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Der Schrecken vom Rio Grande

Max Brand: Der Schrecken vom Rio Grande - Kapitel 2
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDer Schrecken vom Rio Grande
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
year1937
translatorFranz Eckstein
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171010
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Während der letzten Unterredung, die ich mit dem Chef vor meiner Abreise in der »Tiger«-Angelegenheit hatte, hab' ich den Kleinen zum erstenmal gesehen.

Der Chef hatte mir mächtig zugesetzt – so unbarmherzig, daß mir einfach nichts anderes übrigblieb, als zum Fenster hinauszustarren, und dabei sah ich den Kleinen mitten in der schönsten Keilerei.

Doch erst will ich vom Chef erzählen – man soll ja immer mit dem Wichtigsten beginnen, und das ist nun einmal mein Chef.

Er hatte den Rock ausgezogen und die Hemdärmel bis zu den Ellbogen über den behaarten Unterarmen aufgekrempelt, in den Falten seiner klobigen Stirne standen Schweißtropfen. So schwitzte er selbst im kältesten Winter, wenn er aufgeregt war, und nicht aufgeregt hab' ich ihn nur zweimal im Leben gesehen – das war die beiden Male, als er sagte: »Joe Warder, du hast deine Sache gut gemacht!«. Die übrigen Tage von den fünf Jahren, die ich mit ihm bis jetzt zu tun gehabt, hat er immer geschwitzt, geflucht, getobt und mich durch riesige blaugraue Tabakswolken hindurch, mit denen er sich einnebelte, angebrüllt. Heute war seine Stimmung so bedenklich, daß seine Zigarre unter dem Druck seiner feuchten Finger einen Knick bekam.

»Auf der mexikanischen Seite der Grenze habe ich weder Einfluß, noch Machtbefugnisse«, erklärte ich ihm, »denn dort sind mein Amt und mein Abzeichen des Kommissars doch ohne jeden Wert.«

»Natürlich ist das so«, erwiderte er.

»Warum soll ich dann also erst hingehen?«

»Weil ich dir sage, daß du es sollst!« entgegnete der Distriktskommissar.

Dabei stieß er mit der Faust in den Zigarrenqualm – gewissermaßen wollte er ein Loch schaffen, durch das er mich besser mustern konnte, aber ich hielt seinen Blicken stand und fragte nur:

»Was werden aber Ihre hohen Vorgesetzten in Washington von der Geschichte denken?«

»Die werden gar nichts denken, sondern mich einfach rausschmeißen«, erwiderte der Kommissar.

Diese offenherzige Antwort stimmte mich etwas zugänglicher – er aber wurde immer wütender und wütender und fuhr fort:

»Dauernd lümmelst du bequem im Sattel, drehst dir Zigaretten und verteilst abgebrannte Zündhölzer geschmackvoll über die Gegend, und während du und dein Gaul mit offenen Augen schlaft, kommt dieser Schrecken des ganzen Landes, der ›Tiger‹, schon seit drei Jahren über die Grenze, sooft ihm der Sinn danach steht! Hast du denn gar keinen Stolz im Leibe, daß du dir das so ruhig mit ansehen kannst?«

Ich schluckte auch das noch hinunter – wenn der Chef schwitzte, mußte man mancherlei schlucken. »Jetzt scherst du dich aber gefälligst über die Grenze«, brüllte er weiter, »suchst, bis du den ›Tiger‹ findest, und kommst mir nicht ohne den Kerl wieder – verstanden?«

Ich hob den Kopf und gab ehrlich zu, daß ich Angst hätte, dorthin zu gehen.

»Ich bin schon öfters da gewesen«, sagte ich, »man kennt mich dort, wird mir also auflauern und mich gar nicht so weit kommen lassen, daß ich mich mit ›Tiger‹ messen kann.«

Der Distriktskommissar ließ sich grunzend in seinen Sessel zurückfallen und erkundigte sich höhnisch:

»Was verlangst du eigentlich vom Leben, Warder? Ein Häuschen, Weib und Kind, stille, friedliche Beschaulichkeit – was?«

»Nun ja – warum denn nicht?« erwiderte ich keck.

»Sieh dich doch im Spiegel an, du Schafskopf!« schrie der Chef mit erhobener Stimme und schnob dabei wie ein Walroß.

Ich faßte unwillkürlich nach meinem gebrochenen Nasenbein – einen Spiegel hatte ich wahrhaftig nicht nötig.

»Wie alt bist du denn?« wetterte der Gestrenge weiter.

Ich war damals zweiundvierzig – aber das brauchte ich ihm nicht erst mitzuteilen, denn das wußte er, und außerdem fühlte ich, daß er auf seine Frage eine Antwort gar nicht erwartete.

»Glaubst du etwa wirklich, daß du je eine Frau bekommst?« tobte der Chef. »Du Weiberschreck, du fauler Hund, du Tagedieb –«

Das war zuviel – selbst von ihm brauchte ich mir das nicht gefallen zu lassen!

Ich stützte meine Linke auf seinen Schreibtisch und lehnte mich gegen die Rauchmauer nach vorn.

»Jetzt hat's geschnappt«, erklärte ich, »Sie können mich sonstwas – – und mein Amt mag der Teufel holen!«

Er tat, als hätte er gar nichts gehört, sondern ließ meine Worte einfach in seinem wüsten Gepolter untergehen.

