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Der Schneidermeister Nepomuk Schlägel...

Christian Friedrich Hebbel: Der Schneidermeister Nepomuk Schlägel... - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDas Diogenes Lesebuch klassischer deutscher Erzähler III
authorFriedrich Hebbel
year1980
publisherDiogenes Verlag
addressZürich
isbn3-257-20669-0
titleDer Schneidermeister Nepomuk Schlägel...
pages66-75
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1847
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Friedrich Hebbel

Der Schneidermeister Nepomuk Schlägel auf der Freudenjagd

(1847)

Wenn dir, lieber Leser, in der Augustinergasse der Stadt München um die Zeit, wo ein ordnungsliebender Bürger ins Bierhaus zu gehen pflegt, nämlich in der Winterabenddämmerung zwischen vier und fünf Uhr, ein Mann von untersetzter Statur begegnen sollte, an dem dir ein ungewöhnlich großer Mund mit trefflichem Gebiß und ein plötzliches Stehenbleiben nebst der damit verbundenen scharfen Musterung deiner Rückseite auffällt, so fürchte nur nicht etwa, daß es ein Gauner sei, dem dein sorgloses Schlendern böse Gedanken einflößte; es ist kein anderer als der ehrsame Schneidermeister Nepomuk Schlägel, der in dem Albrecht-Dürer-Hause zu Nürnberg geboren und erzogen, aber noch nie, sei es auch nur für eine Nacht, auf die Wache gesetzt, geschweige in ein Gefängnis gebracht wurde, und bloß um sich zu ärgern, bloß um sich zu sagen: was sind das Stiefel! welch ein Rock gegen den deinigen, Nepomuk, und ein silberner Knopf auf dem Stock! schenkt er dir seine Aufmerksamkeit. Langsam schreitet er die Straße entlang, und sein spürender Blick weiß an jedem Vorübergehenden einen Vorzug aufzufinden, der ihm die Galle rege macht; an dem alten Bettler dort, der sich ermüdet an die Ecke lehnt, wird ihm die blautuchene Hose, die dem fast Erstarrten zu Mittag ein mitleidiger Student zuwarf, gewiß nicht entgehen, wohl aber, daß sie einige Löcher hat; der Stelzfuß selbst, der eben pfeifend vorüberstapft, gibt ihm zu einem Fluch Grund genug, denn er denkt: es wäre die Frage, ob du ein hölzernes Bein bezahlen könntest, wenn du wie der da das fleischerne einbüßtest. Als er einmal vom Lande einen Dieb einbringen sah, verdroß es ihn sehr, daß der kränkliche Mensch, den der Arzt für den Fußtransport zu schwach befunden hatte, auf einen Leiterwagen gepackt war, und er fragte einen Bekannten giftig, ob er glaube, daß man ihn in gleicher Lage ähnlich behandeln würde; ich würde es für ein Wunder halten, wenn ihm nicht selbst der Raubmörder, der kürzlich durch Vermittlung des Scharfrichters das Zeitliche mit dem Ewigen gesegnete, durch irgend etwas zum Murren über die Ungerechtigkeit und Stiefmütterlichkeit des Glücks gegen ihn, den vernachlässigten, immer hintangesetzten Schneidermeister, Anlaß gegeben hätte. Eben begegnet ihm sein einziger Kunde, der Unteroffizier, dem er zuweilen die Zivilhose flickt, weil keiner seiner Kollegen sich aus gerechtem Kleidermacherstolz damit befassen will. Nepomuk grüßt ihn, aber unmöglich könnte ein Prinz von Geblüt den kahlen Hut des Schneidermeisters mit größerem Abscheu berühren als der Schneidermeister selbst, er scheint ihn nur abzuziehen und zu schwenken, um ihn von sich zu schleudern. Jetzt tritt er in einen Bäckerladen, nicht um Brot einzukaufen – Geld hat er nicht –, sondern weil er gehört hat, die reiche Tante des Bäckers, den er noch von seinen Gesellenjahren