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Der Schrecken vom Rio Grande

Max Brand: Der Schrecken vom Rio Grande - Kapitel 3
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDer Schrecken vom Rio Grande
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
year1937
translatorFranz Eckstein
correctorreuters@abc.de
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* * *

 

Ich habe es schon gesagt: wenn ein Mexikaner schlecht ist, dann ist er das reine Gift – aber was dieser Schurke mit MacMore angefangen hatte, das hätte ich denn doch selbst dem schlechtesten Mexikaner nicht zugetraut!

Hinter dem nächsten Hügel fand ich den Kleinen, an Händen und Füßen gefesselt, halbnackt, nur im Hemd, aufrecht gegen einen Felsenvorsprung gebunden, dessen vorstehende Zacken tief in das Fleisch seines Rückens eindrangen. Um den Hals war eine Schlinge befestigt, die ihn erwürgen mußte, sobald er es nicht mehr aushielt, auf den Zehenspitzen zu stehen; in den Mund war ein Knebel so tief hineingeschoben, daß sein Gesicht bereits blaurot war; der Ausdruck seiner Augen war der eines sterbenden Tieres – verstört und hoffnungslos. Selbstverständlich hatte der Gauner ihm alles, was irgend von Wert war, weggenommen, sogar Stiefel, Rock und Hosen!

Mein teurer Begleiter machte eine Bewegung, als ob er sich auf mich stürzen wolle, ich kitzelte ihn ein bißchen mit dem Colt in der Magengrube und befahl ihm, abzusteigen. Eigenhändig mußte er den Gefangenen befreien, dann band ich ihm mit seinen eigenen Stricken die Hände auf den Rücken und half dem Kleinen bei seinen Bemühungen, wieder zu Atem zu kommen. Eine Weile lag er keuchend da, kaum konnte er aber wieder japsen, erhob er sich und taumelte mit geballten Fäusten auf den Mexikaner zu. Es war dies ein Anblick, den ich fürs Leben gern den theoretischen Schwätzern gezeigt hätte, die ellenlange Abhandlungen über die Urinstinkte der Menschheit verzapfen – sie hätten aus ihm endlich einmal das praktisch kennenlernen können, worüber sie ahnungslos reden ...

Mein Mexikaner war ein jämmerlicher Kerl, der sicher schon stöhnte, wenn ihn nur ein Schuh drückte, doch jetzt, in seiner völligen Hilflosigkeit, war er wie umgewandelt. Neun Zehntel von ihnen sind ja auch Fatalisten, die das Unvermeidliche mit bewundernswerter Gelassenheit hinnehmen. Ohne mit der Wimper zu zucken, sah er dem Angriff MacMores entgegen – wenn dieser den Lauf eines Revolvers auf ihn gerichtet hätte, würde er aber genau so gefaßt gewesen sein.

Ich griff vorläufig nicht ein, denn eine solche Gelegenheit, den Charakter eines Menschen kennenzulernen, bietet sich nicht oft.

MacMore war drauf und dran, dem Mexikaner an die Kehle zu gehen, doch da blieb er plötzlich stehen und rief mir zu:

»Machen Sie ihm erst die Hände frei!«

Ich atmete auf – darauf hatte ich gewartet, gehofft! ... Der Kleine war also nicht nur tapfer, sondern auch grundanständig.

»Ich werd' mich hüten«, erwiderte ich, »damit er dich erwürgt, was?«

MacMore zögerte einen Augenblick, dann ließ er die Hände sinken.

»Sie haben recht«, erwiderte er kleinlaut, »ich bin nicht Manns genug, um gegen ein Karnickel zu kämpfen – ich tauge überhaupt nichts.«

Ich beruhigte ihn, dann erzählte er mir, was sich ereignet hatte.

Die Sache fing mit einer freundlichen Begrüßung an, der Mexikaner hatte natürlich nach den ersten drei Worten gemerkt, daß ihm das grünste aller Greenhörner in den Weg gelaufen war, er hielt dem Kleinen den Revolver unter die Nase, im Handumdrehen war er bis aufs Hemd ausgeplündert, und alles übrige erledigt.

»Noch zwei Minuten länger, und ich wäre tot gewesen«, schloß der Kleine, »langsam zu Tode martern wollte die Bestie mich! Ich hab' immer nicht glauben wollen, daß die Mexikaner solche teuflischen Hunde sind, aber jetzt glaub' ich's ... Ich hab' diesem Menschen doch gar nichts getan!«

Der arme Junge hatte wirklich mannhaft seine Schmerzen verbissen, die sicher nicht von schlechten Eltern waren, wie sein noch totenbleiches Gesicht und die tiefen Falten auf der Stirn und seitlich vom Mund bewiesen. Wenn er die Fäuste ballte, zitterte sein ganzer Körper, was kein Wunder war, denn langsames Ersticken ist eine ganz schauderhafte Todesart, schlimmer, als die lebhafteste Einbildungskraft es sich ausmalen kann.

Mein Gefangener starrte ausdruckslos an MacMore vorüber nach dem Horizont, wo er zweifellos die drohenden Gottheiten seiner Rasse zu sehen glaubte. Er war nämlich – mindestens zu sieben Achteln – indianischer Abstammung und offenbar davon überzeugt, schon mit einem Fuß in den ewigen ›Jagdgründen‹ zu stehen, obwohl nichts auf seinem unbeweglichen Gesicht diese Befürchtung verriet. Eine stumpfsinnige Bestie, werden vielleicht manche sagen – ein stiller Held, möchte ich behaupten, denn er hing bestimmt genau so wie irgendein anderer Mensch am Leben, das er, ohne einen Laut von sich zu geben, verlieren würde.

