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Der Schrecken vom Rio Grande

Max Brand: Der Schrecken vom Rio Grande - Kapitel 4
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDer Schrecken vom Rio Grande
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
year1937
translatorFranz Eckstein
correctorreuters@abc.de
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* * *

 

Hätte ich noch den geringsten Zweifel über die Absicht der Fremden gehabt, so würde mich ein Blick über die Schulter zurück eines Besseren belehrt haben – die vier beschleunigten ihr ohnehin halsbrecherisches Tempo noch mehr.

Eine Meile jagten wir, daß uns der Wind den Staub in die Augen blies, aber als ich mich dann umschaute, hatte sich unser Vorsprung nicht um Handbreite vergrößert. Nun wußte ich allerdings, daß Larry während der zweiten Meile bestimmt aufholen würde, obwohl die Reiter mit Peitsche und Sporen das Letzte aus ihren Tieren herausholten, aber es stand verdammt schlecht um den Rotfuchs des Kleinen, dessen Kopf auf und ab ging wie ein Kork auf wirbelndem Wasser und dessen Galopp zusehends matter wurde. Sogar Denny MacMore merkte, daß etwas nicht in Ordnung war und sah mich fragend an.

»Dein Pferd ist erledigt, Jungchen«, rief ich ihm zu, »doch da die Kerle mich fassen wollen und nicht dich, ist die Sache halb so schlimm. Bieg da nach links ab, und mach daß du fortkommst – ich kann sie mit Larry bequem schlagen ... Ich reite einen Halbkreis und hol' dich, wenn's dunkel geworden ist, zwischen den kahlen Hügeln dort drüben wieder ab. Vorwärts – reit zu!«

Er nickte und tat, wie ich ihm geheißen.

Ich muß gestehen, ich war einigermaßen enttäuscht, denn im stillen hatte ich gehofft, er würde mehr Mut haben und die Geschichte mit mir zusammen durchfechten wollen, aber schließlich hatte ich ihm ja beigebracht, unterwegs nur zu tun, was ich ihm befahl, und etwaige Fragen erst zu stellen, wenn die jeweilige Angelegenheit in Ordnung sei. Immerhin – Soldaten, die sich gar zu eifrig beim Rückzug zeigen, sind auch nicht nach jedermanns Geschmack.

Ich raste weiter – der Kleine war verschwunden – über ihn machte ich mir keinerlei Sorgen, denn meiner Überzeugung nach war es ausgeschlossen, daß einer der vier ihn verfolgen würde.

Drei Sekunden später hörte ich hinter mir ein Gebrüll, gegen das ein indianischer Kriegsruf zartes Lerchengezwitscher war, und außerdem wildes Geschieße.

Aha, die Kerle machen ein letzten, verzweifelten Versuch – dachte ich und wandte den Kopf, um die Entfernung und meine Aussichten, zu entkommen, abzuschätzen.

Was sich meinen Blicken da bot, war entschieden das Seltsamste, was ich je gesehen habe!

Der Kleine, der hilflose Kleine, der Tolpatsch, der elende Schütze und jämmerliche Reiter, hatte kehrtgemacht, jagte den vier Banditen entgegen und schoß auf sie, so schnell sein Revolver sich drehen wollte – daß keine Kugel sein eigenes Pferd in den Schädel traf, ist mir heute noch ein Rätsel! Dabei schwankte er so im Sattel hin und her, daß ich fürchtete, er würde jede Sekunde vom Gaul fallen.

Das tapfere Kerlchen hatte offenbar gedacht, ich hätte ihn auf Kosten meines Lebens retten wollen, und dies Opfer einfach nicht angenommen.

Mir wurde verdammt weh ums Herz, ich zog mein Gewehr aus dem Halfter und nahm mir fest vor, mindestens drei von den Schuften zur Hölle zu senden, wenn dem Kleinen etwas zustoßen sollte, doch da schwärmten die vier plötzlich aus, warfen ihre Gäule herum und galoppierten davon, was Zeug und Leder hielt!

Noch während ich dies niederschreibe, muß ich darüber lachen – was eigentlich sehr unangebracht ist, denn der Kleine hatte entschieden die tapferste Tat getan, die ich je erlebt habe.

Ich glaube, in erster Linie war sein wildes Geschrei daran schuld, daß die vier Burschen die Nerven verloren haben – sie konnten ja auch nicht ahnen, welche kämpferische Null sie vor sich hatten, obwohl seine Art, zu reiten, es ihnen eigentlich hätte verraten können. Jedenfalls waren sie schnell und spurlos verschwunden, und der Kleine hatte Verstand genug, sie nicht weiter zu verfolgen – er hätte es übrigens auch gar nicht gekonnt, denn sein Pferd war völlig erschöpft.

Als er auf mich zukam, schwankte er im Sattel von einer Seite auf die andere, so daß ich schon fürchtete, er sei schwer verletzt. Doch keine Kugel hatte ihn getroffen – er krümmte sich einfach vor Lachen! Er lachte, daß er bald erstickte, er hielt sich die Rippen, um nicht zu bersten vor Lachen.

Es dauerte eine geraume Weile, ehe er sprechen konnte, und als er endlich so weit war, vermochte ich ihn kaum zu verstehen, so heiser war er von dem anhaltenden Gebrülle.

Ich fragte, ob er denn des Teufels gewesen sei, sich so mutwillig und überflüssig in Lebensgefahr zu begeben?

Erst lachte er wieder und dann erklärte er:

»Ich hatte es satt, daß Sie sich meiner schämen mußten – dem wollte ich so oder so ein Ende machen! Wenn Sie sich meiner schon schämen, was sollte dann erst Patrick MacMore von seinem Bruder denken?«

Immer der Große MacMore – der beherrschte jeden Gedanken dieses Kindskopfes!

Ich kanzelte ihn ordentlich ab und warf Larry herum – ich war ärgerlich, denn ich hatte erwartet, er würde zugeben, daß er die Sache meinetwegen unternommen hätte und nicht nur aus Rücksicht auf den ewigen Patrick MacMore ...

