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Der Schrecken vom Rio Grande

Max Brand: Der Schrecken vom Rio Grande - Kapitel 10
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDer Schrecken vom Rio Grande
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
year1937
translatorFranz Eckstein
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171010
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* * *

 

Ich hatte mich, während ich dieser Unterredung zwischen den beiden Brüdern aufmerksam folgte, genau in dem Zimmer, in dem wir uns befanden, umgesehen.

Sehr groß war es nicht, obwohl es acht Fenster hatte. Die Wände zwischen diesen waren mit allerlei, meist alten Waffen geschmückt, mit langen, schweren Flinten, wie sie Ansiedler von Kentucky früher benutzten, mit Jagdmessern, mit mexikanischen Macheten (kurzen Schwertern) und Dolchen, mit indianischen Tomahawks (Streitäxten) und Keulen.

Alle diese Dinge vermochte ich nur undeutlich zu erkennen, denn es befanden sich nur zwei, nicht sehr starke Lichtquellen in dem Raum – die, von einem Schirm bedeckte Petroleumlampe auf dem Ständer neben dem Tisch, an dem der Señor saß, und ein Leuchter mit zwei Kerzen auf einem niedrigen Tischchen gerade hinter mir.

Diesen günstigen Umstand hatte ich natürlich selbst herbeigeführt, denn ich war vor diesen Leuchter getreten, weil ich mir sagte, daß, wenn es zum äußersten kam, ich vielleicht an diesen Kerzen den Strick, der meine Hände auf dem Rücken fesselte, durchbrennen könne. Diesen Plan hatte ich aufgegeben, da sich die Sache ja sehr günstig für uns zu entwickeln schien, doch der Einwand des Schwarzen, daß Denny das verlangte Versprechen niemals geben werde, nahm mir mit einem Schlag alle Hoffnung, obwohl ich damals den Zusammenhang natürlich noch nicht begriff, da ich ja von der angesponnenen Beziehung des Kleinen zur Carmelita nichts wußte.

Die Bemerkung des Obersten hatte den Señor in unbeherrschte Wut versetzt.

»Zum Teufel mit dir und deinem albernen Geschwätz!« schrie er. »Willst du damit vielleicht meinen Bruder gegen mich beeinflussen?«

»Nichts liegt mir ferner«, erwiderte der Oberst, »aber fragen Sie ihn noch einmal, und Sie werden sehen, daß ich recht habe.«

Denny starrte den Mann in Schwarz an, als wäre er der leibhaftige Satan – mir aber stiegen in diesem Augenblick starke Zweifel auf, ob ich mich auf den Kleinen verlassen könne. Das war ein schwerer Schlag für mich, wie man verstehen wird, hatte aber das Gute, daß ich mir dadurch klar wurde, auf eigene Faust handeln zu müssen.

Bevor der Señor die Frage an seinen Bruder wiederholte, schickte er plötzlich die vier Wachen, deren dummes Grinsen ihn aufgebracht haben mochte, hinaus und befahl ihnen, draußen zu warten. Es blieben also nur noch sechs Leute in dem Zimmer zurück: der Señor, der Kleine, der Oberst, Orthez, ich und der Riese Gualtero.

Der Señor war, abgesehen von einigen Malen, wenn er erregt aufsprang, dauernd an dem Tisch sitzengeblieben, Gualtero stand hinter ihm, Orthez zu meiner Linken, Denny stand uns beinahe gegenüber, doch so, daß er seinen Bruder ansah, und der Mann in Schwarz schließlich hatte sich in eine dunkle Ecke zurückgezogen, von wo aus er die weitere Entwicklung der Dinge gespannt zu beobachten schien.

»Nun also, sprich«, forderte der Señor den Kleinen auf. »Ich bin ja neugierig, ob du so undankbar bist, einen Menschen aufzugeben, dem du dein Leben verdankst. Sieh Joe Warder noch einmal ins Gesicht und dann rede!«

Denny blickte mit einem gequälten Ausdruck zu mir hinüber, aber da er nicht sofort etwas sagte, wußte ich genug. Vorsichtig hob ich meine gefesselten Hände etwas, um den Strick in die Flamme zu halten, doch diese verbrannte zunächst einmal die Haut meines Handgelenkes, was höllisch weh tat. Selbstverständlich durfte ich nicht mucksen, keinen Muskel meines Gesichtes verziehen und mußte vor allem auch gegen die unwillkürliche Bewegung ankämpfen, die das Gehirn in einem solchen Fall ganz von allein befiehlt. Langsam schob ich die Hände ein wenig zur Seite in der Hoffnung, daß das Feuer den Strick ergreifen werde.

Wenn man sich eine Vorstellung davon machen will, wie unsagbar schwierig meine Lage war, stelle man einmal den Versuch an, sich auf diese Weise von einer Fessel zu befreien. Bei mir kam noch die Angst hinzu, daß man die Minderung des Lichtscheins merken könne, und überdies wirbelte ein kleines Rauchwölkchen über meiner Schulter hoch, das mich zum Husten reizte und von dem ich nicht wußte, ob es von dem Strick oder von meinen Ärmeln herrührte, die vielleicht Feuer gefangen hatten.