Als ich ihn fragte, wie er sich zu einer so scheußlichen Tat erniedrigen konnte, zuckte er die Achseln und antwortete:

»Señor Warder, ich habe wirklich keine Lust, darüber zu sprechen.«

Das klang durchaus nicht frech oder herausfordernd, sondern war nur die einfache Feststellung einer Tatsache.

Ich wandte mich dem Kleinen zu.

»Der Bursche hat dich zwar um ein Haar umgebracht«, sagte ich, »aber trotzdem möchte ich darüber bestimmen, was mit ihm geschieht – ist dir das recht?«

»Selbstverständlich – die Beute gehört dem Sieger«, erwiderte er, »hoffentlich werden Sie ihn aber doch mindestens auspeitschen.«

Seine Worte gefielen mir, doch beinahe hätte ich über sie gelacht, denn dieser Mexikaner hätte lieber zehn Tode erlitten als eine so schimpfliche Behandlung.

Ich schnitt ihm die Fesseln durch und gab ihm seine beiden Revolver und das Messer zurück – MacMore, der dabei war, sich wieder anzuziehen, hielt damit inne und riß Mund und Nase auf.

»Ich fordere nur eins von dir«, erklärte ich dem Mexikaner, »du mußt mir versprechen, den Sattel nicht auf den nackten Rücken deines Pferdes zu schnallen und es vorläufig nicht zu reiten.«

Das war doch wahrhaftig nicht zuviel verlangt, denn eigentlich hatte er ja sein Leben verwirkt, der Kerl aber sah mich so verdutzt an, als ob er es nicht für möglich halte, daß ich tatsächlich von ihm erwarte, einmal zu laufen, statt zu reiten – dann senkte er verlegen den Blick auf die sichtlich sehr engen und spitzen Stiefel. Es gibt nämlich auf Gottes Erdboden nur eine Menschensorte, die noch schlechter zu Fuß ist als ein texanischer Cowboy, und das ist ein mexikanischer Rinderhirt!

Ich zeigte meinem Gefangenen, wie er die Satteldecke legen müsse, damit das Gewicht des Sattels das Rückgrat seines Kleppers nicht weiter wundscheuere – er sah zu, biß sich dabei auf die Lippen und nickte. Dann fragte ich ihn nach seinem Namen: Pedro Onate hieß mein ergebenster Diener.

»Also dann schwöre mir jetzt beim heiligen Petrus, deinem Schutzpatron, daß du das Pferd vor Ablauf von drei Tagen nicht reiten wirst!«

Er machte ein dummes Gesicht, bequemte sich dann aber doch dazu, den Schwur zu leisten – den Namen des Heiligen sprach er mit einer Miene aus, als ob er ihm die Zunge verbrenne. Dafür zu danken, daß ich ihn so billigen Kaufes laufen ließ, hielt er nicht für nötig. Als wir nach Süden weiterritten, blieb er stehen und sah abwechselnd auf seinen armseligen Schinder und das felsige Land ringsumher – was in seinem Gehirn dabei vorging, wußte ich ganz genau.

»So eine gefühlsrohe Bestie«, sagte der Kleine empört, »nicht einmal gedankt hat er Ihnen dafür, daß Sie ihm sein elendes Leben geschenkt haben! ... Außerdem möchte ich wetten, daß er schon in einer halben Stunde wieder auf dem armen Tier sitzt.«

»Mein lieber MacMore«, entgegnete ich, »diese Wette würdest du bestimmt verlieren. Es gibt nämlich nicht Schießeisen genug auf der Welt, die ihn mit Gewalt vor Ablauf von drei Tagen in den Sattel bringen könnten.«

»So halten Sie ihn letzten Endes doch für ehrlich?«

»Er hat eine Heidenangst vor Sankt Petrus, das ist seine Ehrlichkeit.«

Der Kleine blieb eine Weile in Gedanken versunken, dann fuhr er plötzlich auf:

»Herrgott, ich hab' Ihnen ja auch noch gar nicht gedankt!«

»Ist auch völlig überflüssig – zumal du das Leben, das du durch mein Dazwischentreten wiederbekommen hast, doch nicht lange behalten wirst.«

Er sah mich verblüfft an.

»Das verstehe ich nicht«, sagte er.

»Stell dir mal ein noch blindes Kätzchen vor, das jemand mitten in den reißenden Mississippi hineingeworfen hat – glaubst du, daß es große Aussichten hat, das Ufer zu erreichen?«

»Bin ich denn ein blindes Kätzchen?« fragte er, ein wenig gekränkt.

»Nein«, erwiderte ich, »hier ist ja auch nicht der Mississippi.«

Er dachte eine Weile nach, dann schien er meine Andeutung verstanden zu haben, denn er wurde über und über rot.

