beherrschte sich meisterlich und sagte nur:

»Willst du dich nicht setzen, Denny?«

Dabei erhob er sich halb von seinem Stuhl, ließ eine Hand auf dem beschriebenen Bogen ruhen und reichte die andere dem Bruder, der ihm durch seinen leichten Druck sofort seine körperliche Schwäche verriet, während er jetzt, bei näherem Zusehen, in dessen Augen erstaunt den unbeirrbaren Willen einer entschlossenen Kämpfernatur entdeckte.

Denny kam dieser Aufforderung nach und wirkte sitzend klein und wieder recht unbedeutend auf den Bruder.

»Ich freue mich, daß dir nichts zugestoßen ist«, sagte Patrick lächelnd, »San Clemente ist nämlich eine verdammt gefährliche Stadt.«

Das wußte der Kleine natürlich selbst und auch, welchen Anteil sein Bruder an dieser betonten Gefährlichkeit der Stadt habe – er machte eine Bewegung, als ob er alles nichtige und überflüssige Geschwätz beiseiteschieben wolle, und fragte:

»Wie lange Zeit habe ich, um mit dir zu sprechen, Patrick?«

Dieser schloß die Augen.

»Eine halbe Stunde«, sagte er dann. »Erzähl mir, wie es Mutter geht.«

»Damit wollen wir uns jetzt nicht aufhalten«, entgegnete der Kleine, »davon kannst du dich außerdem selbst bald überzeugen, denn du wirst mich nach Hause begleiten.«

Der Señor schüttelte den Kopf.

»Das geht leider nicht, ich habe vorher noch ein paar sehr wichtige Dinge zu erledigen, mein lieber Denny«, sagte er gönnerhaft und ein bißchen großspurig. »Meine Bergwerksgeschäfte werden mich noch eine ganze Weile in Anspruch nehmen, aber wenn sie abgewickelt sind, komme ich natürlich für immer nach Hause.«

»Bergwerksgeschäfte nennst du deine Arbeit mit Revolvern und Flinten?« fragte der Kleine und sah den Bruder fest an.

»Ich verstehe nicht, was du damit sagen willst«, entgegnete dieser.

»Damit will ich sagen, daß das Geld, das du uns gesandt hast, das Geld, von dem unsere Mutter gelebt hat, von dem ich aufs Gymnasium gegangen bin, durchweg gestohlen gewesen ist, aus Bankeinbrüchen und von Raubmorden stammt.«

Er hatte sich bemüht, sehr ruhig zu sprechen, aber gerade diese Beherrschtheit trieb dem Señor das Blut ins Gehirn. Er war drauf und dran, etwas von Dankbarkeit, die er wohl erwarten könne, zu sagen, aber er gab diesen Gedanken sofort wieder auf – gerade in seinem Munde hätte sich ja auch eine solche Plattheit sehr schlecht ausgenommen.

»Das stimmt nicht«, erwiderte er nur, » alles Geld war nicht gestohlen, denn ich betreibe außerdem noch ehrliche Bergwerksgeschäfte.«

»Aber die werden bestimmt nur einen recht unbedeutenden Teil deiner Einnahmen ausmachen.«

Patrick MacMore wurde dunkelrot im Gesicht – seit acht Jahren hatte kein Mensch gewagt, so ungeschminkt zu ihm zu sprechen.

Da der Bruder schwieg, fuhr Denny lebhaft fort:

»Wahrscheinlich denkst du jetzt bei dir, daß ich undankbar bin, aber das bin ich nicht, und eines Tages, hoff' ich, werd' ich dir alles mit Zins und Zinseszinsen zurückgeben können.«

Das war natürlich noch viel verletzender für den Señor, denn zweifellos waren die Geldsendungen an Mutter und Geschwister das einzige, womit er in Augenblicken seelischer Schwäche und aufkeimender Gewissensnot sein Schandleben vor sich selbst zu rechtfertigen suchte.

»Du willst mir das Geld, das ich unserer Mutter gesandt habe, zurückgeben?« fragte er langsam, jedes Wort betonend.

»Gewiß, damit ich ihr nicht sagen muß, wovon sie alle die Jahre gelebt hat!«

Der Hieb saß, der Señor krümmte sich innerlich unter ihm – äußerlich aber blieb er kühl und beherrscht.