»Mein Gott, mein Gott«, stöhnte Denny, »wo liegt meine Pflicht – muß ich Joe Warder retten oder die Carmelita? ... Joe, so sag doch, was ich tun soll!«

Was wußte ich von einer Verpflichtung des Kleinen gegenüber der Señorita Alvarado? Nichts, gar nichts! Ich fühlte nur, daß Denny MacMore drauf und dran war, mich fallen zu lassen, und darum erwiderte ich ihm barsch, er solle bei seiner Entscheidung keine Rücksicht auf mich nehmen, ich hätte noch keinem Menschen das Leben verdankt und wolle damit auch nicht zu guter Letzt noch anfangen.

»Nun laßt endlich einmal euer sentimentales Geschwätz«, brauste der Señor, der sichtlich nervös wurde, auf. »Mach dir gefälligst klar, Denny, daß Joe Warder, dein Lebensretter, unweigerlich sofort erschossen wird, wenn du mir das Versprechen, das du kennst, nicht gibst.«

»Ich möchte, ehe ich mich entscheide, nur noch eins wissen«, begann Denny, dem es offenbar darauf ankam, Zeit zur Überlegung zu gewinnen, nach einer Weile. »Wer ist der Mann da in Schwarz, und warum hast du ihn auf die Promenade geschickt? Sollte er mich warnen?«

»Ich habe ihn nicht geschickt. Bist du auf der Promenade gewesen, Arturo?«

»Allerdings – ich sah den jungen Herrn gerade vor seiner romantischen Begegnung«, erwiderte der Oberst.

»Und warum hast du ihn dann nicht festgenommen?« schrie der Señor ihn an. »Alles stünde jetzt anders, wenn du deine selbstverständliche Pflicht getan hättest!«

»Ich verfüge leider nicht über Ihre Körperkräfte, Señor«, entgegnete der Schwarze seelenruhig, »ich hätte ihn also töten müssen, um ihn festzunehmen, und das wäre, soviel ich weiß, nicht in Ihrem Sinne gewesen.«

Der Señor zuckte ärgerlich die Achsel und wandte sich dann ungeduldig an Denny.

»Also nun bitte äußere dich – was gedenkst du zu tun?«

In diesem Augenblick hatte ich die Hände frei, ich zog sie zurück und rieb die glimmenden Enden des Stricks, der wie eine Zündschnur weiterschwelte, gegen die Wand, um sie auszulöschen. Dabei schielte ich nach den Waffen, die sich dort befanden – mir zunächst hing eine Machete.

»Gib mir noch eine Minute Zeit«, flehte Denny.

»Schön – eine Minute, aber keine Sekunde länger!«

Daß niemand den brenzligen Geruch des durchgebrannten Stricks gerochen hat, verdanke ich sicher nur dem Umstand, daß so viele Fenster offenstanden.

Ich hatte inzwischen mit der Linken den Griff der Machete erfaßt, sie vom Nagel, an dem sie hing, gehoben, und drängte mich, die langsamen Bewegungen meiner Hand durch den Körper deckend, dicht an Orthez heran, ließ die haarscharfe Schneide aufs Geratewohl an den Armen des Schmiedes herabgleiten und führte, auf die Gefahr hin, ihm die Schlagader zu treffen, den Schnitt aus.

»So, die Zeit ist um«, sagte der Señor, die Uhr einsteckend.

Ich merkte, daß Orthez die Hände auseinanderzog – die Sache war also geglückt.

»Wenn sie auch ein Engel ist, ich verdanke Joe doch zuviel«, stöhnte der Kleine.

Aber jetzt rief Gualtero, der Riese, mit einer lächerlich hohen, vor Angst fast überschnappenden Stimme:

»Vorsicht, Señor – sie haben die Hände frei!«

Ja, die hatten wir frei und sogar noch etwas darin!

Orthez hatte eine indianische Keule ergriffen, die mit spitzen Nägeln versehen war wie ein mittelalterlicher Morgenstern – diese schleuderte er mit einer Kraft, die ich ihm trotz seines Schmiedehandwerks nicht zugetraut hätte, und erreichte durch sie mehr, als man annehmen wird. Erstens verhinderte sie den Señor, der sofort den Revolver gezogen hatte, mich zu erschießen, denn er mußte dem gefährlichen Wurfgeschoß auszuweichen suchen, zweitens verhinderte sie aus dem gleichen Grund Gualtero, der ein Messer in der Hand hielt, sich auf uns zu stürzen, und drittens traf sie die Porzellanlampe, deren Splitter wie Schrapnellkugeln herumflogen und deren Petroleum sowohl dem Señor wie Gualtero ins Gesicht und in die Augen spritzte, so daß sie für eine ganze Weile nichts sehen konnten, obwohl die beiden Kerzen noch brannten.

Ich warf die Machete, die ihre Schuldigkeit getan hatte und mich bei der Flucht nur hindern würde, fort, eilte zum nächsten Fenster und war mit einem Hechtsprung im Freien. Als ich wieder auf den Füßen stand, sah ich den Kleinen aus dem Fenster springen, drinnen im Zimmer aber spielte sich eine der grausigsten Szenen ab, die ich je erlebt habe. Orthez hatte die Machete ergriffen und drang damit wie ein Wahnsinniger auf den Señor ein, Gualtero jedoch, dem sein Messer wohl entfallen war, warf sich ihm, gräßlich brüllend, mit bloßen Händen entgegen. Ich sah, wie die beiden zusammenprallten, und wenn ich einen Revolver gehabt hätte, würde ich sicher nicht gezögert haben, dem Alten zu Hilfe zu eilen. So aber wäre es Selbstmord gewesen, zumal, durch das Geschrei und Getobe von Gualtero aufgeschreckt, aus dem Haus und dem Garten Bewaffnete nach dem Sommerhäuschen eilten – es war höchste Zeit, an unsere eigene Rettung zu denken.

