Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Max Brand >

Der Schrecken vom Rio Grande

Max Brand: Der Schrecken vom Rio Grande - Kapitel 8
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDer Schrecken vom Rio Grande
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
year1937
translatorFranz Eckstein
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171010
projectid2c7d466c
Schließen

Navigation:

* * *

 

Vollständig verwirrt, ja verstört blickte Denny MacMore dem mit raschen Schritten Davongehenden nach, der bald in dem Strom der Lustwandelnden verschwand.

War dieser Mann in Schwarz ein Schwindler, ein Betrüger oder nur ein Wichtigtuer? ...

Lange Zeit, diesem Geheimnis nachzugrübeln, blieb ihm nicht, denn von beiden Seiten her sah er je zwei Gendarme herankommen, es war also nur noch eine Frage von Minuten, bis er ergriffen werden würde – in dieser Beziehung hatte der seltsame Fremde jedenfalls nicht gelogen.

Ich hätte in dieser Lage mich geduckt und, mit dem schußfertigen Revolver in der Hand, versucht, mich davonzustehlen – der Kleine tat das nicht, schon aus dem einfachen Grund nicht, weil er ja keine Waffe bei sich hatte. Er ließ vielmehr sein Stöckchen wirbeln, warf den Kopf in den Nacken, lächelte, wie ein tapferer Mann in der Gefahr, die er im Grunde eigentlich liebt, es wohl tut, und ging der langsam sich vorwärtsbewegenden Damenschar entgegen – geradeswegs auf die Carmelita zu.

Alle betrachteten ihn mit gespieltem Entsetzen und echter Verwunderung darüber, daß selbst ein Landfremder es wagte, die alte, geheiligte Ordnung zu brechen. Kreischend wichen einige vor ihm zurück, andere liefen geradeaus oder zur Seite, aller Augen aber folgten ihm voller Neugier, um zu sehen, wem dieser kecke Bruch von Recht und Sitte wohl gelten möge. Die Männer auf der anderen Promenade betrachteten Denny mit ungeheuchelter Bewunderung – kein Wunder, denn Leute, die einem Toreador beim Stierkampf begeistert zujubeln, haben Sinn für Mut, ganz gleichgültig, auf welchem Gebiet und wie er sich zeigt.

Das Ziel des jungen Ritters wurde nur zu bald allen klar – natürlich war es die Carmelita, derentwegen schon so viele Tollheiten begangen worden waren, wenn auch eine solche, wie soeben, noch nicht.

Seltsam war es, daß diese junge Dame heute noch ledig war, besonders wenn man den Reichtum derer in Betracht zog, die sich ihr schon als ernsthafte Freier genaht hatten. Doch es war ein offenes Geheimnis, daß ihre Mutter, die unter einer liebeleeren Ehe gelitten, das Gelöbnis abgelegt hatte, ihre Tochter solle einmal eine Liebesheirat machen oder gar keine. So hatten sich denn in fast ununterbrochener Folge die jungen Leute um sie bemüht und ihr, was selten genug in Mexiko vorkommt, in aller Öffentlichkeit den Hof gemacht.

Es galt durchaus nicht als beschämend oder gar als lächerlich, in die Carmelita verliebt gewesen zu sein. Sie war noch nicht fünfzehn Jahre alt gewesen, als der junge Orthez bei dem vergeblichen Versuch, ihre Liebe zu erringen, den Tod gefunden hatte. Im gleichen Jahr hatte Gil Fernandez sie auf derselben Promenade hier gesehen und wurde halb wahnsinnig aus Liebe zu ihr. Er war jung, außerordentlich reich, stammte aus einer alten, angesehenen Familie, war ausgezeichnet erzogen und sprach fünf lebende Sprachen, doch alles dies nützte ihm nichts – ein ganzes Jahr warb er vergeblich um sie. Da kamen seine Freunde aus Mexiko-City und baten ihn himmelhoch, sich doch nicht länger öffentlich zum Narren zu machen, aber ihre Bitten hatten nicht den mindesten Erfolg. Schließlich wurde er krank, magerte ab, verlor seine wallenden Locken – und da gab er es denn auf, aber aus dem heiteren, jungen Mann war ein alter, griesgrämiger Menschenfeind geworden.

Diese Geschichte hatte die Carmelita mit einem Schlag im ganzen Land bekannt gemacht, während sie vorher nur eine Lokalberühmtheit von San Clemente gewesen war. Von weither kamen nun junge und alte Männer, um sie auf der Promenade der ›Plaza Municipal‹ und beim Kirchgang in der Kathedrale zu sehen.

Ihr nächstes, bedeutenderes Opfer war Montessi, der General, von dem behauptet wird, daß er die ganze Revolution nur in der Hoffnung angezettelt habe, sich bei dem allgemeinen Durcheinander der Stadt San Clemente und damit der Carmelita zu bemächtigen, die seine Werbung schnöde zurückgewiesen hatte.

Auch die Geschichte des dann folgenden Freiers entbehrte nicht einer gewissen Komik. Er hieß Pablo Ducone, war zehn Jahre vorher nach Denver ausgewandert und hatte sich als Besitzer von Silberminen ein geradezu märchenhaftes Vermögen geschaffen. Leider war er schon über fünfzig und stark gichtisch, als er die Carmelita zum ersten Male sah, und darum ging er auch lieber zunächst zu ihrer Mutter, der er ohne jede Einleitung dreist und brutal den Vorschlag machte, ihm ihre Tochter zu verkaufen. Das hatten allerdings auch schon andere Männer getan, außergewöhnlich war im Falle Ducone nur die Höhe des gebotenen Preises. Da die alte Dame ihn lächelnd angehört hatte, verschwand der Wackere auf eine Woche und machte ihr dann abermals seine Aufwartung, diesmal begleitet von zwei Dienern, die einen schweren Koffer trugen. Ihn öffnete er, als sie allein waren – er enthielt in Banknoten die stattliche Summe von anderthalb Millionen Pesos, wie behauptet wird. Doch die Señorita lächelte nur – sie war ja eine Alvarado ...

Dann kam Lord Wycombe auf einer Weltreise, die er aus Abenteuerlust unternommen hatte, nach Mexiko und blieb in San Clemente hängen. Zwei geschlagene Jahre mühte er sich vergebens, das Herz der Carmelita zu gewinnen, obwohl die alte Dame ihrem Gelöbnis untreu wurde und ihren ganzen mütterlichen Einfluß zugunsten des Lords in die Waagschale warf, denn dieser war nicht nur der Sproß eines uralten, englischen Adelsgeschlechts, sondern auch jung, hübsch, klug, reich, gewandt in jeder Art von Sport und ein vollkommener Gentleman. Trotz all dieser gewinnenden Eigenschaften gelangte er nicht ans Ziel – sonst wäre ja die Carmelita heute nicht unvermählt gewesen.