»Na ja«, sagte er, »ich gebe zu, daß ich mich hier nicht sonderlich gut auskenne, aber schließlich kann doch jeder mal Pech haben – das wird jetzt schon anders werden.«

»Solche Sachen sind in Mexiko kein persönliches Pech«, entgegnete ich, »sie gehören vielmehr zur Natur des Landes, genau wie die Dinger da!«

Dabei zeigte ich auf die bajonettartigen Riesenkakteen, die überall auf der sandigen Ebene rings wie Skelette aufragten – wir hatten nämlich inzwischen das bergige und hügelige Gelände hinter uns. Der Weg, dem wir folgen mußten, war wie mit einem Kreidestrich vorgezeichnet, doch dieser Strich bestand aus den gebleichten Knochen von Pferden, Hunden und Rindern, die unterwegs zusammengebrochen waren. Selbstverständlich soll das nicht heißen, daß man nun dauernd Knochen unter den Füßen gehabt hätte, die weißen Stellen ›markierten‹ aber deutlich genug die Straße.

Eigentlich hätte meine Andeutung ja genügen müssen, doch da ich es mit einem Greenhorn zu tun hatte, führte ich weiter aus:

»Sogar die flache Wüste, die du da vor dir siehst, hat Klauen und Zähne, wenn du weißt, was ich mit diesem bildlichen Ausdruck gesagt haben will. Alles, was auf vier Beinen hier herumwimmelt, verfügt entweder über große Schnelligkeit, um fliehen, oder besonders starke Kinnbacken, um zupacken und festhalten zu können. Sieh dir zum Beispiel die Kaninchen an: sie sind so ausgedörrt, daß sie im Grunde nur aus Fell und Sehnen bestehen. Rennen können sie wie der Wind und verdammt schlaue Biester sind sie auch, aber Füchse und Wölfe schnappen sie doch. Und nimm einen Wolf – nichts als Haut und Knochen ist so ein Vieh, aber es kann einen ganzen Tag lang laufen und eine ganze Nacht hindurch kämpfen. Und so ähnlich steht es auch mit den Menschen! Du hast ja gesehen, wie dieser Pedro Onate sich benommen hat – von einer göttlichen Ruhe und Gelassenheit war er, obwohl er überzeugt davon war, daß er in der nächsten Sekunde sterben müsse. Weißt du, woher das kommt? Weil die Leute in dieser Gegend hier mit dem Tod auf du und du stehen, er schreckt sie nicht, denn an etwas, was man tagtäglich vor sich sieht, gewöhnt man sich.«

Die Sonne war inzwischen untergegangen, in ihrem roten Widerschein, der sich über den ganzen Himmel ergoß, zogen Adler und Bussarde in majestätisch mühelosem Flug ihre Kreise. Ich zeigte mit der Hand nach ihnen, der junge Mensch blickte zu ihnen empor.

Mir war klar, daß meine Worte einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht hatten – die Röte wich aus seinen Wangen, er war weiß wie die gebleichten Knochen rings.

»Ich verstehe, was Sie meinen«, sagte er schließlich, »aber das ändert nichts daran, daß ich weiter muß.«

»Gewiß mußt du weiter, mein Sohn«, entgegnete ich, »aber in nördlicher Richtung! Wirf deinen Gaul herum, reite zu und halte nicht an, bevor du nicht den Rio Grande wieder hinter dir hast! Tust du das nicht, wirst du höchstens den Kreidestrich da mit deinen Knochen verstärken.«

Er schauerte zusammen, aber ich hatte wirklich nicht zu dick aufgetragen – das Herz tat mir weh bei dem Gedanken, daß das kleine, tapfere Kerlchen sich auf ein Spiel einließ, bei dem alle Karten ›gezinkt‹ waren und gegen ihn schlagen mußten.

Ich beschloß also, das Eisen zu schmieden, solange es heiß war, und fuhr fort:

»Hier hat sogar das Gras Dornen, und du verstehst ein Messer höchstens bei Tisch zu gebrauchen! Ich wette mein ganzes Geld, das ich bei mir habe, gegen einen alten Hosenknopf, daß du nicht einmal den schwarzen Felsen da über uns mit einer Kugel treffen würdest.«

Er seufzte.

»Ich habe in der Tat in meinem ganzen Leben noch keine Schußwaffe in der Hand gehabt«, gab er einigermaßen beschämt zu.

»Dann mach, um Gottes willen, daß du nach Hause kommst!« rief ich.

Er schüttelte den Kopf, erwiderte aber nichts.

Ich hatte also all meine Weisheit an einen albernen Dickkopf verschwendet!

Dabei war der Bengel trotz seinem zarten, fast mädchenhaften Gesicht eigentlich ein wirklicher Mann, ein ganzer Kerl! Ich hätte heulen mögen, wenn ich mir vorstellte, was dem armen Jungen hier in Mexiko noch alles bevorstand ...

*

Wir kamen schließlich an eine Art Weggabelung, und ich beschloß, mich von meinem Begleiter zu trennen – ein längeres Zusammensein war ja auch für ihn kein Vorteil, und ich würde ohne eine solche zwecklose Belastung gerade genug damit zu tun haben, mich meiner eigenen Haut zu wehren.

»Ich muß jetzt hier nach rechts abbiegen«, sagte ich darum, »also laß es dir gut gehen! Wo willst du denn eigentlich hin?«

»Nach San Clemente«, erwiderte der Kleine.

An sich war das nicht so sonderbar, denn San Clemente ist ja die größte Stadt, die an dieser Straße nach dem Süden liegt, aber mich verblüffte die Antwort doch, denn es war das dritte Mal, daß sich unser Geschick gewissermaßen ineinander verwob: erstens war der Bengel schuld daran, daß ich mich von meinem Chef breitschlagen ließ, zweitens war er mir hier in die Arme gelaufen, und drittens hatte er nun gar das gleiche Ziel wie ich ...!