her kennt, sei gestorben und habe dem Manne ihr Vermögen hinterlassen; nun will er kondolieren und gratulieren und hofft dabei zu erfahren, daß alles, zum wenigsten das Beste, nämlich die Erbschaft, erstunken und erlogen sei. Bettelkinder könnt er durchprügeln, weil sie ihn nicht anbetteln; woher weiß das Gesindel – denkt er – daß ich ein Lump bin; könnte ich nicht auch ein Sonderling sein, ein Engländer, der sich aus Grillenhaftigkeit in nichtswürdige Kleider steckt? »Was hat der Kerl für Schultern und Fäuste«, ruft er aus, indem er in die laute, vom Steinkohlenfeuer lustig und hell erleuchtete Werkstatt eines Schmiedes hineinlauscht und auf den riesenhaften Gesellen, der eben den schweren Hammer schwingt, grollende Blicke wirft, »ich glaube, er könnte den Amboß zerschmettern wie Glas, wenn er wollte. Aus dir, Nepomuk, hätte nie ein tüchtiger Schmied werden können, denn du bist aus Lappen zusammengepfuscht; pfui über die Wirtschaft!« Dem liebenden Paare, das, innig in sein süßes Geschwätz verloren, vorüberschleicht, folgt er auf dem Fuß, nicht aus Neugier oder um es zu stören, sondern um sich bei Laternenlicht aus des Mädchens Gesicht die Impertinenz zu abstrahieren, mit der sie ihn würde ablaufen lassen, falls er sich zum Seladon antrüge; daß ich längst ein Weib habe, denkt er, sieht mir keine an, aber wohl, daß ich häßlich bin wie die Nacht. »Jung freilich, aber jungfräulich?« ruft er dann und schießt vorbei. Einer alten Frau, die die Gosse zur rechten Hand hat, rennt er gegen den knöchernen Arm, damit sie ihm seine krummen Säbelbeine und den Ansatz zum Höcker vorwerfe oder doch wenigstens, falls sie wider sein Vermuten nicht zu dem streitbaren Korps gehört, das bei Tage Äpfel oder Fische feilbietet, seine Tölpelhaftigkeit. Wenn der Pudel, der, auf seiner Abendpromenade begriffen, eben, ein Bild der personifizierten Zufriedenheit, die Straße herunterkommt, dem Schneidermeister nicht beizeiten ausweicht, so versetzt er ihm gewiß einen derben Stoß mit dem Fuße, denn das wohlbeleibte Tier ist Schlägel, dem nichts der Art entgeht, schon eine Minute lang ein Dorn im Auge. Solch eine Kreatur – denkt er – die die Garderobe mit auf die Welt bringt, frißt und säuft und macht sich Pläsier und krepiert zuletzt ohne Qual und Krankenbett. Der Pudel stiehlt sich, geschickt und hurtig am herausgerückten Tisch in einer offenen Metzgerbude aufspringend, eine Groschenwurst; »heda, halt!« ruft Nepomuk, »diebische Hunde«, brummt er dann mit einem Ingrimm, als ob er selbst bestohlen wäre, »sollten so gut aufgeknöpft werden wie Menschen, die das siebente Gebot nicht respektieren; warum haben sie mehr Recht zu einer schlechten Aufführung wie ich?« Dem Fleischer, der gerade, die messingne Brille auf der Nase, in der »Bayrischen Landbötin« liest, ist das crimen entgangen: Nepomuk macht ihm schleunige Mitteilung und lächelt, da jener verdrießlich die Nachtmütze ins Gesicht schiebt und einen Fluch ausstößt, an diesem Abend zum erstenmal. »Das Kind hat die Wassersucht!« sagt er zu einer Magd, die einen blassen, weinerlichen, in dicke Tücher eingewickelten Knaben über die Straße trägt, »schützt der Doktor noch immer ein heilbares Übel vor? Drei Brüder verlor ich daran!« – »Also der ist richtig davongekommen!