*

Ich rannte, so schnell mich meine Füße trugen, dem Fluß zu, der Kleine, der anfangs hinter mir war, überholte mich bald, denn Laufen war ja das einzige, was er konnte.

Am Ufer unten angekommen, wartete er auf mich, um zu sehen, was ich vorhabe – ich kletterte auf die Gartenmauer und war gerade im Begriff, einen Kopfsprung ins Wasser zu machen, da hörte ich neben uns eine Stimme sagen:

»Sie werden im Schlamm landen und hoffnungslos ersticken, wenn Sie da hinunterspringen, aber Sie haben doch auch vollauf Zeit, die Treppe zu benutzen und sich den Kahn zu nehmen, der am Landungssteg angebunden ist.«

Es war der Mann in Schwarz, der offenbar gerade, als die Geschichte losging, sich unbemerkt aus dem Sommerhaus entfernt hatte. Ich überlegte keinen Augenblick, was ihn veranlassen könne, uns diesen Rat zu geben, hielt diesen aber für gut und ging gleich daran, ihn auszuführen, ohne mich in der Eile auch nur zu bedanken.

Die Treppe kam mir endlos lang vor – während wir sie hinabliefen, hörte ich den Señor seine Leute anweisen, die Straße, den Fluß und die Gartenmauer ringsum zu besetzen – er zahle für jeden von uns, ob lebend oder tot, zehntausend Pesos.

Also auch das Leben des eigenen Bruders wollte er nicht mehr schonen!

Hoffentlich hatte der Kleine das nicht verstanden – woran ich allerdings zweifelte, da die Worte unheimlich dröhnend durch die Stille der Nacht hallten, wahrscheinlich weil der edle Patrick auf einem erhöhten Platz stand.

Als wir das Boot erreichten, fanden wir, daß das Halteseil fest verknotet war – keiner von uns aber hatte ein Messer!

Ich knirschte vor Wut mit den Zähnen und stieß den Kleinen beinahe ins Wasser, als ich mich niederwarf, um diesen verdammten Knoten zu lösen. Ich arbeitete wie ein Verzweifelter, denn schon kamen vom Garten her Menschen angelaufen. Mir blieb das Herz fast stehen, als der Mann in Schwarz – Arturo hatte ihn der Señor ja wohl genannt? – jetzt ruhig zu den Häschern sagte:

»An eurer Stelle würde ich mal die Treppe hinunterlaufen und nachsehen – vielleicht wollen sie mit dem Boot entfliehen.«

Im nächsten Augenblick hörte ich das Klatschen nackter Füße auf den Stufen und als ich aufblickte, sah ich eine ganze Prozession die Treppe heruntertosen.

Ich zerrte wie wahnsinnig – Gott sei Dank, der Knoten gab nach, löste sich, das Boot glitt, von Denny durch einen kräftigen Ruderschlag getrieben, davon –

Diesmal war der Kleine also auf dem Posten gewesen, diesmal handelte er auch ausnahmsweise einmal vernünftig, denn er lenkte den Kahn nicht in die Strömung, wo wir sofort gesehen worden wären, sondern blieb dicht am Bollwerk, wo der Schatten, den der Gegensatz zu dem mondbeglänzten Teil der Wasserfläche noch vertiefte, uns wie ein Mantel einhüllte.

Wir waren ungefähr drei Bootslängen entfernt, als die Kerle den Steg erreichten.

»Es ist ja gar kein Boot da«, hörte ich einen von ihnen sagen.

»Doch – da ist eins!« schrie ein anderer plötzlich. »He, wer ist denn da?«

»Müßt ihr einem noch die paar Fische mit eurem Krach vertreiben«, rief ich in möglichst volkstümlichem Mexikanisch zurück, »es gibt sowieso kaum noch welche, und nächstens wird man am Freitag in San Clemente keine Fastenspeise mehr haben.«

»Das sind Fischer«, meinten die Häscher auf dem Bootssteg und wandten sich ab.

Ich hatte Denny auf den Fuß getreten, als wir angerufen wurden, und ihm zu verstehen gegeben, nicht zu rudern, so daß wir ganz langsam stromabwärts trieben. Jede Sekunde erhöhte unsere Aussicht, unerkannt zu entkommen, da ritt den Schafskopf Denny wieder einmal der Teufel.

Man wird es nicht für menschenmöglich halten, aber er wollte die Wirkung meiner Worte noch unterstreichen, wollte den Leuten beweisen, daß wir tatsächlich harmlose Fischer seien, und fing darum zu singen an – selbstverständlich ein mexikanisches Lied, aber ausgerechnet ›La Paloma‹, den abgeleierten Singsang, dessen Zeit in Mexiko längst vorüber war, der aber natürlich das einzige mexikanische Lied war, das er kannte!