»Wer soll die Sache denn machen, wenn nicht du?« kreischte er. »Ich bin zu dick, um durch mexikanische Wüsten zu reiten, Rayns hat nicht den Mut dazu, Clifford ist ein dummer Junge, Jackson kennt die Gegend nicht und Barker kann 's Maul nicht halten – wer bleibt also übrig? Du! Du einzig und allein! ... Viel taugst du ja auch nicht, aber im Augenblick bist du der beste Mann, über den ich verfüge.«

Das klang ja immerhin wie ein Kompliment, doch ich war zu wütend, zu sehr außer mir, obwohl eigentlich, bis auf die letzten Schimpfworte, alles, was er über mich gesagt hatte, durchaus wahr war. Daran, daß ich zweiundvierzig, gewiß nicht leichte Jahre auf dem Buckel hatte, war ebensowenig zu rütteln wie an der Tatsache, daß das edle Gleichmaß meines ohnehin niemals allzu schönen Gesichtes hoffnungslos zerstört worden war, als ein Kerl, den ich verhaften sollte, mir den Revolverkolben mitten auf die Nase schmetterte.

Aber immerhin, alle Frauen wählen ja den Mann, den sie heiraten, nicht nur nach dem guten Aussehen, Gott sei Dank! – vielleicht hatte ich also doch noch eine Aussicht. Ich verlangte im Grunde ja so wenig vom Leben: eine kleine, meinetwegen baufällige Hütte, Weib und Kind, für die ich mit meiner Hände Arbeit sorgen wollte ...

»Ich würde den Auftrag nicht annehmen«, begann ich, »selbst wenn –«

Doch der Chef ließ mich gar nicht aussprechen.

»Ich habe lange gezögert, ehe ich selbst einem so wackeren Mann, wie dir, diesen Vorschlag gemacht«, versicherte er eifrig. »Als ich mir die große Entfernung, die du zurückzulegen hast, all die Revolver und Dolche, denen du ausweichen mußt, all die Kämpfe, die du zu bestehen hast, ehe du überhaupt an ihn herankommst, vergegenwärtigte – wahrhaftig, da war ich drauf und dran, einzugestehen, daß selbst ein Warder die Sache nicht schaffen würde. Glücklicherweise fiel mir zur rechten Zeit aber noch ein, daß du in solchen Dingen noch niemals versagt hast.«

Er stand auf und kam durch die wogenden Rauchmassen auf mich zu.

»Wenn du die Geschichte schmeißt und uns von diesem Schrecken befreist«, rief er begeistert, »mach' ich dich berühmt, Joe! Ich sorge dafür, daß du in die Zeitungen kommst, mein Junge! Du sollst als ehrlicher Mensch bekannter werden, als ›Billy the Kid‹ es als Räuberhauptmann je gewesen ist! Die Kinder sollen dir nachlaufen, wie sie es hinter den Kunstreitern tun, wenn die mit Musik ihren Einzug in die Stadt halten, und die jungen Mädchen sollen blaß werden, wenn sie deine Sporen nur klirren hören. Mit einem Wort: ich mache dich zum großen Mann, Joe!«

Ich wußte, daß er es ehrlich meinte, und es auch in seiner Macht lag, das, was er mir da versprach, durchzuführen, doch ebenso genau wußte ich, wie lächerlich gering meine Aussichten waren. Er schien meine Bedenken zu erraten, denn ehe ich diese äußern konnte, fuhr er fort:

»Du befindest dich also in der Lage eines, der gezwungen ist, alles auf eine Karte zu setzen: gewinnt er, ist er Millionär, verliert er, ist er ein toter Mann. Schließlich – mehr als sterben kannst du nicht, und eine Million ist es schon wert, daß man für sie ein Spiel wagt.«

Weiter sagte er nichts, sondern legte mir seine dicke, behaarte Tatze auf die Schulter und wartete schweigend auf meinen Entscheid – ich aber wandte den Kopf und starrte zum Fenster hinaus. Wie im Traum sah ich die staubbedeckte, von Wagenspuren durchfurchte Straße, über der die heiße Luft zitterte, wie im Traum las ich das Firmenschild des Grobschmiedes gegenüber und an Palmers Kneipe die Worte: »Gepflegte Weine und Biere.«

»Wann, zum Teufel, hat es bei Palmer je Wein gegeben?« dachte ich. »Höchstens doch solchen, den man aus Korn brennt!«

Doch schon wanderten meine Gedanken nach dem Süden, über ferne Wüsten, über himmelhochragende, schroffe, kahle Gebirgszüge hinweg, bis ich vor meinem geistigen Auge die weißleuchtende Stadt San Clemente liegen sah, in der, wie das Gerücht wissen wollte, der ›Tiger‹ hausen sollte. Dieser gefährliche Mann hatte seinen überlegenen Geist schon allein dadurch bewiesen, daß er sich zum Hauptquartier einen Ort gewählt, der sehr weit von der Grenze entfernt lag, über die er auf Raub auszog, und daß er nicht mitten unter seiner Bande wohnte. Wenn er einen Beutezug plante, gab er seinen Leuten – die er unter Tausenden als die bestgeeigneten ausgesucht hatte – entsprechende Nachricht, sammelte sie, eilte an ihrer Spitze Hunderte von Meilen gen Norden, überquerte den Rio Grande und sauste nach getaner »Arbeit« wieder nach dem Süden zurück.

Auch andere Bandenführer hatten dieses System versucht, aber stets den Fehler begangen, sich zu hoch im Norden, zu nahe der Grenze, niederzulassen, so daß man bald hinter ihre Schliche kam. Außerdem lebten sie mit ihrer Gefolgschaft zusammen, was natürlich zu Eifersüchteleien, Streit, Verrat und schließlich zum Schafott führte. Einzig und allein der ›Tiger‹ hatte sein Lager in genügend großer Entfernung, so daß man ihn nicht belauern und keinen Keil zwischen die geschlossene Masse seiner Anhänger treiben konnte.

