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Der Schrecken vom Rio Grande

Max Brand: Der Schrecken vom Rio Grande - Kapitel 6
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDer Schrecken vom Rio Grande
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
year1937
translatorFranz Eckstein
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171010
projectid2c7d466c
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* * *

 

Als ich Patrick MacMore in voller Beleuchtung gegenüberstand und alle Vorteile auf meiner Seite waren, hatte ich, wie ich schon sagte, das Gefühl, mit einer wilden Bestie zusammen im selben Käfig eingesperrt zu sein – man kann sich also ungefähr meine Empfindungen vorstellen, als ich mich jetzt mit ihm allein im Dunkeln befand. Wenn man dies nicht kann, muß ich zugeben, daß es mir nicht gelungen ist, einen richtigen Begriff von dem Eindruck zu geben, den dieser gefährliche Übermensch auf mich gemacht hat.

Draußen auf dem Gang wurden eilige Schritte laut, aber das beunruhigte mich weniger, im Gegenteil, es war mir, so unglaublich es klingen mag, ganz lieb, daß dadurch mein Alleinsein mit MacMore abgekürzt wurde, da ich ihn, sosehr ich meine Augen auch anstrengte, in dem schwachen Mondschein, der durchs Fenster hereinfiel, nicht entdecken konnte.

Tief niedergeduckt hatte ich mich langsam nach der Tür hin zurückgezogen, da wurde diese aufgerissen, ich sah mehrere Gesichter, überragt von den mächtigen Schultern Gualteros.

Patrick MacMore fing furchtbar zu schimpfen an, sie sollten sich hinausscheren, – offenbar fürchtete er, ich würde bei ihnen einen Durchbruchsversuch wagen. Bevor die Leute noch seine Worte richtig verstanden hatten, stürzte ich auf ihre Beine los, gegen die ich mit aller Wucht und der ganzen Schwere meines Körpers anrannte.

An alle Einzelheiten solch kritischer Augenblicke erinnert man sich immer merkwürdig genau – ich habe sogar gehört, daß Menschen in Todesgefahr in rasendem Ablauf noch einmal ihr ganzes Leben vor sich sehen sollen, doch darüber kann ich nicht urteilen, wahrscheinlich ist dazu meine Einbildungskraft nicht lebhaft genug. Aber wenn ich Maler wäre, könnte ich noch heute all die verdutzten Gesichter zeichnen und vor allem jede Falte auf den nackten Knien des riesigen Gualteros, die ich mir als Ziel meines Angriffs gewählt hatte.

Ich dachte, ich hätte ihm durch den Anprall meiner Schultern beide Beine gebrochen, so prachtvoll knickten sie ein – er fiel krachend zu Boden und ich über ihn weg.

Schnell war ich wieder auf den Füßen, ein halbes Dutzend Hände griffen nach mir, doch ich konnte mich ihnen entwinden. Warum sie nicht schossen, ist mir unklar geblieben, vielleicht waren sie zu verblüfft, vielleicht auch ihrer Sache zu sicher ...

Zu meiner Linken sah ich eine offene Tür, ich stürmte hindurch und hatte gerade noch Zeit, sie ihnen vor der Nase zuzuschlagen und den Schlüssel umzudrehen – ich atmete auf, denn durch die dicken Bohlen klangen ihre gellenden Stimmen sehr gedämpft.

Gott segne den wackeren Zimmermann, der diese Tür gezimmert, den braven Schlosser, der dieses Schloß geschmiedet und den herrlichen Baum, der das feste Holz zu ihr geliefert hat!

Ich hörte, wie die Verfolger sich mit den Schultern gegen die Bretter warfen, wie sie versuchten, durch Revolverkugeln das Schloß zu sprengen – vergeblich, sie hielten ihren Angriffen stand.

Inzwischen war ich am Fenster, das auf den Hof hinausging, auf dem ich fünf oder sechs gesattelte, reiterlose Pferde stehen sah – nur auf einem davon saß ein Mann, dessen Hände auf den Rücken gefesselt waren. In diesem erkannte ich den Kleinen, und es kam mir so vor, als ob auch er mich erkannt habe, denn als ich mich weit hinausbeugte, wandte er mir den Kopf zu und unterdrückte einen Ruf des Erstaunens.

Ich schwang mich zum Fenster hinaus – ich mußte versuchen, mit den Füßen das schmale Sims über dem Fenster des unteren Stockwerks zu erreichen, um mich von dort aus weiter hinabzulassen – verfehlte ich dieses, so bestand die Gefahr, daß ich mir durch die Wucht, mit der ich auf dem Pflaster des Hofes landete, ein Bein brach oder zum mindesten verstauchte, was unter den gegebenen Umständen geradeso schlimm sein würde.

Da ich hörte, daß eilige Schritte die Treppe hinunterpolterten, um mir den Rückzug abzuschneiden, während die anderen Häscher sich weiter mit dem Einschlagen der Tür abmühten, durfte ich nicht länger zögern. Ich ließ also los, erreichte auch wunschgemäß das Sims, schlug aber mit den Knien derartig gegen die Mauer, daß ich vor Schmerz beinahe aufschrie und gleich weiterrutschte. Immerhin war durch diese ›Zwischenlandung‹ die Gewalt des Sturzes so stark abgeschwächt, daß ich ohne weiteren Schaden unten ankam.

Irgend jemand schrie jetzt von oben, man solle schnell das Hoftor schließen, aber inzwischen saß ich schon im Sattel des nächsten Pferdes und angelte nach dem Zügel des anderen, auf dem Denny MacMore saß, der mir zurief, ich solle machen, daß ich fortkomme, um ihn brauche ich keine Angst zu haben.

Ich zerrte seinen Gaul natürlich trotzdem mit, aber das Unglücksvieh weigerte sich, vorwärtszugehen. Wenn ich dadurch auch nur wenige Sekunden verlor, so konnten gerade diese entscheidend sein. Ich riß dem Biest in die Zügel, der Kleine bohrte ihm die Hacken in die Weichen, das Tier sprang an, so daß es Denny beinahe abwarf, aber dann galoppierte es los. Es war aber auch allerhöchste Zeit, denn einen Flügel des Tores hatte ein eingeborener Diener bereits zugeworfen!