Es beweist entschieden Mut und Geistesgegenwart, daß er in unserer Lage zu singen vermochte, noch dazu so laut, daß das Echo die Töne von dem Uferbollwerk dröhnend zurückwarf, das ändert aber nichts daran, daß es eine geradezu beschämende Dummheit war. Und richtig, noch ehe mein Fuß sein Schienbein traf, um ihn zum Schweigen zu bringen, hatte seine fürchterliche Aussprache uns verraten, und einer der Häscher rief:

»Es sind doch die Ausländer!«

Da auf jeden unserer Köpfe zehntausend Pesos standen, bedachten sich die Herrschaften natürlich nicht lange, sondern schossen mit einer Schrotflinte und mehreren Revolvern auf gut Glück in die Richtung, aus der der Gesang kam.

Denny hatte sich, als er den Ruf des Mexikaners hörte, sofort in die Ruder gelegt, so daß wir schon ein Stück weiter waren und die Schüsse uns nicht trafen.

»Wirf dich im Boot nieder!« rief ich dem Kleinen zu.

Er aber blieb aufrecht sitzen, ruderte aus Leibeskräften und antwortete nur:

»Ich hab' dir die Suppe eingebrockt, nun muß ich sie auch auslöffeln oder dabei zugrunde gehen.«

Die Kerle auf dem Landungssteg brüllten, fluchten und schossen, doch wir waren schon um eine kleine Biegung herum, und hier half uns die Strömung, so daß wir ein ganz anständiges Tempo fuhren.

»Du hast doch hoffentlich nichts abbekommen?« fragte ich den Kleinen.

»Ach bewahre«, erwiderte er, »ich habe Glück heute nacht – mir kann nichts geschehen.«

Das klang mächtig verbittert – zweifellos hatte der arme Junge doch verstanden, daß der Señor bereit war, einen Preis für seine Ergreifung selbst als Leiche zu bezahlen. Vielleicht war er sogar aufrecht im Boot sitzengeblieben, weil das Leben nach dieser schweren Enttäuschung keinen Wert mehr für ihn hatte.

Er ruderte übrigens ausgezeichnet – offenbar hatte er das auf seinem Gymnasium gelernt – trotzdem aber war mir klar, daß wir bald irgendwo an Land gehen müßten, denn lange würde es bestimmt nicht mehr dauern, bis irgendein Fahrzeug des Señors hinter uns auftauchen würde.

Ich sagte Denny diese Befürchtung, die er teilte.

»Aber ich habe bereits einen Platz ausgewählt, wo wir landen können«, schloß er.

»Dann segne dich der Himmel«, erwiderte ich, »und mach, daß wir schleunigst dorthin kommen, denn wir beiden armen Luders haben ein Versteck verdammt nötig.«

Eine Weile flogen wir förmlich über das Wasser dahin, dann zog Denny plötzlich die Ruder ein, so daß wir gegen einen Bootssteg trieben.

»Da wären wir«, sagte er.

»Aber Menschenskind, diese Gärten hier sind doch alle scharf bewacht«, entgegnete ich, »das weiß ich von meinen früheren Besuchen in San Clemente.«

»Trotzdem ist die Sache richtig«, behauptete der Kleine, »es gibt keinen günstigeren Landungsplatz für uns.«

Gegen diese Bestimmtheit konnte ich nicht gut etwas einwenden, – da ich seine Abenteuer seit dem Verlassen von Orthez' Haus nicht kannte, mußte ich annehmen, daß er hier eine Bekanntschaft gemacht habe, die für uns nützlich sein würde.

Wir ließen das Boot also stromabwärts treiben und gingen die Treppe hinauf, bis ich gerade über mir einen Mann sich räuspern hörte. Ich wandte mich rasch nach Denny um, um von ihm zu erfahren, ob wir ruhig weitersteigen könnten, obwohl wir bald gesehen werden mußten, doch er packte mich hastig am Arm – die Macht, die er hier zu haben behauptet hatte, erstreckte sich demnach offenbar nicht bis auf den Räusperer da oben.

Ich muß gestehen, daß mir bei dieser Erkenntnis einigermaßen ungemütlich zumute wurde, meine Beklemmung aber wuchs, als jetzt ein kleines Motorboot den Fluß herabgebraust kam, dessen Scheinwerfer das Ufer absuchte. Der grelle Lichtschein fuhr gerade über unsere Gesichter – ich wartete atemlos, denn meiner Meinung nach mußten die Leute in dem Boot oder die Leute über uns – der Räusperer war nämlich nicht allein, denn ich hörte jetzt, wie er mit jemandem sprach – uns gesehen haben.

Das war jedoch ein Irrtum, zum mindesten, soweit es die Bootsinsassen betraf, denn sie fuhren weiter, und ihr Scheinwerfer säbelte andere Garten- und Uferteile aus der Finsternis heraus – offenbar hatten sie uns, da wir unbeweglich stehengeblieben waren, für die Kollegen der weiter oben befindlichen Wächter gehalten.

Und diese selbst?