»Du nimmst alles viel zu tragisch, mein Junge«, sagte er.

Da sprang Denny auf, trat zu dem Bruder und ergriff seine Hände.

»Patrick«, schluchzte er, »begreifst du denn nicht, daß du mein Lebenlang für mich ein Gott gewesen bist, vor dem ich in Anbetung auf den Knien gelegen habe, den –?«

Er brach ab, weil ihm die Stimme versagte, weil die Tränen, die ihm den Blick trübten, ihm über die Wangen rannen.

Der Señor sagte und tat nichts – wenn er auch noch so große Fehler hatte, den Vorteil, den die augenblickliche Lage ihm bot, auszunützen, daran dachte er nicht.

Nachdem der Kleine sich geschneuzt und die Tränen abgewischt hatte, ging er zu dem Stuhl zurück, setzte sich wieder und versicherte:

»Noch heute würde ich gern und freudig für dich sterben, Patrick – daran zweifelst du doch nicht?«

»Nein, daran zweifle ich nicht«, antwortete der Señor.

»Dank! ... Es wird mir ja so entsetzlich schwer, gegen dich zu sein, aber solange du bleibst, was du bist, muß ich es doch ... Liebster Patrick, wie, um's Himmels willen, ist es möglich, daß eine Bestie wie der ›Tiger‹ eine solche Macht über dich gewonnen hat?«

»Er hat mir das Leben gerettet«, entgegnete der Señor, »dadurch hat er mich allmählich seinem Willen untertan gemacht.«

»Allmächtiger – du einem Wilden, einem Indianer untertan?!«

»Ein Wilder mag er sein, aber er ist trotzdem ein hochbedeutender Mensch, das würdest du sofort fühlen, wenn du ihm jemals begegnetest – was aber hoffentlich nie der Fall sein wird, denn er würde dich in Stücke reißen.«

»Demnach ist er also ein Irrsinniger, denn ich habe ihm doch niemals etwas zuleide getan!« rief Denny.

»Im Gegenteil – du versuchst, mich von ihm zu lösen, und das ist das Schlimmste, was du ihm zufügen kannst.«

»Davon könnte er doch niemals etwas erfahren«, wandte Denny ein.

Der Señor schüttelte den Kopf.

»Es gibt kaum einen Gedanken, den ich denke, kein Wort, das ich spreche, das der ›Tiger‹ nicht erführe«, sagte er.

»Demnach hat dich dein rothäutiger Herr und Meister mit einem Netz von Spionen umgeben, demnach sind diese Kerle, die um dich sind, nicht deine, sondern seine Leute?« fragte der Kleine außer sich.

»Glaubst du, ich würde solche Schweine um mich dulden, wenn ich nicht müßte? Selbstverständlich sind sie Männer des ›Tigers‹.«

Denny atmete auf – da schien doch wieder der alte Patrick gesprochen zu haben.

»Nun sag mir nur noch das eine«, bat er, »empfindest du wirklich etwas für diese rote Bestie, den ›Tiger‹?«

»Abgründigen Ekel empfind' ich vor ihm, und wenn ich von ihm los könnte –«

»Dann stell dich ihm doch«, unterbrach ihn Denny, »sag ihm, was du von ihm denkst, kämpf mit ihm und schaff ihn aus dem Wege!«

»Mit einer einzigen Handbewegung würde er mich vernichten.«

»Was – selbst du fürchtest ihn?« fragte Denny ungläubig.

»Ich fürchte ihn mehr als alle anderen«, erwiderte der Señor leise.

Der Kleine schwieg betroffen – ein solches Geständnis hätte er denn doch nicht für möglich gehalten. Patrick MacMore fürchtete sich vor einem Indianer – unfaßlich, unerklärlich!

»Ich glaube, er hat dich hypnotisiert«, sagte er schließlich.