In dem Schwarm ergebener Verehrer und geduldiger Freier, die einander ablösten, waren noch viele gewesen, fast ebenso reich wie Pablo Ducone und in der großen Welt nicht minder angesehen wie Lord Wycombe und Gil Fernandez – das wußte Denny aus der Erzählung des einbeinigen Negers, wenn er auch die einzelnen Namen nicht kannte. Die Carmelita war ja auch ein königliches Geschöpf, kein Wunder also, daß die Männer wetteiferten, ihr Namen und Vermögen zu Füßen zu legen – und doch hatte einer sie errungen, er, der große Patrick MacMore!

Dieser Gedanke zauberte ein siegesgewisses Lächeln auf das schöne Gesicht des Kleinen, und hocherhobenen Hauptes schritt er auf die Carmelita zu.

Sie war nicht in Begleitung ihrer Mutter, denn sonst wäre Dennys Abenteuer wohl schon zu Ende gewesen, ehe es begonnen hatte.

Die alte Zofe, die ihr zur Seite schritt, hatte zwar seit Jahr und Tag mit angesehen, wie ihre schöne, junge Herrin von den verschiedensten Männern angeschwärmt und umworben wurde, noch niemals aber hatte sie einen so kecken und unbekümmerten Sturmangriff erlebt. Sie schrie auf, der Mensch müsse wahnsinnig sein, nahm ihre Röcke zusammen und verschwand kreischend in der Menge, so daß die Carmelita allein blieb, denn auch die edlen Damen rings stoben entsetzt nach allen Seiten auseinander, um aus einiger Entfernung die weitere Entwicklung der Dinge abzuwarten. Sogar die Polizisten, die schon bedenklich nahe waren, blieben stehen, vertagten vorläufig ihr Eingreifen und schauten, sichtlich belustigt, zu.

Die einzige, die völlig unberührt von dem, was um sie her vorging, blieb, war die Carmelita selbst. Ruhig und sicher setzte sie ihren Weg fort und blieb erst stehen, als Denny auf sie zutrat und sich tief vor ihr verneigte.

Groß erschien sie ihm nicht, trotz ihrer hohen Absätze, aber unendlich erhaben, stolz, wie eine Göttin, die zwar alle Freuden des Menschengeschlechts, nicht aber dessen Niedrigkeiten und Leiden kennt. Sie war nicht die Spur scheu oder verlegen, sondern kühl und unnahbar im Bewußtsein ihrer Macht über Männerherzen. Außer ihr hätte es bestimmt kein weibliches Wesen in ganz Mexiko wagen dürfen, sich über alle Gebote der Schicklichkeit und der Sitte dadurch hinwegzusetzen, daß sie den dreisten Burschen, der sie da überfiel, vor Hunderten von neugierigen Augenpaaren anhörte und ihm sogar antwortete.

»Ich heiße Denny MacMore«, sagte der Kleine, »und möchte Sie dringend wegen meines Bruders Patrick sprechen – allein ich werde verfolgt, die Polizisten da vorn und da hinten wollen mich festnehmen. Wann und wo kann ich Sie sehen, wenn es mir gelingen sollte, den Häschern zu entkommen?«

Ohne sich auch nur einen Augenblick zu bedenken, erwiderte sie:

»Ich werde um Mitternacht in dem nach dem Fluß gelegenen Teil unseres Gartens sein.«

Sie nickte ihm lächelnd zu und ging weiter – die Unterredung, die notwendigerweise kurz sein mußte, war beendet, obwohl sie noch lange in Mexiko lebendig blieb, denn ich allein habe im Laufe der Zeit zwanzig verschiedene Lesarten von ihr gehört.

Die Gendarmen, die höflicherweise so lange gewartet hatten, setzten sich in Trab – nach einer Verbeugung vor der Carmelita tat Denny das gleiche.

Die Verfolger tobten schreiend hinter ihm her, einer zog den Revolver und schoß, der Kleine beschleunigte sein Tempo, und wenn er auch weder zu reiten noch eine Waffe zu gebrauchen verstand – rennen konnte er, Gott sei Dank!

Die Schüsse des Gendarmen gingen hoch über seinen Kopf weg, denn tiefer konnte der Mann nicht feuern, da er sonst unschuldige Spaziergänger aus der niederen Klasse getroffen hätte, die übrigens alle dem Fliehenden willig Platz machten. Aber von den beiden Beamten in Zivil, die sich jetzt gleichfalls an der Jagd beteiligten, begann einer, genau wie es der seltsame Fremde in Schwarz vorausgesagt hatte, ein gut gezieltes Feuer auf ihn. Gerade als einer dieser Schüsse einem Eingeborenen den Hut vom Kopfe riß, erreichte Denny das dichte Unterholz wieder, sauste an der Musikbude vorüber, wo die Kapelle eben wieder ein schluchzendes Volkslied begann, überquerte die vier Promenadenwege auf der anderen Seite des ›Plaza Municipal‹ und gewann dann die Hauptstraße, wo er einen Augenblick stehenblieb und zurückschaute.

Den Wettlauf hatte er zweifellos überlegen gewonnen, aber noch war er keineswegs endgültiger Sieger, denn der Beamte in Zivil, der die gutgezielten Schüsse abgegeben hatte, schien ein geschulter Leichtathlet zu sein – mit großen, raumgreifenden Sätzen kam er da hinten durch das Gehölz angesetzt, den Revolver schußbereit in der Hand.

Denny sah sich suchend um – zum Donnerwetter, wo waren denn die gesattelten Pferde und Wagen, von denen der geheimnisvolle Schwarze gesprochen hatte? War das eine bewußte Irreführung gewesen? ...

Doch da kam ja ein prachtvoller, offener Zweispänner die Hauptstraße herunter – Denny MacMore machte sich zum Sprung bereit.

*

In der vornehmen Kutsche saß der ebenso reiche wie wohlbeleibte, alte General Alfonso Pinzon mit Frau und Tochter. Prall umschloß der Uniformrock mit den mächtigen Achselstücken seine schwellenden Formen – die Goldstickereien, Ordensbänder, Sterne und sonstige Verzierungen hätten genügt, um einem durchschnittlichen Thronsaal ein festliches Gepräge zu geben. Zwischen den Knien hielt er einen gefährlich aussehenden Säbel, auf dessen Griff die weißbehandschuhten dicken Hände ruhten – in die Wagenpolster zurückgelehnt, spähte er unter dem goldgestreiften Käppi forschend nach rechts und links, denn er war versessen darauf, als stadtbekannte Persönlichkeit demütig gegrüßt zu werden.