Meine Verstimmung hielt diesmal länger an als gewöhnlich – eine ganze Stunde lang wagte der Kleine nicht, den Mund aufzumachen. Schließlich schlug ich ihm auf die Schulter.

»Wahrhaftig, ich fange an, eifersüchtig auf Patrick MacMore zu werden«, sagte ich, »einen Bengel wie dich hätt' ich nämlich auch gern in meiner Familie.«

Denny ergriff meine Hand und drückte sie, so fest er konnte – erschütternd stark war der Druck aber darum nicht.

»Du gehörst doch zu unserer Familie, Joe«, sagte er, mich im Überschwang seiner Gefühle plötzlich duzend, was er seitdem mit meiner stillschweigenden Genehmigung immer tat. »Wart nur, wenn Patrick erfährt, was du für mich getan hast, dann wird er –«

»Ruhig stehenbleiben, wenn du schießt?« unterbrach ich ihn verdammt unsentimental. »Er wird sich schwer hüten!«

Der Kleine lachte vergnügt.

»Das nicht«, meinte er, »aber er wird es verstehen, daß ich nicht einfach wegreiten und dich allein in der Tinte lassen konnte.«

»Bist ein guter Junge«, entgegnete ich, wider Willen gerührt. »Ich will dich auch nie wieder ausschimpfen.«

Das hab' ich mir damals fest vorgenommen – durch seine mutige Tat war er mir so nahegekommen, daß er fortan wahrhaftig ein Anrecht auf meine Nachsicht in jeder Beziehung hatte.

Wahrscheinlich kann die Geschichte, die ich eben erzählt habe, auf einen Unbeteiligten nicht entfernt den Eindruck machen, den sie auf mich gemacht hatte. Aber das darf man mir glauben: so entsetzlich es ist, mit anzusehen, wenn ein Mensch in der falschen Richtung wahnsinnig wird, so groß und erschütternd ist es, wenn einer plötzlich in der richtigen Richtung verrückt wird – wenn man weiß, was ich damit sagen will.

Jedenfalls war es sehr gut, daß wir die Banditen im Augenblick los waren, wir konnten dadurch unbehelligt ein ordentliches Stück in dem Gebirge nördlich von San Clemente vorwärtskommen. Selbstverständlich war mir klar, daß die vier meine Spur nicht endgültig aufgegeben hatten, denn so sind die Mexikaner nicht, die verfolgen vielmehr eine Fährte mit der gleichen Geduld, wie hungrige Wölfe es zur Winterszeit tun. Wenn sie aber zurückkamen, würden sie sich natürlich nicht zum zweitenmal bluffen lassen, sondern nicht ruhen, bis sie mich erwischten – schon um ihren Kameraden wieder frei in die Augen sehen zu können.

Darum ging ich nicht geradeswegs nach der Stadt, sondern suchte mir ein Versteck, in dem ich mich zusammen mit dem Kleinen fünf volle Tage verborgen hielt. Während der ganzen Zeit erlaubte ich dem Jungen, sich flüsternd mit mir zu unterhalten – es war dies nämlich die einzige Möglichkeit, ihn davon abzuhalten, laut zu singen. Ich zündete Tag und Nacht kein Feuer an und benutzte auch mein Gewehr nicht, obwohl es rings von Wild wimmelte.

Wir lebten ausschließlich von Wasser und gedörrtem Mais, hatten aber die Freude, daß unsere Pferde sich erholten und bei der glänzenden Nahrung, die sie fanden, dick und rund wurden.

Schließlich machte ich dem Kleinen klar, daß von hier aus der Weg nach San Clemente für ihn so gut wie gefahrlos sei, es also am vernünftigsten sein würde, wenn er allein in die Stadt ritte, wo er ja den Bruder unschwer finden könne.

Als Antwort hatte er nur einen vernichtenden, ablehnenden Blick, und als ich weiter in ihn drang, sich nicht unnötig den Gefahren auszusetzen, die ein längeres Zusammenbleiben mit mir für ihn bedeuten müsse, erklärte er, erst wenn Patrick und ich den ›Tiger‹ in Eisen gelegt hätten, käme eine Trennung von mir für ihn in Frage, er wisse, was er mir schuldig sei ...

Das war natürlich blödes Geschwätz, aber, hol's der Henker, ich freute mich doch mächtig darüber.

Am Ende des vierten Tages unserer Wasser- und Maiskur waren wir selbstverständlich reichlich bleich und schlapp, aber mich tröstete das Bewußtsein, daß ich meine Verfolger gründlich in die Irre geführt hatte. Wie ein Rauchwölkchen war ich für sie in nichts zerflattert und in dem Blindekuhspiel unbestrittener Sieger geblieben. Das war allerdings nur ein ziemlich wohlfeiler Triumph und wahrscheinlich der einzige, den ich in der ganzen ›Tiger‹-Angelegenheit erringen würde.

Ich hatte mir inzwischen aus Pferdeschwanzhaaren ein paar Vogelschlingen angefertigt, und in ihnen fing ich am fünften Tag so viel, daß es für drei anständige Mahlzeiten genügte. Ich suchte also völlig trockenes Holz, das beinahe ohne jede Rauchentwicklung brannte, und auf einem höchstens handbreithohen Feuerchen briet ich die Vögel langsam schön knusperig. Den ganzen Tag über futterten oder schliefen wir, so daß wir wieder zu Kräften kamen – am sechsten waren wir bereit, es mit dem Feind aufzunehmen.

Wir brachen also auf, ein langer Nachtritt brachte uns durch Zickzacktäler an den jenseitigen Fuß des Gebirges. Wir machten auf einem Vorsprung halt, der steil über der Stadt aufragte und wo dichtes Gestrüpp uns gegen neugierige Blicke vollkommen schützte – hier wollten wir den Abend erwarten und dann, wenn es dunkel war, nach San Clemente hinuntersteigen.

Wir sattelten also ab, aßen den Rest unseres gebratenen Geflügels und tranken Quellwasser dazu, das so kalt war, daß einem die Zähne weh taten.