Wir jagten davon, bogen aber schnell vom Weg ab hinein ins Gebüsch, denn erstens wollte ich natürlich meinen Larry nicht im Stiche lassen und zweitens nahm ich an, daß man uns hier, in unmittelbarer Nähe des Hauses, nicht suchen würde.

Meine Berechnung erwies sich als richtig, denn schon kurz darauf brauste die wilde Jagd unserer Verfolger dicht an unserem Versteck vorüber – Patrick MacMore selbst führte sie an, ich erkannte seine Stimme, die auf spanisch seinen Leuten Befehle zurief.

Das Hufgetrappel verhallte, es war mit einemmal so still, daß ich die schmelzende Musik hörte, die von der ›Plaza Municipal‹ zu uns herüberdrang. Ich wollte zunächst natürlich den Kleinen von seinen Fesseln befreien, mußte aber bestürzt feststellen, daß man dem armen Kerlchen stählerne Handschellen angelegt hatte. Da war allerdings guter Rat teuer ...

Er selbst sagte kein Wort, sondern wartete geduldig ab, was ich anordnen würde – wahrhaftig, ich wußte im Augenblick selber nicht, was ich tun sollte. Doch irgend etwas mußte ja geschehen, ich wechselte also zunächst einmal auf meinen guten Larry hinüber, ließ den dritten Gaul laufen und ritt durch das Gehölz der anderen Seite der Straße zu.

Ich fluchte leise vor mich hin, denn meine zerschundenen Knie fingen an, mich elend zu schmerzen – so merkwürdig es klingen mag, die halblaut hervorgestoßenen Worte ermutigten mich sichtlich. Selbstverständlich hatte ich keine Ahnung, was ich anfangen solle, aber ich wurde mir doch bewußt, daß wir alle Ursache hatten, dem Schicksal dankbar zu sein, denn im Augenblick wenigstens waren wir noch frei und außer Gefahr. Lange würde dieser Zustand natürlich nicht anhalten, denn sehr bald würden alle Straßen von San Clemente von Häschern wimmeln, wenn ich die Macht Patrick MacMores und seines indianischen Meisters, des ›Tigers‹, richtig einschätzte.

Um nicht aufzufallen, ritten wir im Schritt die Straße entlang, in deren Staub noch immer unbeaufsichtigte Kinder spielten, deren Eltern wahrscheinlich in der städtischen Anlage unter den Klängen der Musik lustwandelten.

Als wir die zweite Querstraße kreuzten, hörte ich in ihr ein regelmäßiges Geräusch, das nur vom Niederfallen eines Hammers auf einen Amboß herrühren konnte. Sofort bog ich ab – der Kleine begriff meine Absicht und flüsterte mir zu:

»Das hat doch keinen Zweck, Joe, du verlierst nur unnötig Zeit, so daß sie inzwischen alle Ausgänge der Stadt besetzen können. Laß meine Hände ruhig, wie sie sind – die Hauptsache ist, daß wir erst mal hier rauskommen.«

Die Antwort, die ich ihm gab, verblüffte mich selbst – so geht es einem ja manchmal, wenn man über irgend etwas nachgrübelt, zu keinem Entschluß kommen kann und dann plötzlich gezwungen ist, seine Gedanken in Worte zu kleiden.

»Wir verlassen San Clemente gar nicht«, erwiderte ich ihm, »sondern bleiben vorläufig hier.«

Der Kleine seufzte, obwohl er bestimmt einer der furchtlosesten Menschen war, die ich kennengelernt habe. Mich wunderte es wahrhaftig nicht, daß mein Entschluß ihm unwillkommen war, aber ich sagte mir, daß ich, wenn ich jetzt die Stadt verlassen würde, die mir gestellte Aufgabe, den ›Tiger‹ zur Strecke zu bringen, nie und nimmer würde lösen können. Eine persönliche Gefahr bestand für den Kleinen wohl kaum, denn das Schlimmste, was ihm geschehen würde, wenn die Leute seines Bruders seiner habhaft wurden, war, daß er doch noch nach New Orleans verfrachtet wurde. Außerdem war San Clemente ja kein kleines Nest, von dem jeder Winkel mühelos ausgekämmt werden konnte – irgendwo würden wir uns schon verbergen können.

Der Seufzer war der einzige Einwand, den der Kleine machte, – schweigend folgte er mir die Nebengasse hinunter, dem Ort zu, von wo aus ich das Gehämmer gehört hatte. Als wir uns der Schmiede näherten, deren Tür offenstand, erhob sich ein großer Windhund und knurrte uns an, drinnen aber sah ich im Schein einiger verrußter Laternen den Schmied vor seinem Schmiedefeuer stehen, das er durch heftiges Ziehen des Blasebalgs anfachte.

Sehr freundlich sah der Mann allerdings nicht aus, aber ich mußte mich ihm eben auf gut Glück anvertrauen und stieg darum ab.

*

Eigentlich müßten alle Handwerker heitere Menschen sein, denn es gibt doch nichts, was mehr befriedigen kann, als schöne oder nützliche Dinge aus Holz oder Eisen zu schaffen. Besonders einen Grobschmied kann ich mir gut als froh und zufrieden denken, denn seine Arbeit stärkt ihm die Muskeln, und körperliche Kraft gibt jedem, der sie hat, ein Gefühl der Überlegenheit – ganz abgesehen davon, daß ein Schmied für gewöhnlich eine gewichtige Persönlichkeit ist, denn so ein Schmiedehammer verlangt schon ein gewisses Gegengewicht. Er ist für meine Begriffe die vollkommenste Vereinigung von Faust und Gehirn, und ich wage die Behauptung, daß es einen wirklich dummen Schmied auf Gottes Erdboden überhaupt nicht gibt. Selbstverständlich spreche ich hier nicht von Menschen, die am laufenden Band in großen Fabriken arbeiten und immer die gleichen Handgriffe machen müssen – die kann zur Not auch eine Maschine ersetzen – sondern nur von richtigen, schöpferischen Handwerksmeistern, die denn auch in der Regel vergnügt und mit ihrer wirtschaftlichen Lage durchaus einverstanden sind.