Die Frau Generalin an seiner Seite war ebenso klein und mager, wie ihr Gatte fett und massig. Die Tochter des erlauchten Paares saß bescheiden, wie ihr das zukam, ihren Eltern gegenüber auf dem Rücksitz, denn auch auf der Promenade, dem Ziel der Fahrt, würde sie nur als Stern siebzehnter Größe glänzen, da weder ein schwarzes Spitzentuch noch der Mondschein eine Schönheit aus ihr zu machen vermochten.

Auf dem Bock hockten steif und unbeweglich wie zwei Ölgötzen Kutscher und Diener und starrten unentwegt geradeaus – aus dem zwingenden Grund, weil die hohen Kragen ihrer Galaröcke eine seitliche Bewegung ihrer Köpfe einfach nicht gestatteten.

Das also waren die Insassen des flotten Zweispänners, in den mein Freund Denny mit kühnem Satz hineinsprang, denn er hatte weder die goldstrotzende Uniform des Generals noch die beiden Leute auf dem Kutscherbock beachtet, sondern nur das Fahrzeug gesehen, das ihn retten könnte.

Die gnädige Frau kreischte auf, das gnädige Fräulein tat dasselbe, bis sie sah, daß der vermeintliche Räuber ein ganz reizender, bildschöner Junge war – der General aber schnob wie ein gereiztes Walroß. Wahrscheinlich hatte er keinen Revolver bei sich – was nicht verwunderlich gewesen wäre, da seine Beinkleider ebenso eng anlagen wie sein Rock – und so fing er an, den Säbel zu ziehen, der durchaus kein Spielzeug, sondern scharf geschliffen war. Selbstverständlich ließ sich das im Sitzen schlecht machen, er stand also auf, doch gerade, als er den Stahl aus der Scheide hatte, stieß ein Wagenrad gegen einen Stein, General Alfonso Pinzon verlor das Gleichgewicht, der gegen den Eindringling geführte Schlag traf um ein Haar die Schädeldecke seiner besseren Hälfte, er stürzte rücklings aus dem Wagen, fiel auf die Straße und blieb vorläufig einmal dort liegen.

Denny MacMore wollte schon halten lassen, doch da sah er, daß der ihn verfolgende Beamte in Zivil in einen anderen Wagen sprang und dessen Kutscher zurief, so rasch wie möglich zu fahren.

Alles hatte sich natürlich blitzschnell abgespielt, doch trotz ihren hohen Kragen hatten die Leute des Generals gemerkt, daß irgend etwas hinter ihrem Rücken vorging, was nicht in Ordnung war, und wollten gerade anhalten, Denny aber tippte ihnen mit dem Spazierstöckchen, das er während der ganzen Flucht in der Hand behalten hatte, auf die Schulter und befahl herrisch:

»Vorwärts, weiterfahren – und zwar Tempo, bitt' ich mir aus!«

Wahrscheinlich haben die beiden das Stöckchen für den Lauf eines Revolvers gehalten, ich weiß es nicht – jedenfalls hieben sie gehorsam auf die Pferde ein, die wie wahnsinnig davonrannten.

Die Generalin kreischte weiter, doch das fiel nicht allzusehr auf, denn es klang nur, als ob die Achsen der Kutsche schlecht geölt seien, das Fräulein Tochter kreischte ab und zu anstandshalber mal mit, obwohl sie nicht die Spur mehr erschreckt war und wohlgefällig den schönen Menschen betrachtete, dessen blonde Haare im Winde flatterten.

Inzwischen war das Gefährt in einem wahrhaft höllischen Tempo bereits um zwei Straßenecken gesaust, die Generalin flocht in ihr Geschrei schon Aves und andere Gebete ein – da sprang das junge Mädchen plötzlich auf, sah zurück und sagte begeistert zu Denny:

»Das Rappengespann, das uns da verfolgt, kenn' ich, mit dessen Besitzer sind wir schon oft um die Wette gefahren, das schlagen wir glatt!«

All ihre Schüchternheit und jungfräuliche Scheu war dahin – vier oder fünf Jahrhunderte strenger spanischer Etikette glitten von ihr ab, und was übrigblieb, war ein echtes, rechtes Mädel, ein famoser Sportskamerad!

Schade, daß ich diese Señorita Pinzon nicht kennengelernt habe, denn wenn sie sich an meinen zweiundvierzig Jahren und meinem gebrochenen Nasenbein nicht gestoßen hätte – wahrhaftig, ich hätte es mit ihr gewagt, obwohl sie keine Schönheit sein soll.

Selbstverständlich gewannen die beiden das Rennen – zumal auf Befehl des gnädigen Fräuleins der Diener die Peitsche gebrauchte, während der Kutscher die Zügel führte. Sie zogen in so überlegenem Stile davon, daß der mordgierige Polizist in dem verfolgenden Gefährt voll enttäuschter Wut das Feuer eröffnete, damit aber nur erreichte, daß die Generalin in Ohnmacht fiel. Ihre Tochter kümmerte sich übrigens nicht im mindesten um sie, was, offengestanden, für mich noch ein Grund mehr wäre, sie zur Frau zu nehmen.

Sie hatten inzwischen die am Flußufer entlang führende Prachtstraße erreicht und den schießenden Schutzmann längst aus den Augen verloren – was meint man, was mein Freund Denny nun tun wird?

Es glaubt mir bestimmt niemand, und mir selbst kommt es noch heute unglaublich vor – aber es entspricht den Tatsachen, und darum muß ich es aufschreiben.

»Welches ist denn das Haus der Familie Alvarado?« fragte er das liebeglühende Fräulein Pinzon.

Selbstverständlich erstarrte die junge Dame sofort zu Eis – sie hatte gedacht, es mit einem romantischen Verbrecher, einem politischen Flüchtling oder etwas ähnlich Aufregendem zu tun zu haben, doch jetzt war sie überzeugt, daß er ein Gast der angesehenen, mächtigen Alvarados sei, ein Mann, in dessen Augen ein General kaum mehr galt als ein Schornsteinfeger, einer, der eine Rechenmaschine nötig hatte, um alle seine Namen und Titel zusammenzuzählen, einer, dessen glorreiche Ahnen Hunderte von Schlachten zu Wasser und zu Lande gewonnen, Städte erstürmt, Burgen erbaut und zerstört hatten. Sie kam sich mit einemmal recht unbedeutend vor als einfache Generalstochter, seufzte tief und wies mit zitternder Hand auf ein Gebäude jenseits des Flusses.