Endlich flammten unten in San Clemente die ersten Lichter auf, zu unserer Rechten grollte irgendwo der Fluß, den wir nicht sehen konnten und dessen Lärmen bisher vom Tagesgeräusch übertönt worden war; ich hatte das Gefühl, als ob die Erde unter mir vor Erwartung zittere – was aber natürlich nur meine erregten Nerven taten. Der Kleine dagegen summte vergnügt vor sich hin, er war nicht die Spur nervös – überhaupt schien er das Leben besonders dann schön zu finden, wenn er von einer Gefahr bedroht war.

Ich stand auf und rieb mir die Hände – sie waren mir kalt und klamm geworden ...

*

Wir ritten nach San Clemente hinunter – die Nacht stieg aus dem Tal empor. Der Kleine war ungemein vergnügt, und als wir die Stadt erreichten, wandte er sich um und machte mich auf die seltsame Färbung aufmerksam, die der San Clemente-Fluß angenommen hatte.

Das war allerdings ein Anblick, der auch einen nicht abergläubischen Menschen erschrecken konnte: auf dem Wasser lag ein langer, karmesinroter Streifen, der plötzlich matter wurde und schließlich verschwand. Ich hob den Blick zum westlichen Himmel – dort verblaßte die Wolke, deren Widerschein es gewesen war, aber es wirkte, als ob eine Riesenhand eine mächtige, rotflammende Fackel gesenkt und dann rasch wieder gehoben hätte.

»Sah es nicht aus, als ob das Wasser brenne?« meinte Denny.

»Mich erinnerte es mehr an Blut – das kocht nämlich auch ohne Feuer«, entgegnete ich.

»Mein lieber Joe«, erwiderte er gönnerhaft, »du mußt nicht schon wieder unken – tot sind wir erst, wenn unsere Herzen nicht mehr schlagen.«

Die Häuser am Flußufer, an denen wir vorüberkamen, schienen ausschließlich von Kindern bewohnt zu sein. Auf der Straße spielten sie, um die großen, rauhen Stämme der Zypressen herum tollten sie, balgten sich und vollführten dabei einen Mordskrach. Ich war sehr froh, daß vorläufig keine Erwachsenen da waren, die mich hätten erkennen können, denn wenn es auch dunkel war, so fielen doch ab und zu breite Lichtbalken aus den offenstehenden Türen und Fenstern auf uns – jedesmal, wenn wir durch sie hindurch mußten, hatte ich das unangenehme Gefühl, als sei ein Gewehr oder ein Revolver auf uns gerichtet.

Der Kleine, war restlos entzückt und fühlte sich in dem Lärm wie zu Hause. Er schwatzte ununterbrochen – wie dick der Straßenstaub sei, erzählte er, wie beizend die Luft rieche, und daß die Stadt überhaupt einen ganz anderen Geruch habe als eine amerikanische. Das stimmt übrigens, denn in Mexiko stinkt alles nach ranzigem Öl und gekochtem Pfeffer, mit dem die Weiber jedes Gericht für einen normal gebauten Magen ungenießbar machen – sogar der Tabakrauch riecht anders als überall sonst in der Welt.

Aber seltsam – Denny MacMores Begeisterung stieg von Sekunde zu Sekunde. Er fand die krächzenden Stimmen der kreischenden Bengel unerhört ›musikalisch‹, fast so wie das Plätschern des Flusses gegen seine Ufer – er berauschte sich an dem ›weichen Wehen‹ des Windes und dem Duft blühender Wiesen, den er ihm angeblich zutrug, nur darüber, daß gar keine Erwachsenen da waren, konnte er sich nicht beruhigen.

Ich sagte ihm, er solle mal die Ohren aufsperren, und als er dieser Aufforderung nachkam, hörte auch er die abgerissenen Melodienfetzen, die der Wind von der ›Plaza Municipal‹, dem Stadtpark, herüberwehte, wo die Stadtkapelle spielte, zu deren Klängen die Einwohnerschaft um den großen Platz der Anlage herum lustwandelte, und wo zwischen Männlein und Weiblein verstohlene, aber darum nicht minder glühende Blicke im Vorübergehen getauscht wurden. Dort, so erzählte ich dem Kleinen, befand sich gegenwärtig fast die ganze Stadt, was für uns von nicht zu unterschätzendem Vorteil sei.

Zunächst mußten wir vor allem einmal einen gewissen José Guadelupe finden, an dessen Deckanschrift die Familie MacMore ihre Briefe für den großen Patrick immer richtete – dieser Mann allein konnte uns sagen, wo Denny seinen Bruder zu suchen habe.

Nach zweimaligem Fragen entdeckten wir schließlich dessen Haus, das durchaus nicht dem entsprach, was ich erwartet hatte, denn für gewöhnlich bedienen sich Amerikaner in so einem Fall eines Mitgliedes der Oberklasse, es lag aber in einer engen Gasse, in der nur Arme und Mischlinge wohnten. Wir gelangten durch einen schmalen Durchgang auf einen kleinen Innenhof, der von mehreren baufälligen Baracken umgrenzt war, in deren jeder zwei oder mehr Familien hausten. Aus einer drang lautes Gitarrengeklimper und heiserer Gesang heraus.

Wir hielten einen plärrenden Bengel an und erfuhren, daß Herr José Guadelupe daheim sei – zweite Türe rechts, bitte. Auf deren Schwelle fanden wir einen Mann kauern, in dem matterleuchteten Raum hinter ihm fegte eine Frau den schmutzigen Fußboden aus – der gemauerte Herd und die darüberhängenden rußgeschwärzten Töpfe hätten uns gezeigt, daß es sich um eine Küche handelte, wenn wir das nicht schon an dem durchdringenden scharfen Geruch mexikanischer Kocherei gemerkt hätten.

»Ist vielleicht ein gewisser José Guadelupe zu sprechen?« erkundigte sich der Kleine in seinem schülerhaften Spanisch.