Der Vertreter der edlen Schmiedekunst allerdings, den ich hier in San Clemente vor mir hatte, war leider ganz anders und, wie der erste Blick mich lehrte, eine der seltenen Ausnahmen. Er war ein hagerer, ausgedorrter Mann über fünfzig, dem man nicht zutraute, daß er den schweren Schmiedehammer, der an der Wand lehnte, meistern könne, obwohl seine mageren Arme nur aus Muskelsträngen zu bestehen schienen. Zum Schutz gegen die sprühenden Funken hatte er eine Lederschürze vorgebunden, doch da er kein Hemd darunter trug, konnte ich jede seiner Rippen zählen. Fingerdick traten die Adern an seinem Hals heraus, und seine Brust keuchte noch von dem letzten Schlag auf den Amboß. Die mächtige Hakennase in dem schmalen Gesicht und ein Rußfleck über dem einen Auge gaben ihm ein merkwürdig grillenhaftes, launisches Aussehen, – den Blick hielt er zu Boden gesenkt.

Ich blieb an der Tür im Schatten stehen, um ihn zunächst einmal mit Worten in bessere Laune zu versetzen, denn das schien mir dringend nötig zu sein, wenn ich zum Ziel gelangen wollte.

»Nun, Meister, so spät noch an der Arbeit?« sagte ich. »Sie beschämen uns ja alle.«

Er sah auf und verzog ein wenig die Augenbrauen – ich übersetzte mir das wahrscheinlich richtig mit ›blöder, ausländischer Schwätzer!‹. Das war allerdings ein sehr wenig versprechender Anfang, doch dann sagte er, während er mechanisch den Blasebalg zog, mit einer weit angenehmeren Stimme, als ich erwartet hatte:

»Sie müssen wissen, Herr, daß ich nur ein armseliger Sklave bin.«

»Das kann ich beim besten Willen nicht glauben«, erwiderte ich, »denn die Werkstatt hier ist doch sicher Ihr Eigentum.«

»Allerdings, aber dafür muß ich auch eine Sondersteuer bezahlen, genau wie für das Haus, das ich besitze – also bin ich zweimal mehr Sklave, als wenn ich angestellter Arbeiter wäre.«

»Warum verkaufen Sie dann nicht lieber Haus und Werkstatt und arbeiten für einen Unternehmer?« wagte ich einzuwenden.

»Soll ich etwas aufgeben, was ich mir in vierzigjähriger Arbeit geschaffen habe? ... Nein, dazu bin ich zu stolz, – und ewig werden ja die Geier, die uns armen Spatzen bedrohen, nicht über San Clemente kreisen.«

Diese Bemerkung bezog sich zweifellos auf den ›Tiger‹, der die ganze Stadt durch seine Schreckensherrschaft tributpflichtig gemacht hatte, aber es verblüffte mich doch, daß einer der Unterdrückten den Mut hatte, dies anzudeuten – noch dazu einem Fremden gegenüber. Als ich dem Schmied meine Verwunderung hierüber aussprach, erwiderte er mit seltsamem Lächeln:

»Enrico Orthez sieht sich seine Leute an, ehe er den Mund auftut.«

»Also halten Sie mich für einen zuverlässigen Mann?«

»Gewiß – zumal Sie im Augenblick selbst von der Pranke des ›Tigers‹ bedroht sind.«

»Wie kommen Sie zu dieser Annahme?« fragte ich verwundert.

»Nun – zum Vergnügen sind Sie doch sicher nicht an einer Wand heruntergerutscht, und wenn einer in San Clemente schießen muß, spielt bestimmt der ›Tiger‹ dabei eine Rolle.«

»Und woraus schließen Sie das alles?«

»Weil der Stoff Ihrer Hosen über den Knien durchgescheuert, die Haut Ihrer Fingerspitzen blutig gerissen ist und sich am Kolben Ihres Revolvers ein Blutfleck befindet.«

Dieser Schmied war ja ein ganz gefährlicher Bursche, schlimmer noch, als ich nach seinem Äußeren angenommen hatte.

»Da irren Sie sich aber gewaltig«, entgegnete ich, »ich bin vorhin auf der Straße hingefallen – das erklärt den Zustand meiner Knie und Hände sowie den Blutfleck an dem Revolver doch ungezwungener, als Sie es tun.«

Enrico Orthez gähnte.

»Und als Sie nach Ihrem Fall wieder aufstanden, da sahen Sie, daß inzwischen ein Geist Ihrem Freund stählerne Handfesseln angelegt hatte – nicht wahr?« fragte er spöttisch.

Jetzt war ich aber doch sprachlos.

»Und weil Sie diese merkwürdige Entdeckung gemacht haben, sind Sie zu mir armem Grobschmied gekommen, um mich zu fragen, ob ich mein Leben aufs Spiel setzen und Ihren Freund von den Fesseln befreien will«, fuhr der Alte fort, »stimmt es oder stimmt es nicht?«

»Ja, um Gottes willen, wie ist es denn möglich, daß Sie das alles wissen?« fragte ich fassungslos.

»Das ist grenzenlos einfach«, erwiderte Enrico Orthez lächelnd. »Außer dem ›Tiger‹ gibt es nämlich noch eine große Katze in San Clemente, und wenn die zu schnurren anfängt, horcht die ganze Stadt auf. So ist auch mir zu Ohren gekommen, daß der edle Señor zwei Ausländer zu sehen wünscht, deren bevorstehende Ankunft ihm gemeldet worden war. Nachdem ich kurz vorher drüben bei Don Ramon Cantaras Schüsse gehört habe, sehe ich jetzt zwei Ausländer vor mir, von denen einer die Hände auf dem Rücken hat, sie aber nicht ruhig genug hält, so daß die Ketten klirren – die Schlußfolgerung daraus hätte ein Kind ziehen können, meinen Sie nicht auch?«

So klar und überzeugend das alles klang, ich starrte den Schmied an – wie ein Seher, ein Zauberer kam er mir vor.

Der Kleine war inzwischen abgestiegen, trat vor und sagte hastig zu mir:

»Wir sind völlig in seiner Hand, Joe, er braucht nur zu pfeifen, dann sind wir verloren – also laß mich mit ihm reden.«

Ich nickte, MacMore wandte sich in seinem schülerhaften Spanisch an Enrico Orthez.