Was der Kleine in diesem Augenblick sah, weiß ich genau, denn ich habe nachher an der gleichen Stelle gestanden und nach dem alten Haus hinübergeschaut, dessen düstere Front hinter den ragenden Zypressen mich an ein Gefängnis, ein großes Postamt oder so etwas erinnerte. Jeder, der Mexiko auch nur vom Hörensagen kannte, mußte wissen, daß jeder Diener eines derartigen Haushaltes mit einem Lächeln auf den Lippen freudig für seine Herrin sterben würde – und dieser tollkühne Bengel wollte in den schweigenden Garten dort drüben eindringen, wo hinter jedem Baum, jedem Strauch Tod und Gefahren lauerten! Ob ihm nicht doch bei diesem Gedanken etwas beklommen zumute geworden ist? ...

Als sie jetzt die Brücke erreicht hatten, ließ Denny das Gefährt halten.

»Haben Sie herzlichen Dank, meine Gnädigste«, sagte er und verbeugte sich lächelnd, »ich muß Sie hier leider verlassen.«

Er gab dem Kutscher und dem Diener ein Trinkgeld, das diese schmunzelnd einsteckten – zweifellos wären sie für ihn durchs Feuer gegangen, weil er die Ursache dazu gewesen, daß ihr dicker General mit all seinen Orden und Ehrenzeichen in den Straßenstaub gerollt war.

Fräulein Pinzon entsann sich jetzt mit einemmal ihrer Tochterpflichten und bemühte sich um die ohnmächtige Mutter, Denny MacMore aber überquerte leichten Schrittes die Brücke – im Augenblick noch ein freier Mann, doch vom Unheil bereits überschattet wie von einem aufziehenden Gewitter.

Was geschah nämlich?

Natürlich genau das, was selbst ein dreijähriges Kind hätte voraussagen können.

Nachdem die Generalin wieder zu sich gekommen war, kreischte sie noch eine Weile, doch dann gab sie dem Kutscher die Weisung, zur ›Plaza Municipal‹ zurückzukehren – innerlich hoffend, daß der alte Alfonso sich das Genick gebrochen habe, laut aber den Himmel anflehend, daß dem teuren Gemahl nichts Schlimmes geschehen sein möge.

Auf der Rückfahrt besprachen die beiden Damen das Erlebnis, und das gnädige Fräulein äußerte ihre Meinung dahin, daß es sich bei dem seltsamen Fremden bestimmt um einen Gast der hochberühmten, angesehenen Familie Alvarado handle, der wohl aus jugendlichem Übermut der Polizei auf die Füße getreten sei. Lange könne er sich jedenfalls noch nicht in San Clemente aufhalten, denn er habe sich nicht einmal allein zum Hause seiner Gastfreunde zurückgefunden.

Als Frau und Tochter die Unfallstelle erreichten, war der General, den man vom Straßenpflaster aufgehoben hatte, kurz vorher zur Besinnung gekommen, aber drauf und dran, sie abermals zu verlieren. Daran war nicht die Beule an seinem Hinterkopf schuld – sein Säbel war zerbrochen und sein bester Uniformrock am Rücken von oben bis unten zerrissen, was ihm aber das Atmen erheblich erleichterte und gestattete, nach Herzenslust zu schimpfen und zu toben. Als er vernahm, daß der dreiste Attentäter irgendwie mit den Alvarados in Zusammenhang stehe, schwor er, daß er ihn ausfindig machen und die Schmach an ihm rächen werde.

Drohend ballten sich also auch von dieser Seite her schwarze Wolken über Denny MacMores Haupt.

*

Bei seinen weiteren Unternehmungen zeigte der Kleine überraschend viel Umsicht und beinahe Verstand.

Am gegenüberliegenden Ufer befinden sich die vornehmsten Häuser von San Clemente, in deren Gärten, die sich bis an den Fluß hinunterziehen, jahrhundertalte Zypressen stehen, mächtige Bäume, die in der ganzen Welt nicht ihresgleichen haben und die dahinter liegenden Gebäude neugierigen Blicken völlig entziehen, wenn es sich nicht gerade um solche Riesenkästen wie den Palast der Alvarados handelt.

Alle diese Gärten haben natürlich auch Bootsstege am Fluß, und an einem solchen gelang es Denny, in einen Kahn zu klettern, ohne ins Wasser zu fallen, ihn loszumachen und sich bis zum Besitz der Alvarados stromabwärts treiben zu lassen. Außer durch das Bollwerk, das den Garten schützt, wenn der San Clemente-Fluß Hochwasser führt, war dieser aber auch durch eine hohe Mauer abgeschlossen, denn die mexikanischen Oberklassen gönnen keinem gern einen Einblick in ihr privates Leben, das sich, im schroffen Gegensatz hierzu, bei den unteren Klassen in aller Öffentlichkeit abspielt.

Von der Anlegestelle unten am Fluß führten zwei Treppen zum Garten empor, doch als sich der Kleine diesen näherte, entdeckte er oben einen Mann, der scharf zu ihm herunteräugte und ein Ding in der Hand hielt, das einer doppelläufigen Schrotflinte verzweifelt ähnlich sah. Er ließ also den Ring, an den er sein Boot anbinden wollte, schnell wieder los, so daß es in den Schatten treiben konnte, den die großen Zypressen auf die mondbeglänzte Wasserfläche warfen. Ehe er die Treppen aus dem Auge verlor, konnte er feststellen, daß oben noch ein zweiter Mann, auf die gleiche Weise wie der erste bewaffnet, auftauchte.

Zwei Wächter, zwei Schrotflinten – natürlich wird Denny MacMore nun sein Wagnis aufgeben?

Wer das annimmt, kennt ihn verdammt schlecht – jetzt fing die Sache erst an recht reizvoll für ihn zu werden! Je mehr Hindernisse sich seiner Unterredung mit der Verlobten des Bruders entgegenstellten, um so begieriger wurde er, sie zu überwinden.

Zunächst einmal ruderte er an das jenseitige Ufer hinüber und im Schutz des Schattens ein Stück stromaufwärts, um sich dann wieder langsam von der Strömung hinabtreiben zu lassen, wobei er die Bootsstege überall genau prüfte, denn er hatte beschlossen, entweder unmittelbar vor oder unmittelbar unterhalb des Alvaradoschen Grundstückes an Land zu gehen und dieses dann durch Überklettern der Trennungsmauern zu erreichen.

Das zweite Haus oberhalb erschien ihm am günstigsten, an dessen Steg legte er an, machte sein Boot fest und lief die Treppe hinauf. Kaum aber hatte er das Gartentor geöffnet, da stürzte ein breitschulteriger Mexikaner heran und fragte nach seinem Begehr. Der Mann, der den landesüblichen Hut vom Umfang eines besseren Regenschirmes auf dem Kopf trug, glich einem wandernden Arsenal, und was die Sache noch schlimmer machte, er hielt ein paar Doggen an der Leine – unangenehme Biester, die sicher noch niemals an Zahnweh gelitten hatten.