Der Zusammengekauerte antwortete nicht gleich – offenbar brauchte er Zeit, um sich die Worte in seine eigene Sprache zu übersetzen – schließlich hob er den Kopf. Er hatte das übliche Bulldoggengesicht, dem man südlich vom Rio Grande so häufig begegnet. Da sich in dem Innenhof kein Lüftchen regte, war es kein Wunder, daß ihm der Schweiß auf der Stirne stand, die feucht glitzerte, wo das Licht auf sie fiel.

»Ich bin selbst José Guadelupe«, sagte er endlich.

»Ich wollte nur wissen, wo Patrick MacMore wohnt«, erwiderte Denny.

Guadelupe fuhr hoch, warf seine Zigarette fort und machte einen Schritt auf uns zu.

»Wer sind Sie?« fragte er barsch.

»Sein Bruder«, antwortete der Kleine.

Jose fuhr sich mit der Hand über die Stirn, kam noch dichter heran, sah Denny forschend an, warf mir dann einen etwas flüchtigeren Blick zu und sagte:

»Dann ist der da wohl ein Onkel von ihm – was?«

Dabei kicherte er so boshaft, daß mir das Blut zu Kopf stieg, aber der Kleine war von einer bewunderungswerten Ruhe und Geduld.

»Wahr und wahrhaftig, ich bin sein Bruder«, sagte er, »ich komme aus den Vereinigten Staaten hierher, weil wir so lange nichts von ihm gehört haben – können Sie nicht so freundlich sein und mir sagen, wo ich ihn oder sein Bergwerk finde?«

Guadelupe drehte uns den Rücken zu.

»Wie soll ich denn das wissen?« sagte er über die Schulter zurück. »Gar nichts weiß ich von der ganzen Ausländerbande.«

Der Kleine sprang aus dem Sattel und wollte dem Davongehenden folgen, ich sah ein Messer in der Hand des Mexikaners aufblitzen, der im Dunkel neben der Tür haltmachte.

Am liebsten hätte ich vor Wut und Enttäuschung geflucht, denn im stillen hatte ich gehofft, den Jungen endlich loszuwerden, um meine eigene Angelegenheit in Angriff nehmen zu können, aber damit war es offenbar noch lange nichts.

Ich riß einen Revolver aus dem Halfter, befahl dem Kleinen, stehenzubleiben, und rief dem Mexikaner zu:

»José, es wird sich empfehlen, daß du schnell ein Stoßgebet zum heiligen Joseph sprichst, denn meine Waffe ist genau auf deinen dicken Schädel gerichtet.«

»Schlag an, Alicia«, sagte Guadelupe, ohne mit der Wimper zu zucken.

Das weibliche Wesen drin in der Küche, das barfuß war, machte einen Satz, wobei ich ihre gebräunten Beine bis weit über die Knie zu sehen bekam – übrigens hatte sie ein hübsches Gesicht und blendend weiße Zähne – und gleich darauf schlug sie dreimal gegen einen Gong oder wahrscheinlich auf eine Bratpfanne, die hier Gong spielte.

»Die Sache wird brenzlig«, sagte ich zu Denny, »wir wollen machen, daß wir fortkommen, solange noch eine Rückzugsmöglichkeit besteht.«

»Geh du ruhig«, erwiderte der Dummkopf, »ich bleibe – so leicht laß' ich mich nicht ins Bockshorn jagen. Wie soll ich außerdem meinen Bruder finden, wenn ich seine Spur nicht von hier aus verfolge?«

Zeit zu einer langen Auseinandersetzung mit ihm war wirklich nicht, ich wollte ihn einfach am Genick packen und in den Sattel heben, aber da sah ich schon eine dunkle Gestalt aus der Tür in der Nähe des Hofeingangs schlüpfen, ein schweres Tor schlug zu, und ein mächtiger Riegel wurde vorgeschoben.

Das alles war nett, glatt und sauber vor sich gegangen, und nun saß ich in der Falle wie eine Maus, nur weil dieses Unglückswurm von Bengel sich an der falschen Stelle nach seinem Bruder erkundigt hatte. In diesem Augenblick war ich nahe daran, den kleinen Denny zu hassen – den großen Patrick, über den er mir die Ohren vollgeklönt hatte, haßte ich ganz bestimmt!

Doch zunächst handelte es sich für mich darum: wie kam ich aus dieser verdammten Falle wieder heraus?

Das Gitarregeklimper hatte aufgehört, dafür vernahm ich aber ein Geräusch, das nur von Gewehren herrühren konnte, die mit dem Kolben auf Stein aufgestoßen wurden. Sicher beobachteten uns zwanzig Augenpaare, und zwanzig Läufe waren bereits auf uns gerichtet.

Denny war, wie gewöhnlich, außer sich vor Wonne über die drohende Gefahr.

»Hörst du, wie die Hornissen uns umschwirren?« fragte er entzückt. »Soll ich dem Gauner da an die Kehle gehen, Joe?«

»Der wird dir die Kehle durchschneiden, wenn du ihm zu nahe kommst«, erwiderte ich und rief dem Mexikaner zu: »Mein Revolver ist noch immer auf deine Stirn gerichtet, Guadelupe – es wird mir ein besonderes Vergnügen sein, deinen Schädel zu zerschmettern wie eine faule Melone, und das tue ich ganz bestimmt, wenn du die geringste Bewegung mit Hand oder Fuß machst – hast du mich verstanden?«

»Gewiß, mein Freund«, entgegnete der Schurke. »Danke du deinem gütigen Geschick, daß ich zufällig keine Schußwaffe bei mir habe, sonst lägst du nämlich längst im Staub.«

Er rührte sich jedoch nicht und versuchte auch nicht, die Türe seiner Küche zu erreichen, aus der jetzt plötzlich das weibliche Wesen von vorhin heraustrat. Es war ein ganz junges Ding – höchstens siebzehn konnte sie sein – sie trug eine Flinte geschultert und legte damit rasch an – ausgerechnet auf den Kleinen!

Eine solche Waffe in der Hand eines erfahrenen Schützen ist natürlich nicht halb so gefährlich wie in den Händen einer dummen Gans, die den Abzug vielleicht völlig gegen ihren Willen berührt.