« ruft er aus und biegt, um seinem ehemaligen Schulkameraden, dem schon aus der Ferne gutmütig mit der Hand grüßenden Seifensieder, nicht zu begegnen, in ein Nebengäßchen ab – ja, das sag ich ja nur, der Kerl, so schmächtig er scheint, ist aus Eisen gegossen, jeder andere, zum Beispiel ich, erliegt hitzigen Gallenfiebern, wenn sie ihn packen, ihn ficht's nicht an, er darf schon wieder in der Abendluft herumlaufen, obgleich sie wahrlich rauh und kalt ist; nun, ich will mich nicht erbosen, wenn ich mich auch nicht darüber freuen kann, daß der einzige Zeuge meines ersten und letzten Tuchdiebstahls, denn an die Wiederholung ist nicht zu denken, da niemand etwas Neues bei mir machen läßt, just ein Katzenleben hat! – Es ist ihm völlig recht, daß der rußige Schornsteinfeger mit seinen weißen Augen, der gerade, die lange schmutzige Leiter unterm Arm und den Kehrbesen in der Hand, aus einem Winkel hervortritt, ihm im engen Gäßchen beim besten Willen nicht auszuweichen vermag. Verfluchter Kittel – denkt er und wirft auf seinen Rock einen schnöden Seitenblick -, dir geschieht, was dir gebührt! Einem weinenden blondhaarigen Mädchen von sieben Jahren, das den Sechsbätzner, wofür es das Nachtbier holen sollte, verloren hat und sich nicht zum jähzornigen Vater zurückgetraut, gibt er statt der Münze, die das Kind für die Erzählung seiner Jammergeschichte erwartete, den Rat, ein andermal die Hand fester zuzuhalten und sich nicht wieder am Juwelierladen durch Betrachtung der blitzenden Goldsachen und Edelsteine zu zerstreuen; er möchte des Strafamts wegen wohl auf eine Viertelstunde Vater zum Mädchen sein. Einige Wonne würd er spüren, wenn einmal plötzlich unter seinen Augen ein großes Verbrechen – ein Totschlag wäre groß genug – begangen würde, er müßte aber zu spät kommen, um die Tat zu verhüten, und früh genug, um den Missetäter der Gendarmerie zu überantworten. So war, da einst in einem Dorf, wo er übernachtete, Feuer ausbrach, niemand geschäftiger, schrecklichen, d. h. erschreckenden, Lärm zu machen und die Sturmglocke zu läuten als Nepomuk, nachdem er sich vorher überzeugt hatte, daß das Löschen bei dem starken Winde und der Gebrechlichkeit der Spritzen unmöglich sei. Ebenso ist er jeden Sonnabend der erste, der der alten, halbblinden Tischlerswitwe, die neben ihm in einem elenden Dachkämmerlein wohnt und leidenschaftlich in der Zahlenlotterie spielt, weil sie Sarg und Leichenhemd gern herausbringen möchte, mit zuvorkommender Dienstfertigkeit es anzeigt, daß ihre Nummern wieder ausgeblieben sind. Die schöne Militärmusik beim Aufziehen der Hauptwache am Schrannenplatz ergötzt ihn zuweilen sehr, aber nur dann, wenn es grimmig kalt ist oder viel Schnee fällt, so daß den Spielleuten die Finger erstarren; jetzt – denkt er – wissen sie doch, wofür der König sie löhnt. An Theaterabenden versäumt er selten, sich vor dem Schauspielhause einzufinden. Es verdrießt ihn, daß das Haus nie bei einer Oper, wie es doch in anderen Städten schon geschah, in Flammen aufgeht, denn das wäre ein Schauspiel, das in seinen Augen jedes sonstige überträfe, und ein römisch-unentgeltliches obendrein. Auch ist es ihm nicht angenehm, daß so selten Ohnmächtige oder Epileptische herausgebracht werden. Doch entschädigt ihn manches, z. B. an einer Equipage junge, hitzige Pferde, die der Haber so sticht, daß sie nicht stehen oder gar durchgehen wollen, während die Herrschaft aussteigt; ein plötzlicher Regenguß, der Damen, die das Parapluie vergaßen, bis auf die Haut einnäßt; auch wohl ein leichtfüßiger Elegant, der die Stufen gar zu schnell und gar zu anmutig hinaufhüpfen will, weil die artige