Unter diesen Umständen fiel dem Kleinen nichts Besseres ein, als höflich zu fragen, ob hier ein Herr Onate wohne? Der Wächter, der inzwischen die Goldstickerei an Dennys kurzer Jacke bemerkt hatte, gab bereitwilligst Auskunft – zufällig wohnte nämlich tatsächlich ein Onate mehrere Häuser stromabwärts. Er zeigte ihm wo, der Kleine dankte und empfahl sich – froh, mit heiler Haut davongekommen zu sein.

Wenige Augenblicke später glitt er zum zweitenmal an den Treppen zum Alvaradoschen Garten vorüber, trieb dann den Kahn mit energischen Ruderschlägen an den Landungssteg des unmittelbar benachbarten Grundstücks, sprang hinauf – wobei er sich, nebenbei bemerkt, die Schienbeine elend zerschrammte – und gab dem Boot einen Fußtritt, so daß es langsam davonschwamm – dies tat er offenbar in einem geradezu idiotischen Vertrauen auf seinen guten Stern, der ihn bisher vor dem Schlimmsten bewahrt hatte.

Das Tor oben an der Treppe war geschlossen, er kletterte also über dessen eiserne Spitzen, mit denen ein zum Glück nicht edlerer Körperteil dabei in unangenehm nahe Berührung kam, so daß er in seinem Schmerz erst gar nicht gewahr wurde, daß der Garten völlig verwildert, die Fensterläden des Hauses fest verschlossen waren, da es zur Zeit leerstand. Einen solch unverschämten Dusel kann natürlich nur ein junger, hübscher Mensch haben!

Stolz und siegesbewußt, als ob dieser glückliche Zufall sein Verdienst sei, eilte Denny zu der Mauer, die ihn von dem Garten der Alvarados trennte, sprang hoch, doch die oberste Ziegelreihe, nach der er gegriffen hatte, um sich hinüberzuschwingen, war verwittert, gab unter seinem Gewicht nach, krachend fiel der gute Junge zu Boden, mitten hinein in ein Dornengestrüpp, das ihn stacheliger machte als ein Stachelschwein.

Sobald er wieder atmen konnte, ging er vorsichtig daran, sich aus den Polypenarmen, die ihn umklammert hielten, zu befreien, doch da hörte er schon die beiden Alvaradoschen Wächter angelaufen kommen, deren einer versicherte, das Geräusch, das sie vernommen hätten, lasse darauf schließen, daß jemand im Nachbargarten sei, es sich also empfehlen würde, dort einmal nach dem Rechten zu schauen.

Da sogar Denny MacMore wußte, welch gefährliche Waffe eine Schrotflinte ist, beeilte er sich so, daß nicht nur Anzug-, sondern auch Hautfetzen in den Dornen hängenblieben. Gerade als die Köpfe der beiden Wächter über dem Mauerrand erschienen, erreichte er ein großes Gebüsch, wo er zwar im Schatten war, doch durch das Glitzern der Goldstickerei verraten wurde.

»Es ist derselbe, der vorhin mit dem Boot vorübergekommen ist«, sagte der eine und brachte die Flinte in Anschlag.

Denny machte ein paar Sätze, um der Ladung zu entgehen, doch dies wäre ein vergebliches Bemühen gewesen, wenn nicht der zweite Wächter dem ersten in den Arm gefallen wäre, wobei er erklärte, die junge Gnädige sei gerade nach Hause gekommen, er dürfe sie nicht durch einen Schuß erschrecken, und außerdem gehe sie der Nachbargarten doch überhaupt nichts an.

Obwohl der Kleine also nur um Haaresbreite dem Verderben entgangen war, dachte er gar nicht daran, dem Himmel dafür zu danken und sein wahnwitziges Vorhaben aufzugeben, sondern erneuerte sofort den Angriff auf die trennende Gartenmauer, diesmal aber beträchtlich oberhalb der ersten Stelle und auf dem Umweg über einen alten Baum, dessen überhängende Äste ihm die Sache wesentlich erleichterten.

Während sich die beiden Wächter noch darüber stritten, ob es ihre Pflicht sei, dem Eindringling im angrenzenden Garten nachzuspüren, war dieser längst in ihrem eigenen Revier – allerdings nicht mehr ganz so strahlend wie vorher, sondern ziemlich müde, schwitzend und mit zerrissenem Anzug.

Sein Weg führte ihn an einem Teich mit einer Marmorgruppe der drei Grazien vorüber, die als eine Sehenswürdigkeit von San Clemente galt, und zwar schon seit den Zeiten des großen Don Hernando, des Bruders des Herrschers von Parma, der einmal gesagt haben soll, er fände die Gruppe ganz entzückend. Vielleicht hat er recht gehabt – mein Urteil in solchen Dingen ist ja nicht maßgebend. Ich habe mir nämlich die drei Mädels angesehen, die die Arme umeinander geschlungen haben und ein bißchen blöde lächeln – aber das entspricht ja durchaus der Natur, denn so benehmen sich junge Mädchen, wenn sie unter sich sind. Eine von ihnen hält ein Füllhorn in der Hand, aus dem ein Wasserstrahl in die Luft steigt und ihnen über den Köpfen versprüht – bei großer Hitze muß das schon ganz angenehm sein.

Ich habe auf die Beschreibung dieser Gruppe etwas mehr Zeit verwendet, weil sie nachher, wie man sehen wird, eine gewisse Rolle spielt. Vorläufig jedoch ging Denny nur an ihr vorüber, und dabei fiel ihm ein, daß es doch eigentlich sinnlos sei, hier die Mitternacht abzuwarten, um die Carmelita zu sprechen – da er aus der Unterhaltung der beiden Wächter gehört hatte, daß sie bereits zu Hause war, könnte er sie doch geradesogut dort aufsuchen.

Dieser Einfall stellt entschieden einen Gipfel an unbekümmerter Frechheit oder frecher Unbekümmertheit dar, ganz wie man es ausdrücken will – denn er wußte ja genau, daß das Haus von ergebenen Dienern wimmelte.

So einfach, wie Denny sich die Sache gedacht hatte, war sie jedoch durchaus nicht, denn von der Gartenseite her konnte er sich dem Gebäude nur über breite, wohlgepflegte Rasenflächen nähern, die seine Schritte zwar wie dicke Teppiche dämpften, aber ihm nicht den geringsten Schutz gegen Sicht vom Hause her boten.

*

Im Schatten der letzten Baumreihe stand Denny MacMore und blickte nach den wenigen erleuchteten Fenstern hinüber – vor den meisten waren die Läden fest geschlossen und die des unteren Stockwerkes waren überdies durch die üblichen Eisengitter gesichert.