Sie hatten augenscheinlich nur auf das Boot und den spielenden Scheinwerfer geblickt, nicht aber auf uns, denn jetzt sagte der eine:

»Siehst du, daß ich recht gehabt habe – es war der Señor.«

»Um Gottes willen, sei still!«

»Sei doch nicht so jämmerlich feige – außerdem, wer soll uns denn hier hören?«

»Das kann man nie wissen, er hat überall seine Spione.«

»Der Teufel mag ihn holen mit all seinen Kreaturen!«

»Das wünsch' ich ihm ja auch, aber sag' so was bloß nicht so laut!«

»Ich möchte nur wissen, wen sie wieder haben abschlachten wollen in ihrem verdammten Schlachthaus da oben.«

»Meinst du denn, daß die Schüsse von dorther gekommen sind?« fragte der vorsichtigere.

»Na klar – offenbar ist ihnen einer durch die Lappen gegangen wie damals der arme Grieche, der vom Haus des Señors auf den Marktplatz gerannt ist und Volk und Polizei um Hilfe bat. Damals hat kein Mensch eine Hand gerührt, so daß der schwarze Oberst ihn ganz allein festnehmen konnte – ihr seid schon eine elend feige Bande in eurem San Clemente hier, daß ihr euch von einem Landesfremden so tyrannisieren laßt!«

»Du wirst dich noch mal um Kopf und Kragen reden«, erwiderte der andere, und dann stampften beide langsam davon.

*

»Vorwärts jetzt!« flüsterte der Kleine, ging an mir vorbei und die Treppe hinauf, die oben durch ein spitziges Gitter abgeschlossen war, über das wir uns gegenseitig hinüberhalfen.

Ich hätte gar zu gern gewußt, woher Denny dieses Grundstück kannte und was er eigentlich vorhatte aber mir das auseinanderzusetzen, war natürlich im Augenblick nicht die Zeit.

Wir befanden uns in einem Garten, der bedeutend gepflegter und darum auch übersichtlicher war als der des Señors, und da der Mond noch immer schien, mußten wir uns aus einer Deckung vorsichtig in die nächste vorwärtsschleichen. Mir kam es begreiflicherweise darauf an, wenigstens in großen Zügen über Dennys Absichten Klarheit zu haben, und darum fragte ich flüsternd:

»Wo sind wir hier eigentlich?«

»Bei den Alvarados.«

»Was – bei der Verlobten des Señors?«

»Gewiß.«

»Bist du wahnsinnig geworden, Kleiner?«

»Im Gegenteil – wir müssen sie heute nacht noch entführen.«

»Du, höre mal, ich bin wahrhaftig nicht zu Scherzen aufgelegt.«

»Es ist auch keiner. Sie will ihn nicht heiraten, muß es aber, wenn sie hierbleibt – folglich entführen wir sie.«

Mit einer wunderbaren Selbstverständlichkeit sagte er das und kroch weiter, um mir jede Widerrede abzuschneiden. Ihn im Stich lassen konnte ich natürlich nicht, aber mir war ganz wirbelig im Kopf über diese neue Tollheit, als ich ihm folgte.

Wir schoben uns durch die blühende Hecke am Drei-Grazien-Teich, und hier blieb der Kleine plötzlich stehen, sah sich um und seufzte tief, wenn auch durchaus nicht schmerzlich. Da ich die Erinnerungen, die sich für ihn an diesen Ort knüpften, noch nicht kannte, sagte ich ihm, daß meiner Ansicht nach der Augenblick für Kunstbetrachtungen denkbar ungünstig gewählt sei, da sich zum mindesten zwei Wächter im Garten befänden, denen es ein Vergnügen sein würde, auf uns zu schießen oder uns ein Messer in den Leib zu rennen.

Er sah mich halb traurig, halb lächelnd an.

»Lieber Joe – diesmal gewinnen wir«, sagte er.

»Höchstens einen schnellen Tod und nicht einmal einen Platz im Irrenhaus, den wir eigentlich verdient haben«, erwiderte ich.

Meine trübe Voraussage machte nicht den geringsten Eindruck auf ihn, er war seiner Sache vielmehr so sicher, daß er jetzt sogar ganz ruhig und offen auf dem Weg weiterschritt, dessen Kies unter seinen Füßen knirschte. Ich riß ihn auf den Rasen zurück, gab ihm einen Tritt in die Kniekehlen, daß er niedersank, und duckte mich selbst schnell hinter den gleichen Rosenstrauch, denn ich hatte die beiden Wächter auf uns zukommen sehen.

Keine fünf Schritte vor uns blieben sie stehen und sahen sich um.

»Ich hab' aber bestimmt was gehört!« sagte der eine.

»Du denkst wohl, dich lieb Kind beim Señor machen zu können?« erwiderte der andere spöttisch. »Bild' dir aber nur ja nicht ein, daß die Leute, die er fassen will, dir den Gefallen tun werden, ausgerechnet hier bei uns Zuflucht zu suchen.«

»Ich hab' aber doch Schritte gehört«, verharrte der erste, nahm seine Schrotflinte vom Rücken und ging geradeswegs auf unser Versteck zu.

Meine Arm- und Beinmuskeln fingen an zu zittern, denn ich war drauf und dran, ihn trotz seiner gefährlichen Waffe anzuspringen, doch da machte er glücklicherweise kehrt, ging zu seinem Kameraden, der ihn spöttisch auslachte, zurück und mit diesem zusammen davon. Ihre beiden Rücken waren mir im Augenblick ein schönerer Anblick als der prächtigste Sonnenuntergang oder das herrlichste Gemälde.