Cousine seine Grazie bewundern soll, und der dabei schmählich ausglitscht. Wenig beneidet er übrigens Standespersonen, die ins Schauspiel fahren, namentlich durchaus nicht den Hof, aus demselben Grunde, warum er dem Vogel seine Flügel und dem Himmel seine Sterne nicht mißgönnt, dagegen ergrimmt er gegen alles, was Parterre und Galerie füllt, denn – sagt er – da hinein gehörte ich so gut wie andere, wenn's in der Welt nicht so liederlich herginge. Von Mitleid empfindet er eigentlich so viel wie gar nichts, wenn ein armes Riegelhäubchen, dem der Geliebte, ein Maler und Anstreicher, für den »Freischütz« ein Billett geschenkt hat, den kahlen Strickbeutel beim Eintritt ins Haus umsonst darnach durchsucht und zuletzt mit Entsetzen entdeckt, daß die Schatullenmäuse aus Hunger oder Langeweile ein Loch hineingefressen haben. Es empört ihn, daß Theaterbediente unsterblich sind, wie er sich hyperbolisch ausdrückt; der Wanst da mit der roten Nase, der an der Kasse sitzt – sagt er – wird wie ein Schwein mir vor den Augen von Tag zu Tag fetter, und doch verschluckt er mehr Zugluft als die Flöhe in meinem Ärmel! Wenn junge Herren, die nur ins Theater eintreten, um es in einer Szene, die alles spannt, mit Geräusch wieder zu verlassen, anbettelnden Gassenbuben die Kontermarke verweigern, weil sie sich keine geben ließen, so vergnügt's ihn einigermaßen. Ließe sich bei der Aufmerksamkeit des zahlreichen Aufsichtspersonals an ein Einschleichen nur irgend denken, so hätte Nepomuk es längst versucht, nicht, um sich an Schiller oder Kotzebue zu delektieren – er verlacht beide und das Publikum, das sich durch sie täuschen läßt, obendrein –, sondern um sich zu sagen: also die kleine geschminkte Wachspuppe da ist Mamsell die und die, die dafür, daß sie hopst oder das Gesicht verzieht und sich stellt, als ob sie weinte, dreitausend Gulden einstreicht, und der zum Barbier herausstaffierte Narr ist Herr der und der, dem man seine Triller und Läufer, seit ihm viertausend nicht mehr genug sind, mit sechstausend bezahlt! Festtage sind wahre Leckertage für ihn. Am heiligen Weihnachtsabend kann er sich's nicht versagen, stundenlang Gasse nach Gasse die freundliche, im Glanz der menschlich- und göttlich-schönsten Jahresfeier schimmernde Stadt, der Gustav Adolf einst Räder wünschte, um sie nach Schweden hinüberschaffen zu können, zu durchstreifen. Dann ergeht er sich in erheiternden Phantasien, denkt zuweilen: wie wär's, wenn jener Läufer dich suchte, weil er dich in die Residenz zur Tafel bitten soll, schämt sich aber bald des materiellen Gelüstes und malt sich's aus, wie es den Konditor, an dessen prangendem Laden ihn eben sein Weg vorbeiführt, überraschen würde, wenn er ihm plötzlich die Fenster einwürfe; wär ich der Teufel, denkt er, so macht ich mir doch den Spaß, in jedem Hause, sowie man sich zum Schmarotzen niedersetzte, die Lichter auszublasen und den Tisch umzustoßen, oder ich verwandelte auch den Wein in ein abführendes Dekokt und den Braten in unverdauliches Sohlleder; ja daraus, daß so etwas nie geschieht, schließt er fast, daß es gar keinen Teufel gibt. Neujahrs ermuntert er mutwillige junge Leute eifrigst zum Freudenschießen, teils weil es von der Polizei verboten ist, teils weil es den unvorsichtigen Schützen oft die Hand kostet oder doch einen Finger. Am Oktoberfest hält er sich am liebsten in der Nähe des sogenannten Rettungszelts für Verunglückende auf, hat aber selten die