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Der Schrecken vom Rio Grande

Max Brand: Der Schrecken vom Rio Grande - Kapitel 5
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDer Schrecken vom Rio Grande
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
year1937
translatorFranz Eckstein
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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* * *

 

Die Hoffnung, durch das Verweilen im Gebirge meinen Gegner über meine Absichten getäuscht zu haben, war also trügerisch gewesen – gleich bei meiner Ankunft in San Clemente hatte er mich entdeckt! Wie eine Feldmaus, über die der Schatten einer Eule fällt, kam ich mir im Augenblick vor.

Die Hauptsache für mich war jetzt, den Jungen loszuwerden, denn sonst kam ich niemals mit meinem Auftrag zu Rande – dazu war es aber nötig, erst einmal den Don Cantaras, dessen Namen Alicia genannt hatte, aufzufinden, denn er bildete ja gegenwärtig das einzige Bindeglied zwischen den beiden Brüdern.

Ich versuchte, aus dem Alten etwas über diesen Cantaras herauszuholen, doch er weigerte sich entschieden, auch nur noch ein einziges Wort weiter zu sagen, und verlangte seine Freilassung.

Der arme Greis zitterte noch immer am ganzen Leib und war völlig verstört – man hatte den Eindruck, daß er die Rache des Mannes, dessen Namen so schwer über seine Lippen gekommen war, mehr fürchtete als alle Schrecken der Hölle. Ich ließ ihn also laufen – er warf seinen Esel herum, der langsam, wie ein großer Hund, davon trottete, obwohl ihm sein Reiter dauernd die Hacken in die Weichen stieß.

Als er außer Sehweite war, wandte sich der Kleine, der ihm belustigt nachgeblickt hatte, mir zu und machte mir ein wirklich vornehmes, tapferes Angebot.

»Dieser ›Tiger‹ muß ja verdammt gute Augen haben, daß er dich so schnell entdeckt hat«, meinte er. »Jedenfalls ist mir klar, daß du dich meinetwegen nicht länger in Gefahr bringen darfst – ich schlage also vor, wir trennen uns jetzt und erledigen jeder für sich, was wir zu erledigen haben.«

»Ja, glaubst du denn, daß deine Sache so vollkommen gefahrlos ist?«

»Aber natürlich ist sie das!«

»Na, höre mal! Nur weil du den Namen deines Bruders nanntest und dich erkundigtest, wo er zu finden sei, schloß sich hinter uns ein Tor, waren wir von Bewaffneten umstellt, und war deine Kehle schon so gut wie durchgeschnitten! Mal dir mal gefälligst aus, was geschehen wäre, wenn wir nicht zu zweit gewesen wären.«

Er nickte und sah so ernst dabei aus, daß ich merkte, daß er die Sache in allen Einzelheiten durchdacht hatte und fest entschlossen war, sie nunmehr allein durchzuführen.

»Wir waren etwas unvorsichtig«, gab er zu, »aber das kann natürlich nicht wieder vorkommen. Wenn ich –«

Was er weiter sagte, ging in dem Hufgeklapper eines Pferdes unter, das in rasendem Galopp auf der Hauptstraße am Eingang der Nebengasse, in der wir uns noch befanden, vorüberjagte. Als das Geräusch verhallt war, hörte ich die letzten Worte des Kleinen:

»Cantaras wird die Sache schon in Ordnung bringen, denn ich nehme an, daß das Mädel mich an den richtigen Mann verwiesen hat.«

»Das glaube ich allerdings auch«, entgegnete ich.

»Na, denn leb wohl, Joe! Wir werden uns ja in den nächsten Tagen wiedersehen, denn wenn ich Patrick gefunden habe, beteiligen wir uns natürlich beide an deiner ›Tigerjagd‹, das hab' ich dir doch versprochen.«

Ich war überzeugt, daß er bei einiger Vorsicht allein sicherer sein würde als mit mir, da meine Anwesenheit in San Clemente nun einmal so vorzeitig bekannt geworden war; wir verabschiedeten uns also herzlich voneinander, er schwang sich mit einem kühnen Satz, der jedem Cowboy Ehre gemacht hätte, in den Sattel, ritt nach der Hauptstraße zurück und war verschwunden.

Kaum sah ich ihn nicht mehr, da wurde mir klar, daß es ein schwerer Fehler von mir gewesen war, ihn allein zu lassen. Sofort eilte ich ihm nach und war drauf und dran, ihn anzurufen, da fiel mir ein, daß ich ihn ja geradesogut von weitem beobachten und einmal zusehen könne, wie er sich benehmen würde, wenn er auf sich allein angewiesen war. Ging die Sache gut, war alles in Ordnung, ging sie aber schief, war ich ja da, um ihn aus der Patsche zu helfen.

Noch jetzt, während ich dies niederschreibe, kommt mir mein damaliger Gedankengang durchaus vernünftig und logisch vor, doch das beweist nur, daß Logik keinen Pfifferling wert ist im Vergleich zu einem gesunden Instinkt. Mein Instinkt sagte mir nämlich in jener Nacht, daß ich falsch handele, daß ich den Jungen in diesem gefährlichen Land nicht einen Augenblick von meiner Seite lassen dürfe.

Er war noch nicht zwei Straßen weit geritten, da beging er denn auch richtig die erste Dummheit: drei verschiedene Personen fragte er nacheinander nach dem Weg. Ich hätte heulen mögen über diesen Blödsinn, denn geradesogut hätte er seine geheimsten Gedanken als Anzeige in den Zeitungen veröffentlichen können.

Endlich schien er aber doch die richtige Spur gefunden zu haben, und ich folgte ihm bis zum Eingang eines ziemlich großen Privatparkes. Das Tor war geschlossen, ich hörte, wie er mit dem Türhüter verhandelte, nach einer Weile – meiner Schätzung nach waren fünf Minuten vergangen – wurde das Tor geöffnet, er ritt hinein, die Hufe seines Gaules knirschten über rauhen Kies.