»Da Sie uns so genau kennen, Meister, werden Sie auch wissen, daß wir anständige Menschen sind. Bitte, nehmen Sie mir diese Handschellen ab – wenn ich sterben muß, will ich es wenigstens als freier Mann!«

Diese für meine Auffassung reichlich pathetische Rede machte auf den Schmied sichtlich großen Eindruck.

»Lassen Sie die Dinger mal sehen«, sagte er.

Der Kleine drehte sich um, Orthez untersuchte die Fesseln, dann holte er aus einem Kasten etwas, was ich für den Teil einer Uhrfeder hielt, wirtschaftete ein paar Sekunden an den Schlössern herum, die mit einem vernehmlichen Knacken aufsprangen, und Denny MacMore war frei!

Er drehte sich um, um dem Schmied zu danken, da hörte ich draußen auf der Straße Reiter herankommen. Ich wollte zu meinem Larry hinausstürzen, doch Orthez hielt mich zurück.

»Das hat keinen Zweck«, sagte er ruhig, »Sie befinden sich hier in einer Sackgasse, und da die eine Seite durch die Reiter gesperrt ist, können Sie nicht heraus.«

Er sah uns an, als ob er sich an unserer Furcht, die unsere Gesichter wohl verrieten, weide – doch dann brummte er:

»Lassen Sie Ihre Gäule, wo sie sind, und kommen Sie mit!«

Ich zögerte, blickte fragend den Kleinen an, um zu sehen, ob er meinen Verdacht, daß der Schmied ein falsches Spiel mit uns treibe, teile, doch Denny schien unfähig zu sein, überhaupt etwas zu denken, und überließ offenbar die Entscheidung, was geschehen solle, mir. Nun ist es ja eigentlich sehr schmeichelhaft, wenn ein anderer einem so blind vertraut, aber es belastet entschieden die Entschlußfreudigkeit, wenn man nicht nur die eigene Haut zum Markte trägt. Wäre ich allein gewesen, hätte ich mich nicht eine Sekunde bedacht, aber so überlegte ich rasch: die Wahrscheinlichkeit, daß Orthez ein anständiger Kerl war, stand zwei zu fünf – daraufhin mußte ich es wagen.

Ich nickte ihm also zu, er eilte zur Hintertür der Werkstatt, öffnete sie und ließ uns hinausschlüpfen.

*

Ich sah mich um – wir befanden uns in einem kleinen Gärtchen, in dem, dem Duft nach zu schließen, der mir entgegenschlug, Orangenbäume blühen mußten. An zwei Seiten war er mit sehr hohen Mauern umgeben, vorne von der Werkstatt und hinten von dem Wohnhaus begrenzt. Wir saßen also, wenn Enrico Orthez ein Schuft war, gründlich in der Falle, denn über die Mauern zu entkommen, war völlig unmöglich. Sich in dem fremden Haus zu verstecken, erschien mir auch nicht ratsam, denn dieses würde sicher eingehender untersucht werden als der Garten, und so beschloß ich, hier das Weitere abzuwarten.

Durch die Ziegelwand der Schmiede sah ich Licht schimmern, der Mörtel zwischen zwei Steinen war wohl durch die Hitze herausgebröckelt – ich kniete also nieder und legte das Auge an den Spalt, durch den ich einen großen Teil der Werkstatt überblicken konnte. Der Kleine war meinem Beispiel gefolgt und hatte sich neben mir auf die Knie niedergelassen, obwohl er natürlich nicht das geringste sah.

Außer der Angst vor dem ›Tiger‹ und den Leuten des Señors quälte mich noch eine andere, nicht minder große. Der Boden Mexikos ist nämlich nicht nur fruchtbar an Pflanzen und Bäumen, sondern auch an scheußlichem Ungeziefer. Alles, was ich hierüber gehört hatte, ging mir durch den Kopf, im Geist sah ich die gestreiften Giftschlangen, die korallenroten mit schwarzen Köpfen, die ›vinagrillo‹, die überall, wo sie kriecht, ein starkes Gift hinterläßt, die giftige Eidechse, deren Biß kein Mensch übersteht, die ›eslaboncillo‹, die vor Wut stirbt, wenn es ihr nicht gelingt, zu beißen, den ›cencoatel‹, der im Dunkeln leuchtet, die schwarzrote Riesenspinne, deren Stich lähmt und dessen Wirkung man dadurch bekämpft, daß man den Gestochenen sich fünf Tage lang in einem mit Rauch angefüllten Raum aufhalten läßt, und alle die gefährlichen Taranteln und Skorpione ...

Ich wußte, daß Männer diesen Giften erlagen, die der Gefahr, die ihnen von Schußwaffen drohten, lachend entgegengetreten sind. Es war also kein Wunder, daß ich wie ein Kind zitternd in der weichen Gartenerde kniete.

Bald genug jedoch wurde ich abgelenkt – der Señor sprang vom Pferd und stürmte an der Spitze seiner Leute in die Schmiede hinein, die Enrico Orthez mit lauten Hammerschlägen und sprühenden Funken erfüllte, ohne sich von den Eintretenden in seiner Arbeit stören zu lassen.

»He, Orthez«, rief Patrick MacMore, »wo sind die beiden Reiter, die zu den Gäulen da draußen gehören?«

Der Schmied hielt mitten im Schlag inne und erwiderte:

»Sie sind hier vorübergekommen und haben mich nach dem Weg gefragt.«

»Nach welchem Weg?«

»Der aus der Stadt herausführt.«

»Nun – und wo haben sie sich hingewandt?«

»Ich sagte ihnen, daß das hier eine Sackgasse sei und sie umkehren müßten – das taten sie aber nicht, sondern sprangen ab und liefen davon.«

»Wohin?«

»Die Straße hinunter.«

Der Señor machte auf dem Absatz kehrt, eilte zum Ausgang, befahl Gualtero, mit zwei anderen die Schmiede besetzt zu halten, dem Rest seiner Leute – es waren mindestens zwanzig – ihm zu folgen, und war verschwunden.

Die beiden eingeborenen Diener blieben im Dunkeln an der Tür stehen, während Gualtero in der Schmiede auf und ab lief.