»Das hat er nicht nötig – auf diesen Gedanken wärst du nie gekommen, wenn du ihn kennen würdest.«

»Ja, aber wodurch hält er dich denn dann?«

»Er gibt mir Macht, große Macht«, antwortete der Señor. »In San Clemente ist kaum ein Mann, der nicht nach meiner Flöte tanzt, und wenn ich den Befehl dazu gebe, flammen auf gewissen Dächern Feuerzeichen auf, und dann springen hundert wohlausgerüstete Männer drüben im Gebirge in die Sättel, kommen angebraust und fragen nach meinem Begehr – die Macht gibt mir der ›Tiger‹.«

»Aber unter diesen Männern sind sicher doch viele, die ebenso gern mit dir gegen den ›Tiger‹ ziehen werden«, rief der Kleine lebhaft. »Ich helfe dir dabei und führe dir einen verläßlichen Mann zu, der fast ebenso gut schießen kann wie du selbst, und der –«

»Du sprichst offenbar von deinem Freund, der sowieso schon hinter dem ›Tiger‹ her ist?« unterbrach ihn Patrick MacMore.

»Jawohl, von Joe Warder, ohne den ich heute längst tot wäre.«

»Wirklich tot?« fragte der Señor.

Darauf erzählte ihm Denny sein Abenteuer mit Onate – Patrick hörte schweigend zu, knirschte aber ein paarmal vernehmlich mit den Zähnen.

»Du brauchst also nur ein Wort zu sagen, dann können wir schon in kurzer Zeit zusammen nach Hause zurückkehren«, schloß der Kleine.

»Ich kann Mexiko nicht verlassen – wenigstens vorläufig nicht. Geh du nach Hause, nächstes Jahr komme ich dann auch.«

Denny sah ihm forschend ins Gesicht.

»Also hält dich hier nicht nur der ›Tiger‹, sondern auch die Carmelita?« fragte er.

»Du meinst Señorita Alvarado, die du heute abend auf der Promenade angesprochen hast?«

»Jawohl – und mit der ich mich dann noch eingehend in ihrem Garten unterhalten habe«, nickte der Kleine. »Patrick, wie kannst du dich ihr aufdrängen, obwohl du weißt, daß sie dich nicht liebt?«

»Du beurteilst diese Sache falsch, weil du den Landesbrauch nicht kennst«, entgegnete der Señor merkwürdig ruhig. »Hier in Mexiko ist die Ehe nicht das, was sie bei uns meistens ist, also nicht eine Angelegenheit zwischen zwei Liebenden, sondern lediglich eine Vereinbarung zwischen zwei Familien.«

»Aber dein Fall liegt anders – ihre Familie fürchtet, und sie selbst haßt dich!«

Patrick lehnte sich etwas vor.

»Weil du mein Bruder bist, will ich dir auch das letzte noch verraten«, sagte er. »Die Carmelita ist der Preis, den der ›Tiger‹ mir für meine Dienste zahlt! Denkst du, ich weiß nicht, daß sie mich haßt und verabscheut? Hätte sie sonst wohl so offen zu dir, der du ihr ein Fremder bist, gesprochen? ... Aber trotz allem muß ich sie nehmen, weil der ›Tiger‹ sie mir gibt – und du wirst hoffentlich, nachdem du das erfahren hast, klug genug sein, dich nicht mehr in diese Angelegenheit einzumischen.«

Denny rang verzweifelt die Hände.

»Aber du kannst dich doch nicht so erniedrigen, eine Frau, die dich verachtet, gewaltsam zur Heirat zu zwingen!« rief er. »Weißt du denn nicht, daß du heute das Oberhaupt der Familie MacMore bist?«

*

Was der Señor auf diese ihn überraschende Eröffnung geantwortet hat, weiß ich nicht, denn hier an dieser Stelle befindet sich eine Lücke in meinem Bericht. Aber ob es nun viel oder wenig gewesen ist, auf alle Fälle zeigte es sich bald, daß der Kleine seinen Trumpf zur rechten Zeit ausgespielt hatte, so daß er um ein Haar das große Spiel um die Seele des Bruders gewonnen hätte.

Zweifellos hat der Señor zunächst ein paar hastige Fragen gestellt, und dann hat Denny ihm erzählt, durch welche Todesfälle von Verwandten die Würde des Familienoberhauptes auf ihn, Patrick MacMore, übergegangen war.