Kaum hatte sich das Tor wieder hinter ihm geschlossen, da bekam ich die wildesten Gewissensbisse. Hätt' ich ihn doch bloß nicht allein gelassen, dachte ich und beschloß, ihm unbedingt zu folgen – natürlich nicht durch das prächtige, schmiedeeiserne Tor, denn ich durfte mich in San Clemente nicht zuviel Menschen zeigen.

Ich versteckte Larry also in einiger Entfernung in dichtem Gebüsch und schlich mich dann an die hohe Ziegelmauer zurück, die den fürstlichen Park des Don Ramon Cantaras gegen den freien Wald abgrenzte.

Der Mond kam mir auf einmal trotz seiner Schmalheit unangenehm hell vor, außerdem war es kein leichtes Stück, die hohe, glatte Mauer zu erklimmen, aber wenn ich dem Kleinen helfen wollte, mußte ich dies Hindernis ja unbedingt nehmen. Nach einigen Versuchen gelang es mir denn auch und ich landete auf der Innenseite in einem Haufen welker Blätter.

Der Park war ziemlich ungepflegt, große Wiesenflächen gab es, so weit ich sehen konnte, nicht und Blumenbeete nur in unmittelbarer Nähe des Hauses. Nicht einmal das dichte Unterholz zwischen den großen Baumgruppen war beseitigt, was mir ja nur lieb sein konnte.

Lebhaft bedauerte ich, Reitstiefel anzuhaben – schon hundertmal hatte ich mir vorgenommen, auf dienstlichen Ausflügen auch gewöhnliche Schuhe mitzunehmen, aber immer war es beim Vorsatz geblieben. Reitstiefel erfüllen ihre Zwecke selbstverständlich glänzend – ihre Unzulänglichkeit merkt man erst, wenn man, wie ich jetzt, versucht, ohne Lärm zu machen, über trockenes Laub, krachende Zweige und abgestorbene Äste zu gehen. Mehr als einmal stolperte ich, obwohl ein Lichtstrahl, der aus einem Fenster herausfiel, meinen Weg ganz gut beleuchtete.

Das Haus selbst war nicht annähernd so üppig, wie ich es nach der Größe des Grundstückes erwartet hatte, sondern eine ganz gewöhnliche, zweistöckige Angelegenheit, rings um den üblichen Innenhof herum gebaut. Das Drum und Dran kam mir, sogar für San Clementer Verhältnisse, ziemlich dürftig vor, so zum Beispiel der altmodische, einfache Ziehbrunnen, den ich später hinter dem Haus entdeckte.

Im Augenblick handelte es sich für mich darum, in den Innenhof zu gelangen, der allerdings völlig kahl war. Schließlich aber entdeckte ich doch eine Art Versteck: die tiefen Nischen der Kellerfenster, in denen sich jemand, der es verstand, sich dünn zu machen, leidlich verbergen konnte.

Gerade, als ich über den Hof schlich, hörte ich, wie eine Tür quietschend geöffnet wurde und eine tiefe, sonore, ungemein angenehm klingende Männerstimme sprach, gegen die Denny MacMores Stimme merkwürdig dünn und knabenhaft abstach, als er in seinem schülerhaften Spanisch erklärte, seinen Bruder Patrick MacMore zu suchen und deshalb hierher verwiesen worden zu sein.

»So?« erwiderte Cantaras, der sich dem späten Besucher unter diesem Namen vorgestellt hatte. »Wer hat Sie denn zu mir gesandt?«

Ich war gespannt, was für eine Lüge der Kleine in aller Eile erfinden würde, doch Cantaras machte eine solche überflüssig, da er liebenswürdig fortfuhr:

»Aber darauf kommt es ja im Augenblick gar nicht an, die Hauptsache ist, daß Sie zu mir gefunden haben, denn selbstverständlich kenne ich Ihren Bruder Patrick – vielleicht sogar besser als Sie selbst. Treten Sie näher – es ist mir eine Freude und Ehre, Sie in meinem Haus begrüßen zu dürfen. Ein Diener wird sich gleich Ihres Pferdes annehmen.«

Er winkte und sofort tauchten mehrere eingeborene Diener auf, die den Gaul am Zügel faßten und fortführten.

Obwohl dieser Cantaras so überaus verbindlich war, hätte ich Gott weiß was darum gegeben, wenn der Kleine es abgelehnt hätte, das Haus zu betreten, und seinen Besuch mit einigen weiteren Fragen abgeschlossen hätte – jedenfalls aber ging er hinein, und die schwere Tür schloß sich hinter ihm.

Ich konnte ja im Augenblick nun nicht das geringste für ihn tun, beschloß jedoch, in der Nähe zu bleiben, um die Entwicklung der Dinge abzuwarten.

In die tiefe Öffnung eines der Kellerfenster gedrückt, sah ich mir das Haus näher an: wie bei denen aller wohlhabenden Mexikaner waren sämtliche Fenster des unteren Stockwerks durch Eisenstäbe gesichert, was peinlich an ein Gefängnis erinnerte. Innen war es höchstwahrscheinlich sehr behaglich eingerichtet, und die unglaublich dicken Mauern verwehrten im Sommer der Hitze, im Winter aber der Kälte den Zutritt. Gewehrfeuer konnte dem festen, wohlgefügten Gebäude nicht das mindeste anhaben – um ihm beizukommen, mußte man schon über schwere Artillerie oder Fliegerbomben verfügen.

Ich wollte mir gerade einen bequemen Beobachtungsposten unter den Bäumen des Parkes suchen, da trat ein Mann aus dem Dunkel der anderen Hofseite heraus und kam auf mich zu, bog dann nach dem Tor zu ab, blieb aber einen Augenblick stehen, um sich eine Zigarette anzuzünden. Er war schwer bewaffnet, quer über dem Rücken hing ein Militärgewehr, am Gürtel trug er zwei Revolver – doch nicht diese Ausrüstung erregte meine Aufmerksamkeit, sondern sein Gesicht, denn es war niemand anders als Pedro Onate, der Bandit, der den Kleinen überfallen und ihm sein Pferd fortgenommen hatte!