»Hast du noch nicht genug?« fragte ich den Kleinen, da er sich erhoben hatte und in der Richtung auf das Haus weiter wollte.

»Du hast doch eben gesehen, daß wir Glück haben«, erwiderte er.

Was sollte ich tun?

Ich kam mir vor, als ob ich an einem Kometenschweif festgebunden wäre – ich, den Denny MacMore bis jetzt widerspruchslos als seinen Führer anerkannt hatte, war mit einemmal der Geführte!

Wir schlichen uns also weiter bis in die Nähe des Hauses, wo Denny unter einem dicken Baum stehenblieb und nach einem offenen Fenster hinaufstarrte. Ehe ich ihn daran zu hindern vermochte, legte er die Hände trichterförmig an den Mund und stieß einen langgezogenen Ton aus, der den Schrei einer Eule nachahmen sollte, – das heißt, kaum ein Kind hätte sich durch ihn täuschen lassen, geschweige denn ein erwachsener Mensch.

Ich packte den Kleinen an der Schulter und schüttelte ihm fast die Seele aus dem Leib.

»Bist du vollkommen wahnsinnig geworden?« flüsterte ich. »Willst du ihr vielleicht noch ein Ständchen bringen?«

In diesem Augenblick erschien eine weiße Gestalt an dem dunklen Fenster, der Kleine trat unbekümmert in den Mondschein hinaus, und ich hörte eine gedämpfte Frauenstimme, die vor Erregung zitterte, ihn fragen, wie die Sache ausgegangen wäre.

»Ich habe versucht, ihm Vernunft zuzureden, aber es war alles umsonst«, erwiderte Denny ebenso gedämpft. »Er will dich unbedingt haben und hat einen Preis auf meine Ergreifung, ob lebend oder tot, ausgesetzt, weil ich mich dieser Heirat widersetzt habe – du mußt mit mir San Clemente verlassen, Carmel, es bleibt dir nichts übrig.«

»Um Gottes willen, man wird dich hören und sehen, Denny!« sagte sie.

Na also, dachte ich, sie duzen sich schon – die Sache scheint ja richtig zu sein.

Sie lehnte sich so weit zum Fenster hinaus, daß ich sie sehen konnte, und da wurde ich mir meiner Häßlichkeit und meines gebrochenen Nasenbeins so deutlich bewußt, als hätte ich in einen Spiegel geblickt. Ich schaute von ihr zu Denny hinüber, begriff, daß zwei so auffallend schöne Menschen mit unwiderstehlicher Gewalt zueinander hingezogen werden mußten, und da – beschloß ich, ihnen unbedingt zu helfen.

Der Kleine war näher an das Haus herangetreten und sagte eindringlich:

»Ich bleibe hier stehen, bis du herunterkommst, ich spreche zu dir, und wenn das ganze Haus geweckt wird! Du hast nicht das Recht, dich selbst unglücklich zu machen, und unglücklich wirst du unweigerlich an seiner Seite.«

»Wir kommen aber niemals aus San Clemente heraus«, erwiderte sie, »begreif doch, daß ich für dich bange! Wer ist denn da bei dir?«

»Joe Warder, der beste Freund, den ein Mensch je gehabt hat ... Carmel, warum zögerst du noch? Hast du Angst, dich uns anzuvertrauen?«

»Nein, nein – aber der Señor –«

»Den haben wir schon einmal geschlagen und werden es wieder tun«, unterbrach er sie. »Oder ist es am Ende der Reichtum, das große Haus, das du führst, was dich zurückhält?«

Ich hörte, wie sie seufzte, offenbar war sie noch unentschlossen, aber dann machte sie eine rasche Handbewegung und verschwand vom Fenster.

Denny kam taumelnd zu mir – er erinnerte tatsächlich an einen Trunkenen. Ich war froh, daß ich ihm nicht Vernunft zu predigen brauchte, und sagte darum nur:

»Du siehst, Frauen behalten selbst in solchen Augenblicken einen kühleren Kopf als wir. Nun aber schnell – was wollen wir anfangen?«

»Wir warten selbstverständlich auf sie«, antwortete er, »sie wird gleich herunterkommen.«

»Ja, Menschenskind, glaubst du denn wirklich, daß sie Heimat und Familie verlassen wird, um mit dir ins ungewisse zu ziehen?«

Der Kleine sah mich verdutzt an, dann lächelte er mitleidig.

»Mein armer Joe«, sagte er, »man merkt, daß du noch nie erfahren hast, was eine liebende Frau vermag.«

Kein Wunder – bei meinem gebrochenen Nasenbein!

*

Es dauerte gar nicht lange, da trat die berühmte Schönheit von San Clemente tatsächlich aus dem Haus und kam, sich scheu nach allen Seiten umblickend und die dunklen Stellen als Deckung benutzend, auf uns zu. Mein erster Eindruck war eine Enttäuschung – ich hatte sie mir größer vorgestellt.

Ich erwartete, Denny würde ihr entgegeneilen, aber der konnte sich offenbar nicht bewegen, er zitterte und starrte sie an wie ein Mondsüchtiger – es blieb mir also nichts übrig, als sie selbst zu begrüßen.

Donnerwetter ja, schön war dies liebliche Gesichtchen, aber im Augenblick hätte kein Mensch in ihr die vielumworbene, stolze Dame und reiche Erbin vermutet – wie ein verschüchtertes Kind stand sie da.