Satisfaktion, einen Erquetschten, vom Pferde Gestürzten oder sonst Beschädigten hineinbringen zu sehen, und schimpft darum das ganze Fest eine Lumperei. Am Tage Allerseelen besucht er das Grab seines Vaters, nicht um daran zu beten oder es gar zu bekränzen, sondern um daran zu fluchen und es dem Toten vorzuwerfen, daß er ihm nichts hinterlassen hat. Wer weiß – denkt er – wie weit die Macht der Toten geht und ob sie einem nicht Schätze anzeigen oder Glücksnummern eingeben können! Fleißigst besucht er die Kirchen und macht, da alle ihn auf gleiche Weise erbauen, keinen Unterschied zwischen protestantischen und katholischen. Da hocken sie alle – murrt er, indem er die vollen Sitzbänke und Betstühle mustert – dickbäuchig und mit strotzenden Vollmondgesichtern gleich gemästeten Hühnern auf der Latte; da stammeln sie wie Gäste, die vom Schmaus aufstehen, fürs genossene Gute den Dank heraus und bitten um ferneres gütiges Gedenken; da gehen sie selbstzufrieden und zuversichtlich davon und sind sicher, nicht wie ich, der Schneidermeister, vergessen zu werden! »Vater unser, gib ihr doch« – er faßt, während er dies sagt, ein tief in Gebet und Gebetbuch versunkenes schönes Mädchen mit auf die Seite geneigtem, gesund-blassem Madonnengesicht ins Auge – »gib ihr doch, was sie verlangt, gib ihr den Geliebten, und dann gib ihr auch etwas, was sie nicht verlangt!« Zuweilen geht er bei sich selbst zu Gast und beneidet sich, seiner früheren Jahre wegen. Da ich ein Knabe war – denkt er – und es nicht zu schätzen wußte, mangelte mir's an nichts; meine Hemden mußten immer etwas feiner sein als die der Nachbarskinder, kein Sonntagmorgen ging vorüber, wo ich nicht mit Lebkuchen vor die Tür oder ans Fenster treten und auf die rothaarichte Böttchertochter, die ihre trockene Semmel verzehrte, stolz herabschauen konnte, und wenn mir die Mittagskost nicht behagte, so buk die Mutter mir heimlich einen leckeren Pfannkuchen. Wurde nicht damals mein Geburtstag so gut gefeiert wie der des Königs und gab's dann nicht Gänse, mit Äpfeln und Rosinen gefüllt und mit herrlicher brauner Soße übergossen? O verflucht und dreimal verflucht sei jene Zeit! Hätt ich solche Gänse nie gefressen, so würde mir jetzt nicht das Maul darnach wässern! Bier- und Speisehäuser sind Bet-, d. h. Fluchhäuser für ihn; seine nah an den Atheismus streifende Überzeugung von der gebrechlichen Einrichtung der Welt hat er in dieser trüben Atmosphäre und im eigentlichsten Verstande aus Bierkrügen, aus solchen nämlich, die er nicht stürzen durfte, geschöpft. Was muß er aber auch nicht alles aushalten, ehe er nur dazu kommt, seine Andacht zu verrichten! Für dich, lieber Leser, der du, die Abendpfeife oder die Zigarre im Munde und das bare blanke Geld im Sack, dich nach einem Gespräch und einer Zeitung oder nach reelleren Dingen sehnst, ist der Eintritt in ein Wirtshaus freilich kein Heldenstück. Du gehst einem wahren Bombardement von Genüssen entgegen; devote Bücklinge, die dich an der Tür empfangen; interessante Neuigkeiten, die gerade, wie du eintrittst, erzählt werden; ein Herzensfreund, den du erst in acht Tagen von seiner Reise zurückerwarten durftest und der deiner mit Ungeduld harrt; ein anderer, der dir noch vor einer Stunde sagte, er könne den Akten heute gewiß keinen Augenblick abmüßigen, und der nun doch lächelnd hinter dem Tisch sitzt; dies und wieviel mehr noch verwirrt dir den Kopf und stürzt dich mitten in jenen süßen Taumel