Diese Tatsache muß einen sehr tiefen Eindruck auf ihn gemacht haben, denn er sprang auf, ging ein paarmal schweigend in dem Raum auf und ab und starrte aus den Fenstern, wenn er an ihnen vorüberkam, in die Nacht hinaus. Schließlich blieb er vor dem Kleinen stehen, der sich wohlweislich hütete, seine Gedanken zu unterbrechen.

»Wenn ich die ganze Geschichte hier im Stich ließe – meinst du nicht, daß ich dann ebensogut ein würdiges Familienoberhaupt werden könnte, wie zum Beispiel in alten Tagen Roger MacMore, der, wie du weißt, Seeräuber gewesen ist?« fragte er.

»Aber selbstverständlich!« rief Denny begeistert. »Laß alles stehen und liegen – was schadet es denn, wenn du als Bettler nach Hause kommst?«

»Das brauche ich nicht einmal«, erwiderte der Señor und holte dabei einen kleinen Beutel aus dünnem grauen Gemsenleder aus der Tasche.

Ich weiß, was er nun auf den Tisch ausschüttete, denn ich habe den Inhalt dieses Beutelchens mit eigenen Augen gesehen: elf Edelsteine waren es, die man in einer Hand halten konnte und deren jeder doch ein Vermögen – bald hätte ich gesagt einen Mord – wert war.

Da waren zwei große, weiße, wasserklare Diamanten, vier große Taubenblut-Rubinen, bestimmt die schönsten, die je in Ceylon gefunden worden sind, eine birnenförmige Perle, die am Schwertgriff des reichsten Radschahs Indiens sicher nicht ihresgleichen hatte. Das schönste aber der ganzen Sammlung waren vier mächtige Smaragde, alle vier gleich groß, grün wie die Ewigkeit und von einem geheimnisvoll wirkenden Feuer.

Denny starrte auf diese erlesenen Steine und wußte, obwohl er nichts davon verstand, daß sie einen ungeheuren Wert haben mußten.

»Laß auch sie hier, Patrick«, rief er, »komm mit leeren, aber sauberen Händen nach Hause – wir wollen das neue Leben, das wir zusammen anfangen, nicht mit Dingen belasten, die von dem ›Tiger‹ stammen!«

Der Señor schob die Steine beiseite.

»Soll ich mich wahrhaftig von einem dummen Jungen leiten lassen?« murmelte er – laut aber fragte er: »Und was wird aus der Carmelita?«

»Auf die mußt du vor allem verzichten«, erwiderte der Kleine, »es wäre ein Verbrechen, wenn du das nicht tätest!«

Der Blick des Señors wurde plötzlich wieder hart.

»Willst du vielleicht dein Glück bei ihr versuchen?« fragte er mißtrauisch.

»Allerdings, da ich sie von ganzem Herzen liebe«, antwortete der Kleine freimütig, wie immer. »Sie liebt dich nicht, also kann dich das doch nicht kränken.«

Patrick MacMore sah den Bruder an, als ob er ihm an die Kehle gehen wolle, dann strich er die Edelsteine zusammen und ließ sie wieder in den Beutel aus grauem Gemsenleder gleiten.

»Ich denke, wir haben nun genügend sentimentalen Unsinn geschwatzt«, sagte er und steckte das Beutelchen in die Tasche. »Tatsache ist, daß ich nicht freier Herr meiner Entschließungen bin und es auch niemals sein werde. Es ist möglich, daß mir der ›Tiger‹ später einmal einen Urlaub bewilligen wird, um euch zu besuchen, freigeben aber wird er mich nie, nun und nimmer wird er auf meine Dienste verzichten. Damit ist auch die Carmelita-Frage ein für allemal erledigt: sie ist ein Teil meines Lohnes, ich will sie haben und werde sie haben!«

»Auch, wenn ich darüber zugrunde gehe?« schrie Denny außer sich.