»Guadelupe«, schrie ich darum, »du bist ein toter Mann, wenn das Gewehr losgeht!«

Der Mexikaner erwiderte darauf nichts, aber sein Gesicht verriet, daß er den Ernst seiner Lage verstanden hatte. Von Denny MacMore konnte man das nicht behaupten, denn er hob die Hand – ein Gotteswunder war's, daß das Frauenzimmer in diesem Augenblick nicht losdrückte – riß den Hut herunter, verbeugte sich tief und sagte:

»Aber, mein verehrtes Fräulein – auf diese Entfernung können Sie mich doch nicht richtig treffen!«

Damit ging er auf sie zu – geradeswegs in den Lauf der Flinte lief der Schafskopf hinein. –

*

Ich stand so, daß ich sein Lächeln und das Strahlen seiner Augen sehen konnte – der unglaubliche Bengel tat, als ob das Gewehr überhaupt nicht vorhanden wäre, sondern einzig und allein das hübsche, braune Gesicht dahinter.

Habe ich eigentlich schon gesagt, daß Denny MacMore ein auffallend schöner Mensch war? Jedenfalls war er es, und so wunderte es mich nicht, daß seine Schönheit auch auf die Tochter von José Guadelupe ihre Wirkung nicht verfehlte. Das Gewehr fing an zu zittern – ich wußte, daß sie auf diesen Fremden ebensowenig schießen würde wie auf ihren leiblichen Bruder.

Auch ihr Vater hatte die gleiche Beobachtung gemacht, denn er knurrte:

»Ein unzuverlässiges Pack, diese Weibsleute ... Alicia, scher dich ins Haus und warte dort, bis ich dich rufe!«

Sie kam dem Befehl sehr zögernd nach, immer wieder blickte sie zu dem Jungen zurück. Auch er starrte ihr wie benommen nach und war unbedacht genug, ihr folgen zu wollen – in die gefährliche Nähe des väterlichen Messers! Als ich ihn anrief, glich er aufs Haar einem Schlafwandler, der plötzlich erwacht.

»Es kann schon sein, daß Sie der Bruder von jenem Mann sind«, meinte da Guadelupe und pfiff einen langen, weichen, allmählich anschwellenden Ton. Dann fuhr er fort: »Wir sind einfache, friedfertige Leute, wir haben Angst vor dem wilden Ritter aus dem Norden.«

Er grinste dabei, aber er steckte das Messer ein – kurz darauf hörte ich, wie der Riegel knirschend zurückgeschoben und das Hoftor aufgestoßen wurde. Die Falle war also wieder geöffnet, aber wir noch längst nicht wieder in Sicherheit.

Die Gitarre fing von neuem zu zirpen, der Sänger zu schluchzen an – ich fühlte mich wie ein Vogel unter den Krallen der Katze.

»Wenn Sie der Bruder von Patrick MacMore sind, müssen Sie doch einen sehr, sehr weiten Weg zurückgelegt haben«, sagte jetzt Guadelupe, »hat er Ihnen denn da nicht schreiben können, wo Sie ihn finden?«

Denny trat dicht an den breitschulterigen Mexikaner heran, wie das so seine Art war, wenn er ernsthaft mit jemandem sprechen wollte.

»Sie scheinen noch immer zu zweifeln«, erwiderte er lebhaft, »ich habe aber Briefe von ihm hier in der Tasche – würden Ihnen die als Beweis genügen?«

Guadelupe schüttelte den Kopf.

»Das beweist gar nichts«, sagte er, »auch Kinder finden manchmal Adlerfedern im Gebirge.«

Der Kleine lachte auf.

»Offenbar hat Patrick Ihnen gegenüber nie von mir gesprochen, und nun glauben Sie, ich sei ein lästiger Besucher, den Sie ihm vom Hals halten müssen – was?«

Der Mexikaner zuckte die Achsel.

»Ich weiß sehr wenig von dem Señor«, entgegnete er, »nur, daß er ein kleines Bergwerk im Gebirge besitzt und sehr selten in die Stadt kommt.«

Das klang durchaus ehrlich.

»Wo liegt denn das Bergwerk?« fragte Denny.

»Soll ich Ihnen vielleicht auch noch erzählen, wo er seinen Kassenschlüssel aufbewahrt?«

Der Kleine wandte sich auf englisch an mich.

»Ein recht unangenehmer Patron ist das«, meinte er, »ich würde nicht glauben, daß Patrick irgend etwas mit ihm zu tun hätte, wenn ich nicht wüßte, daß mein Bruder schon immer die seltsamsten Bekanntschaften gehabt hat ... Was fangen wir nun an?«

»Vor allen Dingen wollen wir sehen, so schnell wie möglich hier herauszukommen«, erwiderte ich.

Er aber wollte noch einen letzten Versuch machen.

»Mein Freund«, wandte er sich an den Mexikaner, »wenn Sie mir nicht sagen können, wo ich meinen Bruder finde, verraten Sie mir vielleicht, ob irgend jemand anders das weiß?«

Guadelupe zuckte nur die Achsel.

»Schön – dann sagen Sie mir wenigstens, was aus den Briefen geworden ist, die meine Familie im Laufe des letzten Jahres hierher gesandt hat. Ist Patrick hier gewesen, um sie abzuholen?«

»Das weiß ich nicht – ich weiß überhaupt nichts von irgendwelchen Briefen oder sonst etwas.«

Damit lehnte er jede weitere Frage so deutlich ab, daß sogar der Kleine es merken mußte. Der fluchte leise vor sich hin, während er wieder in den Sattel stieg.