hinein, in dem alle Wollustknospen der Sinne und des Herzens aufbrechen, und bloß zur Erinnerung an die Unvollkommenheit alles Irdischen mischt sich der kleine Verdruß darunter, daß heute abend jeder Braten, nur kein Rehbraten, auf den du dich doch gerade gespitzt hattest, auf der Speisekarte paradiert. Wie anders verhält es sich mit Nepomuk! Es steckt etwas Rätselhaftes in einem Wirt. Er trieft von Artigkeit, wenn er von Schweiß trieft; quäle ihn bis aufs Blut, laß ihn hundert Dinge aus allen Ecken und Winkeln seines Hauses herbeischleppen, finde nichts gut genug, sondern verlange immerfort das Bessere und das Beste: ihm dünkt's nicht unverschämt, er wird nicht verdrießlich, er lächelt dazu, seine Heiterkeit steigt mit seiner Mühe, und er kreiert dich, ohne Pfalzgraf zu sein, zum Baron, zum Grafen, zu allem, was du nicht bist. Wehe aber stillen, genugsamen Leuten wie Nepomuk, die sich, mit einem Trunk Luft zufrieden, so gut oder so schlecht sie zu haben ist, bescheiden in eine Ecke drücken und sich ein Gewissen daraus machen, ihn oder den Kellner zu plagen. Sie sind ihm in tiefster Seele zuwider, und er hat des kein Hehl; da er sie durch Blicke nicht vergiften kann, so sucht er sie dadurch zu vertreiben, und die Römerseele, die dies Kleingewehrfeuer erträgt, halte darum den Sieg nur nicht für schon entschieden, sondern bereite sich auf die schnödeste Kriegslist vor, denn die Niederlage beugt den Feind nicht, sie macht ihn grimmig und tückisch. Wer hat dies schmerzlicher erfahren als der Schneidermeister Nepomuk Schlägel! Er hielt, man muß es sagen, im Stachus-Garten aus, was Menschen aushalten können. Augen, aus denen die ganze Hölle flammte; schnödes Einpalisadieren mit leeren Krügen und Flaschen; verachtungsvolles Wegnehmen des Lichts von dem Tisch, an dem er, in fast kindlicher Unbefangenheit mit seinem Hut spielend, einsam saß; sogar ein Tritt des groben Aufwärters auf seine Leichdornen, dem keine Bitte um Entschuldigung folgte – standhaft ertrug und verbiß er alles, wie jener Holländer die Greuel der Französischen Revolution, und tröstete sich wie dieser: es hat ein Ende, und jeden Abend lebt ich noch, wenn ich zu Bett ging. Was half's? Einmal war er kaum eingetreten, da setzte der Wirt gräßlich-freundlich in eigner Person einen übermächtigen Braten samt Zubehör und zwei helle Festkerzen vor ihn hin und sah dann mit inhaltschwerem Gesicht auf seine Tasche. Als er den Mann gutmütig aufmerksam machte, er habe nichts bestellt, fuhr der Grobian ihn an, das wisse er wohl, und eben darum solle er sich zum Teufel scheren, er habe noch nie etwas bestellt. Seitdem schleicht er sich ins Wirtshaus wie eine Maus sich in die Speisekammer. Wenn's nur glücken will, mischt er sich als einzelnen bittren Tropfen in eine Welle willkommner Gäste, die hineinströmt. Geht das nicht, so gibt er sich beim Eintritt das Ansehen, als ob er jemanden suche, frägt auch wohl nach einem Herrn mit metallenen Knöpfen auf'm Rock oder mit rotem Schnurrbart und schlüpft dann mit der Geschwindigkeit einer Eidechse in den dunkelsten Winkel. Wahrlich, Nepomuk, wer dich so mit unendlicher Geschicklichkeit das Kunststück, dich in einer räucherigen Wirtshausecke unterzubringen, ausführen sieht, der ahnt nicht, daß es bloß darum geschieht, damit du jedem Gast die Bissen in den Mund zählen und dich dabei der kalten Kartoffeln, die dich zu Hause erwarten, mit Zähneknirschen erinnern kannst. Und wird dir, wenn