»Orthez!« rief er plötzlich.

Der Angerufene, dem der Schweiß von der Stirne rann, arbeitete ruhig weiter.

»Du – Orthez!« schrie der Riesenkerl noch lauter, trat auf den Schmied zu und hob die geballte Faust, die wohl imstande war, im Niederfallen die Hirnschale eines Menschen wie eine Eierschale zu zerschmettern.

Enrico Orthez hämmerte unverdrossen weiter und erwiderte im Takt seiner Schläge:

»Geh mir doch aus dem Licht – denkst du, ein Koloß wie du ist durchsichtig?«

Das war natürlich eine ziemlich gewagte Antwort – die Leute am Ausgang reckten die Hälse, offenbar glaubten sie, daß es jetzt etwas zu sehen geben werde, doch sie irrten sich, denn Gualtero ließ die Faust sinken und wandte sich ab.

Der Schmied kümmerte sich nicht im geringsten um die Anwesenden, drehte das bearbeitete Stück Eisen mit der Zange prüfend hin und her, ließ es dann langsam in den Wassereimer gleiten, aus dem zischend eine Dampfwolke aufstieg, und schob dann ein neues Stück in das Schmiedefeuer, das er mit dem Blasebalg anfachte.

»Erlaub dir so eine Frechheit nur noch einmal, dann wirst du ja sehen, was geschieht«, grollte Gualtero.

»Gar nichts wird geschehen«, war die verblüffende Antwort Enrico Orthez', »denn du wirst lieber in ein Nest voll Klapperschlangen greifen, als mich anfassen, weil du ganz genau weißt, daß du dann sterben mußt.«

Es war ein herzerfreuender Anblick, zu sehen, wie entsetzt der Riese zurückwich – so etwas von abergläubischer Furcht hätte ich selbst bei einem Mexikaner nicht für möglich gehalten.

In dem Dampf, der den ganzen Raum erfüllte, tauchte jetzt der Señor, der von seiner vergeblichen Jagd nach uns zurückkam, wieder auf.

»Durchsucht die Werkstatt«, befahl er seinen Leuten, trat dann auf den Schmied zu und fuhr ihn an: »Warum hast du mich belogen?«

Orthez hielt seinem durchbohrenden Blick gelassen stand, schüttelte nur langsam den Kopf und arbeitete dann weiter.

Die Durchsuchung war natürlich ergebnislos, schließlich fand Gualtero aber die Gartentür und stieß sie auf. Keine drei Schritte von uns entfernt stand er und starrte hinaus – ich richtete meinen Revolver auf ihn und zielte nach seinem so lächerlich klein wirkenden Schädel.

»Hier ist ein Garten, in dem sie sich versteckt haben könnten«, sagte er.

»Dann durchsuch ihn!« rief der Señor ihm zu.

Ich hatte mich schon dicht an der Mauer auf die flache Erde gelegt, der Kleine war meinem Beispiel gefolgt – Gualtero trat heraus.

Der Mond schien, wie mir vorkam, entsetzlich hell, aber sein Schein vertiefte offenbar nur den Schatten, der uns bedeckte. Ich wagte kaum zu atmen.

Drinnen in der Werkstatt hörte ich Patrick MacMore sprechen.

»Als ich dich das letzte Mal gesehen habe, warst du doch ein gesunder, wohlgenährter Mann, Orthez«, sagte er, »was ist dir denn zugestoßen?«

»Das sind jetzt fünf Jahre her, Señor«, erwiderte Orthez, »und fünf Jahre Tag und Nacht vor dem Schmiedefeuer dorren wohl jeden Menschen aus.«

»Vor fünf Jahren ist sein Sohn Juan getötet worden«, mischte sich einer von MacMores Begleitern ein, »es heißt, er soll im Dienste des ›Tigers‹ gefallen sein.«

»Es heißt aber auch, daß er von hinten erstochen worden ist«, entgegnete Enrico Orthez so leise, daß ich den Boden unter den nackten Füßen Gualteros knirschen hörte – das Untier kam geradeswegs auf uns zu.

In der Hand hielt er einen Revolver, der in seiner unförmigen Tatze wie ein Spielzeug wirkte, obwohl es ein ausgewachsener fünfundvierziger Colt war.

Fast unmittelbar vor der Mauer, gegen die wir uns preßten, blieb er stehen – ich hätte sein Bein erfassen können, tat es aber natürlich nicht, sondern verbarg lieber den Lauf meiner Waffe, deren Glitzern uns hätte verraten können, unter dem Arm.

Gualtero stampfte wütend mit dem Fuß auf, dann machte er kehrt und ging rasch in die Werkstatt zurück – ihm und uns war noch einmal das Leben geschenkt worden.

*

Es dauerte ein paar Minuten, ehe ich so weit war, den Vorgängen drinnen in der Schmiede wieder folgen zu können.

»Gewiß – der ›Tiger›‹ ist mein Freund«, sagte der Señor eben zu Orthez, »aber gerade darum glaube ich nicht, was du da von deinem Sohn behauptest. Wahrscheinlich hat der junge Mann irgend etwas auf eigene Faust unternommen und ist dabei zu Schaden gekommen –«

»Nein, nein«, unterbrach ihn der Schmied, »der ›Tiger‹ hat den Befehl gegeben, und daraufhin ist mein Junge getötet worden – wenn's anders wäre, würden die Leute sicher nicht wagen, das zu behaupten.«

Der Señor schwieg eine Weile, dann entgegnete er lebhaft:

»Ob du nun recht hast oder nicht, jedenfalls bist du überzeugt, daß dir Unrecht geschehen ist, und darum will ich dir im Namen des ›Tigers‹ eine Genugtuung geben. Da draußen stehen zwei Pferde, nimm sie mitsamt den Sätteln – sie sind dein!«

»Sind Sie denn Richter, daß Sie so über fremdes Eigentum verfügen können?« wandte der Schmied ein.