»Nach San Clemente?« schrie ich ihn an. »Was, in drei Teufels Namen, hast du denn da zu suchen?«

Ich hatte Larry schon nach rechts gewendet, riß ihn aber herum und sah den Kleinen durchbohrend an.

Er hielt meinem Blick stand, richtete sich ein wenig im Sattel auf und erklärte ruhig:

»Sie sind doch, soviel ich weiß, nicht mein Beichtvater.«

»Aber du bist ein kleiner Frechdachs!« schnob ich ihn an. »San Clemente ist die Stadt, in der der ›Tiger‹, der Schrecken der ganzen Landschaft am Rio Grande, haust, der Mann, der zwei Greenhörner von deiner Güte jeden Morgen zum Frühstück verzehrt wie unsereins ein Hammelkotelett! ... Wenn ich so etwas höre – nach San Clemente will er! Mach lieber, daß du nach Hause kommst.«

Der Kleine zuckte die Achseln.

»Sie regen sich ganz unnötig auf«, sagte er, »ich muß und werde nach San Clemente gehen.«

»Himmeldonnerwetter – was hast du denn da zu tun? Glaubst du etwa, man kann dort Leute wie dich gebrauchen?«

»Ich muß meinen Bruder besuchen«, antwortete er.

Das gab der Sache allerdings ein anderes Gesicht.

Doch ich kannte San Clemente – teuer genug hatte ich diese Kenntnis mit Gefahren für Leib und Seele bezahlt! – und ich kannte daher auch die Sorte von Amerikanern und anderen Ausländern, die sich dort herumtrieb. Eine hübsche Mustersammlung von Gaunern gab es da, denn San Clemente übt eine seltsame Anziehungskraft auf verbrecherische Fremde aus. Diese hatten in den Zeiten, als zehn Dollars, die man richtig in Mexiko anlegte, so viel wert waren wie anderswo zehntausend, sich der Goldbergwerke bemächtigt, indem sie die ursprünglichen Besitzer durch ihre gemieteten Strolche daraus verjagten. Als sich das Blatt dann aber wandte, die Eingeborenen sich zusammentaten und energisch ihr Eigentum zurückforderten, da fingen die ausländischen Wölfe an, nach Hilfe zu heulen, sandten ›im Namen der Gerechtigkeit‹ wütende Proteste an ihre Regierungen daheim in Washington und London und verlangten die Entsendung von Truppen zum Schutz ihrer ›wohlerworbenen Rechte‹, die ungefähr ebenso wohlerworben waren wie die Rechte einer Seeräuberbande auf ein von ihr gekapertes Schiff.

So sahen die Herren Bergwerkbesitzer aus, die um sich eine Gefolgschaft sammelten, deren Mitglieder natürlich auf der gleichen moralischen Höhe standen. Geächtete, Straßenräuber, Diebe, Einbrecher, Hehler, Halsabschneider, Taschendiebe, Trunkenbolde und Rauschgiftschmuggler – jeder war ihnen recht, vorausgesetzt, daß er mit Messer und Revolver umzugehen verstand, wobei es keine Rolle spielte, ob einer von vorn oder von hinten angriff. Kein Wunder also, daß die Mexikaner, die entweder Abkömmlinge besten kastilianischen Blutes mit allen Merkmalen dieser hochgezüchteten Rasse, oder Mischlinge mit breitem Gesicht und verwaschenen Zügen sind, alle Ausländer abgründig haßten und diesen Haß auch meist durchaus nicht verhehlten.

Als MacMore mir sagte, er habe einen Bruder in San Clemente, machte ich mir, da ich die Stadt und ihre Bewohner genau kannte, sofort ein Bild von diesem Bruder, und daß dies keins war, das man sich unter Glas und Rahmen an die Wand hängt, kann man sich ja denken. Vor meinem geistigen Auge tauchte vielmehr ein Trunkenbold auf, ein Schurke, Schießer, Mörder, Taugenichts, der entweder sehr tapfer oder sehr feige sein mußte.

»Wie heißt denn dein Bruder?« fragte ich den Kleinen.

»Patrick MacMore.«

»Und seit wann ist er in San Clemente?«

»Seit acht Jahren«, erwiderte er.

Da war ich allerdings platt und gezwungen, mein Bild von dem Bruder in einigen Einzelheiten zu berichtigen, denn wenn er schon seit acht Jahren in San Clemente lebte, mußte er entweder ein außerordentlicher Held oder ein Schuft von ungewöhnlich hohen Graden sein. Die längste Zeit, die einer es dort durchschnittlich aushielt, waren nämlich höchstens zwei bis drei Jahre, meistens aber genügten schon zwölf Monate, um selbst das verhärtetste Gemüt nach einer Fahrkarte in die Heimat flennen zu lassen.

»So, so – acht Jahre«, meinte ich. »Und was treibt er da?«

»Er ist Goldgräber.«

»Was du nicht sagst! ... Hat er ein eigenes Bergwerk?«

»Jawohl – er besitzt ein Schürfrecht und ein kleines Bergwerk.«

»In dem er selber, womöglich ganz allein, nach Gold gräbt?«

»Gewiß ... Warum sehen Sie mich denn da so verwundert an?«

Na ja, möglich war das ja immerhin – in Mexiko ist schließlich alles möglich! – aber von einer Million Männern hatte sicher nur einer den Mut, allein in den Bergen von San Clemente zu leben und sein Gold mit dem Kaffeelöffel auszuscharren. Solche kleinen Unternehmungen waren ja gerade ein gefundenes Fressen für die organisierte Gaunerschaft der Großen, die sie sich mit einer einzigen Flintenkugel ›kauften‹ und dann in allergrößtem Stile ausbeuteten. Unmöglich war es, wie gesagt, nicht, daß ein Weißer sich unter diesen Umständen acht Jahre halten konnte, aber doch höchst unwahrscheinlich.