An diesem ›Tiger‹ blieben meine Gedanken hängen, ihn umkreisten sie, während ich auf die Straße hinausstarrte. Alles, was mein Chef mir versprochen hatte, konnte ich gewinnen, wenn es mir gelang, diesen mexikanischen Banditen zur Strecke zu bringen, doch wie kläglich, wie jämmerlich standen die Aussichten für mich! Aber schließlich: blieb mir denn eine Wahl? Ein Mann mit meinem entstellten Gesicht muß schon etwas Außergewöhnliches wagen, wenn er überhaupt noch zu einer Frau kommen will. Vielleicht bot mir der Zufall, das Glück, hier die Hand? ...

So weit war ich in meinen Grübeleien gerade gekommen, da wurde die Tür von Palmers Kneipe drüben aufgestoßen, und der Kleine flog Hals über Kopf heraus. Mit einem Krach landete er in dem weichen Straßenstaub, der hochaufwirbelte und ihn in eine dichte Wolke einhüllte, die mich, als sie sich verzog, einen großen, starken Cowboy mit brutal vorgeschobenem Kinn und noch immer geballten Fäusten sehen ließ, der sich aus dem Dunkel der Kneipe herausschob – eine Anzahl grinsender Burschen folgte ihm.

Mir stieg das Blut zu Kopf, denn es hat mich immer wütend gemacht, wenn ein Riesenkerl sich an einem Schwächeren vergreift – zumal diesmal das Mißverhältnis der Kräfte besonders auffallend in die Augen sprang, da der Kleine offensichtlich ein Greenhorn und zart wie ein junges Mädchen war.

»Vor Palmers Kneipe ist eine Prügelei im Gang«, sagte ich darum zum Chef, »ich werd' mal runtergehen.«

»Laß sie sich prügeln«, erwiderte er, »erst will ich eine Antwort von dir haben!«

Was ich jetzt da unten sah, ließ mich meine eigene mißliche Lage im Augenblick vergessen.

Der Kleine war niedergegangen, aber durchaus noch nicht ›ausgeknockt‹ – schon war er wieder auf den Füßen und versuchte dem Cowboy an die Kehle zu gehen. Was kommen würde, wußte ich natürlich, und richtig, als der Junge auf ihn losstürzte, machte der Riesenkerl eine Bewegung nach dem Revolver, besann sich dann aber glücklicherweise eines Besseren, als er sah, daß das Greenhorn keine Waffe in der Hand hatte. Ein langer, in blauen, von der Sonne ausgebleichten Flanell gekleideter Arm stieß vor, ich hörte, wie die eisenharte Faust dumpfdröhnend ihr Ziel erreichte, der arme Bengel überschlug sich fast und lag abermals am Boden.

Ich wollte zur Tür, doch der Kommissar packte mich.

»Was ist los, Joe?« brüllte er mich an. »Willst du dich nicht gefälligst entscheiden?«

»Hol's der Geier – ich nehm' den Auftrag an!« schrie ich, riß mich von seiner haarigen Pranke los, stürzte hinaus und war mit zwei Sätzen auf der Straße.

Die Sache war noch keineswegs zu Ende. Zwanzig dumm glotzende Kerle bildeten einen Kreis, in dessen Mitte der breitschulterige Cowboy, der alle um Haupteslänge überragte, lachend und vor Vergnügen quietschend die Angriffe des Kleinen abwehrte. Das arme Greenhorn war böse zugerichtet, zeigte aber einen prachtvollen Mut – blindlings rannte er gegen die hämmernden Fäuste wie gegen eine Steinwand an. Ich riß ihn zurück, packte den Riesenkerl am Kragen und am rechten Handgelenk und schleuderte ihn krachend gegen die Hausmauer.

Wenn ich nicht zufällig stellvertretender Kommissar sei, – meinte er etwas kleinlaut, doch ich erwiderte, ich würde meinen Adler und meine Revolver sofort ablegen, wenn er die Angelegenheit mit mir statt mit dem armen Jungen zu Ende führen wolle. Er blinzelte und schluckte verlegen, zog es dann aber vor, auf mein Angebot zu verzichten – ziemlich geduckt schob er ab mit einem gut Teil weniger Ansehen, als seine breiten Schultern zu tragen vermocht hätten.

Die Zuschauer schwiegen beschämt, da sie einsahen, daß sie einem elenden Feigling zugejubelt hatten – einige versuchten, dem Kleinen die Kleider abzustäuben und ihn zu trösten, er aber entzog sich ihrer verspäteten Liebenswürdigkeit und ging davon.

Ich folgte ihm und fand ihn in einer Nebengasse, wo er, den Kopf auf den Arm gesenkt, an einem Bretterzaun lehnte. Er war bestimmt keine fünf Minuten älter als zwanzig Jahre, ohne Stiefel schwerlich mehr als ein Meter siebenundsechzig groß und überdies ungemein schlank.

Zuerst dachte ich, er weine, doch das tat er nicht – was seinen Körper schüttelte, war vielmehr ein unterdrücktes Stöhnen der Wut.

»Laß gut sein, Kleiner«, sagte ich zu ihm, »du hast dich sehr brav gehalten und Mut gezeigt – die ganze Stadt steht auf deiner Seite.«

Er fuhr herum, und da sah ich sein verschwollenes, von Beulen bedecktes Gesicht.