»Du brauchst nichts zu befürchten, kein Mensch wird sich einfallen lassen, dir den Besitz der Tiere streitig zu machen«, erwiderte der Señor und wandte sich dann an Gualtero: »Nun, wie steht's?«

»Im Garten sind sie nicht.«

»Wir müssen noch mehr Leute aufbieten und dafür sorgen, daß ganz San Clemente erfährt, worum es sich handelt«, sagte Patrick MacMore zu drei oder vier Männern, die vorgetreten und offenbar seine Adjutanten waren. »Der kleinere von den beiden muß unbedingt lebend gefaßt werden, auf seine Ergreifung setze ich fünftausend Pesos aus – wer ihn aber tötet, bekommt eine Kugel. Bei dem anderen ist es mir gleichgültig, ob er lebend oder tot eingeliefert wird – auf alle Fälle erhält der, der ihn bringt, zehntausend Pesos!«

Nach diesen Worten machte er kehrt und eilte hinaus, die Adjutanten, unter denen ich auch Cantaras erkannt zu haben glaubte, folgten ihm – Enrico Orthez blieb allein und hämmerte ruhig weiter auf seinem Amboß herum.

Erst nach einer ganzen Weile löschte er alle Laternen bis auf eine aus, diese nahm er, schloß sorgfältig die nach der Straße führende Tür der Werkstatt und trat dann zu uns in den Garten hinaus. Er ging sehr langsam – als ob er plötzlich um Jahre gealtert sei, sah er aus.

»Sie haben jetzt zwei Möglichkeiten«, begann er, der Kleine aber unterbrach ihn lebhaft:

»Vor allen Dingen danken wir Ihnen, denn Sie haben uns das Leben gerettet!«

Der Schmied ging mit keiner Silbe hierauf ein, sondern fuhr fort:

»Entweder nehmen Sie Ihre Pferde und versuchen aus der Stadt herauszukommen, oder Sie stellen die Tiere in meinem Stall ein und warten in meinem Haus ab, bis man Sie findet und mich als Verräter erschießt, weil ich Ihnen Obdach gewährt habe.«

»Sie setzen also voraus, daß wir unbedingt erwischt werden, und bieten uns trotzdem Gastfreundschaft an?« fragte ich erstaunt.

»Selbstverständlich! Im übrigen geschehen ja auch heute noch manchmal Wunder – vielleicht entdeckt man Sie doch nicht.«

»Trotzdem kann ich Ihr hochherziges Angebot nicht annehmen«, erklärte ich bestimmt, »da es Ihnen persönlich nur Nachteile bringen muß.«

Darauf lachte der Alte – er lachte tatsächlich, obwohl es klang, als ob in der Ferne ein Hund heiser heule.

»Da irren Sie sich aber gewaltig«, meinte er. »Alles, was den ›Tiger‹ und seinen Bevollmächtigten, den Señor, ärgert, ist für mich eine wahre Herzensfreude – dafür würde ich auf der Stelle sterben, selbst wenn die Feuerböcke für Donna Alvarado, an denen ich gerade arbeite, nicht mehr fertig werden sollten.«

Dabei kicherte er vergnügt in sich hinein, ich aber schüttelte den Kopf.

Ganz ehrlich gesagt – ich hatte genug von der Geschichte! Ich hatte die Macht und die Hilfsmittel, über die der ›Tiger‹ verfügte, zur Genüge kennengelernt, um nicht einzusehen, daß es sinnlos war, als einzelner dagegen angehen zu wollen. Ich war entschlossen, die Sache als aussichtslos aufzugeben und zu versuchen, die Stadt schleunigst zu verlassen, um wenigstens unser Leben zu retten, doch da erklärte Denny MacMore plötzlich:

»Da es ebenso schwer und gefährlich ist, zu gehen wie zu bleiben, bleiben wir natürlich.«

»Ich gehe«, entgegnete ich nur.

»Schön, ganz wie du willst«, erwiderte der Kleine, »aber ich muß auf alle Fälle bleiben – vorausgesetzt selbstverständlich, daß Sie mich aufnehmen, Meister Schmied.«

Dieser ruhig ausgesprochene, tapfere Entschluß machte sichtlich großen Eindruck auf Orthez – seine Hand, die die Laterne hob, um meinem Begleiter ins Gesicht zu leuchten, zitterte.

»Sie sind mir von Herzen willkommen – wenn Sie der Blutsbruder meines verstorbenen Sohnes wären, könnten Sie mir nicht willkommener sein«, sagte er. »Ich würde einen räudigen Hund dafür aufnehmen und bis an sein Ende pflegen, daß er dem ›Tiger‹ einmal die Zähne gezeigt hat, wieviel mehr also Sie! ... Vorwärts denn, bringen Sie die Pferde herein, ich werde Ihnen die Gartentüre öffnen. Und wenn Ihr Kamerad nicht mitkommen will, junger Mann, dann seien Sie alleine mein Gast!«

Ich zögerte – meine Pflicht, das dem Distriktskommissar gegebene Versprechen und meine Anhänglichkeit an den Kleinen forderten gebieterisch, daß ich blieb, auf der anderen Seite aber erschien mir mein Unternehmen gegen den ›Tiger‹ so völlig hoffnungslos, daß es ein Wahnsinn wäre, dafür mein Leben aufs Spiel zu setzen. Ich hatte eine geradezu peinigende Sehnsucht danach, wenigstens einmal noch den Frühling in Texas, so kurz er auch war, zu sehen, einmal noch ein Frühstück, das aus gebackenem Speck, Maisbrot und bitterem schwarzen Kaffee bestand, in Ruhe zu genießen – aber trotzdem hörte ich plötzlich eine Stimme, die ich erstaunt als meine eigene erkannte, sagen:

»Wenn du bleibst, bleib' ich natürlich auch.«

Wir eilten zusammen durch die Werkstatt, öffneten vorsichtig die Tür und spähten auf die Gasse hinaus. Nichts rührte sich, doch an ihrem Ende, wo sie in die andere Straße einmündete, jagten im Galopp drei Reiter vorüber.

Wir nahmen Larry und das andere Pferd am Zügel, in der Mauer öffnete sich ein kleines Pförtchen, an dem Orthez mit seiner Laterne uns erwartete und die er sorgfältig hinter uns wieder verriegelte.