*

Herrgott, war ich ein Dummkopf gewesen, daß ich diesen Schurken damals hatte laufen lassen! Es gab gar keine Entschuldigung für diese abgründige Eselei, denn schon hundertmal hatte ich während meiner dienstlichen Tätigkeit die Erfahrung machen müssen, wie gänzlich unangebracht Edelmut solch verbrecherischen Elementen gegenüber ist. Ein einziges Mal allerdings hatte sich meine Nachsicht gelohnt, denn der Kerl, der mir mit dem Revolverkolben das Nasenbein zerschmetterte, hätte mir geradesogut eine Kugel vor die Stirn knallen können.

Dieser Pedro Onate also, der da behaglich paffend davonstapfte, hatte die Nachricht, daß ich nach dem Süden unterwegs sei, nach San Clemente gebracht und wollte sich nun an der Jagd nach meinem Skalp beteiligen, der im Augenblick verdammt locker auf meinem Schädel saß.

Während ich dies noch dachte, hörte ich drinnen im Haus ein lautes Geschrei, das wohl jedem auf die Nerven gegangen wäre, mir aber das Blut in den Adern gerinnen ließ, denn ich erkannte die Stimme des Kleinen, aus der Angst, Wut und Widerstand sprachen. Andere Stimmen, teils laut und wild, teils gedämpft und beschwichtigend, vervollständigten mir das Bild gemeinen Verrats, das ich in allen Einzelheiten vor meinem geistigen Auge sah. Jetzt folgte ein schwerer, splitternder Schlag, als ob jemand einen Stuhl krachend gegen die Wand geschleudert hätte, ein wildes Durcheinander entstand, ein paar Revolverschüsse fielen, noch ein letzter, verzweifelter Aufschrei gellte durch das Haus, dann wurde alles wieder still – den letzten Schrei hatte zweifellos Denny MacMore ausgestoßen.

Man darf natürlich nicht etwa glauben, daß ich mir den Tumult, der sich um meinen jungen Freund erhob, seelenruhig mit angehört hätte – im Gegenteil: schon bei dem ersten Lärm fing ich an zu handeln. Daß die Türen jedes Eindringen unmöglich machten, war mir klar, ebenso wußte ich, daß die Fenster des unteren Stockwerks durch Eisenstäbe gesichert waren, also kletterte ich kurz entschlossen an diesen hoch, bekam den Rand des darüberliegenden Fenstersimses zu packen, schwang mich mit einem Ruck hoch und sprang in einen im Dunkel liegenden Raum hinein.

Einen Augenblick blieb ich auf den Knien niedergeduckt, um wieder zu Atem zu kommen. Mit zwanzig oder fünfundzwanzig Jahren hätte mir das bißchen Kraxelei bestimmt nichts ausgemacht, in meinem Alter aber war das schon wesentlich anders – wenn einer erst über vierzig ist, verliert er ja nur zu leicht die Puste.

Als Lungen und Herz wieder ruhiger gingen, hörte ich erstaunt, daß hier in dem dunklen Zimmer noch jemand anders atmete – wenn er von dem Krach aufgewacht war, konnte er mich vielleicht in dem dünnen Mondstrahl, der durch das Fenster auf meinen Kopf und meine Schultern fiel, sehen. Es war schon ein hundsgemeines Pech, daß ich gerade in ein bewohntes Schlafzimmer geraten war, aber ich hatte ja keine Wahl gehabt.

Ich wich vom Fenster zurück, zog meine Stiefel aus, durch die allerdings meine Anwesenheit hier verraten werden würde, doch das ging nun einmal nicht anders, und kroch, einen Revolver schußfertig in der Hand, auf allen vieren der Ecke zu, aus der ich das Atmen kommen hörte.

Als ich ziemlich dicht heran war, vernahm ich ein leises, röchelndes Stöhnen – ganz schauerlich klang es, als ob jemand in den letzten Zügen läge.

Ich tastete mit der freien Hand vorwärts und fühlte ein niedriges Bett, Kissen, langes, struppiges Haar – offenbar lag da eine alte Frau, die durch mein unvermutetes Eindringen zu Tode erschreckt worden war.

Das war natürlich eine recht häßliche, unangenehme Geschichte! ...

Ich riß ein Zündhölzchen an – zunächst sah ich eine Tür, die zweifellos ins Innere des Hauses führte, dann sah ich tatsächlich ein altes, verhutzeltes Weiblein mit weißgrauen, wirren Haaren, geschlossenen Augen und offenstehendem Mund vor mir – ein erfreulicher Anblick war das entschieden nicht.

Ich legte die Hand auf ihr Herz – nichts war zu fühlen. Ich verwandte weitere kostbare zehn Sekunden darauf, mein Ohr an ihre Brust zu legen – jetzt vernahm ich deutliches, wenn auch unregelmäßiges Schlagen.

Jedenfalls lebte sie, und das genügte mir – ihr irgendein stärkendes Mittel zu geben, lag nicht in meiner Macht, selbst wenn ich ihr so viel Zeit hätte opfern wollen.

Nachdem ich rasch meine Stiefel wieder angezogen hatte, eilte ich zur Tür, trat auf den Gang hinaus und ging diesen nach rechts hinunter.

Als ich um die Ecke biegen wollte, wäre ich beinahe drei Leuten in die Arme gelaufen, die den Gang heraufkamen – einer Frau und zwei Männern, von denen einer eine Lampe trug, in deren Zylinder die Flamme bei jedem Schritt auf- und abflackerte.