»Ich mußte nur an das einsame Leben denken, das dein Bruder führt«, entgegnete ich.

»Nicht wahr?« erwiderte der Junge gefühlvoll. »Das ist's ja auch, was mir so leid tut, und darum will ich ihn ja auch endlich einmal besuchen.«

»Jedenfalls muß dein Bruder mächtiges Glück gehabt haben.«

»Halten Sie es für ein Glück, wenn ein Mann acht Jahre wie ein Galeerensklave für seine Familie arbeiten muß?«

»Ach, er ist verheiratet?«

»Nein, er arbeitet für unsere Mutter, meine Schwester und mich – so beschämend dies Geständnis auch für mich sein mag. Er sorgt für alles, hat mich ins Gymnasium geschickt, aber er will einfach nicht nach Hause kommen, sondern weiter für uns scharwerken – na, und da hab' ich mich denn kurz entschlossen, ihn aufzusuchen.«

»Wohl um ihn zurückzuholen?« fragte ich ein wenig spöttisch.

Der Kleine lachte.

»Patrick MacMore kann niemand zurückholen«, erklärte er überzeugt, »aber vielleicht gelingt es mir, ihn zu überreden, daß er mir wenigstens so lange seinen Platz einräumt, daß er einmal nach Hause reisen kann.«

Ich mußte bei dem Gedanken, daß dieses grüne Kerlchen sich einbildete, den Platz eines Mannes ausfüllen zu können, unwillkürlich lächeln.

»Weiß denn dein Bruder, daß du kommst?« fragte ich.

»Ich hab' ihm vor einiger Zeit den Vorschlag gemacht, ihn zu besuchen, aber er schrieb mir zurück, daß ich das unter gar keinen Umständen dürfe – jetzt will ich ihn einfach überraschen.«

Das wird eine hübsche Überraschung für ihn geben, dachte ich, doch ich fragte nur vorwurfsvoll:

»Wie kannst du aber so leichtsinnig gegen seinen ausdrücklichen Befehl handeln?«

»Erlauben Sie mal – schließlich bin ich doch geradesogut ein MacMore wie er!«

»Ein Schafskopf bist du«, sagte ich, glücklicherweise nur halblaut, so daß er mich nicht recht verstand und mißtrauisch fragte:

»Wie meinten Sie eben?«

»Ich hab' mir die Sache anders überlegt«, entgegnete ich, »da ich nach derselben Stadt will wie du, kann ich auch den linken Weg wählen und mit dir zusammen reisen – das heißt natürlich, wenn dir das recht ist.«

»Ob mir das recht ist?« rief der Junge begeistert. »Das ist ja mehr, als ich zu hoffen gewagt habe!«

Ich machte ihm klar, daß ich eigentlich der schlechteste Reisegefährte sei, den er sich aussuchen könnte, da mit tödlicher Sicherheit allerlei Gefahren auf mich lauerten, aber das machte nicht den geringsten Eindruck auf ihn, er war zufrieden, überhaupt einen Begleiter zu haben.

Jedenfalls hatte ich mir da zu der schwierigsten Aufgabe, die ich je zu lösen bekommen hatte, eine recht überflüssige Sonderbelastung aufgehalst, aber ich hielt das für meine Pflicht. Den Bengel allein nach San Clemente zu lassen, wäre ebenso gewissenlos gewesen, als wenn ich ein hilfloses Kind in einen Tigerkäfig geschickt hätte – ein Vergleich, der mir sehr gefiel, da es sich ja tatsächlich auch bei ihm um den ›Tiger‹ handelte.

Wir ritten im Zwielicht weiter, dann wurde es Nacht, doch nachdem sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sahen wir ganz gut, zumal es sternenklar war – das heißt, ich sah ganz gut, wie es mit dem Kleinen in dieser Beziehung stand, weiß ich nicht.

Sein Pferd fing an zu stolpern, es war sichtlich todmüde, jedoch nicht von dem Gewicht des Reiters, sondern von dessen grenzenlos schlechtem Reiten. Der arme Denny MacMore – auch seinen Vornamen hatte er mir inzwischen genannt – rutschte verzweifelt von einer Seite auf die andere, fand aber offenbar überall die nämlichen wunden Stellen. Ich wußte, daß er das Gefühl hatte, als ob sein Rückgrat gebrochen sei, als ob ihm ein Mühlrad im Kopf herumgehe, und sein Magen sich vom übrigen Körper trennen wolle, aber er klagte nicht mit einer Silbe. Ich bewunderte ihn aufrichtig – zweifellos war er aus dem Holz, aus dem man echte Männer, sogar Westmänner, schnitzt, und ich wäre vielleicht nicht der Ungeeignetste gewesen, ihn dazu zu formen, wenn meine Zeit ausgereicht hätte – aber die war ja leider zu kurz, besonders wenn Pedro Onate es sich angelegen sein ließ, die Nachricht, daß Joe Warder sich südlich vom Rio Grande befand, möglichst rasch und weit zu verbreiten.