Der Stall, in den er uns geleitete, war sehr klein – zwei Ziegen und ein nachdenklich dreinblickender Maulesel, der, nach den Druckstellen auf seinem Rücken zu urteilen, auch als Reittier diente, standen darin, aber die beiden Pferde fanden doch noch genügend Platz. Während wir sie absattelten und fütterten, leuchtete unser Gastgeber, dann führte er uns nach dem Haus hinüber, wobei er sich dicht an der Gartenwand hielt – wahrscheinlich, um gegen etwaige Späherblicke neugieriger Nachbarn geschützt zu sein.

Als wir beinahe die Haustüre erreicht hatten, wurde diese plötzlich geöffnet, worüber ich ganz unvernünftig erschrak.

»Ihre Frau?« fragte ich Orthez.

»Die ist längst gestorben«, erwiderte er und trat als erster ein.

In dem Hause erwartete uns ein alter Neger mit einem häßlichen, maskenstarren Gesicht, dessen Augen tot wie die einer Statue wirkten. Er schloß die Tür hinter uns und stampfte dann mit seinem Holzbein voraus, das darum nicht allzu großen Lärm machte, weil unten ein dicker Lappen darumgewickelt war.

Wir kamen in einen kühlen Raum, der größer war, als ich in einem solchen Häuschen erwartet hatte, und hier nötigte uns unser freundlicher Wirt, auf Sesseln, die mit seidenweichen, weißen Ziegenfellen bedeckt waren, Platz zu nehmen, während der Neger eine Lampe brachte und auf einen Seitentisch stellte.

Orthez fragte, ob wir Hunger hätten, und als wir dies bejahten, schleppte der Diener kalten Zickleinbraten, Pasteten, kalte Bohnen, die mit höllisch viel Pfeffer zubereitet waren, und als Getränk Ziegenmilch herbei, die der Kleine mit Todesverachtung und Gesichter schneidend hinunterschüttete.

Der Hausherr mochte gemerkt haben, daß wir beide den Neger mit ziemlich mißtrauischen Blicken betrachteten, und darum sagte er:

»Der ›Tiger‹ hat ihm sein Bein abgebissen.«

Das genügte, um uns sicher zu machen – offenbar war das ganze Leben des Schmiedes ein stiller, erbitterter Kampf gegen den großen indianischen Banditen.

*

Wir aßen schweigend, auch unser Wirt, der eine der merkwürdig geformten, an Füllhörner erinnernden, mexikanischen Zigaretten rauchte, sprach kein Wort. Erst als wir fertig waren, und der Neger abtrug, fragte ich leise auf englisch den Kleinen:

»Du bist dir doch hoffentlich klar darüber, daß es für uns eine große Gefahr bedeutet, hierzubleiben?«

»Gewiß«, erwiderte er, »aber ich muß mich mit dem Mann, der Señor genannt wird, auseinandersetzen – er ist nämlich mein Bruder.«

Ich hatte gehofft, daß er das nicht merken würde, denn er hatte ja Patrick MacMore nicht sehen können, da ich ihn an den Spalt an der Mauer nicht herangelassen hatte – aber offenbar hatte er ihn an der Stimme erkannt.

Erstaunt war ich über den Eindruck, den diese Entdeckung auf den Kleinen gemacht hatte – er wirkte jetzt bedeutend älter, als er noch heute morgen ausgesehen hatte, aus einem Kind schien ein Mann geworden zu sein. Wie tapfer hatte er sich mit dieser Enttäuschung abzufinden gesucht!

Ich wollte, daß er die Sache nicht so tragisch nähme und sagte darum leichthin:

»Warum hast du dich denn dann ihm nicht einfach gezeigt?«

»Weil ich wußte, was dir dann geschehen würde.«

»Na höre mal, gegen deinen Bruder hättest du mich doch wohl in Schutz nehmen können«, erwiderte ich.

»Nein, dazu kenne ich ihn zu genau. Er wünscht deinen Tod – umstimmen kann ihn da niemand auf der Welt, am allerwenigsten ich.«

»Hältst du es da nicht für recht überflüssig, dich weiteren Gefahren dadurch auszusetzen, daß du länger hierbleibst? Er hat doch deutlich genug zu verstehen gegeben, daß er dich nicht zu empfangen wünscht.«

»Aber ich will ihn sprechen und ihm ins Gesicht sagen, was ich von ihm und seinem Goldbergwerk halte!«

Trotz aller Selbstbeherrschung kämpfte der arme Kerl sichtlich mit den Tränen.

»Ein Bergwerk wird er sogar wirklich haben«, tröstete ich ihn, »das halte ich sogar für höchstwahrscheinlich.«

»Jawohl, ein schönes Bergwerk – der ›Tiger‹ ist die schmutzige Quelle, aus der er schöpft! Und wir haben ahnungslos all dieses Schandgeld angenommen, das von einem Verbrecher stammt, der die Menschen überfällt und hinterrücks erstechen läßt!«

Dabei lachte er gequält auf.

»Und was gedenkst du mit ihm anzufangen?« fragte ich. »Hoffst du etwa, ihn hier loseisen zu können?«

»Wenn es dir vielleicht auch lächerlich vorkommt: ich werde nicht ruhen, ehe ich ihn nicht aus Mexiko fortgebracht habe – wobei ich natürlich auf deine Hilfe rechne.«

Ich stützte das Kinn in die Hand und sah möglichst ernst zu ihm hinüber, denn ich wollte seine schöne Zuversicht nicht entmutigen, obwohl bis jetzt jedesmal, wenn wir mit dem Señor zu tun gehabt hatten, die Sache so ausgegangen war, als ob man ein galoppierendes Pferd am Schwanz festzuhalten versucht – Hals über Kopf waren wir in den Staub gerollt.

»Schön, mein Junge«, sagte ich, »sobald ich den ›Tiger‹ gefaßt und nach Norden verfrachtet habe, werden wir uns eingehend deinem Bruder widmen.«

»Zwei Männer, die zusammenhalten, können einer Welt trotzen«, mischte sich da plötzlich unser freundlicher Wirt – natürlich auf spanisch – in unser englisch geführtes Gespräch.