Ich wich sofort zurück – als ich die erste Tür erreichte, kam der Lichtschein gerade um die Ecke, ich klinkte die Tür auf, schlüpfte hindurch und schloß sie möglichst geräuschlos hinter mir.

Ich war ziemlich sicher, daß man mich gesehen hatte, aber vorläufig befand sich ja einmal eine dicke Tür zwischen mir und den Menschen draußen. Nichtsdestoweniger wurde mir erschreckend klar, daß ich eine ungeheure Dummheit begangen hatte, als ich so blindlings in dies Haus eingedrungen war, von dem ich doch schon vorher hätte wissen müssen, daß es mit Gefahren bis an die Dachsparren geladen war. Wie sollte ich jetzt dem Kleinen helfen? Irgend etwas hätte ich schon für ihn tun können – wenn ich draußen geblieben wäre!

Ich eilte zum Fenster des großen Raumes, der augenscheinlich, soweit ich das in der Dunkelheit beurteilen konnte, kein Schlaf-, sondern ein Wohnzimmer war. Die Luft war dumpfig und feucht – offenbar hatte man den Fußboden zur Abkühlung erst kürzlich mit Wasser besprengt.

Das Fenster war – mit Eisenstäben vergittert!

Diese Entdeckung wirkte ganz unbegreiflich niederschmetternd auf mich – als ob dieses Fenster die einzige Möglichkeit wäre, aus der Falle zu entkommen, in die ich mich leichtsinnigerweise begeben hatte!

Draußen sah ich die dunklen Baumkronen des Parkes, auf denen der Schimmer des Mondes spielte, wenn sie sich im Winde bewegten – wie Wogen eines Sees, die ein einsames Schloß umbrandeten, wirkte es.

Plötzlich hörte ich, wie die Klinke niedergedrückt wurde, mit einem Satz war ich hinter einem Sessel und zog beide Revolver – meine Lage fing an, recht bedenklich und kritisch zu werden.

Man schien mich jedoch nicht hier eintreten gesehen zu haben, denn sonst hätte der Mensch, der die Lampe trug, sie nicht so unbefangen vor sich hochgehalten – es war offenbar nur ein unglücklicher Zufall, daß ich gerade in das Zimmer geraten war, in das sie wollten.

Ich hatte mich inzwischen noch weiter in die Ecke zurückgezogen, wo eine mit weißen Ziegenfellen bedeckte, hochlehnige Bank mir ein verhältnismäßig bequemes und sicheres Versteck bot.

Der Lampenträger, ein sehr großer, sehr breitschulteriger und ungewöhnlich brutal aussehender Kerl, war, wie die meisten Eingeborenen, in billigen, weißen Kattun gekleidet. Er setzte die Lampe auf einen Tisch und trat dann rasch zurück, wahrscheinlich, um weitere Befehle seines Herrn abzuwarten, den er beim Eintreten mit Cantaras angesprochen hatte.

Dieser machte den Eindruck eines weichen, liebenswürdigen Menschen, hatte ein freundliches Gesicht und ungemein lebhafte Bewegungen, schien aber im Augenblick äußerst nervös zu sein, denn er lief dauernd auf und ab.

In der Frau erkannte ich erstaunt jene Alicia, die den Kleinen in dieses Haus gewiesen hatte.

Wenn ich mich auch selbst in nicht geringer Gefahr befand, empfand ich doch sofort herzliches Mitleid mit ihr, denn sie zitterte zweifellos um ihr Leben. Sie saß auf einem Stuhl an der Wand – in dem Lampenlicht, das voll auf sie fiel, sah ihr Gesicht krankhaft gelbweiß aus, den Kopf hielt sie geneigt, ihr Blick war starr, die Hände ruhten, verkrampft gefaltet, in ihrem Schoß.

Alle drei hatten einen seltsam gespannten Ausdruck – offenbar warteten sie auf jemanden.

*

Da das arme Mädel hereingezerrt worden war wie ein Verbrecher zum Hochgericht, nahm ich an, daß Cantaras sie nun peinlich verhören würde, doch er wandte sich an den riesigen Diener, der die unheimlich kräftigen Arme vor der Brust gekreuzt hielt und unausgesetzt Alicia anstarrte, von der er auch keinen Blick ließ, während er die Fragen seines Herrn beantwortete.

»Der alte Manuelo sollte sich doch dem jungen Menschen an die Fersen heften«, begann dieser.

»Manuelo ist ihnen in die Falle gegangen wie ein blinder Hund, der einen Knochen wittert.«

Ich spitzte natürlich die Ohren: Manuelo war selbstverständlich der dürre Greis, den wir angehalten hatten – das war ja klar.

Cantaras blieb, sichtlich erstaunt, mit einem Ruck stehen.

»Unfaßlich«, sagte er, »dabei hat er die besten Augen von San Clemente – sonst hätt' ich ihn ja auch nicht mit diesem Auftrag betraut!«

Der Riese löste die gekreuzten Arme und machte eine ziemlich wegwerfende Handbewegung, was er sicher nicht gewagt haben würde, wenn er zu Cantaras in unmittelbarem Dienstverhältnis gestanden hätte.

Dieser nahm seinen Gang durch das Zimmer wieder auf und erkundigte sich nach einer Weile:

»Hast du selbst mit angesehen, wie sie den Alten festnahmen, Gualtero?«

»Freilich – und gewundert hat es mich gar nicht, denn so ein Greis hat nun mal schlechte Augen, auch wenn Herr Cantaras das Gegenteil glaubt.«

Cantaras schnalzte ärgerlich mit den Fingern.

»Du denkst wohl, du kannst dir alles erlauben, weil der Señor ab und zu das Wort an dich zu richten geruht?« sagte er wütend. »Hast du gehört, was gesprochen wurde?«

Der Riese grinste – etwas so Gemeines und Unheimliches wie dieses Grinsen hatte ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen.