Erst als ich einen einigermaßen geeigneten Lagerplatz entdeckte, machte ich den Vorschlag, für heute Rast zu machen. Die Stelle hatte genügend Wasser, das allerdings ekelhaft alkalisch schmeckte, aber wenigstens naß war – mehr kann man in der Wüste schließlich auch nicht verlangen – und Holz, um ein Feuer anzuzünden – allerdings mußten wir eine halbe Meile laufen, um genügend zusammenzubekommen.

Ich beobachtete den Kleinen, ohne daß er es merkte – er hielt sich ganz prachtvoll. Er war so müde, daß seine Knie einknickten, ließ aber nicht locker, sondern zwang sich dazu, alles genau so zu erledigen, wie er es mir absah. Wenn er so bei der Stange blieb, war er in zehn Tagen ein ganz brauchbares Mitglied der menschlichen Gesellschaft.

Ich hatte kurz vor Eintritt der Dunkelheit ein paar von der gleichen, schuhsohlenharten Kaninchenart geschossen, die schon meine letzte Mahlzeit gebildet hatte. Der Kleine hockte sich mir gegenüber nieder, zog seinen Anteil sauber ab, wie ich es machte, steckte ihn auf lange Holzstäbe und röstete ihn genau wie ich. Dabei sank ihm der Kopf vor Mattigkeit auf die Brust, sein Gesicht war eingefallen und gefurcht vor Erschöpfung, doch wenn ich zu ihm hinüberschielte, grinste er mich jedesmal freundlich an. Es war schon eine rechte Freude, das tapfere Kerlchen bei sich zu haben! ...

Doch so wacker er sich beherrschte, während er wachte – als er eingeschlafen war, fiel das natürlich fort, und so bin ich in jener ersten Nacht nicht viel zum Schlafen gekommen. Er warf sich hin und her, stöhnte, ächzte und phantasierte – offenbar durchlebte er den ganzen Tag noch einmal im Traum.

Schließlich schlief ich doch ein, und ich bekam auch meinen Teil an quälenden Träumen ab. Immerfort hatte ich mit einem riesigen gestreiften Tiger zu tun, der sich plötzlich in einen Mann verwandelte und dann wieder zurück in einen Tiger, der mir die gewaltige Tatze in die Brust schlug.

Verstört und wie gerädert wachte ich auf – Gott sei Dank war es bereits wieder hell.

*

Tag um Tag ritten wir weiter nach dem Süden, ohne daß auch nur ein kleines Wölkchen am Himmel aufgezogen wäre, das uns gegen die mitleidlose Glut der Sonne geschützt hätte.

Allerdings war uns bis jetzt auch noch kein Feind begegnet, aber dadurch ließ ich mich nicht in Sicherheit wiegen, denn ich wußte nur zu genau, daß auch in diesem Falle aufgeschoben nicht aufgehoben ist. So bestimmt, wie ein Gewitter in Panama Regen bringt, so bestimmt würde ich den drohenden Gefahren nicht entgehen – ich konnte also nur hoffen, ihnen so lange wie möglich auszuweichen.

Selbstverständlich hätte ich mich zehnmal sicherer gefühlt, wenn ich allein gewesen wäre, denn der Kleine bedeutete nicht nur keinen Kraftzuwachs für mich, sondern sogar eine schwere Belastung. Wahr und wahrhaftig, ohne jede Hilfe eine hundertköpfige Rinderherde mitzuführen, wäre leichter und mir lieber gewesen!

Der Junge war hilflos, sein Fall hoffnungslos!

Ich hatte mir eingebildet, einen gelehrigen Schüler an ihm zu haben, weil er zwei der besten Eigenschaften besaß, die es auf der Welt gibt – weil er klug und willig war –, aber an ihm waren trotzdem Hopfen und Malz verloren.

Ich zeigte ihm, wie man mit Gewehr und Revolver umgehen muß, er verpulverte lange Zeit jeden Tag pfundweise meine Munition, aber die Sache wurde immer schlechter, statt besser. Wenn er schoß, gab es in der ganzen Landschaft nur einen sicheren Platz – den unmittelbar hinter ihm! Dabei bemühte er sich ehrlich, gut zu schießen, aber er war noch weniger als völlig unbegabt. Schließlich redete ich ihm zu, den Versuch aufzugeben, weil mich die Geschichte zuviel Munition koste, in Wirklichkeit aber, weil ich überzeugt war, daß er doch niemals ein Ziel treffen würde, das kleiner war als eine Gebirgskette.

Er sah das denn auch ein und tröstete sich mit der Aussicht, daß sein Bruder es ihm schon beibringen würde – der große Patrick MacMore konnte ja alles.

Sein dauerndes Geschwätz über diesen Familienhelden ging mir allmählich auch auf die Nerven.

»Er ist doch dein Bruder«, sagte ich ihm einmal, »warum nennst du ihn dann nicht Pat oder Paddy, wie es andere Leute tun, die von einem Verwandten reden, der Patrick getauft ist?«

»Aber er ist doch das Oberhaupt der MacMores«, erwiderte der Bengel und sah mich so vorwurfsvoll an, als ob dieser MacMore ein Heiliger oder wenigstens ein Erzengel sei.