»Ich heiße Joe Warder«, stellte ich mich ihr vor, »und wenn Sie wirklich Ihr Heim verlassen und meinem Freund Denny folgen wollen, dann, bitte, verfügen Sie über mich.«

Daß es ihre feste Absicht war, mit uns zu kommen, hatte ich schon gemerkt, denn sie hatte in aller Eile einen Reitanzug angezogen.

Sie erwiderte verwirrt ein paar zusammenhanglose Worte, die ich nicht verstand und die wohl auch nicht viel besagt haben werden, und starrte dabei unverwandt nach Denny hinüber – offenbar war sie ebenso erregt wie er. Ich nahm sie also kurzentschlossen an der Hand und führte sie zu ihm in den Baumschatten – hätte ich das nicht getan, stünden wir wahrscheinlich heute noch dort.

Das kann ja gut werden, dachte ich mir dabei. Mit zwei zeitweilig Verrückten zu versuchen, heil aus San Clemente herauszukommen, war entschieden ein Wagnis, das mir selbst das Recht nahm, mich für ein vernünftiges Wesen zu halten.

Zunächst sah die Geschichte denn auch sehr bedenklich aus – die beiden Verliebten schwatzten und stammelten Unsinn, daß mir ganz angst und bange wurde. Doch nachdem sich der erste Sturm gelegt hatte, wurde die Carmelita sehr bedacht und sachlich, und sie war es auch schließlich, die aus dem wirren Hin und Her der rasch geflüsterten Fluchtpläne einen Ausweg fand. Ich hatte vorgeschlagen, uns irgendwie Pferde zu verschaffen, sie aber erklärte:

»Es gibt nur eine Möglichkeit, die einigermaßen Aussicht auf Erfolg hat: wir müssen den Fluß benutzen.«

Das leuchtete mir sofort ein, denn wenn der Fluß auch sicher genau so bewacht wurde, wie jeder andere Ausgang aus der Stadt, lagen die Bedingungen auf dem Wasser entschieden günstiger als auf den Landstraßen.

Denny jammerte, er hätte leider das Boot, das uns hergebracht, treiben lassen, doch sie beruhigte ihn, in dem Bootshaus unten lägen noch mehr, von denen eins allerdings erst zu Wasser gebracht werden müsse. Da dies immerhin zeitraubend sein würde, drängte ich zum Aufbruch, und so machten wir uns auf den Weg nach dem Ufer.

Die beiden schritten voran, das Mondlicht lag schimmernd auf ihren bloßen Köpfen – es war schon ein herrlicher Anblick, dieses schöne, von Gott und der Natur füreinander bestimmte Paar zu betrachten – wenn man nur nicht immer an die drohende Gefahr hätte denken müssen!

In der Nähe der Ufermauer mußten wir haltmachen und uns im Gebüsch verstecken, denn dort standen die beiden Wächter über die Brüstung gebeugt und starrten in den Fluß hinab. Während ich noch überlegte, was zu tun sei, kamen Schritte die Treppe herauf, ein Mann erschien und sagte den Wächtern, er käme vom Señor, sie sollten gut aufpassen, denn zwei große Verbrecher, Ausländer, seien ausgebrochen und schienen sich irgendwo in der Nähe verborgen zu halten – auf die Ergreifung jedes von beiden, ob lebend oder tot, sei eine Belohnung von zehntausend Pesos ausgesetzt.

»Hier sind sie leider nicht gewesen«, erwiderte der eine Wächter, »aber wenn sie noch herfinden sollten – ein solches Vermögen verdienen wir uns gern.«

»Was ist denn eigentlich losgewesen?« fragte der andere, der dem Señor besonders feindlich Gesinnte. »Du siehst ja ganz abgerackert aus, Mensch – komm mit in unsere Bude, trink ein Glas Wein und erhol dich erst mal ein bißchen.«

Der Bote ließ sich nicht lange bitten, nahm die freundliche Einladung an, und alle drei gingen davon.

»Das erspart uns viel Zeit und Arbeit«, sagte die Carmelita, als sie verschwunden waren, »denn natürlich liegt ein Boot unten am Steg.«

Auch daß die Pforte, die die Wächter dem Boten aufgeschlossen hatten, offenstand, war sehr günstig für uns, und so konnten wir ohne jeden weiteren Aufenthalt die Treppe hinuntereilen.

Es war ein langer, schmaler Nachen, ähnlich einem Kanu, den wir vorfanden – die beiden hockten sich auf den Boden nieder, ich nahm die Riemen und ruderte mit raschen Schlägen stromaufwärts. Die Freude an der körperlichen Bewegung schwellte mein Herz, gierig atmeten meine Lungen die kühle Luft, wir hatten Rückenwind, der die Kraft der Gegenströmung zum Teil aufhob, und kamen darum ziemlich schnell vorwärts.

Wir überholten bald mehrere kleine Schaluppen mit stumpfem Bug, die Gemüse nach San Clemente auf den Markt brachten. Ihre Segel waren vom Winde gebläht, und da wurde der Wunsch in mir wach, auch so einen Lappen zu haben, der uns treiben könne, denn schon fingen meine Arme, einer derartigen Arbeit gänzlich ungewohnt, zu schmerzen an. Stromabwärts aber durften wir nicht fahren, denn selbstverständlich würden die Leute des Señors annehmen, daß wir in dieser für uns bequemeren Richtung durchzubrechen versuchen würden, so daß stromaufwärts die Bewachung sicher weniger streng durchgeführt wurde.