Hinter einem Fenster, das offenstand, sah er jetzt die Gestalten zweier junger Mädchen, und dann hörte er ein melodisches Lachen, das, seiner Meinung nach, nur von der Carmelita herrühren konnte. Er hatte sie zwar noch nie lachen und auch nur wenige Worte reden hören, aber er war ja, wie ich schon früher gesagt habe, musikalisch sehr begabt und hatte offenbar sein Ohr auf derartige Feinheiten trainiert.

Dort oben also befand sie sich – was war nun zu tun, um mit ihr in Verbindung zu treten?

Er hätte natürlich auf die Gefahr hin, sich das Genick zu brechen, zu dem Fenster emporklettern können, aber leider befand sich ja im gleichen Zimmer noch ein anderes junges Mädchen – eine vertraute Dienerin oder vielleicht ein Gast – das aus irgendeinem Grund besonders vergnügt zu sein schien, da es dauernd kicherte.

Während er noch darüber nachdachte, was er anfangen solle, schrie in der Nähe eine Eule, und schon kam ihm ein Gedanke: er wiederholte diesen Eulenruf einige Male, jedoch absichtlich so, daß man die Nachahmung durch einen Menschen erkennen konnte.

Die gewünschte Wirkung trat sofort ein, – das Gekicher verstummte, die Begleiterin der Carmelita lehnte sich zum Fenster hinaus und sagte in gutem Spanisch, wenn auch mit etwas fremdländischer Aussprache:

»Da muß jemand im Garten sein.«

»Sollte es der Frechling sein?« fragte die Carmelita.

»Ich glaube wahrhaftig, da unter dem großen Baum steht ein Mann.«

»Das kann ich mir nicht denken«, entgegnete die Carmelita, »so unverschämt wird selbst ein Fremder nicht sein! Mach die Läden zu, Conchita.«

Conchita kam dem Auftrag nach, doch noch bevor sie den zweiten Fensterladen heranziehen konnte, trat der Kleine aus dem Schatten vor in den Mondschein.

»Tatsächlich, da ist ein Mann!« rief sie.

Die Carmelita eilte ans Fenster, stieß den Laden wieder auf, beugte sich hinaus und erkannte in dem Untenstehenden den jungen Menschen, der sie auf der Promenade angesprochen hatte.

»Um Gottes willen, sind Sie tatsächlich gekommen?« sagte sie erregt. »Machen Sie schleunigst, daß Sie fortkommen!«

»Wieso? Wir haben uns doch verabredet«, erwiderte der Kleine sehr entschieden, denn er gehörte nicht zu den weichherzigen Idioten, die es nicht wagen, ihr Recht einer Frau gegenüber geltend zu machen.

»Gehen Sie – Sie ahnen ja nicht, welcher Gefahr Sie sich aussetzen, wenn man Sie hier sieht«, rief die Carmelita gedämpft.

»Dann kommen Sie doch herunter.«

»Ich denke ja gar nicht daran!«

»Sie haben es mir aber versprochen.«

»Nur, um Sie loszuwerden – ich habe mir nicht träumen lassen, daß Sie es wagen würden, hier einzudringen ... Conchita, schließ die Läden!«

»Dann klettere ich hinauf und mache sie wieder auf«, erklärte der Kleine.

Offenbar hielt sie ihn auch dieser Tollheit für fähig – sie verlegte sich also aufs Bitten.

»Ich flehe Sie an, den Garten sofort zu verlassen – glauben Sie mir, Ihr Leben ist ernstlich bedroht, lieber Herr MacMore!«

»Das glaube ich Ihnen gern, verehrte Señorita Alvarado«, entgegnete der Frechling, »aber ich rühre mich nicht vom Fleck, bevor ich mich nicht mit Ihnen besprochen habe.«

Sie wollte etwas erwidern, doch da hörte sie ein Geräusch, das klang, als ob irgendwo die Riegel eines anderen Fensterladens zurückgeschoben würden, und da machte sie eine Handbewegung, die ihm gesagt haben würde, daß sie nachgäbe, auch wenn sie ihm nicht noch ausdrücklich zugenickt hätte.

Der Kleine zog sich noch gerade rechtzeitig in den Schatten der Bäume zurück, so daß zwei Augenpaare, die aus dem anderen Fenster herausspähten, ihn nicht mehr erblicken konnten und der betreffende Laden befriedigt wieder geschlossen wurde.

Nach kurzer Zeit schon – ihm kam es allerdings wie eine halbe Ewigkeit vor – sah er die Carmelita aus dem Haus schlüpfen und, geschickt die schattigen Stellen als Deckung benutzend, auf ihn zueilen.

»Ich komme nur, um Ihnen klarzumachen, daß jetzt weder die Zeit noch dies der richtige Ort zu einer Unterredung über Ihren Bruder ist«, sagte sie hastig, »es gibt hier Leute, die Sie niederschießen werden, wenn sie Sie sehen.«

»Das weiß ich«, erwiderte Denny, »denn das haben sie beinahe schon getan.«

Sosehr die Carmelita für gewöhnlich ihre Nerven in der Gewalt hatte, diese Antwort ließ sie erschreckt zusammenfahren.

»Hat man denn gesehen, daß Sie den Garten betreten haben?« forschte sie ängstlich.

»Das weniger, aber Ihre Herren Wächter haben mich im Nachbargarten beobachtet, und wenn sie eins und eins zusammenzählen können, müßten sie eigentlich wissen, daß ich jetzt hier bin.«

Die Carmelita schien von den geistigen Fähigkeiten ihrer Leute jedoch keine allzu hohe Meinung zu haben, denn sie entgegnete ziemlich ruhig:

»Also gut, ich werde Sie anhören, aber wir wollen uns dazu doch einen geeigneteren Platz aussuchen.«

Dieser Vorschlag war sehr begreiflich, denn ein mexikanisches Haus schläft fast nie, neugierige Augen und Ohren gibt es dort immer – mit alleiniger Ausnahme der Ruhestunde nach dem Mittagessen.

Sie gab ihm einen Wink, ihr zu folgen.

»Sind Sie sich auch klar darüber, daß mein guter Ruf endgültig verloren ist, wenn jemand von dieser Zusammenkunft erfährt?« flüsterte sie.

»Gnädiges Fräulein«, erwiderte Denny rasch, »Sie brauchen für Ihren Ruf nicht zu bangen, denn ich bin bereit, für ihn mein Leben zu opfern.«

Sie lächelte – offenbar hielt sie ihn damals noch für einen romantisch überspannten, dummen Jungen.