»Brav gehalten?« schrie er. »Elend verhauen worden bin ich! ... Und das muß mir, einem MacMore, geschehen! Ach, ich möchte sterben – sterben möcht' ich.«

Damit schlingerte er davon – wahrscheinlich um seinen Gegner zu suchen und wieder sinnlos gegen dessen stählerne Fäuste anzurennen. Ich hielt ihn freundschaftlich am Arm fest, sagte aber nichts, denn plötzlich fiel mir ein, daß ich in der Hitze des Gefechtes dem Chef mein Wort gegeben hatte, nach dem Süden bis San Clemente zu reiten und mit dem ›Tiger‹ anzubinden – diese Erinnerung genügte allerdings, um mir vorläufig einmal die Sprache gründlich zu verschlagen ...

*

Aber schließlich – nachdem ich mich des Kleinen nun einmal angenommen hatte, mußte ich auch zusehen, wie ich ihn einigermaßen beruhigte, doch das glich verdammt dem Versuch, aus einem Bluthund ein Schoßhündchen zu machen. Er war kratzbürstig und ging immer wieder hoch, obwohl er noch in seinen Stiefeln zitterte – wenn auch nicht vor Angst, sondern vor Verlangen, alle aufzufressen, die zugesehen hatten, wie er so schmachvoll geschlagen worden war.

Ich suchte ihm klarzumachen, daß es durchaus nichts Schimpfliches sei, einem so bedeutend stärkeren, größeren und älteren Mann unterlegen zu sein, doch das wollte er einfach nicht gelten lassen, denn sein Fall läge anders, weil er doch – – ein MacMore sei! Er dankte mir dafür, daß ich ihm geholfen hatte, aber man sah ihm an, daß er sich eigentlich lieber die Zunge abgebissen hätte, als solche »beschämende« Worte auszusprechen.

Selbstverständlich konnte ich das alles nur zu gut begreifen, aber wenn es nach mir gegangen wäre, hätte ich den guten Jungen sofort zu Bahn oder zu Schiff nach dem Osten zurück verfrachtet, wo ein Mensch so schwach und so zart sein darf, wie er will, wenn er sich nur gut benehmen und richtig schwätzen kann. Nicht als ob der Kleine nicht durchaus gute Klasse gewesen wäre, er war zweifellos mit unbändiger Energie geladen und nicht imstande, sich zu zügeln, dabei jedoch nicht stark genug, um sich selbst gegen die Folgen seiner unzeitgemäßen Energieausbrüche zu schützen. Das aber ist natürlich das allerschlimmste für einen, der westlich vom Mississippi zu tun hat. Er würde sicher noch manche Schwielen und manchen Niederschlag einstecken müssen, ehe er sich in unserem Westen hier zurechtfand, und dann würde er entweder so zermürbt sein, daß sogar ein Chinese es wagen konnte, ihn zu backpfeifen, oder er würde fürs Leben verdorben, hoffnungslos verbittert sein.

Nachdem der Kleine wieder einigermaßen bei Vernunft war, trennten wir uns, und ich ging zu meinem Chef zurück – ich hatte, weiß Gott, selber Sorgen genug!

Der Distriktskommissar tat denn auch wirklich so, als sei meine übereilte Zustimmung, die er mir doch eigentlich richtig abgeluchst hatte, ein feierliches Versprechen, von dem ich unter keinen Umständen zurücktreten könne. Ich merkte, wie er mich immer enger einwickelte, wußte aber nicht, wie ich mich gegen diese Taktik wehren sollte. Ein paarmal versuchte ich, Einspruch zu erheben, aber er ließ mich einfach nicht zu Worte kommen, und ehe ich mich's versah, verabschiedete er sich herzlich von mir und wünschte mir alles Gute für meine schwierige Aufgabe. Diplomat hätte er werden sollen, aber nicht Distriktskommissar!

Bald stand ich wieder auf der einzigen Straße dieses elenden, dreckigen, gottvergessenen Grenznestes, starrte die jämmerlichen Holzhäuser an und dachte an all die Morde, Totschläge, Messerstechereien, Schießereien, Raubüberfälle, Verrätereien und tausenderlei andere Verbrechen, die sich hinter ihren dünnen Bretterwänden im Laufe der Zeit schon abgespielt hatten. Trotzdem kam mir die Stadt jetzt vor wie ein Paradies, aus dem ich vertrieben wurde – wie einem ja ein kalter Regentag in Texas warm und angenehm vorkommen kann, wenn man sich dabei einen ordentlich ausgewachsenen Schneesturm in Alaska vorstellt.

Jedenfalls war an der Geschichte ja nun nichts mehr zu ändern, und darum nahm ich mir vor, nicht zu weit in die Zukunft vorauszudenken, weil ich sonst zweifellos umgekehrt wäre, ehe ich die Fahrt überhaupt angetreten hätte.

Ich ging also daran, zu packen. Leicht mußte mein Reisegepäck natürlich sein, also konnte ich weder eine Bratpfanne, noch einen Kaffeekessel oder ein Beil zum Holzzerkleinern mitnehmen, auch kein Mehl, keine Bohnen, ja nicht einmal Speck. Auch zwei Feldflaschen waren zuviel – eine mußte für meinen Gaul und mich genügen. Als Eßvorrat wählte ich das, was bei dem denkbar geringsten Gewicht den größten Nährwert hat, was die Indianer auf ihren Zügen gegen die Mexikaner, gegen die ich ja auch zog, stets bei sich hatten: gedörrten Mais. Den kann man kauen – allerdings gehören verdammt gute Zähne dazu, aber ich konnte, Gott sei Dank, Knochen zerbeißen, und der richtige Hunger gehört auch dazu, aber den bekommt man schon, wenn man täglich seine fünfzig Meilen bei fünfzig bis sechzig Grad im glühenden Sonnenbrand zurücklegt. Die andere Hälfte meiner Vorräte bestand aus Salz und genügend Munition für mein Repetiergewehr, die ich in Frischfleisch umzusetzen hoffte, wenn auch das Wild, das man in der Wüste vor die Büchse bekommt, elend trocken und zäh ist. Daß ich auch für meine Colts ausreichend Patronen mitschleppen mußte, war ja selbstverständlich.