»Gewiß hab' ich das«, erwiderte er, »sie fragten, wer ihn geschickt habe, und er sagte der ›Tiger‹.«

Cantaras stampfte wütend mit dem Fuß auf, Alicia schüttelte betroffen den Kopf und schien vor Verwunderung ihren eigenen Jammer einen Augenblick zu vergessen – ich konnte das sehr wohl begreifen, denn ich hatte ja schon genug von diesem Mann gehört, den selbst seine Anhänger fürchteten wie den leibhaftigen Satan.

»Haben sie denn den Alten gequält, um ihn zum Sprechen zu bringen?« forschte Cantaras weiter.

»Bewahre, sie versprachen ihm nur die Freiheit.«

»So? ... Und haben sie ihn denn dann laufen lassen?«

»Nein – als sie wußten, was sie wissen wollten, haben sie ihm die Kehle durchgeschnitten und die Leiche ins Gebüsch gezerrt.«

Diese faustdicke Lüge machte auf Cantaras nicht den geringsten Eindruck.

Ich konnte mir natürlich denken, wie die Sache weitergegangen war, denn wenn dieser gräßliche Kerl so nahe gewesen war, daß er die Worte Manuelos zu verstehen vermochte, hatte er bestimmt auch die Handvoll Diamanten gesehen, die jetzt sicher in seinem Besitz war. Ich sah ordentlich, wie der brutale Mensch den armen Eselreiter von hinten ansprang – wenigstens hatte aber der Alte einen raschen, schmerzlosen Tod gehabt ...

Stand dieses Scheusal mit den breiten Schultern und dem kleinen Kopf wohl im unmittelbaren Dienste des ›Tigers‹ – war es seine Aufgabe, als allgegenwärtiges wandelndes Gewissen seine Anhänger zu überwachen und Verräter mit dem Tode zu bestrafen?

»Wie Manuelo wird es jedem ergehen, der den ›Tiger‹ hintergehen will«, sagte Cantaras schließlich. »Und wie steht's mit dem Mädel da? Ist sie freiwillig mitgekommen?«

»Jawohl, das ist sie«, erwiderte Gualtero.

Cantaras fing wieder an, ruhelos auf und ab zu gehen.

»Der Señor wird uns Bescheid bringen, was der ›Tiger‹ beschlossen hat«, sagte er nach einer Weile, und halblaut, wie zu sich selbst, setzte er hinzu: »Seltsam genug, daß er sich immer des Mundes eines Ausländers bedient, um uns seine Entschlüsse wissen zu lassen ... Hast du übrigens mit ihrem Vater gesprochen? Hat er irgendeinen Wunsch geäußert?« fragte er dann wieder laut.

»Dazu ist er zu klug«, entgegnete der Riese, »aber ich habe den Eindruck, daß es ihm ganz lieb wäre, wenn man das Mädel leben ließe – er braucht sie im Haushalt.«

»Na, darüber wird ja der Señor entscheiden«, meinte Cantaras. »Was ist denn mit Joe Warder geworden?«

Ich fuhr unwillkürlich zusammen, denn es berührte mich doch recht seltsam, auf einmal hier meinen Namen, wenn auch merkwürdig spanisch ausgesprochen, zu hören.

»Er ist vorläufig entkommen«, antwortete Gualtero, »aber er muß natürlich sterben!«

Mit einer Selbstverständlichkeit wurde ich hier zum Tode verurteilt, die sogar mir einen kalten Schauer über den Rücken laufen ließ.

»Unbedingt«, versicherte auch Cantaras, »aber ich glaube, daß es nicht leicht sein wird, ihn zur Strecke zu bringen – wenigstens nach dem, was mir Onate über den Mann gesagt hat.«

Das war ja immerhin ein Kompliment, das mir da gemacht wurde!

»Onate ist ein Dummkopf und ein Feigling«, entgegnete der Riese.

Plötzlich horchte er nach dem Gang, richtete sich hoch auf und sagte feierlich:

»Der Señor kommt!«

Ich schreibe dieses Wort mit großen Buchstaben, um anzudeuten, wie die beiden Männer es aussprachen – mit einer scheuen Ehrfurcht und Unterwürfigkeit, die fast komisch wirkte.

Cantaras eilte zur Tür, riß sie auf, und herein trat ein großer, gutgebauter Mann, der kein Mexikaner war – offenbar handelte es sich um den Ausländer, der das besondere Vertrauen des ›Tigers‹ genoß.

»Guten Abend, mein lieber Herr MacMore!« begrüßte ihn Cantaras und ergriff seine Hand.

Also das war endlich der ›große‹ Patrick MacMore!

Ich beugte mich so weit vor, daß ich beinahe das Gleichgewicht verlor, um den Mann zu betrachten, dessen Loblied mir der Kleine ständig in so hohen Tönen gesungen hatte. So sah also einer aus, der jedes Frauenherz ebenso brach wie den Widerstand irgendeines Gegners? –

Wir Westmänner sind gewohnt, alle solche Wundermären, wie der Kleine sie über seinen großen Bruder verzapfte, recht skeptisch aufzunehmen, doch ich muß sagen, als ich den lautlosen, federnden Gang des Señors sah, hatte ich sofort den Eindruck, daß Denny wenigstens in bezug auf dessen Kräfte bestimmt nicht übertrieben habe. Überragende Körperkraft gibt einem Menschen nämlich ebensogut das Gepräge wie überlegene Geistesgaben, die sich natürlich hauptsächlich, aber durchaus nicht ausschließlich im Gesicht verraten.

Als Patrick MacMore in den Bereich des Lampenlichtes trat, erkannte ich, daß er sehr blaß, auffallend schön, aber trotzdem seinem jüngeren Bruder sehr unähnlich war, von dem er sich besonders durch die prachtvolle Stirn und die tiefliegenden, durchdringenden Augen unterschied.