*

An dem Teich mit den drei Grazien machte die Carmelita halt – hier befanden sich, umgeben von hohen, blühenden Hecken, drei Steinbänke, wahrscheinlich, damit man von ihnen aus bequem die drei Marmormädchen betrachten konnte, die unter dem Wasserschauer, der sie dauernd berieselte, einfältig und albern genug im Mondschein über die beiden gelächelt haben werden.

»Bitte, fassen Sie sich möglichst kurz«, sagte die Señorita.

Denny maß sie von Kopf bis zu Fuß und erwiderte dann hoheitsvoll:

»Mein liebes Kind, es handelt sich ausschließlich um meinen Bruder und dessen Angelegenheiten – nicht um die meinen!«

Dieser Ton war für die Carmelita so neu, daß sie den Kleinen eine Weile sprachlos anstarrte, denn selbst die ältesten und bedeutendsten Männer hatte sie bisher von oben herab behandelt.

»Wie haben Sie es fertiggebracht, hierherzukommen?« fragte sie schließlich ziemlich kleinlaut.

»Das zu erzählen wird fast eine Stunde in Anspruch nehmen«, erwiderte Denny, »dazu müssen Sie sich mindestens setzen.«

Sie kam dieser Aufforderung nach.

»Jede Sekunde, die Sie hier verweilen, erhöht die Gefahr, die Ihnen droht – das wissen Sie doch?« fragte sie.

»Selbstverständlich weiß ich das«, erwiderte er unbekümmert und sorglos.

»Wollen Sie nicht auch Platz nehmen, Herr MacMore?«

»Das kann ich leider nicht – ich habe nämlich vorhin unfreiwillig auf den Eisenspitzen einer Gartenpforte Platz genommen«, entgegnete er.

Die Carmelita mußte unwillkürlich lächeln, der Kleine aber hockte sich vorsichtig auf die Banklehne neben sie und berichtete wahrheitsgemäß, wie es ihm ergangen war, seit sie sich auf der Promenade getrennt hatten.

Als er geendet, lachte sie herzlich, was ihr gewiß kein Mensch übelnehmen konnte, am wenigsten der Held des Abenteuers selbst. Trotzdem erwiderte er kühl:

»Es freut mich, Sie erheitert zu haben, meine Gnädige, aber schließlich war das ja nicht der Zweck meines Kommens, sondern die Absicht, mit Ihnen über meinen armen Bruder zu sprechen.«

Die Carmelita wurde sofort wieder ernst.

»Ja richtig«, sagte sie, »Sie behaupten ja, Patrick MacMores Bruder zu sein!«

Daß sie an der Wahrheit dieser Behauptung zu zweifeln schien, verblüffte ihn maßlos.

»Wenn ich das nicht wäre – warum, um's Himmels willen, sollte ich dann hier sein?«

Sie sah ihn forschend an.

»Nun, dafür könnte es eine ganze Anzahl anderer Gründe geben«, meinte sie. »Sie könnten zum Beispiel aus reiner Langerweile hergekommen sein oder um einem jungen Mädchen im Mondschein den Hof zu machen – vielleicht auch nur, um sich den berühmten Alvarado-Garten einmal anzusehen, oder um den Wächtern einen Possen zu spielen, um meine Mutter zu ärgern, um eine Wette zu gewinnen, aus Freude an der Gefahr oder nur um sich und anderen einen Gesprächsstoff zu verschaffen.«

»Halten Sie mich tatsächlich für einen solch oberflächlichen Hanswurst?« fragte er.

Sie antwortete nicht, aber bestimmt ist ihr in diesem Augenblick klar geworden, daß er bei aller jugendlichen Unbekümmertheit ein gerader, ehrlicher Mensch sei, und von diesem Augenblick an wird sie ihn liebgewonnen haben.

»Nein«, fuhr er fort, »ich bin hier einzig und allein meines Bruders wegen! Und wenn Sie zweifeln, daß ich Patricks Bruder bin, dann sehen Sie mich doch einmal genauer an, denn eine gewisse Familienähnlichkeit zwischen ihm und mir besteht – wenn ich natürlich auch nicht annähernd ein solcher Mann bin wie er.«

Sie tat es und mußte diese Ähnlichkeit feststellen, die allerdings nicht größer war als die, sagen wir, zwischen einem Hauskater und einem Panther.

»Ich glaube Ihnen«, sagte die Carmelita, »aber was kann ich für den Señor tun?«

»Sie könnten dafür sorgen, daß er nicht mehr der Señor, sondern einfach wieder Patrick MacMore wird.«

»Sie meinen, ich sollte ihn überreden, San Clemente zu verlassen.

»Allerdings, das meine ich«, antwortete er, »und dazu liegen zwingende Gründe vor – einmal ist unsere Mutter nicht mehr so gesund wie früher, und dann – – ist es doch ein unmöglicher Zustand, daß er – – daß er – –«

Er brach ab, denn es quälte ihn unsagbar, es auszusprechen.

»– daß er die rechte Hand des ›Tigers‹ ist, wollten Sie wohl sagen?« half sie ihm.

»Jawohl, das ist es ... Ich wollte versuchen, ihn selbst zu beeinflussen, dies aufzugeben, doch als ich von Ihren Beziehungen zu ihm erfuhr, war mir sofort klar, daß ich gar nichts ausrichten würde, sondern daß nur Sie auf ihn einwirken können, denn –«

»Sie überschätzen mich gewaltig«, unterbrach sie ihn, »ich habe schon hundertmal versucht, ihn von San Clemente fortzubringen.«

»Das haben Sie?« fragte Denny und schlug dabei die Hände zusammen – eine seltsame, kindliche Angewohnheit, die bei ihm höchstes Erstaunen ausdrückte.

»Gewiß habe ich das – oder bilden Sie sich etwa ein, es sei mein Wunsch, ihn zu heiraten?«

Der Kleine fuhr bei dieser Eröffnung so zusammen, daß er beinahe von der Banklehne fiel, doch er gewann rasch das Gleichgewicht wieder, stand auf, trat vor sie hin und sagte, sie mache doch hoffentlich keinen Scherz mit ihm, denn er habe tatsächlich sein Leben aufs Spiel gesetzt, um mit ihr hier sprechen zu können.

»Nein, nein«, versicherte sie, »ich rede vollkommen ernsthaft! Ich zittere jedesmal, wenn ich ihn sehe, und wenn ich nicht so entsetzliche Angst vor ihm hätte, würde ich ihn überhaupt niemals wiedersehen.«

Jetzt fing Denny an zu zittern.

»Soll das etwa heißen, daß er Sie gezwungen hat, daß Sie ihm nur aus Furcht Ihr Jawort gegeben haben?« fragte er.