Den Rest des Tages benutzte ich dazu, die Ausstattung meines Pferdes in Ordnung zu bringen, sogar eine neue Satteldecke mußte ich anschaffen.

Lange überlegte ich, ob ich den Grauen oder den Rotschimmel wählen solle. Dieser war nicht so ausdauernd wie der Graue, hielt es auch nicht so lange ohne Fressen und Saufen aus, und seine Anfangsschnelligkeit wog des anderen Stehvermögen an Wert nicht im entferntesten auf – mit einem Wort: für die Wüste war der Graue der richtige Gaul. Trotz allem Hinundhergrübeln wußte ich aber schon von vornherein, daß ich doch den Rotschimmel nehmen würde, weil er mehr Herz und Verstand hatte, wenn man weiß, was ich damit sagen will. Wir kannten einander besser, waren gewissermaßen gute, alte Kameraden – ich wußte, daß er nachts meinen Schlaf bewachen, sich für mich die Seele aus dem Leib rennen und, wenn es zum Äußersten kam, mit Zähnen und Hufen wie eine verbissene Bulldogge für mich kämpfen würde.

Wie ich es nicht anders erwartet hatte, fiel also meine endgültige Wahl auf den Rotschimmel, der übrigens Larry hieß. Für ihn besorgte ich mir noch einen besonders leichten Zügel mit einem einfachen Trensengebiß, der gegen das schwere, lästige, schweißerzeugende, dafür aber schön klimpernde Kopfzeug, womit die Mexikaner ihre Gäule quälen, wie eine lächerliche Strippe wirkte, für meinen braven Larry aber völlig genügte, ja sogar eigentlich noch überflüssig war, da das Tier jedem Schenkeldruck und jedem Zuruf gehorchte. Ich behaupte nämlich kaum zuviel, wenn ich sage, daß Larrys Wochentags-Verstand es getrost mit dem Sonntags-Verstand der meisten menschlichen Wesen aufnehmen konnte.

Erst als die Sonne im Untergehen war, kam ich dazu, etwas zu essen.

»Sie wollen wohl verreisen?« erkundigte sich der chinesische Kellner, der mir verblüfft zusah, während ich mein dreipfündiges Steak mit Spiegeleiern und Zwiebeln vertilgte.

Ob ich wollte? Ich mußte verreisen! ...

Als ich meine Mahlzeit erledigt hatte, wagte ich nicht einmal mehr, so lange sitzenzubleiben, bis ich mir eine Zigarette gedreht hatte, aus Angst, dann womöglich gar nicht aufzustehen – ich sprang auf und verließ die so vertraute Veranda des Gasthauses. Doch mir war, als hätte ich bleierne Sohlen, ich konnte kaum die Füße heben, das Herz fror mir im Leib, und wie kalte, eklige Schlangen kroch es an meiner Wirbelsäule rauf und runter.

Larry sah mich kommen und wieherte mir freudig entgegen.

Der Himmel segne dich, alter Knabe! dachte ich, ihm die weichen Nüstern streichelnd – und mir mag er die elende Schinderei verzeihen, die ich dir zumuten muß!

Das kluge Tier merkte, daß mit mir irgend etwas nicht stimmte – als wir abritten, wandte es immer den Kopf nach mir zurück, als wolle es dahinterkommen, was mit mir los sei.

Jede Kleinigkeit dieses Abends hat sich meiner Erinnerung tief eingeprägt. Noch heute kann ich mich entsinnen, wie heiß der Staubwirbel war, der uns plötzlich vor dem Haus der Witwe Saunder einhüllte, und wie Petroff, der Russe, an seinem Gartenzaun stand, die mächtigen Arme auf die spitzigen Pfähle gestützt, deren Eindringen ins Fleisch er offenbar gar nicht spürte. Er nickte freundlich, doch das galt zweifellos nicht mir, sondern der Gottheit, die ihm diese Hütte mit den nahrhaften Gemüsebeeten und den beiden Apfelbäumen davor geschenkt hatte und gutbezahlte Arbeit dazu, die ihm gestattete, Ärzte für seinen kranken Jungen und sein noch kränkeres Weib zu nehmen. Alle im Ort mochten ihn gut leiden, den fleißigen Mann, der mit Mühe und Not der Hölle entkommen war, zu der die Bolschewiken seine Heimat gemacht hatten – ich aber beneidete ihn heute! Tatsächlich, der Gedanke, daß er jeden Morgen ruhig und sicher seinem Tagewerk nachgehen konnte, erregte meinen grimmigen Neid ...

Sogar Bud Larkin, den alten Zuchthäusler, der seine fünfzehn Jahre abgebrummt hatte und nun vor seiner jämmerlichen Hütte pfeifeschmauchend auf und ab ging, beneidete ich in diesem Augenblick! Wenn er mich angerufen und mir den Vorschlag gemacht hätte, mit ihm zusammen in eine Bank einzubrechen, ich weiß nicht, ob ich der Versuchung nicht erlegen wäre – ernsthaft erwogen hätt' ich ein solches Angebot in meiner damaligen verzweifelten Gemütsverfassung gewiß. Was konnte denn bei der Geschichte, die ich vorhatte, für mich herauskommen? Ein Löffel voll Ruhm, kaum genug, um durch seine Süße den widerlichen Geschmack des Wüstenstaubes loszuwerden!