Er hatte Cantaras kurz die Hand geschüttelt, dem Riesen Gualtero flüchtig zugenickt, jetzt sah er das Mädchen scharf an, das aufsprang, sich vor ihm auf den Boden niederwarf und mit flehend erhobenen Armen stöhnte:

»Ich hab' es ja nur getan, weil er Ihr Bruder ist, nur darum – Señor!«

Vor diesem Wort stockte sie – es war, als ob sie ihn mit Hoheit oder Majestät anspräche.

»Und nur weil dieser junge Schurke behauptete, mein Bruder zu sein; hast du es ihm geglaubt?«

»Ich war so töricht – verzeiht mir – – Señor!«

»Glücklicherweise hat deine Dummheit keine schlimmen Folgen gehabt«, fuhr er fort, nahm ihre Hand und riß sie hoch. »Mach, daß du heim zu deinem Vater kommst.«

Sie schwankte, hob aber den Kopf.

»Und was soll ich ihm sagen?« fragte sie angstbeklommen.

»Sag ihm, daß alles vergeben und vergessen ist! Aber nun beeil dich, mein Kind, ich habe jetzt anderes zu tun.«

Sie lief zur Tür, warf dem Señor von dort aus noch einen dankbaren Blick zu und war verschwunden.

Als die Tür ins Schloß gefallen war, sagte der Riese:

»Hoffentlich war das im Sinne des ›Tigers‹, was ich fast bezweifeln möchte, denn –«

»Du hast heute abend einen Mord begangen«, unterbrach ihn Patrick MacMore ruhig, »ich dächte, du beschäftigtest dich lieber damit! ... Wo hast du übrigens die Diamanten gelassen?«

Ich glaubte, der Riesenkerl würde ihm an die Kehle gehen, denn er hatte sich schon geduckt wie ein wildes Tier, das zum Sprung ansetzt – doch MacMore sah ihn nur scharf an, da knickte er zusammen.

»Ich hab' sie für meinen Herrn genommen«, erwiderte er sehr kleinlaut, »und außerdem hat der Verräter –«

»Du lügst«, fuhr ihn MacMore an, »für dich selbst hast du sie genommen!«

Dabei wandte er ihm den Rücken und trat auf Cantaras zu, der blinzelte, als ob er eben aus tiefer Dunkelheit in strahlende Helle käme.

»Wie steht's mit dem anderen – diesem Joe Warder?« fragte Patrick MacMore ihn.

»Man hat ihn gesehen, Señor – er wird bereits verfolgt.«

»Er ist schon seit Stunden in der Stadt und läuft noch frei herum, obwohl dir seine Ankunft rechtzeitig gemeldet worden ist – ich erwarte unbedingt, daß er noch vor Tagesanbruch abgetan ist!«

Cantaras setzte zum Sprechen an, aber offenbar war es nicht empfehlenswert, sich mit dem Señor auf Auseinandersetzungen einzulassen, und so schwieg er lieber.

»Der Mann ist äußerst gefährlich, du mußt alles daransetzen, ihn kaltzumachen – verstanden?«

»Jawohl, Señor!«

»Den dummen Bengel, der sich für meinen Bruder ausgibt, will der ›Tiger‹ wegen seiner Jugend begnadigen. Wähle drei zuverlässige Männer aus, die ihn unter Führung von Gualtero nach dem nächsten Hafen schaffen, wo er an Bord eines Schiffes, das nach New Orleans fährt, gebracht, werden soll.«

Dann drehte sich MacMore rasch zu dem Riesenkerl um und schloß:

»Wenn du diese Sache richtig erledigst, wird der ›Tiger‹ dich wegen der Diamanten nicht zur Verantwortung ziehen.«

*

Beide, Cantaras sowohl wie Gualtero, waren sicher äußerst schwer zu behandelnde und gefährliche Männer – um so uneingeschränkter bewunderte ich die feinabgetönte, völlig ihren Charakteren entsprechende Art, in der dieser Patrick MacMore mit ihnen umsprang und sie spielend zum Gehorsam zwang. Sie fürchteten ihn zweifellos auch nicht nur darum, weil er ihnen gegenüber den mächtigeren Herrn, den ›Tiger‹, vertrat.

Von diesem Stellvertreter auf die noch größere Gestalt des langhaarigen, kupferfarbigen Indianers, der seit Jahren unter dem Namen ›Tiger‹ das ganze Grenzgebiet in Schrecken versetzte, zu schließen, war keine leichte Aufgabe für meine Einbildungskraft. Was mußte das für eine gewaltige Persönlichkeit sein, die es fertiggebracht hatte, aus einem stolzen, rassebewußten Weißen, wie Patrick MacMore, ein gefügiges Werkzeug seines Willens zu machen!

Der Señor entließ jetzt die beiden – er wünsche ungestört zu bleiben, sagte er, da er einen wichtigen Brief zu schreiben habe. Sie entfernten sich ohne Widerrede, auch Cantaras, obwohl er doch der Hausherr war. Gualtero schritt mit betonter Würde voraus, ich sah jedoch, wie er ängstlich zusammenschauerte, als er MacMore den Rücken zuwenden mußte – dieser kleine, unbeabsichtigte Zug rundete das Bild, das ich mir von der Gefährlichkeit des Señors gemacht hatte, trefflich ab.

Ich nahm an, daß das Briefschreiben nur ein Vorwand von ihm gewesen sei, um die beiden loszuwerden, aber darin irrte ich. Kaum hatte sich die Tür nämlich hinter ihnen geschlossen, da setzte MacMore sich an den Tisch, holte Papier und Bleistift aus der Tasche und fing an zu schreiben. In höchster Eile jagte der Stift über die Blätter, dabei entstand ein knarrendes Geräusch – der Tisch zitterte unter der hastigen Bewegung seines Armes – und durch dieses gedeckt, wagte ich, hinter der Bank hervorzutreten.