Die Carmelita sah, daß der arme Junge sich abgründig für seinen Bruder schämte, wenn sie natürlich auch die Größe dieser Scham nicht ahnen konnte, da sie nicht wußte, wie abgöttisch er den großen Patrick MacMore verehrt hatte und wie erschütternd es auf ihn wirken mußte, derartige Niedrigkeit der Gesinnung von seinem Helden zu hören, der es nicht verschmähte, eine Frau zu bedrohen, um sie seinen Heiratswünschen gefügig zu machen.

»Allerdings hat er mich gezwungen«, erwiderte sie, »denn wenn ich mich geweigert hätte, wäre jedes Mitglied meiner Familie in Gefahr geraten, nicht nur sein Vermögen, sondern auch sein Leben zu verlieren.«

Der arme Denny preßte die Hand auf sein Herz, das ihm buchstäblich bis in den Hals schlug.

»Wollen Sie wissen, wie die Werbung des Señors um mich vor sich gegangen ist?«

Der Kleine nickte stumm.

»Er sandte seinen schrecklichen Riesen zu meiner Mutter und ließ ihr durch ihn seinen Besuch für den folgenden Tag ankünden. Wir haben die ganze Nacht kein Auge geschlossen, denn wir ahnten, was kommen würde – und richtig, am nächsten Vormittag erklärte er; daß er geruhe, mich zur Frau nehmen zu wollen.«

»Der Himmel mag ihm das verzeihen«, flüsterte Denny halblaut.

Dabei sah er so verstört und niedergeschlagen aus, daß die Carmelita, von Mitleid erfaßt, ihre eigene Lage vergaß.

»Haben Sie denn das alles nicht gewußt?« fragte sie.

»Keine Ahnung hab' ich davon gehabt, sonst hätt' ich ja nicht all meine Hoffnung auf Sie gesetzt«, erwiderte er. »Aber nun muß ich eben selbst versuchen, ihn umzustimmen.«

»Das wird Ihnen nie gelingen – er wird Sie festnehmen und einfach nach Hause schaffen lassen – Sie dürfen nicht vergessen, daß ihm die ganze Macht des ›Tigers‹ zur Verfügung steht ... Die habe ich übrigens auch zu spüren bekommen, denn als ich mich anfangs weigerte, seine Werbung anzunehmen, da verschwanden plötzlich ein Onkel von mir und zwei seiner Söhne auf der Straße nach Vera Cruz, und gleichzeitig schloß die Bank, in der meine Mutter ihr Vermögen hat, ihre Schalter. Ich begriff natürlich sofort, daß dies Zusammentreffen kein Zufall sein könne, schrieb dem Señor, daß ich einwillige, und sofort fand man meine Verwandten wieder, die ›versehentlich‹ von Banditen festgehalten worden waren, die Bank wurde wieder geöffnet – nichts war geschehen. Da hab' ich denn gelernt, was ich von dem Señor zu erwarten habe.«

»Das ist ja ganz schrecklich«, sagte Denny leise, »Sie müssen unbedingt vor ihm gerettet werden!«

Ich möchte wohl wissen, ob die schöne Carmelita in diesem Augenblick gewußt hat, wie es um den armen Kleinen stand, daß er hoffnungslos den Kopf verloren hatte und sterblich in sie verliebt war ... Ob sie damals wohl auch schon über sich selbst klar gewesen ist?

Wie dem auch sein mag, eins ist sicher – einem Menschen wie Denny MacMore war sie noch niemals begegnet, und er hatte zweifellos einen tiefen Eindruck auf sie gemacht, wenngleich sie sich vorläufig auch noch den Anschein gab, mehr belustigt über ihn zu sein, als ihn ernst zu nehmen. Oder wollte sie nur ihre geistige Überlegenheit dadurch beweisen, daß sie sich zurücklehnte und lachte? ...

Es gibt, namentlich unter den schönen Frauen, viele, die dies in einem solchen Fall für angebracht halten – warum, mag der Teufel wissen.

Jedenfalls saß das edle Fräulein Alvarado zurückgelehnt da und lachte, wenn auch nicht laut, über den Kleinen, als ob er etwas wahnsinnig Dummes gesagt hätte. Der arme Kerl würde natürlich für sein Leben gern mitgelacht haben, aber da er hierzu beim besten Willen keinen Grund sah, erklärte er ihr ruhig und sachlich, er bürge dafür, daß er sie im Handumdrehen ein für allemal von den Verfolgungen durch den Señor befreien werde, wenn es ihm gelingen würde, nur drei Minuten mit ihm zu sprechen – doch zu ihm zu gelangen, darin bestehe die Schwierigkeit.

Sofort wurde die Carmelita ernst.

»Ich besitze einen Zauberring, der Ihnen jederzeit Zutritt bei dem Señor verschaffen wird«, sagte sie.

»Wirke ich so lächerlich, daß Sie derartige Scherze mit mir treiben?« fragte er, dunkelrot im Gesicht.

»Ganz und gar nicht«, entgegnete sie. »Ihr Bruder hat mir einen Ring gegeben und mir auf die Seele gebunden, ihn stets bei mir zu tragen, weil er mir in jeder Gefahr helfen und ein Ausweis sein würde, der mich zu ihm führen würde, wenn ich ihn nötig hätte. Ich habe zwar nie geglaubt, daß ich je in die Lage kommen könnte, den Ring zu benützen, die Sache doch aber ernsthaft genug genommen, um ihn nicht herumliegen zu lassen – wenn Sie wollen, können Sie ja immerhin einmal versuchen, ob er Ihnen tatsächlich die Türen zu Ihrem Bruder öffnet.«

Dabei holte sie aus dem Ausschnitt ihres Kleides einen Herrenring mit einem großen Smaragd, den sie an einem dünnen Goldkettchen trug, hervor, öffnete das Schloß der Kette und gab ihm den Ring, wobei sie die Worte wiederholte, mit denen der Señor ihn ihr geschenkt hatte:

Sehr vielen Menschen in San Clemente sei dieser Ring bekannt, und zwar gerade den klügsten, stärksten, tapfersten und angesehensten. Alle diese würden ihr, wenn sie den Ring vorzeigte, in jeder Beziehung gehorchen und ihr in jeder Gefahr beistehen – wenn es nötig sei, sogar mit Aufopferung des eigenen Lebens.

Die Carmelita, die alles andere als eine romantisch überspannte Närrin war, hatte diese Rede seinerzeit sehr skeptisch aufgenommen und war jetzt sogar so vorsichtig, Denny davor zu warnen, den Ring zu verwenden – vielleicht könne er dadurch in eine Falle gelockt werden.

»Glauben Sie etwa, ich hätte vor meinem eigenen Bruder Angst?« erwiderte er.

Doch da sprang sie erschrocken auf.

»Still, um Gottes willen«, flüsterte sie, »da kommen Leute!«

 << Kapitel 7  Kapitel 9 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.