Aber Bud Larkin hütete sich wohlweislich, mich anzurufen, und so erreichte ich die Stelle, an der die Straße sich gabelt. Hier machte ich einen Augenblick halt und sah nach den zitternden Lichtern des Städtchens zurück – dann riß ich Larry nach links hinüber.

Diese unnötig heftige Bewegung nahm mir das kluge Tier natürlich übel und blieb einfach stehen. Als ich ihm gut zuredete, legte es die Ohren an, rührte sich aber nicht vom Fleck, so daß ich schweren Herzens die Sporen gebrauchen mußte, um es vorwärtszubringen.

Dies plötzliche Versagen beunruhigte mich mehr, als man auch nur ahnen kann. Meine Vernunft predigte mir vergeblich, daß ich in meiner sicher berechtigten Niedergeschlagenheit unwillkürlich zu scharf ins Gebiß gerissen hatte – ich bildete mir ein, ein wohlwollender Geist hätte Larry in den Zügel gegriffen, um mich davor zu warnen, weiterzureiten.

Erst als ich in der Ferne die Brücke über den Grenzfluß vor mir auftauchen sah, verlangsamte ich die Gangart, doch jetzt glaubte ich aus dem Hufgeklapper deutlich die immer wiederholten Worte herauszuhören: »Du gehst in den Tod, in den Tod!«

Dieser närrische Blödsinn ärgerte mich schließlich so, daß ich meinen wackeren Rotschimmel wieder in gestreckten Galopp fallen ließ, ihn aber nicht über die Brücke, sondern seitlich von ihr die Uferböschung hinabjagte. Als Larry das Wasser erreichte, schnob er ein wenig, aber dann platschte er hinein, und so schwammen wir beide, stark abgekühlt, nach dem lieben alten Mexiko hinüber, das der Teufel trotz meiner herzlichen Bitten leider inzwischen noch nicht geholt hatte.

*

Ich weiß, daß viele Leute – und sogar manche erfahrene – der Ansicht sind, in einem Fall, wie dem meinen, sei das einzig richtige für Roß und Reiter, beim ersten Morgengrauen aufzubrechen und bis zum Einsetzen der Dunkelheit ›durchzuarbeiten‹, ich aber bin davon überzeugt, daß von elf Uhr vormittags bis vier Uhr nachmittags die sonnendurchglühte Wüste für jede Arbeit, sowohl von Mensch wie von Tier, gänzlich ungeeignet ist. Da ich außerdem meinem braven Larry auf alle Fälle Überstunden zumuten mußte, um möglichst schnell aus einer Gegend zu kommen, in der mich viele kannten, und fast alle, schon meines Amtes wegen, gegen mich waren, ritt ich die ganze Nacht hindurch.

Wenn ich schläfrig wurde oder merkte, daß mein Wallach matt zu werden anfing, sprang ich aus dem Sattel und lief eine Strecke zu Fuß, was ihn auffrischte und mich vor Reitschmerzen bewahrte. Es ist dies überhaupt ein ebenso einfaches wie angenehmes Mittel, um jedem Gewaltmarsch gut und gern zehn Meilen zuzulegen.

Gegen elf Uhr des folgenden Vormittags war ich jedoch rechtschaffen müde, und Larry einigermaßen ausgepumpt. Glücklicherweise fand ich zwischen Weiden eine Wasserstelle, deren zartes Himmelblau mir wie ein Vorgeschmack des Himmels selbst erschien.

Wir lagerten hier unter geradezu märchenhaften Bedingungen – abgesehen von den Moskitos, denen der sumpfige Boden offenbar noch märchenhaftere Lebensbedingungen bot. Allerdings schienen die langrüsseligen Biester seit vier Wochen gefastet zu haben und sich nun an uns schadlos halten zu wollen. Aber es gab Gras für Larry, Brennholz für mich und Wasser für uns beide.

Nach Verlauf einer halben Stunde hatte ich abgesattelt, die Hälfte eines über einem kleinen Feuer leider nur halbgar gerösteten Karnickels verzehrt, mir etwas abseits aus biegsamen Weidenruten ein bequemes Lager gemacht und war eingeschlafen.

Ich wachte davon auf, daß Larry mir ins Gesicht blies.

Nichts auf Erden ist ja vollkommen, und so hatte denn auch mein guter Rotschimmel einen Charakterfehler – vielleicht war's auch nur ein Mangel seiner Erziehung! Wenn er mich nämlich auf diese Weise weckte, wußte ich nie, ob er mich warnte, weil irgendein fremdartiges Tier oder ein Mensch nahte, oder einfach nur, weil er sich langweilte und sich mit mir unterhalten wollte. War schon ein komischer Kauz von einem Gaul ...

Ich setzte mich auf und sah, daß die Sonne schon über den Vier-Uhr-Punkt am Himmel hinüber war – es war also unbedingt Zeit, sich wieder auf die Strümpfe zu machen. Ich stand auf und wollte Larry die Führung überlassen – falls er mich hatte warnen wollen, mußte er mir ja zeigen, aus welcher Richtung das kam, was er für eine Gefahr gehalten hatte.

Er drehte sich denn auch sofort nach Norden, und kurz darauf entdeckte ich, durch das Laubwerk spähend, richtig einen einzelnen Reiter auf einem schlanken Rotfuchs, der an die Wasserstelle heranritt. Ich nahm meinen Feldstecher, und als er abstieg, um sein Pferd saufen zu lassen und selbst zu trinken, erkannte ich in ihm den Bengel, der unbeabsichtigt daran schuld war, daß ich dem Chef leichtsinnigerweise versprochen hatte, diese aussichtslose Geschichte auf mich zu nehmen – den jungen MacMore!