Obwohl ich meinen Revolver schußfertig in der Hand hielt, hatte ich einen Augenblick lang das Gefühl, wehrlos zu sein – wie einer, der einen Löwen in seiner Höhle mit einem Federmesser angreifen will, kam ich mir vor – und ich mußte mir ernstlich klarmachen, daß ich es ja nur mit einem Menschen zu tun habe, den eine fünfundvierziger Kugel geradesogut töten könne wie jeden anderen.

Als ich den Weg zu ihm ungefähr zur Hälfte zurückgelegt hatte, hob er ein wenig den Kopf, starrte mich erblassend an, schrieb dann aber ruhig weiter. Offenbar überlegte er, was zu tun sei – immerhin war eine derartige Kaltblütigkeit mehr als bewunderungswürdig.

Ich kam seinen Entschlüssen zuvor und sagte:

»Rühren Sie sich nicht, MacMore!«

»Gewiß nicht«, erwiderte er, ohne die Stimme zu erheben. »Offenbar habe ich das Vergnügen mit Joe Warder?«

Über diese Antwort war ich so verblüfft, daß er, wenn er jetzt rasch gehandelt hätte, mich mühelos hätte überwältigen können, aber glücklicherweise schien er gar nicht zu ahnen, wie völlig es mich verwirrte, daß er, der mich noch nie gesehen und meine Stimme noch niemals gehört hatte, schon nach den ersten Worten, die ich sprach, genau wußte, mit wem er es zu tun hatte.

»Stimmt – ich heiße Warder«, entgegnete ich und ging auf ihn zu.

Er machte keinerlei Bewegung, doch als ich mit angeschlagenem Revolver gerade vor ihm stand, nickte er mir lächelnd zu, als ob wir die besten Freunde wären.

Dieser Mensch schien bei näherer Betrachtung zu wachsen – als er eintrat, hatte ich das Gefühl: so einen, wie den, gibt es nur einmal unter zehntausend Männern, jetzt war ich überzeugt, daß er unter zehn Millionen nicht seinesgleichen habe. Beim ersten Anblick wurde mir bewußt, daß er sehr stark sei, jetzt sah ich, daß er nicht nur Kraft, sondern auch ungeheure Gewandtheit besitzen müsse. Seine Augen verrieten, daß Furcht ein unbekannter Begriff für ihn war, daß Hindernisse für ihn nur dazu da waren, um überwunden zu werden, daß er alles, was er wollte, erreichte, weil er keine Hemmungen kannte und von einer Unbedenklichkeit und Grausamkeit war wie ein Raubtier.

Jetzt zweifelte ich nicht mehr an dem, was der Kleine mir von der sieghaften Kraft seines älteren Bruders erzählt hatte. Obwohl alle Vorteile im Augenblick auf meiner Seite waren, obwohl ich ihn vor dem Lauf meines Revolvers hatte, empfand ich eine Angst wie noch nie in meinem Leben, das gestehe ich offen ein. Die Lage vorhin auf dem Hof von Alicias Vater, auf dem ich doch von bewaffneten Feinden rings umstellt war, erschien mir ein Kinderspiel gegen die jetzige.

»Nehmen Sie doch Platz, Herr Warder«, forderte er mich liebenswürdig auf.

Ich lächelte nur, und da nickte er.

»Sie denken, ich würde den Tisch auf Sie umstürzen – nicht wahr?« fragte er.

Natürlich dachte ich das! Außerdem fühlte ich mich aber auch sicherer, wenn ich stand.

»Wieso kannten Sie mich und wieso wußten Sie, daß ich hinter Ihnen her bin?« forschte ich.

»Verlangen Sie wirklich, daß ich Ihnen meine Geheimnisse preisgebe?« erwiderte er und lächelte wieder dabei.

Sein Lächeln hatte etwas unglaublich Gewinnendes, Vertrauenerweckendes – wie das Lächeln eines unschuldigen Kindes war es ...

»Selbst wenn Sie mich gehört und gesehen haben, konnten Sie, da Sie mich nicht kannten, aber doch nicht wissen, daß ich es bin«, sagte ich.

»Ach so, das wundert Sie? Nun, das ist eine sehr einfache Sache: daß Sie nicht gerade mein Freund waren, zeigt mir Ihr Revolver, also lag der Schluß sehr nahe, daß Sie der Freund meines angeblichen Bruders sein müßten. Sie kennen doch die Geschichte: wenn man eine Schlange tötet, bekommt man bestimmt spätestens am folgenden Tag deren Gefährten zu Besuch?«

Es klang sehr überzeugend, wie er das so sagte, aber wenn man die Sache ruhig überlegt, fehlen in der Kette dieser Schlußfolgerung doch recht wichtige Zwischenglieder. Allerdings bin ich in dieser Beziehung nicht maßgebend, ich weiß nur, daß ich die Welt darum niemals in Flammen gesetzt habe, weil mir die Fähigkeit fehlt, solche Zwischenglieder in kühnem Satz zu überspringen. Was wir aber nicht besitzen, bewundern wir an anderen besonders, und darum sagte ich aus ehrlicher Überzeugung:

»Sie sind mächtig gescheit, MacMore!«

»Gewiß, das bin ich«, erwiderte er, mich abermals verblüffend. »Und nun – was wünschen Sie von mir, Herr Warder?«

»Daß Sie mich über die Grenze begleiten.«

»Sie wollen mich also verhaften?«

»Gewiß.«

»Hier im Ausland, wo Ihr Adler und Ihr Amt nicht so viel wert sind wie ein Stück Obstkuchen?«

»Die eigentliche Verhaftung wird natürlich erst jenseits des Rio Grande erfolgen.«

»Und auf Grund welcher Beschuldigung?«

»Wegen eines Anschlags auf das Leben und die Freiheit eines amerikanischen Bürgers.«

»Etwas Derartiges habe ich nie getan, und darum werden Sie es mir auch schwerlich beweisen können.«

»Im Gegenteil – ich habe dafür einen durchaus einwandfreien, glaubwürdigen Zeugen!«

»Aber, aber, Herr Warder – wer sollte denn das sein, gegen den ich so finstere Pläne geschmiedet habe?«

»Ich!«

»Nanu – wieso denn das? Ich sehe Sie doch soeben zum erstenmal.«

»Sie vergessen, daß ich mit eigenen Ohren Ihren Auftrag an Cantaras gehört habe.«

Er machte eine ungeduldige Bewegung, so daß ich ihn um ein Haar erschossen hätte.