»Da ist nichts mehr zu machen«, meinte er schließlich, »aber seltsam ist die Geschichte doch. Offenbar versucht irgendwer, sich Patricks Bergwerks zu bemächtigen, und darum hat er den Mann zu völliger Verschwiegenheit verpflichtet.«

Dann rief er dem Mexikaner zu:

»Wenn Sie meinen Bruder sehen, sagen Sie ihm bitte, daß ich hiergewesen bin. Ich werde möglichst jeden Tag bei Ihnen nachfragen, ob Sie etwas von ihm gehört haben!«

Guadelupe gab nur einen Grunzlaut von sich und begleitete uns bis an das Hoftor – Denny hielt das, wie er mir nachher gestand, für ein Zeichen guter Erziehung, ich dagegen wußte, daß es dem Kerl nur darauf ankam, eine möglichst genaue Personalbeschreibung von uns geben zu können, zumal seine Aufmerksamkeit besonders mir galt.

Am Ausgang des Innenhofes blieb er stehen und wünschte uns ziemlich sauertöpfisch eine gute Nacht – ich atmete auf, als ich aus dem Bereich seiner forschenden Bücke und wieder draußen auf der Straße war.

Unser erster Versuch, den großen Patrick MacMore zu finden, war also gründlich fehlgeschlagen. Hatte ich schon vorher vermutet, daß irgend etwas mit dem nicht stimmen müsse, so war ich dessen jetzt sicher – wenngleich ja die Annahme des Kleinen, daß sein Bruder aus irgendwelchen Gründen das Geheimnis seiner Goldmine so sorglich wahrte, auch einige Wahrscheinlichkeit für sich hatte.

Wir waren noch keine fünf Schritte weit geritten, da hörte ich hastiges Laufen hinter uns, und eine gedämpfte Stimme rief:

»Herr – he, Herr!«

Ich fuhr herum – es war Alicia.

Der Kleine war natürlich mit affenartiger Geschwindigkeit aus dem Sattel und stand so dicht vor ihr, daß es aussah, als hielte er sie in den Armen. Ich sah ihre Augen und Zähne blitzen, als sie ihn anstrahlte.

»Mein lieber Freund«, sagte sie, »Sie sind in großer Gefahr – verlassen Sie sofort San Clemente und kommen Sie nie wieder hierher zurück.«

»Mein liebes Herz«, erwiderte er, »da müßtest du nicht in dieser Stadt wohnen! Außerdem gefällt mir San Clemente so ausgezeichnet, daß ich beschlossen habe, dauernd hier zu leben.«

»Sterben werden Sie hier«, entgegnete das junge Mädchen traurig.

Schon rief der heisere Baß José Guadelupes drinnen im Innenhof.

»Alicia! ... Alicia!!«

Der Gitarrenspieler hatte aufgehört, zu klimpern, ich sah, wie sie beim Ruf ihres Vaters ängstlich zurückwich, aber der Kleine folgte ihr. Daß er sich vor Männern nicht fürchtete, hatte er mir ja schon zur Genüge bewiesen, Weibern gegenüber aber schien er tatsächlich ein siegreicher Held zu sein. Ich hörte, wie er leise, aber ausgelassen lachte, als er das Mädchen zu packen bekam.

»Wollen Sie wirklich nicht fort«, fragte sie, »auch nicht, wenn es sich um Ihr Leben handelt?«

»Nicht, und wenn ich hundert Leben aufs Spiel setzen müßte, schöne Alicia!« erwiderte der zungenfertige Bengel.

»Wie tapfer Sie sind!« sagte sie bewundernd. »Dann will ich Ihnen verraten, wer Sie zu Señor MacMore führen kann – aber erst müssen Sie mir schwören, daß Sie wirklich sein Bruder sind.«

»Ich schwöre es bei deiner göttlichen Schönheit!«

»Don Ramon ist es – Don Ramon Cantaras –«

»Alicia!!« bellte ihr Vater.

»Ich muß jetzt gehen«, flüsterte sie erschreckt.

»Sofort – ich muß dir nur auch noch etwas sagen.«

»Dann sagen Sie es rasch.«

»Das geht nicht so schnell«, erwiderte der Frechling, nahm sie in die Arme und küßte sie herzhaft ab.

Sie versuchte, sich loszumachen, doch ihr Widerstand war äußerst gering. Schließlich ließ er sie los, sie rang einen Augenblick nach Atem, dann schlüpfte sie davon, verschwand aber nicht in dem Durchgang zum Innenhof, sondern in einem Türchen in der Mauer.

Der Kleine sah ihr nach, bis sie die Tür geschlossen hatte, dann schwang er sich lächelnd in den Sattel.

»Dir ist heute abend schon einmal beinahe die Kehle durchgeschnitten worden«, sagte ich ihm, als wir weiterritten, »und für das, was du da eben gemacht hast, kann dir das wirklich geschehen, ehe der Morgen graut. Weißt du denn nicht, daß die Mexikaner die eifersüchtigsten Menschen sind, die es überhaupt gibt?«

»Wahrhaftig?« fragte er unbekümmert. »Ich finde die Mexikaner und besonders die Mexikanerinnen ganz entzückend – nicht ein Wort glaub' ich von all dem Schlimmen, was du mir über sie erzählt hast! Du bist ein Zyniker, mein lieber Joe, der an nichts glaubt als an seinen Larry und seinen Sechsläufigen, wenn das die richtige Bezeichnung für so ein Schießeisen ist.«

»Das ist es natürlich nicht«, entgegnete ich ärgerlich, »nur in Büchern, die läppische Außenseiter schreiben, und im Mund von Greenhörnern heißen die Dinger so.«

»Das hätt' ich mir denken können«, meinte er lachend, »das ändert aber nichts daran, daß es herzlos ist, einen jungen Menschen zu entmutigen, der die Welt kennenlernen will.«

»Die wirst du von einer sehr unangenehmen Seite kennenlernen – wenn die Kerle dich nämlich in Streifen schneiden werden.«

»Nun – und wäre sie das nicht wert?« fragte er.

»Wer wäre das wert?«

»Das Mädel natürlich.«

»Ein Mischling?« entgegnete ich. »Ein brauner Bastard?!«

»Eine braune Venus!« rief er begeistert. »Oder vielmehr nicht einmal braun, sondern olivefarben – sonnengebräuntes Olive mit rosigen Wangen –«

»– und Knoblauchgeruch!« ergänzte ich.