Ihn hier, offenbar auf dem Weg nach dem Süden, zu sehen, wirkte auf mich ungefähr so, als ob ich ein dreijähriges Mädelchen gegen einen Schneesturm ankämpfen sähe, und ich war schon drauf und dran, zu ihm hinzugehen, um ihn vor weiterem Blödsinn zu warnen, doch da fiel mir noch rechtzeitig ein, daß ich dadurch höchstens mich und die mir gestellte Aufgabe gefährden würde. Man soll auch die Nächstenliebe nicht übertreiben, besonders nicht, wenn es sich um einen so unbelehrbaren Dickkopf wie den Kleinen handelte – jeder Mensch aber, der darum wußte, daß ich nach dem Süden unterwegs war, verdoppelte die mir drohenden Gefahren.

Als ich allerdings merkte, daß er gleich, nachdem sein Gaul sich vollgesoffen hatte, weiterritt, bekam ich doch Gewissensbisse, denn das war natürlich das Dümmste, was er machen konnte. Zweifellos war er während der ganzen Gluthitze des Tages geritten, das konnte ich aus der dicken, verschwitzten Staubkruste schließen, die das Tier bedeckte, also wäre es die allerhöchste Zeit gewesen, für heute Schicht zu machen – aber selbstverständlich tat er genau das, was man von solch einem Greenhorn erwarten konnte.

Ich aß den Rest von meinem lederzähen Kaninchen, rieb Larry gründlich ab und stellte, als ich ihn wieder sattelte, bestürzt fest, daß ich nach dem einen Gewaltritt die Gurte schon um zwei Löcher enger schnallen mußte. Armer Kerl, dachte ich, du wirst noch erheblich dünner werden, ehe wir die weißen Mauern von San Clemente erblicken ...

Ich schlug die letzten Moskitos auf meinem zerstochenen Gesicht und seinem Hals tot, wedelte das blutdürstige Gesindel, das uns in dichten Schwärmen umschwirrte, fort und verließ das gesegnete Ungeziefer-Paradies.

Es war noch unerträglich heiß, kein Windhauch regte sich, und die Luft war so unglaublich trocken, daß der Schweiß, sobald er aus den Poren trat, wieder verdampfte.

Gott sei Dank sank die Sonne jetzt ziemlich rasch und verlor immer mehr an Kraft, so daß Larry in einen ordentlichen Schweiß geriet, was das beste Mittel ist, einem Pferd die Muskeln zu lockern. Er schnob den Staub aus den Nüstern und lief flott mit gespitzten Ohren vorwärts.

Die Landschaft änderte sich jetzt, zu meiner Rechten erhoben sich Berge, vor mir zwei Hügel, zwischen denen gerade die Sonne unterging und das von ihnen gebildete enge Tal mit Kaskaden goldschimmernden Lichtes übergoß – da schüttelte Larry plötzlich den Kopf und blieb wie angewurzelt stehen.

Ich wußte natürlich, was das bedeutete, und wollte rasch zwischen den Felsen in Deckung gehen, aber dazu war es schon zu spät. Der weiche Sand hatte offenbar das Geräusch von näherkommenden Pferdehufen so stark gedämpft, daß ich den Reiter, der da um die Ecke bog, ebensowenig gehört hatte wie er mich.

Ich sah, wie er erschrocken zusammenfuhr, als er mich gewahrte, sein Pferd zur Seite riß und eine schnelle Bewegung nach dem Sattelhalfter machen wollte, die aber unter dem Eindruck meines Colts, der auf ihn gerichtet war, begreiflicherweise unterblieb. Was mir an dem Kerl besonders auffiel, war das Pferd, denn es war ganz zweifellos der Rotfuchs, den noch vor kurzem das Greenhorn geritten hatte!

In einem wahren Wasserfall knarrender spanischer Worte versicherte der Mexikaner, daß er durchaus kein Feind der Amerikaner sei, sie im Gegenteil zärtlich liebe, verehre und bewundere, und daß er es als ein hohes Glück empfände, dem berühmten General, Helden, Menschenjäger und so weiter Joe Warder von Angesicht zu Angesicht gegenüberzustehen ...

In meiner ersten Wut darüber, erkannt worden zu sein, hätte ich dem feigen Hund am liebsten eine Kugel durch die niedrige Stirn gejagt, doch ich widerstand dieser Versuchung, befahl ihm vielmehr, die Hände hoch über den Kopf zu heben, untersuchte ihn auf Waffen, nahm ihm zwei Revolver und ein scheußliches langes Messer fort und fragte ihn dann, wie er zu dem Pferd komme.

Er blinzelte, zog den Leib ein, als ob er fürchte, jeden Augenblick ein Stück Blei ins Gedärm zu bekommen, und sagte, ich schiene offenbar anzunehmen, daß er den Gaul gestohlen habe. Das sei aber ganz und gar wahrhaftig nicht der Fall, er hätte nur mit einem, dem er begegnet sei, die Pferde getauscht – ob ich den Mann am Ende kenne oder gar mit ihm befreundet sei?