»Du bist ein albernes Kind«, entgegnete der Señor, »und ich werde dich wie einen zahmen Waschbären oder ein Äffchen in eine Kiste packen lassen und nach Hause schicken.«

»Dann werde ich zurückkommen und der Welt die Wahrheit über deine ›Bergwerkgeschäfte‹ und deine Ehe erzählen, das schwöre ich dir!«

»Früher oder später wird die Welt das ja doch einmal erfahren«, erwiderte der Señor, jetzt vollkommen ruhig und wieder Herr seiner Nerven, »ich hoffe nur, daß du nicht solch unbedachten Lärm schlägst, daß der ›Tiger‹ seine Tatze nach dir erhebt.«

»Der Himmel mag mir verzeihen, wenn ich unrecht tue«, rief Denny, »aber wenn du deine Verbrechen mit dem gegen die Carmelita krönen willst –«

»Schweig!« unterbrach ihn der Señor. »Du bist ein kindischer Bengel – in fünf Minuten wirst du mir den feierlichen Eid leisten, Mexiko zu verlassen, niemals wieder in das Land zurückzukehren und zu niemandem darüber zu sprechen, was du hier in San Clemente gesehen und gehört hast.«

Denny lachte ihm höhnisch ins Gesicht.

»Willst du an mir indianische Martern versuchen, mir vielleicht Feuer und Holzpfähle unter die Nägel treiben?« schrie er. »Tu's nur, dann wirst du ja sehen, was es heißt, ein echter MacMore und nicht der jämmerliche Sklave eines Wilden zu sein!«

Das war natürlich eine bittere Pille für den Señor, aber ich kann mich dafür verbürgen, daß ich die Worte des Kleinen ganz genau wiedergegeben habe.

Der Señor bedachte sich einen Augenblick.

»Bist du sicher, daß nichts dich dazu bewegen kann, mir das Versprechen, das ich eben nannte, zu geben?« fragte er dann.

»Nichts auf der Welt!«

»Schön«, meinte der Señor, dann können wir ja mal die Probe aufs Exempel machen.«

*

Hier muß ich etwas nachholen und erzählen, was sich ereignete, als der alte Enrico und ich das Verschwinden des Kleinen entdeckt hatten.

Wir standen noch wie benommen da und sahen einander an, da vernahmen wir Klopfen an der Haustür.

»Warten Sie hier«, sagte der Schmied, »ich werde hinuntergehen und sehen, was los ist.

Er eilte die Treppe hinab, ich hörte gerade noch, wie er den Riegel zurückschob, da wurde ich von hinten von zwei Kerlen gepackt, die sich barfuß durch die andere Tür ins Zimmer geschlichen hatten. Sie rissen mich zu Boden, ich schlug elend mit dem Hinterkopf auf und als ich wieder richtig zu mir kam, waren meine Hände mit einem festen Strick auf dem Rücken gebunden, und meine Waffen, einschließlich meinem Taschenmesser, verschwunden.

Die beiden Schurken, die so saubere Arbeit geleistet hatten, waren Mischlinge, wie ich sah, als sie mich auf die Füße stellten, also mußte ich annehmen, daß ich unmittelbar vor meinem Ende stand. Wahr und wahrhaftig, ich empfand in diesem Augenblick weniger Todesangst als eine irrsinnige Wut darüber, daß ich mich so hatte übertölpeln lassen und von solchen Händen fallen sollte.

Sie brachten mich auf die Straße hinunter, wo ich den armen Orthez zwischen zwei ebensolchen Bastarden fand, ein fünfter vom gleichen Kaliber stand daneben. Der Anführer der ganzen Bande aber war ein großer, hagerer Mann, der in Schwarz gekleidet war und ein langes, unschönes Gesicht hatte.

Dieser trat an mich heran, musterte mich und sagte:

»Stimmt – es ist Joe Warder!«

Dann wandte er sich in gutem Englisch an mich.

»Sie haben uns einige Mühe gemacht, mein Freund, ich fürchte fast, daß Sie auf kein Mitleid rechnen dürfen – allerdings bestimmt hierüber der Señor.«

Ich blickte zu Orthez hinüber – er war völlig ruhig, als ob ihn das Ganze nichts anginge. Zweifellos tragen Mexikaner als geborene Fatalisten das Unvermeidliche wesentlich gefaßter als wir Amerikaner.

Am Ende der Sackgasse standen zwei Wagen – in dem ersten wurde ich zwischen meinen beiden Wächtern verstaut, mir gegenüber auf dem Rücksitz nahm der Mann in Schwarz Platz, der dauernd Zigaretten rauchte, während wir durch die holperigen Straßen rumpelten.