»Im Gegenteil – wie Veilchen duftet ihr Atem, wie nach Rosen oder Lavendel oder –«

»Ziegenstall!«

Da mußte er doch lachen.

»Du bist mir doch nicht etwa böse?« fragte er dann wie ein ertappter Schulbub.

»Durchaus nicht – dazu bin ich zu sehr Fatalist. Allerdings könntest du's nicht schlimmer treiben, wenn du die Absicht hättest, uns zugrunde zu richten – schau mal über die Schulter zurück.«

Er tat es.

»Was ist denn da zu sehen?« fragte er erstaunt.

»Hast du den alten Knaben auf dem Esel nicht bemerkt?«

»Doch, den hab' ich gesehen.«

»Na, dann kannst du drauf schwören, daß er dich auch gesehen hat, und was das bedeutet, wirst du dir ja vielleicht selbst sagen können.«

*

Ich hatte den Alten, der uns auf seinem Grautier wie unser Schatten folgte, schon seit einer geraumen Weile beobachtet und erzählte dem mich verständnislos anstarrenden Kleinen meine Befürchtungen, die dieser jedoch durchaus nicht teilen wollte.

»Du siehst Gespenster, mein guter Joe«, meinte er in überlegenem Ton, »es weiß doch kein Mensch, daß wir in San Clemente sind.«

»So? Und die schöne Alicia und ihr knurrender Herr Vater?«

»So schnell kann der doch nicht Alarm geschlagen haben – das halte ich für völlig ausgeschlossen!«

»Na, du wirst ja sehen, daß er uns den Eselreiter da auf den Hals geschickt hat«, entgegnete ich überzeugt.

»Ich bin doch neugierig, wie du das beweisen willst«, erwiderte der Kleine, wartete aber meine Antwort gar nicht erst ab, sondern fragte mit einem halb komischen, halb tragischen Seufzer: »Ist's nicht seltsam, daß gerade die hübschesten Mädel immer die ekligsten Väter haben?«

»Ich denke im Augenblick nicht an hübsche Mädels, sondern an unsere Sicherheit«, entgegnete ich. »Im übrigen hab' ich bei Hübschen niemals Glück gehabt.«

»Ach, du ziehst die Klugen vor? ... Ich finde, Klugheit ist bei einer Frau das, was Salz an einer Mahlzeit ist – ein bißchen Gewürz ist ganz schön, zuviel macht aber die ganze Geschichte ungenießbar.«

War schon ein unglaubliches Kerlchen, der Kleine – eben hatten wir mit Müh und Not unsere Hälse aus der Schlinge gezogen, ein Spion saß uns auf den Fersen, er aber schwatzte von Frauenschönheit!

Das tat er nämlich die ganze Zeit über, während wir uns nach dem Haus des Don Cantaras durchfragten – durch alle Windungen und Gäßchen treulich gefolgt von dem Alten auf dem Esel.

Mir war es sogar ganz lieb, Denny so beschäftigt zu sehen – dadurch war er abgelenkt und machte wenigstens keine anderen Dummheiten.

»Auf alle Fälle ist ein gutes Herz bei einer Frau doch mehr wert als ein hübsches Gesicht«, sagte ich, um ihn zum Widerspruch zu reizen.

»Gewiß«, antwortete er, »aber ob das Herz gut ist, sieht man doch nur am Gesicht.«

»Nein, das beweisen die Handlungen.«

»Was nützen die edelsten Handlungen, wenn eine eine lange, spitze Nase, gelbe, vertrocknete Haut hat und eine Brille trägt?«

»Sag mal, mein Junge, wie oft bist du eigentlich schon verliebt gewesen?« erkundigte ich mich.

»Ernstlich verliebt jedes Jahr zweimal, seit meinem zwölften Lebensjahr.«

»Vermutlich immer im Frühling?«

»Das natürlich – aber einmal auch stets im Winter.«

»Ich fürchte, all diese Kalbereien werden dich für eine richtige Liebe verdorben haben.«

»Im Gegenteil – man lernt ungeheuer viel dabei, vor allem auch vergleichen ... Stell dir zum Beispiel Alicia in einem roten Kleid mit einer dunklen Rose im Haar vor – glaubst du nicht, daß sie alle bleichsüchtigen Ballschönheiten des Ostens zu nichts verdunkeln würde?«

Diese Vorstellung schien ihn zu entzücken – mich aber beschäftigte im Augenblick der Alte, der unverdrossen hinter uns hertrottete, wenn auch sein Esel das etwas beschleunigte Tempo unserer Pferde nicht durchzuhalten vermochte.

Ich beschloß, der Sache ein Ende zu machen und festzustellen, wieso er uns – oder wohl mich – erkannt hatte und in wessen Auftrag er uns verfolgte.

Als wir an eine Nebenstraße kamen, die zum Fluß hinabführte, bog ich rasch in diese ein, befahl dem Kleinen, unsere Pferde im Schatten der Bäume versteckt zu halten, und eilte an den Straßeneingang zurück.

Bald hörte ich den Esel in beschleunigtem Trab herankommen, und schon bog er um die Ecke – die langen, dürren Beine seines Reiters berührten fast den Boden. Ich hielt dem Alten den Colt vor die Nase und sofort hob er die Hände hoch über den Kopf. Die losen, zurückfallenden Ärmel entblößten zwei skelettdünne Arme, auf die eingesunkene Brust wallte ein langer, schütterer, weißer Bart herab, und seine Augen beschatteten dichte, buschige Brauen.

Wie ein mittelalterlicher, ausgedörrter Heiliger sah der Mann aus, doch als ich ihn auf Waffen untersuchte, fand ich eine geladene, doppelläufige Pistole, die zwar altmodisch, aber durchaus noch nicht altersschwach, sondern recht ›dienstfähig‹ war, und in seinen Stiefelschäften zwei lange Messer. Während ich ihm die Pistole fortnahm, muckste er nicht, doch nach den Messern versuchte er – natürlich vergeblich – zu fassen.