Ich gab dies ohne weiteres zu, der Mexikaner starrte mich entsetzt an und begann mit den Augenlidern zu klappern, wie es manche Leute tun, wenn sie nachdenken. Dann fing er von neuem zu plappern an, schwor hoch und heilig, er habe bei dem Tausch zu seinem eigenen Mustang noch fünfzig Dollar in bar draufgelegt, und das nur, weil er so schreckliche Eile hätte, nach dem Norden zu kommen. Darum würde es auch sehr liebenswürdig von mir sein, wenn ich ihm seine Waffen zurückgäbe und ihn ziehen ließe – er würde mir bis zum letzten Atemzug dafür dankbar sein und jedes Glas Landwein künftig auf mein Wohl trinken.

Bei dem vielen Gerede war ihm das Blut zu Kopf gestiegen, so daß eine zackige Narbe, die er auf der linken Seite des Kinns hatte, zu glühen schien.

»Du bist ein ganz gemeiner Lügner«, erklärte ich ihm sachlich-kühl, »höchstwahrscheinlich sogar ein Mörder – du wirst jetzt mit mir zurückreiten, verstanden?«

Er wurde totenbleich, versicherte, er könne mich beim besten Willen nicht begleiten, für ihn handele es sich um Leben und Tod, denn seine Frau sei gefährlich erkrankt, seine drei Kinder übrigens auch, er müsse unbedingt weiter, er werde im Grabe keine Ruhe finden, wenn er zu spät käme, und so fort.

Ich war fast davon überzeugt, daß der wortgewandte Schurke den armen, jungen MacMore umgebracht hatte, und nahm mir fest vor, wenn ich die Leiche finden würde, den Lumpenhund auf der Stelle zu erschießen, befahl ihm darum barsch, sofort kehrtzumachen und dorthin zurückzureiten, woher er gekommen sei.

Sein Gewinsel verstummte, er ließ den Kopf sinken, feuchtete seine trockenen Lippen ein paarmal mit der Zungenspitze an, suchte offenbar nach Worten, die mich überzeugen sollten, doch da er sie nicht fand, folgte er meinem Befehl und warf den Rotfuchs herum.

Nicht einen roten Heller hätte ich für das Leben des Kleinen gegeben – und was mich am meisten quälte, war der Gedanke, daß es letzten Endes meine Schuld war! Selbstverständlich wäre es meine verdammte Pflicht und Schuldigkeit gewesen, ihn anzusprechen und ihn dazu zu überreden, an der Wasserstelle zu übernachten und, falls mir dies nicht gelungen wäre, ihn ein Stück Wegs zu begleiten. In beiden Fällen hätte ich es dann verhindert, daß er diesem mexikanischen Mordbuben, der da vor mir ritt, in die Hände gefallen wäre.

Es gibt zwei Sorten von Mexikanern, wenngleich sehr viele Amerikaner alle für ausgemacht schlecht halten – ich, der ich häufig südlich vom Rio Grande gewesen bin, kann in einen solchen Fehler natürlich nicht verfallen. In den schönen alten Tagen ging an der Grenze das Wort um, die einzig anständigen Indianer seien die toten, und ähnlich denkt man nun auch über die Mexikaner. Das Vorurteil gegen die Indianer ist inzwischen gründlich widerlegt worden, man sieht solche Fragen jetzt von einem anderen Standpunkt an, und gelehrte Forscher haben den Nachweis erbracht, daß die Indianer ursprünglich eine durchaus kulturfähige Rasse waren, die eine eigene bodenständig gewachsene Kultur entwickelt hätten, wenn die Weißen ihnen nicht dazwischengekommen wären. Bei den Mexikanern liegen die Dinge meiner Ansicht nach so, daß sie gewissermaßen mehr zur Übertreibung neigen als ihre hellerhäutigen Vettern nördlich vom Rio Grande. Das soll heißen: wenn ein Mexikaner schlecht ist, dann ist er das reine Gift – ist einer aber gut, dann ist er ein vollendeterer Gentleman als alle Leute, mit denen ich je von Texas bis Montana zusammengetroffen bin. Der Kerl da vor mir gehörte meiner Überzeugung nach allerdings zu der allergefährlichsten Sorte – sein Gesicht war durchaus nicht häßlich, aber aus seinen unsteten, blinzelnden Augen sprach eine so kaltblütige Gemeinheit, daß einem ganz schlecht werden konnte.

Wir ritten schweigend eine Weile, da meinte der Mexikaner, wenn wir meinen Freund einholen wollten, müßten wir uns entschieden ein bißchen beeilen – es sei mir doch recht, daß er schneller trabe? Ich schloß daraus, daß wir in der Nähe des Tatortes angelangt seien, befahl ihm, anzuhalten, und pfiff eine Tonfolge, die mit einem lauten Wiehern zu beantworten ich Larry gelehrt hatte. Es dauerte denn auch nicht lange, da kam von links zwischen den Felsen ein nicht sehr kräftiges, aber deutlich wahrnehmbares Wiehern zurück.

Ich sah den Mexikaner hohnlächelnd an – ihm war sichtlich nicht lächerlich zumute, sein olivfarbenes Gesicht wurde grau, er biß sich auf die Lippen und sagte schließlich:

»Mein Gott, was war denn das? Seien Sie nur vorsichtig, Señor!«

Ich hieß ihn, nach links weiterzureiten, und wenige Minuten später sah ich den Klepper, den er gegen den Rotfuchs ›eingetauscht‹ hatte. Es war eine Spottgeburt von Gaul, ein klapperiges Knochengerüst, über dem die Haut in Falten hing – das eingesunkene Rückgrat war vom Satteldruck wundgescheuert, an den Flanken schwärten große, blutende Stellen, die der Unmensch durch den dauernden Gebrauch der Sporen aufgerissen hatte – am liebsten hätte ich den Schweinehund neben mir ebenso behandelt, wie er das arme Tier!

Aber wo, um's Himmels willen, war der Kleine? ...

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