Dabei hatte Denny unbedingt Sinn für Humor, aber der ließ ihn vollständig im Stich, sobald er von diesem Bruder zu sprechen anfing. Er mochte noch so verstaubt und durstig sein, über Patrick MacMores Klugheit, Schlagfertigkeit, Körperkraft, Mut und Seelengröße konnte er stundenlange Vorträge halten. Er ersparte mir keine Einzelheit über alle möglichen Heldentaten, die der große Patrick in seiner Heimatstadt ausgeführt hatte und von denen ganze Generationen von Schuljungen angeblich noch träumten. Dieser MacMore konnte, wenn man dem Kleinen glauben durfte, schneller laufen, höher und weiter springen, besser boxen, reiten und schießen als irgendein anderer Mensch auf Gottes Erdboden. Der Junge bekam förmliche Verzückungskrämpfe, wenn er von diesem abwesenden Bruder sprach, aber je mehr er erzählte, um so überzeugter wurde ich, daß da irgendwo doch eine Fliege in der Buttermilch schwimmen müsse. Dieser Patrick MacMore war zweifellos ein guter Schütze, da er alle die Jahre hindurch seine Angehörigen so reichlich mit Geld hatte versehen können, unbegabt war er bestimmt auch nicht, denn es gehört schon unbedingt etwas dazu, in so jungen Jahren sich ein so glänzendes Einkommen zu schaffen, aber ich war mir klar darüber, daß irgend etwas bei ihm nicht stimmen müsse, da er sonst doch Mexiko wenigstens einmal verlassen hätte, um seine Leute daheim zu besuchen.

»Na, Denny«, sagte ich öfters zu dem Kleinen, »wenn dein Bruder so ein Mordskerl ist, wird er mir am Ende die ganze Arbeit abnehmen und den ›Tiger‹ alleine fangen – was?«

»Gewiß«, erwiderte er dann mit todernster Miene, »den Gefallen wird er Ihnen schon tun – da Sie immer so freundlich zu mir gewesen sind, kann er Ihnen das ja gar nicht abschlagen! Er wird sich bestimmt Ihrer annehmen und dafür sorgen, daß Sie Mexiko heil und unversehrt verlassen.«

Da platzte mir denn doch einmal die Geduld.

»Alberner Dummkopf«, schnob ich ihn an, »bildest du dir denn wirklich ein, daß dein Patrick MacMore über die Kräfte einer Armee verfügt?«

Denny sah mich ganz entgeistert an.

»Sie können das jetzt nicht verstehen«, sagte er schließlich, »aber Sie werden es begreifen, wenn Sie ihn erst einmal gesehen haben.«

»Er hat wohl ein Auge mitten auf der Stirn – wie der selige Polyphem?« höhnte ich.

»Das nicht, aber er hat einen Blick, vor dem selbst Sie zusammenschauern werden«, entgegnete der Kleine, und dann fing er an leise in sich hinein zu lachen.

Ich muß gestehen, daß seine Rede doch einen gewissen Eindruck auf mich machte – es war ja immerhin denkbar, daß dieser Patrick eine so außergewöhnliche Persönlichkeit war, daß Worte nicht imstande waren, sein Wesen richtig zu schildern.

Vorläufig allerdings hatte ich es nur mit seinem jüngeren Bruder zu tun, und das war aufregend genug – kein Tag verging, ohne daß ich ihm nicht am liebsten den Hals umgedreht hätte!

Wenn er das Hackmesser benutzte, schlug er sicher mit der Schneide gegen den Felsen, brach den Griff ab oder zerschnitt sich, damit abrutschend, die Stiefel – irgend etwas mit der Brennweite seiner Augenlinsen mußte wohl nicht stimmen, oder er schloß die Lider im Augenblick des Zuschlagens, wie er es auch tat, wenn er ein Gewehr oder einen Revolver abdrückte. Ein Stück Fleisch, das er briet, war entweder roh oder zu Asche verbrannt, zum Satteln seines Pferdes benötigte er eine gute halbe Stunde, und wir verließen keine Lagerstelle, ohne daß er nicht umkehren mußte, weil er irgend etwas hatte liegen lassen. Jedesmal mußte ich ihn dann daran erinnern, ein Kreuz zu schlagen, um das Pech, das dieses Zurückgehen bringt, zu bannen – auch das vergaß er regelmäßig.

Aber mit Büchern wußte er Bescheid – ganze Wagenladungen mußte er davon auswendig gelernt haben, denn er konnte stundenlang aufsagen, sogar richtige Verse! Auch Musik war seine starke Seite – Liedchen kannte er haufenweise, pfiff wie ein Vogel und sang auch recht hübsch. Trotz seinem mädelhaften Äußeren war er aber nicht etwa ein Tenor, er hatte einen tiefen Bariton, und wenn er losschmetterte, schlug er jeden Sänger, den ich bisher gehört habe, was etwas heißen will, denn ich habe sehr gute und geschulte gehört.

Musik und eine laute, kräftige Stimme sind etwas sehr Schönes für einen, der in seinem behaglichen Haus sitzt, das von ein paar ordentlichen Doggen bewacht wird, – weniger empfehlenswert dagegen sind sie, wenn man sich in unserer gefährlichen Lage befindet und mehr Wild als Jäger ist. Ich hauchte ihn denn auch immer nicht schlecht an und verbat mir sein tolles Gesinge, er aber entschuldigte sich dann stets damit, er habe ganz vergessen, wo er sei. Ich bin davon überzeugt, daß das stimmte, denn absichtlich hat er mich sicher nicht ärgern wollen, dazu war er zu anständig und zu gut erzogen. Aber schließlich, was nützten mir Anstand und gute Erziehung, wenn er sich alle Augenblicke wieder vergaß und loslegte, daß Berg und Tal erdröhnten? ...