»Sie haben einen recht merkwürdigen Zickzackweg heute abend, Alterchen«, sagte ich auf spanisch zu ihm.

»Daran ist mein Esel schuld – da ich an andere Dinge zu denken habe, laß ich ihn laufen wie er will.«

»So, so? ... Demnach erfreuen wir uns der besonderen Gunst und Anhänglichkeit Ihres Grautieres?« fragte ich spöttisch.

»Das weiß ich nicht«, erwiderte er in biederem Ernst, »aber offenbar haben Sie mich für einen reichen Farmer gehalten, der seine Ernte verkauft hat und nun schwer mit Geld beladen nach Hause reitet – inzwischen werden Sie wohl Ihren Irrtum eingesehen haben und mich alten Bettler ruhig meines Weges ziehen lassen.«

»So schnell geht das nicht, ehrwürdiger Vater«, entgegnete ich, »erst müssen Sie mir wahrheitsgemäß erzählen, warum Sie mich verfolgen.«

»Ich Sie verfolgen?« fragte er auflachend. »Warum sollte ich das tun?«

»Das will ich ja gerade wissen!«

»Ich bin –«

»Was Sie sind, ist mir vollkommen gleichgültig«, unterbrach ich ihn, »Sie sollen mir nur den Namen des Mannes nennen, der Sie mir auf die Fersen gehetzt hat.«

»Mich hat niemand geschickt, und daß ich den gleichen Weg geritten bin wie Sie, ist ein reiner Zufall, für den nur mein Esel verantwortlich ist.«

Er sagte das mit einer so überzeugenden Bestimmtheit, daß ich andere Saiten aufziehen mußte, um ihm beizukommen. Ich nahm eins seiner Messer und fragte:

»Ist das Ding Ihr Eigentum?«

»Gewiß – es ist mein letzter Besitz, den Sie mir hoffentlich nicht rauben wollen?«

»Glauben Sie, daß andere es als Ihnen gehörig wiedererkennen werden?«

»Sicher, da man es seit vierzig Jahren bei mir gesehen hat. Sie werden es nicht einmal in einer Pfandleihe verwerten können, denn es würde Sie verraten –«

»Sie mißverstehen meine Absicht«, unterbrach ich ihn. »Da man das Messer als Ihr Eigentum kennt, wird man, wenn man es in Ihrer Kehle findet, glauben, daß Sie sich selbst umgebracht haben, weil Sie die Wertlosigkeit Ihres Lebens dank Ihrem hohen Alter endlich erkannt haben.«

Der Greis fuhr erschrocken zusammen.

»Was haben Sie davon, wenn Sie mich töten?« jammerte er. »Nichts, gar nichts – die alten Messer sind doch völlig wertlos für Sie –«

»Mit den Messern muß es irgendeine besondere Bewandtnis haben«, rief da der Kleine auf englisch, »sonst würde er sie nicht besonders erwähnen, denn wenn wir Räuber wären, hätten sein Esel und seine Pistole doch viel mehr Wert für uns.«

»Du bist gar nicht so dumm, wie du aussiehst«, sagte ich, denn mir war natürlich schon der gleiche Gedanke gekommen. »Da – schau dir die Dinger mal näher an.«

Der Alte knirschte vernehmlich mit den Zähnen, als ich Denny die beiden Messer gab, doch er schluckte die Flüche, die ihm zweifellos auf der Zunge lagen, hinunter.

»Nun mal wieder ernsthaft gesprochen, alter Herr!« fuhr ich fort. »Es liegt mir durchaus fern, Sie umzubringen, aber um zu erfahren, wer Ihnen befohlen hat, mich zu verfolgen, werde ich selbst vor dem grausamsten Mittel nicht zurückschrecken – es ist also entschieden vernünftiger, wenn Sie es mir gutwillig sagen.«

Ehe er darauf etwas erwidern konnte, schrie der Kleine verwundert auf.

»Der Griff von dem einen Messer ist abzuschrauben«, sagte er, »er ist hohl, und das da war drin.«

Dabei zeigte er mir auf der flachen Hand ein kleines, glitzerndes Häufchen, – etwa ein Dutzend Brillanten.

In jedem Menschen romanischer Abstammung lebt außer einem gesunden Spartrieb die Sucht, Schätze aufzuspeichern – offenbar bildeten diese Steine die Ersparnisse eines ganzen, langen Daseins. Als der Alte MacMores Entdeckung sah, machte er eine Bewegung, als wolle er sich auf ihn stürzen, um ihm das Gefundene zu entreißen, so daß ich den Revolver heben mußte, um ihn zur Vernunft zu bringen.

Ich wollte den armen Kerl natürlich möglichst wenig quälen und sagte darum:

»Sie sollen Ihre Pistole, Ihre Messer und Ihre Diamanten sofort wiederhaben, wenn Sie mir wahrheitsgemäß einige Fragen beantworten. Zunächst also einmal: Wer hat Sie veranlaßt, uns zu verfolgen?«

Es war nicht sehr hell, nur eine schmale, wie aus Silberpapier ausgeschnittene Mondsichel hing an dem blauschwarzen, mexikanischen Himmel, und trotzdem konnte ich sehen, wie der Schweiß dem zitternden Spion auf die Stirne trat. Sein weißer Bart wogte auf und ab, seine Zähne klapperten – er setzte zum Sprechen an, besann sich dann aber plötzlich wieder anders.

Ich nahm dem Kleinen die Steine ab, ließ sie hoch in die Luft wirbeln und fing sie wieder auf, der Alte schlug die Hände vors Gesicht, als könne er dies freventliche Fangballspielen mit dem Kostbarsten, was er besaß, nicht länger mit ansehen.

Schließlich gab ich sie ihm zurück – wie ein vom Tode errettetes, geliebtes Kind drückte er sie an seine blutlose Geizhalsbrust, und schließlich flüsterte er, sich scheu umblickend:

»Der ›Tiger‹ hat mir befohlen, Ihnen zu folgen – gnade Gott mir, daß ich Ihnen das verraten habe, und Ihnen, daß Sie es wissen!«

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