Die Wagen hielten schließlich vor einem Haus, in das wir eintreten mußten, dann wurden wir eine Treppe mit feuchten, schlüpferigen Stufen hinab und in einen Kellerraum gebracht, der nur durch eine Laterne spärlich erleuchtet war.

Nachdem sich meine Augen an das Zwielicht gewöhnt hatten, sah ich mich um – ein Entkommen war völlig ausgeschlossen, denn die Wände waren aus dicken Quadern zusammengefügt, außerdem waren uns die Hände gebunden, und überdies befanden sich vier Wächter und ihr Führer, der Mann in Schwarz, mit in unserem Gefängnis.

Nach Verlauf von nicht ganz einer Stunde kam jemand, der in der Nähe der Türe mit dem Schwarzgekleideten, den er ›Oberst‹ anredete, ein paar hastig geflüsterte Worte wechselte, und nach etwa einer weiteren Viertelstunde erschien derselbe Mensch abermals und meldete, wir sollten vorgeführt werden.

Es ging also wieder die Treppe hinauf, durch die Vorhalle und hinaus in einen Garten, wo ich sofort das Rauschen des nahen Flusses vernahm. Aha, dachte ich, man will sich sogar die Mühe sparen, unsere Leichen zu verscharren, und wird sie einfach ins Wasser werfen!

Sehr behaglich war mir jedenfalls nicht zumute, während wir auf einem gewundenen Pfad einem runden, bei näherem Zusehen aber mehr achteckigen Sommerhaus zuschritten. An der offenstehenden Tür erwartete uns schon Gualtero, der Riese, der mich hämisch angrinste und uns in ein Zimmer geleitete.

Hier den Señor in der Mitte an einem Tisch sitzen zu sehen, überraschte mich natürlich nicht, ebensowenig aber, offengestanden, daß sein Bruder Denny ihm gegenübersaß – die Überraschung war ganz allein auf der Seite des armen Kleinen, der, als er mich erkannte, entsetzt aufschrie und die Hände vors Gesicht schlug.

»Das ist der Preis, den ich bereit bin, dir zu zahlen«, sagte der Señor zu ihm, dabei auf mich zeigend. »Glücklicherweise hat der ›Tiger‹ noch nichts von Warders Festnahme erfahren, sonst könnte ich natürlich nicht einmal deinetwegen eine Ausnahme machen, aber so will ich dem Kommissar das Leben schenken, wenn du mir feierlich dein Ehrenwort gibst, sofort Mexiko zu verlassen und nie wieder hierher zurückzukehren.«

Denny traten fast die Augen aus dem Kopf, totenbleich war er geworden und sah ganz krank aus.

»Orthez wird dann aber doch auch begnadigt?« fragte da plötzlich der Kleine.

»Nein – er hat sein Leben verwirkt«, entgegnete der Señor schroff. »Ein Verräter kann bei uns niemals auf Gnade rechnen, das weiß er selbst – nicht wahr, Orthez?«

Der Schmied zuckte die Achseln.

»Habe ich vielleicht um Gnade gebeten?« antwortete er ruhig.

»Entweder beide oder ich lasse mich auf nichts ein!« schrie Denny außer sich.

»Bist du denn wahnsinnig, daß du glaubst, mit mir handeln zu können?« fragte der Señor, ohne die Stimme zu erheben. »Ich schenke dir das Leben des Mannes, der dir das Leben gerettet hat – ist das vielleicht nicht genug?«

»Nein, denn Orthez hat meinetwegen sein Leben aufs Spiel gesetzt«, entgegnete Denny, »ich darf ihn also nicht im Stich lassen, du mußt auch ihn begnadigen!«

Jetzt mischte sich plötzlich der Schwarze, der Oberst, ein und fragte auf englisch:

»Warum wollen Sie das eigentlich nicht, Señor?«

Patrick MacMore überlegte einen Augenblick.

»Gut, ich bewillige auch das noch«, sagte er. »Also, dann gib das Versprechen, Denny.«

»Das wird er niemals tun«, erklärte da der merkwürdige Oberst überzeugt.

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