Alles in allem habe ich weder vorher noch nachher einen hilfloseren Menschen gesehen, einen, der so beängstigend langsam lernte und so wenig Sinn für den wahren Wert der Dinge gehabt hätte. Bücher und deren Inhalt mochte er richtig beurteilen können, von dem aber, was im Buche der Natur geschrieben steht, hatte er keinen blassen Schimmer.

Als wir eines Tages lagerten, schickte ich ihn, Holz zu holen, er aber blieb so lange, daß ich Angst bekam, er hätte sich verlaufen – auf den Gedanken, mir durch ein Rauchsignal zu zeigen, wo er stecke, kam er natürlich nicht. Ich fing also an, nach ihm zu suchen, schrie mich fast heiser und fand ihn endlich, gut eine Viertelmeile entfernt, mit einem Stock auf etwas herumstochern, das sich auf dem Boden wand und ringelte.

Ich traute meinen Augen nicht – es war eine richtige, anderthalb Meter lange Klapperschlange. Den Bruchteil einer Sekunde war ich versucht, den Bengel seinem Schicksal zu überlassen, damit er endlich einmal eine Lehre erhielte, die er sein Lebenlang nicht vergessen würde, aber dann zog ich den Colt und erschoß das Vieh.

Denken Sie, Denny MacMore hätte mir dafür gedankt? Er kam gar nicht darauf, daß er einen Grund zur Dankbarkeit hatte!

»Ich war gerade dabei, es zu schaffen«, sagte er vorwurfsvoll.

»Was zu schaffen?«

»Die Schlange lebendig zu fangen. Dazu hatt' ich mir ja den gegabelten Zweig hier genommen – so fängt man Schlangen doch, nicht wahr?«

»Allerdings – aber doch nicht mit einem Stöckchen, das halb so lang wie dein Arm ist!« schrie ich außer mir. »Was, im Namen aller, die noch nicht im Irrenhaus sitzen, wolltest du denn mit dem Biest anfangen?«

Er zögerte, dann sagte er verlegen:

»Das Tier hat doch eine so wunderschöne Haut.«

»Wolltest du ihm die lebendigen Leibes abziehen?« fragte ich.

Darauf antwortete er nichts, aber er war entschieden gekränkt und sichtlich niedergeschlagen – auf dem Rückweg zum Lager stolperte er zweimal und verlor dabei die Hälfte seiner Holzlast, die ich wieder zusammenlesen mußte. So war es immer – ich hatte die Arbeit und den Ärger dazu!

Als wir endlich am Feuer saßen, lächelte er mich plötzlich unvermittelt an – sein Lächeln hatte etwas so Gewinnendes, daß man ihm einfach nicht böse sein konnte.

»Jedenfalls haben Sie fabelhaft geschossen«, sagte er, »gerade mitten durch den Kopf – besser hätte sogar Patrick kaum schießen können.«

»In so einem Fall besorgt die Schlange das Zielen selbst«, entgegnete ich.

Er sah mich verständnislos an.

»Jawohl – sie richtet nämlich ihren Kopf genau auf die Mündung der Waffe«, fuhr ich fort, wandte mich meiner Kocherei zu und überließ ihn seinem maßlosen Erstaunen.

Aus solchen Einzelheiten kann man sich ungefähr ein Bild davon machen, wie mühselig wir uns so nach dem Süden durchstümperten. Der Kleine wurde von Tag zu Tag gebräunter und dünner, lernte aber nicht das geringste, nicht einmal anständig Reiten. Immerhin ertrug er die Strapazen leichter und war immer vergnügt, außer wenn ich ihm auf den Kopf kommen mußte. Wenn ich ihn dann so niedergeschlagen sah, verflog mein Zorn sehr rasch, und dann sagte ich ihm, die Sache sei erledigt, nur um ihn wieder aufzuheitern. Fünf Minuten aber, nachdem ich ihn angeschnauzt hatte, weil er mit seinem lärmenden Gesang das Echo geweckt hatte, sang er schon wieder aus Freude darüber, daß ich ihm nicht mehr böse war! Was sollte ich mit einem solchen Menschenskind anfangen? ...

Trotz allem Krach, den er machte, und trotz allen Unvorsichtigkeiten, die er beging, hatten wir bis jetzt unangenehme Begegnungen vermeiden können, als wir aber noch zwei Tagesritte nördlich von San Clemente waren, sah ich plötzlich eine Staubwolke hinter uns, die nicht der Wind aufgewirbelt haben konnte. Nach wenigen Augenblicken schon erkannte ich denn auch vier Reiter, die wie die Wahnsinnigen ritten – der Richtung nach, die sie einhielten, wollten sie uns den Weg abschneiden.

Das war natürlich nur eine Annahme von mir, denn warum sollten hier nicht Menschen reiten? Sogar ihre Eile war genügend begründet, denn ungefähr drei Meilen vor uns befand sich eine Wasserstelle mit ausgezeichnetem klaren Wasser. Trotzdem, und wenn ich auch nicht abergläubisch bin und auf Vorahnungen und solche Dinge nicht das mindeste gebe – mir war sofort klar, daß die vier Kerle es auf meinen Skalp abgesehen hatten.

Ich rief meine Vermutung dem Kleinen zu, und dann sausten wir los, so schnell unsere Gäule laufen konnten.

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