»Entschuldigen Sie, ich war töricht genug, meine Lage zu vergessen«, sagte er, »selbstverständlich halte ich von jetzt an meine Hände wieder unbeweglich – ich sah nämlich, wie Ihr Finger am Abzug zuckte.«

»Sie waren allerdings nur noch wenige Millimeter von der Ewigkeit entfernt«, entgegnete ich.

»Sie halten mich offenbar für einen ausgemachten Schurken?« fragte er und lächelte dabei wie ein Schuljunge, den der Lehrer auf etwas Verbotenem ertappt hat.

»Sie werden doch wohl nicht in Abrede stellen, daß Sie mit dem ›Tiger‹ zusammenarbeiten?«

»Selbstverständlich stelle ich das ganz entschieden in Abrede – wenigstens würde ich das vor Gericht tun. Im übrigen habe ich mich auch tatsächlich niemals persönlich an den Zügen des ›Tigers‹ beteiligt.«

»Sie gestatten, daß ich das für eine glatte Lüge erkläre«, erwiderte ich höflich, aber sehr bestimmt.

Das Lächeln auf seinem Gesicht erstarb, ich fühlte, daß er drauf und dran war, mir an die Kehle zu gehen, doch offenbar war er sich klar darüber, daß ich ihn bei der geringsten Bewegung kaltblütig niederschießen würde.

»Glauben Sie im Ernst, daß Sie mich gegen meinen Willen bis über die Grenze bringen können?« fragte er nach einer Weile.

»Das wird gar nicht nötig sein – es gibt ja auch in Mexiko Richter, die einen solchen Fall vielleicht noch härter bestrafen werden als amerikanische.«

»Damit könnten Sie sogar recht haben«, entgegnete er nachdenklich, »wir müssen uns also unbedingt verständigen.«

»Wie denken Sie sich das?«

Darauf antwortete er vorläufig nicht, sondern starrte sinnend vor sich hin.

»Warum haben Sie sich eigentlich vor dem Kleinen verleugnen lassen?« fragte ich plötzlich unvermittelt.

Er fuhr zusammen.

»Wie meinten Sie? ... Ach so, Sie sprechen von meinem Bruder Denny? ... Das ist doch sehr einfach – die Gegend hier ist zu gefährlich für einen Jungen seines Alters.«

»Auch wenn Sie ihn gegen diese Gefahren schützen würden?«

»Sie scheinen mich zu überschätzen – ich bin zwar der Freund und Berater des ›Tigers‹, aber das ist ein Amt, das die Begabung eines Tierbändigers erfordert, und auch ein solcher weiß nie, wann in so einer gezähmten Bestie das Raubtier wieder erwacht und sich gegen ihn selbst wendet.«

»Sie wollen doch nicht etwa behaupten, daß Sie ein Untergebener dieses ›Tigers‹ sind?«

»Doch – letzten Endes bin ich das.«

»Das glaub' ich Ihnen nicht – ein Mann wie Sie ist keines Menschen Untergebener.«

»Besten Dank für Ihre gute Meinung«, entgegnete MacMore lachend. »Augenscheinlich verletzt der Gedanke, daß ich als Weißer einem Indianer diene, Ihren Rassestolz – also fassen wir die Sache anders: ich bin gewissermaßen der Juniorchef der Firma und als solcher mache ich Ihnen den Vorschlag, Ihre bisherige Beschäftigung aufzugeben und bei uns einzutreten – es soll Ihr Schaden wahrhaftig nicht sein.«

»Ihr Vorschlag ist so albern, daß ich Ihnen nicht einmal böse darüber bin. Also stehen Sie jetzt auf und kommen Sie mit mir!«

»Ich soll mit Ihnen das Haus verlassen?«

»Allerdings.«

»Mein armer Freund – zwanzig Schwerbewaffnete werden Ihnen entgegentreten, ehe Sie den Ausgang erreichen –«

»Nicht, wenn Sie ihnen sagen, daß sie mir den Weg freigeben sollen«, unterbrach ich ihn.

»Und das verlangen Sie von mir?«

»Sie werden es tun müssen, denn Sie werden dabei die Mündung meines Revolvers im Rücken spüren.«

»Sie haben aber doch gehört, daß ich den Befehl erteilt habe, Sie unter allen Umständen noch vor Anbruch des neuen Tages zu töten – dieser Befehl wird ausgeführt, ganz gleichgültig, ob ich lebe oder nicht.«

»Auf die Gefahr hin wag' ich es – jedenfalls kommen Sie jetzt mit mir!«

»Gern, doch mein letztes Wort müssen Sie erst noch anhören.«

»Schön, aber dann machen Sie's möglichst kurz.«

»Sie sind gewiß ein sehr tüchtiger Mann, Joe Warder«, sagte er, »aber Sie bedenken nicht, daß es Umstände gibt, unter denen all Ihre Tüchtigkeit nichts nützt.«

»Ich wüßte nicht, was das für Umstände sein könnten.«

»Zum Beispiel, wenn es dunkel ist!« rief er und fegte mit einer raschen Handbewegung die Lampe vom Tisch, so daß sie krachend zerbrach.

Im letzten Schimmer des verlöschenden Lichtes feuerte ich, obwohl ich wußte, daß mein Schuß das ganze Haus alarmieren würde. Leider hatte ich gefehlt, denn er schoß zurück – die Kugel pfiff haarscharf an meinem Kopf vorbei.

Der Kampf hatte also begonnen.

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