du's aufrichtig bedenkst, etwas anderes zuteil? Ein zerbrochenes Glas kann dich wenig trösten, denn selten oder nie trifft das Unglück einen, der den letzten Heller schon ausgegeben hat und es nicht bezahlen kann; geschäh's aber auch einmal, so würde es dir zu nichts als zu der Überzeugung verhelfen, daß es, dich ausgenommen, niemandem bei Wirtsleuten an Kredit fehlt. Prügeleien entstehen freilich beim Bier ebensooft als ewige Freundschaften, aber wen verdrießt denn ein Faustschlag, da er zwei zurückgeben darf, wer macht sich viel aus einer geplatschten Nase, wenn er zu seiner Satisfaktion das abgerissene Ohr des Gegners in der Hand behielt? Im trunkenen Zustande wird allerdings manches ausgeschwatzt, was besser verschwiegen bliebe, aber ist jemals in deiner Anwesenheit von einer längst vergessenen Mordtat oder einer Brandstiftung etwas zum Vorschein gekommen, und was hattest du also von deiner Nüchternheit, deinem Aufhorchen? Das Bierhaus ist unstreitig der Boden, wo Wassersuchten und andere Todkrankheiten lustig wie Pilze zu Dutzenden aufschießen; ist aber, frage dich einmal, deine Phantasie flügelkräftig genug, dir, wenn du irgendeinen Hansohnesorgen frisch und wohlgemut das sechste Glas hinunterstürzen und das siebente fordern siehst, flink als niederschlagendes Pulver das Krankenbett vorzuführen, wo ihm ein Arzt kopfschüttelnd das Bier als Wasser wieder abzapft und im stillen das Leben abspricht? Nichts bleibt dir als das wohltuende Gefühl glücklich überwundener Hindernisse und der Triumph, doch auch da zu sein, nichts als der leidige Trost, daß, sowie die Polizeistunde eintritt, jeder fortgewiesen wird gleich dir und daß dann dir das Gehen besser fleckt als den meisten. Und nun zu Hause! Freilich sollst du aus dem Munde deiner Frau noch die erste Klage über die bittre Armut hören, die sie mit dir teilen muß; sie wartet geduldig auf dich in der ungeheizten Kammer, solange du auch ausbleiben magst, sie geht, wenn du endlich mit leeren Händen kommst, hungrig zu Bette, wie sie hungrig aufgestanden ist, und beschwert sich mit keinem Wort über ihr Schicksal. Aber nie wirst du sie dahin bringen, daß sie sich ihre schönen schwarzen Haare abschneiden läßt, und da du, seit dein Nachbar, der Friseur, dir zwei Kronentaler dafür bot, keinen Gedanken mehr spinnst, der nicht an diese Haare geknöpft wäre, so hast du ebensoviel Qual und Pein von ihr, als wenn sie tobte und lärmte. Umsonst ziehst du sie schmeichelnd auf deinen Schoß, nennst sie dein Täubchen und frägst sie, indem du ihre Locken kosend durch die Finger gleiten lässest, ob sie dich glücklich machen will; umsonst suchst du sie durch den Triumphzug von gebratenen Gänsen, dampfenden Nudeln und schäumenden Bierkrügen, den du mit dichterischer Glut und Kraft vor ihre Phantasie heraufbeschwörst, zu betäuben, um dann gleich einem Stoßvogel die Bemerkung: und das alles kann man für zwei Kronentaler haben! hintendrein fliegen zu lassen; umsonst machst du's ihr plausibel, daß man ohne langes Haar leben kann, aber nicht ohne Geld. Sie erwidert sanft, aber bestimmt: im Sarg magst du mich scheren, früher nicht! und da sich, wie du versucht hast, im Schlaf nichts bei ihr ausrichten läßt, so wirst du durch dieses Hauskreuz vielleicht dein ganzes Leben lang für die Freuden, die du dir auf der Straße erjagst, den Zoll abtragen müssen. Und ist's denn so ganz ungerecht?








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