Ich sah ihn verblüfft an, denn er hatte bestimmt unsere Worte nicht verstanden, konnte also ihren Sinn höchstens erraten haben. Der Kleine nickte ihm, begeistert lächelnd, zu, ich aber zuckte die Achseln, denn ich kam mir bei der ganzen Sache vor wie ein Mensch, der mit verbundenen Augen an einem steilen Abhang entlang geht. Immerhin mußte ich mir ja irgendeinen Plan machen, wie ich wenigstens den allernächsten Schwierigkeiten begegnen wollte, und darum fragte ich den Schmied:

»Wie weit geht eigentlich die Macht des Señors?«

»Genau so weit wie die des ›Tigers‹ – manche behaupten sogar, daß die seine noch größer sei, weil der ›Tiger‹ nur das Messer ist, der Señor aber die Hand, die es führt.«

»Das glaube ich gern«, rief der Kleine, »Patrick wird sich niemals damit begnügen, die zweite Geige zu spielen!«

»Dir ist's also lieber, er ist ein großer Räuber als gar keiner – was?« fragte ich spöttisch.

Denny wurde rot und ließ den Kopf hängen – seine trotz allem noch unverminderte Anbetung des großen Bruders hatte etwas ungemein Kindliches und Rührendes.

Der Neger hatte inzwischen völlig abgeräumt, Orthez reichte uns Zigaretten, und wir rauchten eine Weile schweigend – nach den Aufregungen des Abends tat diese beschauliche Ruhe besonders wohl. Trotzdem kreisten meine Gedanken natürlich immer um den gleichen Punkt.

»Den Señor hab' ich ja nun gesehen«, sagte ich schließlich, »merkwürdig, daß man von seinem Chef, dem ›Tiger‹, keine Personalbeschreibung bekommen kann.«

»Das ist allerdings seltsam«, entgegnete der Schmied, »Sie haben doch sicher schon mehrere von seinen Leuten gefangengenommen?«

»Allerdings, aber die meisten wehrten sich so, daß sie schon im Sterben lagen, als sie uns in die Hände fielen, und die anderen, die gehenkt wurden, hatten mehr Angst vor dem ›Tiger‹ als vor dem Tod.«

»Ich kann Ihnen genau sagen, wie er aussieht – wie ein Vollblut-Indianer, der er ist.«

Er sagte dies mit einem gewissen Stolz – wenn er diesen Mann auch abgründig haßte, schmeichelte es doch offenbar seiner Eitelkeit, daß sein Land einen solchen Helden hervorgebracht hatte.

»Das weiß ich natürlich auch«, erwiderte ich, »sogar, daß er das Haar altmodisch lang trägt.«

»Ja, bis auf die Schultern wallt es ihm herab, wie einst seinen Ahnen, und wie sie ist er auch gekleidet, wenn er sich auf dem Kriegspfad befindet – mit Adlerfedern im Haar, denn er ist der Häuptling seines Stammes.«

»Ist er denn groß?« fragte ich. »Sehr stark soll er ja sein.«

»Er ist sehr groß, fast so groß wie Gualtero, den Sie ja vorhin gesehen haben, und den er an Kräften sogar noch übertreffen soll. Die ganze rechte Seite seines Gesichtes ist verzerrt und durch eine schlimme Narbe entstellt, aber nicht die ist's, die den ›Tiger‹ so furchtbar macht, sondern sein Blick und seine Stimme.«

»Haben Sie ihn selbst gesehen?«

»Nein, aber mein Sohn hat ihn gesehen und es mir erzählt – er hatte sich nämlich der Bande des ›Tigers‹ angeschlossen, weil er jung, unerfahren und verliebt war, hoffnungslos verhebt in eine Dame, die gesellschaftlich hoch über ihm stand. Ich machte ihm das klar, bat und beschwor ihn, doch er hat nicht auf mich gehört. Er dachte, auf einer Leiter aus Gold könne er zu ihr emporsteigen, und die wollte er sich bauen aus unrecht erworbenem Gut. So ritt er mit dem ›Tiger‹ nach Norden, und da hat er ihn gesehen – mit nacktem Oberkörper führte der Indianer seine Männer in den Kampf, mit wehendem Haar, und wild funkelnden Augen unter dichten, schwarzen Brauen. Mit Gold und amerikanischem Geld beladen kamen sie zurück, mein Junge bekam seinen Anteil, der groß genug war, ihn zu einem reichen Mann zu machen – wenigstens für hiesige Verhältnisse, denn er hätte sich ein stattliches Haus und viel Land dafür kaufen können, doch als er sich der Dame seines Herzens erklärte, da lachte sie ihn nur aus. Dabei hatte sie ihn aber gern, denn er war ein schöner Mensch, der schönste vielleicht von ganz San Clemente.«

Er machte eine Pause und blickte dabei den Kleinen an, der aufmerksam zugehört hatte – ich wußte, daß er ihn im stillen mit dem Verstorbenen verglich und davon überzeugt war, daß dieser den Vergleich hätte aushalten können.

»Aber schließlich – er war ja nur der Sohn eines einfachen Schmiedes, sie aber eine Alvarado«, fuhr der Alte fort. »Nicht lange, da wurde ihm im Auftrag des ›Tigers‹ mitgeteilt, er solle die Dame künftig nicht mehr belästigen. Er war natürlich wütend und verfluchte öffentlich den ›Tiger‹, tags darauf sah er ein, wie töricht unbedacht er gehandelt, vertraute sich mir an, und ich riet ihm, sich schleunigst aus dem Staub zu machen. Aber es war schon zu spät – er wurde eingeholt und rücklings auf offener Straße erstochen.«

Wieder schwieg er, überwältigt von der schmerzlichen Erinnerung, doch dann faßte er sich schnell und beendete schlicht seine tragische Erzählung:

»Das ist's, was ich von dem ›Tiger‹ weiß. Er haust irgendwo in der Wildnis und überläßt es dem Señor, seine Pläne auszuarbeiten – erst wenn ein solcher Raubzug bis ins kleinste vorbereitet ist, erscheint der ›Tiger‹ und übernimmt die Führung. Sie haben seinen Adjutanten, seine rechte Hand, gesehen – nach diesem können Sie sich ja ungefähr ein Bild von ihm selbst machen.«

Damit hatte er recht, ein Indianer, dem sich Patrick MacMore, der rassestolze Amerikaner, bedingungslos unterordnete, mußte eine große, überragende Persönlichkeit sein!

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