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Der Schrecken vom Rio Grande

Max Brand: Der Schrecken vom Rio Grande - Kapitel 12
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDer Schrecken vom Rio Grande
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
year1937
translatorFranz Eckstein
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171010
projectid2c7d466c
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* * *

 

Unser Ritt nach dem Norden zurück war durchaus keine leichte Sache, aber wir schafften es, hauptsächlich, weil Pedro Onate sich hochanständig gegen uns benahm und uns behilflich war. Einzelheiten hierüber mag ich nicht erzählen, denn nach dem Tode des ›Tigers‹ kommen mir alle Ereignisse ziemlich unbedeutend und nebensächlich vor.

Jedenfalls überquerten wir wieder den Rio Grande, wo doch, hol's der Teufel, eine gesündere Luft weht.

Die Wunde an meinem Kopf heilte gut, obwohl ich noch immer einen Verband tragen mußte. Denny und die Carmelita waren bereits Mann und Frau, von einem Dorfgeistlichen hatten sie sich unterwegs trauen lassen.

Am Abend, nachdem wir wieder amerikanischen Boden betreten hatten, verabschiedete ich mich von ihnen, was mir natürlich nicht leicht wurde, aber doch nun einmal geschehen mußte, da unsere Wege sich trennten.

In einem Gasthauszimmer der verstaubten, kleinen Grenzstadt hatte ich die letzte Unterredung mit ihnen, während draußen auf dem Gang fünf Zeitungsmenschen ungeduldig darauf warteten, zu mir vorgelassen zu werden, denn das Gerücht, daß ich den ›Tiger‹ zur Strecke gebracht, war schon bis hierher gedrungen.

Da ich annehmen mußte, daß Denny eines schönen Tages den Versuch, seinen Bruder aus Mexiko loszueisen, doch wiederholen würde, sagte ich zu ihm:

»Mein lieber Junge, ehe wir auseinandergehen, muß ich dir leider noch eine traurige Mitteilung machen – dein Bruder ist tot, und hier hast du den Beweis dafür.«

Damit holte ich den kleinen Beutel aus Gemsenleder aus der Tasche und reichte ihn ihm.

»Nach dem, was du mir erzählt hast, waren die Edelsteine, die darin sind, Eigentum des Señors«, fuhr ich fort, »und da er sich lebend nie von ihnen getrennt haben würde, wußte ich, daß er tot war, schon als ich dieses Beutelchen bei dem ›Tiger‹ fand. Du bist also jetzt das Oberhaupt der Familie MacMore, und ich hoffe –«

»Der ›Tiger‹ hat ihn also umgebracht?« unterbrach mich der Kleine erregt.

»Selbstverständlich – mich hat es überhaupt gewundert, daß sie sich so lange vertragen haben.«

Denny sprang auf und lief erregt auf und ab, die Carmelita aber trat zu mir und sagte ganz leise:

»Ich glaube, ich ahne den Zusammenhang.«

»Dann verraten Sie ihn um Gottes willen nicht«, erwiderte ich ebenso flüsternd.

»Sie sind ein prachtvoller Mensch, José«, sagte sie leise.

*

Ein Gutes haben Zeitungssensationen: sie leben nicht lange!

Ich hatte schon Angst gehabt, daß mir meine Mitbürger irgendwelchen feierlichen Empfang bereiten könnten, doch als ich auf meinem guten Larry die Hauptstraße des heimatlichen Städtchens entlang ritt, erregte ich nicht das mindeste Aufsehen. Eine Woche lang hatten die Zeitungen den Leuten morgens und abends meine ›Heldentat‹ mit allen möglichen, natürlich frei erfundenen Einzelheiten aufgetischt – kann man es ihnen da übelnehmen, daß ihnen die Sache nachgerade zum Halse heraushing?

Im Vorzimmer beim Distriktskommissar saß ein neuer Bürojunge, der mich noch nicht kannte, und versicherte, er dürfe den Herrn Kommissar nicht stören, der frühere Gouverneur und ein berühmter Rinderkönig seien bei ihm zu einer Besprechung.

»Dann geh mal rein, mein Sohn, und sag ihm, ich hätte nicht lange Zeit«, entgegnete ich.

»Und wen soll ich melden?«

»Joe Warder.«

Der Name machte nicht den geringsten Eindruck auf den Bengel, nur zögernd öffnete er die Tür, aus der dicke Tabakrauchschwaden herausquollen.

Drinnen schrie jemand auf, der Distriktskommissar stürzte heraus, packte mich am Arm und zerrte mich in sein Arbeitszimmer.

»Schluß der Sitzung, meine Herren«, rief er, »heute habe ich keine Zeit mehr für Sie – das ist nämlich Joe Warder!«

Auch auf die beiden politischen Größen wirkte mein Name nicht gerade überwältigend, anstandshalber schüttelten sie mir mit ein paar gestammelten Worten der Anerkennung die Hand und empfahlen sich – der Kommissar aber widmete mir seinen Abend.

Im Gasthaus bestellte er ein prachtvolles Essen und den besten Wein, und während wir uns durch die lange Speisefolge durcharbeiteten, erzählte er mir allerlei dienstliche Neuigkeiten, unter anderem, daß er einen sehr fähigen Menschen gefunden habe, den ich anlernen solle – doch ich schüttelte ablehnend den Kopf.

»Das ist nichts für mich«, erklärte ich rund heraus. »Ja, aber warum denn nicht?« fragte er erstaunt. »Ich dachte gerade, da du immer so viel allein gewesen bist, würde dir ein bißchen Gesellschaft – wenigstens vorübergehend – angenehm sein.«

»Mit der Gesellschaft ist's wie mit Kleidern«, erwiderte ich, »entweder sehr gut passende oder sonst lieber gar keine – sogar mit Ihnen könnt' ich nur einmal im Monat zusammensein.«

Er grinste verständnisinnig.

»Öfter wirst du mich auch nicht ertragen müssen«, meinte er, »denn ich habe noch allerlei für dich zu tun – wenigstens bis mein Bericht in Washington angelangt ist, denn dann werden sie dich wahrscheinlich auf ein besseres Pöstchen setzen. Morgen wirst du mir gleich alle genauen Einzelheiten geben, denn die Zeitungsmeldungen kann ich natürlich für ein amtliches Schriftstück nicht gebrauchen. Aber heute erzähl mir nur das eine: Wie hat der ›Tiger‹ denn eigentlich nun wirklich ausgesehen?«

»Das kann ich Ihnen leider nicht sagen«, entgegnete ich, »ich hab' ihn nur ein einziges Mal gesehen, und da war die Beleuchtung verdammt schlecht.«

* * *

 

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