Bereits nach wenigen Minuten mußte ich den Kleinen bitten, mich abzulösen – ich kauerte mich auf den Boden nieder, da ich es für besser hielt, wenn nur ein Mensch in dem Kahn zu sehen war. Denny machte die Sache kunstgerechter, er strengte sich sichtlich nicht halb so an wie ich, und trotzdem kamen wir bedeutend schneller vorwärts.

Als wir unter der Brücke hindurchschossen, fuhr gerade ein schwerer Wagen darüber, so daß der Staub durch die Ritzen der Bohlen auf uns niederprasselte – Vorübergehende bemerkten das und lachten laut darüber.

Die Häuser von San Clemente flogen eins nach dem anderen vorüber, wir hielten uns dicht am linken Ufer, wo wir im Schatten der Bäume am sichersten waren.

Da ich merkte, daß der Kleine zu ermüden anfing, löste ich ihn wieder ab – er wollte anfangs nichts davon wissen, sah aber ein, daß ich recht hatte, wenn ich sagte, daß unter Umständen unser aller Leben davon abhängen könne, daß er im gegebenen Augenblick nicht erschöpft und ausgepumpt sei.

Bis jetzt war uns noch kein stromabwärts fahrendes Schiff begegnet, von den drei Gemüsebooten aber, die wir gleich zu Anfang überholt hatten, hatte eins mächtig aufgeholt, während die beiden anderen weit zurücklagen. Dies eine schob sich immer näher an uns heran, so daß ich schon das dumpfe Anprallen der Wellen gegen seinen Bug und das Knarren seines Tauwerks am Mast hören konnte. Die Mannschaft bestand aus zwei Leuten, einem älteren Mann an der Ruderpinne, und einem Jungen, der vorn an der Fock stand und die Befehle, die ihm der Steuermann ab und zu mit heiserer Stimme zurief, an den Segelleinen ausführte, selbst aber niemals ein Wort sprach.

Da mich Arme und Schultern schon wieder entsetzlich schmerzten, lehnte ich mich nach vorn über und sagte zum Kleinen:

»Weißt du was? Wir werden einfach an Bord des Seglers dort gehen.«

»Menschenskind, wir haben doch keine Waffen!« erwiderte Denny.

»Erlaube mal, wir haben jeder ein Ruder«, entgegnete ich, »du übernimmst den Jungen vorn, und ich werd' mir den Alten achtern kaufen.«

Er sah wohl ein, daß wir unendlich mehr Aussichten hatten, der Aufmerksamkeit etwaiger Wächter, die sicher über kurz oder lang auftauchen mußten, zu entgehen, wenn wir uns des Gemüsekahns bemächtigten, als wenn wir in dem offenen Ruderboot blieben, und so nahm er ohne weiteres meinen Vorschlag an. Die Carmelita schien allerdings eine Einwendung machen zu wollen, denn sie hob den Kopf und setzte zum Sprechen an, besann sich dann aber wieder anders und lehnte sich schweigend zurück.

Ich lenkte das Boot also mehr in die Mitte des Stromes, genau in die Fahrrinne, die der Gemüsekahn wegen seines größeren Tiefganges innehielt.

»He, aufgepaßt«, rief der Steuermann, »schert euch fort, sonst ramm' ich euch!«

Da hatte ich offenbar keine sehr glückliche Wahl getroffen, denn das klang verdammt unfreundlich und entschlossen, außerdem hatte der gute Mann, wie ich jetzt sehen konnte, ein paar mächtige Schultern und einen Brustkasten, der nichts zu wünschen übrig ließ.

»Ich werde jetzt genau auf den Kahn zufahren«, sagte ich leise zu dem Kleinen, der dicht vor meinen Füßen kauerte. »Sie, Carmelita –«

Ich brach ab, denn es kam mir doch ein bißchen unpassend vor, einer so vornehmen Dame so formlos Verhaltungsmaßregeln zu geben, aber sie forderte mich liebenswürdig auf, ihr nur zu sagen, was sie tun solle, sie werde sich bemühen, alles so auszuführen, wie ich es wünsche.

»Schön, dann ergreifen Sie also eins der herabhängenden Taue oder, wenn er nicht zu hoch ist, den Bordrand des Schiffes und klettern Sie hinauf, wenn wir beide das Deck gesäubert haben. Sollten wir aber, was ich nicht hoffe, geschlagen werden, dann lassen Sie sich mit dem Boot stromabwärts treiben, dann kann Ihnen nicht viel geschehen.«

Sie nickte – wie ein guter Soldat erhob sie im Augenblick, da die Schlacht losgehen sollte, keine überflüssige Frage.

Ich drehte also unseren Nachen und trieb ihn so schnell gegen die Breitseite des Gemüsekahns, daß wir um ein Haar kenterten.

»Ihr Esel! ... Könnt ihr denn nicht aufpassen, ihr Schafsköpfe?« brüllte der Steuermann.

Aber schon waren wir an Bord seines Kahns – ich lief auf ihn zu nach dem Achterdeck, während der Kleine nach vorn rannte, wo der Junge stand.

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